Glücks-Käfer - ein Tag mit Leon Goretzka auf dem Oktoberfest

von Stefan29K
OneshotRomanze / P16 Slash
FC Bayern München
06.10.2019
06.10.2019
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Glücks-Käfer
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Der heutige Besuch vom FCB auf der Wiesn hat mich spontan (mal wieder) zu einem kleinen Oneshot inspiriert.
Diesmal allerdings nicht so blumig, wie der letzte OS. Ich möchte ihn unbedingt noch heute raus hauen, weil er heute spielt. Insofern ist er vielleicht nicht perfekt. Vielleicht nicht mal gut. Aber er musste raus... :D

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„Serge“, fragte ich, „gehen wir zusammen?“
Mein Kumpel schaute mich lachend an. „Du meinst: du und ich? Zusammen? Die Treppe rauf?“
„Ja, natürlich!“ Was dachte er denn, was ich meine? Immerhin war die Besprechung mit den letzten Details gerade zu Ende. Details nicht nur zum Spiel gegen Hoffenheim, sondern auch für den am darauffolgenden Sonntag üblicherweise geplanten Besuch auf dem Oktoberfest. „Wiesn“ im Mund der Einheimischen genannt. Ich war ja erst ein Jahr hier und es war erst mein zweiter Besuch mit dem kompletten Stab. Wobei: Mit der Mannschaft war es in Ordnung. Am Mannschaftsabend mussten wir kein Schaulaufen mit unseren Freundinnen machen. Wir waren einfach unter uns. Nur die Mannschaft. Das war am Dienstag letzter Woche. Ich hatte einen schönen Abend mit Serge und Josh verbracht. Auch mit den andern. Aber diese beiden waren mir eben extrem ans Herz gewachsen. Besonders weil sie keine Berührungsängste hatten und mich immer so genommen haben, wie ich bin. Schwul. Profi. Aber dieser letzte Sonntag!? Eine verdammte Krux. Ich hasste es. Es war ein Schaulaufen. Und es waren von der letzten Maus bis zu Kalle Rummenigge alle vertreten, die auch nur im entferntesten etwas mit dem Verein zu tun hatten. Ehefrauen von besten Freunden von Physiotherapeuten. Sogar Edmund Stoiber würde wieder mal kommen. Traditionell. Wie es hieß. An diesem Tag waren im Security-Bereich des FC Bayern mehr Menschen, die ich nicht kannte, als jene, die ich kannte. Wer auch immer diese Gästeliste geschrieben hatte, hat einen Vollschuss. Und dann waren da natürlich auch noch die Frauen der Spieler. Eine weitere Krux. Ein Schaulaufen vor dem Herrn. Lisa Müller und Nina Neuer waren bekannt, wie ein bunter Hund. Eigentlich waren sie es alle. Bis auf die wenigen Spieler, die eben Single waren. Serge zum Beispiel. Und ich.
Serge allerdings aus anderen Gründen. Er hatte eben einfach noch nicht seine Traumfrau gefunden. Ich konnte diesen Grund nicht geltend machen. Schwul war man eben nicht im Profi-Fußball. Und ich konnte und wollte keine gemietete Frau mitnehmen, nur um den Anschein zu erwecken, dass ich eine Freundin habe.
Klar, diese scheiß Google-Challange, die wir in den USA unbedingt machen mussten… gleich die erste Frage: „Ist Leon Goretzka vergeben?“
Aber das war ja klar. Irgendwie wollte das jeder wissen. Und vor allem: jede!
Serge, der blöde Arsch, hat sich halb kringelig gelacht, als er die Frage gelesen und gehört hat. Er wusste ja auch Bescheid. Und dass ihm die Frage dämlich vorkam, war ja klar. Aber ich hab drauf gehofft, dass es niemandem auffällt. Auch nicht, dass die Formulierungen der Fragen unterschiedlich war. „Ist Leon Goretzka vergeben?“ gegen „Hat Serge Gnabry eine Freundin?“
Wie doof waren diese Deppen aus der Marketing- und Presseabteilung? Natürlich wussten sie über mich nicht Bescheid. Aber wieso ließen die solche Fragen ungefiltert durch?
Es blieb mir nur die Flucht nach vorn. „Ich rede darüber ja nicht so gern in der Öffentlichkeit, aber ja: bin ich.“
Wahrscheinlich oder hoffentlich war es niemandem aufgefallen. Naja. Egal. Zurück zum Oktoberfest. Ich wusste, was dort ablief. Die Frauen würden alles tun, um unsere Aufmerksamkeit zu erregen. Manche steckten sich blinkende Haarreifen ins Haar. Manche hatten sich besonders aufreizend geschminkt. Dann wurde das Dekolletee nochmal gecheckt, ob die Brüste auch gut nach oben geschnürt waren. Ich hab das alles ja schon zweimal erleben dürfen. Letztes Jahr und beim Mannschaftsabend in diesem Jahr. Und es gibt nichts, was es auf der Wiesn nicht gibt. Natürlich blieb auch uns Spielern das nicht verborgen. Schließlich musste jeder mal aufs Klo und blickte dann in die blinkenden Haarreifen und die aufgespritzten Lippen. Und viele meiner Kollegen haben durchaus zu würdigen gewusst, was sie da sahen.
„Hast du die geile Tussi gesehen, die ganz vorne am Grenzzaun steht?“, fragte Thomas Müller, als er vom Klo kam. Und seine Handbewegung zeigte deutlich, dass er eher auf die Oberweite geschaut hatte, als in das Gesicht der Frau, die sich dort präsentierte. „Grenzzaun“ so nannten meine Kollegen, die schon länger im Geschäft waren den menschlichen Zaun aus Security-Leuten, die unseren Bereich von deren Bereich abgrenzten. Es gab keinerlei „Vermischung“ zwischen uns und denen da draußen. Es sei denn, wie ließen es zu. Und das taten wir nicht. Der ein oder andere ging manchmal zum „Grenzzaun“, wenn er gut gelaunt war und gab ein paar Autogramme und ließ Selfies mit sich machen. Aber gut gelaunt waren wir heute nicht. 1:2 gegen Hoffenheim am Vortag und das im eigenen Stadion. Es war eine Schmach. Schon letztes Jahr hatten wir am Tag vor der Wiesn verloren. Wäre ich doch nur dabei gewesen…
Obwohl. Ob es etwas geändert hätte weiß ich nicht, aber beim letzten Spiel gegen Hoffenheim hab ich meinen ersten Doppelpack hingelegt.  
Aber zurück zu meiner Ausgangsfrage… Da die Ehefrauen und Freundinnen diesen Tag zum Anlass für ein Schaulaufen nahmen und weder Serge, noch ich über eine Freundin verfügten, fragte ich ihn, ob er mich nicht begleiten würde. Also nicht so. Nicht als Begleitung. Aber eben, ob wir diese dämliche Treppe zusammen hochgehen würden.
