Der unschuldig Schuldige

von Bibi77
GeschichteKrimi / P12
Rex
03.10.2019
09.11.2019
3
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Familie von Stapenhorst wohnte in einer der gehobeneren Wohngegenden in einer hellen, mehrstöckigen Jugendstil-Villa, umgeben von alten Bäumen und gepflegten Rasenflächen und Blumenrabatten. Das zierliche, gusseiserne Gartentor stand offen und so hatte Stockinger keine Mühe, zum Haus zu gelangen. Auf den Sandsteinstufen, die zur Eingangstür führten, sonnte sich eine grau-weiß-gefleckte Katze mit Glöckchen um den Hals, die den Eindringling misstrauisch anblinzelte. Vorsichtshalber machte Stockinger den größtmöglichen Bogen um sie und hob entschuldigend seinen braunen Filzhut. Oben angekommen holte er tief Luft und drückte auf den Klingelknopf neben dem Namensschild.

Als hätte sie vor der Tür bereits gelauert, öffnete ihm nur einen Augenblick später eine zierliche, gut gekleidete Frau mit einer blonden Hochsteckfrisur und sah ihn mit fast schon ängstlichen grünen Augen an. Stockinger fiel sofort auf, dass das rechte Auge schwarz umrandet war und oberhalb des Wangenknochens ein dünnes Pflaster klebte, doch er tat so, als hätte er es nicht bemerkt.
„Frau von Stapenhorst?“, fragte er im sachlichen Dienst-Ton.
„Jaaa“, bestätigte sie vorsichtig.
„Stockinger mein Name. Ich bin von der Kriminalpolizei“, er hielt seine Dienstmarke in die Höhe. „Dürfte ich aanen Augenblick hereinkommen, bitte? Ich muss mit Ihnen reden, es geht um ihren Sohn.“
Sie bekam große Augen und klammerte sich an der Tür fest.
„U-um Gottes Will’n“, stammelte sie, „haben’s den Johann g’funden? I-is ihm was zugestoßen?“

Stockinger erfuhr, dass sie ihren Sohn bereits bei einer nahegelegenen Polizeidienststelle als vermisst gemeldet hatte, nachdem sie ihn am Morgen nicht wie gewohnt in seinem Zimmer vorgefunden hatte und er auch nicht in der Schule angekommen war. Nachdem Stockinger ihr so schonend wie möglich die bisher bekannten Todesumstände ihres Sohnes beigebracht hatte, weinte sie so heftig, dass er sie stützen musste und nur mit Mühe in den angrenzenden Wintergarten führen konnte, wo er sie inmitten einer exotischen Orchideensammlung erst einmal in einen Korbsessel setzte. Er nahm gegenüber Platz und wartete mit einem beklommenen Gefühl darauf, dass sie sich wieder etwas beruhigte.
„Hallo! Hallo!“, rief plötzlich eine krächzende Stimme. Dann schrillte ein Pfeifen durch den Wintergarten. Erschrocken blickte Stockinger um sich.
„Bitte entschuldigen Sie, das is nur die Nadja, unser Papagei“, erklärte Frau von Stapenhorst mit tränenerstickter Stimme. „Der Johann hat sie damals zur Einschulung bekommen. Er mag…er mochte Tiere sehr.“
Schließlich entdeckte Stockinger den graugefiederten Schreihals mit seinen leuchtend roten Schwanzfedern unter dem Blatt einer großen Monstera. „Kuckuck! Kuckuck!“, rief der Papagei und hangelte über das Dach seines Käfigs. Es gefiel Stockinger ganz und gar nicht, dass der Vogel AUF dem Käfig saß.
„Kann der fliegen?“, fragte er nervös.
„Natürlich kann sie das“, antwortete Frau von Stapenhorst etwas verwundert. „Oh, aber keine Angst, Nadja is ganz lieb.“
„Des sagt mein Chef über saanen Hund auch immer“, bemerkte Stockinger finster. Er hoffte, dass der Vogel nicht von seiner Flugfähigkeit Gebrauch machen würde.

