Grau ist keine Farbe

von Komet68
GeschichteFamilie, Freundschaft / P12 Slash
30.09.2019
24.05.2020
36
78.467
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23.05.2020 3.847
 
„Wir feiern eine Party!“

Samstag, 23.Mai 2020


„Schönen Feierabend!“, gibt mir Elena mit, als ich meine Schicht für heute beende. „Lass die Korken knallen!“

„Die Partybrause der Kinder hat 'nen Schraubverschluss“, kontere ich lachend.

„Gibt's für die Großen nichts richtiges zu trinken?“

„Doch, wahrscheinlich. Allerdings hatte ich mit der Vorbereitung nichts zu tun“, erkläre ich meiner Kollegin. „Wegen der besonderen Umstände – du weißt, die Kinder durften über eine für sie gigantisch lange Zeit ihre Freunde nicht sehen – habe ich ihnen die große Geburtstagsparty erlaubt. Die Feier ist sozusagen das Geschenk aller …“

„Ach, und das reicht den Kindern?“, hakt sie erstaunt nach.

„Na ja, ein paar Geschenke gab's natürlich direkt am Geburtstag. Sophia hatte sich einen Atlas für Kinder und ein 'richtig schweres' Puzzle gewünscht und Philipp wollte einen neuen Fußball und Torwarthandschuhe haben. Aber die Kinder wissen eben auch, dass wir nicht allzu viel Geld für irgendwelche Extras wie zum Beispiel eine große Geburtstagsfeier übrig haben. Die Idee, sich eine Party zu wünschen, hatte wohl Janina – das ist die Mutter ihrer besten Freundin Josephine. Sophia und Phil durften so viele Gäste einladen, wie sie wollen.“

„Ach so. Ich finde die Idee toll und freue mich, dass deine beiden da mitspielen ohne zu zicken“, spricht Elena aus, was auch ich voller Stolz denke. „Aber mal was anderes: wann hatten die beiden eigentlich Geburtstag? Ist das nicht schon eine Weile her?“

„Beide hatten zu Ostern Geburtstag. Sophia wurde am 10.April sieben Jahre alt, Phil ist seit dem 12.April stolze vier Jahre alt. Rechnet man neun Monate zurück, landet man ungefähr beim 7.Juli – da hatte mein geliebtes Schwesterlein Geburtstag und offenbar war der Vater ihrer Kinder zumindest zwei Mal ein ganz besonderer Gratulant.“

„Interessant“, kommentiert Elena mein Mitteilungsbedürfnis mit einem Lächeln.

„Schade ist nur, dass Sonja uns nie verraten hast, wer ihr diese speziellen Geschenke gemacht hat. Vielleicht wäre der Erzeuger gern Papa gewesen“, sinniere ich vor mich hin.

„Hhmm … aber er muss doch beim zweiten Mal gewusst haben, dass er Vater ist, denn da gab es Sophia ja schon. Ist er da nicht stutzig geworden?“, will meine Kollegin mit nachdenklicher Miene wissen.

„Ja, die Frage haben wir ihr, also meine Mutter und ich, auch schon gestellt, aber Sonja hat sich uns gegenüber immer sehr uneinsichtig verhalten und gesagt, sie braucht keinen Vater für ihre Kinder. Egal wie oft wir auf sie eingeredet haben, dass auch der Papa ein Recht hat, von der Existenz seiner Kinder zu erfahren, da blieb sie stur. Ich kann mir eben gut vorstellen, dass sie demjenigen, falls er Verdacht geschöpft haben sollte, das genau so rüber gebracht hat und er dann einfach aufgegeben hat.“

„Vielleicht war's aber auch ein verheirateter Mann, der froh war, dass Sonja ihn aus allem raus gehalten hat“, erwidert Elena. „Wir werden es wohl nie erfahren.“