Er hatte niemanden. Ich hatte niemanden. Also warum nicht zusammen diese Schmach ertragen? Das sagte ich ihm auch so. Das mit der „Schmach“ ließ ich weg.
„Warum nicht? Mit wem würde ich lieber da hoch gehen, als mit dir?“
Serge knuffte mich am Arm. Zwar war ich noch verletzt. Aber wegen der Wiesn-Details war ich trotzdem bei der Besprechung anwesend.
13Uhr würden wir, wie üblich, am Zelt ankommen. Das hieß: Abfahrt an der Säbener um 12.20Uhr. Mehrere Busse würden all die Menschen dorthin karren, die irgendwie auch nur im entferntesten etwas mit uns zu tun hatten.
„Ich hasse diese Show.“
„Ich weiß, Leon. Ist nicht einfach. Aber...“
„...nichts aber. Du denkst doch nicht im ernst, dass ich ausgerechnet im Käfer-Zelt mein Glück finde?“
„Warum nicht?“
„Warum nicht? Bist du von allen guten Geistern verlassen? Ich bin Fußballer. Schwul. Und sicher werde ich mir gerade DORT einen Kerl anlachen.“
Serge war sich der Tragweite wohl einfach nicht bewusst. Bei ihm war es kein Problem, wenn er so eine vollbusige Tussi mit nach Hause nehmen würden, die sich uns am Grenzzaun präsentiert. Die Presse würde johlen und die übrigen auch alle. Sie drückten damit Neid und Anerkennung aus. Er konnte sowas. Eine Frau kennenlernen. Was daraus werden würde, war in dem Moment egal. Schneller Sex sollte auf jeden Fall bei raus springen. Aber nicht in meinem Fall. Die Presse würde sich überschlagen. Und ich wäre wahrscheinlich meinen Job los. Die Sponsoren würden abspringen und ich wäre erledigt. Keiner würde mich mehr im Verein wollen. Geschweige denn in der Umkleide-Kabine.
Außer Serge. Und Josh vielleicht. Robert würde mir die Fresse polieren und Phillippe würde mich bespucken, wenn ich blutend am Boden liegen würde. Es war einfach nicht drin.
Eine entsprechende Fresse zog ich dann auch auf den Bildern, die von uns gemacht wurden. Einerseits war ich sauer über die Niederlage am Vortag, dann nervte mich dieses blöde Bein, was mich schon wieder mal dazu zwang auszusetzen. Seit Beginn der Saison hab ich nicht ein einziges Spiel gemacht.
Innerlich seufzte ich mich selbst an.
Und zum dritten war es eben DER Paar-Auftritt schlechthin. Und ich war kein Paar. Mit niemandem. Ich war allein.
An andern Tagen störte mich das weniger. Da war ich ja auch mit meinen Kollegen allein unterwegs. Niemand hatte sein Frau oder Freundin dabei. Aber an diesem Tag war es genau das: Alle waren als Paare da. Nur ich nicht. Und Serge.
Pünktlich um 12.20Uhr schlossen sich die Türen vom Bus. Und ich saß neben Serge.
Selbst Josh saß neben seiner Lina. Und hin und wieder küsste er sie. Der einzige Tag im Jahr, an dem die Frauen sogar mit uns im Bus fuhren. Und innerlich verdrehte ich die Augen.
„Ach Josh, das wird so schön heute. Ich freue mich so auf den Tag“, säuselte sie ihm ins Ohr. Allerdings war das Säuseln so laut, dass ich es zwei Reihen davor auch gehört habe. Das neues Dirndl musste aufgetragen werden und sollte natürlich im Blitzlichtgewitter gut wegkommen.
Der Bus setzte sich in Bewegung und verließ das Gelände der Säbener Straße. Wir fuhren über den Mittleren Ring, bogen dann Richtung Harras ab und kamen so von der Seite zum Gelände. Natürlich durfte unser Bus das Gelände befahren. Der Weg für uns würde schon abgesperrt sein.
Ein anderer Bus mit weniger wichtigen Leuten war schon längst abgefahren. Die hatten auch die Auflage, sich die Tische zu nehmen, die nahe an den andern Tischen waren. Die andern Tische hinter dem Grenzzaun. Mit den normalen Leuten. Man stelle sich vor, wir würden da sitzen. Also direkt am Grenzzaun. Die Nachbarn würden uns keine zwei Minuten in Ruhe lassen. Und auch der größte Luftballon würde keinen Schutz darstellen.
Nein. Am Grenzzaun saß Lieschen Müller. Nicht die Oma vom Thomas, sondern irgendeine namenlose Frau, die irgendwas mit dem FC Bayern zu tun hatte, aber die keinerlei Aufmerksamkeit erregte.
Wir durften, wie üblich, nach hinten rein. Geschützt durch eine Vielzahl an Luftballons und durch die übrigen Menschen waren wir da hinten relativ sicher. Man konnte auch mal gelöst sein. Ohne immer Angst zu haben, dass jeder Fehltritt fotografiert wurde.
Mit all den Sicherheits-Checks kamen wir relativ pünktlich am Zelt selbst an. Natürlich durfte auch der Bus des FC Bayern nicht einfach so das Gelände passieren. Aber als es endlich geschafft war und sich die Türen vom Bus öffneten, da war die kühle Luft, die hinein strömte, beinahe beflügelnd. Einige konnten es kaum erwarten, den Bus zu verlassen. Also raus an die Luft. Fans first. Der Weg bis zur Treppe war nicht lang, aber es gab genügend autogrammwillige Menschen. Also durfte ich auf dem Weg bis zur Treppe erst noch einige Unterschriften auf diverse Unterlagen kritzeln. Auch Selfies wurden natürlich gewünscht. Also beugte ich mich dem ganzen Krams und ließ es über mich ergehen. Dann endlich die Treppe erklimmen. Serge ging tatsächlich neben mir. Prompt wurde uns das erste Bier in die Hand gedrückt. Gleich mal ne Maß. Ich hab mir die Frage gespart, ob es sich dabei um glutenfreies Bier handelt. Es war mir auch egal. Ich würde es nicht trinken. Drinnen dann vielleicht. Wenn ich einen Kellner finde, der es schaffen würde, mir ein glutenfreies Bier aufzutreiben. Ansonsten eben einen Wein. Grund genug mich zu besaufen hatte ich ja. Die Niederlage. Die Verletzung. Die Einsamkeit.
Oben angekommen mussten wir uns gleich mal für ein Foto aufstellen. Die Kamera vom FC-Bayern-TV filmte und nachdem ich allein war, durfte ich auf ein Foto mit Thomas, Serge und Kingsley. Auch Benji hat sich mal mit auf ein Foto geschlichen. Thomas war, zu meiner Überraschung, auch allein da. An sich wurden nämlich Pärchen-Bilder gemacht. Aber die Singles durften dann eben miteinander drauf. Oder jene, die heute mal ohne Begleitung da waren.
