Ein Traum ohne Anfang und Ende

von Klio84
GeschichteDrama, Romanze / P18
Mark Seibert OC (Own Character)
04.10.2019
21.02.2020
21
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9
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Hachz, ihr Lieben, es ist Valentinstag … Vielleicht bringt das folgende Kapitel, passend zu diesem Tag, ein bisschen romantische Stimmung mit sich? Allerdings muss sich Becky dafür erstmal dazu entscheiden, Marks Einladung anzunehmen. Drücken wir die Daumen :-)

Danke auch noch für die Zugriffe – faszinierend, wirklich! Und danke für die herrlichen Reviews von HappyH, Annest und Runner!

Nun aber viel Spaß mit dem nächsten Kapitel!
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Where do we go
Oh where do we go now
Where do we go, sweet child
Oh where do we go now

(Guns `N Roses – SweetChildOMine)



Den Kopf ausschalten, das war wirklich leichter gesagt als getan. Schlaf fand ich in dieser Nacht kaum. Schloss ich die Augen, befand ich mich sofort da, wo mein damaliger Traum für mich geendet hatte. Ich hatte alles und verlor es in nur einer Nacht. Max, unser Kind, mein Leben. Wie viele Tränen konnte ein Mensch eigentlich vergießen? Denn jedes Mal, wenn ich die Augen panisch wieder aufriss, begann ich erneut zu weinen.

In diesen Momenten wünschte ich mich in Marks starke Arme. Ich sehnte mich so sehr nach seinem Schutz, dass es sich fast wie eine Art Heimweh anfühlte. Aber was war, wenn ich doch etwas sagte oder tat, das ihn verletzen würde? Konnte ich es ertragen, wenn er sich dann von mir abwenden würde? Jetzt wäre es schon schwer genug. Wie schwer erst, wenn es mit uns weiterging?

Aber Mischa hatte recht, oder? War nicht Mark der Anfang eines neuen Traumes? Eine Hoffnung? Ja, ich war verliebt! Nicht nur dieses kribbelige Gefühl, seit unserem ersten Kuss im Riesenrad, verriet es mir. Alles fühlte sich gut und richtig an. Auch, wenn gestern Abend, es war mittlerweile vier Uhr durch, eine tiefe Wunde wieder aufgerissen war. Mark schien einfach einen Instinkt dafür zu haben, wie er mir helfen konnte. So viele Schmerzen hatte er bereits lindern können.

Oder aber, mein Traum hatte weder Anfang noch Ende? Vielleicht veränderte er sich nur, genau wie mein Albtraum es tat. Oder es fing wieder von vorne an und das alles trieb mich nur in eine neue Flut von Schmerz. Was, wenn mein Glück einfach aufgebraucht war?

