Sünder, Helden & Heilige

von LiaHob
GeschichteAbenteuer / P16
29.09.2019
16.11.2019
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Ein kurzes Vorwort:

Mit dem Eintauchen in die Welt der Elder Scrolls – sowohl Skyrim als auch Elder Scrolls Online – ging mein wieder erwecktes Interesse an Fanfiction einher. Und ich habe seit Langem auch selbst wieder Lust bekommen zu Schreiben. Diese Geschichte stellt einen meiner ersten Versuche nach einer sehr langen Schreibpause dar. Ich schreibe zum Spaß und zur Übung und falls meine Geschichte noch jemand anderem gefällt, umso besser. Sinnvolle und wertstiftende Kritik ist explizit erwünscht.

Die Geschichte spielt in der Vierten Äre in Himmelsrand, greift aber auch Geschehnisse aus der Zweiten Ära auf. Ich nehme mir heraus, einige Geschehnisse und zeitlichen Abfolgen teilweise etwas freier zu interpretieren, wenn es dem Verlauf der Geschichte zuträglich ist. Man möge es mir nachsehen. Genre und Altersempfehlung werden mit der Zeit ggf. noch angepasst.

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„Ein Held zu sein ist wie in einem endlosen Krieg zu kämpfen. Die Aufgabe ist nie getan, denn an jeder Ecke wartet schon der nächste Hilfesuchende. Versucht man, es allen recht zu machen, kann man nur scheitern. Daher versuch es gar nicht erst, denn ein einzelner kann niemals alle retten.“ – Zitat eines namenlosen Held der Zweiten Ära


Prolog

„Das ist keine gute Idee“, brummte Nazir zum wiederholten Male.

Der Zuhörer betrachtete den groß gewachsenen Rothwardonen nachdenklich, hütete sich jedoch davor zu widersprechen. Nazirs Kommentar war genau genommen noch relativ milde formuliert. Ehrlich gesagt war die Idee sogar ziemlich dämlich, doch was für eine Wahl hatte er schon? Eben das gab der Zuhörer auch mit einem Achselzucken zurück, was ihm sowohl von Nazir als auch von Babette einen düsteren Blick einbrachte. Einzig Cicero verhielt sich nicht im Mindesten besorgt.

„Sie war dieses Mal mehr als kryptisch“ – dabei warf er der Mumie in ihrem Sarkophag am anderen Ende des Raumes einen kurzen Blick zu – „aber der zweite Auftrag erscheint mir fast noch wichtiger als der Abschluss des ersten.“

„Wie kommst du darauf?“, verlangte Nazir zu wissen und hob fragend eine Augenbraue, während er sich auf seinem Stuhl vorbeugte. Babette baumelte mit den Beinen auf dem ihren und wirkte wie das unschuldige Kind, zu dem ihr Körper für die Ewigkeit festgefroren sein würde, wären da nicht ihre Augen, die den Zuhörer mit einer Jahrhunderte alten Weisheit, aber ebenso angespannt wie Nazir betrachteten.

Sie alle waren ausgelaugt. Keiner von ihnen konnte sonderlich gut verbergen, wie sehr sie der Schlag des Penitus Oculatus gegen die Bruderschaft und der Tod ihrer Kameraden mitgenommen hatten. Es war kaum Zeit gewesen ihre Wunden zu lecken, geschweige denn zu trauern. Die Blicke, die sie dem Zuhörer zuwarfen, waren verständlicherweise besorgt. Niemandem gefiel die Idee sonderlich gut, dass er sich so kurze Zeit nach der Zerstörung ihrer Zuflucht gleich zu zwei weiteren Aufträgen aufmachen sollte – nun, vielleicht abgesehen von Cicero, doch wer wusste schon, was in dem Kopf des Narren vor sich ging. Im angeschlagenen Zustand der Bruderschaft jedoch wäre ein weiterer Verlust fatal.

Der Zuhörer seufzte tief auf, verschränkte die Hände vor sich auf dem Tisch, betrachtete sie eindringlich, als suche er nach einer Antwort auf die ihm gestellte Frage und blickte schlussendlich wieder in die ernsten Mienen seiner Kameraden.