Zumindest hatte dieser tierische Zwischenfall aber die Gesamtsituation ein wenig entspannt und die Dame machte inzwischen einen halbwegs vernehmungsfähigen Eindruck auf Stockinger.
„Wann haben’s denn Ihren Sohn zuletzt geseh’n?“, erkundigte er sich.
„Gestern Abend“, sagte sie. „Wir sind zusammen bei Tisch g’sessen, dann ist der Johann nach oben auf sein Zimmer. Er wollte noch amal alles für die Matheklausur durchgeh’n, die heut g’schrieben wird. Mathe is das einzige Fach, wo er immer aan paar Probleme hat. Er hat mir dann gleich noch gute Nacht g’sagt…Des woar das letzte Mal…“
Wieder erstickten Tränen ihre Stimme, doch diesmal dauerte der Anfall nicht so lange wie beim ersten Mal.
„Wer wohnt denn hier noch in dem Haus?“, fragte Stockinger weiter.
„Niemand“, erklärte Frau von Stapenhorst und schniefte. „Mein Mann und ich leben seit Jahresbeginn getrennt. Johann ist unser einziges Kind. Ansonsten kommt freitags nur ein Hausmädchen zum Putzen vorbei und erledigt den Einkauf.“
Stockinger bat um Namen und Adressen der beiden Personen. Dann erfuhr er, dass der Junge das Wochenende bei seinem Vater verbracht hatte, ein richtiges „Männer-Wochenende“, wie Frau von Stapenhorst es nannte, mit Angeln und Wandern und Zelten in den Bergen.
„Ist es denn net a bisserl zu kalt für’s Zelten um die Joahreszeit?“, wunderte sich Stockinger.
Frau von Stapenhorst versicherte jedoch, dass sie solche Ausflüge schon öfter unternommen hatten und war sich sicher, dass Vater und Sohn viel Spaß gehabt hätten, so „unter sich“. Jedenfalls sei ihr Sohn ein wenig niedergeschlagen gewesen, als der Vater ihn am späten Sonntag-Nachmittag wieder Zuhause abgeliefert habe, aber es sei ja normal, dass es einem Jungen nicht leicht falle, plötzlich getrennt von seinem Vater zu leben. Nein, in der Regel komme der Johann mit der veränderten Familiensituation ganz gut zurecht.

„Ist Ihnen sonst was Ungewöhnliches aufgefallen in letzter Zeit? Hat Ihr Sohn Probleme g’habt? Gab’s Streit mit jemandem? War er sonst irgendwie verändert?“, arbeitete Stockinger weiter den polizeilichen Fragenkatalog ab.
„Naa, nichts, es war alles wie immer“, sagte Frau von Stapenhorst, „bis dann heut Morgen der Johann plötzlich verschwunden war.“
„Und Sie haben wirklich net mitbekommen, wie er gestern noch amal aus dem Haus is?“
„Naa, ich kann mir das alles net erklär’n! Wir haben so a guates Verhältnis … Er is so aan lieber und aufmerksamer Junge, hat nie Schwierigkeiten g’macht, keine Probleme in der Schule…“
Wie viele Angehörige, sprach auch sie noch immer im Präsens von ihrem Sohn, als könne er jeden Moment wieder lebendig durch die Tür spazieren.

„Was hat er denn so g’macht, den ganzen Tag?“ Während er sprach, wanderten Stockingers Augen nach der Papageien-Dame, die inzwischen auf den Fußboden gehopst war und damit begonnen hatte, eine kleine Edelstahlschüssel herumzuwerfen.
„Futterchen! Nadja Futterchen!“, schrie sie immer wieder und hackte mit ihrem großen dunklen Krummschnabel auf den Napf ein, dass es schepperte.
Frau von Stapenhorst ging an die Schublade einer Kommode und holte daraus ein paar Erdnüsse hervor, die sie dem Kakadu reichte.
„Sie mag Erdnüsse“, erklärte sie Stockinger.
Beide beobachteten eine Weile, wie der Vogel zufrieden an seinen Leckereien herumknusperte.
„Sie ham maane letzte Frage noch net beantwortet, Frau von Stapenhorst?“, erinnerte Stockinger schließlich. „Was hatte Ihr Sohn denn für Hobbys? War er viel unterwegs?“
„Er macht viel Sport“, erfuhr er daraufhin. „Er ist in aanem Schwimmverein und spielt in der Schule zwei Mal die Woche Volleyball. Ansonsten ist er wohl viel mit saanen Freunden unterwegs, jedenfalls ist er meist außer Haus… außer natürlich, wenn in der Schule wichtige Arbeiten anstehen oder viele Hausaufgaben auf sind.“