Gegen halb sechs Uhr morgens verließ ich das Bett. Ich wickelte mich in die Decke, ging zum Fenster und öffnete es ganz. Den einen der beiden Sessel zog ich zu mir und drehte ihn so, dass ich in den sternenklaren Himmel schauen konnte, als ich mich setzte. Die kühle Luft tat gut. Ich hatte furchtbare Kopfschmerzen und die Augen brannten vom Weinen. Und ich war so schrecklich müde.

~~~


Als es an der Tür klopfte, zuckte ich erschrocken zusammen. Verwirrt sah ich mich um. Es war hell im Zimmer, die Sonne war bereits aufgegangen. War ich doch eingeschlafen? Tatsächlich traumlos? Wie spät war es?

Wieder klopfte es, lauter diesmal. Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Oh Mist, schoss es mir durch den Kopf. Es war tatsächlich schon kurz vor acht. Also konnte es nur Mark sein, der vor meiner Zimmertür auf eine Antwort wartete.

»Moment, bitte«, rief ich schnell.

Meine Beine hatte ich auf den Sessel und an meinen Körper gezogen. Sie waren so eng in die Bettdecke gewickelt, dass ich mich beim Aufstehen beinahe verhedderte. Meine Gelenke protestierten fürchterlich, als ich mich aus meiner unbequemen Haltung entknotete. Nachdem ich mich befreit hatte und der Schmerz verebbte, konnte ich endlich zur Tür gehen, um sie zu öffnen.

Mark stand an den Türrahmen gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt. Die liebevollen Fältchen umspielten seine Augen. Sein Mund lächelte sanft. Als er mich ansah, flog eine Augenbraue nach oben und seine Miene bekam einen belustigten Ausdruck. Auch ich schaute an mir herunter. Labberiges T-Shirt, zerknitterte Shorts, meine Haare waren bestimmt ziemlich zerwühlt und so trocken, wie sich meine Augen anfühlten, mussten sie rot und verquollen sein. Ich war mit Sicherheit ein richtiger Hingucker.

»Tut mir leid, ich hab verschlafen«, sagte ich beschämt und zupfte an meinem Shirt.

»Aber das Bett scheint doch nicht so bequem zu sein, wenn du den Sessel vorziehst.« Marks Blick fiel kurz auf meine Schlafstätte am Fenster, wo die Decke lag, halb auf dem Sessel, halb am Boden. Dann wandte er sich wieder mir zu. »Du hast geweint.« Er war nun eher besorgt, während er sich vom Rahmen abstieß und mich ein Stück ins Zimmer zurückweichen ließ. Dann zog er die Tür hinter sich ins Schloss, ohne mich aus den Augen zu lassen.

»Ich war heute Nacht wieder viel zu weit in der Vergangenheit«, antwortete ich und senkte dabei den Kopf. »Ich hab nur wenig geschlafen.«

»Komm mal her.« Mark breitete die Arme aus und ich ließ mich sofort gegen seine Brust fallen. Viel besser! Seine Wärme, die ich mir die ganze Nacht herbeigesehnt hatte, entfaltete augenblicklich ihre Wirkung.

»Ich hab gestern mit Mischa telefoniert. Sie sagt, es wäre kein Problem, wenn ich bleiben würde«, erklärte ich nach einer Weile.

Marks Herz stolperte. Tief atmete er ein. »Und? Siehst du ein Problem darin?«

Bis vor wenigen Stunden hatte ich das. Jetzt, in seinen Armen, sah ich es zwar weiterhin, aber es verlor mehr und mehr an Bedeutung. Dieser Mann hier war nicht Max und würde es nie sein. Mich an ihn klammern tat ich eh schon mehr als genug, was ihm wenig auszumachen schien. Zudem war ich mir auf einmal ganz sicher, dass wir, wenn wir es wollten, einen gemeinsamen Weg finden würden.

»Ich möchte bei dir bleiben, Mark«, antwortete ich leise und kuschelte mich enger an ihn.

Seine Umarmung wurde fester. »Das trifft sich gut.« Ich konnte das Lächeln und die Erleichterung in seiner Stimme hören. »Ich möchte dich nämlich nur ungern gehen lassen.«