„Wir können es uns nicht leisten, gerade jetzt Schwäche zu zeigen“, setzte er dann langsam zu einer Erklärung an. „Die Ermordung des Kaisers wird ein Zeichen setzen. Und der zweite Auftrag, so seltsam er auch erscheint…“ Der Zuhörer hielt inne. Astrids letzte, gehauchte Worte hallten ihm noch immer in den Ohren ebenso wie das Wispern der Mutter der Nacht.

‚Erinnere die Nachtklinge an das, was einst war…‘

Wie sollte er ein Gefühl in Worte fassen, das er selbst nicht verstand? Wie seinen Kameraden, die nur um seine Sicherheit besorgt waren, erklären, was er glaubte zwischen den Zeilen vernommen zu haben, wenn er selbst nicht einmal sicher war, ob er sich nicht vielleicht doch irrte?

„Es fühlt sich an wie die Suche nach einem Anfang“, beendete er dann seinen Satz und musste sich eingestehen, dass dies selbst in seinen eigenen Ohren eher schwach klang.

Wie erwartet schnaubt Nazir und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Für mich klingt das eher nach einem kopflosen Sprung zu einem Ende“, konterte dann jedoch Babette fast schon gelassen und mit einem Kopfschütteln. „Zu einem unschönen, blutigen Ende. Indem du darauf bestehst, beide Aufträge miteinander zu kombinieren, gehst du ein viel zu hohes Risiko ein, das ebenso gut vermieden werden könnte.“

Der Zuhörer schüttelte den Kopf. „Nein“, widersprach er mit Nachdruck in der Stimme. „Zumindest darin war sie sehr klar: Ich werde nur innerhalb eines sehr kleinen Zeitfensters handeln können. Was ich finden muss, ist nur für eine kurze Weile in greifbarer Nähe.“

Seine Kameraden schienen nicht überzeugt, doch der Zuhörer unterband eine erneute Entgegnung mit einer erhobenen Hand und einem harten Blick. Die Diskussion drehte sich bereits seit einer geraumen Weile im Kreis und führte zu nichts.

„Genug“, entfuhr es dem Zuhörer scharf. Nazirs Mund schloss sich, während der Ausdruck in seinen Augen erst frustriert, dann grimmig wurde, als würde er gerade realisieren, dass er diese Argumentation nicht würde gewinnen können. Oder als würde er begreifen, dass er von Anfang an gar keine Chance gehabt hatte diese zu gewinnen. Auch Babette seufzte resigniert und Cicero schenkte dem Zuhörer tatsächlich ein undeutbares Grinsen.

„Ich werde wie geplant nach Weißlauf gehen und dort beginnen“, fuhr er dann mit einem etwas milderen Ton in der Stimme fort. „Bitte veranlasst alles für einen Umzug in die Zuflucht von Dämmerstern. Sowohl Gianna als auch Aventus sollen euch begleiten.“

Der letzte Satz entlockte dem Rothwardonen ein leises Lachen. „Manchmal hast du ein viel zu weiches Herz für einen Assassinen, nimmst alle Streuner auf, die dir über den Weg laufen“, murmelte er dann so leise, dass der Zuhörer ihn kaum verstand. Dieser maß seinen Freund mit einem harten Blick, der jedoch nur mit einem Schmunzeln und einem erneuten Kopfschütteln beantwortet wurde.

„Wie du wünschst“, gab Nazir jedoch letzten Endes nach und der Zuhörer ließ ihm die Illusion, dass er in dieser Sache die Wahl gehabt hätte. Anstelle dessen nickte er ihm knapp und mit der Andeutung eines ehrlichen und dankbaren Lächelns zu. Dann holte er tief Luft.

„Ihr werdet eine geraume Weile nichts von mir hören. Es wäre schön, wenn ich bei meiner Rückkehr nicht auch die neue Zuflucht in Trümmern vorfinden würde.“

Der Zuhörer hoffte, dass diese Worte genügten um seinen Kameraden zu versichern, dass er beabsichtigte alles daran zu setzen auch tatsächlich zurückzukehren, denn belügen würde er sie nicht. Weder würde er versprechen unbeschadet zurückzukehren noch, dass alles gut werden würde. In einer Zeit, die ihm so unglaublich weit entfernt erschien, hatte ihm seine Mutter solche Versprechen gegeben. Und sie hatten sich alle als Lügen heraus gestellt.

