Vom Opfer zur Freundin

GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
A.D.A. Rafael Barba Detective Olivia Benson OC (Own Character)
06.10.2019
30.11.2019
3
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06.10.2019 5.657
 
Catherine Amell saß irgendwo in Manhattan in einem kleinen Café. Es war ein eher schäbiger Ort mit nicht mehr als 10 Tischen. Sie hatte diesen Ort mit Absicht gewählt. Niemand würde auf sie oder irgendjemanden in der Nähe achten. Niemand würde sich jemals an sie erinnern. Vor ihr saß eine heiße, dampfende Tasse schwarzen Kaffees. Ihre Augen wanderten träge herum. Catherine konnte nicht einmal beurteilen, welche Art von Menschen die typische Klientel dieses Ortes sind. Die Luft war mit Zigarettenrauch gefüllt und der Geruch brachte Tränen in ihre Augen.

Catherine hatte es satt. Sie war es leid zu fliehen, sich zu verstecken und verfolgt zu werden. Dieses Spiel hatte fast ein halbes Jahr gedauert und sie wollte es heute beenden. Zeit sich ihren Dämonen zu stellen. Sie seufzte und nahm einen großen Schluck von ihrem Kaffee, der im Laufe der Zeit kalt geworden war. Sie fragte sich, wie lange es dauern würde, bis sie auftauchten. Sie gähnte und fuhr mit einer Hand durch ihr langes blondes Haar, das in Locken bis zu ihren Schulterblättern herabfiel.

Sie spürte die Bewegung in ihrem Rücken, bevor sie einen Mann in einem teuren dreiteiligen Anzug auf sich zukommen sah. Er war ein Mann lateinamerikanischer Herkunft mit gebräunter Haut und ernsthaften, braunen Augen, hinter denen ein scharfer Verstand verborgen war. Catherine kannte diesen Mann, der respektvoll Abstand hielt. Er war derjenige gewesen, vor dem sie weggelaufen war.

„Staatsanwalt Rafael Barba, ich denke wir haben lange genug Verstecken gespielt.“, sagte sie mit monotoner. Catherine sah ihm nicht in die Augen. Sie schien mit ihren Gedanken weit weg zu sein. „Eigentlich habe ich nicht erwartet, dass Sie auftauchen. Ich dachte, es wäre einer der Detektives. Vielleicht Carisi oder Lieutenant Benson, aber nicht der Staatsanwalt persönlich.“

Rafael Barba blinzelte kurz, zeigte aber keine weiteren Emotionen oder Überraschungen über ihr Wissen.

„Sie wissen also, wer ich bin.“

„Es ist schwer es nicht zu wissen, wenn man ab und zu die Zeitung liest.“ Die junge Frau von ungefähr 27 Jahren hob den Blick und sah ihn verständnislos an.

„Es war ein langes Spiel.“, stimmte er zu und nickte zu dem leeren Stuhl vor ihr. „Darf ich?“

„Nun Sie haben mich gefunden, also sollte ich Ihnen wenigstens zuhören.“ Der Staatsanwalt schien verblüfft zu sein, aber nicht wegen ihres Verhaltens. Es war mehr die tief verborgene Traurigkeit und Müdigkeit in ihrer Stimme. Eine Frau in ihrem Alter sollte auf dem Höhepunkt ihres Lebens sein. Voller Energie, Träume, Hoffnungen und Wünsche, aber diese Frau war ertrunken und zerbrochen. Wenn man ihr in die Augen sah, konnte man sich nur vorstellen, wie hell sie einst gewesen waren. Ein Lebensfunke, der vor langer Zeit zerbrochen wurde.

Barba nickte und setzte sich. Es dauerte nicht lange bis eine Frau mittleren Alters erschien, um seine Bestellung entgegenzunehmen. Sie war offensichtlich erstaunt über sein elegantes Aussehen. Er gehörte einfach nicht hierher. Der Staatsanwalt bestellte einen weiteren schwarzen Kaffee und die Kellnerin verschwand hastig. Sie hoffte wahrscheinlich auf ein großes Trinkgeld.

Catherine schwieg. Sie wusste, warum er hier war, aber nicht genau, was er von ihr wollte. Die Atmosphäre zwischen ihnen war angespannt, während Catherine darauf wartete, dass er sprach. Barba wartete stattdessen auf seinen Kaffee. Er dankte der Kellnerin, die schnell zurückkam und bezahlte sofort - mit einem riesigen Trinkgeld- und auch dem Kaffee für Catherine. Also erwartete er, dass sie sich beeilen mussten, nachdem sie ihren Kaffee getrunken hatten.

„Sie waren wirklich schwer zu finden.“ In seiner Stimme lag ein Anflug von Wertschätzung.

„Ich habe einige Jahre Übung.“, antwortete sie kalt und presste ihre Lippen in eine dünne Linie zusammen.

„Ich weiß.“ Obwohl sie ihn angegriffen hatte, blieb Rafael Barba ruhig. Es schien, als hätte er verstanden, dass es Zynismus war, nicht Respektlosigkeit. Catherine atmete tief aus. Ihr Herz schlug schneller, weil sie nicht wusste, was sie erwartete. Sie hielt immer Leute von ihr fern, aber sie hatte das Gefühl, dass sie den Staatsanwalt nicht verjagen konnte. Er hatte fast ein halbes Jahr lang versucht, sie zu finden. Er würde sie nicht so leicht gehen lassen. Wahrscheinlich, weil er sie vielleicht nie wiederfinden würde. „Wissen Sie, warum ich hier bin?“

„Ich kann es mir denken.“, sagte Catherine trocken.

