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Die Schöne und das Biest - 30 Jahre später,  Kapitel 1 + 2

GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Catherine Chandler Jamie Joe Maxwell Mouse OC (Own Character) Vincent
09.10.2019
09.12.2019
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Die Rückkehr


Lasst uns nicht lieben
mit Worten noch mit der Zunge,
sondern in Tat und Wahrheit

Der erste Brief des Johannes 3, 18



New York (Friedhof); Jake (Jacob) Chandler und Vincent

Es war ein trüber Tag gewesen. Dumpf legte sich die Dunkelheit über die Stadt. Jake war seit den frühen Morgenstunden auf den Beinen. Erst am Nachmittag war seine Maschine aus Washington kommend gelandet. Jetzt hatte sich die Dunkelheit gesenkt. Fein und lautlos. Manhattans pulsierender Takt lag hinter ihm. Der Ort, an dem er sich befand, war menschenleer. Seine Schritte verlangsamten sich unwillkürlich, je mehr er seinem Ziel näher kam. Dunkelheit, Stille und seine Schritte. Wie oft war er diesen Weg schon gegangen? Meistens in der Dunkelheit. Er kannte ihn im Schlaf. Vor dem Grab blieb er stehen. Nachdenklich und ernst blickte er auf die Säule, die sich am Ende der Grabfläche erhob.

 „Hallo Mom“, sagte er leise. Mehr nicht. Er ließ die Stille in sich hinein und hoffte, er würde einmal etwas hören in dieser Stille. Doch nichts.

Ein lautloser Schatten glitt neben ihn. Vereint mit ihm in dieser Stille. Jake musste den Kopf nicht heben, um zu wissen, wer neben ihm stand. Zu zweit standen sie und blickten auf das Grab. Der Schatten neben ihm löste sich und schritt zu der Marmorsäule. Lautlos beugte er sich hinab und legte eine rote Rose an den Fuß der Säule. Dann kam der Schatten zu ihm zurück, nahm die Kapuze seines Umhangs ab und nahm ihn in die Arme.

Jake ließ sich in die vertraute Umarmung sinken. „Hallo Pa“, sagte er leise.

 „Willkommen zu Hause, mein Junge“, erwiderte Vincent mit rauer Stimme.


New York; die Tunnel; Jake (Jacob) und Vincent

Sie schritten gemächlich durch die Tunnel.
 „Wie lange bleibst du?“ fragte Vincent mit seiner rauen, tiefen Stimme.
 „Das weiß ich noch nicht“, antwortete sein Sohn.
 „Also bist du nicht nur gekommen, um uns zu besuchen“, stellte Vincent fest.
Jake wusste, dass es nichts nutzte, seinem Vater etwas vorzumachen. „Ich muss hier in New York Ermittlungen durchführen.“
 „Hm.“
Langsam kamen sie zu den inneren Kammern. Das Klopfen auf den Rohren war zu hören.
 „Was gibt es Neues“, versuchte Jake abzulenken.
 „Lucas und Debbie haben geheiratet. Debbie erwartet ein Kind.“
 „Dann bleiben die beiden hier unten?“ hakte Jake nach. Debbie war mal in ihn verknallt gewesen. Das war so lange her.
 „Ja.“
 „Und Mouse und Jamie? Was ist mit Pascal? Ist er in seinem Alter noch immer nicht von den Rohren weg zu bekommen?“
Vincent blieb abrupt stehen. „Warum fragst du sie nicht selbst?“ Nachdenklich sah er seinen Sohn an.
Jake blieb stumm. Er wusste selbst, dass er viel zu selten kam. Er suchte selten das alte Leben auf. Die Welt oben hatte ihn absorbiert. Er hatte einen Job, der ihn einnahm und dem er sich aus vielerlei Gründen verpflichtet fühlte. „Okay. Es tut mir leid. Ich weiß, ich habe mich zu lange nicht mehr blicken lassen.“
 „Niemand macht dir das zum Vorwurf“, antwortete Vincent mit seiner ruhigen Stimme. „Außer du selbst.“
Jake wusste, dass sein Vater Recht hatte. Seitdem er die Tunnel verlassen hatte, kämpfte er gegen sein Gewissen. Ein Gewissen, das ihn einerseits trieb, etwas zu tun für sein Land und andererseits mahnte, was sein Vater für ihn getan hatte. Sein Vater konnte nur in den Tunneln leben. Er selbst hatte die ganze Welt, von der er schon das eine oder andere gesehen hatte. Ja, die Welt oben hatte ihre ganz eigene Anziehungskraft und verführte zum Vergessen.

Vincent wusste das, und doch hatte er seinen Sohn nie aufgehalten oder ihn zu irgendetwas gedrängt. Jake musste seinen eigenen Weg gehen. Sie erreichten Vincents Kammer und setzten sich. Jake sah sich um und spürte ein Urvertrauen in all die gewohnten Dinge, die sich nie veränderten. Die Einrichtung, das illuminierte Fenster, durch das ein warmes Licht schien. Alles war so wie immer. Nur die Anzahl der Bücher schien stetig anzuwachsen und die Regale zum Bersten zu bringen.

 „Erzähl mir, was dich nach New York führt?“

 „Das FBI ermittelt in einem Fall von Kunstfälschungen. Ich treffe morgen den  Leiter des Museums of Modern Art.“

Vincent nickte bedächtig. „Hm.“ Er fragte nicht mehr, ob es gefährlich werden konnte. Er wusste, dass Jake sich als FBI-Agent ständig in Gefahr brachte. Das hatte er gewusst, seit sein Sohn sich entschlossen hatte, nach oben zu gehen und Polizist zu werden. Angetrieben von dem Wunsch nach Gerechtigkeit und im Andenken an Diana Bennett, die so viel für ihn getan hatte. Vincent wusste, dass Jacob seine eigenen Gründe gehabt hatte. Der Tod Dianas, aber auch das Andenken an seine Mutter. Catherine. Alleine ihr Name verursachte noch immer dieses schmerzvolle und gleichzeitig süße Ziehen in der Brust. Zeit ist nichts, dachte Vincent. Dreißig Jahre sind nichts.

 „Ich denke, es ist eher ein harmloser Fall von gefälschten Bildern“, erzählte Jake indessen weiter. „Ich weiß nicht mal, ob ich hier irgendetwas herausfinde.“

 „Und wie geht es dir sonst?“

Jake zögerte. Was sollte er seinem Vater von der Welt oben erzählen?

 „Gibt es eine Frau in deinem Leben?“

Es gab viele Frauen oben und hin und wieder auch für ihn. Doch das wollte er Vincent nicht erzählen, für den es nur die eine Liebe gegeben hatte und immer geben würde. Schweigen breitete sich aus, was Vincent Antwort genug war. Die Welt dort oben hatte ihn von seinem Sohn entfremdet, und beide schienen in den wenigen Momenten, wenn Jake ihn besuchte, außerstande, diese Kluft zu überbrücken.

 „Spürst du immer noch den unbekannten Herzschlag einer Frau in dir?“ Nachdenklich und auch ein wenig fordernd blickte Vincent Jacob an, der zunächst schwieg. Dann nickte er. „Ja, ich habe immer noch das Gefühl, als wäre da jemand weit entfernt.“ Nachdenklich schüttelte er den Kopf. „Das ist verrückt. Jedenfalls habe ich noch keine Frau kennengelernt, die dieses Gefühl in irgendeiner Art und Weise beeinflusst hätte.“

Irgendwann als Jake erwachsen geworden war, hatte es angefangen. Dieses Gefühl. Oder er war sich zu jener Zeit erst dessen bewusst geworden. Als wäre er verbunden mit jemandem weit entfernt. Sein Vater hatte ihm von dem Band erzählt, dass ihn und seine Mutter verbunden hatte und dessen Verlust ihr schließlich das Leben gekostet hatte.

 „Vielleicht ist es auch die ganze Zeit nur Einbildung“, versuchte er das Thema abzutun.

 „Das war es bei mir und deiner Mutter nie“, erwiderte Vincent. „So wie du es mir geschildert hast, ist es dasselbe starke Gefühl, wie ich es bei deiner Mutter erlebt habe.“

 „Aber du hattest es erst, nachdem ihr euch kennengelernt habt. Ich habe es seit wer weiß wie lange ich denken kann, und kein bestimmtes Erlebnis und keine bestimmte Person haben es ausgelöst.“

 „Vielleicht irgendwann“, meinte Vincent.

Jake unterbrach ihn. „Du meinst, irgendwann stehe ich plötzlich vor der Frau, deren Herzschlag ich die ganze Zeit spüre und finde die Liebe meines Lebens so wie es bei dir und Mom war? Pa, ich kenne die Welt da draußen inzwischen besser, als mir manchmal lieb ist. Glaub mir, für so etwas ist dort kein Platz. Alles ist flüchtig und belanglos.“ Abrupt hörte er auf zu sprechen in dem Wissen, seinem Vater zu viel preisgegeben zu haben.

Der schwieg zunächst. „Jacob“, sagte er, „es muss einen Grund geben für das, was du in dir spürst. Du trägst diese Gabe in dir und ich weiß, was es bedeuten kann. Ich bin mir sicher, eines Tages wirst du es wissen. Es hat einen Grund.“ Eindringlich sah er seinen Sohn an.


New York; Museum of Modern Art; Jake (Jacob) Chandler, Simon Mallory (Leiter des Museums); Joe Maxwell

Jake dachte am nächsten Tag noch an das Gespräch mit seinem Vater. Er hatte die Nacht in den Tunneln verbracht, und das vertraute Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit hatte ihn erfüllt. Doch nun war er zurück in der oberen Welt. Um 11 Uhr traf er sich mit dem Leiter des Museums of Modern Art, Simon Mallory. Den Termin hatte er bereits von Washington aus vereinbart. Dennoch ließ ihn die Sekretärin warten.

 „Entschuldigen Sie bitte, Mr. Chandler. Mr. Mallory hat kurzfristig Besuch bekommen, der nicht angemeldet war.“

Jake nickte und übte sich in Geduld. Er wartete im Vorzimmer, beobachtete die Sekretärin bei der Arbeit, die hauptsächlich aus dem Abwimmeln von Telefonaten bestand. Seine feinen Sinne nahmen die Umgebung auf und auch die dumpfen Stimmen, die sich hinter der Tür des Büros von Simon Mallory erhoben. Abrupt öffnete sich die Tür und ein großer Mann mit grauen Haaren trat heraus.

 „Sind Sie Jacob Chandler vom FBI?“

Jake erhob sich und ließ sich seine Überraschung nicht anmerken. Schließlich hatte er einen Termin. Er nickte kurz.

 „Kommen Sie herein. Vielleicht können Sie Mr. Maxwell klar machen, dass das FBI jetzt die Fäden in die Hand genommen hat.“

Jake trat in das große, geräumige Büro. Die Fenster gaben einen weiten Blick auf den Central Park frei. An einer Sitzgruppe sah er einen älteren Mann im Anzug mit schlohweißen Haaren unruhig auf und ab gehen.

 „Darf ich die Herren miteinander bekannt machen“, übernahm Simon Mallory die Gesprächsführung. Er deutete auf den Älteren: „Joe Maxwell, Bezirksstaatsanwalt von New York. Jacob Chandler vom FBI aus Washington.“

Der Ältere runzelte kurz die Stirn. „Chandler, sagten Sie?“

Jake nickte nur und reichte Joe Maxwell die Hand. Er musste ruhig bleiben. Er wusste, wer Joe Maxwell war. Er hatte seine Mutter gekannt und mit ihr zusammen gearbeitet. Jake räusperte sich. „Ich komme vom FBI wegen der gefälschten Kunstwerke, die aufgetaucht sind.“

 „Mr. Mallory sagte es mir bereits. Ich verstehe nur nicht, warum sich das FBI einmischt. Der Staat New York ist zuständig und eigentlich sollte es keine große Sache sein.“ Selbstbewusst und bestimmend klang Joe Maxwells Stimme. Eindringlich musterte er Jake.

Jake ermahnte sich, ruhig zu bleiben bei der Musterung. Joe Maxwell konnte nicht im Geringsten ahnen, wer er war, auch wenn er den Namen seiner Mutter trug. Er räusperte sich kurz: „Wir haben Grund zu der Annahme, dass die Kunstfälschungen im großen Stil organisiert betrieben werden über die Grenzen von New York hinaus.“

 „Haben Sie dafür Beweise?“ fragte Joe Maxwell.

 „Es sind gefälschte Plastiken in Washington aufgetaucht. Zurzeit nehmen unsere Mitarbeiter Kontakt zu anderen bedeutenden Museen weltweit auf, um eventuelle Unregelmäßigkeiten aufzudecken. Ich bin hier, um herauszufinden, welche Kunstwerke hier gefälscht wurden und ob es ein Muster gibt. Sie wissen schon, ob der oder die Fälscher Werke bestimmter Künstler fälschen.“

 „Na, das ist in diesem Fall recht einfach“, mischte sich Simon Mallory ein. „Alle fünf gefälschten Werke sind von einem Künstler namens Kristopher Gentian.“

 „Hey, seien Sie nicht so vorschnell mit Informationen“, versuchte der Staatsanwalt ihn zu bremsen.

Jake runzelte irritiert die Stirn. Er kannte den Namen des Künstlers und er kannte ein Werk von ihm, das sonst niemand kannte. Er musste sein wachsendes Unbehagen abschütteln. „Hat es mit diesem Kristopher Gentian irgendetwas auf sich?“ fragte er möglichst unbefangen nach.

Simon Mallory sah fragend zu Joe Maxwell hinüber. Der gab sich geschlagen. „Gut, erzählen Sie ihm, was sie wissen.“

 „Kristopher Gentian ist seit über 30 Jahren tot. Er wurde erst nach seinen Tod entdeckt. Seitdem steigen die Preise für seine Werke stetig an. Inzwischen sind sie eine richtige Wertanlage.“

 „Und wer befindet sich im Besitz der Werke, insbesondere der, die dann gefälscht wurden?“

 „Da gibt es verschiedene wohlhabende Bürger. Anwälte, Verleger, Politiker. Ich kann Ihnen eine Aufstellung der Leute mitgeben, die ich kenne“, gab Simon Mallory bereitwillig zu.

 „Gut.“

Das Klingeln eines Handys unterbrach das Gespräch. Joe Maxwell griff sich unruhig in die Innentasche seiner Jacke. „Entschuldigen Sie bitte.“ Er drehte sich mit dem Rücken zu den beiden anderen. „Joe Maxwell. Anna? Ja, was ist? Ich bin noch bei Simon Mallory. Was ist denn? Ich hatte doch gesagt, dass Sie die Termine verlegen sollen.“ Schweigen.

Die beiden anderen Männer schwiegen ebenfalls. Verstohlen musterte Jake Joe Maxwell. Der Mann, der mit seiner Mutter zusammen gearbeitet hatte. Er kannte ihn nicht, er wusste nur, dass er seiner Mutter ein guter Freund und Vorgesetzter gewesen war. Das hatten ihm sein Vater und Diana erzählt.

 „Was?“ schrie Maxwell plötzlich in den Hörer.

Jake wurde aus seinen Gedanken gerissen. Der Staatsanwalt war schneeweiß im Gesicht, was ihn zusammen mit seinen weißen Haaren wie eine Leiche aussehen ließ. „Das kann nicht sein.“ Seine Stimme klang jetzt heiser. „Anna, ich bin auf dem Weg. Wir müssen sofort eine einstweilige Verfügung erlassen.“ Er beendete das Gespräch und wandte sich den beiden anderen Männern zu. „Ich muss dringend weg. Also gut, wenn das FBI die Sache verfolgt, dann sage ich meinen Leuten Bescheid, dass Sie Ihnen alles zur Verfügung stellen sollen“, meinte er an Jake gewandt. „Vielleicht können Sie noch später bei uns im Büro vorbei kommen und die Sachen durchgehen, Mr. Chandler.“ Irritiert zog Joe Maxwell erneut die Stirn kraus, als erinnere der Name ihn an etwas.

 „Sicher“, meinte Jake und fühlte sich einmal mehr unbehaglich unter dem durchdringenden Blick Maxwells.



Eine Stunde später verließ Jake das Büro von Simon Mallory. In der Tasche hatte er eine Aufstellung sämtlicher Werke Kristopher Gentians. Er musste mit seinem Vater sprechen. Das Aufeinandertreffen mit der Vergangenheit seiner Mutter beunruhigte ihn sehr. Dies entwickelte sich nicht zu einem normalen Fall, das spürte er instinktiv. Irgendetwas schien ihn unaufhaltsam einzuholen.


New York; in den Tunneln; Jake (Jacob) und Vincent

Vincent erwartete ihn  im Tunnel am Central Park. Auch zwischen Vater und Sohn gab es ein unsichtbares Band. Ein Grund, weshalb Jake nicht mehr in New York lebte, da er sich von seinem Vater hatte lösen wollen.

 „Was ist los“, fragte Vincent. „So schnell hatte ich dich nicht wieder erwartet.“ Leise Ironie schwang in seinen Worten mit.

 „Ich habe heute Joe Maxwell getroffen“, fiel Jake mit der Tür ins Haus.

Sein Vater blieb ruhig.

 „Er ist natürlich über meinen Nachnamen gestolpert. Jedenfalls hatte ich das Gefühl.“

Vincent nickte ruhig. „Das ist verständlich.“

 „Mein Fall scheint auch komplizierter zu werden. Die hier aufgetauchten Fälschungen stammen von Werken von Kristopher Gentian.“

Jetzt bereitete sich deutliche Unruhe auf Vincents Gesicht aus. „Ist das sicher?“

 „Ja. Es handelt sich ausschließlich um Werke von Gentian. Pa, ich weiß, was dir das Bild von dir und Mom bedeutet und ich habe das Gefühl, als würde mich eine Vergangenheit überrollen, von der ich bislang nichts wusste.“

Nachdenklich sah Vincent ihn an. Dann schritt er einige Meter im Tunnel auf und ab. „Wir haben immer gedacht, dass es nichts ausmacht, wenn du in der Welt oben den Namen deiner Mutter annimmst. Niemand kann dich mit ihr in Verbindung bringen.“

 „Vielleicht messe ich dem auch eine zu große Bedeutung bei. Joe Maxwell erhielt einen Anruf und verließ das Museum ziemlich aufgebracht. Ich fahre morgen zum Büro der Staatsanwaltschaft, um Einblick in die Informationen zu bekommen, die dort zusammen getragen wurden. Ich glaube nicht, dass ich ihn da noch einmal sehe.“

 „Aber die Fälschungen“, wandte Vincent ein. „Deine Mutter hat damals dafür gesorgt, dass die Werke an die Öffentlichkeit kamen.“ Irgendetwas schien ihn jetzt ernsthaft zu beunruhigen. „Wer weiß von diesen Fälschungen?“

 „Nun, es gab schon einen Bericht in der Presse“, meinte Jake, „aber ich weiß nicht, ob der Name Kristopher Gentian da schon fiel. Pa, wer weiß um die Verbindung zwischen Mom und Kristopher Gentian?“

Nachdenklich hielt Vincent in seinen Schritten inne. „Joe Maxwell und ihre Freundin Jennifer Aronson.“

Nachdem Jake gegangen war, schritt Vincent ziellos durch die Tunnel und Gänge. Sein Gespür sagte ihm, dass etwas nicht stimmte. Als er zurück in seine Kammer kam, ging er zu der Ecke neben seinem Lager und räumte die Bücher beiseite, die sich dort auf dem Boden stapelten. Dahinter zog er ein mit Tuch umhülltes Bild hervor. Behutsam entfernte er das Tuch und wappnete sich innerlich gegen den Schmerz, der ihn jedes Mal beim Anblick des Gemäldes durchfuhr. Catherine und er vereint auf einem Bild, gemalt von einem Künstler, der zu jener Zeit vor dreißig Jahren bereits als tot galt. Die Entstehung dieses ganz speziellen Werkes war ihm und Catherine ein Rätsel geblieben. Ja, es tat weh, sie auf diesem Bild anzuschauen, war es doch nur ein Abbild und verriet so wenig darüber, wer sie wirklich gewesen war.

 „Catherine“, flüsterte er leise vor sich hin. Erinnerungen, die zu fernen Träumen verschwommen waren nach so vielen Jahren. Nur die Liebe in seinem Herzen blieb unabänderlich und Vincent wusste, dass sie für immer in ihm verwurzelt war bis in die Ewigkeit. Er starrte auf dieses Bild, das in ihm einen bittersüßen Schmerz auslöste, den er gleichzeitig fürchtete und herbeisehnte.


