Ein Haufen Gefühle

KurzgeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P12 Slash
Simon Snow Tyrannus Basilton "Baz" Grimm-Pitch
09.10.2019
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“Warum kannst du nicht sehen, dass ich ohne dich nirgendwo glücklich wäre?”

Es ist zwei Wochen her, seit er das zu mir gesagt hat.
Wir saßen am Strand. Die Wellen brachen kurz vor unseren Füßen und haben ihre weiße Gischt bis zu unseren Zehenspitzen gespritzt. Mich haben diese Worte sprachlos gemacht und bevor ich etwas erwidern konnte, brüllte Penny auch schon von hinten.
Zwei Wochen.
Seit dieser Unterhaltung, wenn man das so nennen will, sind zwei Wochen depressiver Stille vergangen.
Das Desaster von Watford habe ich sogar so gut wie gar nicht mehr im Kopf. Ich war viel zu sehr durch den Wind.
Nicht ohne mich?
Ich verstehe ihn nicht. Wieso nicht ohne mich? Es gäbe tausende Gründe, wieso er ohne mich besser dran ist. Endlich ein Vampir sein. In Las Vegas wäre er endlich unter seinesgleichen. Könnte ganz normal Blut trinken. Er könnte lernen, wie sich Vampire richtig verhalten. Alles, was die Zauberer wissen, ist Buchwissen. Und das beschränkt sich darauf, wie man Vampire am besten tötet.
Nein, Baz wäre weitaus besser dran, wenn er mich nicht hätte. Er wäre endlich er selbst. Stattdessen bleibt er bei mir, zieht sich selbst runter. Was für eine Wirkung meine Anwesenheit hat, haben wir auf dem Roadtrip bestens gesehen.
Ich war doch schließlich der Grund, wieso Penny nicht nach Amerika und ihre Beziehung kaputt gegangen ist. Meine jämmerliche Existenz. Wozu ich in Amerika gut war? Kämpfen.

“Warum kannst du nicht sehen, dass ich ohne dich nirgendwo glücklich wäre?”

Wenn ich Baz ansehe, höre ich immer wieder dieses Echo. Ich sehe seinen Schmerzverzerrten Blick. Ausgehungert. Aber nicht des Blutes wegen. Meinetwegen. Diese Nacht im Truck … Er ahnt ja nicht, wie sehr ich mir wünsche, neben ihm zu liegen und ihn zu berühren. Aber ich hasse das.
Ich hasse diesen Haufen Gefühle, den ich nicht nach außen kehren kann. Wenn ich es zulassen würde, würde der Damm brechen. Ich würde alle meine Gefühle auskotzen und ich weiß nicht, ob ich das will. Das funktioniert nicht. Portionieren und ausgeben. Sagen, dass ich Baz will. Ich will ihn so sehr, dass ich physische Schmerzen habe. Aber wenn er mir nur nahe kommt, weil er mir ein Taschentuch reicht, kriege ich Platzangst. Dann will ich raus aus meiner Haut. Weg von ihm. Und ich will ihn küssen. So richtig intensiv, dass man es als Erregung öffentlichen Ärgernisses anzeigen würde, wenn das Außerhalb unserer Wohnung passieren würde.
Dieser Haufen widerspenstiger, widersprüchlicher Gefühle.
Manchmal will ich mich auskotzen und ihm sagen, was ich fühle. Einfach nur daliegen und seinen typischen Geruch von Bergamotte einatmen. Und dann will ich einfach nur tausende Kilometer von ihm weg.


