Vor dem Anfang

von Varjo
GeschichteÜbernatürlich / P12
Anthony J. Crowley Erziraphael OC (Own Character)
09.10.2019
09.11.2019
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„Ah... was haben wir denn hier?“
Eine anschmiegsame, verlockende Fistelstimme drang an das Ohr des neu benannten Crawly, der sich am Rande des Gartens, verborgen von Vegetation, niedergelassen hatte, im Schneidersitz, mit fest ineinander gekrampften Händen. Sein Gesicht war wie gemeißelt… sein Gemüt fühlte sich ähnlich an. Er wollte sich von kalter Wut übermannen lassen, doch aus irgendeinem Grund wollte es nicht so recht glücken.
Der frisch geborene Dämon war eben erst aus seinem Schuppenkleid gekrochen, in dem er gefühlte Jahre zugebracht hatte – bis die Wunden geschlossen waren. Die Engelsgestalt war ihm ebenso vertraut wie anfänglich abstoßend und abscheulich – ein Zwangshaus, in das er sich zurückgeschleift sehen musste, zu voll mit Erinnerungen an eine Zeit, in der er unbesorgt, fröhlich seinen Schabernack mit anderen Engeln getrieben hatte. Schwarze Flügel wölbten sich an seinem Rücken, und er trug seine übliche schwarze Robe. Vereinzelte Schuppen klebten noch an seiner Haut – Hals, Schultern, Arme, Rücken, vielleicht auch Beine, er konnte sich nicht aufraffen, nachzusehen. Rotes Haar lockte und ringelte sich um seine Stirn. Wenn man schon so nachdrücklich die Tür gezeigt bekam, konnte man auch mit Stil seinen Abgang machen.

Und nun das hier… Crawly wusste nicht, was er von diesen Geschöpfen halten sollte, die aussahen wie er und seine Kameraden – und seine ehemaligen Kameraden – und sich völlig anders anfühlten. Alles, was er sah, war, dass sie glücklich waren und offenbar hoch in der Gunst von oben standen, dass dies hier in eine Harmonie getränkt war, die er von oben noch kannte, und alles davon stieß ihm sauer auf, ohne dass er genau benennen konnte, warum.
Hatte er nicht immer sein Bestes getan, um kitschige Harmonie zu zerbröseln…?
Doch er sah auch, dass seine Nachahmung dessen, was die Allmächtige als ‚Schlange‘ geplant hatte, ziemlich kompetent war. Man freute sich über Kleinigkeiten.

„Ein verirrtes Federvieh, würde ich meinen“. Sanftes Lachen schallte in seinen Ohrmuscheln, während er sich weiterhin bemühte, die Sprecherin zu ignorieren. „Was mag es wohl hier suchen, so weit fort von zu Hause?“

Vorhin hatte er durchaus etwas Merkwürdiges bemerkt: eine weiße Schlange, viel zu groß und massiv für die Tiere, die sich hier so herumtrieben, die noch dazu irgendwie… aufmerksam gewirkt hatte. Nicht im tierischen Sinne jedoch. Es war gewesen, als hätte sie etwas gesucht, verstohlen sich umgeblickt mit dem durchaus untierischen Hintergedanken, nicht gesehen, nicht entdeckt, nicht eingefangen werden zu wollen. Nun, Crawly hatte sich nur kurz mit dem weißen Tier beschäftigt - allzu bald hatte sich seine Aufmerksamkeit auf das Menschenpaar gelenkt, das durch den Garten gewandert war, sich an den Händen haltend und unverständliche Worte quäkend.
Dieses Glück. Diese Ungestörtheit. Diese... Unbeschwertheit und absolute Sicherheit.

Kalte Wut, erinnerte er sich. Kennst – spürst du sie?
Doch in ihm war es bloß leer. Ihm fiel nichts ein, womit man sie ärgern könnte, uncharakteristisch genug. Nicht einmal die reine Idee, diese ‚Menschen‘ zu narren, ließ ihn Freude empfinden.

„Womöglich könnte man ihn ja an etwas gleichgesinnter Gesellschaft interessieren...“
Eine sich verhärtet, schuppig und uneben anfühlende Hand legte sich auf seinen Ellbogen.

Merkwürdig war auch gewesen, dass das weiße Reptil zischend und züngelnd durch das Gras zu ihm geglitten war, sich entlang seiner verschränkten Beine getastet hatte – seit seinem Fall schienen ihn die Geschöpfe eher zu meiden, auch etwas, was zu seiner Bitterkeit beitrug. Nicht diese Schlange jedoch. Selbst als er die Hand ausgestreckt, geistesabwesend über ihren schuppigen, schlanken, eleganten Rücken gestreichelt hatte, war sie keinen Millimeter zurückgewichen.
Er konnte zwei und zwei zusammenzählen. Dass er nun eine Stimme hörte von dort, wo er die Schlange das letzte Mal gesehen hatte, konnte nur eines bedeuten.
„Spar dir deine Mühe“, knurrte er nun endlich die Sprecherin an, seinen Kopf zu ihr herumwendend, „Ich bin kein Engel mehr. Was dir ganz gut selbst auffallen könnte“.

