Sternenwächter

von Elenoriel
GeschichteDrama, Familie / P12
Earendil Elrond Elwing Maglor
08.10.2019
08.10.2019
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Dieses erste Kapitel ist mein Beitrag zum Wettbewerb Brücken der Zeit von Nairalin und Avarantis.
Beim Schreiben allerdings kam eines zum anderen und es wird nicht bei dem einen Kapitel bleiben, die folgenden Kapitel sind allerdings nicht mehr Teil des Wettbewerbs.

Earon = Vatername von Elros
Tatyon = Vatername von Elrond


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Elwing schreckte hoch, als es urplötzlich an ihrer Tür klopfte. Eonwe, der Herold Manwes, erwartete sie. Überrascht sah sie hinauf in das strahlend schöne Gesicht.
„Meine Herrin“, sagte er und neigte höflich den Kopf. „Heute Morgen erreichte ein Schiff aus Mittelerde Valinor. Eine Elbin wurde hergebracht, deren schwere Verletzungen in Mittelerde keine Heilung fanden.“
Sie nickte verständnisvoll, doch weshalb kam Eonwe deshalb zu ihr. Sie wohnte weit abseits der anderen Elben. Doch bevor sie in Grübeleien versinken konnte, fuhr Eonwe bestimmt fort: „Mein Herr sandte mich aus, Euch zu fragen, ob Ihr diese Elbin bei Euch aufnehmen würdet. Sie wird sich nach ihrer Genesung, sollte diese überhaupt erreicht werden, erst einmal einleben müssen.“
Elwing runzelte verwirrt die Stirn, es wunderte sie, dass sie um einen solchen Gefallen gebeten wurde. Sie lebte sehr distanziert von den anderen Elben, aber es war unklug, eine Bitte der Valar abzulehnen. „Nun, wenn ihr das helfen sollte, gern. In meinem Turm gibt es zwei leere Betten, ich bin gerne bereit, sie aufzunehmen.“
„Im Namen von Celebrían Artanisiell danke ich Euch!“
Celebrían. Wie ein Blitz durchfuhr sie der Schreck und die Sorge um die unbekannte Schwiegertochter.
„Was ist ihr geschehen?“, wollte sie atemlos wissen und runzelte die Stirn. Sie hatte gedacht, dass die Zeiten in Mittelerde ruhig waren und die Gefahr klein.
Während Eonwe ihr die grauenvolle Geschichte erzählte, glitt Elwings mitleiderfülltes Herz von der verwundeten Elbin zu dem hinterbliebenen Tatyon. Celebrían immerhin konnte hier Heilung finden, doch wer würde ihrem Sohn zur Seite stehen? Heiß brannte der Kummer auf ihrer Seele und das Gefühl ihrer Ohnmacht breitete sich in ihr aus. Tatyon, der immer zurückgelassen wurde. Elwings Gedanken verirrten sich in der Vergangenheit, als das letzte Mal diese Gefühle sie übermannt hatten und so nahm sie Eonwes Erwiderung nicht mehr wahr.


Der Lärm der tobenden Kämpfe über ihnen drang bis hinunter in den Keller, in dem sie sich versteckt hielten. Elwing blickte in die verängstigten Gesichter der ihr anvertrauten Elben, die sich schutzsuchend aneinander schmiegten. Zwei von ihnen, die ebenfalls mit ihr aus Doriath geflohen waren, schienen völlig entrückt, gefangen in alten Erinnerungen, unfähig sich von ihnen zu befreien. Elwing ballte zornig die Faust.
Sie hätten es besser wissen müssen. Niemand konnte den Söhnen Feanors den Silmaril vorenthalten. Elwing hatte auf ihr Mitleid und Verständnis gehofft, hatte gehofft, sie würden ihnen den Silmaril belassen, nun wo er doch aus den Händen Melkors befreit war. Doch sie hätte es besser wissen müssen. Schwer lag der Stein auf ihrer Brust.
Nun kämpften sie wieder, Elb gegen Elb, Bruder gegen Bruder.
