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Regen

OneshotTragödie / P12 / Gen
Sandman / Flint Marko
07.10.2019
07.10.2019
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404
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07.10.2019 404
 
Nur sein schweres Atmen war in dieser Seitengasse New Yorks zu hören. Er lehnte mit seinem Kopf an den kalten Backsteinen eines alten Gebäudes, das seine besten Tage schon lange hinter sich hatte. Einige Glassplitter der zerbrochenen Fensterscheiben lagen hier auf dem Boden verteilt herum. Kartons und Müll lagen in einer Ecke, und wahrscheinlich dauerte es nicht mehr lang, bis sich ein Obdachloser mitten hinein legen würde. Man hörte hier die lauten und aufgeregten Geräusche der Stadt nicht, man konnte den Lärm für einige Minuten vergessen. Nein. Man könnte.
Aber er fand keine Ruhe. In seinem Kopf brüllten seine Gedanken ihn förmlich an. Sie verursachten einen dumpfen Schmerz in seinem Schädel. Er gab sich die Schuld. Die alleinige Schuld. Wäre er da gewesen, dann hätte er vielleicht etwas tun können. Wäre er einfach bei ihr geblieben, dann hätte er sie vielleicht retten können. Aber er war nicht dort als es geschah. Er war nicht bei ihr, als sie plötzlich keine Luft mehr bekommen hatte, war nicht da, als sie nach ihm geschrien hatte, kurz bevor ihr Herz aufgehört hatte zu schlagen. Er war nicht da gewesen, und das würde er sich niemals verzeihen können.
Seine Augen brannten, er wollte keine Tränen mehr, aber aufhalten konnte er sie auch nicht. Er war jetzt allein auf dieser Welt. Alles was ihm etwas bedeutet hatte, war fort, und er fragte sich, wie er jetzt weiter machen sollte. Wie er jetzt weiter machen konnte. Er wusste es nicht.
Eisiger Wind zog durch die Gasse, er bewegte das kleine Amulett, das an einer dünnen silbernen Kette befestigt war, und in seiner großen Hand viel zu klein aussah. Schon seit Stunden starrte er auf das Bild, das sich darin befand, in der Hoffnung, sie würde vielleicht zurückkommen wenn er sie nur lang genug ansah.
Es fing plötzlich an zu regnen, der Wind peitschte ihm die kalten Tropfen in sein Gesicht. Er spürte, wie er langsam anfing sich immer schwerer zu fühlen. Doch er wollte nicht gehen, er wollte überhaupt gar nichts mehr tun.

Nach einer halben Stunde war von dem Mann, der dort in der Gasse gesessen hatte nichts mehr zu sehen.

Ein Obdachloser fand die Gasse. Er sah sich um und fand, dass er schon schlimmeres gesehen hatte. Er trat, auf seinem Weg in die Ecke mit den Kartons, in nassen, nahezu matschigen Sand. Das Knirschen der kleinen Kieselchen überdeckte das leise knacken von Metall unter seinem Fuß.
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