Das Wort mit F

GeschichteAllgemein / P16
Die deutsche Nationalmannschaft
07.10.2019
07.10.2019
1
3656
2
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Julian gibt einen Laut von sich, der sich nach einem Stöhnen und Seufzen zugleich anhört, als er sich zu seinen Kumpels und Mannschaftskollegen Manuel, Benedikt und Toni auf die Sofalandschaft im Aufenthaltsraum fallen lässt. Mit einer Hand fährt er sich über die müden Augen und lässt sie noch für einen Moment geschlossen. Er spürt die fremde Hand, die sich auf seine rechte Schulter legt und sieht Manuels freundlichen Gesichtsausdruck.

„War das deine Freundin?“, fragt er und Mitgefühl schwingt in seiner Stimme mit.

„Ja“, erwidert Julian und seufzt ein weiteres Mal, „In Deutschland ist es jetzt fast zwei Uhr nachts und sie war schon sehr müde und...unausgeglichen.“

Ein verständnisvolles und wissendes Murmeln geht durch die Gruppe. Sie verstehen, wovon er spricht, ohne zu wissen, was genau seine Freundin Joelina am Telefon zu ihm gesagt hat.

Julian verschränkt die Finger ineinander und lehnt sich vor, sodass er die Ellenbogen auf die Knie stützen kann. „Es nervt mich, dass wir im Moment eine Fernbeziehung führen müssen. Ich wollte nie eine Beziehung auf Distanz führen, ich wusste von Anfang an, dass mir das nicht reichen wird.“

Toni hebt den Blick von seinem Handy und lacht kurz auf. „Na ihr müsst es ja nicht gleich eine Fernbeziehung nennen, nur, weil du für ein paar Wochen hier in Brasilien bist. Du kommst ja irgendwann wieder zurück nach Deutschland und zurück zu deiner Freundin.“

Bevor Julian etwas antworten kann, springt Benni für ihn in die Bresche und klärt den Teamkollegen auf: „Nein, so ist das nicht gemeint. Jule spielt und wohnt in Gelsenkirchen, aber Joelina, seine Freundin, studiert in Wolfsburg. Sie führen auch in Deutschland eine Fernbeziehung.“

Fernbeziehung. Dieses böse Wort mit F.
Es stimmt, dass er nie eine fester Partnerschaft führen wollte, wenn seine Freundin am anderen Ende des Landes wohnt. Sowas reicht ihm nicht, zu wenig Körperkontakt, zu wenig Sex, zu wenig Nähe. Natürlich hatte Julian immer gewusst, dass sein Job als Fußballer nicht unbedingt dafür prädestiniert ist, nicht zwangsläufig eine Beziehung über eine größere Distanz zu führen. Er reist viel, ist oft unterwegs, fliegt mit Schalke oder der Nationalmannschaft in sonst was für Länder, um wichtige Spiele zu bestreiten. Die wenigsten seiner Teamkameraden führen Beziehungen oder Ehen, in denen man sich regelmäßig oder länger als vier Tage am Stück sieht.
Julian hatte sich immer dagegen gewehrt, so eine Beziehung zu führen. Mit einer Frau, die er nicht vollkommen glücklich machen kann, weil sein Job es ihm verbietet. Er wollte nie eine Beziehung eingehen, in der er die Liebe nur auf dem Display lesen oder über einen Handylautsprechen hören kann. Er wollte weder sich, noch seine potenzielle Freundin darunter leiden lassen.

Vor einem halben Jahr hatte Joelina das Blatt allerdings gewendet, als sie in weißer, vom überlaufenden Waschbecken durchnässter Bluse und schwarzer Hose seinen Tisch im Restaurant bedient hatte. Mit dem charmanten Lächeln und einem pointierten Spruch über Schalkes Nicht-Meisterschaft auf den Lippen war sie in Julians Leben einmarschiert wie der eiskalte Winter Sibirien. Keine Chance, ihr widerstehen zu können. Er hatte es versucht, ja wirklich, er hatte versucht sich von ihr fernzuhalten, hatte sich mit dem Beantworten ihrer Nachrichten extra viel Zeit gelassen, damit sie das Interesse verliert. Dass sie sich davon nicht abschütteln ließ, hatte er erst bemerkt, als er feststellen musste, dass er ihr längst verfallen war.
Für Joelina hatte er seinen Beziehungs-Grundsatz aufgegeben und sich auf das Abenteuer eingelassen. Zwischen Wolfsburg und Gelsenkirchen liegen über 300 Kilometer Straße und ein viel zu voller Terminkalender.