Behutsam legte sie eine Hand auf Tatyons Kopf, der sich schutzsuchend an sie drückte und bei jedem Schrei zusammenzuckte. Sie blickte in die Gesichter der anderen und sah dort einen Ausdruck der Hoffnungslosigkeit und Schicksalsergebenheit, die ihr beinahe körperliche Schmerzen verursachte. Sie hätten der Nachkommenschaft Feanors den Silmaril überlassen sollen, als diese ihn eingefordert hatten, doch ihre Berater und auch sie selbst hatten ohne Earendil keine endgültige Entscheidung fällen wollen. Elwing verdrängte die aufsteigenden Gefühle, als sie an ihren Ehemann dachte. Sie hätte ohne ihn entscheiden müssen, sie hätte mit den Söhnen Feanors verhandeln müssen. Die Schuld und das Gefühl, versagt zu haben, breitete sich wieder in ihr aus. Unwillkürlich löste sie ihre verkrampfte Hand. Sie war die Gemahlin Earendils, sie sollte sich nicht mit ihren Untertanen hier unten verstecken, während ihre Männer dort oben für sie ihr Leben ließen.
„Nehmt die Kinder und flieht“, befahl Elwing plötzlich und sah dabei Almaneth an. Die junge Elbin, die ihr seit der Geburt der Zwillinge immer hilfsbereit zur Seite stand. „Nimm Earon und Tatyon, bring sie vor ihnen in Sicherheit. Ich werde versuchen, die Söhne Feanors aufzuhalten. Ich lasse nicht zu, dass sie mein Volk erneut meucheln.“
Ihre Kinder starrten ihre Mutter mit großen Augen an. „Nana.“
Ganz leise nur rief einer der Zwillinge sie und Elwing widerstand dem Drang, sich abzuwenden. Zwang sich in die zartgrauen Augen zu blicken, die ängstlich zu ihr aufblickten und zwang sich nicht den Blick abzuwenden, von den kleinen Ärmchen, die sich ihr schutzsuchend entgegenreckten.
„Wir werden uns wiedersehen!“, versprach sie und gab erst Earon, dann Tatyon einen Kuss auf die Stirn. Dabei zwang sie sich, das Stechen in ihrer Brust zu ignorieren. Ihre Söhne sollten nicht merken, wie sehr ihr die Trennung zu schaffen machte, stattdessen versuchte sie sich an einem leichten Lächeln. „Folgt Almaneth und hört auf sie. Wir werden uns wiedersehen, versprochen!“
Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen und sie verließ hastig den Keller des Turmes, der ihnen die Nacht über Schutz vor den Söhnen Feanors geboten hatte. Die Lüge, die keine war, ging leicht über ihre Lippen. Sie würden sich wiedersehen, nur vermutlich nicht mehr in diesem Leben. Elwing schluckte, sie würde auf ihre Kinder warten, bis deren Zeit gekommen war. Sie vertraute Almaneth, sie würde ihren beiden Söhnen Sicherheit geben, während sie selbst dies nicht mehr konnte.
Fieberhaft überlegte sie auf ihrem Weg nach oben, wie sie nun die Kämpfe beenden konnte, wie sie den Söhnen Feanors Einhalt gebieten konnte. Elwing glaubte, das Schluchzen ihrer Kinder zu hören und schloss verzweifelt die Augen, atmete tief durch. Sie hatte eine Entscheidung getroffen, nur so konnte sie ihnen die Flucht überhaupt ermöglichen. Ihnen zumindest eine Chance geben.
Ihre Männer konnten den Turm noch vor den Angreifern verteidigen, doch nicht mehr lange und die Söhne Feanors würden auch hier eindringen. Sie blickte aus dem Fenster und das Bild, das sich ihr bot, raubte ihr den Atem. Die Schreie schlugen auf sie ein und Elwing musste die aufsteigenden Bilder aus Doriath niederkämpfen, als sie den roten Teufeln bereits einmal gegenüber gestanden war. Nicht noch einmal, hatte sie sich damals geschworen. Wie betäubt sah Elwing, wie die eigenen Soldaten der Söhne Feanors sich gegen ihre Herren auflehnten, wie nun Freund gegen Freund kämpfte. Ein bitterer Geschmack breitete sich in ihrem Mund aus, das war so falsch. Panik stieg in ihr auf, ihr Schicksal war besiegelt. Doch Elwing war noch nicht bereit, das Schicksal zu akzeptieren.
Sie biss die Zähne zusammen und verbannte all ihre zaudernden Gedanken aus ihrem Kopf, so durfte das nicht weitergehen. Sie griff sich an die Brust, wo der Stein hing, für den Beren und Luthien in Angband ihr Leben riskiert hatten. Das Symbol ihrer Liebe und das Symbol des Untergangs von Doriath. Ihr Griff wurde fester und entschlossener. Ihr eigenes Leben konnte sie nicht mehr retten, das wusste sie.