Falls es möglich war, wurde es gerade noch wärmer. Die Schmetterlinge in meinem Bauch flatterten heftig mit den Flügeln vor Aufregung. Ich war so unendlich dankbar, dass Mark in meinem Leben aufgetaucht war und mich gerettet hatte. Es war noch lange nicht alles gut, aber der Weg war eindeutig der richtige. In diesem Moment spürte ich es ganz deutlich. Alle Zweifel der Nacht erschienen mir vollkommen haltlos.

»Vielleicht sollte ich mich anziehen gehen«, brabbelte ich gegen seine Brust.

»Und kämmen. Das Zeug hier steht in alle Himmelsrichtungen ab und kitzeln ganz fürchterlich«, entgegnete er nuschelnd in meine Haare. Ich konnte seine Hand an meinem Kopf fühlen, wie sie wohl versuchte Ordnung in das Chaos zu bringen.

»Das kannst du dir sparen«, sagte ich nur und schaute mit einem kleinen Grinsen zu Mark hoch. »Ohne Bürste ist da wirklich nichts zu machen.«

Er griente zurück. Gerade, als ich mich von ihm losmachen wollte, hielt er mich auf: »Warte!« Seine Hand, die, die noch in meinen Haaren war, drückte mich näher zu ihm. Gleichzeitig beugte er sich zu mir herunter, um mich zärtlich zu küssen. Als er seine Lippen wieder löste, sagte er spitzbübisch: »Jetzt darfst du.«

Schnell schnappte ich mir die Sachen, die ich heute tragen wollte, und verschwand im Badezimmer. In Rekordzeit duschte ich, zog mich an und putzte mir die Zähne. Dann war das Durcheinander auf meinem Kopf an der Reihe. Ich kämmte die Haare und band sie zu einem lockeren Pferdeschwanz.

Auf ein Frühstück hatte ich keinen Appetit. Dafür lagen mir der gestrige Abend und die vergangene Nacht zu schwer im Magen. Also gingen wir gleich zur Rezeption. Die ältere blonde Dame, die schon bei meiner Ankunft da gewesen war, hatte heute Morgen wieder Dienst. Mark übernahm den Check-out, wofür er einen leicht entrüsteten Blick von mir erntete. Als Erwiderung erhielt ich ein Schulterzucken und ein grinsendes Kopfschütteln. Für einen Moment dachte ich sogar, er würde mir die Zunge herausstrecken.

Vom Getreidemarkt bis zu seiner Wohnung war es nicht weit. Sie lag nur ein paar Straßen entfernt und so brauchten wir kaum fünf Minuten zu Fuß. Mark war gar nicht erst mit dem Auto gekommen.

»Ich hätte mich auch für den Bahnhof entscheiden können«, stellte ich fest, während er die Haustür aufschloss.

Er hielt in der Bewegung inne und sah mich an. »Manchmal muss man sein Glück halt ein bisschen herausfordern.« Das Funkeln in seinen Augen und das, was er zwischen seinen Worten nicht sagte, hatte mehr Ausdruck als der Satz selbst.

Mark hatte schon einiges riskiert. Er hatte nicht lockergelassen und meine anfängliche Ablehnung einfach ignoriert. Er hatte mich nach Wien eingeladen, ohne mich wirklich zu kennen, und jetzt zu sich nach Hause. Aber genauso hatte ich mein Glück gefordert. Ich war nach Wien gefahren, hatte Mark tief in mich hineinblicken lassen und nahm jetzt seine Einladung an.

»Da hast du wohl recht«, bestätigte ich also.

Die Wohnung im zweiten Stock war hell und freundlich; die Farben Weiß, Grau und Beige waren vorherrschend. In dem kleinen Flur, mit Schuhschrank und Garderobe, nahm er mir meine Jacke ab und hängte sie, zusammen mit seiner, auf Bügel. Die Schuhe ließen wir auch gleich hier stehen.

»Da ist das Bad«, zeigte Mark nach rechts.

Durch die Tür vor uns kamen wir ins Wohn- und Esszimmer, mit einer kleinen Küchenzeile in einer Nische. Auf dem Esstisch aus Buchenholz direkt davor, mit braunen Lederstühlen, stand eine Schale mit Äpfeln und Bananen. Neben einem der beiden grauen Sofas zu meiner Linken lehnte eine Akustikgitarre in ihrem Ständer. Geradezu ging es auf einen kleinen Balkon, der für nicht mehr als einen Tisch und zwei Stühle Platz bot; ich konnte ein paar bunte Blumentöpfe am Geländer hängen sehen.