„Ich verstehe“, sagt Toni und tätschelt Julian kurz den Oberschenkel, „sowas nervt. Jessica und ich haben jahrelang in unterschiedlichen Ländern gelebt und das war wirklich furchtbar.“

Dafür kassiert er einen strafenden Blick von Manuel, der darüber hinaus auch noch die Augen verdreht. „Das hilft ihm nicht weiter, wenn du ihm auch nochmal darauf hinweist, dass seine Situation scheiße ist. Sag doch lieber etwas aufmunterndes.“

Im Hintergrund hört Julian eine lachende Frauenstimme. Als er sich umdreht, um zu sehen, um wen es sich dabei handelt, erkennt er Mats und seine Freundin Cathy, die Hand in Hand über die Terrasse in Richtung WG 4 laufen. Cathy ist vor ein paar Tagen zusammen mit Ann-Kathrin Brömmel und Montana Yorke in Brasilien gelandet, um Mats, Mario und André vor Ort zu unterstützen. Julian hatte Joelina vor dem Abflug gefragt, ob sie auch kommen würde, aber sie hatte abgelehnt. Die Uni, der Job...zu viel zu tun, um alles stehen und liegen zu lassen und um die halbe Welt zu fliegen. Und er hatte das verstanden, das Studium ist wichtig und ihre Arbeit auch, aber ist das auch wichtiger als er und das wahrscheinlich größte Event seiner Karriere? Für die Frauen und Freundinnen seiner Kollegen sieht das anscheinend anders aus.

Toni zuckt nur mit den Schultern und greift nach seiner Sonnenbrille, die vor ihm auf dem Glastisch liegt. „Vielleicht ist es nicht aufmunternd, aber immerhin ehrlich. Fernbeziehungen sind frustrierend und scheiße, das kann man nicht verherrlichen, tut mir leid, Manu.“

Julian nickt zustimmend.
Frustration. Das ist das andere böse, aber leider sehr zutreffende Wort mit F. Wenn die letzten Wochen eines waren, dann frustrierend und schlafraubend. Man sollte denken, dass sich ein Paar nach einer Zeit daran gewöhnt, sich nicht regelmäßig sehen und nah sein zu können, aber Julian hat das Gefühl, dass es bei Joelina und ihm genau andersherum abgelaufen ist. Je länger sie zusammen sind und je weniger sie sich sehen, weil der Abschluss der aktuellen Saison und mehrere Trainingslager für die WM-Vorbereitung anstehen, desto aussichtsloser wird ein Wiedersehen und desto größer wird der Frust.

Es läuft im Moment nicht gut zwischen ihnen. Sie führen in letzter Zeit viele Diskussionen über Prioritäten und das sich-vernachlässigt-fühlen. Dabei geht keiner von ihnen als Gewinner aus dem Streit hervor, sie verlieren beide und bleiben mit schlechter Laune zurück. Joelina hatte ihn schon mit unfassbar schlechter Stimmung verabschiedet, als er zum Flughafen aufbrechen wollte und sie um vier Uhr in der Nacht angerufen hatte. Aber das lag nicht an ihm, zumindest redete er sich das ein. Die Situation macht ihr genau so schwer zu schaffen wie ihm und seine Freundin war noch nie gut darin gewesen, ihre Stimmungen zurückzuhalten.
Versucht hatte sie es, ihm zuliebe, aber wahrscheinlich auch nie.

Er seufzt tief und lehnt sich zurück. Er ist müde. „Sie wird sich schon wieder einkriegen, sie kann nicht ewig sauer auf mich sein. Ändern können wir doch an der Sache sowieso nichts.“

Plötzlich reißt Toni die Augen auf und sieht Julian an, als wäre dieser von allen guten Geistern verlassen. „Wie sauer? Du hast doch wohl das Telefonat nicht beendet, bevor ihr euch wieder vertragen habt? Sag nicht, dass deine Freundin jetzt angepisst aufgelegt hat! Man, das macht man doch nicht, Julian!“

Der Unterton, der dabei in Tonis Stimme mitschwingt, erinnert Julian an seine Oma, wenn sie ihm und seinen Bruder mit erhobenen Zeigefinger eine Lektion fürs Leben erteilen wollte. Als müsste er noch etwas lernen, was er braucht, um erwachsen zu werden.