„Setzt du dich zu mir, Leon?“ Aufmerksam. Nett. Ja, so war Thomas. Und so landete ich irgendwann neben ihm. Der Kellner kam und stellte sich mit Handschlag vor. Durchaus üblich im Käfer-Zelt. Aber „Krischan“? Im ernst? Hätten sich seine Eltern nicht für „Christian“ entscheiden können? Attraktiv war er ja. Aber bei dem Namen, so dachte ich mir, würde ich sicher vor Lachen keinen hoch kriegen. Naja. Es war ohnehin egal. Ich würde mit ihm nicht anbandeln.
„Krischan, hast du glutenfreies Bier für mich? Ich vertrage keins mit“, und deutete dabei auf den Maß-Krug von Thomas.
Er blickte sich hektisch um. „Glutenfreies Bier? Äh...ich schau mal...“
Und schon war er verschwunden.
Kurz darauf erschien Anton. Unser Kellner vom letzten Jahr. Der hatte mich auch schon am Dienstag letzter Woche bedient.
„Herr Goretzka, ein glutenfreies Bier, wie üblich?“
„Ja. Das wäre fein. Allerdings hat ihr Kollege schon...“ Ich deutete unklar in den Raum.
„Ich kümmere mich darum.“ Anton verschwand aus meinem Blickfeld.
„Und du? Immer noch Single?“ Thomas schlug mir freundschaftlich auf die Schulter.
„Und du? Sturmfrei?“, stichelte ich zurück.
„Lisa ist bei den Pferden. Da ist heute irgendwas. Frag mich nicht! Turnier? Neue Bereifung für die Gäule? Ich hab keinen Plan.“
„Dann können wir es heute ja krachen lassen.“
„Nach dem scheiß Spiel von gestern hab ich es auch echt nötig.“
„War echt nicht euer Tag…“
„Wärst du mal da gewesen, Leon! Dein Doppelpack vom letzten Spiel gegen Hoffenheim hätten wir gestern gut gebrauchen können.“
„Ich hätt es euch auch gern geschossen.“
Anton kam mit dem glutenfreien Bier zurück und stellte es vor mir ab.
„Vielen Dank, Anton!“
„Ich hätte da...also vorne sind drei kleine Jungs, die hätten gern ein...“
„...Autogramm…?“, unterbrach ich ihn. Ich wusste, dass die Kellner angehalten waren, uns nicht anzusprechen. Aber bei Anton war das in Ordnung. Immerhin organisierte er mir glutenfreies Bier.
„Ja“, sagte Anton leise.
„Bring den Krams durch. Ich unterschreibe schon.“
Schon zog Anton wieder ab und kam kurze Zeit drauf mit einem Freunde-Buch vom FC Bayern und zwei A5 Schreibblöcken wieder zurück. Also setzte ich drei Mal meine Unterschrift auf die verschiedenen Papiere. Anton bedankte sich und brachte die Beute zu den wartenden Jungs zurück.
Die Brotzeitplatten waren wie üblich bereits vor unserer Ankunft auf den Tischen drapiert worden. Leider befanden sich wenige Sachen darauf, die ich essen konnte. Wurst war möglich. Am ehesten zumindest. Keine Brezn, keine Kuh-Milch. Also schied der Käse schon mal aus. Ich griff ein Radieschen, bestreute es mit Salz und ließ mir wenigstens das schmecken. Später würde ja noch ein Hauptgang serviert werden.
Auch ein Radi war immerhin möglich. Wegen meiner chronischen Darmentzündung konnte ich zwar nicht alles essen, dafür aß ich aber weitgehend, was mein Darm vertrug. Radi gehört jedoch nicht wirklich zu meinen Lieblingsspeisen.
Immer wieder kreisten Leute von der Security durch den Bereich. Die armen Typen taten mir ziemlich leid. Schließlich sollten sie verhindern, dass jemand sich zu uns „verirrte“, was auch ganz gut war. Schließlich wollten wir auch mal unter uns sein. Andererseits waren die Fans schon ziemlich penetrant. Und uns zu verteidigen war daher eine anstrengende Arbeit. Vorne am Grenzzaun war es schon heftig.
Zwei Security-Leute kamen näher. Der eine war groß und kräftig. Breite Schultern. Dunkle Haare. Und ein süßes Gesicht. Sexy. Scharf.
Moment! Du hast niemanden scharf zu finden!, beschwor ich mich selbst. Seine blauen Augen waren eisblau. Wie diese Bonbons, die nach Menthol schmecken.
Diese Menthol-Augen scannten alles ab. Auch mich. Von oben bis unten. Er nickte kurz und dann war er schon am Tisch vorbei.
„Erde an Leon!“ Thomas holte mich aus meinen Gedanken zurück. „Was schaust du dem denn so nach?“
„Ach...nichts. Ich dachte, er kommt mir bekannt vor. Aber...“
Das wäre er. Mein Typ Mann. So groß, wie ich selbst. Sportlich. Muskulös. Aber es durfte eben nicht sein. Meine letzten kleinen Abenteuer waren schon viel zu lange her. In einem dunklen Eck hatte ich jemanden gefickt. Das war noch zu Schalke-Zeiten. Damals musste ich noch nicht so viel tun. Ein Cap, eine Brille, frisch rasiert… schon war vieles möglich. Und ich wurde nicht erkannt. In München war ich inzwischen zu bekannt. Vielleicht gab es Sex-Agenturen für schwule Fußballer? Vielleicht sollte ich mal danach suchen?
Jemand, dem man vertrauen konnte und der mich nicht an irgendein Revolverblatt verpfiff.  Aber wo sollte ich herausfinden, ob es sowas gab? Oder einen Edel-Stricher? Mit Geld ließ sich schließlich alles kaufen. Bis dahin blieb meine rechte Hand mein bester Freund. Mit Marius konnte ich drüber quatschen. Mit ihm konnte ich über alles reden. Und so manchen meiner Kumpels fand ich ja auch ganz heiß. Marius war jedenfalls ein asexuelles Wesen für mich. Immerhin kannten wir uns ewig.
Und jetzt mit Serge. Und Josh. Aber sie hatten eben nicht mein „Problem“. Insofern konnten sie mir auch nicht wirklich bei der Suche nach einer Agentur helfen, bei der man potentielle Sexpartner treffen konnte. Gayromeo und Grindr fielen auch aus. Ich konnte ja unmöglich mein Bild dort verschicken und ohne Bild lief da eben nix. Versucht hatte ich es mal. Aber es wurde mir schnell klar, dass niemand ein Date mit mir wollte, wenn ich mich ihm nicht vorher auf Bildern präsentierte.

