Stranger from the DARK 2

GeschichteMystery, Romanze / P16
01.10.2019
10.10.2019
2
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Viel Spaß mit dem zweiten Kapitel.


Kapitel 2: 2050  (Teil 1)


Schreckensbleich sah ihn an.
Obwohl ich nicht ein Wort von dem glaubte, was er sagte, beunruhigte mich sein Blick, der von dieser Erkenntnis tief getroffen schien.
„Was… redest du da?“ stammelte ich heiser und suchte in seinem Gesicht nach einem Zeichen für einen Scherz; irgendetwas, das seine Worte Lügen strafte. Doch da war nichts, seine Züge, sein gesamter Ausdruck und seine Haltung zeugten davon, wie groß die Belastung war, die auf seinem noch so jungen Leben lastete. Eine Tatsache, mit der ich mich noch immer schwer tat, denn ich vermisste so sehr die jugendliche Unbeschwertheit, die ihn eigentlich erfüllen sollte. Nur in ganz wenigen Augenblicken trat sie zutage. Und das alles musste mit dieser Höhle zusammenhängen, ich wusste nur noch nicht inwiefern.
Auch wenn dieses Flugobjekt gerade wie ein Ufo ausgesehen hatte, glaubte ich weiterhin nicht an eine Zeitreise und sah mich gezwungen, dies unter Beweis zu stellen. „Lass uns nachsehen“ forderte ich ihn auf und ging in die Richtung, in die das Flugobjekt verschwunden war und in der Ferne die Rauchsäulen zu sehen waren.

„Du weißt doch gar nicht, was dort ist“ rief er mir hinterher und blieb stehen. Die Nervosität war deutlich aus seiner Stimme herauszuhören.
„Was soll anders sein als dort, wo wir in die Höhle gegangen sind?“ entgegnete ich und ging entschlossen vorwärts. Je früher dieser ganze Irrglaube aufgedeckt wurde, desto eher konnte Jonas Ruhe finden und zu einem Leben zurückkehren, das für ihn bestimmt war. Und das war keines mit einer Frau an seiner Seite, die vom Alter her seine Mutter sein könnte. Und auch wenn Wehmut bei diesem Gedanken in mir aufstieg, so wusste ich doch, dass es das Beste war. Mit Sicherheit gab es bereits ein Mädchen in seinem Leben, auf das er sich aufgrund der Umstände vielleicht nur noch nicht einlassen konnte.
Deshalb wollte ich nicht zögern.

Er folgte mir, holte schnell auf und ergriff erneut meine Hand. „Wir sollten vorsichtig sein“ warnte er und warf mir einen eindringlichen Blick zu. „Sind wir“ bestätigte ich, „wir schauen nur, was sich außerhalb dieses Waldes befindet, in Ordnung?“
Meine Hand strich über seine Wange und ich nahm seinen tiefgründigen Blick in mich auf.  Es war so viel Gefühl in dem schönen Blau zu erkennen, dass man die Augen nicht davon abwenden wollte. Reife und Schmerz gleichermaßen, was kaum jemandem in seinem Alter zu Eigen war. „Ich habe dich da mit reingezogen und möchte nicht, dass dir etwas passiert.“
Resigniert schluckte ich und widersprach: „Du hast mich in gar nichts hineingezogen, ich habe dich freiwillig begleitet. Schon vergessen?“
Mein Lächeln sollte ihn aufmuntern, doch er blieb ernst, wie so oft. Es war höchste Zeit, ihm zu beweisen, dass das, woran er glaubte, nicht existierte. Geschichten von Zeitreisen gab es nicht.
Allerdings war das, was er mir entgegenbrachte, ebenso wenig mit etwas vergleichbar, das ich zuvor erlebt habe. Seine Liebe war ehrlich, rein und kostbar wie ein Diamant. Zärtlich strich ich ihm noch einmal über die Wange und nahm eine der blonden Haarsträhnen zwischen meine Finger. Unsere Lippen trafen sich zu einem kurzen, sanften Kuss, bevor wie unseren Weg fortsetzten.
Im Gegensatz zu ihm glaubte ich fest daran, dass es für die Erscheinung dieses Flugobjektes eine rationale Erklärung gab. Entweder war es eine neue Art von Drohne oder ein anderes, wahrscheinlich unbemanntes Testgerät des Militärs. Über einem solch einsamen Waldstück konnte man so etwas am ehesten testen, ohne ungewolltes Aufsehen zu erregen.