Kapitel 1 – Das Ende einer Reise

Fröstelnd zog A’shu‘ra die gefütterte Kapuze ihres Umhangs etwas tiefer in die Stirn und rutschte dichter an das behagliche Feuer inmitten ihres Nachlagers. Die nächtliche Herbstluft roch verdächtig nach Schnee. Eigentlich roch die Luft in Himmelsrand immer nach Schnee, überlegte sie mit gekräuselter Nase und hoffte inständig, dass ihr auf der ohnehin schon recht beschwerlichen Reise nach Einsamkeit nicht auch noch eine Lungenentzündung drohte. Kälte hatte ihr nie sonderlich zugesagt. Zum einen mochte sich es nicht, sich unter Schichten um Schichten schwerer Kleidung begraben zu fühlen. Zum anderen hasste sie die langen Nächte des Winters. Dauerhaft in einer größtenteils mit Schnee bedeckten Region wie Himmelsrand zu leben wäre für Ash unvorstellbar. Doch die raue Schönheit der Nordlande, die sie sehr an die kahle Ursprünglichkeit ihres eigenen Zuhauses erinnerte, wusste sie sehr zu schätzen. Somit ignorierte sie für den Augenblick das Frösteln und genoss lieber den Anblick, den ihr die zwei über den fernen Berggipfeln aufgehenden Monde boten.

Eine der Khajiit Händlerinnen hatte einen Kessel mit Eintopf über dem Feuer aufgesetzt, welcher bereits verführerisch duftete und Ash das Wasser im Mund zusammen laufen ließ. Dankbar und mit einem Lächeln auf den Lippen nahm sie wenig später die gut gefüllte Holzschale samt Löffel entgegen und begann schweigsam und bedächtig ihr Abendmahl, um sich nicht an der heißen Suppe zu verbrühen. Die warme Mahlzeit lockte auch die übrigen Karawanenreisenden samt der fünf Söldner an, die angeheuert worden waren, um die Händler auf ihrer Reise nach Einsamkeit vor Gefahren wie Wölfen und Banditen zu schützen. Eines der drei Khajiitischen Kinder nahm direkt neben Ash Platz und begann mit Heißhunger und ohne Vorsicht den Eintopf in den Mund zu schaufeln, wobei es Ash von der Seite her immer wieder ein fröhliches, unbeschwertes Grinsen schenkte. Der kleine Khajiit war vermutlich um die sechs oder sieben Sommer jung. Zusammen mit seinen Geschwistern und Eltern war er aufgebrochen, um in Einsamkeit eine neue Heimat zu finden.

Warum man als Khajiit in Zeiten wie diesen freiwillig durch Himmelsrand zog, entzog sich Ashs Verständnis. Abgesehen von den Konflikten zwischen den Kaiserlichen und den Sturmmänteln, die das Land seit einiger Zeit in Aufruhr versetzten, sowie den Drachen, die angeblich wieder erwacht waren, herrschte eine schon nicht mehr nur als unterschwellig zu bezeichnende Feindseligkeit und sehr viel Misstrauen bei der ansässigen Bevölkerung gegenüber allen anderen, regionsfremden Völkern Tamriels. Ein weiterer Grund, warum Ash es vorzog, ihre Geschäfte in Himmelsrand schnellstmöglich zu einem Abschluss zu bringen und wieder in die weitaus friedlichere Heimat in Hochfels zurück zu kehren. Als jemand, der als Bretonin erkannt wurde, hatte sie zwar weniger Anfeindung zu befürchten, als es bei den Mer oder Khajiit der Fall war, das hieß jedoch nicht, dass ihr der teilweise recht offenkundig zur Schau getragene Fremdenhass nicht auf- und dabei auch missfiel.