„Ein Prooooooooooosit, ein Prooooooooooooosit der Gemütlichkeit...“ Die Band intonierte das übliche musikalische Ritual und Thomas nahm seinen Krug und stieß mit mir an. „Du bist heute echt nicht gut drauf, Goretzka! Was ist denn los?“
„Ach nichts. Meine Verletzung nervt mich total. Ansonsten...“
Ich ließ den Satz unvollendet.
Nachdem nun offenbar alle drinnen waren, wurden wir von der Band dann auch musikalisch begrüßt. Der „Stern des Südens“ krähte aus viel zu vielen Kehlen zu uns herüber. Und auch Thomas krähte mit. Ich hatte keine Lust. Aber damit es nicht nach Verrat aussah, bewegte ich wenigstens meine Lippen.
„Ich muss mal zum Klo...“, ließ ich verlauten.
„Schon? Du alte Ministranten-Blase.“ Thomas machte sich eindeutig über mich lustig. Also erhob ich mich und bahnte mir den Weg zu den Toiletten. Dafür musste ich allerdings den Grenzzaun überwinden. Was wiederum bedeutete, dass ich mich ins Getümmel stürzen musste. „Leon!“ Ich drehte mich zu Serge um, der nach mir rief.
„Nimm dir doch einen Security mit!“ Er hatte offenbar erraten, wohin ich wollte.
„Sonst donnert dir noch jemand gegen dein Bein und dann hast du den Salat.“
Er war wirklich fürsorglich. Ich zeigte ihm einen erhobenen Daumen. Und tatsächlich schob sich der Security von vorhin in mein Blickfeld. Diesmal war er allein unterwegs und drehte seine Runde. Ich lief auf ihn zu und als ich ihn erreicht hatte, war ich beinahe zu schüchtern, ihm auf die Schulter zu tippen. Aber er drehte sich von allein zu mir um und seine blauen Augen durchbohrten mich. Tatsächlich war er noch ein Stück größer, als ich. Jetzt, im Stehen, war das deutlicher.
„Ich...ähh...“
Er sah mich interessiert an.
„...müsste mal zur Toilette. Könnten sie mich begleiten...“
„Bitte?“ Er schaute irritiert.
„Ich hab noch eine Verletzung am Bein, die gerade abheilt und es wäre nicht gut, wenn mir da jemand gegen donnert.“
„Ach so. Äh… sie können auch dort raus.“ Er deutete auf eine Tür. Ich musste den Grenzzaun offenbar gar nicht überwinden. „Da ist die Toilette für die Angestellten, aber heute dürfen sie sie benutzen.“
Ich hob meine Hand zum Gruß. Dann blickte ich auf sein Namensschild. Florian Käfer. Nett. Vielleicht war er verwandt mit Michael Käfer. Aber das war unwahrscheinlich. Ein Verwandter von Michael Käfer würde nicht als Security in diesem Zelt arbeiten.
„Danke, Florian!“
Schon drehte er sich von mir weg und machte sich wieder auf seine Runde. Ich hingegen schaute ihm gedankenverloren nach. Als ein Kellner mich bat, aus dem Weg zu gehen, weil er ein großes Tablett auf seiner Schulter an mir vorbei tragen wollte, erwachte ich aus meiner Starre und ging auf die Tür zu, hinter der ich die Toilette finden sollte. Ich hatte sie erreicht und trat nach draußen. Kalte Luft empfing mich. Zwar war dieser Teil ebenfalls abgesperrt, aber die übrigen Toiletten befanden sich keine 10 Meter Luftlinie entfernt. Und auch hier hatten sich hinter der Absperrung einige Fans aufgebaut und als sie mich erkannten, wurde es laut. Wild kreischende Mädchen riefen meinen Namen. Andere applaudierten oder versuchten auf anderem Wege meine Aufmerksamkeit zu erlangen. Ich winkte kurz rüber und lief weiter zur Toilette. Hier war kaum jemand. Und die wenigen, die hier ebenfalls ihre Notdurft verrichteten, beachteten mich nicht. Ich konnte also in aller Ruhe meine Lederhose öffnen und mich erleichtern.
Oh man. „Fans first“… Irgendwie musste ich da jetzt wohl doch mal hin oder nicht? Als ich mir die Hände gewaschen hatte und die Toilette verlassen wollte, stieß ich auf etwas Großes. Wums. Das saß. Und ich beinahe auch. Ich geriet ins wanken. Aber schon kurze Zeit später hatten zwei starke Hände meine Arme im Griff, so dass ich nicht fiel. Er zog mich zu sich und ich kam ihm ganz nahe. Shit. Es war er. „Sorry, ich wollte nicht...“
Weil er mich vor dem Sturz bewahren wollte, hatte er mich nah an sich heran gezogen und ich stand nun dicht vor ihm. „Ich hätte auch besser gucken können.“
Seine Hände ließen meine Arme los.
Nein! Bitte nicht! Halt mich fest!
„Es war ganz allein meine Schuld, Herr Goretzka.“
„Leon. Bitte.“
„Sorry, Leon!“
Er ging an mir vorbei auf eine der Pinkelbecken zu. Und ich musste schleunigst hier raus.
Als ich draußen vor der Tür stand, atmete ich die kühle Luft ein und hoffte, sie würde meine innere Hitze ein wenig abkühlen. Dann machte ich zur Ablenkung doch noch eine Runde zu den Fans. Das Geschrei war groß. Und wie üblich und wie erwartet waren unter den Frauen einige, die meinten, heute den großen Fisch aus dem Teich zu ziehen. Dass sie bei mir angeln konnten, so viel sie wollten, ließ mir ein Lächeln über das Gesicht ziehen. Das war auch gar nicht so schlecht, denn bei den Fans sollte ich nicht so muffelig schauen, wie mir zumute war. Also ließ ich ein paar Selfies über mich ergehen und schrieb Autogramme.
„Leeeeooooooooooooonnnn!“ Die Rufe kamen von überall. Irgendwann hatte ich genug und verabschiedete mich von den Fans. Als ich mich umdrehte, um den Rückweg anzutreten, stand er da. Immer noch. Und beobachtete die Szenerie. Ich musste zwangsläufig an ihm vorbei. Also wieder hin zur Hitze-Quelle. Gerade war ich so schön abgekühlt. Die ganzen hochbusig geschnürten Dekolletees hatten mein Gemüt gekühlt. Und mein Security wartete geduldig.
Dann kam er einen Schritt auf mich zu. „Leon, sorry. Normalerweise dürfen wir nicht… aber ich bin ein großer Fan… dürfte ich auch…?“
„Klar. Wo soll ich unterschreiben?“
Er hielt mir einen Zettel hin und zog sofort einen Kugelschreiber aus der Jacke.