Er zuckt mit den Schultern. „Sie wollte wieder schlafen und sie hat gesagt, dass es in Ordnung ist, also warum sollte ich ein Fass aufmachen und sie aufhalten wollen?“

„Oh man“, sagt Toni und klatscht sich mit der flachen Hand vor die Stirn, „das ist so ziemlich das Dümmste, was du hättest machen können. So fütterst du nur ihre schlechte Laune und löst das Problem nicht. Es ist doch deine Aufgabe, als ihr Freund, dass es ihr gut geht und sie sich wohlfühlt. Du musst ihr Sicherheit geben.“

Benni verdreht die Augen und sagt mit sarkastischem Ton: „Wow, ich wusste gar nicht, dass du neben dem Fußball auch noch als Paartherapeut arbeitest.“

Mit einer schnellen Handbewegung winkt Toni ab und fährt, an Julian gerichtet, fort: „Ich weiß, dass sich das jetzt so anhört, als sollte sich dein gesamtes Leben ausschließlich um dein Mädchen drehen. Soll es zwar nicht – immerhin ist Fußball dein Job und verdammt wichtig – aber gerade deswegen ist es deine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass deine Freundin nicht zu kurz kommt. Sie spielt keinen professionellen Fußball, sie hat keine Ahnung davon, was das bedeutet und was dahintersteckt. Du musst dafür sorgen, dass sie sich nicht vernachlässigt fühlt und die Aufmerksamkeit und Liebe von dir bekommt, die sie braucht, auch wenn das nicht leicht für dich ist.“ Er macht eine kurze Pause und sieht Julian durchdringend an. „Du liebst sie doch, oder?“

„Natürlich liebe ich sie“, erwidert er, „aber es ist einfach so anstrengend.“

Reicht Liebe aus, um über etwas wie Distanz hinwegzusehen? Er ist müde von den unzähligen Versuchen, es ihnen beiden recht und einfacher zu machen. Der Profi-Fußball setzt ihm zu viele Einschränkungen und Regeln, als dass er sich spontan dazu entschließen könnte, seine Freundin zu besuchen und gar mit ihr zusammenzuziehen. Aber er liebt Fußball, mindestens so sehr wie Joelina und er kann und will das nicht für sie aufgeben.
Und ausgerechnet an dieser Stelle stellt sie sich quer. Vielleicht, oder wahrscheinlich, versteht sie sogar seine Lage und dass er viel zu tun hat. Aber aus irgendwelchen Gründen kann sie nicht aus ihrer Haut, wenn es darum geht, ihm ein Stück weit entgegenzukommen. Als wollte sie ihm gar nicht entgegenkommen, sondern eher als wäre er derjenige, der alles für sie tun müsste. Es ist eine verzwickte Situation und Julian hat nicht den leisesten Hauch einer Ahnung, wie er das geregelt bekommen soll.

Jetzt ist es Benni, sein langjähriger Teamkollege und Freund, der ihm eine Hand auf den Oberschenkel legt und sagt: „Ganz egal, ob Toni damit Recht hat oder nicht – du solltest Joelina nochmal anrufen und das mit ihr klären. Dabei kommt es nicht darauf an, ob ihr das Problem in seinen Grundfesten aufheben könnt oder nicht, aber es ist wichtig, dass ihr beide wisst, dass ihr euch liebt und da zusammen durchgehen wollt.“

Und so ungern Julian zugibt, dass jemand anderes Recht hat, wenn es um sein eigenes Privatleben geht, an dieser Stelle muss er einräumen, dass Benedikt weiß, wovon er spricht. Er beschließt, Joelina jetzt gleich zurückzurufen – Zeitverschiebung hin oder her, er muss das jetzt mit ihr klären. Mal ganz abgesehen davon, dass er ihre Stimme jetzt schon vermisst, obwohl sie erst vor zwanzig Minuten miteinander gesprochen haben. Erst jetzt wird Julian klar, dass sie dabei nicht wirklich miteinander geredet haben, eher aneinander vorbei und der andere hat nicht zugehört, sondern sich mit etwas anderem beschäftigt. An dieser Stelle muss Julian sich selber eingestehen, dass er, als Joelina von Ausstellung im Literaturhaus erzählt hatte, eher über die Aufstellung für das kommende Spiel nachgedacht und ab und zu ein zustimmendes Geräusch in das Gespräch geworfen hatte. Asche über sein Haupt, so geht man wirklich nicht mit seiner Partnerin um.

Also sieht er zu, dass er sich in seinem Zimmer in WG 3 verschanzt und die Nummer wählt, die er mittlerweile auswendig kennt. Während er darauf wartet, dass Joelina ihn anschnauzt, sobald sie abnimmt, weil sie total übermüdet ist, tauchen vor seinem geistigen Auge die Bilder ihrer letzten gemeinsamen Nacht auf. Es war die Nacht, in der er wusste, dass sie es ist. Die Eine, die Richtige. Hoffentlich erinnert sie sich auch daran, wenn sie gleich seinen Anruf auf ihrem Display sieht.

„Juli?“, fragt sie und er hört an ihrer Stimme, dass sie bereits geschlafen haben muss.

