Die Verschiedenen

von Kalina
GeschichteDrama, Thriller / P12
Jakob Lundt Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf Mark Tavassol Matthias Schweighöfer Thomas Schmitt
28.09.2019
16.11.2019
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Kapitel 2: Und alles schwieg


In diesem wie in eigentlich jedem Krankenhaus roch es nach dem krampfhaften Versuch, die Chemie des Lebens durch den großflächigen Einsatz von Putzmitteln, Desinfektionslösung und gehetzter Betriebsamkeit so gut als möglich zu erhalten. Für Klaas war es ein vertrauter Geruch aus seiner Zeit als Zivi auf der Geriatrie und der Arbeit seiner Mutter als Altenpflegerin – und im Gegensatz zu vielen Menschen fand er ihn bisher weder erschreckend, noch abstoßend. Dieses beißend Klinische der medizinischen Einrichtungen; von Oberflächen, die unpersönlich und leicht zu säubern sein sollten; von gebleichten Kleidungsstücken, viel Plastik und Metall.
Doch als er nun mit Jakob an seiner Seite die Flure des Krankenhauses entlang hastete, immer knapp unterhalb der Bewegungsgrenze, ab der sich Gehen in Laufen verwandelte, kroch ihm plötzliche Beklemmung tief unter die Haut. Die ätzende Sorge, dass in dieser unpersönlichen, abfertigenden Umgebung irgendeine Art von Schlussstrich zwischen ihn und Joko gezogen werden sollte.

Natürlich wurde Klaas erkannt und es war wohl eben dieser öffentlichen Bekanntheit von Joko, ihm und ihrer Beziehung zueinander zu verdanken, dass das Krankenhauspersonal sie nicht vollkommen uninformiert zum Warten verdammte. Joko, so erfuhren sie, war heute früh im Treppenhaus des Mietshauses, in dem seine Berliner Wohnung lag, gestürzt und nicht wieder aufgestanden. Bewusstlos, mit Prellungen und einer blutenden Platzwunde am Kopf hatte man ihn ins Krankenhaus eingeliefert.

Während Klaas grimmig und angespannt in einen der aufgereihten Plastikstühle gesunken war, wechselte Jakob neben ihm immer wieder hektisch zwischen Handy und Tablet hin und her. Dass er Klaas begleitete, hatte seinen Grund nicht nur in dem entsprechend scharfen Sicherheitshinweis von Thomas Schmitt, der als Redaktionsleiter keine Lust hatte, auch noch einen aufgebrachten und unkonzentrierten Klaas auf dem Weg zum Krankenhaus im Straßengraben zu verlieren. Vielmehr hatte Jakob Joko seit der fragwürdigen Zeremonie bis zu dessen Einlieferung ins Münchener Krankenhaus durchweg begleitet – und konnte das, was passiert war, sowie seine Beobachtungen und Eindrücke dazu direkt an die Ärzte hier in Berlin weitergeben.

Genau das taten er und Klaas dann auch gut eine Stunde später, als Dr. Paßens, ein aufgeräumter Arzt um die Vierzig, sie in ein Besprechungszimmer bat. Klaas saß stumm daneben, verfolgte Jakobs Schilderungen ein weiteres Mal, der durch die ihm gestellten Nachfragen jetzt mehr Fokus auf die Substanz, die man Joko verabreicht hatte, und die körperlichen Folgen des Gebräus und des Rituals legte. Klaas war ein wenig, als hörte er einem Info-Podcast zu... seltsam distanziert, bekam es innerlich nicht ganz zusammen, dass sie hier über Joko sprachen, der gestern Abend noch in seiner Wohnung gestanden hatte. Reglos fixierte er den schiefen Post-It-Kasten auf dem Schreibtisch, die Kulis darin und den Tacker daneben; alltäglich, belanglos und im Kontrast zu ihrer Anwesenheit darin ein Stück weit erschreckend. Berühmt oder nicht, für den Mediziner auf der anderen Seite des Tisches war ‚Herr Winterscheidt‘ nur ein weiterer Patient unter vielen. Nach einer Weile richtete er auch einige knappe Fragen an Klaas über dessen Eindruck von Joko am vergangenen Abend.

Ein dichtes Schweigen breitete sich aus, als Dr. Paßens einen Blick über die Ergebnisse warf, die das Klinikum in München weitergeleitet hatte. Klaas sah zu Jakob, der unruhig mit den Händen über seine Hose rieb, sich die Brille zurecht rückte und ebenso bange auf die Einschätzung des Arztes wartete.
     Schließlich erläuterte ihr Gegenüber, dass die vorläufige Diagnose bezüglich Jokos Sturzes im Treppenhaus ‚mittelschweres Schädel-Hirn-Trauma‘ lautete, wobei die Platzwunde sich glücklicherweise als eher oberflächliche Verletzung herausgestellt hatte. Einige Prellungen habe er außerdem davon getragen. Mehr könne er ihnen zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen – und so wurden sie ein weiteres Mal zum Ausharren verdammt.