„Für all die Sicherheit vielen Dank an Florian! Leon Goretzka18“, schrieb ich drauf. Dann malte ich noch einen Käfer auf das Blatt. So gut es eben ging. Seine Augen blickten tief in meine. Und in meine Seele. So hatte ich zumindest den Eindruck. „Danke! Und es wäre lieb, wenn du es niemandem sagst, ich...könnte meinen Job verlieren.“
„Kein Ding. Ich schweige. Aber es ist ja heute eh der letzte Tag.“
„Ja. Mag sein. Aber ich würde gerne auch im nächsten Jahr noch hier arbeiten.“
Er lächelte mich breit an. Gott. Dieses Lächeln! Wieder die innere Hitze.
„Komm, ich bringe dich zu deinem Platz.“
„Das ist lieb, danke!“
Und so führte er mich beinahe, wie einen Blinden zurück zu meinem Tisch. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte er dafür ruhig meine Hand ergreifen können, aber das hätte dann doch wohl blöd ausgesehen. Als wir am Tisch angekommen waren, bedankte ich mich und er verschwand.
„Was möchtest du essen? Der Kellner war schon da.“
„Hm. Ente wahrscheinlich. Da dürfte nichts drin sein, was meine Verdauung durcheinander bringt.“
Als Anton wieder auftauchte, gab ich ihm meine Bestellung auf und Serge drängte sich plötzlich neben mich.
„Na!?“, flüsterte er mir zu, „hast du da jemanden im Auge?“
Erschrocken blickte ich ihn an. War es so offensichtlich?
„Äh...“
„Er ist wirklich süß. Und ein ziemlicher Schrank, hm? Größer als du?“
„Halt die Klappe!“, zischte ich ihm zu.
„Aber er ist süß!“
„Nicht süß! Scharf!“
„Na dann eben scharf. Ist ja auch egal. Auf jeden Fall hat er dir den Kopf verdreht. Sprichst du ihn an?“
„Bist du wahnsinnig?“
„Nein. Realistisch? Hoffnungsvoll?“
„Die Hoffnung habe ich schon lange aufgegeben.“
Thomas war Gott sei Dank in ein anderes Gespräch vertieft, so dass er nicht mehr wirklich zuhörte.
„Aber ich nicht. Ich würde dir sehr wünschen, dass du jemanden kennenlernst.“
„Und wie soll ich das bitte machen?“
„Gute Frage. Frag doch mal, wann er Feierabend hat.“
„Wenn hier die Lichter ausgehen… meinst du nicht?“
„Möglich. Aber vielleicht...“
„Nichts vielleicht! Serge, versteh doch! Es geht nicht!“
„Was geht nicht?“ Müllers Ältester mischte sich wieder ins Gespräch ein.
„Leons Bein. Also das Training...“
„Blödsinn! Ihr habt doch was ganz Anderes besprochen. Ich bin multigesprächsfähig.“ Dabei grinste er uns an.
„Leon ist scharf auf den Security und will ihn besteigen.“ Serge knallte das mal eben so raus.
„Sag mal spinnst du?“ Entrüstet fuhr ich ihn an.
„Ja genau. Lüg mich nicht an, Serge!“
„Nein. Ich wollte Leon überreden, ein gescheites Bier zu trinken. Aber wegen seiner Darm-Scheißerei geht das eben nicht.“
„Blöd gelaufen, hm!? Schmeckt der glutenfreie Mist, den du da trinkst?“
„Muss ja“, nörgelte ich rum.
Gott sei Dank unterbrach uns der Kellner, der das Essen servierte.
Die Ente sah hervorragend aus. Und so schmeckte sie auch. Die Sauce ließ ich lieber weg, weil Anton mir nicht zu 100% versichern konnte, dass sie glutenfrei war. Aber Knödel und Rotkohl waren frei von Gluten. Das immerhin konnte er mir versichern.
Und so ließ ich mir mein Essen schmecken. Auch Thomas war dank des Essens zu beschäftigt, um sein Sprachorgan auch noch für anderes zu nutzen, als nur zum kauen. „Leon, schön, dich zu sehen!“ Manuel klopfte mir im Vorbeigehen auf die Schulter. „Was macht das Bein?“
„Heilt gut ab. Aber bis zum Spiel gegen Bochum werde ich es wohl nicht schaffen...“
„Wir werden für dich gewinnen!“
Und schon war er weiter gegangen. Leider schmerzte das Bein hin und wieder. Immer noch. Es war zum verrückt werden. Und das war mein Glück – oder mein Pech. Denn ich streckte mein Bein zur Seite hin aus, und ich wollte mir den Oberschenkel massieren. Und es war wirklich keine Absicht. Wirklich nicht. Aber in dem Moment, als ich das Bein streckte, passiert es. Ich hatte ihn nicht kommen sehen. Aber da war er. Und mein Bein auch. Und er verhakte sich darin. Und strauchelte. Und fiel. Der Käfer flog zu Boden. Gott war mir das peinlich. Er landete unsanft auf der Seite, weil er sich im Fallen gedreht hatte. Sofort als er am Boden lag, presste er eine Hand gegen seine Schulter, auf die er gefallen war. Sein Gesicht war schmerzhaft verzogen und ich sprang von meinem Platz auf. Sofort war ich bei ihm.
„Alles in Ordnung? Gott, es tut mir so leid! Ich...das wollte ich nicht...ich hab nur...“
„Alles in Ordnung“, presste er hervor und rappelte sich vom Boden auf.
„So schnell sind wir nicht kaputt zu kriegen. Dafür sind wir ja da.“
Er war auf den Knien und ich reichte ihm die Hand, um ihm beim aufstehen zu helfen. Er ergriff mit seinen großen Händen meine dargebotenen Hände und ich half ihm auf. Kleine Stromstöße durchfuhren mich, weil ich seine Haut spürte und seine kräftigen Hände sich um meine legten. Als er wieder stand, blickte er mich aus seinen blauen Augen an.
„Wie kann ich das wieder gut machen?“, fragte ich ihn.
„Passt schon. Ich...“
„Was macht die Schulter?“
Er prüfte es nach, indem er mit seiner Hand drauf rum drückte. „Nur ein wenig geprellt.“
„Kann ich...dich auf ein Bier…?“
Ich deutete auf den Tisch und die Krüge.
„Nein. Sorry. Ich bin ja im Dienst.“ Er grinste nun endlich wieder. „Aber um 16Uhr. Da habe ich hier Schluss. Dann kommt die Abendschicht.“
„Dann...vielleicht später?“
„Sehr gern. Wenn ich dafür ein Bier von Leon Goretzka ausgegeben bekomme, lasse ich mich gern mal umwerfen.“
„Dann komm später hier wieder vorbei. Ich… wir finden dann schon...“
„Passt.“ Und er war verschwunden. Verstohlen blickte ich auf meine Uhr. 14.30Uhr. Noch eineinhalb Stunden.