„Ich möchte über den Vorfall vor zehn Jahren sprechen.“ Ihr Körper spannte sich vor ihm an und die junge Frau schluckte. Sie nickte niedergeschlagen.

„Das dachte ich mir.“ Ihre Kehle wurde trocken und sie nahm einen weiteren Schluck Kaffee. Sie wollte sich nicht erinnern, was damals mit ihr passiert war. Seitdem sie gelesen hatte, dass die SVU ihre Vergewaltiger gefangen hatten, wusste sie, dass sie sie irgendwann finden würden. Der aktuelle Fall war nicht auf einer guten Grundlage aufgebaut. Sie hatten nur Indizien. Barba brauchte ihre Aussage, um die Verbrechen nachzuweisen.

Barba schien zu bemerken, dass sie nicht von sich selbst reden würde, also nutzte er das, was er von der SVU gelernt hatte.

„Sie sind nicht aus den USA, oder?“ Smalltalk. Catherine schnaubte missbilligend. Wie einfach.

„Das wissen Sie doch.“, sagte sie bitter und warf ihm einen genervten Blick zu. Rafael Barba blieb immer noch ruhig und das machte sie wütend. Catherine holte tief Luft und versuchte sie zu beruhigen. Im Laufe der Jahre hatte sie gelernt, alle zu verdächtigen. Jeder war ein Feind für sie. Eine mögliche Bedrohung. Sie warf ihm einen entschuldigenden Blick zu, aber der Anwalt war nicht verärgert. „Nein, bin ich nicht. Ich bin hierhergezogen, als ich 18 war. Ich komme aus Cardiff.“

Barba nickte zufrieden und trank seinen Kaffee. Catherine fühlte sich unwohl. Diese entspannte Atmosphäre schien absurd in Bezug auf das Thema. Es war wahrscheinlicher, dass sie sich zu einem Date verabredeten und nicht darüber sprachen, dass sie vergewaltigt wurde, als sie gerade hierhergezogen war. Sie biss sich auf die Unterlippe und schloss die Augen. Ein Zittern des Unbehagens lief ihr den Rücken hinunter. Mit skeptischem Blick versuchte sie einzuschätzen, was für eine Person Rafael Barba war. Sicher, sie hatte in der Zeitung viel über ihn gelesen, aber sie wusste, wie oberflächlich ein solches Bild war. Konnte sie ihm vertrauen? Interessierte er sich für sie oder war sie nur ein weiteres Puzzleteil für seinen Fall? Er wurde als sehr ehrgeiziger Mann dargestellt. Sie hatte die Fälle der SVU eine ganze Weile verfolgt, weil sie oft mit dem Gedanken gespielt hatte, das Verbrechen zu melden. Dafür musste sie wissen, welche Art von Person sie erwarten würde.

„Möchten Sie darüber auf dem Revier sprechen?“ Der Staatsanwalt bemerkte, wie unbehaglich sie sich fühlte und für einen kurzen Moment lag Mitgefühl in seinen dunklen Augen. Catherine holte zittrig Luft und dachte darüber nach. Am Ende wusste sie, dass es kein Zurück gab. Barba ließ sie nicht gehen und sie wollte, dass alles zu Ende ging. Vielleicht würde sie sich nicht länger verfolgt fühlen, wenn sie half, sie einzusperren. Barba wartete geduldig auf ihre Antwort, wirkte aber erleichtert, als sie nickte.

„Wir sollten es hinter uns bringen.“, sagte sie leise.

~ * ~

Catherine hatte viele Male vor dem NYPD gestanden. Oft hatte sie einfach nur dagestanden und versuchte, sie zum Reinegehen zu überreden, aber sie war jedes Mal davongerannt. Sie war nicht mutig genug gewesen. Vielleicht war es der letzte Schubs, den sie gerade brauchte, mit Barba hier zu sein. Er stieg hinter ihr aus dem Taxi und warf einen langen Blick auf das Gebäude. Es zu betreten war für ihn normal, aber für Catherine fühlte es sich an, als würde es sie zermalmen. Ein weiteres starkes Zittern lief ihr über den Rücken und sie holte tief Luft. Ihre Beine begannen zu zittern. Gerade als sie ihren Mut verlor, fühlte sie eine beruhigende Hand auf ihrer Schulter. Catherine drehte den Kopf herum und sah in die braunen Augen des Staatsanwalts.

„Ich weiß, dass es muss schwer sein.“

„Nein, das wissen Sie nicht und das ist okay.“ Sie seufzte schwer. „Ich wünschte, niemand müsste es.“

Barba sah zu ihr hinüber und runzelte die Stirn. Er schien über ihre Antwort irritiert zu sein. Catherine wusste nicht warum, aber es befriedigte sie, ihn aus dem Konzept zu bringen.

„Sie haben alle Zeit.“, sagte er tröstend, als er instinktiv fühlte, wie verängstigt sie war. Catherine bellte ein Lachen und schüttelte den Kopf.

