Unter Kontrolle

von KirjaKei
GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
07.10.2019
11.11.2019
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Dass der Tag etwas Besonderes werden sollte, das hatten wir ja geplant, aber dass er so besonders werden sollte, das hatte wohl keiner von uns geahnt. Wahrscheinlich mag es wie ein albernes Klischee klingen, zu sagen, dass das der Tag war, der mein Leben verändert hat… aber aus der jetzigen Lage betrachtet, das war der Moment, in dem alles anfing. Der Abend, an dem ich eine neue Welt kennenlernen sollte. Obwohl das wohl übertrieben wäre, denn in was genau ich da eigentlich reinrutschte, das konnte ich da ja noch nicht wissen. Und ich konnte es auch in der Situation selbst noch nicht wirklich überblicken. Aber das muss der Moment gewesen sein, dieser eine Abend, an dem wir all unser Geld zusammengekratzt hatte und uns vorgenommen hatten, in einen der edleren Clubs der Stadt zu gehen. Eine dieser Lokalitäten, für die man sogar Geld zahlen musste, einfach nur um hineinzugehen und dann noch einmal mehr Geld für Getränke auszugeben… Vielleicht war es auch schon diese Entscheidung dazu, die mein Schicksal besiegelt hatte, oder erst der Moment dort… vielleicht auch schon viel früher… Aber wenn ich mich zurück erinnere, dann komme ich doch eben immer zu diesem Moment.
Für jetzt fange ich aber vielleicht doch lieber noch etwas früher an, einfach um es besser zu sortieren und wirklich nichts Wichtiges auszulassen… und es gibt ja immerhin noch einiges zu erzählen. Und einiges zu erinnern. Einiges zu bedenken, bevor ich diese Entscheidung jetzt treffe…  Die Zeit sollte ich noch haben, um einmal zurückzublicken… also auf zum Anfang…


Mein Name ist Diana. Diana Marshall. Damals war ich gerade 22 Jahre alt, Studentin der Wirtschaft, und ich kann versichern, dass es so langweilig ist, wie es klingt. Ich kann die Beschwerden ja verstehen und ich werde meine Zeit sicherlich auch nicht damit verschwenden, darüber nach zu denken, was ich in diesem Studium bisher alles gelernt habe. Sonderlich gut hatte ich ja eh nie zugehört. Ich hatte mir den Studiengang nicht ausgesucht, aber auf irgendwas musste man sich an der Universität ja immerhin spezialisieren und da ich keinen Plan hatte, als ich mit der Schule fertig war, hatte ich mich einfach in die erstbesten und häufigen Kurse eingeschrieben. Und so war ich in der Wirtschaft gelandet und wenn man etwas angefangen hat… dann bringt man es auch zu Ende. Zumindest sagt das mein Vater. Und das Leben ging ja auch irgendwie so vor sich hin. Immerhin lernt man doch sowieso nur, damit man einen Job ergreift und das war zu diesem Zeitpunkt zum Glück ja auch noch etwas weiter weg… Der Ernst des Lebens konnte meinetwegen noch lange auf mich warten.
Das Schöne am Studieren war doch immerhin auch, dass man dabei noch so viel Zeit für andere Sachen hatte, wenn man es nicht sonderlich ernst nahm. Und genauso ging es mir. Ich lebte in einer WG mit meiner besten Freundin aus der Schulzeit, Jasmin, und meine Eltern finanzierten mir das Studium zum größten Teil. Für alles andere arbeitete ich in einem kleinen Coffeshop um die Ecke des Campus, allerdings nicht sonderlich häufig, nur um etwas Geld noch in der Tasche zu haben. Das war ein gutes Leben und ich nahm das Studium wohl auch nicht sonderlich ernst, weil ich nicht wollte, dass es endete. Es führte zwar nirgendswo hin, aber es war in Ordnung. Ich war nicht übermäßig glücklich oder gar erfüllt, aber ich war auch nicht unglücklich. Ich hatte die Dinge, die ich brauchte. Zumindest dachte ich das. Und ich war mir dieses Gedankens sogar ziemlich sicher.