Klaas wusste, wenn er jetzt Kippen hätte, er wäre definitiv eine rauchen gegangen. Aber damit aufzuhören war ein Versprechen, das er Joko gegeben hatte... und von allen Zeitpunkten, dieses Versprechen zu brechen, wäre jetzt wohl der schlimmste. Also beschränkten sie sich beide auf Kaffee aus der Cafeteria und besprachen sich an einem stillen Ecktisch; überbrückten die düsteren Gedanken mit bemüht strukturierter Krisenplanung. Ob und wie die Vermarktung des neuesten Duells durch die Ereignisse beeinflusst würde – aber auch die wahrscheinlich auflauernde Kommunikation der jüngsten Entwicklungen gegenüber der Presse. Wenn man sie erneut bezichtigen würde, die Grenzen des Verantwortbaren und des guten Geschmacks gesprengt zu haben; wenn man Jokos Unfall vielleicht auf übermäßigen Alkoholkonsum am Vortag schieben wollte.
     Als er durch das Fenster in den weißgrauen Mittag über das geschäftige Berlin sah, kam Klaas sich seltsam vereinsamt vor. Die stechende Erinnerung an einige Patienten aus seiner Zeit in der Geriatrie flammte in ihm auf; die alten Seelen, die Wochen und Monate lang auf Besuch gewartet hatten. Es war eine bleierne, erstarrte Art von Traurigkeit, die man dort hatte greifen können. Noch immer war er überzeugt, dass Krankenhäuser ihn grundsätzlich nicht schreckten – aber je älter er selbst wurde, desto eher verstand Klaas die verfolgende Schwärze voranschreitender Zeit, und die auch ihm manchmal wie ein Kreuz auf den Schultern lag. „Komm, lass uns wieder hochgehen,“ hatte Jakob schließlich gemurmelt und ihm aufmunternd auf den Rücken geklopft.

Noch weitere anderthalb Stunden vergingen, bis man sie endlich zu dem Zimmer brachte, auf dem Joko lag. In dem leicht aufgerichteten Krankenhausbett sah er zwischen den Kabeln, Schläuchen und Monitoren in der hellen Bekleidung blass und verloren aus. Das Fehlen seiner Brille untermalte Jokos jungenhafte Züge; ein Eindruck, zu dem der dicke Kopfverband noch beitrug. Über seine rechte Wange und das Jochbein zog sich ein dunkler Bluterguss und sein rechter Unterarm war teilweise bandagiert.
     Dr. Paßens erklärte ihnen ruhig, was der aktuelle Stand der Untersuchungen war und wie es jetzt weiterginge. Dass Joko nach der Einlieferung nur sehr kurz bei Bewusstsein gewesen sei, man bezüglich der Auswirkungen der Kopfverletzung nun aber ein neuerliches Erwachen abwarten müsse. Dass auch ein gedecktes SHT nicht zu unterschätzen sei.

Klaas Blick fiel immer wieder auf seinen besten Freund, auf dessen reglose Gestalt; er lauschte dem leisen Summen und Piepsen der Maschinen, die das Leben abbildeten, das in dem verletzlichen Körper hauste. Klaas war absolut kein religiöser Mensch – und doch überraschte es ihn in solchen Momenten, wie die Natur unter Einwirkung von glücklichem Zufall, nur mittels rekombinierter Säuren- und Basenpaaren, so hochkomplexe, selbstbewusste und gleichzeitig fragile Lebensformen geschaffen hatte. Er konnte sehen, warum leichtgläubigere Menschen nicht anders konnten, als einen intelligenten Schöpfer dahinter zu vermuten; weil ihnen alles andere zu haltlos und monströs erschien. Und wenn sie es nur bei diesem stillen Glauben beließen – und nicht auf Basis ihrer eigenen Ängste anderen noch groß Vorschriften machten, was die zu tun und zu lassen hätten – dann hätte Klaas das nicht mal problematisch gefunden...

Dr. Paßens‘ Frage nach Familienmitgliedern, die zu kontaktieren seien, riss ihn aus seinen Gedanken. Schuldbewusst sah er zu Jakob; „hat schon irgendwer Lara Bescheid gegeben?“
Jakob ließ verhalten die Schultern hängen. „Keine Ahnung, nicht dass ich wüsste...“
„Fuck...“ fluchte Klaas, kramte sein Handy hervor und gab ihre Nummer an Paßens weiter. „Ich sollte sie auch kurz anrufen,“ murmelte er, nachdem der Arzt sie alleine gelassen hat. Jakob nickte, zog sich einen Stuhl heran. „Mach ruhig, ich halte hier die Stellung.“
Klaas warf einen noch einen langen Blick auf den bewusstlosen Joko, bevor er sich seufzend zum Gehen wandte.