„Genau. Trotzdem denke ich jedes Jahr, wenn die beiden Geburtstag haben, daran.“

„Stichwort Geburtstag … habt viel Spasss und bis Montag!“

„Danke, den werden wir haben nach den langen Wochen der Kontaktsperre.“

Ich verabschiede mich winkend von meinen anderen Kollegen, die an der Kasse gut beschäftigt sind, dann mache ich mich auf den Heimweg. Oder besser gesagt ich fahre zum Haus von Josephine und ihren Eltern. Da die große Geburtstagsfeier für Sophia und Philipp in unserer Dreizimmerwohnung schwierig auszurichten wäre, haben Janina und Bela sofort ihren Garten dafür angeboten. Mich hat man relativ schnell aus allen Vorbereitungen ausgeschlossen. 'Weil ich ja so viel im Job zu tun habe', lautete die offizielle Begründung. Ich habe allerdings mittlerweile den Verdacht, dass meine Große und ihre beste Freundin irgendetwas aushecken, so oft wie sie leise flüsternd miteinander telefoniert haben.

Als ich bei Familie Wolter/Tietze ankomme, werde ich sofort in die Küche gelotst. Aus dem Garten vernehme ich laute Musik und Stimmengewirr. Am liebsten würde ich ja gleich raus gehen und die Gäste begrüßen, aber Bela hat offenbar andere Pläne. Ich lasse mich mehr oder weniger freiwillig auf einem der Stühle nieder.

„Kann ich noch was helfen?“, biete ich der Form halber an.

„Mein lieber Patrick, lehne dich einfach entspannt zurück, wir haben alles im Griff.“

„Ich weiß, aber trotzdem …“

„Hier, trink einen Kaffee und entspann dich!“

„Solltest du mir da nicht lieber einen Beruhigungstee anbieten?“

Bela grinst mich an, ehe er sich zu mir setzt.

„Prost Kaffee! Auf einen wunderbaren Geburtstag für deine Kleinen!“

„Prost!“

Ich nehme einen großen Schluck von dem koffeinhaltigen Heißgetränk.

„Und du bist sicher, dass ich nichts helfen kann?“

„Ja, lieber Patrick, das bin ich. Was meine Frau organisiert, klappt garantiert.“

„Ich weiß, aber trotzdem … Ihr habt doch schon so viel für die Kinder und mich gemacht heute und in den letzten Wochen“, werfe ich ein. „Wenn man meist auf sich allein gestellt ist, dann fällt das nicht so leicht, die Verantwortung komplett abzugeben. Verstehst du?“

„Prinzipiell 'ja', aber in diesem konkreten Fall 'nein'. Die Mädels machen das schon.“

Ich kann nicht sagen, wie lange mein Kumpel das nun schon predigt, aber ich kann gerade nicht aus meiner Haut.

„Ihr hattet bisher die ganze Arbeit, jetzt kann ich doch auch was machen.“

„Janina erledigt das gern und mit ganz viel Begeisterung. Du weißt doch, sie liebt es, Gäste einzuladen und zu bewirten“, erklärt mir Bela geduldig. „Mach dir keine Gedanken! Sonst schicke ich dich nach Hause und wir feiern ohne dich. Wobei … da wären einige Beteiligte bestimmt sehr traurig.“

„Okay, okay … ich bin ja schon still.“

„Brav … ich bin gleich wieder da. Nicht weglaufen“, ermahnt mich Bela, bevor er kurz die Küche verlässt, weil es an der Tür geklingelt hat.

Merkwürdigerweise bittet er den oder die Besucher – ich kann aus meiner Position leider weder etwas sehen noch etwas verstehen – nicht herein, sondern schickt ihn beziehungsweise sie gleich in den Garten.

„So, nun kann es losgehen.“

Bela nimmt mir meine noch halb gefüllte Tasse aus der Hand, als er zurück in die Küche kommt, dann gehen wir nach draußen in den mit bunten Girlanden geschmückten Garten.

„Papa!“

Phil springt von der langen Tafel, die mitten im Garten aufgebaut wurde, auf und rennt auf mich zu. Übermütig hopst mir der Lütte in die Arme.

„Hast du mich so vermisst?“

„Hast du schon gesehen, wen wir alles eingeladen haben?“

Meine Frage ignorierend, greift er nach meiner Hand, nachdem ich ihn wieder auf dem Boden abgesetzt habe, und zieht mich zu dem leeren Stuhl neben seinem Platz.