Bis zu jenem Tag, der mein Leben verändern sollte. Der 15. August, ein Donnerstag. Der beste Tag, um als Student feiern zu gehen, schließlich fanden freitags sowieso nur die langweiligen Kurse statt. Eigentlich gingen wir fast jeden Donnerstag feiern. Meine Freundinnen und ich. Aber für diesen Tag hatten wir uns etwas Besonders ausgedacht. Und wir hatten die Vorbereitungen bereits getroffen. Wenn wir sonst feiern gingen, bezog sich das natürlich auf die Bars, die um den Campus und unsere Wohnung herumlagen, angenehme Orte, an denen man auch viele Leute kannte und einfach eine gute Zeit haben konnte, ein wenig trinken, ein wenig flirten, vielleicht jemanden mit nach Hause nehmen oder mit jemandem nach Hause gehen… all das war schon vorgekommen. Aber dieser Tag sollte eben etwas Besonders sein. Im Zentrum der Stadt gab es auch ein paar edlere Clubs, für die man sogar Eintritt zahlen musste, wenn man nur rein und tanzen wollte. Lokalitäten, an denen es ein anderes Publikum gab und wir waren schließlich irgendwie neugierig, was dort wohl passierte. Sicherlich hatte bei dem Preis von 40$ Eintritt keiner von uns den Gedanken, dass das unsere neue Stammbar werden könnte, aber neugierig waren wir eben schon. Wir hatten die Wochen zuvor sogar gespart. Und insgeheim hatten wir wohl auch darauf gehofft, dort eingeladen zu werden, denn viel Geld für Drinks hatte keiner von uns dabei. Aber für einen Versuch war es sicherlich ganz nett. Keiner von uns hatte große Hoffnungen oder Erwartungen. Ich auch nicht. Was dort drin passierte, hätte wohl eh keiner von uns vorhersehen können.
Wir betraten gemeinsam in unserer Clique aus vier jungen Damen also das Connect, nachdem wir brav gezahlt und schon gemerkt hatten, dass man mit dem Türsteher eindeutig nicht um einen Preiserlass flirten konnte. Als wir schließlich in dem Laden waren, waren wir beinahe etwas enttäuscht, denn wirklich anders als in anderen Clubs sah es dort drin auch nicht aus. Vielleicht war das Mobiliar etwas teurer gewesen, aber es war dann doch nur ein Club. Das Einzig exklusive daran war wohl der Preis. Und so standen wir dort, umringt von vielen anderen Verrückten, die viel Geld ausgegeben hatten, nur um dieses Gebäude zu betreten, das eigentlich genauso war, wie jedes andere Lokal auch. Ich glaube, keiner von uns wollte sich unsere Enttäuschung wirklich ansehen lassen, also machten wir das Beste draus und suchten uns einen Tisch.
Zumindest waren wir auch nicht zu gewöhnlich angezogen, denn eine neue Garderobe für diesen Besuch hatte sich niemand zulegen wollen. Jasmin hatte sich zwar ein neues Top gekauft, aber da sie ohnehin jede Woche shoppen ging, zählte das wohl nicht. Wir trugen unsere klassischen Partysachen. Das hieß bei mir eine dunkle, enge Jeans mit ein paar Löchern und ein ausgeschnittenes Top mit Muster. Ich passte damit in das Umfeld des Clubs, aber ich stach auch nicht heraus, was wir eigentlich ganz gut gefiel.
Als wir einen Platz gefunden hatten, wanderten unsere Blicke durch den Raum, jeder auf der Suche nach etwas, was den Besuch noch aufwerten konnte, wir waren schließlich gerade erst angekommen. Am Ende gingen wir sicherlich eh unseren typischen Tätigkeiten nach, aber für den Moment suchten wir noch nach etwas Außergewöhnlichem. Ich weiß, ich wiederhole mich, aber ich versuche mich in das Gefühl von damals wieder hineinzuversetzen, aber das ist wahrscheinlich eh albern… den Abend werde ich niemals wirklich vergessen können.
