Die Verschiedenen

von Kalina
GeschichteDrama, Thriller / P12 Slash
Jakob Lundt Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf Mark Tavassol Matthias Schweighöfer Thomas Schmitt
28.09.2019
10.10.2019
4
20071
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Kapitel 3: Das Gespenst des Vergänglichen


Als Klaas am Freitag in die Firma kam, hatte die Stimmung ihren bisherigen Tiefpunkt erreicht. Eine Woche war seit Jokos Sturz vergangen – doch dessen Zustand blieb unverändert. Nichtsdestotrotz stand ab nächstem Montag wieder die wöchentliche Aufzeichnung von Klaas‘ Show Late Night Berlin an, was die Florida TV zu Hochtouren auflaufen ließ, aber ebenso ihre Recherchekapazitäten bezüglich Jokos Unfalls und des Rituals schmälerte. Klaas hatte wenig Nerv, Einspieler für die Sendung zu produzieren, während er mit dem Kopf ganz woanders war und er merkte, dass es nicht nur ihm so ging. Schmitti, Jakob, Thomas und Rauli quälten sich genauso; schoben Überstunden, in denen sie online Artikel und Blogs wälzten, Video-Archive durchstöberten, oder in schwerfälligem Englisch und gebrochenem Spanisch Mails und Telefonate mit Leuten aus Bolivien austauschten, die vielleicht mehr wussten, als die Gräben des Internets preisgaben.

Auch Klaas hatte abends noch lange das Netz durchforstet, zu Hause mit dem Laptop auf dem Sofa campiert, bis ihm die Augen schmerzten und es lange dunkel geworden war; oder auf dem Handy, wenn er bei Joko im Krankenhaus saß. Das ein oder andere Mal hatte er dabei mit Joko gesprochen. Einseitig, einfach laut gedacht, auch wenn das sonst eher Jokos Ding gewesen war, als sie sich noch ein Büro geteilt hatten. Irgendwie hatte es Klaas ein Stück Normalität zurückgegeben. Man verbrachte keinen Nachmittag schweigend mit dem Winterscheidt in einem Raum. Nicht, dass sie nicht auch zusammen schweigen konnten – aber es kam in dem Sinne nicht oft vor.

Klaas hatte auch Mark weitere Male belagert. Der war natürlich noch genauso skeptisch und ratlos wie zuvor. Seine Zeit als praktizierender Mediziner lag schon eine Weile zurück – und Neurologie war nie einer seiner Schwerpunkte gewesen. Er erinnerte Klaas aber daran, dass Gehirnverletzungen jeglicher Art - und damit auch Schädel-Hirn-Traumata – in ihrem Verlauf und ihren Auswirkungen schwer vorherzusehen waren, weil man selbst im einundzwanzigsten Jahrhundert noch verhältnismäßig wenig über das graue Rechenzentrum in unseren Köpfen wusste. Zerknirscht hatte Klaas sich damit zufriedengeben müssen.

Über das verstörende Erlebnis am Dienstagabend hatte Klaas hingegen eisern geschwiegen. Er glaubte nicht an Übernatürliches, an Götter oder dergleichen. Und er hatte Joko, als der nach dem Dreh im Horrorhaus damals seine Meinung geändert hatte, mehr als einmal dafür verspottet. Doch nun war Klaas selbst in seiner eigenen Wohnung das beklemmende Gefühl einer fremden Präsenz nicht losgeworden; es war ihm regelrecht schwer gefallen, nach dem Zähneputzen die geschlossene Badezimmertür wieder zu öffnen und durch den Flur zum Schlafzimmer zu gehen, weil er jederzeit damit rechnete, eine hagere Gestalt im Halbdunkeln stehen zu sehen.
     Als er am Mittwochnachmittag wieder für ein paar Stunden ins Krankenhaus gefahren war, hatte er in einem Zustand ängstlicher Wachsamkeit verharrt, jederzeit in der Erwartung, eine weitere, verstörende Begegnung zu haben. Die Schwester auf der Station war höchst irritiert gewesen, welche alte Dame er am Vortag im Aufenthaltsbereich gesehen haben wollte. Klaas hielt sich daher zurück, selbst als die Lichter an der Decke erneut verdächtig flackerten – was dem Personal so ebenfalls nicht aufgefallen war – und er, nachdem er kurz das Bad benutzt hatte und wieder ins Zimmer trat, hätte schwören können, dass da der Schatten einer zweiten Person um die Ecke verschwunden war. Hastig war er in den Raum gestolpert – nur, um diesen wieder, bis auf den reglosen Joko, leer vorzufinden.

Gestern hatte Klaas sich wieder mit Mark getroffen und es darüber nicht ins Krankenhaus geschafft... und heute würde er Lara und Maya die Zeit und den Raum dort geben. Denn da Jokos Zustand sich nicht gebessert hatte, würde Lara am heutigen Tag zusammen mit ihrer Tochter nach Berlin zurückkehren und über das Wochenende bleiben.

Nun saß er am Schreibtisch in seinem Büro und streckte die Beine von sich. Es war regnerisch draußen; zu hell, um drinnen die Lichter einzuschalten, aber zu grau, um die Atmosphäre als lebhaft bezeichnen zu können. Der frühe Nachmittag war von dieser Zähe durchzogen, wenngleich ihnen in der Firma eigentlich das Wasser bis zum Hals stand. Neben den Vorbereitungen für die anstehenden Sendungen, LNB und das Duell, investierten sie ihre freien Minuten in die Recherchen. Noch gab es nichts Konkretes, aber als Klaas vorhin in Jakobs und Raulis gemeinsamem Büro vorbeigeschaut hatte, war Jakob verhalten hoffnungsvoll, eine Spur gefunden zu haben. „Jemand, der wohl Kontakte zur bolivianischen Polizei hat, und uns vielleicht helfen kann, Gonzalo zu finden...“ Von dem auch kein Lebenszeichen mehr gekommen war. Klaas hatte, ob der vielen Unsicherheitsoperatoren in Jakobs Aussage, skeptisch zu seinem Show-Sidekick geguckt.