Was er sah, als er der Sprecherin, die neben ihm ausgestreckt bäuchlings im Gras lag, ansichtig wurde, erinnerte ihn auf eine nahezu unheimliche Art und Weise an das weiße Reptil. Die Sprecherin war schön, doch auf eine sehr ungewöhnliche Art und Weise: sie hatte schmale, stechende, reinweiße Augen, die Fläche, wo eine Nase sitzen sollte, war glatt. Da schien kein Haar zu sein, an ihrem ganzen Körper nicht. Ihre Hautfarbe war bleich – aber auch das traf es nicht ganz; es war ein merkwürdiges, kalkiges grau-grün-weiß, mit dem sie sich zierte. Ihre Lippen waren schmal und farblos, die Zähne, die er dazwischen sehen konnte, nadelspitz; und auf ihrer Stirn befanden sich verhärtete Wucherungen, die Crawly nicht einordnen konnte.
„Was geht dir durch den Kopf, mein Schöner?“, raunte sie, die sich der Musterung schamlos aussetzte, und Crawly presste die Lippen aufeinander, unsicher, ob er statuenhaft sitzenbleiben oder sich von ihr weglehnen sollte, „Rachepläne, hm? Willst du diejenigen, die dich des Himmels verwiesen haben, so dringend bestrafen, wie Luzifer es will?“.
Luzifer. Crawly durchzuckte es heißkalt, und er bleckte leicht die Zähne. „Was weißt du von Luzifer?“, knurrte er, sich wieder abwendend.
Luzifer, dieser verfluchte machtgierige unvorsichtige kurzsichtige Tölpel. Dieser Muskelprotz, der nichts Besseres zu tun gehabt hatte, als ein Drittel der himmlischen Belegschaft mehr oder minder willentlich mit sich in den Abgrund zu reißen. Wenn er hatte fallen wollen, schön und gut, sollte er machen, was ihm gefiel, doch was konnte er dafür? Crawly wusste im Moment nicht, was und wen er mehr hassen sollte, diesen größenwahnsinnigen Dummkopf oder sich selbst, dass er sich mit ihm und seinen Spießgesellen eingelassen und bis zum letzten Augenblick nicht einmal im Entferntesten daran gedacht hatte, zu erfassen, wie ernst es war.
„Oh, einiges“, erwiderte sie prompt, voller Amüsement, sich etwas aufsetzend, „Aber ich finde, das tut nun nichts zur Sache, denn er ist weit, weit entfernt und leckt seine Wunden. Wir allerdings sind hier…“, sie machte eine vielsagende Geste in die verschwenderisch grüne und reiche Umgebung Edens, „… hier an diesem herrlichen Ort, an dem alles so… so auserlesen friedlich und unberührt ist. Wir haben uns hineingeschlichen wie die Schlangen, die wir sind, unerkannt, unaufgehalten, unbemerkt, wie ich doch hoffe… und, wollen wir diese Gelegenheit ungenützt verstreichen lassen?“

Crawly hob wieder den Kopf und starrte seine Gesprächspartnerin ermüdet an. „Wer bist du?“, fragte er.
Die Frage brachte dieses weiße Unding nicht aus der Fassung. Kein bisschen. „Ist es denn nicht wichtiger, was ich bin?“, erwiderte sie verspielt, sich nach einer von Crawlys Haarlocken streckend und sie beinahe zärtlich durch ihre Finger gleiten lassend, „Ich bin das gefallene Menschenkind, Crawly. Ich bin die Ungehorsame, die Aufrührerin, die Unruhestifterin. Ich bin sie, die dem Herrn den Befehl über sie verweigert hat – ich bin sie, die sich entzogen hat, sich entwunden, sich befreit. Ich…“, sie feixte, „ich brauche keinen Adam in meinem Leben“.

„Lilith“, hauchte Crawly.

„Lilith“, bestätigte sie mit einem unheimlichen Lächeln.

