Die Mondblume

KurzgeschichteAbenteuer, Übernatürlich / P6
03.10.2019
03.10.2019
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Es war vor sehr langer Zeit, dass die Menschen noch an Wunder glaubten und Kunde von dem Zauber hatten, aus dem die Welt gemacht ist. Das war eine Zeit, da sie noch in Kutschen durch die Lande reisten und ihre einzigen Lampen aus Feuer waren und ihr Kalender die Himmelsgestirne: die Sonne, der Mond, und die Sterne. Sie hatten auch keine Ärzte und Krankenhäuser wie wir heute, keine Medizin aus glitzernden Knisterpackungen und braunen Glasflaschen. Ihre Ärzte waren Kräuterfrauen, mancher nannte sie Hexen, und sie lebten oft abseits der Dörfer. Die Kräuterfrauen kannten sich aus in der Natur, in der Geistwelt und in vielerlei anderen Zauberdingen.

Von einer solchen Kräuterfrau will ich euch heute erzählen. Sie war eigentlich noch ein Mädchen, ein kleines Kind, und doch war ihr eine besondere Gabe zuteil, denn mit Zuversicht und Gottes Hilfe heilte sie alle Kranken, waren sie dem Tod auch noch so nah. Die Menschen kamen von weit her und verehrten sie und nannten sie „Wunderkind“ und sie heilte sie alle.

Doch jede Gabe hat seinen Preis und als die Jahre ins Land gingen und das Mädchen älter wurde, da begann sie den ihren zu verstehen. Denn das Wunder der Heilung konnte nur mit Farben vollbracht werden, mit den Farben ihres Augenlichtes. Und wenn sie eine ihrer Farben mit einem Kranken verwoben hatte, da erlosch diese für immer aus ihrem Blick und wurde durch Grau ersetzt. Sie aber heilte die Menschen weiter, denn es war ihr ein inneres Bedürfnis geworden, Not zu lindern.

Alle ihre Farben gab sie hin, ohne sich darüber zu grämen, denn die Menschen kamen gebeugt und verließen sie mit leichtem Schritt, und das Glück auf ihren Gesichtern war dem Mädchen höchster Lohn. Als sie das Alter einer junge Frau erreichte, da war ihr nur noch das leuchtende Rot der Liebe  geblieben, und es begab sich, dass sie zu einer gebärenden Frau gerufen wurde, die im Kindbett zu sterben drohte. So verwob sie ihre letzte Farbe mit dem Leben von Frau und Kind und beide überlebten. Nun jedoch hatte sie keine Farbe mehr übrig, um dem Neugeborenen eine Stimme zu geben und so wurde er Tacitus getauft, was auf Lateinisch „Der Schweigende“ bedeutet.

Das Wunderkind zog fort in den tiefen Wald, denn sie wollte die Menschen nicht mehr sehen, die litten und denen sie doch nicht mehr helfen konnte. Bald verebbte der Strom der Pilgerer und die Menschen vergaßen sie. Für sie war die Welt nun bei strahlendstem Sonnenschein so farblos wie für uns in einer mondbeschienenen Nacht. Nur das Licht des Vollmondes ließ sie die Dinge wieder in ihren wahren Farben sehen. Und sie verbrachte ihr Leben beim Studium der Nacht und ihrer Pflanzen. Wie die Jahre ins Land gingen, lernte sie, mit Kräutern Leid zu lindern, so wie sie es einst mit Farben getan hatte.

Tacitus aber wuchs heran zu einem fröhlichen, aufgeweckten Jungen und dem Stolz seiner Mutter. Als er zehn Jahre zählte, lag die Mutter im Sterben und sie erzählte ihm von dem Wunder seiner Geburt. Ihr innerster Herzenswunsch war es, die Stimme ihres Sohnes zu hören, bevor sie starb, und so schickte sie den Jungen auf die Suche. Das Kind fand bald die Kräuterfrau und sie erkannte ihn, denn sie sah ihr leuchtendstes Rot um seiner Gestalt. Da war sie traurig, denn sie wusste, weshalb er gekommen war und dass sie ihm nicht helfen konnte.