Einer der größeren Stressfaktoren gerade war außerdem der Umgang mit der Presse. Natürlich hatte die Nachricht, dass Medienstar Joko Winterscheidt mit einer nicht unerheblichen Verletzung dort eingeliefert wurde, das Krankenhaus noch am selben Tag verlassen. Flurfunk ließ sich eben nie ganz unterbinden. Aber selbst nachdem Jokos Management ein knappes Statement herausgegeben und um Rücksichtnahme gebeten hatte, waren natürlich trotzdem so manche Reporter, oder was sich dafür hielt, wie die Schmeißfliegen auf einen Beitrag heiß gewesen. Zum Teil hatte die lauernde Meute spekuliert, dass Jokos Unfall mit den Dreharbeiten für die neuste Duell um die Welt-Ausgabe zusammenhängen könnte, obwohl die Stellungnahme klar den Sturz im Treppenhaus als Ursache für seinen derzeitigen Zustand genannt hatte. Diesen Sturz wiederum führten einige ärgere Blätter, wohl auch aufgrund Jokos exzessiver Party-Vergangenheit, nun auf wieder ausschweifenden Alkohol- oder gar Drogenkonsum zurück. Und auch dieser mochte schließlich mit vorangegangenen Dreharbeiten in Verbindung stehen. Immerhin hatte Joko nach den ersten Staffeln des Duells in einem Best-Of-Special seinerzeit selbst zugeben müssen, an diverse Einspieler keine vollständige Erinnerung mehr zu haben. Dafür hatte er es damals spannend, aber auch ein bisschen seltsam gefunden, die Lücken mittels der Aufzeichnungen für die Show wieder füllen zu können.

Die vermutete Verbindung zu den Dreharbeiten und Jokos Aufgabe in Bolivien hatten sie jedoch erfolgreich kleinhalten können. Gerade das Duell um die Welt war in der Vergangenheit schon zu oft Zielscheibe der Kritik gewesen, als dass sie sich ein jugendlich-leichtsinniges any publicity is good publicity gegenüber der Presse leisten konnten. Hastig und übermüdet auf der Treppe gestürzt – so schnell kann es eben manchmal gehen. Und nachdem inzwischen eine Woche vergangen war, hatte sich die Heuschreckenhaftigkeit des Reporterschwarms auch etwas gelegt. Denn eine Woche in komatösem Zustand war kein dummes Entgleisen wie beim Bis einer heult-Dreh, wo man ihnen damals mit einer Mischung aus Empörung, Vorwürfen und Schadenfreude begegnet war. Insgeheim aber hofften und bangten sie wohl alle an einem Strang: nämlich dass Joko, dieser schräge und allseits beliebte Kerl, möglichst bald aufwachen möge. Vor allem von Seiten der Fans überwogen natürlich die Wünsche nach Besserung und Gesundheit... was wiederum zu einem deutlich erhöhten Postaufkommen in der Florida TV führte. Klaas beneidete derzeit niemanden in der Social-Media-Abteilung um deren Job.


Am frühen Nachmittag hatte er sich mit Thomas Martiens zusammengesetzt, dem kaum Aufgaben im Rahmen von LNB, dafür aber viel Koordination rund um das Duell zufiel. Sie hatten beschlossen, den Ausstrahlungstermin für das neue Duell bis auf weiteres zu verschieben, die Show aber nicht ganz abzusagen. Außerdem würden sie Jokos fehlende Aufgabe durch ein weiteres, wahrscheinlich zuschauerinteraktives Studiospiel ersetzen.
     Für das Gespräch hatten sie sich in den leeren Ruheraum an eine der Fensterfronten gesetzt. Klaas aufs Sofa und Thomas auf den Sessel ihm gegenüber. Nur waren sie mittlerweile eigentlich mit allem Geschäftlichen durch und Klaas hatte sich in seinen Gedanken wieder über den geschäftigen Szenen der Stadtkulisse verloren.

„Klaas?“ holte Thomas ihn schließlich aus der Stille seiner Grübeleien zurück.
„Hmmm?“ erschöpft wandte es sich wieder seinem Gegenüber zu.
„Willst du heute noch ins Krankenhaus?“ fragte Thomas ihn ruhig.
Klaas zückte das Handy aus der Hosentasche und ließ das Display aufleuchten. Es war kurz vor vier. „Ich denke eher nicht... Lara ist ab heute mit Maya da. Ich geh wahrscheinlich am Wochenende wieder hin.“ Er sah auf, „warst du schon da?“
„Bisher nicht,“ antwortete Thomas leise, „ich würde auch lieber hingehen, wenn Joko aufgewacht ist, denke ich.“