FC Bayern-TV filmte immer wieder und interviewte. Gott sei Dank vor allem die neuen Spieler. Ich sah die Kamera und das Mikro gerade vor Benji Pavard und musste grinsen. Hoffentlich ließen sich mich heute in Ruhe. Schon mal gar nicht wollte ich gefilmt werden, wenn ich später hier mit Florian… Goretzka, du hast einen Dachschaden. Nichts wird passieren. Als Serge sich wieder auf den Weg machte, um mit andern anzustoßen, schlug er mir wortlos auf die Schulter und zeigte mir einen erhobenen Daumen. Den musste ich mir unbedingt nochmal zur Brust nehmen. Haut der gegenüber dem Müller raus, dass ich auf den Security scharf bin. Immerhin hat Thomas das nicht geschluckt. Mit der Wahrheit an täuschen. Aber das geht eben nicht immer gut. In diesem Fall war es geglückt.
Anton kam wieder an den Tisch und fragte, ob alles in Ordnung sei. Thomas antwortete für alle, dass es „bestens“ schmeckt und ich sah noch, wie Anton wieder mal ein paar Autogramm-Wünsche in Form von Zetteln und anderen Papieren diesmal zu Thomas rüber schob. „An sich dürfen wir ja nicht, aber...“ Er flüsterte diese Worte Thomas zu. Aber ich konnte es von seinen Lippen ablesen. Schließlich sagte er diesen Satz sicher zu jedem Spieler, wenn er diese Art von Zetteln anschleppte. Thomas unterschrieb brav überall und Anton zog wieder von dannen.
Kurze Zeit später kam er ungefragt mit einem neuen glutenfreien Bier zurück, das er mir vor die Nase stellte. „Zum Wohle!“
Ich bedankte mich und Anton zog wieder ab. Ein zweites Bier? Ob das so eine gute Idee war?
Egal. Ich trank.

Einige Zeit später blickte ich auf meine Uhr. 14.45Uhr. War wirklich erst eine Viertelstunde vergangen? Ich hatte keinen Bock mehr auf diese Bespaßung hier. Ich wollte etwas anderes. Ich wollte Florian. Shit shit shit! Goretzka, reiß dich zusammen! Er kommt nur, weil er mit dir ein Bier trinken will. Schließlich hast du ihn zu Fall gebracht.

Einerseits musste ich an die Luft. Andererseits würde mich das wieder den kreischenden Frauen ausliefern. Ich wollte nicht schon wieder dahin.
Inzwischen wurden die leeren Teller abgeräumt und wieder blickte ich auf die Uhr. 14.48Uhr. Und dann kam er. Offenbar wieder auf eine seiner Sicherheits-Runden schlenderte er an uns vorbei und zwinkerte mir zu. Doch diesmal hielt er bewussten Abstand von meinem Bein, als er am Tisch vorbei lief.  Sein Zwinkern ließ es mir heiß und kalt den Rücken runter laufen.
Peinlich war es mir immer noch. Aber er hatte den Sturz ja gut weggesteckt.
Durch das Servieren des Desserts wurde ich abgelenkt. Abgelenkt vom Denken an ihn. Kaiserschmarrn. Klar. Wieder mal glutenhaltig. Dann konnte ich mich wenigstens zurück halten.
Thomas schlug sich den Teller voll. Auch die andern am Tisch langten kräftig zu. An diesem Tag war alles erlaubt. Obwohl wir gestern verloren hatten. Als Thomas meinen leeren Teller sah, schaute er mich mitleidig an. Ich zuckte nur mit den Achseln.
Als ich beinahe schon mit mir selbst Mitleid hatte, schob sich von rechts eine Schüssel mit Früchten in mein Blickfeld. Und an der Schüssel hing niemand anders als Florian.
„Ich hab...“, er fuhr sich durch die Haare, „...gelesen, dass Gluten und Milch… ich hab...“
Gott war der süß, wie er da so rum stammelte.
„Für mich?“, fragte ich ihn ehrlich überrascht und erfreut.
„Hab ich in der Küche ergattert. Garantiert glutenfrei.“
„Aber das… danke!“ Meine Ohren wurden heiß. Und auch er war etwas rot angelaufen.
Er stellte mir die Schüssel vor die Nase und reichte mir einen Löffel.
„Das ist echt lieb! Danke!“
Er fuhr sich nochmal durch die Haare, dann verschwand er.
„Bei dem hast du ja einen Stein im Brett. Auch, wenn du ihn vorhin zu Fall gebracht hast.“ Thomas. Klar.
„Ich bin halt ein Sonnenschein!“
„Wenigstens schaust du jetzt nicht mehr so verbittert, wie vorhin… man könnte meinen, du hast inzwischen kleine Herzchen...“ Er brach den Satz ab. Alle andern waren im Gespräch vertieft. Ungläubig schaute er zu Serge am andern Tisch und wieder zu mir.
„Das vorhin… war kein...“
Scherz, wollte er wahrscheinlich sagen. Shit! Der Groschen war offenbar centweise bei Müllerchen doch noch gefallen.
„Du bist…!?“
„Müller! Sind dir die Worte ausgegangen?“ Ich konterte keck.
Er nickte nur und blickte in die Runde. Ich schüttelte leicht mit dem Kopf. Dann kam er näher. „Echt?“, fragte er nur.
Diesmal nickte ich ergeben. Ein Schlag auf die Schulter war nun beinahe schon ein Ritterschlag.
„Viel Glück!“ Er zwinkerte mir zu. Damit war die Sache für Thomas offenbar tatsächlich erledigt.
Ich löffelte meine Schüssel mit Früchten, die ich von Florian bekommen hatte und alle andern labten sich am Kaiserschmarrn.
Als ich die Schüssel aufgegessen hatte, stand Florian plötzlich erneut neben mir. Diesmal in zivilen Klamotten.
„Es… ich hab schon Feierabend bekommen. Mein Kollege hat schon...“ Er deutete auf einen andern Mann in der üblichen Kleidung der Securitys. Offenbar wollte sich der Kollege überzeugen, dass das in Ordnung ging. Ich schubste den Müller auf der Bank ein wenig weiter rein und deutete ihm Platz zu nehmen.
Anton kam und sah Florian schief an. „Bitte ein Bier für mein Opfer!“
Anton zog eine Augenbraue hoch. „Das ist relativ unüblich.“
„Ich hab ihn vorhin zu Fall gebracht. Ein Bier als Entschädigung ist schon drin oder nicht?“
„Klar.“ Anton zog ab.
Ich wandte mich Florian zu. In seiner privaten Kleidung wirkte er noch sportlicher. Er trug einen hellgrauen Pullover zu einer dunklen Jeans.
„Keine Lederhose?“, fragte ich ihn.
„Ne. Das ist mir zu blöd. Ich muss mich hier ja eh umziehen.“
„Sorry nochmal wegen vorhin. Ich wusste nicht, dass...“
„Schon gut. Es ist nichts passiert. Tut nicht mal mehr weh.“ Er drückte auf seiner Schulter rum.
Anton kam und stellte das Bier ab. Ich zog einen 20-Euro-Schein aus der Tasche und reichte ihn Anton. „Das Bier zahle ich schon selbst. Passt so!“
Damit war Anton wohl versöhnt und zog von dannen.