Der Wald lichtete sich und meine Schritte wurden zielstrebiger. Vor uns wurden die Rauchschwaden dichter und ich wollte wissen, was dort war. Doch als wir den Wald hinter uns ließen, erkannte ich bei genauerem Hinsehen, dass sich eine wüste Brachlandschaft vor uns auftat und blieb erschrocken stehen. Ausgebrannte Autowracks lagen verstreut, man erkannte die Umrisse einer seit langem nicht mehr befahrenen Straße sowie weit und breit nur Chaos und Trümmer von ehemaligen Gebäuden.
Wo waren die Menschen? Und was war hier geschehen?

Wie erstarrt blickten wir geradeaus, als uns ein Klicken zu unserer Rechten zusammenzucken ließ. Als wir die Köpfe drehten, standen da plötzlich mehrere Leute, die ihre Waffen auf uns gerichtet hatten. Sie kamen wie aus dem Nichts und sahen mit ihrer zerlumpten und schmutzigen Kleidung so aus, als wären sie seit Wochen unterwegs ohne ein Dach über dem Kopf. Ihre Körper von Schmutz bedeckt und ihre Gesichter grimmig. Es war offensichtlich, dass sie nicht im Guten auf uns gestoßen waren.
Sofort versuchte Jonas, sich schützend vor mich zu stellen, obwohl die Fremden uns von allen Seiten umzingelten. In mir entbrannte der gleiche Impuls, ihn beschützen zu wollen, so dass ich mich näher an ihn drängte. Spätestens jetzt wurde mir klar, dass das hier kein Spiel war, obwohl mein Verstand weiterhin die Tatsache verdrängte, durch die Zeit gereist zu sein.
„Was wollt Ihr?“ rief der junge Mann an meiner Seite und blickte hektisch von einem zum anderen. Anstatt einer Antwort trat eine Frau in den Vordergrund und sah uns böse an. Ihr linkes Auge war blind, was deutlich an der hellgrauen Verfärbung von Pupille und Iris zu erkennen war. Ihr kurzes Haar war unter einem schmutzigen Kopftuch verborgen und mir wurde bewusst, dass diese Menschen ausschließlich draußen lebten. Alle Häuser waren zerstört, durch was auch immer…

Plötzlich streckte sie den Arm in unsere Richtung aus, woraufhin Jonas leicht zusammenzuckte. In Gebärdensprache gestikulierte sie vor uns und wir starrten sie nur ungläubig an. Zu unserer Linken ertönte die Stimme einer jungen Frau, die für sie übersetzte: „Was macht Ihr hier? Wo kommt Ihr her?“
Wie erstarrt blieben wir stehen. Was sollten wir darauf antworten? Wenn wir die Wahrheit sagten, würden sie uns wahrscheinlich auf der Stelle erschießen. Aber wenn wir logen, würden sie das sicher auch schnell herausfinden.
„Was sollen wir sagen?“ flüsterte ich Jonas zu, woraufhin die Anführerin noch einen wütenden Schritt auf uns zuging und erneut gestikulierte. Automatisch wichen wir ein Stück vor ihr zurück, denn ihre Erscheinung wirkte unerbittlich. „Wir… sind irrtümlich hier vorbei gekommen“ rief er, „wir wollen nichts von euch. Lasst uns einfach weiterziehen.“
„Wir müssen zur Höhle zurück“ zischte er mir so leise zu, dass es diesmal auch die Anführerin nicht hörte. Dennoch bemerkte sie, dass wir tuschelten und keiner von uns rechnete mit ihrer heftigen Reaktion. Sie riss das Gewehr nach oben, zielte auf Jonas´ Bein und drückte ab. Der Streifschuss traf ihn knapp oberhalb des linken Knies, so dass er aufschrie und zu Boden sank. Ich erschrak zu Tode und zuckte heftig zusammen. „Aufhören“ rief ich und ging in die Hocke, um meine Arme schützend um meinen Begleiter zu breiten.
Doch sie stieß einen Pfiff aus, der mehrere ihrer Leute dazu veranlasste, auf uns zuzustürmen und uns auseinanderzureißen. Der verletzte Jonas wurde von mir fortgerissen und an den Armen über den Boden gezerrt. Dabei schleifte das angeschossene Bein über den Boden, so dass er erneut schmerzgepeinigt aufschrie und sich in ihren Griffen wand. Er hatte keine Chance gegen die vielen Hände, die ihn festhielten.