Er liegt auf der Couch, als ich aus dem Schlafzimmer komme. Seit einiger Zeit haben sich unsere Schlafplätze voneinander getrennt. Ich rede mir ein, dass es nur meiner Flügel wegen ist, aber ich weiß, dass sich zwischen uns eine emotionale Kluft aufgetan hat, die sich durch Amerika zwar wieder etwas geschlossen hat, aber trotzdem. Eine Kluft kann wieder geschlossen werden, dennoch ist sie danach nicht mehr glatt. Man sieht ihr an, dass es eine Kluft gab.
Mein Magen macht ein undefinierbares Geräusch. Es ist mitten in der Nacht. Eigentlich sollte Baz nicht schlafen. Er sollte auf der Jagd sein, wie jeder anständige Vampir. Er sollte Party machen. Aber das langweilt ihn. Aber eigentlich sollte ich auch nicht wach sein, sondern wie jeder Normale schlafen. Ich schalte das Deckenlicht ein. Davon ist er noch nie wach geworden. Warum sollte er es also jetzt?
Er liegt auf der Couch, in seiner perfekten Art, mit perfekter Frisur und perfektem dunkelgrünen Poloshirt mit perfekten goldenen Stickornamenten. Er ist Perfektion und alles an mir ist das Gegenteil.
“Hey, Vampirengel”, säusel ich, bevor ich zur Salzsäule gefriere. Habe ich das gerade allen Ernstes gesagt? Baz, der wohl nur gedöst haben muss, setzt sich abrupt auf und dreht irritiert seinen Kopf zu mir. Blickt mich mit diesen perfekten Augen an.
“Snow? Alles in Ordnung?”, fragt er mit einer Mischung aus Sorge und Müdigkeit.
Verfickt. Noch. Mal. Lass dieses dämliche Snow sein! Du wolltest mit mir schlafen, du hast mich regelmäßig geküsst und du hast mich so oft angefasst, dass ich manchmal nicht wusste, wo ich aufhöre und du anfängst!
“Tut mir leid”, nuschelt er, während er beschämt den Kopf senkt. Oh bitte, lass mich nicht alles davon gesagt haben. Was ist denn nur los?
“Du solltest dich setzen, Simon.” Mein Blick muss genauso irritiert ausgesehen haben, wie er sich fühlt, denn er fügt hinzu: “Du siehst nicht gut aus. Du bist … blass.” Er steht auf, kommt rüber zu mir und obwohl ich zurückweichen will, lasse ich ihn mein Handgelenk greifen und mich von ihm zur Couch ziehen. Mich hinsetzen. Mir über die Stirn fühlen.
Sein Gesicht verzieht sich unwillkürlich. Wann hat er sich das letzte Mal so um mich gekümmert? Widert es ihn an? Mich sicherlich. Denke ich.
“Wann hast du dich betrunken?”
Ha, Fangfrage! Ich trinke nicht.
Er schüttelt mit dem Kopf, als ich nicht antworte.
“Sn–Simon, du musst aufhören damit.”
“Womit?” Verdammt, was ist denn mit meiner Stimme los? Wieso klinge ich wie ein Vierzehnjähriger mit leichter Erregbarkeit?
“Damit, dich selbst zerstören zu wollen.” Womit er sagen will, dass ich ihn nicht zerstören soll. Das kann ich nämlich besser als jeder andere. Also Menschen zerstören, nicht Baz zerstören. Obwohl …
“Simon!” Er schnippt vor meinen Augen rum und in mir steigt das vertraute Gefühl von Übelkeit und Kopfschmerzen auf, das immer dann kommt, wenn ich kotzen muss. Ich schmecke Salz. Ist das Zitrone? Ist das … Tequila?
Crowley, ich habe tatsächlich getrunken. Wann? Wie? Wo? Bis eben habe ich doch –
Ich denke, damit habe ich gerade den genialsten und zugleich dümmsten Simon-Snow-Plan aller Zeiten erdacht. Zugegeben, ich hatte schon schlimmere Pläne (einen Drachen töten war nicht mein Plan, okay?), aber der hier ist brillant. Penny würde sicherlich begeistert sein.
A pro pos, ist sie überhaupt zuhause? Um meinen Plan ausführen zu können, darf sie nicht zuhause sein. Irgendwie muss ich das überprüfen können.
Vorsichtig lehne ich mich rüber zu Baz – ich sterbe fast vor Scham, als ich meine Nase in seinen Locken vergrabe – und flüstere: “Dann lass doch Penny für mich sorgen.” Ich hoffe, dass er wütend wird, mir eine Reaktion gibt, etwas, worauf ich reagieren kann. Streite mit mir. Gib mir das Gefühl, dass wir Etwas richtig können. Stattdessen umfasst er vorsichtig mein Gesicht, schiebt mich ein wenig von sich fort und – ich denke, ich sterbe eher jetzt vor Scham – sieht mich mit einem so intensiven Blick an, dass ich fast wieder weiß, wieso ich diesen Typen eigentlich liebe. Seine Züge sind ungewohnt weich.
Ich will ihn küssen.
Vielleicht lässt er mich, wenn er denkt, dass ich mich nicht daran erinnere?
“Penny kann dich nicht besser pflegen als ich”, sagt er ausweichend.
“Du willst das doch gar nicht.” Es ist aus mir raus, bevor ich etwas tun kann. Habe ich deshalb was getrunken? Damit ich mich an Baz wie ein billiges Flittchen ranschmeißen kann? Ich will nicht mehr.
“Hör auf damit, Simon. Wenn nicht schon mir zuliebe, dann um deinetwillen.” Seine Stimme ist kaum hörbar. Jedes Härchen auf meinem Körper richtet sich auf. Ich bin elektrisiert. Seine Fingerkuppen sind rau von der Arbeit, die er jeden Tag macht. Das Glitzern seiner Augen ist unübersehbar und wäre sogar sichtbar gewesen, wenn die Deckenlampe nicht das ganze Zimmer ausgeleuchtet hätte. Sein Atem riecht nach indischem Curry.
Meine Übelkeit ebbt ab und mir wird eine Sache klar. Ich brauche gar keinen Plan. Vor allem keinen Simon-Snow-Alles-wird-schief-gehen-Plan. Dieser Moment hier. Dieser Moment ist es, den ich brauche.
Dieser Moment darf meinen Damm brechen. Muss meinen Damm brechen. Und seinen. Ich bekomme keinen weiteren Moment. Wenn ich diesen Moment nicht nutze, dann werde ich nie wieder zu Baz durchdringen. Nie wieder seine Lippen schmecken. Seine Haut berühren. Seine Haare spüren. Wie sie mich im Nacken kitzeln.
“Baz–”
“Alles in Ordnung”, flüstert er, während er sich zu mir beugt und einen Kuss auf meine Wange haucht. Er fragt nicht. Ich störe mich nicht daran. Es fühlt sich an wie damals im Wald. Einfach. Natürlich. Bestimmt.
Ich drehe meinen Kopf, treffe seine Lippen mit meinen. Es ist eher thailändisches Curry. Er schmeckt nach mehr.
Keine Ahnung, ob ich mich nach vorne gebeugt habe oder ob er mich gezogen hat. Keine Ahnung, ob er daran denkt, dass Penny im nächsten Raum sitzt. Sitzen könnte. Nach Hause kommen könnte. Keine Ahnung, ob er – genauso wie ich – verzweifelt versucht, die alten Gefühle wiederzuholen. Ob er diesen Haufen Gefühle nach den richtigen, nach den passenden durchsucht und ebenso inständig hofft, dass sie noch passen und nicht wie ein dämlicher Pulli in der Waschmaschine eingelaufen sind.
Die Couch ist unbequem und irgendwie sind meine Flügel immer im Weg. Es stört nicht. Penny auch nicht.