Ich griff mein Bier und schaute erwartungsvoll zu Florian, der seinen Maß-Krug ergriff und mit mir anstieß. „Dann mal prost!“
Die Gläser klirrten aneinander und jeder von uns trank. Sofort, nachdem ich das Glas abgesetzt hatte, schaute ich wieder zu ihm – und er zu mir. Unsere Blicke trafen sich.
Seine Zungenspitze guckte ein wenig heraus und er fuhr sich damit leicht über die Lippen. Gott, war der Typ geil!
„Wollen wir uns nach dem Bier irgendwo hin verziehen?“
Er schaute nur fragend.
„Ich hab keinen Bock mehr auf den Zirkus hier“, raunte ich ihm zu.
„Aber hier bist du relativ geschützt und sicher. In jedem andern Zelt...“
„...auch wieder wahr...“
Wir unterhielten uns angeregt. Er erzählte mir, dass er den Job schon im dritten Jahr macht und dass er großen Spaß daran hat. Ein paar Anekdoten untermalten seine Arbeit. Manche waren lustig, andere eher nicht. Mit so manchen Betrunkenen hatte man eben keinen Spaß. Aber an solchen Tagen, wie heute, so erklärte er, lernte man eben auch mal wichtige Leute kennen, wenn man über deren lange Beine stolpert.
Dabei zwinkerte er mir zu.
„Und das ist dann lustig?“
„Das nicht. Also der Sturz vorhin nicht. Aber jetzt mit dir hier zu sitzen...“ Seine Augen blickten intensiv. Es war ein Aufsaugen.
„Du scheinst ja auch ein großer Fan von uns zu sein, wenn du dich so gut auskennst...“
„Fan von euch… eher...“
Er sprach nicht weiter.
„Ja?“
„Ach nichts. Ich mache übrigens auch Security in der Allianz-Arena.“
„Echt? Cool. Bist mir da aber noch gar nicht aufgefallen.“
„Heißt das, dass ich dir hier…?“
Ich biss mir auf die Zunge.
„Wer über meine Füße stolpert, der fällt mir zwangsläufig auf“, versuchte ich die Sache zu entschärfen.
„Also ich bin durchaus Fan. Von dir...“
Jetzt war es an mir, erneut rot zu werden, aber er war es auch. Der große starke Security-Mann war plötzlich ganz unsicher.
„Von mir? Danke! Aber im Moment gibt’s nichts, wofür man Fan sein könnte.“ Ich deutete auf mein Bein.
„Wie geht’s dir? Ich hab es gelesen… OP in Berlin.“
„Ja. Grundsätzlich passt es. Aber ich kann eben noch nicht voll wieder einsteigen. Vermutlich werde ich gegen Bochum passen.“
„Schade. Echt. Ich hätte dir das Spiel gegen Bochum so gegönnt. Um der alten Zeiten willen.“
„Ja“, ich blickte versonnen durch den Raum. Ich würde eben privat nach Bochum fahren. Das Spiel würde ich mir sicher nicht entgehen lassen.
„Und was machst du, wenn du nicht als Security arbeitest?“
„Ich studiere. Jura.“
Ich bekam große Augen. „Nicht schlecht!“
„Naja...ich versuche mich so durchzuboxen.“
„Durchzuboxen?“, ich war neugierig.
Er schien erst nicht antworten zu wollen. „Naja...meine Eltern unterstützen mich im Studium nicht wirklich. Also finanziell. Ich muss daher arbeiten gehen. Und wenn es noch Spaß macht...“
„Wie alt bist du?“
„24.“
„Die 95er sind ein guter Jahrgang!“
Wir prosteten uns erneut zu.
Er erzählte von seinem Studium und von seinen Freunden. Nur seine Familie kam nicht wirklich im Gespräch vor.
Dass er in einem Studentenwohnheim wohnte erzählte er ebenso, wie die Tatsache, dass er einer der wenigen gebürtigen Münchener war. Wieso wohnte also jemand in einem Wohnheim, wenn doch die Familie auch in München war? Ich fragte ihn das.
Und er schaute zu Boden, schwenkte sein inzwischen gut geleertes Bierglas hin und her.
„Sie können nicht damit umgehen, dass ich schwul bin.“
Damit war es raus. Geahnt hatte ich es. Aber nun wusste ich es. Oh Gott, Goretzka. Du verrennst dich geradewegs. Konnte nicht Joshua um die Kurve kommen und mich vor einem bösen Fehler retten? Oder Serge? Immer, wenn man Serge brauchte, war er nicht da. Dabei spielt Serge doch immer. So hatte es Jogi gesagt. Und wer spielt, war aufmerksam und musste wissen, dass hier ein Freund in großer Not vor einem Fehler bewahrt werden musste.
„Tut mir leid, das zu hören.“
Inzwischen drückte meine Blase erneut.
„Ich müsste nochmal...“ und ich deutete mit dem Finger hinter mich in Richtung der Toiletten.
„Ich komme mit und passe auf dich auf. Und auf dein Bein.“
Er grinste dabei entwaffnend. Also standen wir beide auf und machten uns auf den Weg. Als ich kurz zurück schaute, zwinkerte Thomas mir zu und zeigte mir einen erhobenen Daumen. Auch noch eine Aufforderung? Sollte ich das Risiko eingehen?
Wir erreichten die Toilette und standen nebeneinander an den Pinkelbecken, nur getrennt durch einen kleinen Sichtschutz. Ich konnte unmöglich, wenn er mir zuschaut. Unmöglich!
„Sorry, ich kann nicht...neben...“
Er schaute mich irritiert an. „Neben einem Schwulen?“
„Nein!“, beeilte ich mich zu sagen. „Neben einem Fremden.“
Er blickte sich nach allen Seiten um. Es war niemand sonst im Raum. Dann ging alles sehr schnell. Viel zu schnell. Und viel zu schnell ließ ich mich überrumpeln. Er küsste mich. Heiß. Fordernd. Schnell. Atemlos. Und ich? Ließ ihn. Seine Lippen schmeckten süß. Aber das war eigentlich gar nicht möglich. Aber die Süße überzog auch mich. Dann ließ er von mir ab. „Ich bin Florian. Und du bist Leon. Jetzt sind wir keine Fremden mehr!“
Als ich es neben mir tröpfeln hörte, war es auch bei mir zu viel. Mein Schwanz war leicht angeschwollen. Trotzdem wollte das glutenfreie Bier den Weg alles Irdischen nehmen und drängte sich hinaus.
„Sorry für den Überfall. Aber das war meine Rache für vorhin.“
„Du musst dich nicht entschuldigen“, stammelte ich leise.
Als wir fertig waren, verstauten wir beide etwas in der Hose, was jetzt offenbar nicht mehr so einfach möglich war.