Auch ich wurde unsanft auf die Füße gezerrt und nach vorne gestoßen, damit ich lief. Ich wollte hinter ihm her, doch sie stießen mich in eine andere Richtung. Verzweifelt rief ich seinen Namen und hatte furchtbare Angst, ihn in dieser fremden Welt aus den Augen zu verlieren. Aus diesem Alptraum wollte ich schnellstmöglich aufwachen, aber mein Verstand trichterte mir mit aller Härte ein, dass dies bitterer Ernst war. Heftig begann ich mich zu wehren und zu schreien, denn ich war sicher, dass sie mit einer Frau nicht so hart ins Gericht gehen würden.
Doch ich hatte sie unterschätzt.
Die Anführerin kam auf mich zu und ihr Gesicht mit dem blinden Auge war wutverzerrt. Ohne Vorwarnung ließ sie den Gewehrkolben auf mich niedergehen. Mit voller Wucht traf mich dieser seitlich am Kopf und beförderte mich ins Jenseits.

Als ich wieder zu mir kam, schmerzte mein Schädel so sehr, dass ich kaum die Augen öffnen konnte und spontan würgen musste. Doch dann kehrte die Erinnerung zurück und ich richtete mich mühsam auf die Knie, denn ich wollte wissen, wo sich mein Freund befand. Es kam mir seltsam vor, aber inzwischen bezeichnete ich ihn so.
Mit zusammengekniffenen Augen sah ich mich um und als ich ihn entdeckte, stockte mir der Atem und selbst meine heftigen Kopfschmerzen gerieten in den Hintergrund.
Jonas stand auf einer Art Galgen, offenbar von diesen Leuten selbst zusammengezimmert. Seine Hand- und Fußgelenke waren mit Seilen zusammengebunden und um seinen Hals hing ein dicker Strick. Sein Gesicht war aufgrund der Schussverletzung schmerzverzerrt und er konnte sich so kaum auf dem schmalen Balken halten. Wir befanden uns auf einem freien Feld, in dessen Hintergrund sich ein Waldrand befand. Von Zivilisation war keine Spur mehr erkennbar, diese Menschen waren zu Tieren geworden.
„Nein…“ hauchte ich tonlos und war unfähig, den Blick abzuwenden. Sollte es hier und jetzt enden, noch bevor es – was auch immer es war - überhaupt begonnen hatte?
Wir gehörten nicht in diese Zeit!

Ich wollte mich aufrichten und zu ihm eilen, doch ich wurde durch eine neben mir stehende Person an der Schulter wieder zu Boden gedrückt. Mein verwirrter und ärgerlicher Blick richtete sich nach oben, von wo mir ein zur Hälfte vermummtes Gesicht mit zusammengezogenen Augenbrauen entgegenblickte. Die Person schüttelte warnend langsam den Kopf, so dass ich, zur Untätigkeit verbannt, wieder zu Jonas blickte. In diesem Moment sah ich die stumme Anführerin, welche in seine Richtung gestikulierte. Ihre Worte wurden abwechselnd von der jungen Frau übersetzt und ausgesprochen: „Ihr seid ohne Erlaubnis hier eingedrungen... das ist unser Gebiet. Es ist nicht genug Platz und Nahrung für euch da… deshalb muss er sterben...“ ihr ausgestreckter Arm deutete nun auf mich, „sie darf leben, wird aber verbannt und muss sich alleine durchschlagen.“
Ihre Worte lösten einen eisigen Schauer in meinem Innern aus. Fassungslos schüttelte ich den Kopf, in welcher Welt waren wir gelandet? Zeitsprünge existierten einfach nicht, auch wenn Jonas fest daran glaubte. Vielleicht waren diese Menschen Aussteiger oder Mitglieder einer Sekte, die sich von der Zivilisation losgesagt hatte. Zumindest sprachen sie hier aber noch deutsch.
Meine Muskeln spannten sich an, aber wenn ich jetzt aufsprang, würde es das vermutlich alles noch schlimmer machen. Und so verharrte ich stumm und regungslos, während sich meine Augen mit Tränen füllten. Es wollte mir auf die Schnelle einfach keine Lösung des Problems einfallen.
Plötzlich übernahm Jonas das Wort und rief ihr zu: „Wir wollen nichts von euch. Wir sind versehentlich hier gelandet und verschwinden auch sofort wieder, sobald Ihr uns gehen lasst.“
Doch die Stumme schüttelte nach ein paar Sekunden langsam den Kopf, so dass weitere Tränen meine Sicht trübten. Sie verweigerte uns die Freiheit, aber hatte sie tatsächlich vor, ihn umzubringen?