Nun müsst ihr aber wissen, dass es im Wald Geister gibt, die in den Wurzeln alter Bäume leben und in nebligen Abendstunden um die Stämme tanzen. Weil die Kräuterfrau schon so lange unter ihnen lebte, hatten sie sie in ihr Herz geschlossen und sie hatten Mitleid mit ihr und dem Jungen. Waldgeister sind sehr alt, älter noch als die Bäume, und sie wissen vieles. Und sie erzählten Tacitus von der Mondblume.

Die Mondblume ist eine sehr kostbare Blume und schwer zu finden, denn es gibt sie nur ein einziges Mal auf der Welt, so wie es auch den Mond nur ein einziges Mal auf der Welt gibt. Wenn das Licht des Vollmondes schwindet, erblüht sie zu leuchtender Schönheit, denn sie nimmt sein Leuchten in sich auf und macht es zu Nektar flüssigen Lichtes. Dieser Nektar, bei Neumond gesammelt, wenn die Mondblume am stärksten leuchtet, würde das Wunderkind wieder sehend machen.

So machte sich Tacitus auf den Weg, der lang und beschwerlich war, und voller Hindernisse. Bald kam er zu einer Schlucht, so breit, dass kein Mensch sie überspringen konnte. Und als er schon verzweifeln wollte, kam ein Gemsbock und hieß ihn aufsteigen. Er trug ihn über die Schlucht und noch weiter bis zu den Bergen.

Nachdem sie eine Weile so geritten waren, kamen sie an ein gewaltiges Felsgestein, das so steil war, dass keine Geiß es erklimmen konnte. Der Gemsbock nahm Abschied von Tacitus und bat ihn, wenn er am Ziel wäre, die Traumfeen an ihn zu erinnern, denn er wollte so gerne einmal einen Traum wie die Menschen träumen.

Tacitus machte sich an den Aufstieg, doch bald wusste er nicht mehr vor und nicht zurück und als er schon verzweifeln wollte, kam ein Adler und trug ihn über die Felsen und trug ihn weiter bis an das Meer. Der Adler sprach: „Dahinter ist, was du suchst, Tacitus, doch das Meer ist so weit, dass kein Vogel es überfliegen kann.“ So nahm er Abschied von Tacitus und bat ihn, die Traumfeen an ihn zu erinnern, denn er wollte so gerne einen Traum wie die Menschen träumen.

Tacitus stieg ins Meer, doch er konnte nicht schwimmen. Und als er schon verzweifeln wollte, kam ein Wal und hieß ihn auf seinen Rücken zu klimmen. Der Wal trug ihn weit über das Meer bis zu einer großen Insel, die auf keiner Landkarte der Welt verzeichnet ist. Hier nahm der Wal Abschied von Tacitus und bat ihn, die Traumfeen an ihn zu erinnern, denn er wollte so gerne einen Traum wie die Menschen träumen.

Lange durchstreifte Tacitus die Insel und kam schließlich an einen kreisrunden See, der leuchtete wie das Licht tausender Sterne. Als er an seinem Ufer stand, kam ein Fisch angeschwommen und sprach: „Schon lange war kein Mensch mehr hier. Du bist sehr weit gekommen, jedoch vergeblich. Der Eingang zu dem Ort, den du suchst, befindet sich am Grunde dieses Sees, doch selbst ich, ein Fisch, kann so tief nicht tauchen. Niemand kann dir helfen. Kehre um.“

Und Tacitus weinte, weil das Wunderkind nun nie mehr die Farben sehen, seine Mutter niemals Tacitus' Stimme hören würde. Weil nun aber so eine Reise sehr müde macht, schlief Tacitus am Ufer des Sees ein und träumte. Seine Träume endlich tauchten tief genug, um den Eingang in das Land der Traumfeen zu erreichen. Er wandelte durch zauberhafte Gegenden, vorbei an all den fantastischen Wesen, die die Menschen bereits herbei geträumt hatten.

Bald erreichte er eine märchenhafte Wiese, genau im Zentrum des Landes. In der Mitte dieser Wiese stand die Mondblume, und weil gerade Neumond war, leuchtete sie in ihrer ganzen Pracht und tauchte das ganze Land in silbriges Licht. Um die Mondblume herum wuchsen wie Sterne Tausende und Abertausende winziger Blumen und über ihnen schwirrten Hunderte winziger Wesen, die auf den ersten Blick wie leuchtende Schmetterlinge aussahen.