Thomas seufzte unterschwellig, fuhr sich kurz mit der linken Hand durch den Bart. Klaas beobachtete ihn. Wie so oft hatte Thomas sich die Nägel der linken Hand bunt und in unterschiedlichen Farben lackiert; blau, kirschrot und nachtviolett, und die der rechten Hand kurz und farblos belassen. Seine braunen Augen umrandete tiefschwarzer Eyeliner, passend zu seiner Haarfarbe und dem Bart, der sein markantes Gesicht umrahmte. Er trug auch seine typischen Ohrringe; kleine, silberne Ringe im wahrsten Sinne des Wortes. Manchmal, dachte Klaas, hatte Thomas was von einem Jack Sparrow-Verschnitt – aber nur, wenn man ihn nicht kannte. Denn der fast zwei Meter große Mann war eine ruhige, eher zurückhaltende Persönlichkeit – Partys ausgenommen – und mit seinem koordinierenden Job als Autor, Redakteur und späterer Produzent von HalliGalli hinter der Kamera stets sehr glücklich gewesen.
     Thomas war eine der Konstanten der Firma, innerlich wie auch von seinem Erscheinungsbild her. Den Nagellack, den dichteren Kinnbart und den Eyeliner; all das hatte er schon zu MTV Home-Zeiten gehabt, wo Joko und Klaas ihn kennengelernt hatten. Und es war dieses gewisse gegenseitige ‚sich im Anderssein erkennen‘, in ihrer Schrägheit und all ihren krummen Lebenswegen, das sie im Team schnell von Kollegen zu Freunden hatte werden lassen. Klaas wusste, dass das auch für ihn galt. Den einsvierundsiebzig kleinen Friseur aus Oldenburg, dem die Welt so leicht unterstellte, dass ihm seine Pläne im Größenwahn über den Kopf geschossen waren.
     Er erinnerte sich gut an sein erstes Aufeinandertreffen mit Thomas. Natürlich fiel dessen Erscheinung auf, vor allem die Schminke und die oftmals einseitig lackierten Fingernägel. Klaas hatte später erfahren, dass Thomas schon den einen oder anderen irritierten bis dummen Spruch dafür abbekommen hatte. Von ‚Hä? Warum lackierst du dir die Fingernägel?‘ bis ‚Bist du schwul oder warum schminkst du dich?‘ war alles dabei. Klaas hingegen hatte Thomas kurz gemustert und nach der knappen namentlichen Vorstellung lediglich gefragt, ob er denn Akustik- oder E-Gitarre spiele. Als der mit breitem Grinsen ‚beides‘ geantwortet hatte, war das der Grundstein ihrer Freundschaft gewesen.

„Klaas? Alles okay?“

Klaas schrak ein wenig auf, sah hochgezogene Augenbrauen, unter denen sein Gegenüber ihn besorgt musterte. „Sorry, war in Gedanken...“ murmelte er.
„Hab’s gemerkt,“ lächelte Thomas. „Ist es wegen Joko?“ Sie sahen sich an. Eine alte Gemeinsamkeit schwang darin mit. Thomas, in seiner ruhigen und empathischen Art... Klaas sah wieder weg und aus dem Fenster. „Auch,“ meinte er nur.
Thomas nickte. „Ich weiß, gerade ist alles ein bisschen viel–“
„Passt schon,“ antwortete Klaas schnell. Er sah wieder zu ihm. „Wie isses denn bei dir... wie geht’s Lucas?“ versuchte er sich an einem Themenwechsel.
„Ähm...“ etwas bedröppelt schaute nun sein Gegenüber weg und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare, „wir haben uns getrennt. Ist aber schon ‘n bisschen her... war noch vor den Reisen fürs Duell jetzt.“
Klaas gab sich innerlich eine Ohrfeige. „Fuck... tut mir leid.“
Thomas zuckte unbeholfen mit den Schultern. „Manchmal klappt’s halt nicht...“ sagte er selber nach einer Weile. Wieder verfielen sie in kurzes Schweigen. „Klaas... das mit Joko wird schon wieder,“ sagte Thomas schließlich und lächelte ihn ehrlich aufmunternd an. Klaas brachte lediglich ein Nicken zustande.


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Sie saßen an Jokos Bett und schwiegen. Zumindest Lara und Klaas. Maya hatte sich auf der anderen Seite auf einen ganz nach oben gefahrenen Drehstuhl gesetzt und spielte ein Rennspiel auf dem Smartphone. Immer wieder kommentierte das quirlige zehnjährige Mädchen ihren Fortschritt – nicht wirklich gegenüber ihnen beiden, sondern vor allem für ihren Vater. „Hah, Papa, für das Level hast du viel länger gebraucht,“ verkündete sie über das konstante Piepen der Maschinen hinweg. Lara warf einen Blick auf die Uhr. „Maya?“ sagte sie sanft, „wir müssen bald, sonst verpassen wir das Flugzeug.“
Mit einem Mal verschwand das Lächeln aus ihrem Gesicht und das Mädchen zog eine Schnute. „Ich will aber noch nicht weg...“ protestierte sie.
„Maus, wir müssen wieder nach Hause. Du hast doch morgen auch Schule...“
Unzufrieden sah Maya von ihrem Handy auf und griff entschlossen nach der Hand ihres Vaters. Lara seufzte. „Spätestens nächstes Wochenende kommen wir wieder, in Ordnung? Und bis dahin passt der Klaas bestimmt gut auf den Papa auf...“ Mit einem Mal fixierten ihn Mayas rehbraune Augen neugierig und wachsam. Klaas nickte automatisch.
„Ich wollte aber auch noch Schwester Anja Tschüss sagen,“ beschwerte sie sich da und ihre Mutter lächelte müde. „Magst du das dann jetzt machen, damit wir danach fahren können?“
„Okay.“
„Soll ich mitkommen?“
„Nein, ich weiß wo das ist,“ erklärte die Zehnjährige bestimmt, hüpfte von ihrem Platz – das Handy noch in der Hand – und machte sich auf in Richtung Schwesternzimmer.

Als ihre Tochter das Zimmer verlassen hatte, seufzte Lara laut, fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht, stütze es kurz in die Handflächen. Die Lichter flackerten. Klaas zuckte zusammen, sah rasch zu Lara, die aber gerade erst wieder den Kopf hob.
„Sie ist wirklich tapfer,“ murmelte er.
Lara schnaubte. „Am Freitag hat sie fast zwei Stunden lang nur geweint,“ erwiderte sie kühl. Klaas schluckte. „Aber eine Psychologin hat mit ihr gesprochen,“ fuhr Lara fort, „und die Ärzte haben ihr gesagt, dass es Joko vielleicht beim Aufwachen hilft, wenn wir mit ihm reden... und das hat sie dann gemacht...“
Schweigend betrachtete Klaas seinen besten Freund. Die Blutergüsse verfärbten sich langsam zurück ins Gelbliche und die Bandagen von seinem Arm waren verschwunden. Schmerzhaft zog sich etwas in seiner Brust zusammen. Es spräche optisch wirklich nichts dagegen, dass Joko einfach die Augen öffnete. Und doch...