New York; Büros der Staatsanwaltschaft; Jake (Jacob) Chandler, Sandra Lockley

 „Hallo, mein Name ist Jacob Chandler. Ich soll hier die Unterlagen zu den gefälschten Kunstwerken bekommen.“ Ohne Umschweife ging Jake auf die Brünette zu und gab ihr die Hand.

 „Sandra Lockley. Ich habe schon gehört, dass sich das FBI weiter darum kümmern will.“

 „Das ist richtig.“ Jake beobachtete, wie sich Sandra Lockley wieder setzte, nachdem sie zur Begrüßung aufgestanden war. Sie schien es nicht eilig zu haben, ihm die Sachen zu geben. Stattdessen schloss sie erst einmal ein paar Fenster an ihrem Computer.

 „Habe ich Sie gestört?“ fragte Jake.

 „Nein. Eigentlich hatte es mit dem Fall zu tun.“ Aus ihrem Schreibtisch zog Sandra eine Aktenmappe. „Möchten Sie sich selbst ein Bild machen oder soll ich sie auf den Stand unserer Ermittlungen bringen?“ Provozierend sah sie ihn von unten an. Jake wusste, dass die örtlichen Behörden es nicht gern hatten, wenn ihnen das FBI die Fälle aus der Hand nahm.

 „Ich habe Zeit“, meinte er. „Sie können mich ruhig in die Details einweihen.“

 „Setzen Sie sich“, forderte Sandra ihn auf. Dann begann sie: „Alle fünf gefälschten Kunstwerke stammen von ein und demselben Künstler.“

Jake nickte.

Sie fuhr fort: „Zwei der Originale gehören einer Verlegerin, eines einem Politiker, zwei sind im Privatbesitz in England und Deutschland. Die Fälschungen sind zwar gut und aufwendig, wurden aber auf neuen Leinwänden gemalt. Wir haben herausgefunden, dass diese Leinwände in Deutschland hergestellt wurden. Die verwendeten Farben auch, was uns zu der Vermutung gebracht hat, dass die Bilder in Deutschland gefälscht und hierher nach New York gebracht wurden.“

 „Das ist doch schon eine Menge“, meinte Jake anerkennend.

 „Ja, aber dann fangen unsere Probleme an. Wir haben den Aussteller verhört, der versucht hat, die Werke unter der Hand zu verkaufen. Er sagte, er wäre davon ausgegangen, dass es sich um die Originale handelt, sozusagen um  noch unentdeckte Werke des Künstlers. Er hat sie von einem ausländischen Händler, dessen Namen er nicht kennt oder den er nicht preisgeben will.“

 „Und lässt sich über die Leinwand und die Farben noch irgendetwas herausfinden“, fragte Jake.

 „Sicher“, meinte Sandra, „aber wir sind noch nicht dazu gekommen, die deutschen Behörden zu kontaktieren. Die Sorte Leinwände werden in einer Firma in Berlin hergestellt. Vermutlich die Farben auch. Der direkteste Weg, etwas herauszufinden wäre, nach Deutschland zu fliegen und mit den Leuten dort zu sprechen.“

Jake nickte verstehend. Er musste mit seinem Boss sprechen. „Und das steht alles in den Unterlagen?“

 „Sicher.“ Sandra Lockley überreichte ihm die Mappe.

Jake verabschiedete sich von Sandra. Sie erhoben sich von den Stühlen an ihrem Schreibtisch inmitten des Großraumbüros, in dem Sandra ihren Platz hatte. Jake blickte durch den Raum und blieb an der Gestalt von Joe Maxwell hängen, den er durch ein breites Glasfenster getrennt aufgeregt in seinem Büro auf und ab gehen sah. „Ihr Boss scheint sehr aufgeregt zu sein.“

 „Ja. Sie wissen doch, als Bezirksstaatsanwalt ist die Zeit knapp, und irgendwie hat er mit der Städtischen Baubehörde Ärger.“

Jake hörte schon nicht mehr genau hin, während er die Unterlagen, die Sandra ihm überreicht hatte, zusammenpackte.

 „Es geht um Bauarbeiten am Friedhof. Dafür soll ein Teil der Gräber umgebettet werden“, plapperte Sandra weiter.

Plötzlich war Jake hellwach. „Welcher Friedhof?“ Er ahnte schon, dass ihm die Antwort nicht gefallen würde und wurde bestätigt.

 „Aber Maxwell hat eine einstweilige Verfügung gegen die Baugenehmigung erlassen. Es scheint, dass es für ihn etwas Persönliches ist. Ich weiß auch nicht.“ Sandra tat es mit einem Schulterzucken ab.

Jake bemühte sich, nicht zu neugierig zu wirken, konnte sich aber eine weitere Frage nicht verkneifen. „Um was für Bauarbeiten geht es denn? Wo sollen dort denn Gräber umgebettet werden?“

Jetzt sah ihn Sandra doch erstaunt an. „Hey, für jemanden aus Washington scheint Sie das sehr zu interessieren. Ich kann Ihnen da auch nichts Näheres zu sagen. Kaufen Sie sich die Zeitung. Da stand heute ein großer Bericht drin.“

Jake setzte eine unbeteiligte Miene auf und verabschiedete sich von Sandra. Vielleicht reagierte er nur über. Dennoch kaufte er sich draußen auf der Straße eine Zeitung, deren Bericht ihn nicht im Mindesten beruhigte. Im Gegenteil, seine schlimmsten Befürchtungen wurden bestätigt. Wie sollte er das seinem Vater beibringen?


New York; Jake (Jacob) Chandler, Gerry Fisher, Vincent

Zunächst musste Jake ein paar Telefonate führen. Er erreichte seinen Boss Gerry Fisher nicht sofort. In der Zwischenzeit sprach er mit ein paar Leuten, die ihm die Kontaktdaten in Berlin geben konnten. Natürlich hatte auch das FBI Leute in der deutschen Hauptstadt, die sich vor Ort umsehen konnten. Jetzt musste sein Boss entscheiden. Er erreichte ihn erst spät.

 „Ich bin dafür, dass Sie das in der Hand behalten, Chandler.“ Gerry wirkte, wie üblich, sehr bestimmend.

 „Ist das wirklich notwendig?“ wandte Jake ein. „Ich kann weder die Sprache besonders gut, noch kenne ich mich in Berlin aus. Da gibt es Leute von uns vor Ort, die das viel unauffälliger übernehmen können.“

 „Sie wissen jedoch ganz genau, worum es geht. Außerdem hatte ich vorhin auch noch ein Telefonat mit diesem Politiker, dessen Bild gefälscht wurde. Er will den Fall schnell geklärt haben, weil er sonst einen Wertverlust befürchtet, wenn sich herumspricht, dass in größerem Stil Bilder gefälscht werden. Übrigens soll es in Berlin eine Expertin geben, eine Amerikanerin, die sich mit Kunstwerken auskennt. Sie hilft unseren Museen und Behörden dabei, wenn es um den Austausch von Kunstwerken geht und kümmert sich um die rechtlichen Dinge dabei. Jessica Burton. Unsere Botschaft in Berlin wird Ihnen die Kontaktdaten geben können. Darüber wissen nur wenige Bescheid. Den Namen habe ich sozusagen unter der Hand im Vertrauen bekommen. Vielleicht kann Ihnen die Dame sogar noch mehr helfen, als einer unserer normalen Mitarbeiter.“

Jake war unbehaglich zumute. Er mochte jetzt nicht aus New York fort. Er hatte ein schlechtes Gefühl, aber das konnte er Gerry nicht sagen. „Ich soll also nach Berlin fliegen?“

 „Ja, sehen Sie zu, dass Sie noch einen Platz in der nächsten Maschine bekommen.“

Jake gab sich geschlagen. Es dauerte dann doch bis in den späten Abend hinein, bis er alles geregelt hatte. Sein Flug nach Deutschland ging früh am nächsten Morgen. Erneut suchte er innerhalb weniger Tage die Tunnel unterhalb der Stadt auf. Er kannte die Eingänge noch sehr gut, bis auf die Änderungen, die seit seinem Weggang vorgenommen worden waren. Regelmäßig änderten die Tunnelbewohner manche Wege und Eingänge, um ihre Sicherheit zu gewährleisten. In den vergangenen siebzehn Jahren war ohnehin viel verändert worden. Seit dem 11. September 2001. Das Datum war auch für die Menschen in den Tunneln ein besonderes und markierte einen Wendepunkt. Der Einsturz der beiden Türme des World Trade Centers hatte die Welt der Tunnel für immer verändert. Ein Teil der Kammern und Tunnel nahe an den Türmen waren eingestürzt. Menschen waren eingeschlossen gewesen und konnten nicht mehr rechtzeitig befreit werden. Jake schloss für einen Moment die Augen. Er konnte sich noch gut an das Entsetzen und Grauen erinnern, die er als Junge empfunden hatte. Tagelang, ja wochenlang hatten die Männer und Frauen unten gearbeitet und versucht, jeden Stein umzudrehen. Dennoch konnten manche nur noch tot geborgen werden und einige gar nicht mehr. Ein Teil der unterirdischen Welt war für immer verloren gegangen. Während er seinen Gedanken nachhing, erreichte Jake den Eingang an der 53. Straße und meldete sich durch Klopfen an den Rohren an.

Als er vor seinem Vater stand, fehlten ihm die Worte, doch die waren ohnehin nicht mehr nötig.

 „Ich muss morgen nach Deutschland fliegen.“

 „Deswegen bist du nicht gekommen“, erwiderte Vincent wissend.

 „Du weißt schon Bescheid?“

 „Das man das Grab deiner Mutter verlegen will? Ja.“ Vincent wirkte müde, wie Jake besorgt feststellte.

 „Wie geht es dir damit?“

Vincent begann unruhig auf und ab zu gehen. „Wie soll es mir dabei gehen? Ich werde es nicht verhindern können“, meinte er resigniert.

 „Die Staatsanwaltschaft hat eine einstweilige Verfügung gegen die Baugenehmigung erlassen. Das war wohl der Grund, warum Joe Maxwell gestern so aufgebracht war.“

Vincent runzelte die Stirn. „Es ging dabei um die Umbettung am Friedhof?“

 „Anscheinend. Irgendwie betrifft es ihn wohl persönlich. Jedenfalls versucht er alles in seiner Macht stehende zu tun, um das Ganze zu stoppen.“

 „Dann hoffen wir beide, dass es ihm gelingt.“

 „Pa“, Jake schluckte, „ich mache mir Sorgen um dich.“

Unwillig schüttelte Vincent den Kopf. „Auch wenn ich alt bin oder gerade weil ich alt bin, weiß ich, dass das Leben weitergeht. Wir werden es nicht aufhalten können.“ Da war wieder diese Spur von Resignation in der müden Stimme.

Besorgt verließ Jake die Tunnel. Er würde in einem Hotel in der Nähe vom Flughafen übernachten. Die letzten Jahre hatten ihn von seinem Vater und der Welt unten entfremdet. Doch er konnte und wollte sich nicht vorstellen, dass es in der Welt, in seiner Welt, seinen Vater nicht mehr geben könnte.

Auch während des Fluges nach Deutschland dachte Jake noch lange nach. Er hatte keine Lust, sich von irgendwelchen Unterhaltungsprogrammen oder Filmen über den Bildschirm berieseln zu lassen. Zu vieles war in den letzten Tagen passiert, mit dem er nicht gerechnet hatte. Vielleicht war es wirklich besser, sich auf den aktuellen Fall zu konzentrieren, weswegen er überhaupt nach Deutschland flog. Insoweit hatte sein Vater Recht. Sie konnten letztendlich nichts gegen die geplanten Baumaßnahmen machen. Wie lange die einstweilige Verfügung von Joe Maxwell wirklich Bestand haben würde, war mehr als fraglich. Normalerweise setzten sich das Geld und die wirtschaftlichen Interessen immer durch. Dagegen waren sie machtlos. Aber was mochte wohl Joe Maxwell antreiben?


Berlin; Jake (Jacob) Chandler, James Madison

In Berlin regnete es. Jake wurde am Flughafen von einem Mitarbeiter der amerikanischen Botschaft abgeholt und zu einem kleinen Hotel in der Innenstadt gebracht. Seinen Kontaktmann sollte er erst am nächsten Morgen treffen, wie ihm der Mitarbeiter der Botschaft mitteilte. Das schmeckte Jacob zwar nicht besonders, bedeutete es doch einen weiteren Zeitverlust, allerdings hatte er den Rückflug bewusst noch nicht gebucht, da er die Entwicklung der Ermittlungen abwarten wollte. Jake nahm die Eindrücke der fremden Stadt in sich auf. Berlin hatte nichts mit amerikanischen Großstädten gemein. Keine Skyline, stattdessen eine Art geruhsame Beschaulichkeit. Er war erst einmal für einen Tag beruflich hier gewesen und hatte sich dabei nur kurz das Brandenburger Tor ansehen können, an dem die Amerikanische Botschaft lag. Unruhig lief er im Zimmer auf und ab. Er fühlte sich seltsam ruhelos und beschloss, an diesem Abend noch auszugehen. Vielleicht fand er irgendwo noch einen Pub, wo er die Zeit verbringen konnte. Über den Fall hatte er schon im Flugzeug gründlich nachgedacht. Er wollte mit dem Kontaktmann vom FBI sprechen, eventuell die deutschen Behörden aufsuchen und vielleicht auch diese Firma, die die Leinwand und Farben herstellte, mit denen die Bilder gefälscht worden waren. Vielleicht konnte sein Kontaktmann auch etwas zu dieser Jessica Burton sagen, die laut seinem Boss hilfreich sein könnte. Er nahm seine Jacke und ging zunächst ziellos durch die Innenstadt. Dort fand er einen Irish Pub nahe des S-Bahnhofs Friedrichstraße direkt am Spreeufer. Hier schienen sich viele Touristen zu tummeln und es wurde Live-Musik gespielt. Jake trank zwei Bier. Die innere Unruhe blieb. Etwas stimmte ganz und gar nicht, ohne dass er es irgendwie fassen konnte. Hatte es mit den Dingen in New York zu tun? Er verließ den Pub und lief zurück zu seinem Hotel? In seinem Zimmer zog er sich nur die Schuhe aus und legte sich aufs Bett. Stille. Fern von der Straße unten vernahm er noch schwach den Verkehrslärm. Weiter entfernt heulten Sirenen. Die typischen Geräusche einer Großstadt. Ansonsten nur Stille. Dunkelheit. Und ein merkwürdiges Pochen. Fremd und irgendwie vertraut. Und sehr nah. Jake konzentrierte sich. Was war das? Es schien, als würden die Gefühle und Gedanken einer anderen Person von ihm Besitz ergreifen. Er spürte den pochenden Herzschlag, der nicht sein eigener war. Er fühlte eine eigenartige Nähe nach Vertrautheit. Ruhige Gedanken, Freundlichkeit. Und Liebe. Er konnte eine unendliche Liebe spüren. Und dann tiefe, endlose Traurigkeit, verbunden mit einem solchen Schmerz, dass er sich selbst benommen an die Brust griff, zugleich mit dem Bewusstsein, dass er gerade genau das erlebte, wovon ihm sein Vater immer erzählt hatte. Abrupt setzte Jake sich auf. Dieses Pochen hatte er immer nur weit entfernt wahrgenommen, jetzt war es nahe. Sehr nahe. Er hielt den Atem an, als ihm die Bedeutung bewusst wurde.

Er schlief schlecht in dieser Nacht. Um genau zu sein, so gut wie gar nicht. Gedanken zermarterten sein Gehirn. Und dieser Herzschlag pochte in ihm. Unablässig. So nah. Es hörte nicht auf und entfernte sich auch nicht. Er konnte seinen Vater jetzt nicht erreichen, um ihn um Rat zu fragen. Was sollte er ihn auch fragen? Ob es genauso zwischen ihm und seiner Mutter gewesen war? Es war so, das wusste er. Das war dieses tiefe Gefühl. Er war sich absolut sicher. Die Frage war, was er jetzt tun sollte.

James Madison holte ihn am nächsten Morgen im Hotel ab. „Mr. Chandler, ich bin James Madison, Agent im Außendienst in Berlin.“

Jake begrüßte den Kollegen mit Handschlag.

 „Wie war der Flug?“

 „Lang“, antwortete Jake einsilbig. Ihm war nicht nach dem Austausch von Belanglosigkeiten zumute. Er fühlte sich müde und zerschlagen. „Sind Sie bereits in die Einzelheiten des Falles eingeweiht?“

 „Es geht um Kunstfälschung, nicht wahr.“ Jetzt wirkte James Madison dienstbeflissen. Er war in Jakes Alter, etwas kleiner mit dunklem Haar und trug einen Anzug.

 „Ja, ich soll versuchen, hier an einige Informationen zu kommen.“

 „Wir haben die Adresse dieser Firma mit den Leinwänden und wir können ins Museum fahren, wo zur Zeit eines der Bilder von Kristopher Gentian ausgestellt wird, dass ebenfalls gefälscht wurde.“

 „Das wusste ich nicht“, erwiderte Jake. „Ich dachte, das würde sich im Privatbesitz befinden.“

 „Der Besitzer hat es für eine laufende Ausstellung zur Verfügung gestellt“, gab James Madison bereitwillig Auskunft. Sie standen noch immer in der Hotellobby, wo Madison Jake abgefangen hatte.

 „Okay“, meinte Jake, „dann lassen Sie uns starten.“

Sie verließen die Lobby und gingen zu einer dunklen VW-Limousine mit getönten Scheiben. Auffälliger ging es wohl auch nicht, dachte Jake bei sich. Madison kannte sich zumindest aus und fuhr sicher durch den dichten Stadtverkehr.

 „In New York gab man mir den Tipp, dass eine gewisse Jessica Burton helfen könnte. Eine US-Amerikanerin, die schon länger in der Stadt lebt.“

 „Jessica Burton?“

 „Ja.“

 „Hm“, meinte Madison, „soweit ich weiß, arbeitet sie hin und wieder für die Botschaft.“

 „Kennt sie sich im Kunstbereich aus?“

 „Keine Ahnung“, Madison zuckte mit den Schultern, „ich persönlich habe sie noch nie gesehen und weiß nicht, was sie wirklich tut. Aber ich kann mich gerne bei der Botschaft erkundigen.“

 „Ja, das wäre gut.“


Berlin; Jessica Burton

Der Wecker piepte laut und vernehmlich. Sie drehte  sich noch einmal um. Es war früher als sonst. Das lag an dem Termin, den sie heute Vormittag hatte. Normalerweise schlief sie aus, wenn sie konnte. Das heißt, wenn der Schlaf ihr gnädig war und sie einhüllte in Stunden des Vergessens, was nicht oft der Fall war. Beim zweiten Piepen stand sie dann doch auf. Das Pflichtbewusstsein natürlich. Schließlich brauchte sie inzwischen länger, um sich fertig zu machen. Zum Frühstück ein Toast und eine Tasse Kaffee. Manche Gewohnheiten änderten sich nicht. Noch ein kurzer Blick in den Spiegel, bevor sie ihre kleine Wohnung in Berlin Mitte verließ. Jessica Burton war mit ihrem Aussehen zufrieden. Eine dunkle Stoffhose, weiße Bluse und ein dunkelroter Blazer, dazu schwarze Pumps. Heute sollte es nicht regnen. Sie sah für ihr Alter immer noch gut aus. Sie schloss die Tür hinter sich und ging zum Fahrstuhl. Je nachdem wie pünktlich die S-Bahn heute fuhr, würde sie ihren Termin rechtzeitig schaffen. Über ihre Schulter trug sie eine große lederne Umhängetasche mit den Unterlagen zu dem Fall, an dem sie zurzeit arbeitete. Offiziell vermittelte sie bei Leihgaben von Kunstobjekten von Museen an andere Museen. Inoffiziell gehörte das Aufspüren verschwundener Kunstwerke zu ihrem Metier und war zu einer Lebensaufgabe geworden. Heute traf sie sich mit einem Informanten im Hamburger Bahnhof, wo die Werke zeitgenössischer Künstler ausgestellt wurden. Sie wusste nicht, ob das Treffen etwas bringen würde, es lohnte sich in jedem Fall, Kontakte aufzubauen und zu halten, auf die man im Fall des Falles zurückgreifen konnte. Zum Glück lief alles reibungslos und sie erreichte das Museum pünktlich.