Nachdenklich warf sie dem kleinen Jungen neben sich einen Blick zu, der hoffentlich noch zu jung war, um davon viel mitzubekommen. Ash hatte nie viel für Kinder übrig gehabt, aber diese hier waren wohl erzogen, verhielten sich trotz der vielen Unannehmlichkeiten der Reise sehr geduldig und sorgten durch ihr fröhliches Wesen für ein bisschen mehr Freude unter den reisenden Händlern. Die bunte Mischung aus Khajiit, Bretonen, Rothwardonen und Kaiserlichen ging während der gesamte Reise recht harmonisch miteinander um. Zwischen den Karawanenreisenden war von Feindseligkeiten nichts zu spüren. Jeder einzelne leistete seinen Beitrag, um die Reise so komfortabel wie möglich für alle Beteiligten zu gestalten. Sie alle hatten ein gemeinsames Ziel und es gab keinerlei Grund für Streitigkeiten oder Zwist.

Sogar die Söldner, an sich ein recht rauer Haufen, verhielten sich verhältnismäßig gesittet. Der Trupp bestand aus vier Nord, zwei Männern und zwei Frauen, in schon etwas fortgeschrittenem, aber immer noch rüstigen Alter und einem jungen Dunmer, der noch recht grün hinter den Ohren wirkte. Aber allein die Tatsache, dass sich die vier Nord mit einem Dunmer in ihrer Mitte abgaben und ihn recht ordentlich zu behandeln schienen, hatte dem Söldnertrupp in den Augen der Karawanenreisenden einen erheblichen Bonus eingebracht und letzten Endes zu der Entscheidung geführt, diesen anzuheuern. Zumindest hatte Ash dies von einer jungen Kaiserlichen erfahren, die mit ihrer Schwester reiste, um eine Weile bei Onkel und Tante in Einsamkeit zu leben. Ash selbst war erst in Rorikstatt zur Karawane hinzugestoßen, die ursprünglich von Weißlauf aus aufgebrochen war. Daher war sie an der Suche nach einer geeigneten Söldnertruppe nicht beteiligt gewesen. Die Söldner ließen sich stattlich entlohnen, weswegen niemand der übrigen Reisenden etwas dagegen einzuwenden gehabt hatte, als Ash anbot, im Gegenzug für die Aufnahme in der Karawane einen nicht allzu geringen Anteil als Silberlingen zum Sold der Söldner beizusteuern.

Einsamkeit war die letzte Station für Ash in Himmelsrand, bevor sie wieder in die Heimat aufbrechen würde. Zwei Kunden, der erste aus Winterfeste, der zweite aus Rorikstatt, hatte sie bereits erfolgreich beliefert. Kurz tasteten Ashs Finger über die schmale, lange Holzschatulle unter ihrem Umhang, die sie immer bei sich trug. Ihre Ware war delikat und Ash konnte nicht riskieren, dass sie in die falschen Hände geriet.

„Meine liebe A’shu‘ra, bis zum Ende der Reise habe ich den süßen Dunmer um meinen Finger gewickelt und er wird mir jeden Wunsch von den Augen ablesen“, riss sie unverhofft eine warme Frauenstimme aus den Gedanken.

Ash lupfte eine Augenbraue und blickte zu der hübschen Kaiserlichen auf, die neben ihr aufgetaucht war und über das Feuer hinweg besagtem Dunmer einen verführerischen Augenaufschlag schenkt. Da die junge Frau nicht gerade geflüstert hatte, war es höchstwahrscheinlich, dass der Söldner ihre Worte ebenfalls gehört hatte. Neugierig geworden, versuchte Ash die Reaktion des grünschnäbligen Dunkelelfen zu erhaschen – und musste sich ein leises Lachen verkneifen, als sich ein zartrosiger Schimmer über dessen aschgraue Wangen legte, er den Kopf einzog und sich mitsamt seinem Eintopf verdrückte.

„Eher bekommt der Kleine einen Herzinfarkt bei deinem schamlosen Geschäker“, gab Ash mit einem Schnauben zurück. Ihr Gegenüber zuckte mit den Schultern und ließ sich auf der noch freien Seite neben Ash nieder.