„Aber Sie würden es schätzen. Ansonsten besteht die Chance, dass ich wieder verschwinde.““

„Das kann ich nicht leugnen.“ Barba grinste leicht und ein amüsiertes Lachen entkam seinen Lippen. Dann erkannte er, was er getan hatte und entschuldigte sich. Es war offensichtlich, dass er nicht regelmäßig mit Opfern zu tun hatte. Dennoch akzeptierte Catherine es, weil sie es für aufrichtig hielt. Sie nickte ihm zu und beide überquerten die Straße. Es war Zeit, sich ihren Albträumen zu stellen.

~ * ~

Die Büros der SVU waren voll. Eine Menge Leute rannten herum und rief sich gegenseitig Wörter zu. Catherine war überwältigt, als sich die Türen des Aufzugs öffneten. Es war wie ein Orkan von Geräuschen, Eindrücken und Farben, der sie davonriss. Instinktiv trat sie einen Schritt zurück und drückte sich gegen das kalte Metall der Kabine. Angst ergriff sie und alles was sie wollte war sich auf den Fersen zu drehen und wegzulaufen. Ein starkes Gefühl der Lähmung traf sie plötzlich mit Gewalt. Sie versuchte, einen Muskel ihres Körpers zu bewegen, aber dieser weigerte sich. Alle in der Kabine starrten sie an. Sie fühlte es tief in ihrem Bewusstsein. Sie wollten nur raus, aber sie blockierten ihr den Weg.

Barba beobachtete sie aus den Augenwinkeln. Er sah die Angst, die ihre grünen Augen kontrollierte und wie ihre Lippen zitterten. In diesem Moment kam eine Frau mit schulterlangen, braunen Haaren am Fahrstuhl vorbei, die Augen in einer Akte vergraben. Sie bemerkte keinen von ihnen.

"Olivia!", rief Barba. Lieutenant Olivia Benson blieb stehen, sah auf und runzelte die Stirn.

„Barba, was...“ Ihre Stimme verstummte, als sie Catherine neben ihm bemerkte. Ihre Augen weiteten sich überrascht, während Catherine schüchtern die Arme um sich schlang.

„Miss Amell...“ Olivia sah zu Barba. „Sie haben sie gefunden.“

„Sie hat sich finden lassen.“, korrigierte Barba und drückte ihre Schulter. Catherine holte tief Luft und stieg aus dem Fahrstuhl. Sie hätte nie gedacht, dass es im Revier so warm sein würde. Oder schoss nur das Adrenalin durch ihren Körper?

„Ich war es leid wegzulaufen.“ Sie blinzelte langsam. „Und ich habe gehört, dass Sie meine Aussage brauchen.“

Das Stirnrunzeln vertiefte sich auf Olivias Stirn und sie sah zwischen dem Staatsanwalt und Catherine hin und her. Am Ende nickte sie und führte sie in einen leeren Raum.

Zehn Minuten später saß Catherine in einem Raum der SVU. Sie vermutete, es war einer, der zur Befragung von Kindern verwendet wurde. Es gab verschiedene Spielsachen, Puppen, viele Stifte und Papier zum Zeichnen. Olivia hatte Catherine einen Kaffee angeboten. Die Tasse war warm in ihrer Hand und sie klammerte sich daran, als wäre es das einzige, was sie in Wirklichkeit hielt. Ihre Augen waren getrübt und ihr Blick wanderte zu einem weit entfernten Ort. Olivia saß vor ihr. Ein Notizblock lag offen auf dem Tisch. Barba saß mit einem Tee neben ihr und beobachtete sie genau. Es war lange her, dass sie sich so unwohl und fast nackt gefühlt hatte. Lange hatte sie darüber nachgedacht, was sie der Polizei sagen würde. Sie hatte ihre Worte gewählt, aber jetzt war alles aus ihrem Kopf verschwunden.

Olivia bemerkte es und lächelte sie warm an. Catherine versuchte sich auf ihre Gedanken zu konzentrieren, um alles zu sammeln, aber sie fühlte sich taub.

„Bitte erzähl Sie uns, was passiert ist.“ Ihre Stimme war sanft und sie legte eine Hand auf ihre.

„Es begann alles ziemlich harmlos, verglichen mit den Verbrechen, mit denen Sie normalerweise zu tun haben.“ Ihre Augenlider schlossen sich, als die Erinnerungen zurückkehrten.

„Nichts ist harmlos...“, begann Olivia, aber Catherine wies diese Worte des Mitgefühls zurück.

„Ich war gerade hergezogen, um mein Studium der Biologie zu beginnen. Ich war so aufgeregt, als ich das Stipendium bekam.“, fuhr Catherine fort, ohne sichtbar auf ihre Worte zu reagieren, und schluckte. Ihr Mund war trocken und es wurde schlimmer mit jedem Wort, das sie sprach.

„Und Ihre Eltern waren damit einverstanden, dass Sie sie so jung in ein anderes Land zogen?“, fragte Barba.

„Beide arbeiten auf einem Kreuzfahrtschiff. Sie waren selten zu Hause. Es hat keinen großen Unterschied gemacht.“ Sie zuckte emotionslos mit den Achseln. „Und ich habe davon geträumt, in die medizinische Forschung zu gehen und an einem Heilmittel für HIV oder Krebs zu arbeiten. Ich wollte nur den Menschen helfen.“

Vorsichtig nahm sie einen Schluck von dem lauwarmen Kaffee, aber ihre Hand zitterte heftig. Keiner der beiden zwang sie, schneller zu werden, und die Beamten, die von außerhalb des Spiegelglases zusahen, störten sie auch nicht. Catherine wusste, dass Benson und Barba nicht die einzigen waren, die ihre Geschichte hörten.