Erneut gestikulierte sie, was sogleich übersetzt wurde: „Wer sagt mir, dass du die Wahrheit sagst? In deiner Situation würde ich alles sagen, was mein Gegenüber hören will.“
„Es ist aber so“ rief Jonas, „wir… sind nur versehentlich in euer Gebiet gelangt.“
Sie trat näher an ihn heran und wollte wissen. „Woher kommt Ihr denn?“
Ein ungutes Gefühl beschlich mich, als Jonas´ Augen nach mir suchten und mich voller Angst und Sorge anblickten. Ich wollte ihm signalisieren, dass es nicht seine Schuld war, doch wie sollte ich das tun? Und so schüttelte ich nur mit großen, tränengefüllten Augen den Kopf.
Die Stumme versetzte dem Balken daraufhin einen Stoß, so dass Jonas ins Wanken geriet und ich einen entsetzten Aufschrei nicht unterdrücken konnte. Sofort hielt die Person neben mir ein Messer an meine Kehle, woraufhin ich verstummte und mir Tränen aus den Augen rannen.
Mühsam fand er das Gleichgewicht wieder.
„Eine einfache Frage, auf die ich eine einfache Antwort erwarten kann“ forderte die Anführerin erneut. Dass wir nicht mit der Wahrheit herausrücken konnten, besserte unsere Lage keineswegs. Auf die Schnelle gab es keine plausible Ausrede, mit der wir sie zufriedenstellen würden.
Erneut gestikulierte sie in seine Richtung. „Wenn du nicht reden willst, dann bringe ich dich dazu!“

Ein Wink in meine Richtung und der Typ neben mir zerrte mich auf die Füße. Das Messer noch immer an meiner Kehle schleifte er mich in Jonas´ Richtung, dessen zutiefst entsetzter Blick mich fast noch mehr traf, als die Gefahr selbst. Die Gewissheit, mich in diese Situation gebracht zu haben, stand deutlich in seinen Augen und er begann zu zittern, obwohl seine Situation genauso bedrohlich war wie meine. Ein Wimmern unterdrückend rannen mir ungehindert Tränen die Wangen hinab und ich schüttelte schwach den Kopf. Das war alles, was ich ihm als Trost spenden konnte; die Gewissheit, dass ich ihm nicht die Schuld dafür gab.
Wir waren diesen Leuten hilflos ausgeliefert und die Sekunden zogen sich hin wie  Stunden.
Erneut wurde Jonas dazu aufgefordert, unsere Herkunft preiszugeben und die Mimik der stummen Anführerin wurde zunehmend düsterer. „Antworte, sonst schlitzen wir ihr die Kehle auf“ vernahmen wir die Worte von der übersetzenden jungen Frau und Jonas´ Körper bebte so sehr, dass ich fürchtete, er könne das Gleichgewicht verlieren. Schluchzend suchte er noch immer fieberhaft nach einer Antwort und fand sie nicht.
Der Geduldsfaden der Anführerin riss endgültig und sie machte eine unmissverständliche Geste in meine Richtung. Ich spürte das Metall in meine Haut eindringen und riss die Augen auf.
Da hörte ich Jonas´ verzweifelten Schrei: „WIR KOMMEN AUS DEM JAHR 2017!“

Sofort verharrte die Person, welche mir das Messer an die Kehle hielt und eine erdrückende Stille entstand. Alle starrten uns an, noch intensiver als zuvor und der wütende Blick der Stummen wechselte zwischen ihm und mir. Ich stieß die angehaltene Luft aus und fürchtete ihre Reaktion aufgrund dieser unsinnig anmutenden Antwort.
Diese kam schneller als erwartet, sie fühlte sich nicht ernst genommen und machte eine unmissverständliche Handbewegung zu ihrem Hals. Dann trat sie mit aller Kraft gegen den Balken, der daraufhin nach hinten umkippte und Jonas ohne Halt unter den Füßen am Strick baumelte.


tbc
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