„Oma und Opa sind da … und Bela und Janina und Josi, aber die wohnen ja hier … und Ramon und Maria und Mona aus meinem Kindergarten und Marcel und Susi auch aus dem Kindergarten und Henry mit seinem besten Freund Piet und Tante Franzi und du und ich und Sophia“, zählt er aufgeregt die Anwesenden auf. „Wir sind ganz viele und feiern eine bunte Party.“

Ich begrüße alle mit einem 'Hallo', dann stutze ich. 'Was will der denn hier?', überlege ich mir, als ich dem Erzieher meiner Kinder freundlich zunicke. Ich kann gerade noch verhindern, diese Frage laut auszusprechen, denn so überrascht wie ich gerade bin, wäre das garantiert missverständlich rübergekommen.

„Welchen Kuchen möchtest du?“, lenkt Janina meine Aufmerksamkeit auf sich, bevor ich weiter über Marcels Anwesenheit nachdenken kann.

„Ähm … ich nehme ein Stück Quarkkuchen … und meine Kaffeetasse steht noch in der Küche.“

Ich will aufstehen, um sie zu holen, werde aber von Janina zurückgehalten.

„Der ist eh schon kalt. Du bekommst frischen Kaffee“, legt sie fest, keinen Widerspruch duldend.

Um erst einmal nicht reden zu müssen, schiebe ich mir den ersten Bissen leckere Quarktorte in den Mund. Ich hatte meinen Kindern erlaubt, all die Gäste einzuladen, die sie einladen wollen – allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass sie Marcel bei ihrer Geburtstagsparty dabei haben möchten. Ich hätte mir eher vorstellen können, dass die halbe Klasse von Sophia und ein Sack voll Kindergartenkinder hier aufkreuzt. Bevor ich mir weiter darüber den Kopf zerbrechen kann, verwickeln mich meine Mutter und Franziska in ein Gespräch darüber, wie es meiner ehemaligen Mitschülerin und ihren Eltern geht und wie sie die letzten Wochen überstanden haben. Immerhin darf Franzi ihr Hotel nach xx Wochen der Schließung erst ab xxx wieder öffnen.

„Trotz aller Hilfen von Staat und Landesregierung sind wir darauf angewiesen, dass neben unseren Stammgästen, die hoffentlich alle ganz bald wiederkommen, auch ein paar neue Besucher unsere Betten belegen in den nächsten Monaten. Bis wir das wieder drin haben, was wir jetzt verloren haben, wird es eine ganze Weile dauern, wenn uns das überhaupt gelingt“, ist sich Franziska sicher.

„Franzi, wir werden uns auf jeden Fall mal bei dir blicken lassen“, verspricht meine Mutter, was Fritz freudig nickend bestätigt. „Und auch allen Freunden und Bekannten Bescheid sagen.“

Ich lasse meine Blicke kurz zu den anderen schweifen, wobei ich vermeide, Marcel direkt anzuschauen. Auch wenn er am anderen Ende der Festtafel sitzt, macht mich seine Nähe nervös. Janina versteht meine Blicke als Aufforderung, mir ein weiteres Stück Torte anzubieten. Ich wähle diesmal ein Stück Apfelstreuselkuchen.

„Marcel, kannst du mal bitte ein Stück Apfelkuchen auf Patricks Teller legen“, reicht sie meine Bestellung einfach weiter, da er direkt vor der Platte mit dem gewünschten sitzt.

„Na klar.“

Anstatt mir meinen Teller wieder durchzureichen, steht er auf und bringt ihn mir persönlich zurück. Ich spüre, wie mir die Röte ins Gesicht kriecht, als sich unsere Finger kurz bei der Tellerübergabe berühren. Die eine Hälfte von mir würde am liebsten aufspringen und abhauen, die andere wünscht sich das für den Rest der Gäste, damit ich mit Marcel allein sein kann.

„Danke“, presse ich leise heraus.

„Nicht dafür“, erwidert der Erzieher meiner Kinder, der heute irgendwie besonders gut aussieht, und begibt sich wieder zu seinem Platz.