„Alles begann am 24. April 2009. Es war ein warmer Tag und ich war seit einem Monat in New York. Ich war fasziniert von dieser Stadt und entschied mich in den Central Park zu gehen. Ich sah ein paar Kinder beim Spielen zu, als er plötzlich hinter mir erschien. Ich hatte ihn nicht bemerkt. "

„Wer?“ Lieutenant Benson hatte begonnen einige Notizen zu machen.

„Ein rothaariger Junge mit blasser Haut, grünen Augen. Ungefähr einem Kopf größer als ich. Ich denke, er war Anfang zwanzig. Seine Figur war normal. Nicht sportlich, nichts Besonderes. Ich kann nicht viel mehr über ihn erzählen.“

„Das ist in Ordnung.“ Catherine sah auf und nickte unsicher. Sie fühlte die typischen Dinge, über die sie so oft gelesen hatte. Sie fühlte sich schuldig und schämte sich. Eine unbekannte Angst ging durch sie hindurch und sie krallte sich in ihren Pullover.

„Er dachte, dass ich zu diesen Kindern gehen wollte, dass ich über diesen Zaun klettern wollte, denke ich.“ Sie schluckte und leckte sich die Lippen. „Er sagte, dass er es an meiner Stelle nicht tun würde. Dann drückte er mich gegen den Zaun und steckte seine Finger in mich.“

Barba und Benson tauschten einen langen Blick aus, aber Catherine konnte nicht lesen, was sie lautlos kommunizierten. Sie wusste, dass beide schon seit einer ganzen Weile zusammenarbeiteten, daher war es nicht verwunderlich, dass sie sich blind verstanden. Es war lange her, dass Catherine eine solche Verbindung zu jemandem hatte.

„Ich versuchte mich zu befreien, aber er war stärker. Er sagte, es sei für einen Biologiekurs.“

„Er wusste, dass Sie eine Biologiestudentin waren?“, fragte Olivia.

„Das glaube ich nicht.“ Sie zuckte erneut mit den Achseln, aber es war offensichtlich, dass alles in ihr ein Sturm war. „Ich denke, es war eher ein dummer Witz.“

Barba und Benson wussten, dass dies nur der Anfang war. Sie hätten sie schließlich nicht wegen einem solch geringfügigen Verbrechen gesucht. Nun ja, wegen solch einer Kleinigkeit wäre sie nicht zehn Jahre lang auf der Flucht gewesen. Catherine wünschte, sie hätte eine Ahnung wie viel die beiden bereits wussten. Es würde es so viel einfacher machen, alles zu erzählen. Aber es war klar, dass sie alles in ihren Worten erzählen musste.

„Ich weiß nicht wie, aber ich konnte ihn abschütteln, aber er hat mir immer noch den Weg versperrt.“ Ihre Stimme wurde zittrig. „Er sagte, er würde mich nur gehen lassen, wenn ich ihm einen runterhole.“

Barba hob eine Augenbraue und rührte in seinem Tee. Normalerweise würde Catherine ihn korrigieren, dies nicht zu tun. Sie war immerhin aus Großbritannien, aber in diesem Moment war es ihr egal. Olivia warf ihm stattdessen einen Blick zu, weil er ihre Wortwahl nicht beurteilen sollte.

„Was ist dann passiert?“

„Mir wurde plötzlich klar, dass ich mein Fahrrad noch bei mir hatte und knallte es in seinen Schritt.“

Vier Augenbrauen schossen überrascht in die Höhe und es schien definitiv, als könne Rafael ein Lachen kaum unterdrücken, obwohl er wusste, dass es unpassend war. Um ehrlich zu sein, freute sich Catherine darüber. Beide waren solche Geschichten gewöhnt, dass sie kaum Emotionen zeigten. Dies war eine natürliche Reaktion und half ihr ein wenig.

„Danach rannte ich weg.“

„Warum sind Sie nicht zur Polizei gegangen?“ Da war die schwierige Frage. Barbas braune Augen sahen sie ruhig an. Sie wusste, er dachte bereits über alle Fragen nach, die der Strafverteidiger stellen würde. Er schien ein Perfektionist zu sein. Er musste es sein. Trotzdem fühlte es sich ein wenig so an, als würde er sie beschuldigen und als müsste sie sich entschuldigen.

„Um ehrlich zu sein, fühlte ich mich überwältigt. Ich hatte nur für einen Monat hier gelebt und war allein. Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte. Plötzlich wirkte New York noch größer als es ist. Ich beschloss, es einfach zu vergessen. Im Nachhinein hätte ich das nicht tun sollen.“

„Hey, es ist in Ordnung. Es ist nicht Ihre Schuld.“ Der Ton von Olivias Stimme beruhigte sie und sie nickte erneut. Für einen Moment blieb sie ruhig und versuchte sich selbst zu überzeugen. Sie warf Barba einen Blick zu, der beruhigend nickte. Catherine wusste nicht warum, aber sie orientierte sich unbewusst an ihm. Wahrscheinlich, weil er hoffentlich vor Gericht für sie kämpfen würde und sie einfach alles richtig machen wollte. Ihm alles anzubieten, um es so einfach wie möglich zu machen.

