Blut und Eisen

GeschichteRomanze, Fantasy / P16 Slash
Jungkook V
08.10.2019
11.11.2019
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„Wach auf, Yin“, weinte ich, immer und immer wieder. „Wach doch auf!“

Ich musste inzwischen furchtbar ausschauen. Mein Arm brannte und ich war mir nicht sicher, wie viel Blut ich bereits verloren hatte. Jungkooks Brustkorb sah aus, wie wenn ein ganzer Farbtopf darauf ausgeleert worden war.

Nur war es keine Farbe.

„Wach auf, Yin“, weinte ich. „Ich will nicht sterben!“

Wieso schlitzt du dir dann die Pulsadern auf?

Ich weinte nur noch mehr, als mir klar wurde, dass das natürlich nicht der echte Jungkook gesagt hatte. Aber wie hätte ich ihn auch nicht hören können in meinem Kopf? Ihm gehörte die Hälfte meiner Seele!

Dummes Yin, dachte ich, fast als ob Jungkook wirklich neben mir wäre. Ich schlitze mir die Pulsadern auf, weil ich ohne dich sowieso sterbe.

Das hatte bis jetzt nur Jungkook zugegeben. Nicht ich.

Doch es war die Wahrheit.

„Bitte lebe“, weinte ich, „damit ich auch leben kann.“

Bumm.

Zuerst bemerkte ich es nicht einmal, so leise war es.

Bumm.

Doch da war es wieder.

Bumm.

Und beim dritten Mal gab es keinen Zweifel mehr. Jungkooks Herz hatte wieder begonnen zu schlagen.



3 Wochen später

„Nein! Niemals, Park Jimin! Du bist ein komplett widerlicher Perversling! Nimm gefälligst deine Finger von mir!“, kreischte ich.

„Vertrau mir, Prinzessin. Tu doch nicht so, als ob du davon nicht schon geträumt hättest! Du willst doch auch wissen, wie es wäre…“

„Jimin, bitte… Das ist so eklig, ich kann das nicht, bitte…“

„Woher willst du wissen, wie es ist, wenn du es noch nicht ausprobiert hast?“, fragte er mich mit seinem so typischen Augenzwinkern. „Ich sage dir, du hast keine Ahnung, was dir entgangen ist, V Kim!“

„Perversling“, brüllte ich. „Ich werde dich niemals küssen!“

„Das sagen sie alle“, meinte er, „und dreimal darfst du raten, was sie dann tun.“

Mit großen Augen sah ich ihn an.

Und er packte mich und drückte mir seine perfekten Lippen auf meine.

In seinen Augen, die fest auf mich gerichtet waren, konnte ich genau lesen, was er mir sagen wollte. „Na, zu viel versprochen?“



Ja – und jetzt wollt ihr sicher wissen, wie es so weit kommen konnte. Ich im innigen Lippenkontakt mit ausgerechnet Park Jimin – ja, das fragte ich mich auch, wie das kommen konnte.

Und doch war es die Realität. Eine besonders gruselige Abart davon – aber doch die Realität.

Ihr hättet gedacht, in dem Moment, in dem Jungkooks Herz begonnen hatte, zu schlagen, und ich endlich eingesehen hatte, dass unsere Bindung stärker war als mein eigenes Leben – da wären wir auf dem direkten Weg in unser Märchenschloss gewesen und nun wäre alles heiter Sonnenschein?

Weit gefehlt. Wer immer das gedacht haben mochte (äh – ich niemals, niemals doch…), hatte immer noch nicht kapiert, worum es ging. Um mich. Und Jungkook.

Als ob da jemals irgendetwas einfach, nach Plan und heiter Sonnenschein gewesen wäre!

Nein, das war stattdessen passiert:

Das Krankenhaus, das Yoongi bereits aufgenommen hatte, weigerte sich, Jungkook aufzunehmen, nachdem sie einen kurzen Blick auf seine Blutprobe geworfen hatten.