Ich – wir – wache in meinem – unserem – Bett am nächsten Morgen auf. Es ist kalt. Ich erkenne schnell, wieso und raffe die Bettdecke schleunigst über uns zusammen. Lege meine Flügel wie eine überempfindliche Mutter über Baz. Er schläft noch und ich genieße diese Minuten voller Liebe.
Der Damm ist weg. Stattdessen ist es ein sich immer weiter beruhigender Fluss geworden, der zwar noch seine Breite und seine Wassergeschwindigkeit finden muss, aber es ist ein Fluss.

Später sitzen wir unerwartet zusammen auf der Couch. Eine Doku über Polverschiebung und Auswirkungen auf das magnetische Feld der Erde läuft, aber ich schenke ihr keine Beachtung. Ich verstehe es. Ich fühle genauso. Auch, wenn wir uns streiten können, als gäbe es kein Morgen, ist er unersetzlich für mich. Mein innerer Antrieb, der für mich so selbstverständlich geworden ist, dass ich ihn vergessen habe.
Penny kommt heim. Guckt irritiert. Fragt, wieso ich keine Flügel habe, wenn wir doch nur drin sind und wieso es nach verbranntem Essen riecht.
“Wir waren einkaufen, aber Simon und ich haben uns maßlos bei unseren Kochkünsten überschätzt”, erwidert Baz nur, während er völlig gelassen auf den Fernseher starrt.
Penny guckt verhalten, aber sagt nichts. Sie muss sehen, wie verdammt glücklich ich in diesem Moment bin und entschließt sich, einmal keine Widerworte zu geben.

Simon.

Daran kann ich mich gewöhnen.
Wenn es hilft, werde ich in Zukunft öfter betrunken fluchen und mich ihm an den Hals werfen.
Und wenn es nur eine kurzfristige Linderung gibt.
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