Nun schaue ich ihm verstohlen hinterher, doch er sieht nicht mich an, sondern lässt sich in ein Gespräch mit Bela verwickelt. Auf die Entfernung bekomme ich allerdings nicht mit, worum es geht. Also widme ich mich meinem Kuchen und dem letzten Schluck Kaffee in meiner Tasse. Nebenbei registriere ich, dass die Kinder und Janina bereits aufgestanden sind, um offenbar ein paar Partyspiele vorzubereiten. Kaum sind auch bei mir Tasse und Teller leer, verkündet Sophia, dass wir jetzt alle Lose ziehen müssen, damit wir Teams für die Spiele bilden können.

„Haben die farbigen Ringe der Lose eine Bedeutung?“, will Fritz wissen.

„Nee, das ist rein zufällig“, posaunt Josephine mit einem Unterton heraus, der mir komisch vorkommt.

„Ach so, na dann nehme ich ein … Los mit einem grünen Ring“, teilt meine Mutter uns mit.

Als Sophia mit dem Lostopf vor mir steht, greife ich hinein, ohne genau hinzugucken. Vermutlich ist es eh egal, was ich nehme, denn wenn sich meine Verdacht bestätigt, haben die Kinder einen Plan, in dem ihr Erzieher und ich eine Rolle spielen. Ich rolle mein Los, welches einen weißen Ring hatte, auf und lese die Zahl '8'. Meine Große geht zu jedem, bis alle Lose verteilt sind.

„Sooo … hat jeder ein Los?“, vergewissert sich Josephine, die wohl den Spielleiter mimt.

Als das alle bejahen und zur Bestätigung ihr Zettelchen in die Höhe halten, fährt sie fort.

„Wer hat die '1'?“

„Ich“, melden sich erst Opa Fritz und dann Bela zu Wort.

„Dann spielt ihr beide zusammen.“

„Welche Zahl hab ich, Papa?“

Philipp hält mir sein Los vor die Nase.

„Du hast eine '4'.“

„Ich glaub, ich auch“, freut sich Mona, die offenbar die Zahlen schon lesen kann.

Nach und nach sortieren sich die weiteren Paare zueinander. Neben den schon genannten bilden Maria und ihr Zwillingsbruder Ramon ein Team, Josi und Henry spielen zusammen, Janina hat meine Mutter an ihrer Seite und Sophia und Piet hatten jeweils die '6' auf ihrem Los stehen. Am Ende bleiben – so wie ich es erwartet hatte – Marcel und ich übrig. Wir haben beide … oh Wunder … ein Los mit weißem Ring und einer '8'. Für einen Moment möchte ich protestieren, weil ich einfach nicht an Zufälle glaube, aber wahrscheinlich würden das alle anderen albern finden. Außerdem sieht mein zugeloster Partner alles andere als unglücklich aus. Im Gegenteil. Marcel kommt fröhlich lachend zu mir herüber und stellt sich direkt neben mich.

„Also“, übernimmt Josephine erneut die Regie. „Wir haben uns überlegt, dass wir als erstes eine Runde Sackhüpfen machen und dann gibt’s Eierlaufen. Als drittes hat Mama vorgeschlagen, dass wir zu lustiger Partymusik mit einem Luftballon tanzen.“

„Josi, wie läuft das genau?“, unterbricht Bela seine Tochter. „Treten die zwei Leute in einem Team gegeneinander an oder zum Beispiel Duo '1' gegen Duo '2'?“

Die beste Freundin meiner Großen guckt hilfesuchend zu ihrer Mutter herüber.

„Ich würde sagen, bei Sackhüpfen und Eierlaufen treten immer zwei Mannschaften gegeneinander an, aber so, dass es fair bleibt – zum Beispiel hüpfen Ramon und Maria mit Mona und Phil um die Wette. Und beim Luftballontanz kommen dann alle auf's Parkett oder besser gesagt die Wiese und wir ermitteln das Luftballontanzmeisterpaar.“

Janina vergewissert sich mit einem Blick in die Runde, dass alle einverstanden sind. Normalerweise bin ich kein großer Fan solcher Spielchen, aber für meine Kinder würde ich jeden Blödsinn mitmachen. Einziger klitzekleiner Haken ist die Tatsache, dass Marcel mein Kompagnon ist. Allerdings scheine ich der einzige zu sein, der das merkwürdig findet, selbst Susi grinst mich immer wieder an, als wüsste sie, was hier gespielt wird. Mal abgesehen von Sackhüpfen, Eierlaufen und Luftballontanz.