Das Bild von ihrem nackten, kaum von einer Decke bedeckten, Körper taucht vor seinem geistigen Auge auf. Ihre beinahe schneeweiße Haut, die im seichten Licht des Mondes, das durch das geöffnete Dachfenster auf sie fällt, reflektiert die hellen Strahlen. Er erinnert sich, wie er mit der flachen Hand über die Vertiefung am Übergang von Schulter zu Taille fährt. Ihre Haut ist ganz weich, mit feinen Haaren bedeckt, die sich bei seinen Berührungen leicht aufstellen. Oh, er erinnert sich gern an diese Nacht und an die Verbindung, die es zwischen ihnen geschaffen hat.

„Hey, tut mir leid, dass ich dich nochmal aufwecke. Ich weiß, du bist müde.“, sagt er, „Aber ich kann das Gespräch von vorhin nicht so stehen lassen.“

Ein Geräusch von raschelnder Bettwäsche ist zu hören, dann das Anknipsen einer Lampe. Anscheinend hat sich Joelina aufgerichtet und das Licht eingeschaltet, um wach genug für das Gespräch zu sein. „Wieso das? War irgendwas und mein müdes Gehirn kann sich einfach nicht mehr daran erinnern?“

Bevor er zu seiner Antwort ansetzt, muss sich Julian noch einmal die Worte seiner Teamkollegen durch den Kopf gehen lassen. Sicherheit geben, das Wissen, dass sie sich lieben, gemeinsam. Jetzt muss er das nur noch in Worte fassen und dabei darauf achten, dass keine Missverständnisse entstehen.

„Jolli, ich liebe dich, das weißt du doch, oder?“

„Ja, natürlich weiß ich das. Julian, ist irgendetwas passiert, du machst mir langsam richtig Angst.“, erwidert sie und erst jetzt wird Julian bewusst, wie sehr seine Stimme zittert. Steht hier doch mehr auf dem Spiel, als er gedacht hatte?

Er atmet tief durch und spielt mit dem Saum seiner Bettdecke, um das überschüssige Adrenalin abzubauen, das gerade durch seinen Körper jagt. „Ich weiß, dass diese Fernbeziehungskiste im Moment echt tierisch nervt...“

Viel weiter kommt er nicht, denn mit einem lauten und genervtem Stöhnen fällt Joelina ihm ins Wort: „Ehrlich, müssen wir das um zwei Uhr nachts besprechen? Das hat doch noch Zeit bis morgen nach eurem Spiel.“

Einem ungemütlichen Thema kann man eben nicht einfach umgehen. Das ist eine Lektion, die Julian besonders im Laufe seiner Karriere als Fußballprofi gelernt hat und – vor allem – lernen musste. Manchmal müssen die Dinge ausgesprochen und auf den Punkt gebracht werden, damit sie geklärt werden können. Und je unangenehmer die Sache, desto größer die Notwendigkeit, es zu klären. Das hat er ebenfalls gelernt.
Er kann es nicht leiden, wenn Joelina so unausgeglichen ist. Oft hat er das Gefühl, dass ihr nie jemand beigebracht hat, seine schlechte Laune an anderen Menschen auszulassen, die nichts dafür können. Joelina wurde mit dem goldenen Löffel im Mund geboren, sie hatte immer alles und das hatte sie verzogen. Man hatte ihr alles gegeben, außer guten Manieren im Umgang mit anderen Menschen.

Unruhig rutscht Julian auf seinem Bett hin und her. Ihm brennen so viele unausgesprochene Worte und Gefühle auf dem Herzen, die er am liebsten wie ein übersprudelnder Springbrunnen sofort loswerden würde.

„Nein, das kann ausnahmsweise nicht warten und ja, ich weiß, dass es bei dir sehr spät ist und du müde bist, aber ich muss jetzt mit dir darüber reden.“

Er drängt sie, lässt ihr keinen Entscheidungsfreiraum, stellt sie quasi mit dem Rücken zur Wand. Das hier ist wichtig für ihn, er kann nicht zulassen, dass sie ihn jetzt vertröstet und aus der Situation flieht. Sonst klären sie es vielleicht nie und leben weiter wie bisher, ohne das Problem jemals wirklich zu klären. Das kann er nicht zulassen, es würde ihn von innen heraus auffressen.

Schließlich gibt Joelina seufzend nach. Begeistert klingt sie allerdings nicht, als sie mit einem Seufzer sagt: „Okay, dann leg mal los. Du redest, ich höre zu.“

Ohne großartig darüber nachzudenken, wie er seine Erläuterung am besten aufbauen, womit er am besten beginnen sollte, spricht er einfach das aus, was ihm am meisten auf der Seele brennt. In den meisten Situationen ist es am sinnvollsten, nach dem Herzen und nicht nach dem Kopf zu gehen.
Review schreiben