Die Verzweiflung hatte sie dazu treiben wollen, den Söhnen Feanors zu geben, was sie begehrten, um sie zu bitten auch noch die letzten ihres Gefolges zu verschonen. Doch Elwing sah nun, wie sie ihre eigenen Männer schlachteten, weil diese sich weigerten, erneut gegen ihre Brüder zu kämpfen. Sie würden alle sterben, wurde Elwing bewusst. Sie würden auch vor ihren Kindern keinen Halt machen, wenn sie nichts unternahm. Nichts und niemand würde die Söhne Feanors mehr aufhalten können. Das würde heute ein Ende haben, auch wenn dies ihren eigenen Tod bedeutete. Doch durfte sie ihr eigenes Leben über das der ihr Anvertrauten stellen?
Wut stieg in ihr auf und Elwing ballte die Faust, riss sich ihr Umhängetuch von den Schultern und offenbarte den Silmaril. Sein Leuchten verriet sie, doch das kümmerte sie nicht mehr. Niemand sollte ihn mehr besitzen. Sie würde den Silmaril Ulmo darbringen. Der Vala würde die Macht haben, den Silmaril für immer vom Antlitz Ardas zu tilgen. Sie betete, dass ihr Opfer sein Herz erweichen würde.
Der Turm, der Earendil als Leuchtsignal diente, stand nah genug am Wasser, sodass sie die Klippen in wenigen Sätzen erreichen würde. Elwing hörte Schreie, doch sie erreichten sie nicht mehr, sie fühlte sich, als würde sie alles nur noch durch einen Schleier wahrnehmen. Selbst das Gefühl ihres rasenden Herzens wurde dumpf. Die Schreie ihrer eigenen Leute vermischten sich mit der dunklen Stimme, die sicher einem der Söhne Feanors gehörte, als sie zu laufen begann. Sie rannte, um ihr Leben zu beenden, die anderen zu befreien.
Als sie sprang, traf ein Pfeil aus Amrods Bogen sie, doch den Schmerz nahm sie kaum noch wahr. Tief fiel sie, doch das Wasser erreichte sie nie.
Eine starke Meeresbrise katapultierte sie wieder in die Luft, während sich ihr Körper auf schmerzhafte Weise zu verformen begann. Ulmo… Der Vala gab ihr eine Chance, er verstand ihren Wunsch, die Söhne Feanors aufzuhalten.
Elwing benutzte ihre neu gewonnenen Flügel, strengte sich bis zum Äußersten an. Ulmo konnte nicht mehr für sie tun, sie musste Valinor erreichen und für das Schicksal der Hinterbliebenen beten.
Die Anstrengung ließ sie das Loch in ihrem Herzen verdrängen, den Tod, den sie an den Ufern zurückließ.


„Elwing!“
Earendils Stimme riss die Elbin aus ihren Erinnerungen zurück in die Gegenwart. Sie hatte gar nicht bemerkt, wie er hereingetreten war und ihre Hand genommen hatte. Ihr Herz klopfte noch immer zu schnell. Earendil sah sie nachdenklich an.
Die Erinnerung hatte sie aufgewühlt und doch gleichzeitig einen Entschluss in ihr reifen lassen. Wenn Celebríans Verwundung so furchtbar war, dass sie in Mittelerde nicht geheilt werden konnte, würde es selbst in Valinor seine Zeit brauchen, ihre Wunden zu heilen. Und handeln musste sie, die ängstlichen, verletzten Augen Tatyons brannten in ihrem Geist, als hätte sie ihn erst gestern zurücklassen müssen.
„Ich würde dich heute gern auf deiner Reise über den Himmel begleiten“, sagte sie so neutral wie möglich.
Überrascht zog Earendil eine Augenbraue nach oben, doch ein erfreutes Funkeln war in die seine blauen Augen getreten.
„Das möchtest du? Es ist Jahre her, dass wir das letzte Mal-“ Er brach mitten im Satz ab und sah verlegen zu Boden. „Ich meine, ich freue mich über deine Begleitung. Komm, Arien steht schon tief am Himmel, ihre Ablöse ist fast gekommen.“
Elwing griff die ihr dargebotene Hand und folgte Earendil. Es stimmte, es war lange her, dass sie zuletzt mit Earendil geflogen war. Es war der Tag, an dem Earon verstorben war. Seitdem hatte sie das Schiff nie wieder betreten. Zu sehr hatte die Erinnerung geschmerzt, die Erinnerung an den Sohn, der sich dafür entschieden hatte, seine Eltern nie kennen lernen zu wollen. Er war den einen Weg gegangen, der sie nie zusammenführen würde.