Nach kurzer Zeit fühlte es sich auch in diesem Club schließlich so an, wie sonst auch immer. Da wir recht früh da waren, kam sogar noch ein Kellern an unseren Tisch und nahm unsere Bestellung auf, doch kurz nachdem er das getan war, wollte Jasmin auch schon auf die Tanzfläche. Ich kannte sie schon über mein halbes Leben und deshalb konnte mich nichts mehr überraschen, sie konnte einfach nicht still sitzen. Wie Jasmin es schaffte, nebenbei Biologie zu studieren und viel Zeit im Labor zu verbringen, das wusste ich nicht, aber wann immer wir unterwegs waren, brauchte sie Action, so konnte man es wohl am einfachsten sagen… Zum Glück hatte sie in Ellie da eine gute Ergänzung gefunden, denn als Jasmin aufstand und zur Tanzfläche ging, folgte die ihr sofort. Eigentlich folgte Ellie Jasmin überall hin, wenn man nicht aufpasste. Von unserer kleinen Gruppe kannte ich Ellie noch am kürzesten. Sie studierte mit Jasmin zusammen Biologie und so hatten sie sich angefreundet. Viel bekam ich daher eigentlich auch gar nicht von ihr mit. Sie war nett, zum Teil ein wenig anhänglich hatte ich gedacht… aber irgendwo war ich auf der anderen Seite auch froh, dass Jasmin nicht alleine tanzen musste und ich mich gleichzeitig nicht damit abmühen musste, die beiden hatten ihren Spaß zusammen, und das war die Hauptsache.
Das ließ mich nun an unserem Tisch zurück mit Sarah. Sarah tanze nicht, ähnlich wie ich hatte sie nicht sonderlich viel Spaß daran, aber im Gegensatz zu mir, verfolgte sie auch andere Ziele. Ziele, die man ihr recht schnell ansehen konnte, unter anderem an ihrem tiefen Ausschnitt und dem kurzen Rock. Ganz gleich wo wir waren, Sarah fand immer den richtigen Winkel und das richtige Licht-Schatten-Verhältnis, um gleichzeitig verführerisch und einladend auszusehen. Es gab eigentlich keinen Abend, an dem sie unsere Gruppe nicht früher verließ, um mit jemandem wegzugehen. Irgendwo bewunderte sich sie dafür schon, auch wenn es mich hin und wieder schockierte. Auch mit Sarah war ich gemeinsam zur Schule gegangen und damals hatte sich von dieser Entwicklung noch nichts angedeutet. Zusätzlich war es wohl auch von uns vieren Sarah, die ihr Studium am ernstesten nahm. Wie sie neben diesem Verhalten noch so gute Noten schrieb, war mir ein weiteres Rätsel.
Aus soziologischer Perspektive war es recht interessant mit Sarah auszugehen und neben ihr zu sitzen. Während wir uns über normale Sachen, Einkäufe und Fernsehserien, unterhielten, konnte man immerhin genau beobachten, wie die Männer um uns herum sich überlegten, wie sie Sarah wohl am besten ansprechen konnten. Ich stellte dabei offensichtlich nur eine kleine Hürde da, aber es dauerte meist nicht lange, bis sich jemand in unser Gespräch einmischte, einfach da der Preis das Risiko wohl wert zu sein schien. Das war meist der Moment, in dem ich mich ganz meinen Drink zuwandte, und selbst einmal sah, ob es etwas oder jemanden interessantes in der Bar für mich gab…
In letzter Zeit war das seltener der Fall gewesen. Ich hatte ich mich vor einem halben Jahr von meinem Freund getrennt und seit dem ein paar One-Night-Stands gehabt, aber wirklich etwas Besonders war da nicht bei gewesen. Ich schwärmte ein wenig für den jungen Mann, der in meiner Hauptvorlesung direkt vor mir saß, Liam. Hin und wieder unterhielten wir uns, waren auch schon einmal einen Kaffee trinken gewesen, aber mehr ergab sich daraus bisher einfach nicht… Ansonsten sah es bei mir eher ruhig aus, weshalb ich auch recht froh war, als Sarah ihren ersten Verehrer auch gleich abblitzen ließ und wir uns weiter unterhalten konnten.