Berlin; Jacob Chandler; James Madison

Gegen Mittag fühlte sich Jacob zunehmend genervt. James Madison hatte ihn zu der Firma gefahren, die die Leinwände herstellte. Sie lag im Ostteil Berlins auf einem alten Betriebsgelände, das zum Teil verfiel. Einige Büro- und Lagerhallen befanden sich in einem abrissreifen Zustand und waren durch Zäune abgesperrt. Andere Gebäudeteile waren mal mehr, mal weniger hergerichtet und renoviert worden und wurden von Firmen belegt. Das ganze Gelände machte einen verwahrlosten Eindruck. Jake konnte sich gut vorstellen, dass der Ort auch nachts ein guter Anlaufpunkt für illegale Aktivitäten war. Es dauerte endlos, bis sie auf dem riesigen Areal die Firma gefunden hatten, die nur durch ein kleines Schild neben dem Eingang ihre Anwesenheit verriet. Eine Klingel gab es nicht. ‚Zimmermann‘ stand auf einem Schild. Nichts sonst. Da auch sonst niemand zu sehen war, betraten die beiden Männer kurzentschlossen das Gebäude durch eine eiserne Tür, die jedes Eintreten mit einem langen vernehmlichen Quietschen meldete. Sie standen in einem Flur mit vergilbten Wänden und einem schäbigen beigefarbenen Linoleumboden. Weiter hinten endete der Flur in einer offenen Tür, die sich beim Näherkommen als Durchgang zu einer Art Lager- und Produktionshalle entpuppte, aus der Stimmen drangen. Selbstbewusst schritten Jake und sein Kollege in die Halle und erfassten mit schnellen Blicken die Werkbänke und Lagerregale.

James Madison, der besser Deutsch sprach als Jake, ergriff das Wort: „Entschuldigen Sie bitte…“ Zwei Männer, die mit dem Rücken zu ihnen an einer Werkbank standen und sich unterhielten, drehten sich zu ihnen um.

 „Ja, bitte?“ Ein großer dunkelhaariger Mann, Mitte vierzig antwortete. „Was wollen Sie?“

 „Wir würden gerne den Inhaber der Firma sprechen, Herrn Zimmermann.“

Beide Männer grinsten sich vielsagend an.

 „Den würden wir auch gerne sprechen“, antwortete der Dunkelhaarige.

 „Gibt es sonst irgendjemanden aus dem Büro?“ Suchend sah sich Madison um.

 „Was wollen Sie denn?“ fragte der andere provozierend, der bislang ruhig geblieben war. „Sie sind nicht von hier, oder?“

James Madison antwortete nicht auf die Frage, während Jake die Halle abmaß. Er sah am hinteren Ende eine Treppe, die nach oben führte. Er nickte seinem Kollegen zu. „Da oben.“

Die beiden anderen Männer in Jeans und fleckigen Pullovern sahen seinen Blick. Demonstrativ stellten sie sich den beigen Agenten in den Weg.

 „Da ist nichts“, sagte der Dunkelhaarige barsch.

Für einen kurzen Moment schätzten sich die Männer ab.

James Madison meinte dann: „Wenn Sie uns sagen können, wann Ihr Boss da ist, kommen wir später wieder.“

Der Dunkelhaarige kam näher, in der Hand einen Hammer. „Das kann dauern.“ Auch der andere Mann kam mit gemächlichen Schritten in angriffslustiger Weise näher.

Die FBI-Agenten spürten, dass die Situation eskalieren konnte. „Dann kommen wir später wieder“, meinte Madison und wollte sich abwenden.

Da hob der kleine Wortkarge bereits die Faust und wollte zuschlagen. Gut trainiert wich Madison dem Schlag rechtzeitig aus. Jake sah sich dagegen dem Dunkelhaarigen mit dem Hammer gegenüber. Kurzentschlossen sagte er sich, dass Angriff die beste Verteidigung ist, und trat seinem Gegenüber unerwartet vors Knie. Dann setze er ihn mit zwei trainierten Schlägen außer Gefecht.

 „Kommen Sie, lassen Sie uns verschwinden“, meinte er zu Madison, der den anderen ähnlich schnell am Boden liegen hatte.

Sie nickten sich zu und verließen das Gebäude in dem Wissen, dass irgendetwas dort ganz und gar nicht in Ordnung war.

 „Wir sollten mit der örtlichen Polizei sprechen. Trotzdem kann es dauern, bis wir hier offiziell Zutritt bekommen oder der Inhaber ausfindig gemacht worden ist.“

 „Dann sollten wir uns nicht so sehr an diese Firma festbeißen. Vielleicht würde es uns sowieso nicht weiterhelfen. Ob der oder diejenigen, die hinter den Fälschungen stecken, die Leinwände direkt hier gekauft haben und das mit Angabe von Namen, ist doch mehr als fraglich.“ Jake war zwar auch klar, dass hier etwas nicht stimmte, er dachte allerdings praktischer und überlegte wie er wo auf dem schnellsten Weg an Informationen herankam. „Wie wäre es, wenn wir zur Botschaft fahren und diese Jessica Burton aufsuchen. Wenn sie wirklich so eine Fachfrau in Sachen Kunst ist, wie man mir sagte, dann kann sie uns vielleicht viel eher weiterhelfen.“

Madison zuckte mit den Schultern. Es dauerte eine Weile, bis sie durch den dichten Stadtverkehr zurück im Zentrum waren. Mit ihren Ausweisen hatten sie keine Probleme, sofort in die Botschaft zu kommen. Madison hatte vorher aus dem Auto angerufen und sie angemeldet. Die Mitarbeiterin am Empfang kannte keine Jessica Burton und verwies an einen anderen Mitarbeiter weiter. Der zuckte auch nur mit den Schultern bis Madison ihm nachdrücklich klar machte, dass es um Ermittlungen des FBI ginge und er wüsste, dass besagte Jessica Burton für die Botschaft arbeite. Der Mitarbeiter verschwand und sie warteten eine geschlagenen halbe Stunde. Jake wusste nicht, wo das Problem war. Endlich betrat ein hochgewachsener Afroamerikaner das Besprechungszimmer, in dem sie gewartet hatten. Er stellte sich als Sicherheitsbeamter der Botschaft vor und Jake versuchte noch einmal, in kurzen Sätzen den Sachverhalt darzulegen.

Der Sicherheitschef namens Samuel Henderson nickte erst verständnisvoll, dann schüttelte er bedauernd den Kopf. „Es tut mir leid, wir können Ihnen in dieser Angelegenheit nicht weiterhelfen.“

Erneut wandte Madison ein: „Aber ich weiß, dass Jessica Burton für sie arbeitet. Sie brauchen uns nur mit ihr sprechen lassen. Oder uns sagen, wo wir sie finden.“

 „Wie ich schon sagte, wir können Ihnen nicht weiterhelfen.“

Jake verengte die Augen zu Schlitzen. Es war offensichtlich, dass sie abgeblockt wurden. „Was ist mit dieser Jessica Burton?“ fragte er rundheraus. „Warum dürfen wir sie nicht sprechen?“

Samuel Henderson sah ihn herausfordernd an. „Hier arbeitet keine Jessica Burton.“

 „Was? Das kann nicht sein, Ihre Mitarbeiterin hatte letzte Woche noch von ihr gesprochen“, wandte Madison erneut ein.

Jake blieb ruhig. Er wusste, dass der Sicherheitsbeamte log und ihnen keine weiteren Informationen geben würde. Irgendetwas schien an dieser Mrs. Burton wichtiger zu sein, als bei der Aufklärung eines Falles zu helfen. Er schrieb seinen Namen, sein Hotel und seine Telefonnummer auf einen Zettel und gab ihn Samuel Henderson. „Hier, für den Fall, dass Sie sich erinnern und Jessica Burton doch auftauchen sollte. Mein Name ist Jacob Chandler vom FBI und ich bin noch mindestens bis Ende der Woche in der Stadt.“ Eindringlich sah er den Sicherheitsbeamten an. „Es wäre wirklich hilfreich, wenn wir in dem Fall Unterstützung bekämen.“ Dann verließ er zusammen mit Madison die Botschaft. Zurzeit traten sie wirklich auf der Stelle.

Jacob verabredete sich mit Madison für den nächsten Tag vor dem Eingang am Museum. Er fühlte sich frustriert durch den Fall. Inzwischen müsste sein Boss zu erreichen sein. Genervt rief er ihn vom Hotelzimmer aus an. „Gerry, tut mir leid, ich habe noch keine neuen Informationen in dem Fall. Insbesondere kommen wir nicht an diese Jessica Burton heran. In der Botschaft hat man uns abgeblockt, dort würde keine Jessica Burton arbeiten. Ich vermute aber, dass es eine Lüge ist.“

 „Bleiben Sie dran. Lassen Sie sich nicht abwimmeln. Erklären Sie den Sicherheitsleuten dort, dass unser Fall genauso wichtig ist wie die anderen, die Miss Burton bearbeitet.“

Nach einem kurzen Austausch verabschiedeten sie sich voneinander. Jake beschloss zu duschen. Dann würde er sich mit seinem anderen Problem beschäftigen, dem Auffinden dieser Frau, die er spürte.


Berlin; Amerikanische Botschaft; Jessica Burton, Samuel Henderson

 „Miss Burton, haben Sie noch einen Moment Zeit?“

Jessica drehte sich zu dem Afroamerikaner um. Samuel Henderson vom Sicherheitsdienst stand ihr gegenüber. „Was ist?“

 „Heute Nachmittag waren zwei Männer vom FBI hier und wollten zu Ihnen.“

Jessica runzelte die Stirn und wartete auf weitere Erklärungen.

 „Sie wollten Sie sprechen. Es geht um einen Fall von Kunstfälschung in New York und irgendwie ist der Agent aus Washington an ihren Namen gekommen. Ich habe ihnen gesagt, dass Sie hier nicht bekannt sind. Ich wollte erst mit Ihnen sprechen.“

 „Kunstfälschung in New York? Ich habe etwas darüber gelesen. Es war nur ein  kleiner Bericht, deshalb bin ich davon ausgegangen, dass noch nichts Näheres bekannt ist.“

 „Einige Spuren führen wohl nach Berlin. Deswegen ist jemand aus Washington hier.“ Samuel Henderson zögerte einen Moment. „Was meinen Sie, möchten Sie mit ihm sprechen? Er hat mir sein Hotel und seine Telefonnummer aufgeschrieben.“ Henderson überreichte ihr den Zettel. „Jacob Chandler.“

Jessica Burton hatte bereits die Hand gehoben, um ihm den Zettel abzunehmen und erstarrte. „Was sagten Sie, wie ist der Name?“

 „FBI-Agent Jacob Chandler. Stimmt etwas nicht?“ Henderson spürte ihr Zögern. „Wenn Sie sich damit nicht befassen wollen, werde ich ihn weiter abwimmeln.“

Wie in Zeitlupe nahm ihm Jessica den Notizzettel ab und starrte darauf. Was für eine schöne Handschrift, dachte sie flüchtig. Dann fing sie sich und sah in sein fragendes Gesicht. „Ich…, ich überlege es mir noch. Ich gebe Ihnen Bescheid.“

 „Gut.“ Henderson nickte und verabschiedete sich.

Jessica Burton wusste später nicht mehr, wie sie das Botschaftsgebäude verlassen und zu ihrer Wohnung gekommen war. Sorgfältig wie immer verschloss sie die Wohnungstür von innen, legte Jacke und Tasche ab und setzte sich aufs Sofa. Sie glaubte nicht an Zufälle, aber sie wusste, wie das Schicksal ein Leben verändern konnte. Für immer.


Berlin; Jake (Jacob) Chandler

Jake hatte nach der Dusche etwas Schlaf nachgeholt. Danach zog er sich an und fuhr mit dem Fahrstuhl hinunter in die Lobby. Er wollte sich durch die City treiben lassen und irgendwo etwas Essen. Was sein persönliches Problem betraf, war er noch zu keinem Ergebnis gekommen. Das Gefühl der Nähe zu ihr, wer auch immer sie war, hatte sich verstärkt und schien intensiver denn je, aber vielleicht bildete er sich das auch nur ein. Die Hotellobby war voller Leute. An der Rezeption schien gerade eine ganze Reisegruppe angekommen zu sein. Er verwarf den Gedanken, dort nach einem guten Restaurant zu fragen. Er musste wohl auf eigene Faust los und suchen, obwohl er sich so gut wie gar nicht in der Stadt auskannte. Er verließ das Hotel und ging zunächst in die gleiche Richtung, die er am gestrigen Abend eingeschlagen hatte. Er wich auf dem Bürgersteig entgegen kommenden Leuten aus. Andere überholten ihn, während er sich Zeit ließ und die Eindrücke der Stadt in sich aufnahm. Das Gefühl der Nähe blieb. Er spürte es genau. Es blieb konstant im gleichen Abstand, sehr nah, und entfernte sich nicht auch wenn er weiter und weiter ging. Abrupt blieb er stehen und drehte sich rasch um. Er war an einer belebten Straße entlang gelaufen, an der Fast-Food-Restaurants und Souvenirläden lagen. Etliche Menschen streiften ihn im Vorbeigehen und er versuchte irgendwo etwas zu erfassen. Ein Gesicht, eine Gestalt, irgendetwas, das ihn sofort ansprechen würde. Er fühlte in sich hinein und spürte Angst und nervöses, aufgeregtes Herzklopfen. Langsam drehte er sich wieder um und setzte seinen Weg fort. Das Herzklopfen folgte ihm im gleichen Abstand. Was, verdammt nochmal, ging hier vor? Er ließ sich treiben, wachsam und irritiert zugleich. An einem Marktplatz vor einer S-Bahn-Station setzte er sich kurzentschlossen an einen Tisch im Außenbereich eines Restaurants, da sein Hunger inzwischen sehr groß war. Nachdem er die Karte studiert und seine Bestellung aufgegeben hatte, blickte er sich wieder suchend um. An den Nachbartischen saßen viele Touristen. Als er sein Getränk bekommen hatte, nahm er noch einmal die Karte zur Hand. Nicht um sie zu lesen, sondern um unauffällig über den Rand hinweg Tisch für Tisch in seiner Umgebung abzusuchen. Familien mit Kindern, eine Gruppe von jungen Frauen. Er drehte seinen Stuhl etwas herum um augenscheinlich entspannter sitzen zu können und hatte so eine bessere Sicht zur anderen Seite. Wieder glitt sein Blick von Tisch zu Tisch. Ein Pärchen mittleren Alters in angeregtem Gespräch, eine elegant gekleidete ältere Frau mit Sonnenbrille in die Karte vertieft, dahinter zwei Frauen beim Essen. Ihre Nähe war genauso konstant wie zuvor. Wer auch immer sie war, sie war hier, aber da er sie nicht kannte, wusste er nicht, was er tun sollte. Als sein Essen kam, beschloss er, erstmal dem Hunger nachzugeben. Er hatte keine Ahnung, wie er mit dieser Situation umgehen sollte. Nichts von dem, was sein Vater ihm erzählt hatte, passte zu dem, was er hier erlebte. Nach dem Essen zahlte er und ging zurück zum Hotel. Der Jetlag saß ihm in den Knochen, und es wäre mit Sicherheit besser, wenn er morgen ausgeschlafen wäre. Er wurde auf dem Weg verfolgt. Seine Ausbildung hatte seinen Instinkt für so etwas geschärft. Doch als er sich das eine oder andere Mal umdrehte, fiel ihm nichts Ungewöhnliches auf. Normale Menschen. Touristen, Familien, eine ältere Frau mit Sonnenbrille. Er wusste, er würde dieses Problem an diesem Abend nicht lösen.


Berlin; Jessica Burton

Im Gegensatz zu Jake lag Jessica Burton noch lange wach. Sie lächelte in die Dunkelheit, durchdrungen von einem schmerzlichen, bittersüßen Gefühl. Er ist so groß wie sein Vater, dachte sie. Ein großer, gutaussehender 30-jähriger Mann. Natürlich hatte sie nicht widerstehen können. Sie hatte ihn einfach sehen müssen. Nichts hätte sie davon abhalten können. Aber sie konnte ihn natürlich unmöglich treffen. Sie lächelte weiter in die Dunkelheit während ihr gleichzeitig die Tränen über die Wangen liefen.


Berlin; Museum; Jakes Hotel; Jake (Jacob) Chandler, James Madison, Rebekka Rose, Benjamin Keller, Jessica Burton, Clarence (ein Helfer in New York)

Jake verschlief am nächsten Morgen. Er schaffte es nicht mehr, zu frühstücken, sondern eilte hektisch zur Rezeption, um sich den Weg zum Hamburger Bahnhof erklären zu lassen, dem Museum, wo er sich mit James Madison treffen wollte. Da er die Wegbeschreibung nicht wirklich verstand, ließ er sich letztendlich ein Taxi rufen, das ihn mit zehnminütiger Verspätung vor dem Museum absetzte. Dort traf er Madison, der ihn missmutig ansah.

 „Tut mir leid für die Verspätung. Ich habe verschlafen.“

 „Schon gut. Ich war heute Morgen in der Botschaft und habe mich nochmal nach Jessica Burton erkundigt. Zumindest behaupten sie jetzt nicht mehr, dass sie dort nicht arbeiten würde.“

Jake hob fragend die Augenbrauen. „Aber..“

 „Aber sie lässt ausrichten, dass es ihr leider nicht möglich ist, uns zu helfen.“

 „Ach.“

Madison nickte grimmig. „Es scheint so, als wäre alles und jeder gegen uns bei dieser Sache.“

 „Und was wollen wir jetzt hier im Museum?“

 „Wir können uns mal das Bild von Kristopher Gentian ansehen, das hier gerade ausgestellt ist. Wir sind beim Leiter des Museums angemeldet.“

Entschlossen gingen die beiden Männer hinein zum Empfang.

Sie wurden auf Englisch begrüßt. „Guten Morgen die Herren.“ Eine nette hübsche junge Frau sah sie freundlich mit einem Lächeln an. „Mein Name ist Rebekka Rose. Ich bin die Assistentin von Dr. Lau, dem Museumsleiter.“ Sie schien auf die FBI-Agenten gewartet zu haben.

 „Wir sind angemeldet“, erläuterte Madison.

 „Ich weiß. Ich bringe sie in sein Büro.“

Sie wurden durch mehrere Gänge zu einem Fahrstuhl geführt und fuhren in das oberste Stockwerk. Die Büros lagen in einem Seitentrakt. Das Museum selbst befand sich in der Halle eines ehemaligen Bahnhofs. Jake sah sich neugierig um. Oben gingen sie wieder durch einen langen Flur.

 „Dr. Lau?“ Rebekka Rose klopfte an die Tür. „Dr. Lau, sind Sie da?“ Niemand antwortete. „Merkwürdig. Normalerweise ist er schon immer früh morgens da.“ Entschuldigend sah Frau Rose sie an.

Jake überkam ein ungutes Gefühl. Das typisch ungute Gefühl eines Polizisten. „Wir hatten doch jetzt den Termin?“ fragte er nach.

Wieder zuckte die Assistentin entschuldigend die Schultern. „Es ist auch gar nicht seine Art. Dr. Lau ist immer sehr pünktlich und hält akribisch alle Zusagen ein.“

Jake drängte sich an ihr vorbei und drückte die Türklinke nach unten. Es war nicht verschlossen. Sie kamen in ein großes Büro. Die Rollläden waren heruntergelassen, so dass der Raum im Dunkeln lag.

 „Fuck.“ Madison sah zuerst die reglose Gestalt auf dem Boden liegen. Er kniete sich daneben und fühlte den Puls. „Er ist tot.“

 „Oh, mein Gott.“ Rebekka Rose wurde schneeweiß im Gesicht und schien jeden Moment umzukippen.

Jake versuchte, beruhigend auf sie einzureden: „Bitte gehen Sie hinaus.“ Er führte sie langsam aus dem Raum. „Können Sie die Polizei verständigen?“

Zunächst sah sie ihn verständnislos an. Dann nickte sie und zückte ihr Handy. Das Telefonat dauerte nur kurz. „Sie kommen“, sagte sie anschließend tonlos.

Jake nickte. „Okay. Bitte sorgen Sie dafür, dass hier sonst niemand hinein kommt.“

Kaum ausgesprochen kam prompt eine weitere Mitarbeiterin um die Ecke. „Rebekka? Ist der Chef zu sprechen?“

Rebekka Rose schüttelte nur mechanisch den Kopf. „Nein…“

 „Hören Sie, bitte gehen Sie.“ Jake kramte seine ganzen Deutschkenntnisse hervor.

 „Was? Wieso?“

 „Bitte.“ Eindringlich sah er Rebekka Rose an. „Helfen Sie uns und halten Sie am besten alle Leute auf Abstand.“

Rebekka fing sich und nickte entschlossen.

