Ein Logbuch wird mit Tinte geschrieben

von Arzani92
OneshotAllgemein / P16 Slash
Ben Beckman der Rote Shanks Die Strohhut-Bande Marco der Phoenix
01.10.2019
27.10.2019
7
4760
5
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Literarische Skizze #01: ring

“Da kenne ich dich jetzt schon seit 20 Jahren und noch nie habe ich gesehen wie du Schmuck trägst.”

Die Stimme klang so unschuldig in Benns Ohren, dass ihm der anklagende Unterton fast entging. Allerdings kannte er seinen Kapitän viel zu gut, um darauf hereinzufallen. Immerhin kannte auch er Shanks nun schon seit 20 Jahren. Plus, minus ein paar Monate. Benn hatte vor langer Zeit aufgehört zu zählen, auch wenn er den eigentlich Tag, an dem er Shanks getroffen hatte, nie vergessen würde. Immerhin hatte der Tag sein Leben verändert. Aber das war eine gänzlich andere Geschichte.

Langsam drehte er sich um, so dass nun sein Rücken in das rötlich schimmernde Holz der Reling drückte. Hinter ihm glitzerte das Wasser in der Sonne, vor ihm die braunen Augen, deren Blick interessiert zu seinen Ohren wanderten. Zwischen seinen silbergrauen Haaren fielen die stählernen Ringe gar nicht auf. Hatte Benn zumindest vermutet.

“Bist nicht du immer der, der mir sagt, ich zeige mein Piratsein zu wenig?” fragte er und versuchte somit nicht mal zu leugnen, dass es ungewöhnlich für ihn war, wie er auftrat. Dabei hatte sich doch gar nicht viel geändert. Aber Shanks war eben trotz des manchmal fast naiv anmutendem Auftretens ein guter Beobachter. Vermutlich der Beste. Denn er zeigte nur selten, was er wirklich alles wahrnahm. Höchstwahrscheinlich mehr als selbst er - Benn - vermutete und er war immerhin Shanks’ Vize-Kapitän, sein bester Freund und Weggefährte. Vielleicht auch mehr. So genau konnte das keiner definieren, nicht mal sie selbst.

“Verurteile ich dich etwa?” schmunzelte Shanks und trat einen Schritt näher an ihn heran. Mit zur Seite gelegtem Kopf streckte er seine Hand aus und strich Benn’s Haare hinter sein leicht gerötetes Ohr, damit er das besagte Schmuckteil besser betrachten konnte. Ein Schauer rann über seinen Rücken und er musste sich davon abhalten, sich in Shanks’ Berührung zu lehnen. Das wäre eventuell unangemessen. Nicht, dass es hier jemanden störte. “Steht dir gut.”

Flach atmete er aus, dann lächelte er. “Danke.” Benn gab viel auf die Meinung seines Kapitäns. Auch wenn er das sehr selten zugab.

Die Hand, die kurz mit dem silbernen Ring in seinem Ohr spielte, fuhr über seine Wange hinab, hinter seinen Nacken. Dort verweilte sie einfach nur und Benn ließ Shanks machen. Er wartete nur darauf, dass noch etwas kam. Passierte. Er wusste nicht was, aber er fühlte, dass Shanks noch etwas auf dem Herzen hatte.

Stille breitete sich zwischen ihnen aus, trotz der Hintergrundgeräusche, die eben auf einem Schiff herrschten. Da war das Stimmengewirr der Mannschaft, die Wellen die an den Bug schlugen und der Wind in den Segeln. Dann sprach Shanks. Seine Stimme klang verändert, dunkler.

“Die Ohrringe waren in dem Brief, den du heute morgen bekommen hast.”

Es war keine Frage, nur eine Feststellung und so nickte Benn einfach nur. Er hatte gedacht, dass er vor der Konversation zurückschrecken würde. Doch so nah wie Shanks ihm war, ging Benns Herz automatisch eine Spur langsamer. Die Panik und die Angst hatte keine Macht über ihn. Nicht so.

“Sie haben meiner Mutter gehört,” erwiderte er. Seine Stimme war leise, gedämpft. Aber er musste nicht lauter reden, damit er verstanden wurde.Shanks war ihm nah genug. In Körper und in Seele. “Sie ist vor zehn Tagen gestorben.” Ein Pause entstand, in der er versuchte seine Gedanken zu ordnen. “Die Beerdigung ist sicherlich schon vorbei. Aber…”

Er brach ab. Ihm hätte klar sein sollen, dass er daran scheitern würde seine Gedanken zu ordnen. Shanks jedoch zog ihn einfach zu sich runter, die Hand in seinem Nacken führte ihn, bis seine Stirn auf Shanks’ lag.

“Soll ich mitkommen?”

Und da war sie, die Trauer, die er seit heute morgen, als er den Brief gelesen hatte, vermisst hatte. Drei Worte, deren Atem sanft seine Lippen berührten und bis in sein Herz drangen. Drei Worte, die es schafften, dass ihm eine Träne über die Wange lief. Eine Träne, gefüllt mit dem Schmerz aus Jahren des Weglaufens, Verdrängens, Ankommens, Akzeptierens und neu Findens.

Seine Stimme zitterte als er antwortete, und erneut fuhr Shanks’ Hand über seine Wange. Mit leichtem Druck drückte Shanks’ Daumen in den Ohrring, das Loch immer noch rot vom frischen Stechen. Der Schmerz erinnerte Benn daran, dass er am Leben war.

“Bitte…”


------------------
Mein Beitrag zum Projekt "InkTober 2019 - Auch geschrieben wird mit Tinte".
Ich verspreche nicht, dass es jeden Tag eine Geschichte geben wird. Aber ich tue mein Bestes.
Review schreiben