„Für Voodoo und Schamanismus sind wir hier nicht zuständig“, erklärte mir die Ärztin. „Was auch immer Sie angestellt haben – wagen Sie es nicht, jemals wieder einen Schritt über diese Schwelle zu setzen. Versuchen Sie es mal in Nordkorea, da ist Ihresgleichen besser aufgehoben.“

Na ja – danke auch.

Was auch immer Jungkook jetzt sein mochte – er war offensichtlich kein normaler Mensch mit einem normalen Blutbild mehr. Nun gut, er war ja auch tot gewesen. Was hatte ich erwartet?

Seufzend nahm ich mein immer noch bewusstloses Yin auf die Schulter und packte ihn wieder einmal zu mir ins Bett. Doch dieses Mal war etwas anders.

Während er das letzte Mal von Tag zu Tag schwächer zu werden schien, wurde seine Gesichtsfarbe dieses Mal von Tag zu Tag kräftiger. Sein Puls ging immer ruhiger. Er sah schon nach zwei, drei Tagen aus, als würde er einfach nur friedlich schlafen und jeden Moment aufwachen.

Doch das tat er nicht.

Und so lag er über eine Woche da. In meinem Bett. Ohne einen Ton von sich zu geben.

Apropos Yoongi: Auch wenn er im Krankenhaus behandelt wurde, ging es ihm nicht besser. Er hatte sich eine üble Kopfverletzung zugezogen und die Ärzte sagten, dass das Gehirn darauf gerne mit einem völligen Shutdown reagierte, bis es sich soweit selbst geheilt hatte, dass es wieder bereit war, neu zu starten.

Darauf warteten wir nun schon über eine Woche. Ich ließ mein Handy stundenlang neben mir laufen, wenn Jimin bei Yoongi am Bett saß und ich bei Jungkook.

So fühlten wir uns beide wenigstens nicht ganz so allein. Manchmal sagte einer von uns etwas (meistens Jimin). Aber oft schwiegen wir auch einfach nur.

„Die Ärzte sagen, entweder wacht Yoongi heute oder morgen auf“, sagte Jimin nach einer Woche, „oder… nicht.“

Das hatte ich auch schon gehört, dass man bei Gehirnverletzungen nie so genau wusste, wie es ausgehen würde.

Das „oder nicht“ stand drohend im Raum.

„Ich hoffe mit euch“, sagte ich leise. „Sag mir, wenn sich etwas rührt, ja?“

„Wie geht es meinem Bruderherz?“

„Unverändert“, meinte ich. „Was denkst du? Würde ich sonst hier herumsitzen und mich mit dir abgeben?“

Jimin lachte. Doch es klang angespannt. Ich wusste, wie er sich fühlte. Mir ging es ja genauso.

„Hast du dich eigentlich einmal gefragt“, fragte ich leise, „was wir tun, wenn sie nicht wieder werden?“

„Sie werden wieder“, erklärte Jimin. „Vertrau mir, V Kim.“

„Aber wenn nicht…“

Jimin lachte wieder, und dieses Mal klang es sogar ein bisschen echter. „Kein Problem, Prinzessin. Dann heirate ich eben dich.“



„V?“

„Aish, Jimin, weißt du, wie spät es ist? Es ist mitten in der Nacht!“

„Hast du einen Moment für mich?“

Ich seufzte zum Erbarmen. „Hat das nicht bis morgen Zeit?“

„Yoongi ist aufgewacht.“

„Was? Das ist doch wunderbar. Herzlichen Glückwunsch, ich bin… Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll! Wieso rufst du da an? Habt ihr nicht mehr als genug anderes zu tun?“

„Für meine Prinzessin würde ich eben alles tun.“

Doch irgendetwas an seiner Stimme klang komplett falsch.

„Was ist los, Jimin? Irgendetwas stimmt doch nicht.“

„Yoongi ist aufgewacht“, sagte er noch einmal, „aber… er ist nicht mehr derselbe.“

Was meinte er?

