beastly

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
07.10.2019
15.10.2019
9
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Anders krauste die Nase, als er an der Kaffeetasse nippte und griff gedankenverloren nach dem Zucker. Aber trotzdem hatte Bråthen kein Recht seinen Ärger, woher der auch immer stammen mochte, an ihm auszulassen! Er war nur zwölf Minuten zu spät gewesen, kein Vergleich zu den unzähligen Malen, wo er viel früher zum Dienst erschienen oder gar nicht erst nach Hause gegangen und die Nacht hindurch gearbeitet hatte. Anders war sich nicht einmal sicher, ob sein Chef davon wusste, denn falls hatte Bråthen darüber auch niemals ein Wort verloren.
Kein 'Danke'.
Kein 'Gut gemacht'.
Nichts, stattdessen benahm Clas sich so, als würde Anders ihm gehören, als wäre er Teil seines Besitzes, ein nützliches Ausstellungsstück. „Clas Brede Bråthen, der große Herr und Meister ...“, brummte er und warf, als er nun einen weiteren Schluck aus der Tasse nahm, einen angewiderten Blick auf den Kaffee, „Nicht mal der schmeckt ...“
„Gibt es ein Problem, Anders?“, die beinahe schon amüsiert klingende Stimme seines Arbeitgebers ließ den Assistenten so schnell herumwirbeln, dass einige Tropfen Kaffee auf seine Finger spritzten, „Herr Bråthen?“ „Anders.“, Clas lehnte an seiner offenstehenden Bürotür und hob amüsiert eine Braue, „Gibt es einen Grund, warum du aus meiner Tasse trinkst?“ „Dein …?“, Anders starrte auf die dunkle Tasse, die er in Händen hielt, bevor er dann seufzte, „Ich wollte probieren, ob ...“ „... er die richtige Temperatur hat?“, grinste Clas und trat an die Seite seines Assistenten, um diesen die Tasse aus der Hand zu nehmen, „Und, hat er?“ „Ja. Ich mache dir einen neuen ...“, Anders nickte und wollte die Tasse gerade hinstellen, als er aus den Augenwinkeln sah, wie Clas den Kopf schüttelte. Der Ältere nahm ihm dann die Tasse aus der Hand und probierte grinsend, „Fast wie ein indirekter Kuss.“ Bevor Anders nun aber etwas erwidern konnte, hatte Clas ihm noch zugezwinkert und sich dann in sein Büro zurückgezogen, während sein Assistent mit roten Wangen zurückblieb.
Nachdem er sich nach einigen Minuten wieder gefangen hatte, fuhr er sich seufzend durch die Haare und wand sich dem Poststapel, den Clas auf seinem Schreibtisch zurückgelassen hatte. Sortierend warf er die einheitlichen, weißen Umschläge auf die verschiedene Stapel und schnaubte, als er schließlich einen Brief von Alexander Stöckl in den Händen hielt.
Alexander Stöckl war nicht nur ein weiterer Freund seines Arbeitgebers, sondern auch noch der … wie ihre Mutter es auszudrücken pflegte … Lebensabschnittsgefährte seines Zwillings. Der Langzeitlebensabschnittsefährte, verbesserte Anders gedanklich und verzog das Gesicht, waren sie doch seit mittlerweile schon sieben Jahren ein Paar. Aber dennoch war der Österreicher noch immer ein Mysterium. Vielleicht lag es an der anderen Mentalität des Mannes aus der Alpenrepublik oder vielleicht waren sie einfach zu verschieden … Wobei Lars ihn ja zu verstehen können schien und da die Zwillinge angeblich einander sehr ähnlich waren, müsste Anders das denn ja auch können, oder? Aber, für ihn war Alexander ein Buch mit sieben Siegeln, er verstand ja nicht einmal, was sein Zwilling an ihm fand!
Oder, was Alex und Clas aneinander fanden. Das Rätsel Alexander und der arrogante, selbstgefällige Idiot Bråthen. Clas war so … blasiert, dachte selten an jemand anderen, als sich selbst und Frauen waren für ihn ein kostspieliges Spielzeug, das irgendwann zu Gunsten einer jüngeren und hübscheren … und wie Anders erschien, auch immer dümmeren … ausgemustert wurde.