Bei ersterem treten wir gegen Fritz und Bela an und gewinnen mit großem Vorsprung. In der zweiten Runde gelingt es mir leider nicht, meine Hand so ruhig zu halten, dass das Holzei nicht ständig vom Löffel purzelt, so dass wir am Ende hinter Susi und Franzi Zweiter werden. Wenn wir nicht an der Reihe sind, feuern wir die anderen an. Je länger die Partyspielchen dauern, umso mehr Spaß habe ich – obwohl oder gerade weil Marcel an meiner Seite ist. Wir unterhalten uns sogar ein bisschen, auch wenn es meist nur Smalltalk ist.

„So, nun kommen wir zum Höhepunkt des Tages … mal abgesehen von den von mir gegrillten Würstchen nachher zum Abendessen“, verkündet Bela unter schallendem Gelächter. „Weiß jeder, wie Luftballontanz geht?“

„Ist das die Variante, wo man sich den Ballon ans Bein bindet, und die anderen versuchen müssen, den zu zertreten?“, wirft Opa Fritz in die Runde.

„Nein“, schaltet sich Janina ein. „Wir tanzen paarweise, klemmen den Luftballon zwischen unsere Köpfe und wer den Ballon verliert, scheidet aus. Gewonnen hat das Paar, das als letztes übrig bleibt.“

Mir wird unweigerlich warm beim Gedanken, Marcel gleich so nah zu sein. Ich bin mir immer sicherer, dass das alles hier nicht 'einfach so' passiert. Ich erinnere mich an das mitgehörte Gespräch meiner Tochter und meiner Mutter vor ein paar Wochen, als sie ausgetüftelt haben, wie sie herausbekommen, ob Marcel auf Frauen oder Männer steht. Ich bin mir mittlerweile sicher, dass Sophia oder ihre Oma oder Janina oder alle zusammen im wahrsten Sinne des Wortes ihre Finger im Spiel haben.

Entsprechend unserer Losringfarbe bekommen wir einen weißen Luftballon gereicht. Ohne Scheu tritt Marcel dicht an mich heran und klemmt den Ballon zwischen unsere Köpfe. Erleichtert und enttäuscht zugleich fällt mir auf, dass ich meinem Gegenüber nicht in die Augen schauen kann. Als sich alle Paare in Stellung gebracht haben, beginnt die Musik. Ich überlege kurz, wer in dieser angespannten Haltung noch dazu in der Lage war, die Musik einzuschalten, bis ich mitbekomme, dass Bela eine Fernbedienung in der Hand hält. Im Widerspruch zur Auslosung hat Bela Fritz gegen seine Frau eingetauscht, was aber offenbar niemand beanstandet.

„Aufpassen!“

Marcel greift nach meinen Händen und erinnert mich so daran, was jetzt unsere Aufgabe ist. Hochkonzentriert bemühe ich mich so zu tanzen, dass wir den Luftballon nicht verlieren. Als erste scheiden die Kleinsten aus, da sie schlicht zu viel herum zappeln. Anfangs mault Philipp ein wenig, dann findet er so wie seine Freunde Spaß daran, genau aufzupassen, damit keiner schummelt.

„Opa, du darfst den Ballon nicht mit der Hand festhalten“, ermahnt er Fritz.

„Mist!“, gibt der sich übertrieben verärgert. „Und ich dachte, du merkst das gar nicht.“

Nach und nach geht den anderen Teams ihr Spielgerät verloren, so dass am Ende Sophia und Piet sowie Marcel und ich übrig bleiben. Entgegen meiner Erwartung ist nun mein Ehrgeiz geweckt. Dummerweise zeige ich ein bisschen zu viel Eifer.

„Nicht so doll“, warnt mich Marcel noch.

Doch es ist zu spät. Unser Luftballon flutscht zwischen uns weg … mit dem überraschenden Nebeneffekt, dass unsere Köpfe aufeinanderprallen.

„Aua!“

Marcel greift sich an die Wange, die soeben schmerzhaft mit meiner Stirn kollidierte.