„Die Ärzte sagen“, erklärte Jimin leise, „so etwas kommt vor. Er ist topfit. Aber… er kann sich nicht mehr erinnern.“

Ich versuchte, das zu sortieren. „Du sagst, Yoongi ist wach? Und es geht ihm gut?“

„Ich weiß ja“, meinte Jimin leise, „dass ich mich darüber freuen sollte. Und das tue ich auch. Aber er… Er hat mich angeschaut, direkt in die Augen, und dann hat er gefragt: Wer sind Sie? Was machen Sie in meinem Zimmer? Sind Sie auch Patient?“

Ja, das war mein Yoongi. Polizist durch und durch, immer für ein paar Verhörfragen gut.

„Das tut mir wirklich leid, Jimin.“ Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie ich reagieren würde, wenn Jungkook so eine Nummer bei mir abzog. „Kann ich irgendetwas für dich tun?“

„Das kannst du“, sagte Jimin. „Deshalb rufe ich an. Min Yoongi hat nach dir gefragt.“

Wir einigten uns, dass Jimin meinen Wachplatz an Jungkooks Bett übernehmen würde. Im Krankenhaus war er ja, so schwer es ihm fiel, gerade nicht gefragt.

Und ich fuhr noch in der Nacht zu Yoongi.

„Min Yoongi“, rief ich. „Was hört man da? Du hast dein Gedächtnis verlegt?“

„Keine Sorge, V Kim“, rief er zurück. „So eine Landplage wie dich kann man einfach nicht vergessen.“

„An was kannst du dich denn noch erinnern?“, fragte ich vorsichtig.

„An alles“, erklärte er im Brustton der Überzeugung. „Doch dann kommt dieser Papagei“ (gute Beschreibung für Jimin…) „und behauptet, er wäre mein bester Freund.“ (Und das war eine interessante Umschreibung für „Yin“.)

Anklagend sah Yoongi mich an. „Und er hat behauptet, wir hätten Juni. Dabei hatten wir doch gestern noch Dezember…“

Ich sah die tiefe Verunsicherung in seinen Augen. „Sag mir ehrlich, V Kim“, meinte er. „Wie lange habe ich geschlafen?“

„Eine Woche“, sagte ich. „Und davor hast du eine Menge erlebt, das dein Gehirn dir nicht mehr erzählen möchte.“

Ganz ehrlich: Es wunderte mich noch nicht einmal. Das ging doch wirklich in keinen Kopf hinein! Am Ende fragte ich mich, ob Yoongi nicht besser dran war. Ob ich nicht auch am liebsten einfach alles vergessen würde… Aber nein. So etwas wollte ich gar nicht denken.

„Was habe ich denn erlebt?“, fragte Yoongi neugierig.

„Wir waren einem Mörder auf der Spur“, erklärte ich vorsichtig. „Du weißt schon noch, dass wir Polizisten und Partner sind, oder?“

„Aber natürlich“, erklärte Yoongi. „Ich erinnere mich sogar an den Fall. Überall sind merkwürdige Leichen am Fluss aufgetaucht.“

„Das ist… Das war nicht der Mörder, den wir gesucht haben“, stotterte ich.

„Ich hoffe, du hast ihn längst hinter Schloss und Riegel gebracht“, erklärte Yoongi.

„Etwas in der Art“, murmelte ich. „Aber sag mal: Wenn du dich an die Flussleichen erinnerst, wie kann es sein, dass du dich nicht mehr an Jimin erinnerst? Du hast ihn immerhin angeschleppt und mir erst vorgestellt!“

„Ich weiß nicht“, sagte Yoongi vorsichtig. „Aber irgendetwas an dem Kerl ist doch nicht ganz sauber! Sag mir nicht, dass dir das nicht auch aufgefallen ist!“

Da musste ich herzlich lachen. „Min Yoongi“, brachte ich hervor, „was glaubst du, was ich dir immer und immer wieder gesagt habe? Aber du wolltest ja nicht hören!“

„Ich mochte diesen Park Jimin? Irgendwie kommt mir das komisch vor“, meinte Yoongi. „Das kann ich mir gar nicht vorstellen.“ Nachdenklich sah er mich an. „Aber sag mal – läuft da was zwischen euch?“