Jake ging zurück in das Büro zu Madison. „Die Polizei ist auf dem Weg.“

 „Er wurde erschlagen. Mehr kann ich erstmal nicht sehen. Das ist dann auch eine Sache der deutschen Behörden.“

Jake nickte. „Bis auf die Tatsache, dass wir heute Morgen einen Termin mit dem guten Dr. Lau hatten.“

Sie warteten bis die Polizei eintraf. Es begann die übliche Prozedur der Spurensicherung. Die beiden FBI-Agenten gaben Auskunft zu ihrer Person und zu dem Termin, den sie mit Dr. Lau hatten. Das nahm fast den gesamten Vormittag in Anspruch. Jakes knurrender Magen erinnerte ihn an das fehlende Frühstück. Zumindest ergab sich die Möglichkeit, Kontakt zu den deutschen Behörden aufzubauen. Kurz entstand noch Aufregung, als ein Mitarbeiter des Museums sich einen Weg zu der Polizei bahnte und dem leitenden Beamten etwas mitteilte. Jake und Madison hatten sich etwas abseits gestellt und beobachteten die Szene.

Benjamin Keller, der leitende deutsche Kriminalbeamte, winkte sie zu sich heran. „Das Bild von dem sie sprachen, das hier im Museum hängen sollte. Vom wem ist das nochmal?“

 „Kristopher Gentian.“

Keller nickte. „Interessant“, meinte er nur, „es ist weg.“

 „Was?“

 „Vermutlich gestohlen. Und vermutlich hat der Mord an Dr. Lau etwas damit zu tun.“

James Madison und Jake sahen sich vielsagend an. Das wurde ja immer mysteriöser. „Was hat es mit diesem Bild auf sich, das es jemand gestohlen hat? War es besonders wertvoll?“ fragte Madison in den Raum hinein.

Keller hob entschuldigend die Schultern. „Das werden die Ermittlungen ergeben, aber da stehen wir noch am Anfang.“

 „Bislang war es für uns nur ein Fall von Kunstfälschung“, meinte Jake.

 „Jetzt ist es Mord“,  stellte Keller fest. „Wir sollten uns auf jeden Fall austauschen. Vielleicht können wir zusammen arbeiten und sehen, was Sie bereits herausgefunden haben.“

Jake nickte. „Ich muss mir Rückendeckung von meinem Boss holen, aber ich denke, das ist kein Problem, wenn wir den Fall lösen wollen.“

Keller nickte. „Ich werde das bei uns klären.“

 „Brauchen Sie uns hier noch?“ Madison reichte Keller seine Karte mit Telefonnummer und Adresse. „Ich bin jederzeit erreichbar und Mr. Chandler ist über sein Hotel und seine Handynummer erreichbar.“

 „Ja, ist gut“, meinte Keller, „dann klären wir die Formalitäten und können uns vielleicht morgen bei uns in der Polizeidienststelle treffen.“

Die Männer nickten sich zum Abschied zu. Beim Hinausgehen sah Jake Rebekka Rose im Gespräch mit einer älteren Frau, die ihm merkwürdig bekannt vorkam. In der Absicht, sich höflich von Frau Rose zu verabschieden näherte er sich den beiden Frauen. Die Unbekannte sah an Rebekka vorbei zu ihm und erschrak sichtlich. Bevor Jake sie erreichen konnte, hatte sie sich hastig verabschiedet und eilte hinaus. Verwirrt von dem fluchtartigen Abgang ihrer Gesprächspartnerin drehte sich Rebekka Rose zu ihm um. „Mr. Chandler“, sagte sie überrascht, „Sie sind noch hier?“

 „Ja“, Jake sah noch immer zum Ausgang. „Ich wollte mich von Ihnen verabschieden. Das mit Ihrem Chef tut mir sehr leid.“ Jetzt sah er sie direkt an.

Rebekka nickte ernst. „Mir auch.“

Jake nickte zum Ausgang. „Wer war denn die Frau, mit der Sie eben gesprochen haben?“

 „Oh, das war Mrs. Burton. Sie ist so etwas wie eine Anwältin für Kunstobjekte.“

 „Mrs. Jessica Burton?“ hakte Jake nach.

Verwirrt sah Rebekka ihn an. “Ja. Wieso? Kennen Sie sie?“

 „Noch nicht, aber ich würde sie liebend gerne kennenlernen“, meinte Jake grimmig und lief zum Ausgang. Draußen vor dem Eingang standen Polizeiwagen und Neugierige herum. Von Jessica Burton war keine Spur mehr zu sehen. „Shit.“ Er ging zurück zu Rebekka. „Weshalb war sie hier?“

 „Oh, sie ist oft hier. Sie arbeitet für Ihre Regierung mit Museen aus aller Welt, wenn es um den Austausch von Kunstwerken und die rechtlichen Angelegenheiten dabei geht.“ Verlegen hielt Rebekka inne. Jake ermunterte sie mit einem Lächeln weiterzusprechen. „Sie traf sich auch öfter mit Dr. Lau, deswegen weiß ich das.“

 „Haben Sie zufällig ihre Adresse?“ fragte Jake.

 „Da müsste ich suchen. In der Regel hatte sie nur direkt mit Dr. Lau Kontakt.“ Entschuldigend sah Rebekka ihn an.

 „Bitte versuchen Sie, etwas zu finden.“ Jake gab ihr seine Telefonnummer. „Wir müssen unbedingt mit Mrs. Burton sprechen.“ Sie verabschiedeten sich voneinander.

Jake nickte Madison grimmig zu. „Da läuft uns doch diese Burton fast direkt in die Arme.“ Jessica Burton hatte regelrecht die Flucht vor ihm ergriffen. Er kannte sie nicht, aber ganz offensichtlich kannte Jessica Burton ihn. Schweigend ging er neben Madison her. Er hatte ihre Panik gespürt wie seine eigene.

In der FBI-Dienststelle telefonierte er mit seinem Boss und bekam die Einwilligung, mit den deutschen Behörden zu kooperieren. Keller hatte allerdings erst am nächsten Tag Zeit. Wieder mussten sie warten.

 „Warum gucken Sie sich nicht die Stadt an?“ Madison riss ihn aus seinen Gedanken. „Im Moment können wir sowieso nichts machen.“

Jake erwiderte nichts. Er grübelte noch immer über das beinahe Zusammentreffen mit Jessica Burton. Irgendetwas stimmte hier nicht. Zurück im Hotel checkte er seine Anrufe und Emails auf dem Smartphone. Ein Kollege hatte Rückfragen zu seinem letzten Fall. Und ein Anruf aus New York war eingegangen. Die Nummer kam ihm bekannt vor. Er drückte auf die Rückruftaste.

Es war einer der Helfer. „Jake, bist du das?“

 „Ja, Clarence. Was ist denn los, dass du mich anrufst.“ Jake spürte Unruhe. Normalerweise hatte er keinen Kontakt mehr zu den Helfern.

 „Jake, wo bist du?“

 „In Deutschland.“

 „Verdammt!“

 „Clarence? Was ist los?“

 „Jake, hast du mitbekommen, was hier gerade in New York los ist?“

 „Meinst du diese Baumaßnahmen am Friedhof?“

 „Ja. Sie sind vor Gericht damit durchgekommen und haben angefangen, die Gräber zu verlegen. Du solltest unbedingt kommen.“

 „Das geht nicht. Ich arbeite an einem dringenden Fall.“

 „Jake, ich habe Nachricht von unten bekommen von Pascal. Deinem Vater geht es nicht gut. Ich hätte mich nicht gemeldet, wenn es nicht wichtig wäre.“

Jake knirschte mit den Zähnen. Das schlechte Gewissen war wieder da. Immer wenn er daran erinnert wurde, wie selten er sich in den Tunneln blicken ließ und bei seinem Vater. Er überlegte. Vielleicht konnte er mit Gerry reden und für ein oder zwei Tage zurück nach New York fliegen. Madison konnte den Fall solange allein verfolgen. Verflixt, gerade jetzt, wo es um Mord ging. „Hör zu, Clarence. Ich muss das erst organisieren. Kann ich dich unter dieser Nummer erreichen?“

 „Ja, natürlich. Das heißt also, du kommst.“

 „Ich muss erst mit meinem Boss sprechen und sehen, wann ich eine Maschine nach New York bekomme.“

 „Es tut mir leid Jake, aber es ist wirklich ernst. Pascal glaubt, dass dein Vater sich irgendwie aufgibt.“

Jake schluckte. „Danke, dass du angerufen hast, Clarence.“ Er legte auf. Eine Zeitlang saß er noch auf dem Bett und starrte vor sich hin.

Jacobs Boss Gerry reagierte nicht begeistert. Jake nannte ihm familiäre Probleme als Grund, warum er während der laufenden Ermittlungen nach New York musste. Als Kompromiss blieb er noch, um am nächsten Tag Informationen mit dem deutschen Kripobeamten Keller auszutauschen. Alles andere sollte James Madison selbständig erledigen. Der Versuch, an Jessica Burton heranzukommen, bereitete Jake noch Kopfzerbrechen. Er wollte selbst mit ihr sprechen. Etwas zog ihn zu dieser Frau und er war sich sicher, dass es auch mit seiner inneren Wahrnehmung ihrer Gegenwart zu tun hatte. Deshalb war es andererseits sinnvoll, wenn er mit seinem Vater sprechen konnte. Der Herzschlag und die Gedanken einer Frau, die er hier so nahe spürte, hatten eine Bedeutung. Sein Vater wusste um so eine Bedeutung und die möglichen Auswirkungen, verband ihn doch selbst so etwas mit seinem Sohn. Ein Grund, warum Jake seinen eigenen Weg in der Welt draußen gegangen war. Er hatte lange gebraucht, nicht mehr das Gefühl zu haben, von seinem Vater überwacht zu werden.

Sein Flug ging abends. Er packte seinen Koffer im Hotel und informierte Clarence in New York, der eine Nachricht in die Tunnel schicken wollte. Zur Beruhigung, wie er sagte. Gerade wollte Jake das Zimmer verlassen, als es an der Tür klopfte. Als er öffnete stand Rebekka Rose vor ihm. Überrascht sah er sie an.

 „Guten Abend Mr. Chandler“, sagte sie mit einem Lächeln. „Ich hatte gehofft, Sie noch hier anzutreffen. Ihr Kollege hatte mir gesagt, dass Sie heute Abend zurück nach New York fliegen.“

 „Ja. Kommen Sie doch herein.“ Jake schwang die Tür weiter auf.

Rebekka betrat das Zimmer und blieb in der Mitte des Raumes stehen. „Ich will Sie auch nicht lange aufhalten“, sagte sie, „aber Sie hatten doch nach Mrs. Burton gefragt.“

 „Ja“, Jake wurde sofort hellhörig, „haben Sie ihre Adresse?“

 „Das nicht, aber ihre Telefonnummer.“ Entschuldigend sah ihn Rebekka an. „Das Büro von Dr. Lau ist von der Polizei versiegelt worden, deswegen konnte ich dort nicht nachsehen. Allerdingst konnte ich mich daran erinnern, dass ich letzte Woche ein Telefonat von Mrs. Burton für Dr. Lau entgegen genommen hatte und die Telefonnummer war noch gespeichert.“ Mit diesen Worten reichte sie Jake einen Zettel auf dem eine deutsche Festnetznummer stand.

 „0049/030/7774477“, las er laut vor.

 „Das ist die Nummer. Mrs. Burton hat öfter von dieser Nummer aus angerufen.“

Jake nickte. „Vielen Dank.“

 „Ich weiß nicht, ob Ihnen das weiter hilft.“ Rebekka sah ihn lächelnd an. „Sie sahen gestern so enttäuscht aus, als Mrs. Burton weg war.“

Jake lächelte spontan zurück, dann blickte er auf seine Armbanduhr. „Verflixt, ich muss zum Flughafen.“

 „Ich bin mit dem Auto da“, meinte Rebekka, „soll ich Sie hinbringen?“

Jake nickte dankbar. „Das wäre sehr nett, aber nur, wenn wir uns duzen. Ich heiße Jake.“

Erleichtert sah ihn Rebekka an. „In Ordnung. Die meisten nennen mich Becka.“

Für einen Moment sahen sie sich einvernehmlich an. Dann nahm Jake seinen Koffer und sie verließen gemeinsam das Hotel.



New York; Jake (Jacob) Chandler, Clarence

Noch während des Fluges nach New York dachte Jake an Rebekka und hoffte auch ihretwegen, dass er noch einmal nach Berlin fliegen könnte. Dann schaffte er es, zumindest ein paar Stunden im Flugzeug zu schlafen. In New York  ließ er sich mit einem Taxi in die City fahren.

Bevor er in die Tunnel ging, suchte er Clarence auf. Der Alte machte ihm sofort die Tür auf. „Gut, dass du da bist Junge“, meinte er und schlurfte langsam zu seiner Couch zurück.

 „Ja, ich wollte dir Bescheid geben, dass ich jetzt da bin. Ich bin auf dem Weg zu Pa.“

 „Das ist gut, das ist sehr gut.“ Clarence atmete schwer.

 „Gibt es irgendetwas Neues von den Bauarbeiten am Friedhof? Ist das Grab meiner Mutter überhaupt betroffen?“

 „Jake“, Clarence stockte einen Moment und schluckte schwer. „Das ist es ja gerade. Sie waren gestern am Grab deiner Mutter.“ Er schwieg abrupt und sackte in sich zusammen.

 „Und?“ Fragend sah Jake ihn an. „Sie haben es also umgebettet?“

Clarence schüttelte den Kopf und starrte vor sich hin. „Nein.“

 „Nein?“

Jetzt sah ihm Clarence direkt ins Gesicht. „Nein. Sie haben nichts gefunden. Jake, das Grab deiner Mutter war leer.“

Sprachlos sah Jake den Helfer an. „Aber…“

Clarence sprach weiter. „Irgendwie hat die Presse davon Wind bekommen. Es stand heute ein Artikel in der Zeitung. Dein Vater weiß es auch schon.“

Entsetzt starrte Jake ihn an.


New York; in den Tunneln; Vincent und Jake

 „Pa.“ Als er vor seinem Vater stand, wusste Jake nicht, was er sagen sollte.

 „Er sitzt schon den ganzen Tag dort und sagt nichts.“ Pascal war mit ihm zu Vincent gegangen.

 „Wann habt ihr die Nachricht bekommen?“ fragte Jake.

 „Heute Morgen.“

 „Pa?“

Sein Vater saß in dem großen lederbezogenen Stuhl mit den Armlehnen, der bereits seit Ewigkeiten in dieser Kammer stand.

 „Bitte lass mich mit ihm allein“, bat Jake Pascal leise.

Der nickte nur und verschwand mit sorgenvoller Miene.

 „Pa, ich bin extra aus Deutschland zurück gekommen. Clarence hat mit informiert.“

Endlich sah Vincent ihn an. „Was hat er dir gesagt.“ Die Stimme klang noch rauer als sonst.

 „Das, was in der Zeitung steht. Pa, ich werde Erkundigungen einholen. Es kann sein, dass nichts davon stimmt.“

Schwerfällig stand Vincent auf und ging ein paar Schritte auf und ab. Dann sah er seinen Sohn an. „Bei wem willst du dich erkundigen? Und wonach?“

Jake kam ins Stottern. „Nun ja…“

 „Du würdest sofort Verdacht erregen, wenn du dich als Jacob Chandler nach dem Grab deiner Mutter erkundigst.“ Vincent brachte es auf den Punkt.

 „Ich werde mir etwas einfallen lassen“, meinte Jake, „wir werden schon irgendwie an Informationen herankommen.“

Nachdenklich sah sein Vater ihn an. „Und dann?“

 „Wie meinst du das Pa?“

„Jacob, ich weiß nicht…“, Vincent stockte, „ich habe Angst vor dem, was du herausfinden könntest.“

 „Pa“, versuchte Jake ihn zu beruhigen, „an solchen Zeitungsberichten ist meistens nichts dran oder es gibt irgendeine logische Erklärung.“

 „Und wenn nicht?“ Vincent straffte die Schultern. Dann sagte er bestimmt: „Jacob, tu nichts.“

 „Was?“

 „Lass die Angelegenheit auf sich beruhen“, sein Vater wandte ihm den Rücken zu. „Du hast bestimmt Recht, dass es einen logischen Grund gibt.“

 „Pa, ich werde auf jeden Fall nachforschen. Schon alleine, damit wir Gewissheit haben und du ruhig schlafen kannst.“

 „Schlaf?“ Vincent schüttelte den Kopf. „Wozu brauche ich noch Schlaf? Nein, Jacob. Weck keine schlafenden Erinnerungen und auch nichts anderes, was besser ruhen sollte.“

 „Du kannst mich nicht daran hindern.“ Jake wandte sich zum Gehen.

 „Jacob, ich verbiete es dir.“

Mit einem Schulterzucken und einem schiefen Lächeln in Richtung seines Vaters verließ Jake den Raum. Für solche Verbote war er längst zu alt.


Berlin; Jessica Burton

Jessica Burton verließ beruhigt die Amerikanische Botschaft in Berlin. Neben der Ausarbeitung der rechtlichen Details zu einem Vertrag über die Ausleihung von Kunstwerken in die USA, hatte sie sich beiläufig nach den beiden FBI-Agenten bei Henderson erkundigt. Die Auskunft, dass Jacob Chandler zurück in die USA geflogen war, hatte sie etwas ruhiger werden lassen. Aber auch melancholischer. Innerlich trauerte sie den unmöglichen Möglichkeiten nach und empfand doch auch Dankbarkeit.

Es war spät geworden. Sie wollte nur noch in ihre Wohnung und sich nach einem leichten Abendessen mit einem guten Buch und klassischer Musik ablenken bis sie müde genug wäre, um ein paar Stunden schlafen zu können. In Berlins Innenstadt herrschte das übliche Chaos aus Verkehr und Menschen, wie in jeder anderen Großstadt. Die Stadt war groß, laut und voll, also perfekt, um darin unterzugehen. Eine absolute Voraussetzung für Jessicas Existenz. Dennoch waren ihre Sinne geschärft, insbesondere auch durch die Erlebnisse der letzten Tage. Der Tod von Dr. Lau würde mit Sicherheit noch einige Zeit die Medien und die Kulturszene beschäftigen. Auch Jessica selbst war beunruhigt. Auf dem Weg zwischen S-Bahn-Station und ihrer Wohnung sah sie sich mehrmals um und konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass sie beobachtet wurde. Entschlossen stieg sie die Treppe zu ihrem Appartement hinauf. Angst hatte sie nicht. Angst hatten nur Menschen, die noch etwas zu verlieren hatten. Sie schloss die Wohnungstür auf und wunderte sich. Normalerweise drehte sie den Schlüssel zweimal herum, wenn sie abschloss. Heute ließ sich das Schloss mit einer Umdrehung öffnen. Entsprechend vorsichtig betrat sie ihre Wohnung und sah sich prüfend um. Ihre Augen suchten in dem gewohnten Umfeld nach ungewöhnlichen Details. Stand irgendetwas anders als sonst? Sie fand weder im Flur noch im Wohn- oder Schlafzimmer irgendeinen Anhaltspunkt. Jessica warf die Handtasche aufs Bett und entledigte sich ihrer Kleidung. Eine Dusche würde ihr sicher gut tun.

Als sie eine halbe Stunde später aus dem Badezimmer kam fühlte sie sich tatsächlich besser. Doch das Gefühl verflog schlagartig. Ihre Handtasche lag nicht mehr so auf dem Bett, wie sie sie dort hingeworfen hatte. Aus dem Wohnzimmer hörte sie ein kurzes Knarren, dass sie von der Anrichte, die dort stand, kannte. Für einen Moment hielt sie die Luft an. Dann öffnete sie leise die Schublade ihres Nachtschrankes und nahm entschlossen ihre Waffe heraus.


New York; Friedhof; Jake (Jacob) Chandler

Erst als Jake die Tunnel verlassen hatte und im Central Park stand, fiel ihm ein, dass er mit seinem Vater nicht über die fühlbare Verbindung gesprochen hatte, die er zu einer Frau in Berlin gespürt hatte. Er verwarf den Gedanken, noch einmal zurück zu gehen und überlegte, was er jetzt tun sollte.

Sein Vater hatte recht gehabt mit seinem Einwand, dass er nur Aufmerksamkeit erregen würde, wenn er etwas in Erfahrung bringen wollte. Trotzdem wollte er die Angelegenheit nicht auf sich beruhen lassen. Er suchte nach einer logischen Erklärung. Verflixt nochmal, wo sollte er anfangen?