+|+|+|+|+


Als Klaas am Abend in die Stille seiner Wohnung zurückkehrte, hing ihm die Schwere des Tages wie Stahlkugeln an den Gliedmaßen. Ohne sich groß zu bücken, streifte er die Schuhe von den Füßen; schleuderte sie zum restlichen ungeordneten Straßenschuhtumult neben der Tür. Durst trieb ihn in die Küche, zum lockenden Kühlschrank; doch Klaas hielt inne, als er ein einsames Glas auf der Anrichte stehen sah. Jokos Glas von gestern, noch halb gefüllt mit stillem Wasser.

Er nahm es, zögerte kurz und stellte es neben die Spüle. Nur das Licht aus dem Flur und der Schein der Straßenlaternen von draußen brachen die Dunkelheit des Raums und Klaas lehnte sich erschöpft gegen die Küchenzeile. Er starrte leer über die Schemen der Einrichtungsgegenstände. Zierpflanzen, Kräuter oder anderes Grünzeug fand sich in seiner Wohnung nicht... er war zu oft unterwegs, und hatte eh mehr einen roten als grünen Daumen, sodass selbst mit mehr Zeit und Aufwand Topfpflanzen und co. keine großen Überlebenschancen bei ihm hatten. Dafür besaß er andere Einrichtungselemente, die ihm die Einsamkeit wohnlicher machen. Erinnerungsstücke aus den vielen verschiedenen Ländern, die er, Joko und das Team im Laufe der Jahre bereist hatten. Oder die Pinnwand mit Postkarten und Fotos, die an der Küchenwand gegenüber hing.

Selbst im Halbdunkel erkannte Klaas die Bilder und Motive darauf. Halb an der tatsächlichen Abbildung, halb aus der Erinnerung. Karten von seinen Eltern, seiner Schwester, von Joko, Thomas und Mark. Gruppenfotos, mit dem Team, der Crew. Und Aufnahmen von Joko und ihm. Eine besondere, die Olaf ganz spontan in Nevada geschossen hatte, bei der sie Arm in Arm auf der Terrasse des Hotels standen.

Mit einem Mal kochte diese diffuse Angst wieder in ihm auf. Ein lauerndes Niewieder, dass das, was sie waren, in Zukunft auf diese Fotos, auf Erinnerungen reduziert wäre. Ganz plötzlich. So wie es vor ein paar Monaten eben bei Olaf, ihrem guten Freund und langjährigem Kameramann der Fall gewesen war...
     Klaas zwang sich, tief durchzuatmen; sich zu sagen, dass Joko in guten Händen war. Noch nicht mal einen ganzen Tag im Krankenhaus. Dass es keinen Grund gab, sich jetzt so zu fühlen. Er stieß sich energisch von seiner Position ab, öffnete den Kühlschrank und langte nach der Flasche Fruchtsaft und im Küchenschrank daneben nach einer Tafel Schokolade.

Es würde schon werden.


+|+|+|+|+


Es war bereits später Mittag, als Klaas am nächsten Tag im Krankenhaus ankam. Er hatte erst spät einschlafen können und seine Nacht war von unruhigen Träumen durchzogen gewesen. Rutschige, grünliche und sich vor seinen Augen in die Länge ziehende Krankenhausflure; düstere Gebäude in fernen Ländern, in denen Joko um Hilfe rief und er ihn nicht fand; gefolgt von Sequenzen, in denen Klaas durch Unterholz stolperte, Schatten und Schemen nach ihm griffen, bis er am Rand einer Lichtung in eine gewaltige und ominöse Zeremonie lief. Fremde, monströse Gesänge schlugen ihm dort entgegen, doch als die maskierte Meute auf ihn losgehen wollte, hatte ein Sturz und der damit verbundene Fall ihn wieder ins Bewusstsein gezerrt.
     Verwirrt, verschwitzt und kurz nach Luft schnappend war Klaas in der Stille seiner Singlewohnung aufgewacht; hatte sich mühsam und in mehreren Anläufen aus dem Bett gequält, um anschließend wieder ins Krankenhaus zu fahren. Er wusste, er wäre nicht der einzige dort.