„Du hast dir die Aufnahmen angesehen?“ fragte Lara.
Klaas nickte, löste seinen Blick von Joko. „Ja.“ Er spürte, wie sie ihn erwartungsvoll ansah. Zögerlich und etwas resigniert wandte er sich Lara zu. „Es war... na ja, schon gruselig, wie Thomas und Jakob gesagt haben. Aber ich denke, das haben sie ja auch Joko beschrieben. Und... dann weißt du alles Wesentliche,“ nuschelte er und schaute auf ihre streng gefalteten Hände. Hoffte, dass ihr klar genug wurde, dass er sie nicht aus böser Intention oder Vergesslichkeit nicht angerufen hatte – sondern ihm einfach nicht klar gewesen war, was er ihr noch hätte sagen sollen.
„Okay...“ sagte sie langsam.

Vielleicht hätte es sie beide trösten sollen, dass sie diese Hilflosigkeit teilten. Dass sie sich gleichermaßen Sorgen um Joko machten. Aber sie waren einfach nie so richtig warm miteinander geworden. Dafür kannten sie sich zu wenig – und dafür war Jokos Arbeit, mit der Klaas unzertrennlich verbunden war, zu oft Konfliktpunkt in seinem Privatleben gewesen. Nicht nur, aber auch wegen besagter Arbeit lief es nicht gut zwischen Lara und Joko. Und transitiv implizierte das, dass es auch wegen Klaas nicht gut zwischen ihnen lief.

Klaas war nie besonders gut mit Gefühlen gewesen. Nicht per se – zum Teil steckte da sicher die lahme, stereotype Männerentschuldigung hinter, um sich gar nicht erst die Mühe machen zu müssen. Zum Teil war es aber auch ein Schild, das echte Angst verbarg. Sich für die Gefühle anderer Menschen zu öffnen und empathisch zu sein, hieß immer auch, eigene Gefühle zuzulassen. Und davor hatte er sich ein ums andere Mal gedrückt. Weil’s der leichtere Weg war. Wie es auch der leichtere Weg war, gemein zu anderen zu sein, mit einer fiesen Lache noch einen drauf zu legen, dass sich die Gegenseite doch bitte nicht so haben sollte. Warum? Weil auch hier mehr Empathie und weniger Spaß auf Kosten anderer die Anerkennung von deren Betroffenheit impliziert hätte. Und damit zu oft auch seiner eigenen. Wer über den Typen lachte, der hochkant vom Fahrrad geflogen war; wer die Leichtgläubigkeit anderer Menschen ausnutzte, um denen Streiche zu spielen – der zeigte eben, dass das alles schon nicht so schlimm war; dass man es locker nehmen sollte, sich nicht so haben sollte; dass das alles nicht so ernst sei. No big deal. Und allzu oft sagte so was mehr über die Person aus, die Streiche spielte und die anderen auslachte, als über diejenigen, die Ziele dieser Handlungen wurden.

Diese Person war Klaas. Der nicht gerne verletzlich war. Der mit schiefem Grinsen und Zwinkern im Auge schon in Interviews gestanden hatte, dass er mit zehn Zentimetern mehr auf dem Körpergrößenkonto vielleicht auch eine etwas andere Persönlichkeit geworden wäre. Und der früh gelernt hatte, eigene Unsicherheiten durch doppelte und dreifache Schadenfreude und Gemeinheit auszugleichen.

Und dann kam Joko.

Gutmütig und wunderbar leicht zu verarschen; der sich aufbrausend ärgern, aber nie lange wütend bleiben konnte – dafür müsste man ihn schon wirklich böse hintergehen. Joko war mit all seiner Offenheit und Emotionalität wortwörtlich immer wieder in Klaas reingerannt; war amüsiert und liebevoll geblieben, wenn Klaas fiese Sprüche gekloppt hatte; hatte ihn mit Umarmungen überhäuft, selbst wenn Klaas ihn lästig und einen Idioten nannte. Joko war nicht neidisch. Joko war wahnsinnig loyal und schätzte diese Eigenschaft auch in anderen. Und er hatte die bewundernswerte Fähigkeit, andere Menschen in deren verschrobenen Eigenheiten herzlich zu akzeptieren, wo Klaas oft nur skeptisch und defensiv belustigt reagierte.

Es war einer der Punkte, in denen er von Joko gelernt hatte. Wie alle Menschen hatten auch sie sich über die Jahre verändert und waren – unglaublich aber wahr – mit der Zeit weiser geworden. Was nicht ausschloss, dass sie einen Kern ihrer traditionellen Idiotie gepflegt und für ihren Job als alternde Berufsjugendliche bewahrt hatten. Aber so wie Klaas Joko verändert hatte, ihn fokussierter und ehrgeiziger gemacht hatte, ihn über seine Grenzen gepusht hatte, sodass er daran wachsen konnte; so hatte Joko auch Klaas verändert, nur auf emotionaler Basis.

Joko hatte ihn immer bewundert, und im Gegensatz zu vielen anderen, die neidisch und missgünstig auf einen Co-Moderator gewesen wären, der sie vielleicht eines Tages überflügelt und abgehängt hätte, war Joko voll ehrlicher Begeisterung und Zuneigung gewesen. Und das furchtbar überfordernde war gewesen, wie einfach und entwaffnend er das Klaas wieder und wieder gesagt hatte. Diese dumme, positive Grundeinstellung vom Winterscheidt, dass sie beide nur gewinnen konnten, wenn sie offen und unterstützend füreinander da waren, sich freuten und zueinander hielten. Am Anfang hatte Klaas ihn für naiv gehalten, ihn stumm belächelt – bis Joko ihn mit seiner überschwänglich freudvollen Art wie ein Tanklaster der guten Laune gnadenlos mitgerissen hatte. Klaas hatte Joko provoziert, alle möglichen Grenzen getestet. Ihn bloßgestellt, ihn lächerlich gemacht; ihm Blutwurst aus seinem eigenen Blut untergejubelt, seine ethischen Grenze erfragt und ignoriert. Klaas hatte seine Höhenangst unzählige Male getriggert; ihn sogar aus einem Helikopter geschmissen.
     Joko war geblieben. Und nicht nur das – wenn sein Ärger verpufft war, war er wieder dieselbe erbarmungslos liebevolle Frohnatur wie vorher. Gutmütig, ein bisschen vertrottelt, herzlich. Joko, mit dem Hals aus Giraffe und dem Herz aus Gold. Der nie einen Hehl daraus gemacht hatte, dass Klaas einen ganz wichtigen Platz in diesem Herz einnahm.