„Sie brauchen sich keine Sorgen um Ihr Verhalten zu machen. Es gibt nichts, was Sie falsch machen könnten. Sagen Sie uns einfach, was passiert ist und überlassen Sie den Rest uns. Das ist unser Job, nicht Ihrer.“ Diese Worte waren so unglaublich beruhigend, dass sie sich beinahe wieder mutig fühlte. Es fühlte sich gut an zu wissen, dass niemand sie beschuldigen würde. Sie konnte alle Verantwortung abtreten, ohne sich darum zu kümmern, wie sie etwas sagen sollte. Sie schloss die Augen und nickte dankbar. Zum ersten Mal seit Beginn ihres Albtraums fühlte sie sich unterstützt.

„Ich denke, das hat sein Interesse an mir geweckt. Dass ich mich zu befreien wagte und davonlief. Sonst hätte er mich wohl in Ruhe gelassen.“ Das war eines der Dinge, über die sie lange nachgedacht hatte. Hatte es eine Möglichkeit gegeben, alles zu verhindern? Sie wusste, dass es nicht ihre Schuld war, nichts davon, aber es fühlte sich so an. Als hätte sie etwas anderes machen können. „Ich hatte diesen Vorfall fast vergessen und mein Leben weitergelebt. Eines Tages im Juni haben sie mich auf dem Rückweg von der Universität abgefangen. “

Benson sah zu Barba hinüber. Beide hatten einen leichten, traurigen Schimmer in den Augen. Sie wussten von ihrem aktuellen Opfer, was dann geschah.

„Er hat Sie entführt.“, sagte Olivia. Catherine nickte zustimmend.

„Wie hat er Sie bewusstlos gemacht?“

„Ich erinnere mich nicht. Ich weiß nur, dass die Welt dunkel geworden ist und ich in einer kleinen Zelle aufgewacht bin. Ich weiß nicht einmal, ob ich mich im selben Versteck wie Ihr aktuelles Opfer befunden habe.“

„Woher weißt du davon?“ Rafael Barba runzelte die Stirn. Catherine schnaubte und lachte hohl.

„Bitte, warum sonst würden Sie mich fast ein halbes Jahr lang suchen? Wie würden Sie überhaupt von meinem Fall wissen? Es muss ein anderes Opfer geben.“

„Wie lange hat er Sie gefangen gehalten?“ Olivia ließ diese Aussage unkommentiert.

„Ich weiß nicht genau, aber es muss ungefähr ein Jahr gewesen sein.“ Olivia holte zittrig Luft und auch Barba sah unbehaglich aus. Catherine biss sich nervös auf die Unterlippe und versuchte, die Bilder ihrer Gefangenschaft so weit wie möglich von sich fernzuhalten. Ihre Aussage so neutral wie möglich zu machen, war das Einzige, was es ihr erlaubte, weiterzumachen.

„Was hat er Ihnen angetan?“

„Was haben sie Ihnen angetan.“, korrigierte Catherine Olivia. Sie holte tief Luft, während Barba eine Augenbraue hob.

„Mehrere Täter?“

„Es waren Drillinge.“ Ihr Finger trommelten nervös gegen die Tasse, während sie sich wieder dem schlimmsten Jahr ihres Lebens zuwandte. „Naja, das glaube ich zumindest. Sie sind nie zur gleichen Zeit aufgetaucht, dass es nicht so viele eineiige, rothaarige Drillinge gibt. Nicht einmal in New York. Aber ich war ein Jahr lang ihrer Gnade ausgeliefert, während sie mich in diesem 15 Quadratmeter großen Gefängnis festhielten. Alles was für mich wichtig war, war, ob sie böse auf mich sein könnten.“

„Böse?“ Olivia schien verwirrt zu sein, wegen des Wortes. „Warum böse?“

„Weil es mehr Schmerzen für mich bedeutete. Sie wurden extrem sadistisch, wnn sie wütend waren. Also starrte ich die ganze Zeit auf die Tür und betete zu meinen Göttern, die sie in dieser Zeit waren, dass sie mich nicht besuchen würden. Oder zumindest gut gelaunt waren. Damals war ich nicht wählerisch.“ Mit jedem Wort, dass sie sprach, wurde ihre Stimme schwer. Catherine ließ sich auf ihren Stuhl sinken. Das Gewicht des Geschehens schien sie zu zermalmen. Ihre Lippe begann zu zittern, also biss sie zu, um es zu verbergen. Wenn sie es zuließ, würden alle Gefühle sie ertränken und sie würde in Tränen ausbrechen. Dann würde sie ihnen nicht alles erzählen können. Sie musste jede Erinnerung beiseiteschieben. Sie musste es erzählen, als wäre es eine Geschichte. Als ob sie es jemand anderem passiert wäre.

„Wie kommen Sie auf die Idee, dass es Drillinge waren?“ Barba blieb immer noch emotionslos. Catherine konnte nicht einmal einen kleinen Mikroausdruck auf seinem Gesicht erkennen. Es machte sie verrückt. Sie wollte kein Mitleid, sie hätte es gehasst, aber sie wollte etwas. Dies war keine Prüfung. Sie spielten kein Poker, verdammt noch mal.