Später wusste er selbst nicht so genau, wie er zum Friedhof gekommen war. Ein Teil der Anlage war gesperrt. Seitdem er denken konnte verband er diesen Ort mit dem Gedenken an seine Mutter. Seitdem sein Vater ihn das erste Mal mitten in der Nacht im Schutz der Dunkelheit hierher geführt hatte. Er hatte ihm viel erzählt. Darüber wie er sie damals gefunden hatte im Central Park schwer verletzt und wie sehr er sie geliebt hatte.

Jake kannte sie nicht. Er wusste nicht, was für ein Mensch sie gewesen war. Er kannte sie nur aus den Erzählungen seines Vaters. Doch wenn sie den Mut gehabt hatte, seinen Vater trotz seines Aussehens zu lieben, musste sie wahrhaftig einzigartig gewesen sein. Sie war gestorben in der Nacht seiner Geburt. Ermordet durch einen finsteren Mafiatypen namens Gabriel, der ihn als Baby entführt hatte. Jake schluckte schwer. Sie hatte ihm das Leben geschenkt und mit ihrem bezahlt. Er ging bis zu der Absperrung und sah hinüber zu dem Punkt, wo ihr Grab gewesen war. Selbst der Stein war bereits entfernt worden. Als er sich damals entschlossen hatte, nach oben zu gehen und Polizist zu werden, hatte er ihren Namen angenommen. Es erschien ihm damals selbstverständlich und sollte auch ein Zeichen für seinen Vater sein, dass er nicht vergessen würde, woher er stammte. Entschlossen wandte Jake sich um. Sollten die Leute doch fragen. Er hatte keinen Grund, sich für seinen Namen zu schämen. Außerhalb des Friedhofs rief er ein Taxi. „Zum Büro des Staatsanwaltes, bitte.“


New York; in den Tunneln; Vincent und Pascal

Vincent saß lange in seiner Kammer und grübelte. Gedanken kreisten ihm durch den Kopf. Wieso waren die Dinge jetzt so in Aufruhr geraten. Behutsam hielt er die weiße Porzellanrose in seinen Händen, die Catherine ihm zu ihrem ersten Jahrestag geschenkt hatte. Das war so lange her. Eine Ewigkeit. Die Erinnerung daran schien wie ein ferner Traum. Er liebte diese Träume, die ihn forttrugen aus diesem Raum und aus dieser Zeit hinein in eine andere Welt und in ein anderes Leben. In den letzten Jahren hatte er sich mehr und mehr zurückgezogen. Seitdem sein Sohn nach oben gegangen war und Vincent lernen musste, dass er nicht mehr beschützt werden wollte. Nach Vaters Tod war es ihm schwer gefallen, mit anderen über seine Gefühle und Gedanken zu sprechen. Er war zu einem alten Mann geworden, der in seinen Erinnerungen lebte. Er stand auf und seine Schritte führten ihn zu Pascal.

 „Vielleicht findet Jake ja irgendetwas heraus“, meinte Pascal optimistisch.

 „Genau davor habe Angst“, erwiderte Vincent.

 „Wieso? Vielleicht gibt es eine Erklärung und du kannst hinterher beruhigt sein.“

 „Und wenn nicht?“ Vincents Stimme klang rau. „Pascal…, ich habe Angst, dass all diese Erinnerungen zurück kommen. Erinnerungen an Catherines Tod. Es gibt Dinge, an die will ich mich nicht erinnern.“

 „Ja, ich weiß. Doch du kannst Jake nicht vorschreiben, was er tun soll und was nicht.“

 „Ich befürchte, dass er sich in Gefahr begibt.“

 „Das weißt du nicht“, meinte Pascal beruhigend.

 „Ich werde auf ihn Acht haben, solange er in New York ist. Das Band zu ihm besteht noch immer. Ich werde ihn beschützen.“

Pascal war überrascht, mit welcher Kraft sein Freund auf einmal sprach.

Vincent spürte in sich hinein. Er spürte das Band zu seinem Sohn. Es war nach wie vor da, so wie es früher zu Catherine bestanden hatte. Er wusste, wo Jacob war und wie er sich fühlte. Entschlossen hob Vincent die Schultern. Solange Jacob in New York war, konnte er ihn beschützen.


Berlin; Appartement; Jessica Burton

Jessica bewegte sich auf Zehenspitzen durch den Raum. Die Waffe in ihrer Hand war geladen. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie sie benutzen müsste. Die Vorsicht gehörte zu ihrem Leben genauso wie die Gefahr, die sie seit Jahren umgab. Was immer der Grund sein mochte, etwas Gefährliches trat erneut in ihr Leben.

Vorsichtig spähte sie ins Wohnzimmer und erblickte niemanden. Nichts war zu sehen. Sie konnte sich nicht getäuscht haben. Ihr Instinkt für Gefahr war im Laufe der Jahre so sensibel geworden, dass sie wusste, wenn etwas nicht stimmte. Sie blieb in der offenen Tür stehen und blickte suchend durch den Raum. Sie spürte ihn. Direkt neben sich. Es befand sich jemand im Zimmer. Entschlossen nahm sie die Türklinke und rammte die Tür mit aller Wucht an die Wand, wobei sie erwartungsgemäß den ungebetenen Besucher traf, der sich dahinter versteckt hielt. Sie hörte ein lautes Stöhnen, zog blitzschnell die Tür wieder weg und richtete ihre Waffe auf den Fremden.

 „Was wollen Sie?“

Ein dunkelhaariger Mann mit südländischem Aussehen krümmte sich in schmerzhafter Haltung in der Ecke. Unglücklicherweise war ihm seine Waffe mit Schalldämpfer nicht aus der Hand gefallen und Jessica begriff, warum er hier war.


New York; Büro des Staatsanwalts; Jake (Jacob) Chandler, Joe Maxwell

Jake spürte die Hektik in den Büros der Staatsanwaltschaft. Leute liefen aufgeregt umher. Er suchte nach Sandra Lockley, doch sie war nicht an ihrem Platz. Er sah hinüber zum Büro von Joe Maxwell. Durch die Glasfront konnte er ihn stehen sehen, das Telefon in der Hand. Er schien nervös zu sein.

Wie von einem Magneten angezogen ging Jake auf das Büro zu.

 „Halt! Sie können da nicht einfach so rein“, rief eine Mitarbeiterin, die an einem Schreibtisch neben dem Büro saß.

Jake ignorierte sie und betrat ohne Anzuklopfen das Büro. Joe Maxwell sah auf und legte sofort den Telefonhörer auf.

Überrascht sah er Jake an. „Was wollen Sie hier?“ Er wartete die Antwort nicht ab und sprach weiter: „Hören Sie, wenn Sie weitere Informationen zu dieser Kunstfälschungssache benötigen, wenden Sie sich bitte an die zuständige Mitarbeiterin.“

 „Deswegen bin ich nicht hier“, antwortete Jake kurz.

Joe Maxwell verengte die Augen zu Schlitzen. „Weshalb dann?“

 „Ich muss Sie etwas fragen und hoffe, dass Sie mir helfen können.“

 „Hören Sie, ich habe sehr viel zu tun und muss ein dringendes Telefonat führen…“

 „Es geht um die Baumaßnahmen am Friedhof“, unterbrach Jake ihn. Er beobachtete wie sich Maxwells Haltung unwillkürlich versteifte und sein Blick plötzlich wachsam wurde. „Sie wollten die Grabverlegungen verhindern. Warum?“

 „Warum wollen Sie das wissen?“

Einen Moment zögerte Jake. „Persönliche Gründe“, meinte er dann knapp.

Joe Maxwell verengte die Augen wieder zu Schlitzen. „Persönliche Gründe? Wie heißen Sie noch gleich? Chandler, nicht wahr.“

Jake fühlte bei dieser Feststellung sein Herz laut in der Brust klopfen.

 „Wer zum Teufel sind Sie“, fragte Joe Maxwell in einer Mischung aus Entsetzen und Fassungslosigkeit.

Jake straffte die Schultern. „Mein Name ist Jacob Chandler. Ich muss wissen, warum Sie das verhindern wollten.“

Sprachlos sah Maxwell ihn an. Langsam schien eine Erkenntnis in ihm die Oberhand zu gewinnen.

Vor der Bürotür draußen entstand Tumult. Als Jake einen kurzen Blick durch das Glasfenster warf, sah er Polizisten.

Joe Maxwell folgte seinem Blick. „Verdammt!“

 „Was ist los?“ fragte Jake. „Weswegen ist die Polizei da?“

 „Ich vermute wegen mir. Ich habe keine Zeit mehr.“ Nur für den Bruchteil einer Sekunde zögerte Joe Maxwell. „Hören Sie“, sagte er dann zu Jake, „ich bin mir nicht ganz sicher, wer Sie sind, aber Sie müssen etwas für mich tun. Es ist wichtig.“

Die Bürotür öffnete sich und zwei Polizisten betraten den Raum. Joe kritzelte hastig etwas auf einen Zettel.

 „Mr. Maxwell, Sie sind vorläufig festgenommen“, teilte ihm einer der Polizisten mit.

Joe reichte Jake den Zettel. „Bitte rufen Sie diese Telefonnummer an. Das ist im Ausland.“ Eindringlich sah er Jake an. „Es wird sich eine Frau melden. Sagen Sie ihr einfach, dass die Tür offen steht. Nur das. Nichts weiter. Bitte…“

 „Mr. Maxwell, Sie sind  festgenommen“, wiederholte der Polizist und nahm ihn am Arm. „Bitte kommen Sie mit.“

Verblüfft beobachtete Jake, wie Joe Maxwell unter den erstaunten Blicken der Angestellten abgeführt wurde.

 „Rufen Sie dort an“, rief ihm Maxwell noch zu. „Es geht um Leben und Tod.“


Berlin; Appartement; Jessica Burton

Jessica hielt die Waffe auf den Fremden gerichtet. „Lassen Sie Ihre Waffe fallen.“

Der Fremde keuchte und sah sie wachsam an.

 „Sofort!“ Ihre Stimme wurde laut.

Er grinste spöttisch. Blitzschnell richtete er seine Waffe auf sie. Jessica schoss. Der Fremde sackte an der Wand zusammen. Vorsichtig trat Jessica näher und schob die Waffe des Fremden, die ihm aus der Hand gefallen war, zur Seite. Er rührte sich nicht. Sie kniete sich nieder und fühlte nach dem Puls. Er lebte noch, war aber nicht bei Bewusstsein. Behutsam durchsuchte sie seine Taschen. Sie fand etwas Bargeld, aber keinen Ausweis oder sonst etwas Persönliches, dass auf seine Identität hingewiesen hätte. Sie richtete sich wieder auf, unentschlossen, was sie jetzt unternehmen sollte. Sie konnte Henderson von der amerikanischen Botschaft informieren. Schrill klingelte das Telefon in diesem Moment. Erschrocken fuhr Jessica zusammen. Sie ließ es klingeln, bis der Anrufbeantworter anging. Sie hörte die neutrale Bandansage bis zum Piepton, dann eine zögerliche männliche Stimme: „Hallo?“ Eine kurze Pause. „Hallo. Ich soll Ihnen sagen, dass die Tür offen steht.“ Wieder einen Moment Schweigen. „Verflixt. Ich sollte diese Nummer anrufen und die Nachricht weitergeben. Die Nachricht kommt von Joe Maxwell. Mein Name ist Jacob Chandler.“ Dann legte er auf.

Jessica Burton stand wie erstarrt in der Dunkelheit und schloss für einen Moment die Augen. Unglauben und Entsetzen breiteten sich in ihr aus. Dann stieg die Angst in ihr hoch und riss sie aus ihrer Starre. Sie fragte sich nicht mehr, wer der Fremde war. Er war nur ein Vorbote. Schnell fesselte sie ihm mit Klebeband die Hände auf den Rücken. Im Schlafzimmer holte sie den kleinen Reisekoffer aus dem Schrank. Der doppelte Boden war von außen nicht zu erkennen. Sie holte Ersatzpapiere und Bargeld heraus. Sie warf ein paar Kleidungsstücke in den Koffer und zog sich etwas Unauffälliges an. Nur mit dem Koffer in der Hand  und einer Handtasche über der Schulter verließ sie das Appartement, das eine Zeitlang ihr Zuhause gewesen war. Mit einem Taxi ließ sie sich zum Flughafen fahren und informierte während der Fahrt Henderson. Der versprach, sich um den Fremden in ihrer Wohnung zu kümmern. Jessica beendete das Gespräch kurz und knapp ohne Henderson ihre weiteren Schritte mitzuteilen. Sie wusste nicht, ob er abgehört wurde und wem sie sonst trauen konnte. Die Nachricht auf dem Anrufbeantworter hatte sie vor Verlassen der Wohnung gelöscht, aber die Botschaft war unmissverständlich gewesen.

Warum hatte Joe nicht selbst angerufen? Das Taxi hielt. Sie bezahlte und stieg aus. Am Schalter im Flughafen hatte sie ihre Überlegungen  beendet. „Ich muss auf dem schnellsten Wege nach New York.“

 „Einen Direktflug von hier kann ich Ihnen so kurzfristig nicht anbieten“, meinte die freundliche Mitarbeiterin. „Wenn es Ihnen nichts ausmacht über Frankfurt zu fliegen, da geht in einer Stunde noch eine Maschine. Die kann ich für sie buchen und auch den Weiterflug von dort nach New York.“

 „Ja, dann machen Sie das.“

 „Auf welchen Namen darf ich buchen?“

 „Lancaster. Tina Lancaster.“



New York; Hotelzimmer; Jake (Jacob) Chandler, Vincent, ein Fremder

Jake starrte fragend und unsicher auf den Telefonhörer und auf den Zettel in seiner Hand. Es war eine Nummer in Deutschland. Er ärgerte sich über sich selbst. Das war sehr unprofessionell gewesen. Das wusste er selbst. Dafür musste er nicht erst beim FBI arbeiten. Was hatte Maxwell zu ihm gesagt. Er sollte die Botschaft weitergeben. Nichts weiter. Und er hatte seinen und Maxwells Namen genannt. Er hatte sie nicht nur genannt, sondern auf einen Anrufbeantworter gesprochen, wo sie auf Band festgehalten worden waren.

 „Shit.“ Er fluchte laut und legte den Hörer auf, um anschließend in dem Hotelzimmer auf und ab zu laufen. Er hatte sich das Zimmer genommen, weil er den Anruf von einem möglichst neutralen Ort führen wollte. Nachdem Joe Maxwell abgeführt worden war, wusste er, dass dieser Anruf äußerst wichtig sein musste. Er schüttelte den Kopf. Es nutzte nichts. Er würde erst duschen und sich dann überlegen, wie er weiter vorgehen wollte. Vielleicht sollte er noch einmal in die Tunnel und mit seinem Vater reden. Er öffnete seinen Koffer, um ein paar seiner Sachen herauszuholen. Die Jacke hängte er an einen Haken neben der Tür. Dabei fiel ihm der Zettel von Rebekka Rose in die Hand. Die Nummer von Jessica Burton in Berlin. Seinen Fall hatte er in den letzten Stunden völlig vergessen. Irritiert schaute er auf die Nummer und ging hinüber zum Telefon, wo der Zettel von Joe Maxwell lag. Er hielt beide Zettel nebeneinander und erstarrte wie zur Salzsäule.

Jake wusste hinterher nicht mehr, wie lange er auf die beiden Zettel gestarrt hatte. Irgendwann ließ er sich auf das Bett sinken und starrte an die Decke, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen. Er wusste nicht, was er denken oder fühlen sollte. Joe Maxwell hatte Jessica Burton warnen wollen. Die Frau, die Jake in Berlin wegen seinem Fall hatte treffen wollen. Das stand fest und noch etwas anderes. Jessica Burton rief in ihm dieses Gefühl hervor, sie zu kennen. Er hatte ihr Erschrecken im Museum gespürt, ihren schnellen Herzschlag. Er versuchte, sich zu konzentrieren. Spürte er jetzt etwas?

Furcht. Ein Hauch von Gefahr umgab sie. Er versuchte sich zu erinnern, was er von ihrem Aussehen mitbekommen hatte. Sie war schon älter, allerdings schlecht zu schätzen. Mittellanges Haar. Es war alles nur sehr flüchtig gewesen. Und er erinnerte sich an ein Gesicht verdeckt von einer Sonnenbrille an einem Tisch draußen vor einem Restaurant in Berlin. Sie war da gewesen, als er das Gefühl hatte, diesen Herzschlag direkt hinter sich zu spüren. Entschlossen setzte er sich auf. Er würde duschen und dann in die Tunnel zu seinem Vater gehen.

Vincent tat etwas, was er nur noch sehr selten tat. Er ging nach oben. Er spürte Jacob. Wenn er wollte, konnte er fühlen, was sein Sohn dachte. Er spürte Jakes Unruhe und suchte sich einen Weg zu dem Hotel, in dem er abgestiegen war. Zum Glück war es schon dunkel. Erst aufs Dach und dann über die Feuerleiter hinunter bis zu dem Zimmer, das Jake genommen hatte. Auf dem Dach sah Vincent, dass bereits vor ihm eine dunkel gekleidete Gestalt, die Leiter hinunter stieg. In seinem Kopf schrillten die Alarmglocken. Er spürte, dass sein Sohn in Gefahr war, als der Fremde vor dem Fenster stoppte, in dem Jake sich befand. Nur kurz sah Vincent die Waffe in der Hand des Fremden, dann schwang er sich selbst auf die Leiter. Er war nicht mehr so schnell wie früher und musste auf der Leiter aufpassen, um nicht einen Schritt daneben zu setzen. Viel zu langsam kam er hinunter, so schien es ihm jedenfalls. Als er endlich auf der richtigen Etage angekommen war, spähte er durch das offene Fenster. Drinnen kämpfte Jake mit dem Fremden und versuchte, dessen Waffe außer Reichweite zu bringen. Mit einem furchterregenden Gebrüll bahnte sich Vincent einen Weg durch das Fenster. Die Männer in engem Zweikampf erstarrten gleichsam. Vincent zerrte den Fremden von seinem Sohn weg und versetzte dem ungläubig Dreinschauenden einen Hieb mit seiner Pranke. Leblos sank die Gestalt zu Boden. Vater und Sohn blickten einen Moment schweigend auf den Fremden herab.

 „Pa.“ Jake sah seinen Vater verblüfft und dankbar an. „Ich frage jetzt wohl besser nicht, was du hier machst.“

 „Kennst du diesen Mann?“ fragte Vincent mit tiefer Stimme.

Jacob schüttelte den Kopf. „Nein. Den habe ich noch nie gesehen.“

 „Er wollte dich töten.“

 „Vermutlich.“ Jake nickte grimmig. Er bückte sich und begutachtete den Fremden. „Er lebt noch. Vielleicht warten wir bis er zu Bewusstsein kommt und stellen ihm dann ein paar Fragen.“ Jake richtete sich wieder auf. „Pa, warum warst du in der Nähe?“

 „Ich wollte dich beschützen.“

 „Du weißt doch, dass ich das nicht möchte…“

Vincent unterbrach ihn. „Darf ich dich daran erinnern, dass ich gerade rechtzeitig gekommen bin.“

Beide schwiegen sich einen Moment an.

Jake zeigte auf seinen halb entblößten Körper. „Ich hatte gerade geduscht, als der Typ auftauchte.“

Jetzt nahm Vincent die nassen Haare und den feuchten Oberkörper von Jake wahr, der nur mit einer Hose bekleidet war.

 „Ich trockne mich schnell ab. Bitte pass auf unseren ungebetenen Gast auf“, bat er seinen Vater. Nur kurz verschwand Jake im Badezimmer, kam mit einem Handtuch zurück, mit dem er sich abtrocknete. Dann nahm er ein frisches Hemd aus seinem Koffer, das er sich überstreifte. „Pa, ich wäre sowieso noch zu dir gekommen. Ich muss mit dir reden.“

 „Was hast du inzwischen herausgefunden?“

 „Es geht nicht nur darum“, antwortete Jacob. „Es geht auch um den Fall, weshalb ich in Berlin war. Ich bin einer Frau begegnet. Sagt dir der Name Jessica Burton etwas?“

Vincent schüttelte den Kopf.