Anders würde das ja nicht kümmern, immerhin war er nur der Assistent und das Privatleben von Bråthen ging ihn nichts an. Aber, sein Arbeitgeber erwartete von ihm, dass er sich um das weinende Bündel mit verschmierten Mascara, das plötzlich über ein interessantes Repertoire an Schimpfwörtern zu verfügen schien, kümmerte. Es war immer die gleiche Situation, nur die Haarfarbe der jeweiligen Frau schien zu wechseln und Anders fand es einfach nur noch ermüdend und nervend. Und irgendwie auch widerlich. Anders hatte Frauen noch nie ansprechend gefunden, etwas was er mit seinem Zwilling teilte und womit sich beide Brüder bereits schon früh arrangiert hatte. Keiner von beiden hatte sich jemals vorstellen können, ihr Leben mit einer lebenden, mit Silikon ausgestopften Plastikpuppe, die nur mit mehreren Tonnen Make-up einigermaßen ansehnlich wäre, zu verbringen.
Das hieß nicht, dass Anders kein Liebesleben hätte, ganz im Gegenteil. Früher, während ihrer Teenagerzeit hatten die Brüder einander gehabt und sich ausprobiert. Später waren dann die ersten Freunde in ihr Leben getreten und während Lars sich scheinbar nach einer festen Beziehung gesehnt zu haben schien, hatte Anders sich nicht binden wollen. Er hatte Medizin studiert und einen hervorragenden Abschluss, der ihm ermöglicht hätte in den besten Krankenhäusern anzufangen, erreicht. Seine Eltern waren, obwohl ihre beiden Söhne sich gegen eine Karriere im familieneigenen Imperium entschieden hatten,  sehr stolz gewesen und hatten mit Entsetzen reagiert, als Anders sich dann, zur Überraschung aller entschlossen hatte, den unwahrscheinlichen Job als Assistent von Clas Brede Bråthen anzunehmen.
Es hatte nie Zeit für eine Beziehung gegeben, und wenn Anders ehrlich war, auch nie den richtigen Mann und so war es bei kurzen One Night Stands geblieben. Anders suchte seine Partner sorgfältig aus und hatte auch immer mit offenen Karten gespielt, dass es immer nur eine einmalige Sache wäre und bisher war er damit gut klar gekommen. Bis, er Clas Brede Bråthen kennen gelernt hatte.
Er war nicht darauf vorbereitet gewesen, was es bedeutete der Assistent von Clas Brede Bråthen zu sein. Es war ihm, als er das Vorstellungsgespräch mit seiner damaligen Assistentin, einer älteren Dame mit goldgefasster Brille und Dutt gehabt hatte, nicht klar gewesen, dass sein zukünftiger Arbeitgeber sexy sein könnte. Nein, nicht nur sexy, sondern ein lebendig gewordener, feuchter Traum … Clas mochte ein selbstgefälliges Arschloch sein, aber dennoch hatte er eine gefährliche Anziehungskraft, der sich auch Anders nicht für lange hatte entziehen können.
Es war so furchtbar falsch, alleine schon die Tatsache, dass Clas sein Arbeitgeber war und ihn bezahlte … Aber, Anders schaffte es einfach nicht aus diesem … Sog zu entkommen und hatte das ungute Gefühl, dass er Tag für Tag … Nein, Stunde für Stunde, tiefer in den gefährlichen Strudel zu geraten schien.
Seufzend öffnete er den Briefumschlag und zog den ordentlich zusammengefalteten Brief hervor und strich ihn, bevor er ihn erstmals überflog, vorsichtig glatt. Er erkannte Alexanders gestochen scharfe Handschrift auf den ersten Blick und las nun wenig interessiert die ersten Entwürfe für einen Vertrag zur Zusammenarbeit, die der altmodische Österreicher natürlich per Post und nicht, wie es einfacher gewesen wäre, per Mail geschickt hatte. Bei einigen Formulieren, von denen er schon wusste, dass sie Clas nicht gefallen würden, krauste er die Nase, schmunzelte dann aber, als er die krakelige Randnotiz seines Zwillings am Ende des Briefes entdeckte, „Denk an unser Treffen! Und wehe, du kommst dieses Mal nicht mit, Andi!“
Anders leckte sich über die Lippen, als er den Brief nun wieder zusammengefaltet hatte und mit dem Umschlag in der Hand nun vor der opaken Tür zu Clas' Büro stand. Vielleicht sollte er Bråthen doch ausnahmsweise einmal begleiten, immerhin hatte Lars ihn ausdrücklich mit eingeladen, und so eventuell eine neue Seite an seinem Arbeitgeber kennen lernen dürfen?
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