Entsetzt rief ich: „Mit mir und Jimin? Wie kommst du darauf?“

„Ich weiß nicht“, meinte er. „Er wirkt irgendwie lustig. So, als könnte er zu dir passen.“

„Nein“, meinte ich. „Sicher nicht. Außerdem hasse ich Park Jimin.“

„Gut zu wissen“, meinte Yoongi. „Dann war es ja richtig, dass ich ihn aus dem Zimmer geschmissen habe. Ich werde es mir merken, falls ich ihm jemals wieder begegne.“

„Ähm, Yoongi…“ Wie erklärte ich das jetzt am besten? „Vielleicht… Vielleicht solltest du ihn doch nicht gleich abschreiben, sondern ihm noch eine Chance geben. Es könnte sein, dass es sich lohnt.“

„Was willst du mir damit sagen?“

Ich schluckte. „Du… Du hast mir mal gesagt, dass du ihn mögen würdest. Wirklich mögen. Auch, wenn ich das gar nicht hören wollte. Also muss dir wirklich etwas an ihm gelegen haben. Es bin also nicht ich, der dir irgendetwas sagen will. Eigentlich bist du es selber.“

Jetzt war Yoongi sogar ein kleines bisschen rot geworden.

„Das ist ganz schön abgedreht“, stellte er fest. „Dass ich jemanden gemocht haben soll und jetzt kenne ich ihn gar nicht mehr…“

„Du hast ja keine Ahnung“, konnte ich nur murmeln.

„Was soll das heißen?“

Ich winkte nur ab. „Eins nach dem anderen. Kümmere dich erst mal darum, dein Alzheimer zu besiegen, dann reden wir weiter.“

„Deine große Klappe hast du also immer noch“, stellte Yoongi fest. „Aber erzähl mal – was gibt es sonst im Hause Kim? Lass mich teilhaben, wenn ich schon selbst nichts zu erinnern habe! Sag schon: Was geht?“

„Also – äh…“

„Wer ist es?“, fragte Yoongi sofort weiter. „Wenn es nicht dieser Jimin ist – ist es Chae Lin? Bitte sag Chae Lin! Ihr seid so lange umeinander herumgeschlichen!“

„Es ist nicht Chae Lin“, erklärte ich. „Es ist… kompliziert.“

„Also ist sie verheiratet.“

Ganz ehrlich: Schlafend hatte mir Yoongi auch ganz gut gefallen! „Aish, Yoongi. ER ist nicht verheiratet.“

„Aber jemandem versprochen und die Eltern mischen sich ein.“

„Natürlich nicht“, rief ich aus. Doch dann stockte ich. „Das heißt…“ Wenn es nach Seokjin ging, war Jungkook versprochen. Und sie mischte sich definitiv ein.

„Das ist nicht das Problem“, erklärte ich also wahrheitsgemäß.

Yoongi sah mich nur neugierig an. Meine Güte, wenn der seine Verdächtigen auch so verhörte…

„Ich weiß nicht, was wir sind“, gab ich leise zu. „Wir haben unseren Beziehungsstatus nie richtig geklärt.“ Als ich es aussprach, musste ich selbst zugeben, dass es die Wahrheit war. „Und jetzt gab es einen… Unfall. Er liegt bewusstlos da wie du die letzte Woche.“

„Das tut mir leid“, meinte Yoongi. „Wird er wieder aufwachen? Was sagen die Ärzte?“

Unfreiwillig musste ich lachen. Ärzte… „Ja, ich denke schon, dass er wieder aufwacht“, meinte ich dann. „Aber… Ich weiß nicht, wie es dann weiter geht. Wir… Wir sind ja nicht zusammen, weißt du. Es ist eben kompliziert.“

„Ich würde ihn gerne kennenlernen“, meinte Yoongi da.

Überrascht sah ich ihn an.

„Ich kann sehen, was er dir bedeutet“, meinte Yoongi. „Deshalb wünschte ich, ich könnte ihn kennenlernen.“

„Das würde ich mir auch wünschen“, meinte ich und seufzte aus Herzensgrund. „Ich hoffe nur, das läuft ein bisschen besser als beim letzten Mal…“
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