Freie Seelen

von Linagami
KurzgeschichteSci-Fi, Übernatürlich / P12
06.10.2019
06.10.2019
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Das Licht blendete ihn, als er das Gebäude verließ. Er musste sich die Hände vor die Augen halten, da die Person vor ihm den Lichtkegel einer Taschenlampe auf sein Gesicht richtete. Bereits jetzt wusste Ben, dass es für ihn kein leichter Abend werden würde.

„Zu spät! Ihr wart vor einer halben Stunde im Stadtpark verabredet. Wo warst du? Oder was mich mehr interessieren würde, was hast du gemacht?“

Immer noch blendete ihn das Licht und er spürte schon, dass sich Kopfschmerzen, die von seinem Besuch im Club herrühren könnten, anbahnten. Es war wohl keine so gute Idee gewesen, mit den anderen in diesen Club zu gehen. Das ‚Perfect Pyramid‘ war, im Gegensatz zu den meisten anderen Clubs, etwas speziell. Aber wie hätte er das auch wissen können? Ben brachte kein einziges Wort heraus. Vielleicht lag es an seinen Kopfschmerzen oder es war das erste Anzeichen für die drohende Abspaltung von seinem Körper. Die Person näherte sich Ben noch weiter und leuchtete nun mit der Taschenlampe direkt in seine Augen. Jetzt erkannte er sie endlich. Das Mädchen aus dem Labor vom Doktor. Jedoch, an ihren Namen konnte er sich nicht erinnern.

„Geweitete Pupillen, hab ich es mir doch gedacht. Wie oft habe ich dir gesagt, du sollst die Finger von dem Zeug lassen. Das ist nicht gut für deinen und Patricks Körper.“

Er musste etwas erwidern, doch seine Zunge fühlte sich taub an. Und noch ehe er es verhindern konnte, packte sie ihn am Arm und zog ihn mit sich. Ben wusste, dass sie stark war. Dass sie keine Probleme damit hatte ihn mitzuziehen, obwohl sich seine Beine für ihn so schwer anfühlten, wunderte ihn. Ebenso wunderte ihn, dass sie sich scheinbar solche Sorgen um ihn machte, denn ansonsten hätte sie ihn doch einfach stehen gelassen. Sie war einfach nicht der Typ, der sich Sorgen um andere Menschen macht. Eine Einzelkämpferin wie sie war besser alleine als in einem Team.

„Doktor Pied wird gar nicht erfreut sein. Du hattest ihm versprochen auf seinen Körper aufzupassen. Genauso wie Patrick, nur der ist definitv besser darin. Er beschädigt ihn nämlich nicht durch Drogen. Weißt du überhaupt, wie wütend er darüber ist, dass du ihn schon wieder vergessen hast? Du kannst froh sein, dass der Doktor mich, Corrie, geschickt hat um dich zu eurem Treffpunkt zu begleiten. Er hätte auch jemand anderen beauftragen können. Aber ist ja auch egal. Du scheinst mich sowieso nicht zu verstehen.“

Tatsache war, er verstand jedes Wort und schämte sich für sein unreifes Verhalten so dermaßen, dass er am liebsten im Erdboden versunken wäre. Ihr sowieso schon starker Griff wurde noch fester und dann blieb sie abrupt stehen. Corrie drehte sich um, musterte ihn und sagte dann:
„Ben, ich möchte, dass du mir erzählst, was mit dir los ist. Dein Verhalten ist doch nicht normal. Warum reagierst du nicht? Dein Gesicht ist so ausdruckslos.“

Corrie wollte ihm eigentlich ganz andere Fragen stellen. Herausfinden, ob das Leben, so wie er es jetzt führt, dass richtige für ihn ist. Doch bei seinem Anblick glaubte sie die Antwort schon zu kennen. Dennoch brauchte sie eine Bestätigung.

„Du kannst nicht dein ganzes Leben lang von Patrick abhängig sein. Dass passt einfach nicht zu dir. So wie ich dich erlebt habe, möchtest du doch viel lieber für dich alleine leben. Einen Körper haben, der dich annimmt. Stimmst du mir da zu?“

Sie wusste nicht einmal, ob das Gesagte überhaupt zu ihm durchdrang, denn seine ganze Erscheinung wirkte immer noch leblos, gefühllos und kalt. Auch seine Augen bewegten sich kein Stück, blinzelten nicht einmal. Corrie hatte das Gefühl, als spräche sie mit einer Puppe. Und doch, hatte sie nie zuvor so ein starkes Bedürfnis gespürt, jemandem helfen zu müssen. Auch wenn das bedeuten würde, Patrick zu hintergehen. In ihren Augen hatte Ben noch eine Chance, diesem wiederkehrenden Wahnsinn zu entfliehen, den er von Zeit zu Zeit durchleben musste. Sein Leben sollte nicht von Wissenschaftlern gelenkt, sondern von ihm selbst bestimmt werden. Dazu fehlte nur eine eigenständige Antwort, so wie ein Mensch sie geben würde.