„Sorry, das wollte ich nicht.“

Ich streichle ihm sanft über die leicht gerötete Stelle in seinem Gesicht, ohne darüber nachzudenken, was ich da gerade mache. Erst als er seinen Kopf so dreht, als wolle er meine Finger küssen, ziehe ich meine Hand erschrocken zurück.

„Jaaa, wir sind Sieger“, jubeln Sophia und Piet los, die offenbar von unserem Missgeschick nichts mitbekommen haben.

„Wir sind alle Sieger, hat Onkel Bela gesagt“, platzt Philipp dazwischen. „Weil wir heute alle zusammen eine bunte Party feiern können.“

„Das klingt zwar ein bisschen altklug, aber wo er Recht hat …“, flüstert Marcel ein bisschen zu dicht an meinem Ohr.

Reflexartig rücke ich ein Stück von ihm weg.

„Ich muss mal kurz für kleine Kassierer …“, entschuldige ich mich und verschwinde Richtung Haus.

Als ich von der Toilette zurückkomme, bereitet Bela den Grill vor. Ich schnappe mir ein Bier und stelle mich zu meinem Kumpel. Ich hoffe so, Marcel eine Weile aus dem Weg gehen zu können, was nur kurzzeitig gelingt. Minuten später gesellen sich beide Erzieher aus der Kita unserer Kinder zu uns. Zu meiner Erleichterung bleibt Marcel auf Distanz, während wir uns darüber unterhalten, wie es in der Coronazeit und danach im Kindergarten war.

„Hach, sind die lecker!“, preisen meine Mutter und ihre bessere Hälfte die vom Herrn des Hauses vorzüglich gegrillten Bratwürste an.

„Danke, danke“, freut sich Bela über das Lob. „Aber der Nudelsalat von Janina ist auch nicht zu verachten. Oder die deliziöse Kräuterbutter meiner Gattin.“

„Papa, was ist deli … delidingsbums?“, hakt Phil nach.

„Das sagt man, wenn was gaaanz lecker schmeckt“, kommt mir Marcel zuvor, was mich für einen Moment irritiert.

„Ach so. Warum sagt Onkel Bela das dann nicht so?“, will mein Lütter wissen.

„Keine Ahnung“, antworte ich ihm lachend.

„Manchmal machen wir Erwachsene es uns schwerer als nötig und sprechen einfache Dinge nicht mit einfachen Worten aus“, füge ich leise mehr für mich hinzu, als Phil wieder zu seinen Freunden gerannt ist.

Ob es leise genug war, kann ich nach einem Blick zu Marcel und Susi herüber nicht sicher sagen. Das leichte Grinsen, das die junge Frau aus der Kita versucht zu unterdrücken, lässt mich das Gegenteil befürchten.

Nachdem sich alle mit Würstchen, Nudelsalat und Toast mit Kräuterbutter den Magen vollgeschlagen haben, geht die Party langsam zu Ende. Als erste werden Ramon, Maria und Mona von Monas Vater abgeholt. Danach verabschieden sich meine Mutter und Fritz, gefolgt von Franziska, Susi und vermutlich Marcel. So genau bekomme ich das nicht mit, wer sich gerade auf den Heimweg macht, denn ich werde just in diesem Moment von Bela gebeten, ihm beim Aufräumen im Garten zu helfen. Ehrlich gesagt bin ich sogar froh, dass ich nicht entscheiden muss, ob ich den Traum meiner schlaflosen Nächte zum Abschied umarme oder nicht.

„Tschüss und kommt gut nach Hause“, rufe ich denen zu, die gerade gehen. „Danke, dass ihr da ward und so eine tolle Geburtstagsparty für die Kinder möglich gemacht habt.“

„Es war uns eine Freude!“, vernehme ich Fritz' Stimme am lautesten, dann widme ich mich Bela.

Als wir den Garten wieder hergerichtet haben, setze ich mich zu Philipp auf die Bank, während Bela ins Haus verschwindet. Sophia und Josephine richten schon die Betten in ihrem Kinderzimmer her, denn wir schlafen heute alle drei hier. Phil möchte gern bei mir im Gästezimmer übernachten, weil die Mädchen immer so lange quatschen und kichern, hat er sich beschwert.