Dies war die Wiese der Sternenröschen und die Wesen waren die Traumfeen, die den Nektar dieser Blumen sammelten und in der Nacht den Menschen brachten.

Wie ihr sicher wisst, ist im Traum alles möglich und so geschah es, dass Tacitus sprechen konnte und er erzählte den Feen von sich, von seiner Mutter und dem Wunderkind. Die Feen bestätigten, was die Waldgeister gesagt hatten, doch sie warnten ihn. Das Wunderkind könne, nachdem es den Nektar getrunken, nur noch ein einziges Wunder vollbringen, und es würde sie alles Augenlicht kosten, sodass für sie ewig finstere Nacht wäre. Nichts könne ihr dann je wieder das Licht zurückbringen.

Dennoch bat Tacitus sie um den Nektar und sie fragten ihn: „Was gibst du uns dafür? Er ist unser Licht, ohne ihn werden wir frieren und die Blüten nicht mehr finden.“

Tacitus wusste eine Lösung, denn wärmer als der Mond ist die Sonne. So erzählte er ihnen von ihren wärmenden Strahlen, malte sie ihnen in den leuchtendsten Farben aus und seine Erzählung wärmte sie und legte einen goldenen Schimmer über ihre Flügelchen. Nun gaben sie den Nektar freudig her, denn als Geschöpfe der Nacht hatten sie noch nie die Sonne gesehen.

Als Tacitus die Kristallkaraffe mit dem flüssigen Licht nahm und sich auf den Heimweg machen wollte, da erinnerte er sich an die, die ihm geholfen hatten. So bat er die Traumfeen, auch dem Gemsbock, dem Adler und dem Wal einen Traum zu schicken. Sie versprachen es ihm und er erwachte. Doch er lag nicht mehr am Ufer des Sees auf der vergessenen Insel, sondern lag in dem weichen Moos vor der Waldhütte des Wunderkindes. Neben ihm lag die leuchtende Karaffe.

Da wurde er traurig, denn nun musste er eine Entscheidung treffen. Und er sagte sich, er hatte niemals sprechen können; das Wunderkind aber hatte erlebt, wie ihre Farben verschwunden waren und wusste, was ihr fehlte. Wer also war schlimmer dran?

Das Wunderkind hatte in der gleichen Nacht ebenfalls Besuch von den Traumfeen erhalten und sie kannte den Preis, doch wusste sie, dass sie Tacitus seinen Wunsch nicht würde abschlagen können, da er so viel dafür auf sich genommen hatte. Er aber gab ihr die Karaffe, nahm Abschied und machte sich auf den langen Weg zurück zu seiner sterbenden Mutter.

In der letzten Nacht, bevor er sein Elternhaus erreichte, träumte er noch einmal und die Königin der Traumfeen kam zu ihm und sprach: „Du hast die richtige Wahl getroffen, Tacitus, und darum habe ich ein Geschenk für dich. Als du uns von der Sonne erzähltest, hast du deine Stimme im Traumland gelassen und jetzt bringe ich sie dir zurück. Von nun an sollst du nicht mehr 'Der Schweigende', sondern 'Der Farbenbringer' heißen.“

Als Tacitus von seinem Traum erwachte, lief er zu seiner Mutter und noch in der Türe rief er sein erstes Wort und er rief: „Mama! Ich bin zurück!“ Und seine Mutter hörte die Stimme ihres Sohnes und glücklich sank sie in ihren letzten Schlaf. Tacitus aber blieb und er besuchte noch oft die Traumfeen. Der Gemsbock, der Adler und der Wal träumten manchmal mit ihm und nahmen ihn mit.

Wenn jetzt ein Kind kam, das einen schlechten Traum gehabt hatte, so schenkte Tacitus, der Farbenbringer, ihm einen seiner leuchtendsten Träume; und wenn ein Erwachsener kam, der seine Träume verloren hatte, so schenkte Tacitus ihm Worte und erzählte seine Geschichte. Es war gut, denn solange die Menschen an die Wunder glaubten, so lange konnte Tacitus ihnen die Wunder schöner Träume schenken. Und wer heute noch an Wunder glaubt, für den legt Tacitus auch heute noch ein gutes Wort bei den Traumfeen ein.

Denn wenn er nicht gestorben ist, dann lebt er fort bis heute.
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