„Du musst mir nur deine Entscheidung mitteilen, mehr möchte ich nicht von dir. Nur ein Zeichen, dass du mich verstehest, mir zustimmst oder mir irgendwie beweist, dass du einen eigenen Willen hast. Du kannst das, los mach etwas.“

Wie sollte er ihr nur zeigen, dass er das nicht mehr wollte, dass er diese Rastlosigkeit nicht mehr ertragen konnte? Der Körper wollte ihm schon nicht gehorchen. Seine Stimme war verschwunden. Seine Hände und Arme konnte er nicht bewegen. Dann hatte er eine Idee. Es war das Letzte, was er tun konnte und der Druck wuchs mit jeder Sekunde, die er zu lange zögerte, sich etwas Neues zu überlegen. Den einzigen Teilen seines Körpers, denen er dafür noch genug vertraute, waren seine Beine. Darum beugte er sich mit ihnen so weit vor, dass er Corrie ganz leicht mit den Lippen an der Wange berühren konnte. Nur für einen kurzen Augenblick und dann verlor er auch die Kontrolle über seine Beine und sackte auf dem Boden in sich zusammen. Er fühlte sich wie ein Verräter. Wusste aber nicht genau, warum das so war. Verwirrt blickte sie zu ihm herunter. Sollte das sein Zeichen sein? Corrie war froh, dass es nur ein kurze Berührung ihrer Wange war. Ein kleines und in anderen Situationen unangebrachtes Zeichen. Doch hier und jetzt bedeutete es so viel mehr. Mit dieser Bestätigung konnte sie Ben befreien.

All diese Aussetzer von Bens jetzigem Körper ließen für ihn nur einen Schluss zu. Es war wieder so weit. Der Körper fing an seine Seele abzustoßen. Er krampfte zusammen, die letzte Instanz. Er sollte doch noch ein paar Stunden Zeit haben bis eine Abstoßungsreaktion ihn dazu zwang, den Körper zu wechseln. Dabei fühlte er sich doch in diesem so viel wohler als in dem anderen. Sollte das nun wieder auf unbestimmte Zeit vorbei sein?
Corrie merkte, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Ben lag komplett zusammen gekrümmt auf dem Boden und zuckte unkontrolliert. Er sah aus wie ein Fisch auf dem Trockenen. Das war kein unpassender Vergleich, denn sobald ein Körper eine Seele abstoßt sammelt sich alle Flüssigkeit im Gehirn um es noch so gut es geht zu versorgen. Infolgedessen können die Muskeln nicht mehr angemessen arbeiten und verkrampfen. Dass hatte Corrie zumindest von Pied erfahren. Sie hatte darum nicht mehr viel Zeit, dass wusste sie genau. Nur zwei Möglichkeiten kamen ihr in den Sinn. Entweder sie brachte Ben zu Doktor Pied oder zu einem versteckten Ort im Park. Dieses ganze Seelen-Problem wurde ihr einmal vom Doktor genauer erklärt:

Eine Seele ohne festen Körper stellt eine Gefahr für jeden dar. Sie kann unkontrolliert andere Körper übernehmen und somit eine andere Seele befreien. Das Schlimme an diesem Vorgang ist die Verunreinigung der Seelen durch gefährliche Gase in der Luft. Eine dunkle Seele, wie sie nach so einer Verunreinigung genannt wird, bringt das Schlechteste in dem Menschen hervor, in den sie geht. Darum nahmen sich Wissenschaftler dieses Problems an und halfen Menschen, welche drohten ihre Seele zu verlieren. Sie sperrten sie dazu in Einrichtungen ein, von wo keine Seelen entkommen konnten und züchteten extra für diese flüchtigen Seelen neue Körper heran. Nur stoßen die meisten dieser Körper die Seelen wieder ab und sterben.
Bei Ben wurde schon als Kind dieses Fleeting-Soul-Syndrom erkannt. Seine Eltern hatten mit allen Mitteln verhindert, dass Wissenschaftler ihn mitnahmen. Doch stattdessen musste er in die Behandlung eines befreundeten Arztes und Spezialisten auf diesem Gebiet, Doktor Pied. Dieser entwickelte eine neue Behandlungsmethode für Menschen mit FSS. Sie trug den Namen: Zwei-Seelen-Rettung. Zwei Körper und zwei Seelen, welche von Zeit zur Zeit wechseln um zusammen eine Symbiose zu bilden. Die Voraussetzungen für diese Methode waren zum Einen, zwei Seelen mit gleichen Geisteszuständen zu finden, welche auf beide Körper genau passten. Und zum Anderen, brauchte es immer einen Ort, der abschlossen ist, damit keine der Seelen diesen sogenannten Wechselraum verlassen kann.