Und genau das hatte Klaas so eine ungeahnte Form von bedingungslosem Rückhalt gegeben, dass es ihm manchmal fast den Boden unter den Füßen wegzog.

„Warum wolltet ihr wieder selber fahren...?“ riss ihn Laras leise Frage plötzlich aus seiner Erinnerung. Klaas sah wieder zu ihr und stellte fest, dass sie ihn gar nicht ansah. Müde und melancholisch war ihr Blick auf Joko gerichtet. Er war sich deswegen unsicher, ob da wirklich ein Fragezeichen am Ende ihres Satzes war, ob sie überhaupt eine Antwort wollte. Gerade fühlte es sich eher nach einem stummen Vorwurf an. Natürlich machte sie sich ebenfalls Sorgen um Joko. Dieser Sorge und auch dem Wunsch, ihre kleine Familie beisammen zu halten, war die Bitte entsprungen, Joko und Klaas mögen doch nicht mehr selbst auf ihre zunehmend gefährlichen Weltreisen gehen. Dass Joko sich nun doch für das Duell – und damit implizit für Klaas und gegen sie – entschieden hatte, traf sie. Es schien wie ein Zeichen, wen und was Joko vorzog. Ungeschönt und eisern. Klaas sah es. Die Bitterkeit, dass Joko mitgemacht, sich wieder in Gefahr begeben hatte.

„Man muss Prioritäten setzen, was?“ setzte sie nach. Klaas wusste nichts zu erwidern.
Er schluckte. „Es tut mir wirklich leid,“ sagte er nach einer Weile.
Lara strich sich konzentriert eine Strähne hinters Ohr. „Ja. Ich weiß.“ Sie trat ans Bett heran und griff nach Jokos Hand. Streichelte sanft darüber. „Ich muss nächste Woche wieder arbeiten,“ begann sie – und Klaas war kurz unsicher, ob sie zu ihm oder zu Joko sprach, „und ich will auch Zeit für Maya in München haben. Du siehst nach Joko, ja?“ Sie wandte den Kopf und Klaas sah aus seiner sitzenden Position zu ihr auf und nickte. „Danke,“ lächelte sie milde.

Die Tür zum Zimmer ging auf und schnelle Schritte kündigten Mayas Rückkehr an. „Bin wieder da!“ verkündete sie und lief zu ihrer Mutter. „Prima. Sagst du dann noch dem Papa bis bald?“ Jokos Tochter beugte sich über das Bett und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Für einen Moment hielt sie inne, dann drückte sie sich feste an ihre Mutter und schlang die Arme um sie. Lara strich ihr beruhigend über das blonde Haar. „Keine Sorge, der Papa wird bald wieder gesund,“ sagte sie sanft, hielt sich immer noch an Jokos Hand fest. Klaas sah weg, überlegte unsicher, ob er aufstehen und den dreien mehr Raum geben sollte.

„Soll ich dir nachher wieder Greta-Zöpfe machen?“ fragte Lara, als sie über Mayas lange, offene Haare streichelte und ihre Tochter nickte. „Gut. Aber dann komm jetzt, wir müssen los. Musst du nochmal aufs Klo?“
Maya sah zu ihr auf, zögerte plötzlich. „Ich will hier nicht...“ murmelte sie zu ihrer Mutter.
„Maya–“ Lara seufzte, hielt ihrer Tochter die Jacke hin, die ein „Mama, wirklich nicht“ hinterher setzte.

Klaas beobachtete die beiden still, als mit einem Mal die Lichter flackerten. Ganz kurz nur, keinen Augenschlag lang, trotzdem fiel es ihm auf. „Lara... ist dir hier noch irgendwas aufgefallen?“ fragte er plötzlich, ein wenig überrascht, sich selbst sprechen zu hören.
Die blonde Frau runzelte die Stirn, als sie ihrer Tochter in die Jacke half. „Was meinst du genau?“
„Ich meine hier im Krankenhaus. War da irgendwas seltsam...?“
Für einen Augenblick sah Lara ihn undefinierbar an. „Ich weiß nicht, was du mit ‚seltsam‘ meinst, Klaas“ sagte sie schließlich. „Falls du wegen der Presse oder so fragst, da wurden wir halbwegs in Ruhe gelassen. Bisschen Anstand haben sie dann doch manchmal...“

Klaas bemerkte wie Maya ihn mit großen Augen aufmerksam beobachtete und er verbiss sich weiteres Nachfragen. „Schon gut, ist nicht so wichtig,“ murmelte er.
Lara schloss ihren eigenen Mantel und nickte. „Gut, also dann... mach’s gut. Mausi, sagst du auch noch Tschüss?“
„Tschüss, Klaas.“ Maya winkte, während sie mit der anderen Hand die ihrer Mutter ergriff.
„Tschüss, ihr beiden,“ erwiderte Klaas und lächelte schief und ungelenk.

Er setzte sich wieder neben Jokos Bett, rückte eins auf und nahm nun den Platz ein, auf dem Lara vorhin gesessen hatte. Doch da hörte er, was Maya sagte. Die sich bemühte, zu ‚flüstern‘ – so wie Kinder eben redeten, wenn sie dachten, dass man sie nicht hörte. Doch er verstand jedes Wort.