Mit einiger Zeit kamen auch unsere Getränke und die Tanzwütigen zurück an den Tisch. Worüber wir geredet haben, weiß ich heute ganz sicher nicht mehr. Eigentlich war es bis dahin auch wirklich kein besonderer Tag, aber dennoch war er recht schön. Solange bis Sarahs Anblick ein weiteres Mal jemanden an den Tisch führte, dieses Mal eine Gruppe von Männern, drei Stück und ihr Redensführer hatte offensichtlich Sarahs Aufmerksamkeit auch erregt, denn sie schickte ihn nicht weg. Und während meine Freundinnen die Jungs mehr und mehr in das Gespräch integrierten, war mein Cocktail leer. Zumindest für einen weiteren hatte ich noch Geld angespart, und außerdem sah es gerade so aus, als könnte ich sicherlich noch mehr Alkohol gebrauchen, denn das Gespräch lief auch ohne mich ziemlich gut weiter. Ich hatte da nicht sonderlich große Probleme mit, von Sarah war ich es gewohnt, und irgendwo freute es mich, denn es kam selten vor, dass Jasmin mal flirtete. Und dass sich Ellie dem anschloss war wie schon erwähnt nicht ungewöhnlich. Also war ich abgemeldet.
Ein guter Moment um sich die Bar anzuschauen, wenn es überhaupt einen guten Moment gibt, um sich in einer überfüllten Lokalität die Bar anzusehen. Ich brauchte schon Minuten um überhaupt an dem Tresen anzukommen und auch dann wollte der Barkeeper mich nicht beachten, so sehr wurde er von allen Seiten belagert. Etwas genervt, aber auch nicht in der Lage, etwas dagegen zu tun, stand ich also da und wartete. Irgendwann würde er mich bemerken, dachte ich mir.
Es verging aber so viel Zeit, dass mich inzwischen offenbar jemand anderes bemerkt hatte. Sie tauchte mit einem Mal neben mir auf, wie sie es so schnell an den Tresen geschafft hatte, verwundert mich bis jetzt. Und das, was sie als nächstes tat auch. Die Frau neben mir erhob die Stimme, sie sprach den Barkeeper an und der wandte sich sofort zu ihr. Es war als hätte ihre Stimme durch das Gewirr aus Geräuschen um uns herum geschnitten und der bestimmte Ton ließ keine Alternativen zu, sie wollte jetzt bedient werden und sie würde jetzt bedient werden. Das schien auch dem Angestellten der Bar klar zu sein, aber auch für jeden sonst stand das wohl außer Frage. Erstaunt blickte ich zu meiner Seite, um zu sehen, wem diese Stimme gehörte, wenn allein ihre Stimme schon eine solche Präsenz auslöste. Auch ihr Anblick unterstützte das. Sie sah unglaublich aus. Sie trug ein dunkelrotes Kleid, hohe Schuhe, beides unterstrich ihre Figur, ihr dunkles, langes Haar war kunstvoll hochgesteckt, und um ihren Hals so wie ihr Handgelenk lag Schmuck, den ich mir wahrscheinlich nicht einmal zu Weihnachten hätte wünschen dürfen… Ihr Make-up saß perfekt, aber das wirklich Gefährliche an ihr war wohl der Blick. Ihre dunklen Augen strahlten eine so natürliche Überlegenheit aus, dass es mir einen Schauer über den Rücken laufen ließ. Ihr Blick war so klar, so bestimmt und… er lag für einen viel zu langen Moment für meinen Geschmack… auf genau mir, bevor sie sich wieder dem Barkeeper zuwandte.
Ich weiß noch genau, wie ich mich in diesem Augenblick gefühlt habe, denn so etwas hatte noch nie zuvor ein Mensch in mir ausgelöst. Ich hatte keine wirkliche Angst, aber unglaublichen Respekt vor dieser Frau, die bisher doch eigentlich noch nichts getan hatte. Aber nie zuvor hatte jemand so etwas ausgestrahlt. Sie war wunderschön, hatte einen beneidenswerten Körper, auch wenn ich nicht auf Frauen stand… zumindest dachte ich das in diesem Moment ja noch. Ich war gleichzeitig fasziniert und gefangen von dieser Erscheinung, obwohl sie bei mir auch zittrige Knie auslöste. Aber es sollte ja noch schlimmer werden.
Denn während ich noch dabei war, sie anzustarren, gab sie endlich ihre Bestellung auf, und für mindestens einen Schlag setzte mein Herz aus: „Gimlet. Und was auch immer die Dame zu meiner Seite möchte.“
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