Bens Zeit war fast abgelaufen. Er musste so schnell es geht in den Park, zum Wechselraum unter dem Springbrunnen. Doch er zitterte unkontrolliert und hatte nun vollends keine Kontrolle mehr über den Körper, welcher nicht sein eigener war. Patrick wartete bestimmt schon dort auf ihn. Sie hatten sich versprochen füreinander da zu sein. Und nun konnte er sein Versprechen nicht mehr einhalten und hatte es sogar schon gebrochen. Ben wurde auf seine Füße gezogen und von Corrie huckepack genommen. Sie durfte nicht zulassen, dass er jetzt schon den Körper verlassen würde, ohne in der richtigen Umgebung zu sein. Sollte das passieren, während er nicht mit Patrick zusammen wäre, hätte das schlimme Folgen. Nicht nur für ihn, auch für sie. Ben wäre für immer verloren. Vielleicht würde er irgendwann wieder auftauchen, in einem anderen Körper oder mit einer dunklen Seele, doch beide Vorstellungen wären katastrophal. Es würde eine Kettenreaktion entstehen, welche viele Menschenleben beeinflussen könnte. Das durfte sie nicht zulassen. Nicht nur seins, auch Patricks Leben stand auf dem Spiel. Und obwohl sie Ben so ein Leben nicht weiter zumuten wollte, konnte sie es auch nicht verantworten, zwei Seelenpartner sterben zu lassen. Sie ging noch schneller und achtete dabei immer auf den Körper auf ihrem Rücken. Ben wirkte unruhig, da die Zuckungen von Minute zu Minute schlimmer wurden. Es war nicht mehr weit, nur noch wenige Meter, die sie gegen musste, doch so langsam ließen ihre Kräfte nach. Nicht zuletzt, weil sie gegen die unbeabsichtigten Bewegungen halten müsste. Sie würde aber jetzt nicht aufgeben, nicht so kurz vor ihrem Ziel.

Als sie den Raum erreichte, öffnete Corrie entschlossen den gesicherten Eingang, denn obwohl sie wusste, dass es gefährlich für sie sein würde, wenn sie den Wechselraum betrat, tat sie es trotzdem. Vorsichtig legte sie Ben auf eines der Betten. Er rührte sich nicht, hatte es schon seit einigen Minuten nicht mehr getan. Patrick lag schon auf dem anderen Bett und wirkte ebenso unbelebt. War sie zu spät gekommen? Hatte sie die beiden noch retten können? Der Tod des einen hätte, auf kurz oder lang, auch den Tod des anderen zu bedeuten. Corrie wiederholte es wie ein Mantra. Sie kämpfte mit der Erschöpfung, wollte nicht einschlafen ehe sie sich sicher war, dass beide Jungs überlebt hatten. Doch dann ging ein Ruck durch sie und ihre Sinne schwanden.

Ben fühlte sich so leicht. Er hatte den Körper verlassen. Erst jetzt konnte er wieder komplett frei denken. Er erinnerte sich an seinen Verrat Patrick gegenüber, weil er Corries Hilfe angenommen hatte, um wieder einen eigenen Körper zu bekommen, der ihn nicht abstoßen würde. So eine idiotische Vorstellung, wie hätte sie dafür sorgen können? Es war eben sein größter Wunsch, schon seit er ein Kind war. Darum könnte er so sehr geblendet werden. Ohne ihn würde Patrick nicht überleben. War das Corries Plan gewesen, sie beide auseinander zu bringen? Wo war sein Seelenpartner überhaupt? Wo war sein Körper? Sollte er nicht jetzt mit ihm wechseln? Sie begegneten sich doch vorher immer nochmal. Die Umgebung kam Ben auch nicht bekannt vor. Dieser Ort sah nicht so aus wie der Wechselraum unter dem Brunnen im Park. Angst machte sich in der Seele von Ben breit. Er hatte es nicht geschafft und würde bald verunreinigt werden. Er konnte es nur verhindern, indem er einen anderen Körper besetzte, allerdings hatte er dem Doktor versprochen so etwas nie wieder zu tun. Nun aber hatte er keine andere Wahl mehr.

Sie waren verloren, beide. Ohne den Anderen werden sie sterben. Das Band zwischen ihnen wurde getrennt. Eine Einheit aus zwei Seelen, gespalten für immer.
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