„Mama... hat Klaas auch den Mann gesehen?“ fragte Maya ihre Mutter.

Mit einem Mal schlug ihm das Herz bis in die Kehle. Es war keine bewusste Entscheidung, die er da in Sekundenbruchteilen traf. Es war das unterschwellige Wissen, dass sie gleich das Zimmer verlassen hätten, auf den Weg zum Flieger wären und der Moment damit vorbei war.

Klaas sprang auf und um die Ecke Richtung Tür. „Welchen Mann?“ fragte er laut, als Lara schon eine Hand an der Klinke hatte. Maya hielt ihre andere fest, sah aber nun auf zu Klaas. „Der mit dem kaputten Hemd... hast du den auch gesehen?“ Mit großen Augen und aufgeregter Neugier in der Stimme. „Der ist hier ins Bad gegangen,“ fügte sie mit ängstlichem Deuten auf die geschlossene Tür hinzu.
Klaas setzte an, als Laras eisiger und verständnisloser Blick ihn traf. „Ähm...“ nuschelte er und schluckte seine ursprüngliche Antwort, „ich weiß nicht. Ich dachte nur... ist nicht so wichtig.“ Verlegen rieb er sich den Nacken, vermied es, Jokos Tochter anzusehen, „tut mir leid... ihr müsst ja euren Flieger bekommen.“
Das stimmt. Maya, komm jetzt bitte. Wiedersehen, Klaas.“ Lara ging los und etwas zögerlich folgte ihr ihre Tochter am ausgestreckten Arm.

Klaas wartete bis die beiden das Zimmer gänzlich verlassen und die Tür wieder geschlossen hatten, bis er sich mit einem schweren „Fuck!“ eine Hand vor den Mund schlug.

Hinter ihm piepsten die Maschinen. Kurz flackerte die Deckenbeleuchtung. Mit glühendem Kopf und erhöhtem Puls starrte er auf die unscheinbare Tür zum kleinen Badezimmer.


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Am frühen Dienstagnachmittag saß Klaas auf ‚ihrer‘ Bank an der Spree und grübelte. Die Feuchtigkeit des Regens der letzten Tage hing noch in der Luft und er hockte warm angezogen und trotzdem leicht fröstelnd auf den kühlen Holzbrettern und starrte auf den grauen Fluss. Der Herbst war vollends über Berlin hereingebrochen, die Grasnarbe matschig und die großen, unregelmäßigen Pflastersteine rutschig unter seinen Schuhsohlen. Über allem sammelte sich das erste gelbbraune Laub.

Der Ort war etwa eine halbe Stunde Fußmarsch vom Redaktionsgebäude entfernt; zwanzig Minuten, wenn man zügig ging. In einer Reihe von Bänken, die die Promenade zierten, war diese hier die einzige, die alleine stand. ‚Ihre‘ Bank. Ein Abfalleimer an der linken Seite, mit etwas Abstand stand rechts davon eine der großen, gebogenen Laternen, die ab dem frühen Abend die Uferpromenade erhellten. Außerdem wachte auf dem schmalen Rasenstück unmittelbar hinter der Bank ein knorriger, hochgewachsener Laubbaum über den Platz, der an heißen Sommertagen kühlende Schatten spendete.

Klaas hatte oft mit Joko auf dieser Bank gesessen. Im Frühling, wenn die Tage schon warm genug für Eis waren; im Sommer mit einem Bier nach Feierabend; im Herbst, nachmittäglichen Coffee-to-go schlürfend. Vereinzelt sogar im Winter, wenn es sie nach Stunden am Schreibtisch doch noch auf einen ausgedehnten Spaziergang verschlagen hatte.

Er sah den trüben, aufgewühlten Fluss und die Angst kochte wieder in ihm auf, als Stationen ihrer gemeinsamen Laufbahn in seinem Kopf vorbeizogen. Berlin, MTV Home, ihr Rausschmiss, der Giro-Hero, NeoParadise, HalliGalli. Ihre Shows... Teamwork, das Duell – um die Welt und um die Geld – die Beste Show und schließlich Joko & Klaas gegen ProSieben. Klaas hatte den Abend nach der gestrigen Sendung noch damit verbracht, diverse Medizin-Blogs zu durchstöbern. Scheinbar nahm die Chance auf ein unversehrtes Erwachen aus komatösen Zuständen ab, je länger Menschen in solchen Zuständen lagen. Ohne es zu bemerken fing er wieder an, auf seinen Fingernägeln herum zu kauen. Es war ein Elend, dass die Ärzte immer noch nicht wussten, was mit Joko los war. Dass selbst die Profis keine Ahnung hatten.

Und alles war durchzogen von den Wurzeln der Befürchtung, dass er, Klaas, da irgendwie mit dran Schuld hatte. Weil es die Aufgabe von ihm und seinem Team gewesen war, die Joko so fertig gemacht hatte, dass der kaum mehr hatte schlafen können, und auf dem Weg zur Besprechung in diesem verdammten Treppenhaus gestürzt war. Das Wissen um diese Verursachungskette nagte an ihm... die Ahnung von Schuld.

Außerdem hing ihm die Begegnung mit Lara und Maya nach. Einerseits, weil er sie ebenfalls leiden gesehen hatte, aktiv trauernd und ringend, mit dem gleichen Schmerz und doch ganz anders; Jokos Familie, seine Tochter, die er so liebte – und die von dieser dummen Aufgabe ebenso direkt und schrecklich betroffen waren, wie Joko und Klaas selbst.
     Aber mindestens genauso verfolgte ihn Mayas zaghafte Frage an ihre Mutter. Ob er auch den Mann gesehen habe. Klaas war sich sicher, dass es derselbe war. Am liebsten hätte er die beiden kontaktiert, hätte Maya zu ihrer Begegnung mit dem Fremden befragt – aber Lara würde ihm den Kopf abreißen, wenn er auch nur irgendetwas in die Richtung versuchte. Wenn er ehrlich war, konnte er es ihr nicht verübeln.