Mark steuerte mit meinem Koffer auf eine schmale Flügeltür links neben der Kochnische zu. Ich folgte ihm. Es war sein Schlafzimmer mit einem Boxspringbett, auf dem sich so einige Kissen tummelten. Die Wand gegenüber wurde von einem großen Regal eingenommen, in dem sich unzählige Bücher, CDs und Ordner befanden. Rechts von mir stand der Kleiderschrank, vor einem der beiden Fenster der Schreibtisch, auf dem ein aufgeklappter Laptop lag.

Mein Blick fiel zurück auf das Bett, auf dem Mark gerade meinen Koffer abstellte. »Wenn du möchtest, kannst …«, begann er, während er sich zu mir umdrehte, stockte aber. »Ich schlafe natürlich auf dem Sofa, wenn dir das lieber ist.«

Ich schaute ruckartig zu ihm. »Es ist dein Bett.« Damit hatte ich ihn tatsächlich dazu gebracht, die Augen zu verdrehen. Ich hingegen schlug mir gedanklich die Hand vor den Kopf.

»Es ist auch mein Sofa«, erwiderte er schmunzelnd. Dann kam er auf mich zu, umfasste mit beiden Händen mein Gesicht und küsste mich so weich und liebevoll, dass mir die Knie beinahe zu Butter wurden. »So viel Zeit wie du brauchst, erinnerst du dich, Becky?«, flüsterte er an meinen Lippen. »Es passiert nichts, wofür du nicht auch bereit bist.«

Noch einmal küsste er mich zärtlich. Meine Hände legten sich an seine Seiten und fuhren weiter auf den Rücken. Diesmal löste ich den Kuss, um mich an seine Brust zu kuscheln. Tief atmete ich seinen Geruch ein und genoss seine Wärme. Es war gut, es war richtig.

»Ich hab dich lieb, Mark! Ich werde dich bestimmt nicht auf die Couch verbannen«, sagte ich leise und musste nun doch gähnen. Die ganze Zeit hatte ich es mir verkneifen können, aber Marks beruhigender Herzschlag lullte mich ein. Ich konnte spüren, wie er in sich hineinlachte.

»Ich hab dich auch lieb, Becky! Sehr!«, entgegnete er, sein Mund erneut in meinen Haaren vergraben. »Was hältst du davon, wenn du dich ein wenig hinlegst und Schlaf nachholst? Ich geh derweil eine Runde laufen und bringe auf dem Rückweg Brötchen mit.«

Die Idee fand ich ziemlich verlockend. Es machte sich nämlich immer deutlicher bemerkbar, dass meine Nacht reichlich kurz war. Also griff sich Mark ein paar Sportklamotten aus dem Schrank, drückte mir einen schnellen Kuss auf die Lippen und verließ das Schlafzimmer. Die Tür schloss er hinter sich.

Nach einer Weile konnte ich hören, wie die Wohnungstür zugezogen wurde. Ich war also allein. Doch hier war es, als hätte Mark den Raum überhaupt nicht verlassen. Ich war umgeben von diesem wundervollen Duft eines Sommerregens, der mich wärmend berieselte. Wie beruhigend.

Ich ging zu meinem Koffer, kramte meine Schlafsachen hervor, und stellte ihn auf den Boden. Spätestens morgen würde ich fragen müssen, ob ich die Waschmaschine nutzen konnte. So langsam gingen mir die sauberen Klamotten aus. Die, die ich anhatte, legte ich ordentlich auf den Schreibtischstuhl.

Jetzt stand ich etwas unsicher vor dem großen Bett. Wie merkwürdig es war, als ich zögerlich die Decke zurückschlug, um mich auf die Matratze zu setzen. Sollte es sich nicht eigentlich völlig fremd anfühlen? Aber es war so vertraut. Als hätte ich es schon Hunderte Male getan. Mein Blick flog dabei über den Nachttisch. Das Buch The Green Mile von Stephen King lag dort. Ein Lesezeichen steckte mittig darin und Marks Brille lag oben drauf. Ich musste grinsen, denn dieses Buch hatte ich bereits selbst gelesen.

Plötzlich huschte mir der Gedanke durch den Kopf, dass mich hierfür wahrscheinlich etliche Frauen, vielleicht auch Männer, auf der Stelle erwürgen könnten. Mein Grinsen wurde unwillkürlich breiter, als ich mich in die Kissen fallen ließ und die Decke über mich zog.

Überall roch es nach Mark. Ich schloss die Augen, drückte die Nase in eines der Kissen und atmete tief ein. Ein warmer, sicherer Ort.
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