„Wie ich schon sagte, während meiner Gefangenschaft lag mein ganzer Fokus auf ihnen. Ich musste sie kennen, um sie schnell einschätzen zu können. Es war meine einzige Chance, mein Verhalten anzupassen und mein Leben zu retten. Ich bemerkte Unterschiede in ihnen. Ihre Wortwahl, Verhalten, Gesten. Es waren eineiige Drillinge, aber in diesen Dingen gab es kleine Unterschiede. Zuerst hat es mich verwirrt. Jedes Mal, wenn ich dachte, ich könnte mit ihm umgehen, reagierte er völlig anders als ich erwartet hatte.“

Sie drehte den Kopf weg und starrte auf die weiße Wand mit dem leicht gelblichen Schimmer. In diesem Moment verschwand die sorgfältig gepflegte Maske und ein kleines Mädchen kam zum Vorschein. Ein Mädchen, dass aus ihrem Traum gerissen worden war. Unsicher, geschlagen, verletzt. Ihre Augen wanderten nervös umher und suchten immer noch nach einer möglichen Bedrohung, obwohl sie in Sicherheit war. Ihre Haut wurde sichtbar bleich und sie schien zerbrechlich wie eine Puppe aus Porzellan. Olivia tauschte einen Blick mit Barba aus, dessen Gesicht für einen kurzen Moment verfinsterte. Sogar er konnte seine ruhige Ausstrahlung nicht aufrechterhalten, als er sah, was das Jahr mit Catherine gemacht hatte. Sie war nach New York gekommen und hatte von einer glänzenden Zukunft geträumt, aber es wurde ihr schlimmster Albtraum. Gefangen gehalten, vergewaltigt, ein Jahr lang gefoltert und dann fast zehn Jahre lang auf der Flucht. Barba fragte sich, was für ein Mädchen sie gewesen war, bevor es passierte war.

„Was haben sie getan?“, fragte Olivia vorsichtig. Dennoch erschrak Catherine, als hätte jemand sie ins Gesicht geschlagen. Sie blinzelte mehrmals, um sich wieder in die Realität zurückzuholen. Ein müder Seufzer entkam ihr und sie fuhr sich mit den Fingern nervös durch ihre blonden Haare. Es fühlte sich an wie Stroh, weil sie keine Zeit für die Pflege hatte.

„Ich nehme an, ich muss alles im Detail erzählen.“ Ihre Stimme zitterte und sie leerte ihren Kaffee mit einem Schluck, während Barba nickte. Catherine seufzte erneut und schloss die Augen. „Kann ich noch einen haben? Das wird eine Weile dauern.“

„Natürlich.“ Olivia rührte sich immer noch nicht. Catherine war sich sicher, dass Amanda Rollins sich gerade hinter dem Spiegel umdrehte, um einen zu holen. Zwei Minuten später klopfte es an der Tür. Olivia stand auf und holte den Kaffee. In der Zwischenzeit ließ Barba sie nie aus den Augen.

„Ich werde nicht weglaufen, Mister Barba.“, sagte Catherine genervt.

„Ich möchte nur sicher gehen.“

„Ich habe freiwillig aufgehört wegzulaufen. Ich bin es leid. Es ist Zeit es zu beenden. Auf die eine oder andere Weise.“

„Wir werden Sie beschützen.“, versicherte Olivia. Catherine lachte hohl.

„Ich hoffe es oder das war die dümmste Entscheidung, die ich je getroffen habe.“ Barba neigte den Kopf zur Seite und hob eine Augenbraue. Catherine blieb unbeeindruckt und trank ihren Kaffee. „Wie auch immer, lass Sie uns anfangen.“

Sie legte den Arm auf den Tisch und krempelte den Ärmel ihres Sweatshirts hoch. Olivia blinzelte überrascht, aber dann weiteten sich ihre Augen. Mit jedem Zentimeter zeigte ihre Haut immer hässlichere Narben. Sie zeigte auf ein paar dünne, blasse direkt über der Hauptschlagader.

„Das waren Bierscherben. Sie haben sie mir zugefügt um zu zeigen, was sie mir antun würden, wenn ich nicht gehorche.“

"Diese...“ Sie zeigte auf mehrere Brandnarben im Bereich ihres inneren Ellbogens. „...stammen von mehreren Zigaretten, als sie gelangweilt waren und darüber nachdachten, was sie mir noch antun sollten.“

„Miss Amell...“ Catherine hob eine Hand und hielt Olivia auf. Jede Störung würde es schwieriger machen, weiterzuerzählen. Der Lieutenant verstand und schloss den Mund. Catherine strich sich den Pferdeschwanz aus dem Nacken und senkte den Kopf, damit sie den Nacken sehen konnten. In diesem Moment atmete sogar Barba scharf ein.

„Das passierte nach einem halben Jahr. Sie haben mich so heftig geschlagen, dass ich mich auf dem Boden übergeben habe. Sie mochten es nicht und das war meine Strafe. Sie packten mich an den Haaren und taserten mich hierher. Ich habe noch nie stärkere Schmerzen oder Qualen verspürt als in diesem Moment. Ich wurde ohnmächtig. Als ich aufwachte, hatten sie mich nackt ans Bett gekettet und mich zwei Tage lang so gelassen, denke ich. Also musste ich in meinem... nun, Sie wissen es. Ich muss es nicht sagen.“

„Nein.“

„Als sie zurückkamen, war ich ein Häufchen Elend. Bereit alles zu tun, nur um etwas zu trinken zu bekommen. Sie gaben mir meinen Urin. Danach...“ Plötzlich brach ihre Stimme. Sie wollte es nicht sagen. Es war unglaublich demütigend. Sie verbarg den Kopf in ihren Händen und versuchte verzweifelt sich zusammenzuhalten.