Überhaupt hatte er auch am Sonntag erneut den Eindruck gehabt, dass in Jokos Zimmer etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Er war das unterschwellige Gefühl nicht losgeworden, dass ihn jemand oder etwas beobachtet hatte. Als er an Jokos Seite noch einmal kurz weggenickt war, hatten ihn wieder bizarre und gehetzte Träume verfolgt. Da am Montag die Sendung angestanden hatte, war er nicht zu lange geblieben... doch noch im Gehen hätte er schwören können, wie er aus den Augenwinkeln einen Schatten hinter dem Vorhang hatte verschwinden sehen.

Klaas stützte die Ellenbogen auf die Knie und ließ den Kopf in die Hände sinken. Er bemühte sich, tief durchzuatmen. Wünschte, wieder klar denken zu können; sich nicht mehr, so wie gestern Abend, durch seine Late Night Show quälen zu müssen... dass dieser ganze Spuk ein Ende fand. Dass Mark und Thomas ihm nicht mehr so besorgt hinterher sähen. Dass Maya und Lara nicht mehr litten. Dass Jakob nicht so fertig aussähe und jedes Lächeln fallen ließ, wenn ein Einspieler lief oder die Kamera gerade nicht auf ihn gerichtet war.

Dass Joko einfach wieder aufwachte und alles so wäre wie vorher.

Klaas konnte nicht sagen warum, aber in diesem Moment, auf ihrer Bank, fühlte er sich Joko plötzlich nah. Näher sogar als in dessen Büro. Als Klaas ein weiteres Mal die Augen schloss, tief durchatmete, konnte er sich beinahe einbilden, Joko säße hier neben ihm... schweigend, milde lächelnd, mit einem Coffee-to-go-Becher in der einen und seinem iPhone in der anderen Hand.

Klaas seufzte, fuhr sich übers Gesicht und hob den Blick starr geradeaus auf den grauen Fluss. Vermied es, nach rechts zu sehen, auf den leeren Platz neben sich, und hing dem wehmütigen Gedanken noch eine Weile nach.


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Es war schwerer als erwartet, unerkannt mit Matthias Schweighöfer an seiner Seite durch den Park des Krankenhauses zu spazieren. Klaas hatte schon damit gerechnet, dass der blonde Schauspieler erkannt würde... doch traten häufiger als gedacht Pflegerinnen wie Patientinnen auf sie zu, um sich zwar für die Störung zu entschuldigen, in einem aber trotzdem nach einem Foto oder Autogramm zu fragen. Natürlich tat Matthias ihnen den Gefallen – genauso wie Klaas, wenn er ebenfalls gefragt wurde.

Letztlich hatten sie ein wenig Ruhe an einem kleinen Weiher gefunden, der zum Krankenhauspark gehörte. Bänke und ein hölzerner Steg, der geradeaus ein Stück in das Wasser hereinreichte, befanden sich am vorderen Ende. In der Mitte des Gewässers trieb ein schiefes und etwas bemoostes Holzhäuschen für die ansässigen Enten. Ein Rundweg führte um den Weiher herum und zwischen den Bäumen hindurch, die dicht im hinteren Bereich standen und deren Laub sich allmählich herbstlich verfärbte. Auf dieser, dem Krankenhaus fernen Seite, mit Blick auf den Steg und Teile des Gebäudekomplexes im Hintergrund, hielten Klaas und Matthias inne.

„Eigentlich echt schön hier,“ murmelte Matthias und sah auf den Weiher. Klaas nickte und schob die kalten Hände tiefer in die Jackentaschen, mümmelte das Gesicht bis zur Nase in den aufgebauschten Schal.
     Er hatte am späten Nachmittag noch bei Joko vorbeigesehen, und war in dessen Zimmer zu seiner Überraschung auf den blonden Schauspieler gestoßen. Matthias und Joko waren zwar schon seit Jahren eng befreundet – er hatte Joko sogar zu einer kleinen Rolle in einem seiner Filme verholfen – aber Klaas hatte nicht erwartet, ihn schweigsam und alleine an Jokos Bett sitzen zu sehen. Vielleicht, weil Matthias stets ein energetischer Lebemann war, der in der ernsten, klinischen Umgebung ganz ohne jedes Lächeln auf dem Gesicht seltsam fehl am Platze wirkte.
     Klaas wusste, dass ihm von Zeit zu Zeit unterstellt wurde, Matthias nicht zu mögen, oder sogar eifersüchtig auf ihn zu sein. Nicht nur die Fans, auch das Team hatte ihn wiederholt mit neckenden Kommentaren darauf hingewiesen. Er selbst war sich relativ sicher, dass das nicht stimmte. Natürlich war Matthi in erster Linie ein enger Freund von Joko. Und Klaas war, im Rahmen ihrer Shows, das ein oder andere Mal gezielt gemein zu ihm gewesen, wenn Matthias sich – teils absichtlich provozierend – zwischen Joko und Klaas gespielt hatte. Aber nichts davon schlug böse Wurzeln. Klaas und Matthias waren... friendly miteinander, würde man wahrscheinlich sagen. Sie würden sich nicht zu zweit für einen Abend in der Kneipe verabreden; aber kamen gut miteinander aus, wenn sie sich doch privat begegneten. Erst Jokos Gegenwart verkomplizierte manchmal die Dynamik zwischen ihnen unterschwellig, was Klaas einzig darauf schob, dass die zwei ulkenden Lachsäcke sich gegenseitig aufputschten und darin anstrengend bis schwer erträglich für jedes dritte Rad am Wagen wurden. Er schob die Erinnerung an Jakob beiseite, der ihm während einer HalliGalli-Aufzeichnung amüsiert über den Knopf im Ohr mitgeteilt hatte, er solle mit den wütenden Blicken in Richtung Schweighöfer mal einen Gang zurückschalten.
     Joko war nun mal der Schlag Mensch, der problemlos mehrere beste Freunde hatte. Neben Matthias waren da zum Beispiel noch Paul Ripke, Sport-Fotograf und Jokos Podcast-Partner, sein alter Freund Felix aus Hamburg oder der Fußballer Patrick Owomoyela, um nur ein paar zu nennen. Ein lebensfroher Socialite eben. Bewusst nach Jokos Verhältnis zu ihm befragt, hätte Klaas natürlich geantwortet, dass er in dessen Freundeskreis eine zentrale und besondere Position einnahm. Dass es niemals auf vergleichbare Weise Joko und Matthi oder Joko und Paul gäbe wie es Joko und Klaas gab. Ihre Formulierung aus früheren Interviews - Er ist wie der Bruder, den ich nie haben wollte – war abgesprochen, einstudiert, tausendmal für die Presse wiederholt. Zu Beginn der Duell-Zeiten hatten sie sich darauf geeinigt, weil sie einerseits das Rivalen-Image schüren mussten, andererseits aber Erklärungen für die herzlichen Momente zwischen sich brauchten. Geschwisterliche Hassliebe kam da als Konzept gerade Recht. Traf aber nicht das, was sie waren... und vielleicht gab es bis heute keine ganz treffende Bezeichnung für sie beide. Weil ‚beste Freunde‘ zwar nahe dran, aber nach Jokos Maßstäben eben eigentlich noch zu wenig war.