„Ach, lass mir das bisschen Spaß.“ Sie grinste schief und fuhr fort: „Er ist aber auch so leicht in Verlegenheit zu bringen. Und du musst zugeben, er ist niedlich – für einen Dunmer.“

Ash lachte rau auf. „Du findest alles mit zwei Beinen und einem Schwanz niedlich.“

„Psst, neben dir sitzt ein Kind!“, empörte sich die junge Frau gespielt. „Und erzähl mir nicht, dir seien die hohen Wangenknochen, an denen man sich sicherlich schneiden könnte, dieser feine Schwung um den Mund und dieser wirklich, wirklich durchtrainierte Körper nicht ebenfalls aufgefallen“, fügte sie noch mit einem verschwörerischen Ton hinzu und stupste Ash mit dem Ellenbogen in die Seite.

„Da müsste man schon blind sein“, stimmt Ash brummend zu. „Na dann los, schnapp ihn dir, bevor es ein anderer der Reisenden tut oder bevor die Reise vorbei ist.“

Die beiden kaiserlichen Schwestern waren nämlich nicht die Einzigen unter den Reisenden, denen der Dunmer ins Auge gefallen war. Sehr zu Ashs Erheiterung hatte sie den unerfahrenen Söldner mehr als einmal dabei beobachtet, wie er die Avancen des einen oder anderen ob der langen Reise recht einsamen Händlers jeglichen Geschlechts abzuwehren versuchte. Er war wirklich recht attraktiv, allerdings glaubte Ash, dass er diese Vorzüge nicht seiner Dunmer Seite zu verdanken hatte. Sie war sich relativ sicher, dass gemischtes Blut durch seine Adern floss, denn er war zu groß für einen Dunmer und seine Gesichtszüge waren eher elegant als hart, wie es bei den meisten übrigen Dunkelelfen der Fall war. Einer seiner Vorfahren war vermutlich altmerischer Abstammung gewesen, denn seine Ohren waren noch immer zu spitz, als dass menschliches Blut durch seine Adern hätte fließen können.

„Ich mach doch nur Spaß“, entgegnete die junge Kaiserliche jedoch mit einem letzten, schiefen Lächeln und fuhr ein wenig nüchterner fort: „Ich habe einen sehr ausgewählten Geschmack, was Männer angeht und ein Hauptkriterium für mich ist Erfahrung. Viel Erfahrung, wenn du verstehst, was ich damit sagen will – die dieser Grünschnabel mit Sicherheit noch nicht aufweisen kann.“

„Hm.“ Ash nickte zustimmend und sah sich in ihrer Einschätzung bestätigt, während sie den letzten Löffel Suppe in ihren Mund schob. Sie kannte die beiden Schwestern erst eine sehr kurze Zeit, aber wenn sie eines über sie gelernt hatte dann war es, dass bellende Hunde häufig eben doch nicht bissen.

„Wie lange sind wir wohl noch unterwegs, was meinst du?“, wechselte die Kaiserliche dann auch wie erwartet das Thema.

„Ohne allzu starken Schneefall oder irgendwelche anderen Zwischenfälle sollten wir Einsamkeit in zwei bis drei Tagen erreichen“, mutmaßte Ash dann mit nachdenklichem Blick und gab der Khajiit Händlerin ihre leere Schale zurück.

„Puh, wird auch Zeit.“ Ihr Gegenüber klang wirklich erleichtert und warf einen leicht nervösen Blick in den Nachthimmel. „Ich bin nicht scharf darauf, am Ende doch noch einem Drachen zu begegnen“, fügte sie flüsternd hinzu, als könne allein seine Erwähnung eines der geflügelten und sagenumwobenen Monster herbei beschwören.

„Lieber ein Drache als zwischen die Fronten von Kaiserlichen und Sturmmänteln zu geraten“, gab Ash trocken zurück. Die Kaiserliche blickte sie prüfend von der Seite her an, entgegnete allerdings nichts. Ash hatte während der Reise selten das Thema selbst angeschnitten, aber grundsätzlich auch nie einen Hehl daraus, dass sie für keine der beiden Seiten sonderlich viel übrig hatte. Wenn es etwas gab, für das sie sich schon seit geraumer Zeit nicht mehr interessierte, dann war es Politik. Vielleicht war es nicht das Klügste, dies offen kund zu tun, denn man konnte nie wissen, mit welcher Partei sein Gegenüber gerade sympathisierte. Da Ash jedoch nicht vorhatte, sich in Himmelsrand häuslich nieder zu lassen oder länger zu bleiben als unbedingt notwendig, war es ihrer Meinung nach der Mühe nicht wert, ständig darauf bedacht zu sein, was sie wem gegenüber erwähnte.