 „Mein Chef hatte mir den Namen gegeben. Sie soll für die Amerikanische Botschaft in Berlin arbeiten und sich in Sachen von Kunstwerken auskennen. Ich habe also versucht, sie zu treffen, doch anscheinend wollte Mrs. Burton mich nicht treffen.“ Jake hielt einen Moment inne und sah seinen Vater an. „Pa, ich konnte sie spüren. Ich meine, so spüren wie du mich spürst. Ich habe ihren Herzschlag gefühlt.“

Erstaunt sah Vincent seinen Sohn an, der fortfuhr: „Sie hat mich an einem Abend verfolgt, aber das ist mir erst hinterher klar geworden. Am nächsten Tag hätte ich sie beinahe in einem Museum getroffen, doch sie schien vor mir regelrecht die Flucht zu ergreifen.“

 „Kam sie dir bekannt vor?“ fragte Vincent.

 „Nein.“ Jacob schüttelte den Kopf. „Weißt du, sie war schon älter, aber sie war so schnell verschwunden, dass ich ihr Gesicht gar nicht richtig sehen konnte. Und an dem ersten Abend hatte sie eine große Sonnenbrille getragen.“

 „Bist du sicher, dass du sie gespürt hast und nicht eine andere?“

 „Pa. Ich habe ihre Angst gespürt. Sie wollte nicht von mir entdeckt werden.“ Das wurde Jake erst jetzt so richtig klar. „Aber das ist noch nicht alles“, fuhr er fort. „Ich war heute bei Joe Maxwell.“

Vincent sah seinen Sohn plötzlich wachsam an.

 „Er wurde heute unter einem fadenscheinigen Vorwand festgenommen. Er konnte mir gerade noch einen Zettel zustecken mit einer Telefonnummer. Er bat mich, dort anzurufen und die Frau am anderen Ende der Leitung zu warnen. Ich habe dort angerufen und auf den Anrufbeantworter gesprochen. Es war eine deutsche Rufnummer in Berlin. Inzwischen habe ich festgestellt, dass es die Nummer von Jessica Burton ist, weil mir eine Mitarbeiterin vom Museum ihre Nummer gegeben hatte.“

 „Was wolltest du von Maxwell?“ fragte Vincent.

 „Ich wollte wissen, warum er mit allen Mitteln die Baumaßnahmen am Friedhof verhindern wollte.“

Vater und Sohn sahen sich schweigend an. In beiden arbeitete es sichtlich.

 „Irgendwie hängt das alles zusammen“, meinte Jake.

In diesem Moment machte sich der Fremde zu ihren Füßen mit einem Stöhnen bemerkbar.



New York; Jessica Burton, Jenny Aronson, Joe Maxwell

Jessica Burton alias Tina Lancaster erreichte New York am nächsten Tag. Als sie aus dem Flughafengebäude trat atmete sie tief durch und schloss für einen Moment die Augen. Sie war zu Hause. Es war das zweite Mal seit… Sie schüttelte den Kopf. Die trüben Gedanken nutzten ihr nichts. Sie war nicht aus Sentimentalität zurückgekommen und auch nicht aus der endlosen Sehnsucht, die sie erfüllte. Es war ernst. Sehr ernst. Dabei hätte sie eine kurze Pause so dringend nötig gehabt nach dem langen Flug. Sie fühlte, dass sie nicht mehr die Jüngste war. Mit ihrem kleinen Koffer bestieg sie ein Taxi und ließ sich in die City bringen. Auch wenn es gefährlich war, musste sie eine Freundin aufsuchen. Sie betrat das Hochhaus offiziell durch den Vordereingang und fuhr mit dem Fahrstuhl in die 21. Etage hoch. Am Empfang wurde sie aufgehalten.

 „Was wünschen Sie bitte?“ fragte die Dame.

 „Ich möchte zu Jenny Aronson.“

 „Sind Sie angemeldet?“

 „Nein.“ Sie griff in ihre Handtasche und holte ein schmales Buch hervor. „Bitte geben Sie Mrs. Aronson das Buch und sagen Sie ihr, es ist wichtig.“

 „Aber Mrs. Aronson darf zur Zeit nicht gestört werden.“

 „Ich warte solange“, antwortete Jessica alias Tina mit entschlossener Miene und signalisierte somit deutlich, dass sie sich nicht von der Stelle bewegen würde.

Die Empfangsdame verschwand für ein paar Minuten. Als sie wieder auftauchte nahm sie Jessica mit und führte sie durch zwei lange Gänge zu einem etwas abseits gelegenen Besprechungszimmer.

 „Mrs. Aronson ist sofort bei Ihnen“, sagte sie nur noch und ließ Jessica allein.

Sie wartete. In der Hand hielt sie noch immer den Reisekoffer, den sie auf zwei Rollen mit sich zog, als sie zum Fenster ging und hinausblickte. Wehmütig sah sie die City von New York zu ihren Füßen liegen. Die Tür öffnete sich und gedankenverloren drehte sie sich um.

 „Hallo Jenny“, begrüßte sie die Eintretende.

Nach dem Gespräch mit Jenny verließ sie das Hochhaus durch einen Hinterausgang. Jenny hatte ihr widerstrebend ein Zimmer besorgt, auch wenn sie wiederholt angeboten hatte, sie könne bei ihr übernachten. Doch das war viel zu gefährlich. Sie nahm ein weiteres Taxi und nannte dem Fahrer die Adresse, die sie von Jenny hatte. Durch den dichten Verkehr kamen sie nur langsam voran. Jessica war müde, sehr müde. Endlich hielt das Taxi und sie stieg aus. Sie stand vor einem typischen Wohnhaus, mit zahlreichen Apartments. Doch sie ging nicht hinein, sondern setzte sich mit ihrem Koffer auf eine Bank ein paar Meter weiter. Es dauerte nicht lange, bis ein älterer Mann in Anzug und mit schlohweißem Haar zu ihr trat. Sie stand auf und einen Moment schien es, als wolle er sie umarmen. Doch es war zu viel Zeit vergangen, seitdem sie sich das letzte Mal gesehen hatten.

 „Hallo Joe“, sagte sie stattdessen nur.

 „Hallo“, murmelte er benommen, als könne er noch immer nicht glauben, dass sie vor ihm stand.  Er starrte sie regelrecht an.

Unruhig sah sie sich um. „Wir sollten hier nicht stehen bleiben“, mahnte sie.

Er nickte nur.

 „Gibt es irgendwo ein Café, wo wir uns hinsetzen können?“ fragte sie.

Er nickte wieder und setzte sich in Richtung der nächsten Straßenecke in Bewegung. Doch er berührte sie nicht, so als wäre sie ein Geist.

Als sie sich in dem kleinen Coffee-Shop an einem abgeschirmten Tisch gegenüber saßen, starrte er sie noch immer sprachlos an.

 „Joe“, mahnte sie leise. „Wir müssen reden. Ich habe deine Warnung erhalten. Allerdings etwas spät, denn da hatte ich schon ungebetenen Besuch erhalten. Was ist passiert?“

Endlich besann er sich. „Es wurden Bauarbeiten am Friedhof genehmigt. Dabei sollten Gräber verlegt werden. Ich habe alle Mittel genutzt, um das zu verhindern. Auch nicht ganz legale. Trotzdem sind sie damit durchgekommen.“

Sie verzog das Gesicht.

 „Den Rest kannst du dir denken“, beantwortete er ihren Gesichtsausdruck. „Die Presse hat ihr übriges getan. Ich wurde für einen Tag in Arrest genommen. Wie ich schon sagte, habe ich alles versucht, um das Ganze aufzuhalten. Jetzt bin ich suspendiert, aber das ist ja nichts Neues für mich.“

Bestürzt sah sie ihn an. „Durch die Presse wird jeder davon Bescheid bekommen haben“, schlussfolgerte sie.

 „Ich hätte nicht gedacht, dass sich die Konsequenzen bei dir so schnell bemerkbar machen“, meinte Joe.

 „Ich vermute eine undichte Stelle in der Botschaft in Berlin“, meinte sie.

Er runzelte besorgt die Stirn. „Wie bist du hier her gekommen?“

 „Keine Sorge“, antwortete  sie, „ich habe einen anderen Namen benutzt. Einen, den keiner kennt, auch nicht die Leute vom Zeugenschutzprogramm. Trotzdem bin ich jetzt nirgendwo mehr wirklich sicher.“

Er nickte. „Ich fürchte, nicht nur du.“

 „Ich weiß, es war ein Risiko nach New York zu kommen.“

Joe zuckte mit den Schultern. „Ich kann verstehen, dass es jetzt für dich keine Rolle mehr spielt.“

 „Wirklich?“ fragte sie.

Er zögerte.

Sie hakte nach. „Warum hast du nicht selbst angerufen? Ich habe deine Nachricht empfangen auf dem Anrufbeantworter.“

 „Verdammt. Die Polizei hat mich festgenommen“, versuchte Joe sich zu rechtfertigen. „Da war ein FBI-Agent in meinem Büro.“ Jetzt wurde er leiser. „Ich musste schnell handeln. Er hieß Chandler.“ In Joes Augen las sie die unausgesprochene Frage.

 „Schön. Er hat deinen und seinen Namen auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. Wer immer mein Telefon zu dem Zeitpunkt abgehört hat, weiß Bescheid. Joe, du bist auf jeden Fall in Gefahr.“

Joe war nicht beeindruckt von ihren Worten. „Das weiß ich längst.“ Er zögerte einen Moment. „Er war nochmal bei mir. Jacob Chandler. Heute Morgen. Er wollte Dinge von mir wissen, die ich ihm nicht sagen konnte und auch nicht sagen wollte. Aber er weiß irgendetwas. Verdammt Radcliffe, sag mir endlich, wer der Kerl ist.“


New York; ein altes Lagerhaus; Jake (Jacob) Chandler, Danny, der fremde Angreifer

Entnervt betrat Jake den Verschlag in einem alten verfallenen Lagerhaus. Danny, ein Helfer, der zusammen mit Jake in den Tunneln aufgewachsen war, hatte den Gefangenen bewacht.

 „Irgendetwas Neues?“ fragte Jake.

Danny schüttelte den Kopf. „Er schweigt weiter vor sich hin. Wenn man ihn anspricht, grinst er nur blöd.“

Jake fuhr sich mit den Fingern gereizt durch die Haare. Der Besuch bei Joe Maxwell hatte ihn frustriert. Nichts hatte er herausbekommen. Keine Antworten auf seine Fragen. Joe Maxwell mochte persönliche Gründe für sein Handeln haben, aber es mussten gewichtige Gründe sein, wenn er dafür seinen Job riskierte. Jake zwang sich, praktisch zu denken.

 „Konntest du irgendetwas auf seinem Smartphone finden?“

 „Einige von den gelöschten Daten konnte ich wieder herstellen. Außerdem habe ich den GPS-Verlauf rekonstruiert. Er hat sich in der letzten Woche ein paar Mal an einer Adresse in Lower West aufgehalten. Das ist ein Hochhauskomplex mit Büros.“ Danny reichte Jake einen Zettel mit Adresse.

 „Ist er wach?“ fragte Jake und nickte zu der angrenzenden Tür.

 „Ich denke schon“, meinte Danny.

Jake öffnete die Tür. Sie hatten die Verletzungen des Fremden einigermaßen versorgt. Er hatte Glück gehabt, dass sein Vater nicht mehr die Kraft wie früher hatte. Jake nahm sich einen Stuhl und setzte sich dem an einen Stuhl Gefesselten gegenüber.

 „Haben Sie inzwischen überlegt, mit uns zu kooperieren?“

Der Fremde sah ihn aus trüben Augen an und schwieg.

 „Hören Sie“, meinte Jake, „Sie können uns viel Zeit ersparen. Warum wollten Sie mich umbringen? Wer hat Sie geschickt.“

Der Fremde grinste nur und schwieg.

 „Gut.“ Jake stand auf und wandte sich zum Gehen. „Dann warten wir.“

 „Die werden Sie finden.“ Das waren die ersten Worte des Fremden. „Und mich auch.“

 „Was meinen Sie damit?“ fragte Jake.

 „Ich habe den Auftrag nicht ausgeführt. Die verstehen da keinen Spaß.“

 „Wer sind die?“

Jetzt kam Jakes Gefangener ins Plaudern. „Ich sollte Sie ausschalten. Jetzt werden andere kommen.“

 „Warum wollen die mich ausschalten?“

Der Fremde schwieg einen Moment. Dann: „Ich sollte nur einen Auftrag ausführen.“

 „Mich umzubringen?“

Der Fremde nickte. Jake überlegte. Wenn sein Gegenüber ein Auftragskiller war, wusste er womöglich wirklich nichts über die Hintergründe. Eigentlich müsste er jetzt seine Dienststelle einschalten, aber diese Sache hatte einen persönlichen Hintergrund. Niemand in seinem beruflichen Umfeld wusste, wo er wirklich aufgewachsen war. Er musste das Geheimnis um die Tunnel wahren, damit sein Vater in Sicherheit war. Doch warum sollte er plötzlich umgebracht werden?  „Wann haben Sie den Auftrag erhalten?“ fragte er.

 „Nicht einmal eine Stunde bevor ich bei Ihnen war. Es ging sehr schnell.“

Jake musste nicht lange überlegen, was in dieser Stunde im Hotel passiert war. Er hatte nach Deutschland telefoniert. Es lief alles auf diese Frau hinaus. Verflixt. Und Joe Maxwell wollte nicht mit ihm reden. Er stand auf und ging hinaus.

 „Pass bitte weiter auf ihn auf“, sagte er zu Danny. „Ich gehe nach unten.“


New York; in den Tunneln und in der Lagerhalle; Vincent, Jake (Jacob) Chandler

Vincent war seit den neuesten Entwicklungen nicht mehr wirklich zur Ruhe gekommen. Neben der Sorge um seinen Sohn beschäftigte ihn mehr und mehr die Vergangenheit, die er so gerne hätte ruhen lassen. Es tat weh. Aber er spürte, dass tief in den Erinnerungen eine Antwort auf die jüngsten Ereignisse zu finden war. Jake wollte Joe Maxwell aufsuchen, aber Vincent bezweifelte, dass es etwas bringen würde. Es gab einen Zusammenhang, den sie noch nicht erkannten.

 „Pa?“ Jake betrat seine Kammer.

 „Hast du etwas herausgefunden?“ fragte Vincent.

 „Von Joe Maxwell nichts. Er verschweigt beharrlich etwas.“

Vincent nickte. Jake fuhr fort: „Unser Gast hat angefangen zu reden. Anscheinend hat er ziemlich kurzfristig den Auftrag erhalten, mich aus dem Weg zu räumen. Er meinte, seine Auftraggeber würden wieder kommen. Danny konnte etwas über das Handy heraus bekommen. Anscheinend war er in der letzten Woche häufiger bei ein und derselben Adresse gewesen.“

 „Was hast du nun vor?“ fragte Vincent.

 „Ich werde zu dieser Adresse fahren und mich dort umsehen.“

 „Wo ist das?“

Als Jake ihm die Adresse nannte, erstarrte sein Vater.

 „Was ist los?“ fragte Jake überrascht.

 „Seid ihr sicher?“

 „Ja. Danny ist ziemlich gut darin, aus diesen Telefonen alle möglichen Daten heraus zu ziehen.“

Vincent schwieg einen Moment. Dann: „Du solltest dort nicht allein hingehen.“

 „Ich weiß. Auch wenn ich sonst immer auf meine Selbständigkeit Wert lege, hatte ich die Hoffnung, dass du in der Nähe sein könntest.“

Vincent schloss für einen Moment schmerzhaft die Augen. „Ja“, sagte er, „ich werde in der Nähe sein.“

Vincent begleitete Jake nach oben. Sie wollten nur kurz nach Danny und dem Gefangenen sehen. Doch als sie sich dem Lagerhaus näherten, spürten sie, dass etwas nicht stimmte.

 „Danny“, rief Jake laut, doch es kam keine Antwort. Der Raum, in dem Danny sich aufgehalten hatte, war leer. Die Tür zum zweiten Raum stand offen. Jake fand den Gefangenen tot auf dem Boden. Vincent blieb in der Tür stehen und sah sich wachsam um. Auf dem Toten lag ein Zettel: ‚Wenn Sie Ihren Freund lebend wiedersehen wollen, kommen Sie um elf zur 23. Straße, Ecke 10. Avenue‘. Blass nahm Jake den Zettel und reichte ihn seinem Vater. „Sie haben Danny.“

Vincent nickte. „Das ist eine Falle.“

 „Wir haben keine andere Wahl, wenn wir Danny retten wollen.“


New York; an dem Hochhaus; Jake (Jacob) Chandler, Vincent, Angreifer, Jessica Burton

Jake fühlte die innere Unruhe und Anspannung in sich, als er sich auf den Weg machte. Und er spürte noch etwas anderes. Etwas ganz nah. Diesen fremden Herzschlag und Gedanken voller Unruhe und Angst, die sein eigenes Unbehagen noch verstärkten. Sie war hier. In New York. Aber warum? Er ließ sich mit dem Taxi bringen und stieg zwei Blocks vorher aus. Er hatte seine Waffe griffbereit und wusste, wo sein Vater warten würde. Dann endlich stand er vor dem Hochhaus. Er blickte an dem Gebäude hinauf. Alles war dunkel. Er war sich nicht sicher, wie es jetzt weiter gehen sollte. Plötzlich spürte er jemanden hinter sich. Ein Revolver bohrte sich in seinen Rücken.

 „Schön langsam“, hörte er eine Stimme hinter sich. „Wir gehen jetzt zusammen die nächste Straße rein.“ Die Stimme hatte einen fremdländischen Akzent, nahm Jake am Rande wahr. Die Seitenstraße entpuppte sich als Sackgasse, die vor einer Wand endete.

 „Wo ist mein Freund?“ fragte Jake.

 „Dem geht es noch gut“, flüsterte die Stimme in seinem Rücken.

Plötzlich war in der Nähe das laute Gebrüll eines Tieres zu hören. Jake nutzte die merkliche Überraschung seines Gegners, drehte sich blitzschnell um und schlug ihm die Waffe aus der Hand. Er packte ihn am Kragen. „Wo ist Danny?“ Mehr konnte er nicht fragen, als sein Gegner durch eine Maschinengewehrsalve von hinten tödlich getroffen zusammensackte. Jake warf sich hinter einen großen Müllcontainer. Wieder hörte er das Brüllen und wusste, dass sein Vater in der Nähe war. Er hörte den Kerl mit der Maschinenpistole näher kommen und lugte um die Ecke des Containers. Sie waren zu dritt. Jake zog seine Waffe. Er war ein guter Schütze. Kurz erhob er sich, zielte auf den ersten und schoss. Nur am Rande nahm er wahr, dass der Kerl zusammen sackte, bevor er wieder in Deckung ging. Es folgte eine Maschinengewehrsalve, die am Container abprallte. Jake atmete hektisch. Dann hörte er seinen Vater nahe und spähte über den Container hinweg. Vincent hatte den Kerl mit der Maschinenpistole in seinen Klauen. Jake versuche den anderen ins Visier zu nehmen, wobei er ihn nicht tödlich treffen wollte. Sie brauchten dringend Informationen. Der andere rannte jedoch entsetzt von Vincents Aussehen die Straße zurück, bis er von einem Schuss getroffen zusammensank. Vincent hatte seinen Gegner niedergerungen, doch am Ende der Straße standen noch zwei bewaffnete Männer und schossen. Wie in Zeitlupe sah Jake wie sein Vater scheinbar von einer Kugel getroffen zu Boden ging.

 „Pa!“ schrie er laut. Er feuerte in Richtung der beiden Männer und lief zu seinem Vater. „Pa“, rief er nochmal und zog Vincent hinter den Container. Einen der Männer hatte er getroffen, doch sein Magazin war leer. Er hörte die Schritte des anderen näher kommen. Vincent stöhnte und richtete sich auf. „Verschwinde Jake. Ich halte ihn auf.“

 „Nein“, rief Jake. „Ich lasse dich nicht allein.“

In dem Moment hatte der Kerl sie erreicht. Er richtete seine Waffe auf Jake bereit zum Abdrücken.

 „Nein“, stöhnte Vincent und wollte sich schützend vor seinen Sohn werfen, als ein weiterer Schuss die Nacht zerriss.

Jake und Vincent sahen noch die Überraschung in den Augen des Mannes als dieser tot zu Boden sank. Ein paar Meter weiter hinter ihm stand eine Frau mit gezückter Waffe. Sie ließ den Arm langsam sinken und kam näher.

 „Halt“, rief Jake, „warten Sie. Kommen Sie nicht näher.“ Sein Herz pochte wie verrückt.