Elwing schluckte, als sie das Schiff betrat, das noch im Hafen ruhte. Behutsam fuhr sie mit der Hand über das glatte Holz, jeglicher Firlefanz fehlte dem Schiff. Der Silmaril war sein einziger Schmuck.
Sie seufzte. Wirklich schöne Erinnerungen verbanden sie nicht mit dem Himmelsgefährt.

„Was hat dich dazu bewogen, mich heute Nacht zu begleiten?“, wollte Earendil wissen, nachdem sie die gewohnte Laufbahn des Schiffes erreicht hatten und es für ihn nicht mehr viel zu tun gab.
Elwing schmiegte sich an ihn und dachte über ihre Antwort nach. „Ich konnte heute Nacht nicht allein in unserem Turm sein. Eonwe hat mich besucht und mir einen Gast angekündigt.“
Diese Antwort hatte wohl für mehr Verwirrung gesorgt. „Celebrían, Tatyons Gemahlin, ist in Valinor angekommen. Sie wurde wohl so schwer verwundet, dass man ihr in Mittelerde nicht mehr helfen konnte. Tatyon konnte ihren Körper heilen, doch ihr Geist hatte ebenfalls Schaden genommen.“
Elwing konnte die Reaktion ihres Ehemannes nicht in seinem Gesicht ablesen und er half ihr auch nicht dabei, seine Gefühle zu erkennen. Doch sie war sich sicher, dass auch Earendils Gedanken, sich in die Vergangenheit verirrten. Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Diese Erinnerung teilten sie und sie würde ihn damit nicht allein lassen. Sie wusste, er erinnerte sich an jenen Tag zurück, an dem sie von Earons Tod erfahren hatten.

Sie beide hatten hinaus in die Leere geblickt, die manchmal Bilder von der Welt dort unten enthüllte. Doch diesmal waren sie auf die Bilder, die enthüllt wurden nicht vorbereitet. Tatyons schmerzverzerrtes Gesicht blitzte vor ihnen auf, Gil-galad, der versuchte, den jungen Elben in seiner Trauer zu bändigen. Doch Wut und Trauer hatten Tatyons sonst so besonnene Art vernebelt. Hilflosigkeit durchbohrte Elwing, als sie das Leid ihres jüngsten Sohnes mit ansehen musste, ohne eingreifen zu können, ohne ihn in die Arme nehmen zu können und die Trauer zu teilen, die auch in ihrem Herzen brannte.
Sie schloss die Augen und ließ sich von Earendil an ihn pressen. Schutzsuchend lehnten sie sich aneinander, gefangen in der Untätigkeit, zu der sie verdammt waren. Eine kleine Ewigkeit schienen sie Halt aneinander zu finden, als plötzlich die Schleier verschwanden. Leise drang eine von Trauer und Verlust durchzogene Melodie an ihre Ohren, die ihre aufgewühlten Gefühle beruhigte. Ein Lied so verständnisvoll, dass es erlaubte, ihre Gedanken zu ordnen. Das Lied hüllte sie in einen wärmenden Mantel, der sie das Gefühl der Trauer und Hilflosigkeit akzeptieren ließ.


„Er ist so allein“, hauchte Elwing mit belegter Stimme, konnte noch nicht recht unterscheiden zwischen den Bildern der Vergangenheit und jenen, die nun in den Schleiern der Welt vor ihnen auftauchten. Sie beugte sich über die Reling, um mehr zu erkennen.
„Elwing“, ermahnte Earendil sie und legte behutsam eine Hand auf ihren Rücken, als wollte er sie von der Reling fortziehen. „Wir können nicht alles sehen, was vor sich geht dort unten, es sind mehr Ahnungen-“
Doch Elwing achtete nicht auf ihn, sondern starrte gebannt in den Schleier, der ihnen zeigte, wie Tatyon eines seiner Kinder im Arm hielt und behutsam mit den anderen beiden sprach. Sie sahen alle furchtbar aus, doch Tatyon zwang sich, seine eigenen Gefühle, den Kindern nicht zu zeigen. Elwing schluckte. Das aufgesetzte leichte Lächeln mit dem Tatyon versuchte die junge Elbin in seinen Armen zu trösten, kam ihr erschreckend bekannt vor. Keine unbändige Trauer sprach aus diesem Elben, Verzweiflung und Einsamkeit hatten sich in ihm breit gemacht. Elwing konnte sich kaum vorstellen, wie sehr der Verlust der Gemahlin ihn bis in sein Innerstes erschüttert haben musste. Welche Schuldgefühle mussten in ihm kämpfen, wo er sicher versucht hatte, sie zu heilen, aber gescheitert war. Mitleid und eine seltsame Verbundenheit zu ihrem Sohn, den sie nie wirklich kennengelernt hatte, durchzuckte sie. Doch was konnte sie schon tun, als still sein Leiden zu beobachten und zu hoffen, dass ihre Gedanken ihn erreichten.