„Na, zufrieden mit deiner Geburtstagsfeier?“

Der Lütte schaut mich von der Seite her an und zieht die Stirn kraus.

„Ähm … ja. Das war schön, dass so viele da waren.“

„Das stimmt, das war eine richtig große Party“, stimme ich ihm zu. „Wer hatte eigentlich die Idee, Marcel und Susi einzuladen?“

„Sophia“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. „Erst hat sie Marcel eine Osterkarte geschenkt und dann noch eine Einladung für unsere Party. Eigentlich wollte er nicht kommen, aber dann hab ich Susi erzählt, dass wir alle Marcel sehr lieb haben und dass er unbedingt zu unserer Geburtstagsparty kommen muss, weil du sonst ganz traurig bist.“

Irritiert lasse ich mir die Worte meines Kleinen noch einmal durch den Kopf gehen.

„Wie kommst du auf die Idee, dass wir alle Marcel lieb haben und dass ich traurig bin, wenn er nicht da ist?“

„Weil du das mal zu Onkel Bela gesagt hast am Telefon“, murmelt Phil, ehe er aufspringt und ins Haus rennt.

„Ach so, ist ja interessant.“

Erschrocken fahre ich herum.

„Was machst du denn noch hier? Ich dachte, du wärst schon weg.“

„War ich auch schon fast, aber dann fiel mir auf, dass ich meinen Rucksack im Garten liegen gelassen habe“, erklärt mir Marcel in aller Seelenruhe.

Als er sich mit dem gesuchten Gegenstand in der Hand neben mich setzt, merke ich allerdings, dass diese Gelassenheit nur äußerlich ist. Eine Weile sitzen wir schweigend nebeneinander, wobei ich versuche, das Chaos in meinem Kopf zu sortieren. Offenbar gelingt es Marcel schneller seine Gedanken in Worte zu kleiden.

„Ich fasse mal zusammen: offenbar magst du mich, was du dem Herrn Wolter telefonisch mitgeteilt hast und dabei hat dich dein Sohn belauscht.“

„Sieht so aus. Aber …“

„Ich mag dich auch. Sehr sogar. Aber ich will dich jetzt nicht stressen. Ich hätte da einen Vorschlag: du hast ja meine Handynummer …“

„Hab ich?“

„Eigentlich schon, vom letzten Mal Kinderhüten bei dir zuhause. Aber ich kann sie dir nochmal geben.“

Bevor ich reagieren kann, nimmt mir Marcel mein Mobiltelefon aus der Hand und tippt seine Nummer ein und gibt es mir zurück. Dabei ist ihm garantiert das Bildschirmfoto nicht entgangen, wo er zusammen mit meinen Kindern beim Fasching im Kindergarten zu sehen ist. Aber wahrscheinlich ist das jetzt sowieso schon egal.

„Zurück zu meiner Idee … ich bin morgen Abend so gegen 19 Uhr im 'Burwitz' gegenüber vom Rathaus, um da was zu essen. Wenn du möchtest, bist du herzlich eingeladen. Wenn du das nicht willst, esse ich eben allein.“

„Ich …“, setze ich zu einer Antwort an, verstumme aber gleich wieder.

Marcel beugt sich kurz zu mir herüber, haucht mir einen Kuss auf die Wange, dann erhebt er sich.

„Melde dich, wenn du weißt, was du willst.“

„Mach ich … also mich melden … egal wie ich entscheide“, stammle ich verlegen.

Dass Marcel den Garten bereits verlassen hat, bekomme ich nur am Rande mit. Obwohl gerade genau das passiert, was ich mir seit langem wünsche, bin ich total überfahren und weiß nicht wirklich, was ich machen soll.

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Moin Moin ihr Lieben,
eigentlich ist mein Kapitel – eine Familienfeier in diesem Rahmen – erst ab Montag wieder erlaubt. Aber da ich nächstes Wochenende keine Zeit zum Posten haben werde und euch nicht noch weitere zwei Wochen warten lassen wollte, sehe ich großzügig über diese kleine Unkorrektheit hinweg ;-)
LG Komet :-)
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