Er grinste, wie ein Honigkuchenpferd, als wir am Waschbecken standen und uns die Hände wuschen.
„Du mochtest es?“, fragte er fordernd.
„Scheiße, ja! Du bist heiß! Verdammt heiß!“
„Danke!“ Diesmal wurde er rot.
„Ich glaube, ich muss nicht betonen, dass das niemand...“
„Großes Juristen-Ehrenwort!“
Er blickte mich mit seinen blauen Augen eindringlich an.
„Oder denkst du, ich mache mir diese Chance kaputt?“
„Chance?“
„Dich näher kennenzulernen! Du bist der Held meiner...“
Jetzt musste ich lachen. „Deiner feuchten Träume?“
„Ja!“ Das kam leise. Und beschämt.
„Es müssten ja keine Träume mehr bleiben“, hörte ich mich sagen.
Dann kam Coutinho zum Klo herein. Und wir verschwanden. Zurück an den Tisch. Als wir wieder saßen und unser Bier in Händen hielten, spürte ich seine Finger auf meiner Lederhose, die kleine Kreise zogen. Gott, war das heiß. Ich konnte nicht mehr klar denken. Auch zum sprechen reichte es irgendwie nicht mehr. Ich blickte ihn nur noch an.
„Wie lange möchtest du noch bleiben? Fahrt ihr gemeinsam zurück?“
„Nein. Nach Hause darf jeder selbstständig.“
Seine Hand rutschte auf meinem Bein etwas tiefer und kam an den Punkt, wo das Hosenbein endete. Seine Finger auf meiner Haut hinterließen eine heiße Spur. Eine Spur der Verführung und der Aufforderung. Mein Schwanz wurde hart und drückte gegen das innere der Lederhose. Ich konnte nicht anders, als ebenfalls meine Hand unter dem Tisch auf Wanderschaft zu schicken. Als ich sein Bein berührt, stöhnte er ganz leise auf.
Sollte ich doch mal Glück haben? So ein Käfer-Glück?
„Wie passend dein Name für dieses Zelt ist“, raunte ich ihm zu.
„Florian?“
„Nein! Käfer!“
Er musste lachen. „Keine Ahnung, ob das bei der Bewerbung den Ausschlag gegeben hat. Aber ich bin weder verwandt, noch verschwägert mit dem großen Boss.“
Ich gähnte in die Runde. So langsam musste ich mein Verschwinden mal ankündigen. Und das wollte ich. Verschwinden. Mit Florian, meinem Glücks-Käfer.
Vielleicht war er ja wirklich ein Glück für mich. Ich konnte es nur hoffen.
Wie schnell sich das Leben eben doch änderte. Meine Laune war zusehends gestiegen. Der muffelige Leon vom Beginn war weg.

Dann kam Serge. Zu spät. Ich war schon verloren.
Er krabbelte hinter mir durch auf die Bank. Schob Thomas noch weiter durch. „Was ist los?“, raunte er mir ins Ohr.
„Nichts!“ Ich tat ahnungslos.
„Willst du mit ihm…?“
Aber Florian war schneller. Er schob mich nach vorn und lehnte sich hinter meinem Rücken zu Serge rüber.
„Keine Angst. Ich halte dich!“
Ich hörte es in meinem Ohr klingeln. „Ich bin Jura-Student. Ich weiß, wie das ausgehen könnte.“ Er zwinkerte Serge zu. Das hab ich zwar nicht gesehen, aber gespürt. Serge war verdutzt, ließ sich aber dazu hinreißen, uns viel Spaß zu wünschen und ich verschluckte mich fast am Bier, das ich gerade austrinken wollte.
Eine weitere Konversation findet zunächst mal nicht statt. Zumindest nicht verbal. Aber Florian hat ausgetrunken. Und ich ebenfalls.
„Wollen wir?“, raune ich ihm zu.
„Bin bereit!“
War ich das auch? Bereit? Ich hatte es mir so sehr gewünscht. Und Florian war heiß. Aber war er auch das, was ich wollte? Oder würde er mich hinhängen?
Ich entschied, dass ich es versuchen musste. Sonst würde ich für ewig Single bleiben. Und wenn es nur Sex war, dann war es eben auch gut. Endlich mal nicht in einer dunklen Ecke ficken. Überhaupt mal wieder ficken. Ich rutschte unruhig auf der Bank hin und her.
„Ich würde es dann mal so langsam packen“, warf ich in die Runde.
Thomas hielt mir die Hand hin und ich schlug ein. „Gute Nacht, Gorre! Komm gut heim und...“ Er zwinkerte nur noch zu Florian.
Auch Serge wünschte eine gute Nacht mit einem entsprechenden Unterton. Die übrigen beachteten uns wenig. Also schnappte ich meine Sachen und wir verließen das Zelt. Draußen wartete immer noch die Meute der Presse, um zu sehen, wer wann und mit wem gehen würde.
„Geh du schon vor“, schlug Florian vor, „ich komme in zwei Minuten nach und wir treffen uns da hinten.“ Er zeigte auf einen Zaun, wo wir das Gelände des Käfer-Zeltes verlassen konnten.

Keine 30 Minuten später standen wir vor meiner Haustür. Das Taxi hatte uns relativ zügig durch das nächtliche München gefahren. Ein wenig zweifelnd sah ich ihn an.
„Vertrau mir!“
Ich schloss die Haustür auf und wir fuhren mit dem Fahrstuhl nach oben. Da er aus Glas war, hielten wir uns beide zurück.
Doch nachdem ich die Wohnungstür aufgeschlossen hatte, fielen wir übereinander her. Man konnte es nicht anders nennen. Ich war ausgehungert und er war einfach nur heiß. Und ich war sein Idol, der, den er immer wollte. Soviel war mir ja schon klar gewesen.

Es war das erste Mal, dass ich mich einem Mann hingab. Und es war gigantisch. Unser Höhepunkt riss mich fort. Fort aus meinem alten Leben.
Was hatte ich doch für ein Glück mit meinem Käfer-Glück oder mit meinem Glücks-Käfer.

Wir lagen im Bett und er hatte seine starken Arme um mich gelegt. Ich fühlte mich beschützt und sicher.
„Gott, Florian, war das geil!“
„Was du nicht sagst...“
„Wie gut, dass du mir über den Weg gefallen bist!“
„Die Falle, die du aufgestellt hast, konnte ich aber auch nicht ignorieren.“
Irritiert schaute ich ihn an.
„Ich bin dir quasi in die Arme gefallen. Ich hätte nicht fallen müssen.“
Er zwinkerte mir zu. Und ich nahm ein Kissen und warf es nach ihm.
„Du Schauspieler!“
„Aber es war ein filmreifer Sturz, nicht wahr?“
„Der Käfer ist gut geflogen“, bestätigte ich dann auch. „Ich hoffe, du fliegst nie mehr weg!“, schob ich nach.
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