„Catherine?“, sagte Olivias sanfte Stimme. „Es ist okay, nehmen Sie sich alle Zeit, die sie brauchen. Benötigen Sie eine Pause?“

„Nein, jeder Neuanfang wäre schwieriger. Ich habe es so lange verdrängt. Das Zurückholen all dieser Erinnerungen ist schwierig und überwältigend. Geben Sie mir eine Minute.“

Ihre beiden Vernehmer nickten und sie war dankbar dafür. Erbärmlich, wie diese kleinen Dinge sie glücklich machen konnten. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten respektierte jemand ihre Bedürfnisse. Es fühlte sich gut an, aber der Gedanke an das, was sie erzählen würde, verdarb dieses Gefühl schnell.

„Nachdem sie mir das angetan hatten, hatten sie eine andere Idee mich zu demütigen. Um mich zu brechen. Eines der schlimmsten Dinge, die sie mir je angetan haben.“

„Ich weiß, es muss schwer sein, aber je mehr Sie uns sagen können, desto länger kann ich sie ins Gefängnis schicken.“

„Sie haben einen Vibrator an mir benutzt und mich zum Orgasmus gezwungen.“ Catherine zuckte vor purem Ekel zusammen und sie schauderte, während sie gegen die Tränen in ihren Augen kämpfte. „Sie sagten mir, dass ich mag, was sie mir angetan haben. Ich fühlte mich so beschämt und ekelte mich vor meinem Körper. Ich versuchte es zu kontrollieren, es nicht zu tun, aber es war unmöglich. Dann taten sie es nochmal und nochmal. Ich habe geweint, ich habe gebettelt, aber sie haben nicht aufgehört, bis es wehgetan hat. Ich kann mich nicht erinnern, wie oft. Ihr sadistisches Lachen verfolgt mich immer noch in meinen Träumen.“

„Catherine, es war eine normale körperliche Reaktion. Es war nicht deine Schuld.“

„Das weiß ich, Lieutenant Benson. Aber es ändert nichts daran, dass es sich schrecklich anfühlt. Nachdem sie gegangen waren, kauerte ich mich in einer Ecke zusammen und weinte stundenlang. In diesem Moment begann ich zu glauben, dass ich es wahrscheinlich nicht überleben würde. Sie würden mich so lange behalten wie ich sie unterhalten konnte und dann würde ich beseitigt werden. Zuerst habe ich versucht sicherzustellen, dass ich interessant blieb, aber nach einer Weile fing ich an mein Schicksal zu akzeptieren. “

„Hey, Sie haben überlebt.“ Olivia nahm ihre Hand erneut und drückte sie sanft. „Sie sind entkommen.“

Catherine nickte, schluckte und holte tief Luft, um der aufkommenden Angst entgegenzuwirken.

„Wie konnten Sie fliehen?“ Barba legte seinen Stift auf seinen Notizblock und faltete die Hände. Er runzelte die Stirn, als könne er kaum glauben, was sie hatte erdulden müssen.

„Das wird so falsch klingen.“ Ein weiterer Schluck Kaffee lief ihre Speiseröhre hinab. „Meine Rettung war, dass ich im zweiten Monat schwanger wurde.“

„Schwanger?“, wiederholte Olivia verwirrt. „Sie haben ein Kind?“

„Nein.“ Ihre Stimme wurde dunkel. „Einer von ihnen schien sehr glücklich zu sein, als er davon hörte. Er war nett zu mir im Vergleich zu seinen Brüdern. Er versuchte immer noch, es zu verbergen, als wäre es eine normale Sache des häuslichen Missbrauchs. Zuckerbrot- und Peitschenprinzip. Obwohl sie mich missbrauchten, schienen sie sie darauf zu achten, das Kind nicht zu verletzen. Sie brachten mich sogar zu einem Arzt. Es war eine kleine Erlösung in meiner persönlichen Hölle. Aber eines Nachts hatte ich eine Fehlgeburt. Ich war im acht Monat. Der kleine Junge wurde tot geboren. Ich weinte und trauerte. Nicht nur, weil er tot war, sondern weil mein Trumpf weg war. Mein kleiner Vorteil war tot, aber ich wusste auch, dass diese Nacht meine einzige Chance war, zu entkommen. In den letzten Monaten hatte ich mich gut benommen und ein wenig ihr Vertrauen gewonnen, und ich hoffte, dass sie mich ins Krankenhaus bringen würden, wenn ich Wehen hätte. Schnell wurde ich das arme Kind los und wischte das meiste Blut weg. Dann habe ich ein Kissen unter mein Hemd gestopft. Ich wusste, ich musste sie überzeugen, mich ins Krankenhaus zu bringen. Als sie zurückkamen, tat ich so, als läge ich in en Wehen. Zu meinem Glück war es der Nette, der herunterkam. Er geriet in Panik und wollte mich ins Krankenhaus bringen. Ich wusste, dass sie mich töten würden, wenn ich einen Fehler machen würde. Entweder für das ungeborene Kind oder für meinen Fluchtversuch. Ich nahm eine Bierflasche und schlug ihn K.O. Dann rannte ich raus und hörte seitdem nie auf zu rennen. Ich wusste, dass sie nie aufhören würden mich zu suchen, und wenn sie mich finden würden, würden sie mich langsam und qualvoll töten.“

Die darauffolgende Stille war tödlich. Catherine wartete darauf, dass sie etwas sagten, aber beide schwiegen. Sie sah zwischen ihnen hin und her, aber es gab immer noch keine Reaktion. Sie wusste nicht, was sie sonst sagen sollte. Was waren die Regeln einer Befragung? Was passierte, nachdem sie beendet war? Konnte sie gehen? Plötzlich spürte sie eine leichte Panik in ihrem Rücken und konnte einen Schauer kaum unterdrücken. Obwohl sie mit zwei anderen Personen in einem Raum war, fühlte sie sich ganz allein. Wie ein kleines Kind, das sich im Wald verirrt hatte.