Nur kurz hielt sie einen Moment zögernd inne, bevor sie weiter ging. Vincent lag keuchend am Boden. Jake versuchte ihn schützend zu decken, als die Fremde vor ihnen stehen blieb. Jake erkannte sie. Sie war es. Jessica Burton. Sie sah ihn nur kurz an, bevor sie sich mit wehmütiger Miene zu seinem Vater niederkniete. Zärtlich hob sie die Hand an Vincents Gesicht, der  atemlos keuchte: „Catherine!“


New York; in den Tunneln; Vincent, Catherine, Jake, Mouse

Von Ferne hörte Jake Polizeisirenen. Wie gebannt starrte er auf die beiden Personen vor sich. Die Zeit stand still. Er konnte nicht wirklich begreifen, was hier vor sich ging. Als er sich kurz umblickte, sah er die toten Männer auf der Straße liegen. Endlich rappelte sein Vater sich auf, noch immer im Blick der Frau gefangen. Er schien seine Verletzung vergessen zu haben. Plötzlich erwachte auch die Fremde aus ihrer Erstarrung. Die Polizeisirenen wurden lauter.

 „Wir können hier nicht bleiben“, sagte sie mit heiserer Stimme. Dabei sah sie die ganze Zeit Vincent an. Langsam richteten sie sich gemeinsam auf.

 „Stütz dich auf mich“, ergriff Jake die Initiative an seinen Vater gewandt.

 „Es geht schon“, antwortete er rau. „Ich kann laufen.“

 „Ist hier in der Nähe ein Zugang zu den Tunneln?“ fragte Catherine.

 „Ja“, sagte Jake und setzte sich bereits in Bewegung. Nur knapp vor Eintreffen der Polizei konnten sie die Straße verlassen und in der Dunkelheit verschwinden. Wortlos stiegen die drei durch den Eingang zwei Blocks weiter hinab in die Tunnel. Kurz hielten sie inne, als sie auf der bewohnten Ebene ankamen.

 „Geht es einigermaßen“, fragte Jake seinen Vater.

 „Es ist nichts weiter. Der Schuss hat mich nur gestreift.“

Schweigend setzten sie sich wieder in Bewegung. Jake spürte die ängstliche Nervosität der Frau neben sich. Er fühlte sie und ihre Gedanken. Und während er weiter ging, wurde ihm die ganze Tragweite seiner Empfindungen und ihrer Bedeutung bewusst.

Es war ein langer Weg tief unter den Straßen New Yorks. Und das Schweigen sprach seine eigene Sprache. Da es Nacht war, begegneten sie niemandem, als sie in den bewohnten Bereich kamen. Die meisten Bewohner der Tunnel schliefen.

Als sie in Vincents Kammer angekommen waren, ergriff Jake wieder das Wort: „Wir müssen uns um deine Verletzung kümmern.“ Er griff nach dem Mantel seines Vaters.

Catherine war am Eingang stehen geblieben. Sie nahm den Raum in sich auf, als sähe sie ihn zum ersten Mal und hätte nicht tausende Male davon geträumt. Von dieser Kammer und von den Tunneln, in dem Wissen, all dies nie wiederzusehen.

Vincent wollte seinen Sohn unwirsch abwehren. Catherine trat hinzu und berührte ihn an der Schulter. „Komm, lass uns die Verletzung verbinden“, sagte sie leise. Vincent sah sie an und gab nach einem kurzen Zögern nach.

 „Halten Sie sich da raus“, entfuhr es Jake in diesem Moment barsch. „Ich mache das.“

Erschrocken von seinem Tonfall hielt sie einen Moment inne, nahm dann aber Vincent wortlos den Mantel ab. Sie legte ihn auf die Liege, die noch immer an der gleichen Stelle stand. Jake nahm eine Schüssel mit Wasser und einen sauberen Lappen. Catherine sah seine fahrigen Bewegungen und unterbrach ihn erneut: „Lass mich das machen.“

 „Hören Sie Lady, ich weiß zwar nicht, wer Sie sind, aber…“

 „Jacob“, unterbrach ihn Vincent mit rauer Stimme. „Du weißt, wer sie ist.“

Jake verharrte angesichts der ausgesprochenen Tatsache. Er merkte nicht, wie Catherine ihm den Lappen aus der Hand nahm und die Wunde an Vincents Schulter auswusch. Stumm sah er ihr zu. Als sie sich über seinen Vater beugte, glitzerte etwas baumelnd an einer Kette um ihren Hals. Er betrachtete ihr Gesicht, das sichtbare Spuren vom Leben zeigte und nahm eine blasse lange Narbe vor ihrem linken Ohr wahr.

 „Bitte hilf mir mit dem Verband“, sprach sie ihn auffordernd an. Und Jake half ihr.

Als sie mit dem Verband fertig waren, lehnte sich Vincent in dem großen Stuhl mit den Armlehnen zurück und schloss für einen Moment die Augen. Catherine fühlte wieder diese bleierne Müdigkeit in sich aufsteigen. Sie setzte sich auf einen Stuhl und wartete ab. Sie wusste, dass beide Männer Zeit brauchten. Andererseits hatten sie keine Zeit.

 „Jake, bitte lass uns allein.“ Vincents Stimme klang ruhig.

Jake stand vor ihnen und sah von einem zum anderen. „Nein.“

Vincent wollte nachdrücklicher werden, doch Catherine kam ihm zuvor. „Lass ihn. Es betrifft auch ihn.“

Nun wandte Vincent den Blick zu ihr, als sähe er sie erst jetzt in dieser Kammer. „Du warst tot“, brach es aus ihm heraus. „Ich… ich habe dich in den Armen gehalten. Ich habe dich getragen…“

Sie hörte den Schmerz in seiner Stimme und sah ihn wortlos an. Er hatte sich verändert. Dreißig Jahre waren eine lange Zeit.

 „Ich habe dich in dein Appartement gebracht und bin bei dir geblieben.“

Sie schloss kurz die Augen. „Koma. Ich lag im Koma. Ich erwachte eine Woche nachdem der Notarzt festgestellt hatte, dass ich noch lebte.“

 „Was geschah dann?“

 „Joe organisierte, dass ich in ein Zeugenschutzprogramm kam.

 „Du wusstest, dass unser Sohn zu diesem Zeitpunkt entführt war von diesem ….“ Vincent fehlten die Worte.

 „Ich weiß“, sagte sie ruhig. „Für Joe bestand die einzige Möglichkeit gegen ihn und andere vorzugehen darin, dass ich als Zeugin zur Verfügung stand. Nur so konnten nach Gabriels Tod die ganzen Hintermänner festgenommen werden.“

 „Fuck“, fuhr Jake dazwischen. „Der Kerl hatte mich als Baby entführt. Was hätten Sie getan, wenn Pa mich nicht befreit hätte.“

Catherine ignorierte die förmliche Anrede ihres Sohnes und sah ihn unverwandt an. „Ich habe darauf vertraut, dass dein Vater dich findet. Und das hat er ja auch.“

 „Woher wusstest du das?“ fragte Vincent.

 „Peter“, antwortete sie leise.

Vincent atmete schwer. „Du hattest weiter Kontakt zu Peter?“ Er fühlte sich getäuscht.

Sie nickte. „Bis zu seinem Tod.“

Sie sahen sich an und nichts schien die Mauer aus Zeit, Trennung und Täuschung überwinden zu können.

 „Warum bist du jetzt hier?“ Vincents Stimme klang distanzierter. Er zog sich innerlich zurück.

 „Meine Identität ist…“, sie zögerte kurz und sah ihren Sohn mit einem schiefen Lächeln an, „aufgeflogen.“

Misstrauisch beäugte Jake sie. „Die Identität von Jessica Burton?“

Sie nickte. „Es war nicht geschickt, am Telefon Joes Namen zu nennen und deinen eigenen.“

 „Verdammt. Ich sollte Sie warnen. Joe Maxwell hatte mir Ihre Telefonnummer gegeben.“

 „Durch die Sache mit dem Friedhof wissen auch die Leute Bescheid, gegen die ich ausgesagt habe“, sagte Catherine.

Vincent versuchte seine Sprachlosigkeit zu überwinden. Sein Leben, das in den letzten Jahren vor sich hin gedämmert hatte, überschlug sich nun. Sein Herz pochte schmerzhaft und laut.

 „Ich sollte wieder nach oben“, durchbrach Catherine die Stille.

 „Und wo willst du hin?“ fragte Vincent.

 „Ich habe ein Zimmer in einem Hotel.“

 „Bestimmt nicht auf den Namen Jessica Burton“, riet Jake.

 „Du bist da oben nicht sicher“, stellte Vincent fest.

 „Das bin ich schon seit Jahren nicht. Viele der einst Verurteilten sind wieder auf freiem Fuß.“

Eigentlich müsste er ihr anbieten zu bleiben, dachte Vincent. Doch er sagte nichts.

 „Ich muss Joe informieren, was heute Abend passiert ist“, fuhr sie fort und nahm ihre Jacke.

 „Sie haben immer noch Danny“, widersprach Jake. „Wir müssen etwas unternehmen.“

Catherine runzelte fragend die Stirn.

 „Danny ist Jacobs Freund. Sie sind zusammen aufgewachsen“, erklärte Vincent.

 „Er hatte auf einen Gefangenen aufgepasst, der vorgestern versucht hat, mich umzubringen“, setzte Jake aufgebracht hinzu. „Nur eine Stunde nachdem ich auf den verdammten Anrufbeantworter in Berlin gesprochen hatte.“

 „Joe Maxwell hat genügend Kontakte, um etwas herauszufinden“, meinte Catherine.

 „Vielleicht ist Danny schon tot.“ Jakes Stimme wurde laut. „Sie wissen doch gar nicht, wie die Dinge jetzt hier laufen“, redete er sich weiter in Rage. „Sie kommen hierher und meinen, Sie könnten im Nu alles wieder in Ordnung bringen.“

Sie sah ihn an und antwortete mit ruhiger Stimme. „Nein, das glaube ich nicht.“

 „Sie können gar nichts machen“, meinte Jake weiter. „Sie existieren gar nicht. Ich bin FBI-Agent. Überlassen Sie das mir.“ Er stürmte hinaus.

Vincent starrte vor sich hin. „Warum bist du damals nicht zurückgekommen? Du hättest zu mir in die Tunnel kommen können.“ Der Vorwurf lag unüberhörbar in seiner Stimme.

Sie seufzte tief. „Es war nicht möglich.“ Ihre Stimme klang brüchig.

Er schlug hart mit der Hand auf den Tisch. Der einzige Gefühlsausdruck, den er sich erlaubte. In diesem Moment kam eine Gestalt in zerfleddertem Umhang in den Raum gestürmt.

 „Vincent“, sagte der Mann mit strubbeligem Haar. „Ich habe so spät noch Stimmen gehört…“ Er hielt inne und sah die Frau im Raum an.

 „Mouse?“ rief Catherine überrascht. „Bist du das?“

 „Wer zum Teufel sind…“ der Rest erstarb ihm auf den Lippen. Er trat erschrocken einen Schritt zurück.

Wehmütig sah sie ihn an. „Ich bin es wirklich Mouse.“

 „Catherine. Du… du lebst?“

 „Ja, wie du siehst.“

Mouse sah von ihr zu Vincent und wieder zurück.

  „Gut. Okay“, meinte er dann, „ihr habt sicher viel zu besprechen.“ Er wollte sich schon abwenden, da fragte er Catherine: „Du bleibst doch, nicht wahr?“

Sie konnte nur hilflos mit den Schultern zucken und sah zu Vincent hinüber.

 „Gut, dann bis später“, meinte Mouse nur und verschwand.

Drückendes Schweigen bereitete sich in der Kammer aus.

 „Ich…“, begann Catherine, „ich wollte dir noch sagen, dass…, du hast ihn gut erzogen.“

 „Ich habe es versucht“,  antwortete Vincent rau. „Ihm fehlte die Mutter.“ Er ballte die Hand zur Faust.

Sie sah ihn zunächst stumm an.

 „Ich sollte jetzt besser gehen.“ Sie wandte sich ab und hoffte insgeheim auf ein Wort von ihm.

Er schwieg und wandte den Blick ab. Sie ging. Er hielt sie nicht zurück.



New York; in den Tunneln; Jake (Jacob) Chandler

Jake lief zunächst ziellos durch die Tunnel bis er sich an einem Ausgang nach oben widerfand. Er hatte weggehen müssen. Fort von den beiden Menschen, die seine Eltern waren. Ein plötzliches Schuldgefühl überkam ihm, dass er seinen Vater allein zurückgelassen hatte, aber ganz so war es ja nicht. Diese Frau…, ihm fiel es schwer, in ihr seine Mutter zu sehen. Er kannte sie unter dem Namen Jessica Burton. Seine Mutter, das war für ihn bislang ein Grab auf einem Friedhof gewesen, keine lebendige Person, die sprach und ein Gesicht hatte. Wenn er ihr glauben konnte, steckte sie tief in Schwierigkeiten. Schwierigkeiten, die er am eigenen Leib erfahren hatte. Er sollte endlich seine Kollegen einschalten, auch wenn er nicht wusste, wem er in dieser Angelegenheit trauen konnte.



New York; in den Tunneln; Catherine, Mouse

Catherine hatte Mühe, sich in den Tunneln zurecht zu finden. Erneut fühlte sie diese bleierne Müdigkeit. Nach all den Jahren fiel es ihr schwer, sich an die Wege zu erinnern. Es gab so viele Einzelheiten an die sie sich jeden Tag erinnert hatte, aber manche Wege änderten sich im Lauf der Zeit. Zum Glück stieß sie auf Mouse.

 „Mouse“, sprach sie ihn von hinten an. Er schien scheinbar mit irgendetwas beschäftigt zu sein, und als er sich zu ihr umwandte hielt er einen Kasten in der Hand aus dem verschiedene Drähte ragten. Sie sah ihn genauer an. Er war wie sie älter geworden und wirkte nicht mehr wie ein überdrehter Junge, der immer neue Einfälle hatte, die gut oder schlecht sein konnten. Er lächelte sie an, stellte den Kasten auf den Boden und umarmte sie spontan. „Catherine“, sagte er nur, „du bist es wirklich, nicht wahr.“

Spontan musste sie lächeln. Das war die erste Umarmung seit…, sie wusste es nicht mehr wie lange es schon her war.

 „Mouse“, sagte sie nochmal, „kannst du mich nach oben bringen? Ich fürchte, nach all der Zeit kann ich mich nicht mehr genau erinnern.“

 „Du bist doch gerade erst wieder da“, antwortete Mouse bestürzt. „Du kannst nicht gehen. Wo ist Vincent?“ Wenn er redete, überschlug sich seine Stimme noch immer leicht.

 „Er ist in seiner Kammer“, antwortete Catherine ruhig. „Bitte bring mich nach oben.“

 „Aber…“, wollte er zunächst widersprechen, sichtlich unzufrieden. „Komm“, sagte er dann und stapfte los. Catherine folgte ihm bis zum Ausgang am Central Park.

Sie wandte sich zu ihm. „Danke Mouse.“

Er schien nicht glücklich über den Abschied. „Du musst wieder kommen. Alle müssen  erfahren, dass du lebst.“

 „Mouse“, versuchte sie ihn zu bremsen, „sag bitte nichts. Es ist wichtig. Bitte“, sprach sie eindringlich auf ihn ein.

 „Okay“, sagte er dann und umarmte sie ein weiteres Mal. „Du bist da und du lebst. Das ist das Wichtigste.“

Sie ging zu ihrem Hotel. In ihrer Jackentasche befand sich noch immer ihr Revolver. Vorsichtig betrat sie ihr Zimmer, doch es war niemand da. Es war relativ unwahrscheinlich, dass sie herausgefunden hatten, wo sie sich aufhielt. Joe wusste mit Sicherheit schon über die Ereignisse von heute Abend Bescheid. Sie zog ihre Jacke und die Schuhe aus. Diese unendliche Müdigkeit zog durch ihre Glieder, verursacht von zu wenig Schlaf in den letzten  Tagen. Sie legte sich aufs Bett und dachte, sie könnte endlich schlafen. Doch als sie die Augen schloss, sah sie Vincent vor sich. Er hatte sich verändert und war doch derselbe. So viele Jahre hatte sie nur von der Erinnerung gezehrt. Wie oft hatte sie sich vorgestellt, wie es wäre, wenn sie ihn noch einmal sehen und mit ihm sprechen könnte. Ihr Auftauchen hatte ihn verstört. Natürlich. Das war kein Wunder. Für ihn war sie seit dreißig Jahren tot und ihr Erscheinen musste ihm wie ein Betrug vorkommen. Sie hatte alles getan, um das Geheimnis um ihn zu wahren, in der Hoffnung, dass er und ihr Sohn dann in Sicherheit wären. Und sie würde es immer wieder tun. Mit diesem Gedanken schlief sie endlich ein.



New York; in den Tunneln; Vincent, Mouse

Vincent schlief nicht in dieser Nacht. Versteinert saß er in seiner Kammer. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Nichts konnte ihn trösten oder beruhigen. Er hörte Mouse kommen, noch ehe er den Raum betrat.

 „Was ist los? Warum ist Catherine gegangen?“

Vincent antwortete  ihm nicht. Wie sollte er Mouse erklären, was in ihm vorging. Diese Frau war Catherine und doch auch eine Fremde. Und er wusste nicht, ob er wirklich wollte, dass diese Fremde an die Stelle seiner Erinnerungen von Catherine trat. Er sagte weiterhin nichts, und Mouse ging irgendwann. Allein blieb er zurück versunken in Erinnerungen und Träume und unmöglichen Hoffnungen.



New York; Büro des Staatsanwalts; Catherine, Joe Maxwell, Jake (Jacob)

Joes Suspendierung war aufgehoben worden, wie Catherine am anderen Morgen durch die Zeitung erfuhr. Von einer Schießerei mit Toten las sie nichts. Trotzdem war sie sicher, dass Joe darum Bescheid wusste.  Der Schlaf hatte ihr kaum Erholung gebracht. Mit dem Aufwachen kamen die Erinnerungen zurück. Vincent fühlte sich getäuscht und betrogen, und sie wusste, dass sie nichts daran ändern konnte. Die Vergangenheit ließ sich nicht zurückdrehen. Was blieb war der Schmerz, der tief in ihrem Herzen und ihrer Seele nagte. Er war in all den Jahren ein guter Freund geworden.

Catherine beschloss, Joe direkt aufzusuchen. Aus Sicherheitsgründen besaß sie keines dieser mobilen Telefone. Vieles hatte sich in New York verändert. Auch die Büros der Staatsanwaltschaft. Sie fragte sich durch und als sie in dem großen Büro mit den unzähligen Arbeitsplätzen ankam, sah Joe sie bereits durch das breite Glasfenster seines Büros, in dem er stehend telefonierte. Er winkte sie zu sich und sie betrat, ohne auf die neugierigen Blicke der Leute ringsum zu achten, das Büro. Es war unwahrscheinlich, dass noch irgendjemand sie kannte. Sie schloss die Tür hinter sich und wartete bis Joe sein Telefonat beendet hatte.

Ernst sah er sie an. „Was tust du hier? Wenn dich jemand erkennt…“

Sie winkte ab. „Spielt das eine Rolle? Sag mir lieber, wie die Ermittlungen hinsichtlich der Toten von letzter Nacht laufen.“

 „Bist du etwa dort gewesen?“ Entsetzt sah Joe sie an. „Als ich dir die Info gab, dass die Drogenmafia dort wieder ihr Quartier aufgeschlagen hat, meinte ich nicht, dass du dich denen wie auf einem Tablett präsentieren sollst. Ich wollte, dass du einen großen Bogen um diesen Block machst.“

Sie lächelte schief. „Ich hatte etwas zu erledigen.“

 „Was meinst du damit? Verdammt Catherine, ich habe dich nicht die ganzen Jahre geschützt, damit du jetzt leichtfertig dein Leben aufs Spiel setzt.“

Sie lächelte schmerzlich. „Irgendwann müssen wir alle sterben, Joe.“

Er sah sie irritiert an. „Was ist los?“

Sie schüttelte den Kopf und versuchte, das Gefühl von Niedergeschlagenheit los zu werden. Es war schließlich nichts Neues, das sie alleine schwierige Entscheidungen treffen musste.

 „Ich glaube, ich bin das Versteckspiel leid.“

Joe sah sie ernst und auch hilflos an. Er hatte sich oft gefragt, wie ein Mensch das aushielt. Zu leben unter einer anderen Identität, immer auf der Hut, dass nicht doch jemand die Wahrheit herausbekommt. Anscheinend war Catherine jetzt an einem Punkt, an dem sie nicht mehr so weiter machen konnte oder wollte. Und er wusste nicht, wie er ihr helfen konnte.