Da drang auf einmal leise eine Melodie an ihr Ohr, unerwartet vertraut. Er sang für die Kinder, leise und beruhigend, bis sich die Augen der Elbin schlossen, bis die Zwillinge aneinander umschlungen haltend einschliefen. Sie konnte sehen, wie Tatyon sich zwang, das Lied erneut zu singen, als ob er hoffte, so seine eigenen Gefühle zu beruhigen und sich selbst Trost zu spenden.
Er hatte niemanden mehr, der sich seines Schmerzes annehmen konnte und musste stattdessen seinen Kindern, seinen Untertanen Trost spenden, bis er keinen mehr würde geben können. Elwings Herz begann schneller zu schlagen, weigerte sich, die Einsamkeit ihres Sohnes hinzunehmen. Er sollte nicht gezwungen sein, einsam zu leiden, er sollte Hilfe in Anspruch nehmen dürfen.
Die letzten Töne des Liedes verklangen, als Tatyons Stimme brach. Rau und kratzig hatten sich die letzten Verse angehört und Elwing wurde schlagartig die Herkunft des Liedes bewusst.
Unwillkürlich griff sie nach der Hand ihres Ehemannes und zog ihn näher zu sich, als ob dessen Wärme und Nähe, die schmerzende Einsamkeit und das alte Gefühl des Versagens vertreiben konnte. Doch das Licht des Silmarils auf seiner Stirn half dabei nicht, wies es ihr doch noch eindringlicher die Richtung.
Tatyon. Drei Mal verlassen, aber zumindest einmal gefunden worden. Elwing biss die Zähne zusammen, ihre eigenen Probleme sollten sie nicht davon abzuhalten, das zu tun, was das Richtige für ihren Sohn war. Sie konnte keinen Einfluss auf Mittelerde ausüben, doch sie konnte jemanden erreichen, der das noch konnte. Jemanden, der sicherlich hilfreicher sein würde, als sie es je können würde.
„Vielleicht sollten wir Maglor um Hilfe bitten“, überlegte Elwing laut und sah zu ihrem Ehemann auf, auf dessen Miene sich Unverständnis und Verwirrung abzeichnete. Elwing konnte diese Gefühlsregung nachvollziehen, hatten die Söhne Feanors doch ihre Kinder entführt und wie ihre eigenen Kinder großgezogen. Doch wen sonst konnte sie in Mittelerde erreichen? Und wer sonst konnte den Einfluss auf Tatyon haben, den sie sich im Moment für ihn wünschte? Für sein Wohlergehen musste sie ihre Abneigung zurückhalten.
„Wir dürfen nicht nach Mittelerde reisen“, hielt Earendil schließlich dagegen.
„Befindet er sich nicht immer an ihrer Küste? Wir könnten bestimmt mit ihm sprechen.“
„Die Frage ist, ob er uns helfen wird“, gab Earendil zu bedenken.
„Das wird er“, erwiderte sie bestimmt. Das musste er, sie würde alles daran setzen, um ihn dazu zu bewegen. Sie wusste, selbst wenn sie zu Tatyon gehen dürfte, sie würde ihm keine so große Hilfe sein wie Maglor. Und diese Erkenntnis schmerzte mehr als sie sich eingestehen wollte.
„Wenn du einmal einen Weg sieht, verschließen sich alle anderen Auswege für dich, wie?“
Ob dieser Bitterkeit erschauderte Elwing, doch sie blieb standhaft. Er hatte recht, sie hatte ihre Entscheidung gefällt und würde nicht davon ablassen, diese nun umzusetzen.
„Welchen Ausweg siehst du denn?“, fragte sie, wohl wissend, dass er auch keinen anderen sah.
„Ich glaube fest daran, dass unser Sohn ein standhafter Elb ist, der diesen Verlust auch allein verarbeiten kann“, gab Earendil zurück.
„Wenn er es geworden ist, so war es nicht unser Verdienst“, antwortete Elwing bitter. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich sehe ihn leiden und ich möchte ihm helfen. Ich will es nicht zulassen… Zum dritten Mal in seinem Leben von einer liebenden Person zurückgelassen. Er sollte nicht allein sein.“
Earendil seufzte und nahem ihre Hand. „Nun gut, lass uns den Sippenmörder suchen.“
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