„-Klaas?“

Er blinzelte, sah Matthias, der ihn mit einem milden Lächeln musterte. „Sorry... was hast du gesagt?“ fragte er und hob entschuldigend die Schultern.
„Eigentlich hab ich nur gesagt, dass Joko verdammt zäh ist. Überleg mal, wie oft ihr den schon fast kaputt bekommen habt. Der ist ein echtes Stehaufmännchen.“
Klaas grinste schief, um das fade Gefühl in seinem Bauch zu übertünchen. Matthias beobachtete ihn, dann seufzte er und klopfte ihm ermutigend gegen den Arm. „Klaas, echt jetzt... Joko war doch schon ‘ne Woche wieder hier. Der Sturz hatte nichts mit der Aufgabe zu tun. Das war einfach Pech.“

Klaas nickte, schnaubte kurz und presste die Lippen aufeinander. Er starrte auf den Weiher, auf den Steg und das verwunschene Vogelhäuschen in einiger Entfernung. Der Wind wehte ein paar Äste ins dunkle Wasser und sanfte Kreise zogen sich über die Oberfläche. Klaas fröstelte. Wortlos setzte er sich langsam wieder in Bewegung und hörte hinter sich, wie Matthias ihm folgte.


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Am Freitag zeichnete sich endlich ein Fortschritt in der Firma ab. Während Jakobs Polizeikontakt ins Leere gelaufen war - und sie allmählich die Hoffnung aufgaben, jemals wieder von Gonzalo zu hören - hatte er diesmal einen Informanten aufgetrieben, der angab, etwas zu den Seelenreisen und vergleichbaren Ritualen zu wissen.
     „Es ist ein Student, der uns Kontakt zu jemandem herstellen will, der wohl als Kind bei so ‘nem Stamm gelebt hat,“ erklärte er Klaas am Nachmittag in dessen Büro. Klaas nickte verhalten, zog die Stirn zusammen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Was denn?“ wollte Jakob wissen.
Klaas seufzte, „na ja... es sind fast zwei Wochen seit dem scheiß Ritual. Irgendwie hätte ich gedacht, wir finden schneller was...“ Unruhig drehte er sich ein wenig in seinem Schreibtischstuhl hin und her. Jakob zog sich ebenfalls eine Sitzgelegenheit heran und ließ sich darauf fallen. „Zu Astralreisen und so Zeug gibt es online auch einiges... aber halt auch sau viel Schrott. Ich dachte, uns ging es darum, möglichst konkret was über das Ritual rauszufinden, was sie da in Bolivien mit Joko gemacht haben?“
„Schon klar...“
Jakob fuhr sich knisternd durch den Bart. „Klaas, wir haben ja jetzt ‘ne Spur.“
Klaas verengte die Augen ein wenig. In Jakobs Tonfall schwang das gleiche ‚wir können es doch jetzt nicht ungeschehen machen‘ mit, das er schon gestern aus der Unterhaltung mit Thomas Schmitt herausgehört hatte. Thomas, der ihn mit am längsten kannte und der einer von Klaas wenigen engen Freunden war – der ihn aber ebenfalls mit dieser permanenten Mischung aus Besorgnis und Betroffenheit gemustert hatte.

„Aber erst mal: Aufzeichnung am Montag,“ erinnerte ihn Jakob und versuchte, halbwegs enthusiastisch zu klingen.
„Schon klar,“ erwiderte Klaas trocken.
Jakob grinste schief, aber auch ein wenig betroffen. „Klaas, wir sind gerade erst aus der Sommerpause zurück...“
Er fuhr sich müde mit den Händen übers Gesicht, „ich weiß...“
„Ich mach mir ja auch Sorgen,“ sagte Jakob leise. Er zupfte sich verhalten den Pullover zurecht, der über seinen Bauch spannte. „Wir versuchen, das mit dem skypen schnell zu arrangieren...“

Ein plötzliches Handyklingeln ließ sie beide aufschrecken. Klaas griff rasch nach dem Gerät, das aufleuchtend auf seinem Schreibtisch vibrierte. Er sah den Namen auf seinem Display und sein Puls beschleunigte sich. Schnell hob er das Handy und nahm den Anruf an.
„Ja, Lara?“ sagte er und hielt in jeder Bewegung inne. Jakob hob die Augenbrauen und sah ihn ebenfalls aufmerksam an.

„Klaas? Ich wollte dir nur Bescheid geben... Joko ist aufgewacht.“
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