„Was sind denn das für Freunde?“
Zu seinem Missfallen stellte Stockinger fest, dass die gefiederte Dame des Hauses inzwischen fertig war mit ihren Erdnüssen und sich ein neues Ziel erwählt hatte: ihn. Vorsichtig tapste sie auf ihn zu, beäugte ihn immer wieder mit geneigtem Kopf, trapste weiter, äugte wieder…
„Ich kenne Sie nicht weiter“, erklärte Frau von Stapenhorst kurz. „Er bringt sie in der Regel nicht mit hier her.“
„So? Des is aber schon ungewöhnlich, finden’s net?“
Stockinger versuchte, den sich annähernden Vogel zu ignorieren und sich ganz auf seine Befragung zu konzentrieren, doch inzwischen hatte der Papagei ihn erreicht und begann sich allmählich sehr für seine Schuhe zu interessieren…
„Naja, in dem Alter, da bleiben die Jungs halt gern amal unter sich“, meinte Frau von Stapenhorst entschuldigend.

Schon hatte der Papagei das Ende eines Schnürsenkels im Schnabel und zog daran. Stockinger versuchte, den Fuß wegzudrehen und den Vogel durch eine leichte Schüttelbewegung zu verscheuchen, doch das machte diesen nur noch entschlossener. Kurzerhand kletterte er auf Stockingers Fuß, trennte erst die Schnürsenkel vollständig auf und wippte dann vergnügt kreischend mit den abwehrenden Fußbewegungen mit.
„Sagen’s, können’s net dem Vogel sagen, dass er maanen Schuh in Frieden lassen soll?“, bat Stockinger flehend und tupfte sich den ersten Schweiß von der Stirn.
Zu seiner Erleichterung ließ sich der Papagei mit ein paar rettenden Erdnüssen leicht ablenken. Krächzend flog er zu Frau von Stapenhorst auf die Hand, die ihn dann auf den Käfig zurücksetzte. Stockinger hatte trotzdem genug. In diesem Wintergarten fühlte er sich nicht mehr sicher.
„Kann ich mich vielleicht amal im Zimmer Ihres Sohnes umschau’n?“, fragte er.

Das Zimmer befand sich im zweiten Stock des Hauses, dass mehr einem modernen Kunstmuseum als einem Wohnhaus glich. Überall hingen futuristische Gemälde, standen Skulpturen und ungewöhnlich geformte Möbelstücke herum, die mit Sicherheit ein Vermögen gekostet hatten, vermutete Stockinger. Sonst fiel ihm nichts Außergewöhnliches auf. Die professionell gemachten Fotos vom Sohn, die den ganzen Flur der zweiten Etage dekorierten, zeigten ihn mal als Kleinkind in Faschingskostümen oder schicken Miniatur-Anzügen mit Fliege, mal mit großer Zuckertüte im Arm und mal als Jugendlichen mit blondem Militärhaarschnitt, immer lächelnd oder lachend – ein glückliches Kind.

Ähnlich unauffällig war auch das Jugendzimmer.
Das Bett war ordentlich gemacht, Schreibtisch und Regale aufgeräumt. Auf dem Schreibtischstuhl stand die offene Schultasche, über der Lehne hing ein Sportbeutel. Stockinger ließ sich von der Mutter die Adresse des Gymnasiums geben, an dem der Sohn die 11. Klasse besuchte.
Auf dem Kleiderschrank standen zahlreiche Pokale in unterschiedlichen Größen, die Johann von Stapenhorst bei Sportwettkämpfen gewonnen hatte. Dazu gesellten sich mindestens ebenso viele Urkunden, mit denen die Wände geschmückt waren. Über dem Bett hing ein Tierposter mit bunten Papageien darauf – das einzig vielleicht ungewöhnliche Stück im Zimmer eines 17-Jährigen.
„Hat des Zimmer heut morgen auch schon so ausg’schaut?“, hakte Stockinger nach.
„Ja, natürlich. Ich hab nichts verändert, nur das Fenster geschlossen, das stand offen.“
Stockinger öffnete es und sah hinaus in den großen, parkähnlichen Garten. Wenige Meter unter dem Fenster befand sich das Flachdach eines schuppenartigen Anbaus, neben dem mehrere große Regentonnen standen, die mit einem Deckel verschlossen waren. Es war nicht schwer, sich aus diesem Zimmer heimlich davon zu stehlen.
Dann durchsuchte er unter den kritischen Blicken Frau von Stapenhorsts alle Schränke und Schubladen auf der Suche nach irgendeinem Hinweis, der die Ermittlungen einen Schritt voran gebracht hätte: einen Abschiedsbrief, einen Drohbrief, Waffen, Drogen, oder wenigstens ein paar neue Namen und Adressen. Doch er fand nichts.