Alles, was sie wollte, alles, was sie brauchte, war jemand, der nach ihr griff. Sie hatte sich schon lange nicht mehr so ​​hilflos gefühlt. Sie schloss die Augen und atmete langsam aus, aber ihre Nerven flatterten immer noch. Könnte sie nicht Jemand retten? Sie wusste nicht mehr, wie sie es selbst konnte.

„Miss Amell?“ Olivias sanfter Ton riss sie aus der Dunkelheit ihrer Gedanken. „Alles in Ordnung?“

Catherine blinzelte ein paar Mal und biss sich auf die Unterlippe. Sie wusste nicht, wie sie es mit Worten ausdrücken sollte.

„Ich… ich weiß nicht, was ich sonst noch sagen soll. Eigentlich war es alles und Sie haben nichts gesagt.“ Sie schloss die Augen und blinzelte erneut, um die Tränen loszuwerden. Sie holte noch einmal tief Luft. Mehrere Gedanken gingen ihr durch den Kopf und ihre Augen wanderten unruhig umher.

„Das ist noch nicht alles.“, bemerkte Barba. „Was noch?“

Catherine zögerte. Sie war sich nicht sicher, ob sie die Frage stellen durfte, die ihr auf der Zunge lag.

„Was denken Sie?“, begann sie schließlich vorsichtig.

Olivia und Barba hatten einen verwirrten Gesichtsausdruck.

„Was genau meinen Sie damit?“, fragte Barbas Stimme vorsichtig, als er langsam einen Schritt näherkam und dann noch einen. Aber Catherine entging nicht, dass er bereits eine Ahnung hatte. Wahrscheinlich wusste er nicht einmal, dass seine Stimme so klang. Nur sie konnte es bemerken, weil diese verborgenen Botschaften viel zu lange über ihr Leben entschieden hatten.

„Nun...bin ich ein gutes Opfer? Bin ich zuverlässig genug oder werde ich den Fall nur schaden?“

In diesem Moment war Rafael Barba wirklich sprachlos. Er öffnete den Mund, als wollte er etwas sagen, dann schloss er ihn wieder. Olivia hatte stattdessen die Brauen gesenkt.

"Haben Sie uns das nur erzählt um zu helfen?“

„Ich glaube meine Narben beweisen, dass es mir wirklich passiert ist, oder?“, sagte sie und plötzlich war dort bitterer Geschmack in ihrem Mund. Sie senkte die Augen und seufzte schwer. „Alles was ich gesagt habe ist wahr. Ich möchte nur wissen, ob meine Aussage gut genug ist...“

„Miss Amell, Opfer müssen keine Bedingungen erfüllen.“ Olivias Stimme war leise, als sie versuchte, sie aufzuheitern. Sie konnte nicht verstehen, was Catherine wirklich fragte. Zu ihrem Glück bemerkte Barba es.

„Liv.“, sagte er leise und sie sah ihn an. „Sie will wissen, ob sie hilfreich ist.“

Catherine weitete die Augen, als Barba aussprach, wofür ihr die Worte fehlten. Als er das Adjektiv verwendete, war es, als ob ein fehlendes Puzzleteil an seine Stelle gefallen wäre.

Sie schloss die Augen und konnte nicht verhindern, dass die Tränen unter ihren Wimpern hervordrangen. Der aufgebaute Stress fiel von ihren Schultern. Sie fühlte sich schwach und erschöpft. Ihre Hand ballte sich zu einer Faust. Catherine hoffte, der Schmerz würde sie aus ihrer Lähmung herausziehen. Sie konnte nicht zusammenbrechen. Nicht jetzt, niemals. Wenn sie nachgab, wusste sie nicht, ob sie zurückkehren konnte. Sie hatte Angst vor diesem möglichen Zustand.

„Also war das alles?“, flüsterte sie, kaum in der Lage, ihre Stimme zu kontrollieren. „Sind wir fertig?“

„Miss Amell...“

Catherine ignorierte Olivia und sah nur Barba an. Sie hoffte, er würde keine Fragen mehr stellen. Sie wusste nicht, ob sie sie beantworten konnte. In all den Jahren hatte sie gedacht, einen Weg gefunden zu haben, damit umzugehen. In diesem Moment bemerkte sie, dass sie es nur verdrängt hatte. Sie hatte sich nie wirklich damit auseinandergesetzt. Alles, was sie jetzt tun wollte, war wegzulaufen und sich irgendwo zu verstecken.

Barba nickte langsam und in diesem Moment sackte Catherine zusammen. Ihr Kopf sank auf den Tisch, ihre Schultern zitterten heftig und kleine Schluchzer entkamen ihr. Rafael und Olivia sahen sich besorgt an, bevor Olivia eine Hand auf ihre Schulter legte.

„Sie haben das gut gemacht. Gehen wir.“

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