Der Fall der ersten Menschentochter Lilith hatte besonders unter den Dämonen für viel Aufruhr und teilweise auch Begeisterung gesorgt. Es bestätigte die Dämonen in ihrer Rebellion, in ihrem Aufbegehren, und zeigte ihnen, dass sie nicht alleine waren. Crawly hatte trotz der betonten Distanz, die er zu den anderen Dämonen einhielt, die Geschichten gehört – die Geschichten von der ersten Frau, die nach einem Streit mit Adam, der sich in die Reihen bis zu Gabriel hochgearbeitet hatte und doch nicht geschlichtet hatte werden können, zornsprühend den Garten verlassen hatte. Manche behaupteten, sie sei gestorben in den wilden, ungastlichen Landen da draußen – das war ja nun ganz offensichtlich nicht der Fall.
Manche behaupteten, die Allmächtige habe sie zu fassen bekommen und wieder entrückt, hatte sie vielleicht in verwandelter Gestalt in den Garten zurückgebracht – konnte es diese weiße Schlange gewesen sein?
Doch manche, eine Möglichkeit, die Crawly etwas beunruhigte, meinten, sie sei dort draußen auf ihren ziel-, sinn- und zwecklosen Wanderschaften Luzifer begegnet, und ihre beiden rebellischen, grenzsprengenden Geister hatten sich eng verwoben auf mehr denn eine Art und Weise. Manche behaupteten gar, sie habe ihm im Austausch für dämonische Macht ihre Seele verkauft…
Verstohlen blickte Crawly Lilith in die Augen. Wenn er jemals ein seelenloses Paar Augen gesehen hatte, nun, diese waren es.

„Suchst du meine Verehrung?“, fragte Crawly kehlig. Denn du wirst sie nicht bekommen, setzte er gedanklich hinzu, in den eigenen Ohren stärker und widerstandskräftiger klingend, als er sich fühlte; wenn sie eine ähnliche Macht besäße wie Luzifer, was hatte er ihr schon entgegenzusetzen?
Lilith lachte erneut – ein volltönendes, äußerst angenehmes Geräusch. Crawlys Furcht tat das keinen Abbruch. „Ich will niemandes Verehrung und niemandes Dienst“, wies sie das von sich, „alles, was ich möchte, ist Freiheit, Selbstbestimmtheit, die Möglichkeit, niemandes Befehl und Ratschluss gehorchen zu müssen als dem eigenen. In dieser Hinsicht sind wir nicht so verschieden, nicht wahr?“.
Crawly schwieg. Doch er konnte nicht verhehlen, dass ihre Worte etwas in ihm anrührten, zum Klingen brachten.
„Und mir erscheint…“, ihre Lippen verzogen sich zu einem hinterhältigen Grinsen, „… mit der richtigen Form von Überredungskunst können wir es schaffen, unseren menschlichen Schützlingen Freiheit zukommen zu lassen“.
Crawly schwieg. Immer angestrengter. Sollte er Widerstand leisten?
„Dauern sie dich nicht, Crawly, eingesperrt von diesen Mauern?“ Vielsagend deutete sie auf das Ziegelwerk um sie her. „Denk nur, wohin sie sich umblicken, sie können bloß die graue Wand sehen. Eingesperrt und voll und ganz bestimmt von dem Willen der Allmächtigen…“

„Und wenn?“, entfuhr es ihm, der die Fäuste auf den Schenkeln ballte, „Was soll ein einfacher… Dämon… dagegen ausrichten?“

Wie nachdenklich wandte Lilith ihr Gesicht der im Himmel strahlenden Sonne zu. Aus dieser Perspektive sah ihr Profil noch abstoßender aus, und doch… einst war sie wohl so unschuldig und rein gewesen wie er. „Es gibt dieses merkwürdige Gebot“, ließ sie sich vernehmen, die Stimme schleppend, „dass wir… aus welchem Grund auch immer… den Apfelbaum in der Mitte des Gartens nicht anrühren dürfen. Ist das nicht komisch?“
Komisch, ja, dachte Crawly… und vor allem eine Steilvorlage. Der alte Unruhestifter regte sich in ihm, als er sich vorlehnte und das Schuppenkleid wieder anlegte, schlangenartig durch das Gras in den Garten hinaus kroch… überlass das hier mir, Lilith, dachte er, während er bereits zischend die gespaltene Zunge flattern lassen konnte. Du hast recht… man kann doch diesen Baum nicht unerforscht lassen. Wenn man etwas geheimhalten will und es doch mitten in den Einzugsbereich derjenigen, die es nicht wissen sollen, platziert – dann verdient man die Konsequenzen.

Nach angerichtetem Unheil wollte sich Crawly schnellstmöglich davonmachen – er hatte gewartet und sich verborgen, beobachtend, wie sich die Dinge entwickelten – doch dann fiel sein Blick auf den Engel, der über dem östlichen Tor den Auszug der Menschen verfolgte.
Er züngelte schadenfroh. Der kam ihm doch bekannt vor…
So entschied er sich, seinen Rückzug zu verzögern, sich stattdessen zu dem Spielzeugsoldaten zu begeben und etwas zu sticheln. Möglicherweise, doch, war es an der Zeit, Vertreibung mit Hochmut zu vergelten.
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