 „Die Ermittlungen hat das FBI übernommen“, meinte er dann sehr sachlich. „Die New Yorker Polizei ist raus.“

Catherine befürchtete etwas. „Lass mich raten, wer bei den Ermittlungen dabei ist…“

 „Da musst du nicht raten“, unterbrach Joe sie. Mit einem Blick durch das Bürofenster fuhr er fort, „und er ist übrigens gerade auf dem Weg zu uns.“

Catherine folgte seinem Blick durch das Fenster und sah ihren Sohn zielstrebig zu ihnen kommen. Begleitet wurde er von zwei Typen in Anzügen, die genauso grimmig guckten wie er. Sie betraten das Büro und schlossen die Tür hinter sich.

 „Sie brauchen mir nichts sagen“, meinte Joe mit einem schiefen Blick. „Ich weiß, dass sie die Ermittlungen übernommen haben.“

 „Sie scheinen gute Kontakte zu haben“, sagte Jake. Er ließ sich nicht anmerken, dass es ihn irritierte, seine Mutter hier zu sehen. Was um aller Welt tat sie hier? Sie sollte sich möglichst unauffällig verhalten und am besten abtauchen.

Einer von Jakes Kollegen meinte: „Wir sind nur hier um abzuklären, ob Sie noch irgendwelche Informationen für uns haben.“

 „Sie wissen doch, welche Polizeidienststelle gestern Abend im Einsatz war“, antwortete Joe. „Mehr wie die, weiß ich auch nicht.“

Jacob wandte sich an seine beiden Kollegen. „Bitte lasst mich mit Mr. Maxwell einen Augenblick allein“, bat er.

Der andere warf noch einen misstrauischen Blick auf Catherine, verließ dann aber mit seinem Partner den Raum.

Als die Tür geschlossen war, wandte sich Jake direkt an Catherine. „Die Adresse gestern Abend, woher hattest du sie?“

Einen Moment war Catherine verblüfft, dass er sie so direkt und persönlich ansprach.

 „Ich habe sie ihr gegeben“, ergriff Joe das Wort.

 „Was? Und woher hatten Sie sie?“

 „Uns ist seit einiger Zeit bekannt, dass sich Teile eines Drogenkartells dort aufhalten. Wir hatten nur bislang nichts gegen sie in der Hand.“

Jake wandte sich zu seiner Mutter. „Und was wolltest du dort?“

Sie zog entschuldigend die Schultern nach oben. „Eigentlich wollte ich mich nur umsehen, aber dann…“ Den Rest musste sie nicht mehr erwähnen. Sie hatte die Schießerei gehört, den Kampf und hatte eingegriffen. Gerade rechtzeitig.

 „Okay.“ Jake fasste sich. „Hören Sie, Mr. Maxwell, wer immer die sind, sie haben anscheinend eine Geisel. Einen Freund von mir.“

Joe wollte schon nachfragen, doch Jake winkte ab. „Es wäre also extrem hilfreich, wenn sie mir einen Kontaktmann nennen können. Denn ich gehe davon aus, dass sie jemanden haben.“

 „Sie überschätzen mich“, meinte Joe.

 „Das glaube ich nicht.“

Catherine beobachtete fasziniert, wie zielstrebig ihr Sohn vorging. Auch wenn sie ihn nicht wirklich kannte, bewunderte sie ihn in diesem Moment voller Stolz. „Joe, nenn ihm deinen Informanten“, mischte sie sich ein.

 „Was?“ Joe sah sie sprachlos an. „Das kann ich nicht. Und außerdem dürftest du gar nicht hier sein. Verdammt. Du solltest dich möglichst unauffällig verhalten.“

 „Das kann ich nicht“, meinte sie nur und sah ihrem Sohn dabei in die Augen.

Jake nickte ihr zu.

 „Verdammt“, meinte Joe noch einmal.

 „Mr. Maxwell“, sagte Jake, „es geht um das Leben eines Menschen.“

Joe sah von einem zum anderen und nickte dann resigniert. Er schrieb einen Namen und eine Telefonnummer auf einen Zettel und gab ihn Jake.

 „Das ist unser Kontaktmann in der Organisation. Wenn er auffliegt, haben wir gar nichts.“

Jacob verstand. Catherine sah auf den Zettel in seiner Hand und prägte sich alles ein. Sie nickte Joe dankbar zu. „Danke Joe.“

 „Was hast du jetzt vor?“

 „Du hast doch gesagt, ich solle abtauchen.“

 „Das wird wirklich das Beste sein“, meinte auch Jake. „Ich muss jetzt los.“ Er verließ das Büro und begab sich zu seinen Kollegen.

Ernst sah Joe sie an sie an. „Du tauchst nicht einfach ab, Radcliffe. Ich kenne dich.“

Sie lächelte müde. „Dazu ist es sowieso zu spät.“

 „Cathy, bitte…“

Sie wandte sich schon zur Tür. „Danke Joe, danke für alles.“

Unfähig sie aufzuhalten, sah er ihr nach.



New York; in den Tunneln; Vincent, Mouse, Pascal, Jamie, Olivia, Jake (Jacob)

Vincent war nicht zur Ruhe gekommen. Irgendwann am frühen Morgen war er durch die Tunnel gegangen, versunken in seine Gedanken. Er blieb allein und wollte niemandem begegnen. Verstand und Herz rangen in ihm und weder der eine noch der andere Teil in ihm konnte für sich eine Entscheidung treffen. Beide Seiten in ihm schienen verloren angesichts der Tatsache, die sich ihm am letzten Abend aufgezeigt hatte. Irgendwann forderte die durchwachte Nacht ihren Tribut. Er kehrte in seine Kammer zurück und legte sich angezogen auf die Liege, um sofort in einen tiefen Schlaf zu fallen. Er träumte von Jake. Er war noch ein kleiner Junge und er fasste ihn an der Hand und führte ihn durch die Tunnel. Und nur für ihn sichtbar ging Catherine an der anderen Seite des Jungen und hielt seine andere Hand. Dann stand er mit Jake an Catherines Grab. Es war das erste Mal gewesen, dass er ihn dorthin geführt hatte in der Nacht. Jake war vielleicht neun oder zehn gewesen. Sie standen beide vor ihrem Grab. Doch auf einmal stand Catherine neben Jake. Dann sah er Jake allein durch die dunklen Straßen von New York gehen. Er war erwachsen und Vincent lief zu ihm, um ihn zu beschützen und ging neben ihm her und plötzlich ging an seiner anderen Seite Catherine. Auch sie beschützte ihn. Auf ihre Weise. Doch plötzlich wandte sie sich ab und verließ sie beide. Vincent erwachte schweißgebadet und atmete schwer. Er wusste um die Macht der Träume und ihre Bedeutung. Schwerfällig richtete er sich auf. Er wusste nicht, wie spät es war und lauschte dem Klopfen der Rohre, um irgendetwas zu hören. Er wusch sich kurz mit etwas Wasser und wollte den Raum verlassen als Pascal eintrat. Er war nicht allein. Andere kamen mit ihm. Jamie, Olivia und Mouse.

 „Ist es wahr, was Mouse erzählt?“ fragte Pascal. „Oder spinnt er jetzt komplett.“

 „Ich habe euch die Wahrheit erzählt“, versuchte Mouse sich zu rechtfertigen.

 „Mein Gott“, entfuhr es Jamie, „stimmt das wirklich? Lebt Catherine?“

 „Ja“, antwortete Vincent rau.

 „Dann war sie tatsächlich letzte Nacht hier“, vergewisserte sich Olivia.

Vincent nickte. „Ja, auch das.“

 „Aber…“, versuchte Olivia Worte zu finden. „Wie ist das möglich.“

 „Warum ist sie wieder fort“, hakte Pascal nach.

Vincent ließ niedergeschlagen den Kopf hängen. „Weil ich sie habe gehen lassen.“

Jamie trat näher zu ihm und nahm seine Hand. „Erzähl uns einfach, was passiert ist.“

Er nickte und berichtete von den Ereignissen des vergangenen Abends. Bestürzt erfuhren sie von Dannys Verschwinden.

 „Jake hat jetzt seine Kollegen vom FBI informiert, um Danny zu befreien“, sagte Vincent.

 „Und was ist mit Catherine?“ fragte Pascal. „Du sagst, sie ist da oben in Gefahr.“

Vincent nickte schwer. „Ja.“ Er dachte an seinen Traum und blickte auf. Er sah die Menschen in seiner Kammer. Letzte Nacht war sie hier gewesen und hatte sich um seine Verletzung gekümmert. Und in seiner Erinnerung sah er vor seinem Auge etwas aufblitzen. Die Kette mit dem Kristall, den er ihr geschenkt hatte. Sie hatte sie getragen gestern Abend. „Ich muss sie finden.“ Endlich spürte er, wie eine neue Kraft durch seinen Körper schoss. Er sah von einem zum anderen.

 „Ja“, meinte Mouse, „sonst stirbt Catherine ein zweites Mal.“

Vincent zögerte nicht länger und nahm seinen Umhang. Er wusste nicht, in welchem Hotel sie war und unter welchem Namen, doch er wusste, wo Jake war. Er schickte eines der Kinder mit einer Nachricht zu Jake. Im Tunnel am Central Park wartete er lange, bis Jacob endlich auftauchte.

 „Was ist los? Warum hast du nach mir geschickt?“ fragte Jake alarmiert.

 „Weißt du, wo deine Mutter ist?“ fragte Vincent direkt und erregt.

Jake reagierte irritiert. „Ich habe sie heute bei Joe Maxwell angetroffen. Wieso?“

 „Weißt du, wo ich sie finden kann? Das Hotel?“

 „Warum willst du das wissen?“

 „Ich muss sie finden.“ Er fasste Jacob bei den Schultern. „Ich habe sie gehen lassen letzte Nacht. Ich muss sie finden und ihr sagen…“ Er brach ab.

 „Ich habe mich darum gekümmert, Danny zu befreien. Joe Maxwell hat mir einen Kontaktmann in der Organisation genannt und…“, Jake hielt inne, als ihm bewusst wurde, dass er sehr wohl wissen konnte, wo sich seine Mutter gerade aufhielt. „Pa, Sie war die Frau in Berlin, die ich gespürt habe.“

Verblüfft sah Vincent ihn an.

 „Die Kunstexpertin von der ich dir erzählt habe“, erklärte Jake, „die mir aus dem Weg gegangen ist und mich nicht treffen wollte.“

Einen Moment brauchte Vincent, um die Dimension des Gesagten zu erfassen. „Du kannst sie spüren?“ Er wusste, dass sein Sohn einige seiner Empfindungen und Gaben von ihm geerbt hatte. Dazu gehörte diese außergewöhnliche Wahrnehmungsfähigkeit. Sollte er wirklich die Gabe haben, seine Mutter zu spüren, so wie er es selbst einst gekonnt hatte?

 „Jacob, du musst mich zu ihr führen. Ich brauche deine Hilfe“, bat er.

Jake wollte abwehren. „Ich kann nicht. Heute Abend treffen wir den Kontaktmann. Ich…“

 „Jacob“, unterbrach ihn Vincent laut. „Ich muss sie finden. Sie ist in Gefahr.“

 „Ich weiß doch gar nicht, wie das geht“, meinte Jake verzweifelt. „Ich habe das immer einfach nur so wahrgenommen.“

 „Du musst dich konzentrieren“, fuhr Vincent ihn an. Dann fuhr er ruhiger fort. „Spür in dich hinein. Wenn es wirklich so ist, dann fühlst du sie.“

Einen Moment sahen sich Vater und Sohn hilflos an. Dann schloss Jacob die Augen und konzentrierte sich.


New York; Catherine

Catherine war bei ihrem Versuch zu helfen weiter gekommen. Natürlich war es gewagt, was sie vorhatte. Ob sie noch einmal heil davon kam, wusste sie nicht. Sie wusste, dass Joe argwöhnte, sie würde auf eigene Faust etwas unternehmen. Und wie recht er hatte. Der gestrige Abend, das Wiedersehen mit Vincent. Vielleicht wäre es besser gewesen, sie wäre nicht nach New York gekommen, aber dafür war es jetzt zu spät. So wie es für vieles scheinbar zu spät war. Sie hätte keine alten Wunden aufreißen dürfen. Eines war ihr deutlich geworden. Catherine Chandler war vor dreißig Jahren gestorben, ganz egal, was jetzt noch kam. Sie steckte den Revolver in ihre Jacke und machte sich auf den Weg zu dem Hochhaus, auf dem sie schon einmal gestorben war.


New York; in den Tunneln; Vincent, Jake (Jacob)

Vincent schaute gespannt auf Jacob und wartete. Dabei hätte er ihn am liebsten durchgeschüttelt, um irgendetwas aus ihm heraus zu bekommen. Panik erfüllte sein Herz. Er hatte einen furchtbaren Fehler begangen, weil er die Wahrheit nicht hatte erkennen wollen. Und die Wahrheit war, dass Catherine Jacob beschützt hatte. Ihr vorgetäuschter Tod, ihre Beerdigung und ihr Abtauchen in ein ihm unbekanntes Leben waren zu Jacobs Schutz gewesen. Und zu seinem. Das wusste er nun. Es gab nur einen Grund, warum sie das getan hatte und dieser Grund ließ sein Herz zum Bersten schlagen. Er durfte einfach nicht zu spät kommen. Diesmal nicht.

Er verlor die Geduld. „Sag mir endlich, was sie denkt“, drängte er seinen Sohn.

Jacob öffnete die Augen und wirkte verwirrt. Er fand es irritierend, den Gefühlen und Gedanken eines anderen Menschen zu lauschen. Irritierend und beängstigend. Denn er hörte ihre Gedanken und wusste auf einmal, was sie beabsichtigte.

 „Wo ist sie?“ fragte Vincent.

 „Wir sollten uns beeilen“, meinte er plötzlich zu seinem Vater.

 „Warum? Was spürst du?“

 „Sie will sich für Danny eintauschen. Sie ist an dem Hochhaus, wo sie damals gest…“ Jacob konnte nicht zu Ende sprechen. Er sah seinem Vater nach, der trotz seines Alters mit großer Eile in den Tunneln verschwand. Er wusste, es war zwecklos, ihm folgen zu wollen. Er musste einen anderen Weg nehmen.


New York; Hochhaus; Catherine

Catherine wusste, dass sie ein Risiko einging, als sie das Hochhaus betrat. Es war dunkel. Sie hatte so lange gewartet, bis die normale Bürozeit vorüber war. Sie wusste durch Joes Kontaktmann, wo sie erwartet wurde. Tatsächlich war die Tür zu dem Empfangsraum offen. Sie betrat den mit dichtem Teppich gedämpften Boden, der jedes Geräusch schluckte. Am Empfang saß niemand. Also wandte sie sich vorsichtig den Flur entlang. Die hintere Tür stand ebenfalls offen und zielstrebig ging sie darauf zu. Als sie den Raum betrat, wurde sie von zwei Männern in dunkelblauen Anzügen erwartet. Sie schloss die Tür hinter sich.

 „Meine Herren“, begann sie, „ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen.“


New York; Hochhaus; Vincent, Catherine, Danny, Jake

Vincent suchte sich einen Weg hinein in das Gebäude, vorbei an Überwachungskameras. Von außen durch eines der Fenster hätte er keine Chance. Instinktiv fand er einen Weg und betrat die Büros durch die Empfangstür. Er hörte Stimmen aus einem Raum und wusste, dass er richtig war.

 „Sind Sie es endlich leid, sich zu verstecken?“ sagte eine tiefe Stimme.

 „Wer sagt, dass ich mich versteckt habe?“ Das war Catherine.

Vincents Herz pochte. Er spürte ihre Nervosität.

 „Lassen Sie den jungen Mann laufen“, forderte sie bestimmt. „Ich bin hier.“

Vincent hörte, wie eine weitere Tür geöffnet wurde. Dann eine andere Stimme. „Sie können gehen.“ Stille.

Dann öffnete sich die Tür zum Flur und Danny trat aus dem Raum. Verwirrt sah er sich um und erschrak, als er Vincent erblickte. Der hielt den Zeigefinger an die Lippen zum Zeichen, dass Danny nichts sagen sollte. Vincent bedeutete ihm, zu gehen.

 „Denken Sie, ich mache es Ihnen so einfach?“ hörte er Catherines Stimme.

In diesem Moment stürmte Vincent in den Raum. Die beiden Männer waren sichtlich überrascht. Ein älterer mit schütterem Haar saß hinter einem Schreibtisch. Daneben stand ein Jüngerer, der nur süffisant grinste und einem Dritten im Halbschatten der Tür zunickte. Vincent schlug ihm den Revolver aus der Hand und warf ihn über seine Schulter. Catherine zückte ihre eigene Waffe, doch auch der jüngere der Männer war bewaffnet wie sie feststellen musste. Sie konnte nicht sagen, woher er so schnell eine Waffe hatte. Vincent brüllte furchterregend, während der Mann auf Catherine schoss und warf sich mit ihr zu Boden. Schnell hatte er sich wieder aufgerichtet und stürzte sich auf die beiden Männer. Ein weiterer Schuss fiel, ging jedoch glücklicherweise daneben. Es genügten einige Hiebe und der jüngere lag unbewaffnet und blutend auf dem Boden. Der ältere war aufgestanden und wich erschrocken von Vincents Anblick zurück. Vincent ging drohend und brüllend auf ihn zu und hob seine Pranke zum Schlag.

 „Vincent.“ Das war Catherine und er hielt inne.

Der Mann duckte sich ängstlich kauernd an der Wand zusammen. Vincent sah zu Catherine. Sie sah ihn schmerzlich an. Erinnerungen mischten sich mit lang unterdrückten Gefühlen und nie gesagten Worten und füllten den Raum mit einer beredten Ruhe. Für einen Moment war Vincent hin- und hergerissen, als Jake in den Raum stürmte. Der sah von den auf den Boden liegenden Menschen zu seinem Vater und zu seiner Mutter, die sich unverwandt ansahen. Vincent ließ von dem Mann am Boden ab. Mit schweren Schritten ging er auf Catherine zu und nach einem kurzen Zögern nahm er sie in seine Arme. Er atmete schwer. „Ich lasse dich nicht noch einmal gehen.“

Jacob kümmerte sich um die Männer und um alles Weitere. Er informierte seine Kollegen und überlegte sich eine Geschichte, wie er im Alleingang seinen Freund Danny befreit habe. Die Festnahme der Männer war sicher nur ein Tropfen auf einem heißen Stein. Die kriminelle Vereinigung, die dahinter stand, war wesentlich komplexer und größer und hatte schon Jahrzehnte überdauert. Es würde weiter gehen.


New York; in den Tunneln; Vincent und Catherine

Vincent und Catherine waren in die Tunnel verschwunden. Sie folgte ihm zu seiner Kammer. Sie mussten reden.

 „Catherine“, begann er, „ich…“ Er zögerte, als wüsste er nicht weiter. „Ich habe es ernst gemeint. Ich lasse dich nicht wieder gehen.“

Sie schluckte. „Ich habe mich verändert, Vincent. Ich bin nicht mehr die Catherine, die du kennst.“

 „Du bist die Frau, die ich liebe und die ich immer geliebt habe.“

Sie hob die Hand. „Es ist so viel Zeit vergangen. Ich kann verstehen, wenn du dich getäuscht fühlst.“

 „Es tut weh“, gab er zu. „Zu glauben, du seist tot, hat mich wünschen lassen, selbst tot zu sein. Ich habe all die Jahre nur für Jacob gelebt.“

 „Es tut mir so leid“, sagte Catherine. „Mehr als einmal wollte ich zu dir kommen, aber meine Angst war zu groß, dich und unser Kind in Gefahr zu bringen.“

 „Catherine“, Vincent nahm ihre Hand an seine Lippen und küsste sie.

 „Was sollen wir jetzt nur tun?“

 „Was immer wir jetzt tun, wir tun es zusammen“, meinte Vincent. „Das musst du mir versprechen. Du bist hier in Sicherheit und unter Freunden. Du bist nicht mehr allein. Nie mehr.“

Catherines Augen füllten sich mit Tränen. „Aber…“

 „Nein“, erwiderte Vincent bestimmt. „Von jetzt an entscheiden wir gemeinsam, was zu tun ist. Das Schicksal hat dich zu mir zurückgeführt und dieses Wunder werde ich festhalten. Nichts wird meine Meinung ändern.“

Sie lächelte ihn unter Tränen an und fühlte sich in seiner Umarmung geborgen.
 
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