„In Einsamkeit befindet sich dein letzter Kunde in Himmelsrand, oder?“

„Mmh-hm“, bestätigte Ash und glaubte zu wissen, was gleich folgen würde.

„Darf ich es noch einmal sehen?“ Ohne ihr Gegenüber anzuschauen griff Ash in ihren Umhang, zog die schmale Schatulle hervor und überreichte sie der Kaiserlichen wortlos, welche sie mit einem leisen Klicken öffnete.

„Oh, so hübsch“, seufzte diese dann leise und Ash gestattete sich ein Lächeln.

Der schmale Dolch war tatsächlich eine der Arbeiten, auf die sie besonders stolz war, jedoch aus ganz anderen Gründen, als man vermuten mochte. Sicher, Ash hatte sich sehr viel Mühe gegeben, die Klinge wieder und wieder zu falten, zu härten, bis sie eine Schärfe erreicht hatte, die ihres gleichen suchte. Der Griff war schlicht und dennoch sehr kunstvoll verziert und sie hatte es zudem geschafft, dem Stahl der Klinge durch verschiedenste Chemikalien einen exquisiten, bläulichen Schimmer zu verleihen. Doch auch, wenn die Waffe auch ohne das gewisse Extra, das alle von Ashs Arbeiten ausmachte, eine formidable Klinge darstellte, war dies doch nur der äußere Schein. Die vielen verschiedenen Zauber, die Ash während des Schmiedens langsam und geduldig in das Metall hatte fließen lassen, erschlossen sich dem Besitzer der Klinge jedoch erst, wenn dieser wusste, wie man mit ihr umzugehen hatte.

„Ehrlich Ash, wenn du es mir nicht gesagt hättest, wäre ich nie darauf gekommen, dass du eine Schmiedin bist.“ Fast ein bisschen wiederwillig legte die junge Frau den Dolch dann zurück in seine Schatulle und sah dann dabei zu, wie Ash diese wieder in ihrem Umhang verschwinden ließ.

„Wie häufig hast du mir das nun schon gesagt?“, gab Ash lachend zurück.

„Aber es ist doch wahr!“, entgegnete die Kaiserliche dann vehement – wie jedes Mal – und pikste Ash wie um ihre Worte zu bekräftigen mit dem Zeigefinger in den Oberarm. „Kaum Muskeln und deine Hände sind ganz weich und weisen keinerlei Schwielen auf.“

„Ein Buch sollte man nicht nach seinem Umschlag beurteilen“, erwiderte Ash schmunzelnd und versank dann noch tiefer in ihren Umhang, als ein aufkommender Wind sie erneut frösteln ließ.

„Du magst die Kälte wirklich nicht sonderlich, oder?“

Ash zuckte mit einer Schulter. „Meine Heimat liegt ebenfalls weit nördlich, doch durch die warmen Meeresströmungen ist das Klima recht mild und das das ganze Jahr über“, gab sie zurück. „Sagen wir mal, dass es mir ganz recht ist, wenn ich Himmelsrand bald wieder verlassen kann.“

Als habe der Wind Ashs Worte zum Anlass genommen, frischte dieser erneut auf. Der kleine Khajiit sprang auf und lief mit einem verabschiedenden Winken in Ashs Richtung zum Zelt seiner Familie. Eine Söldnerin trat an das Feuer und verkündete, dass sie morgen direkt bei Sonnenaufgang aufbrechen würden, um die immer kürzer werdenden Sonnenstunden optimal für die Reise nutzen zu können. Wie von Ash vermutet war es nicht mehr weit bis Einsamkeit. Und so verabschiedete sich auch Ash für die Nacht und zog sich in eines der Gemeinschaftszelte zurück. In viele Decken gehüllt, fand sie recht schnell Schlaf.
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