„Und sonst haben Sie wirklich nichts verändert?“, fragte er noch einmal. „Ich frag deshalb, weil ja – wie g’sagt – noch immer auch der Verdacht im Raum steht, dass Ihr Sohn vielleicht… Selbstmord begangen haben könnte und – “
„Aber warum sollte er so etwas tun?“, protestierte Frau von Stapenhorst energisch. „Er hatte doch alles! Er war gut in der Schule! Er war glücklich! Ihm standen alle Möglichkeiten offen! Mein Mann, also mein Ex-Mann, is Offizier beim Bundesheer, wissen Sie, deshalb können wir uns des alles hier leisten… Naa, jemand MUSS maanen Jungen um’bracht haben, da bin I mer ganz sicher!“
Sie kämpfte erneut mit den Tränen und starrte mit bebenden Nasenflügeln aus dem Fenster in den Garten, in dem gerade die alten Obstbäume blühten und die Sonne schien, als sei nichts passiert.
„Und warum meinen Sie, könnte ihn jemand um’bracht haben?“
„Woher soll I denn das wissen?“, entgegnete die gnädige Frau plötzlich sehr gereizt. „Vielleicht is jemand neidisch auf ihn g’wesen oder er hat sich mit jemandem um aan Mädchen g’stritten?“
„Hatte er denn eine Freundin?“
„Des weiß ich leider net, er hat mir nix darüber erzählt“, sagte sie schnell. „Möglich, immerhin sieht er guat aus und is aan hervorragender Sportler und aus gutem Haus…“
Stockinger hob die Augenbrauen.
„Und wer könnte ihn deswegen, Ihrer Meinung nach, um’bracht haben?“
Sein Gefühl sagte ihm, dass hier irgendetwas nicht stimmte, er kam nur nicht darauf, was genau hier merkwürdig war. Ihre Reaktionen verstärkten seinen Eindruck lediglich.
„Is das net Ihr Job, den Mörder maanes Sohnes zu finden?“
Stockinger hob entschuldigend die Hände.
„I hab nur g’dacht, Ihnen is vielleicht an aaner schnellen Aufklärung gelegen? Und dazu wär’s hilfreich, wenn Sie mir alles mitteilen würden, was Sie wissen…“
„I weiß aber leider net mehr“, war Frau von Stapenhorst sich sicher. Derweil starrte sie noch immer mit vor der Brust verschränkten Armen aus dem Fenster.

„Was is da eigentlich mit Ihrem Auge passiert, Frau von Stapenhorst?“, fragte Stockinger irgendwann.
„Was?“ Sie tat zunächst, als wisse Sie nicht, was er meinte. Dann sagte sie zerstreut: „Oh, das…Ich hab am Wochenende nur mal schnell in den Keller gewollt… ohne extra das Licht einzuschalten und da… bin ich gegen die Tür gelaufen.“
„So.“ Stockinger nickte. „Die Kellertür also…“
„Ja, die Kellertür“, sagte Frau von Stapenhorst mit Nachdruck, sah ihn jedoch noch immer nicht an. „Bitte lassen’s mich jetzt allein, Herr Stockinger.“

Auf dem Weg nach unten hörte Stockinger schon auf der Treppe, wie der Papagei im Wintergarten randalierte. Die Futterschüssel schepperte auf dem Fliesenboden und immer wieder schrie der Vogel: „Nadja Futterchen!“
Stockinger schüttelte den Kopf und sah zu, dass er schnellstmöglich aus dem Haus kam.
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