Als er Jokos Zimmer betrat, saß Lara bereits an dessen Bett. Sie sah auf, als Klaas kurz stockte, lächelte milde und trat auf ihn zu, um ihn flüchtig zu umarmen. „Hallo, Klaas“ sagte sie leise. „Hey, Lara“ erwiderte er die Begrüßung. Klaas zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben sie, als sie ihren Platz an Jokos Seite wieder einnahm. „Wie sieht’s aus?“ murmelte er. Betrachtete die vielen Kanülen und Schläuche, die Klemme an Jokos Finger, das Plastikgeäst, das sie ihm unter der Nase festgeklebt hatten. Sein fahles, schlafendes Gesicht. „Sie wissen nicht, warum er nicht aufwacht...“ antwortete Lara mit belegter Stimme. Sie seufzte schwer und Klaas wandte den Blick zu ihr. Einige honigblonde Strähnen hatten sich aus ihrem Zopf gelöst und fielen ihr um die Wangen. Sie hielt die Hände im Schoß gefaltet, die feinen Lippen ein wenig zu feste aufeinander gepresst. „Heute früh haben sie ein Kurzzeit-EEG und noch ein paar andere Untersuchungen gemacht... in etwa einer Stunde machen sie weiter.“ Klaas nickte. Für eine Weile verfielen sie in Schweigen. Lara saß aufrecht, gezielte Ruhe und Bestimmtheit in ihren Gesichtszügen. Sie war immer eine Frau mit starkem Willen gewesen. Sportlich, aufgeräumt, eine zierliche und drahtige Person.

Gemessen daran, wie lange Klaas Joko bereits kannte, waren er und Lara sich nicht oft begegnet. Auf Empfängen und im Alltag trafen Joko und er sich fast immer alleine – oder traten, gemäß ihres Images, als das Duo Joko & Klaas auf. Joko und Lara war es außerdem sehr wichtig gewesen, ihre Tochter Maya nach Möglichkeit aus allem Medienrummel herauszuhalten; was einer der Gründe war, warum sie in der Öffentlichkeit kaum als Familie auftraten – und warum die Kleine auch nicht Jokos Nachnamen trug. Insgeheim war Klaas manchmal erleichtert, dass er derartige Überlegungen nicht anstellen musste, wenn Joko ihm wieder sein Leid über damit verbundene Restriktionen und wiederkehrende Streitigkeiten geklagt hatte. Und doch verfolgte ihn vermehrt die Einsamkeit, wenn er an Abenden wie gestern in seine leere Wohnung heimkehrte, ins Grübeln geriet und beim Zähneputzen im kalten Badezimmer vorm Blick in den Spiegel feststellte, dass er eben auch nicht jünger würde.

„Was ist in Bolivien passiert, Klaas?“ riss Laras Frage ihn aus seinen Gedanken.
Er schluckte, spürte die hellen, blauen Augen, die ihn aufmerksam fixierten. „Versteh mich nicht falsch... Joko hat mir in etwa erzählt, was der Plan war, und was Jakob und Thomas ihm gesagt haben...“
„Ich weiß es nicht,“ sagte er schließlich, musste sich räuspern. Überrascht, wie kratzig seine Stimme klang. „Ich wollte mir die Aufnahmen nachher in der Firma ansehen...“

Eine alte Beklommenheit hing zwischen ihnen. Das Duell um die Welt und die damit einhergehenden Aufgaben waren Teil der langjährigen Konflikte zwischen Joko und Lara. Dass er als Vater einer Tochter Verantwortung zu tragen hatte. Warum er für eine Mischung aus öffentlichem Quotenrausch und privatem Nervenkitzel wiederholt riskierte, Lara und Maya im schlimmsten Fall alleine zurückzulassen. Dass er außerdem eine gewisse Vorbildfunktion – und Klaas leicht reden habe. Gemeinsam Stellung gegen Rechts beziehen und in dem Sinne als Vorbilder einstehen, das ginge natürlich. Aber Verantwortung für die eigene Familie übernehmen...
     Es war die unverhohlene Unterstellung, dass genau die Dinge okay waren, die Klaas nachvollziehen konnte. Und dass er derjenige war, der Joko in allem wieder und wieder über seine Grenzen pushen würde. Ein Vorwurf, den er auch aus ihrem gestrigen Telefonat herausgehört hatte. Lara war natürlich erschrocken, besorgt und dankbar für seinen Anruf gewesen; hatte sofort klar gemacht, dass sie am nächsten Tag in Berlin sein würde. Aber sie war auch unglücklich darüber gewesen, erst Stunden später von Jokos Zustand erfahren zu haben.

Lara musste diese Dinge nicht alle aussprechen, damit Klaas sie hörte. Er spürte ihre kühle Wut und verstand sie sogar... jetzt, wo er neben ihr an Jokos Krankenhausbett saß, in der krallenden Unsicherheit, was mit seinem besten Freund passiert war und werden würde. Er könnte trotzdem nicht versprechen, anders zu handeln, wenn es Joko besser ginge. Bis einer heult hatten sie nach dem Unfall im Eishockeystadion schließlich auch nicht eingestellt. Sie hatten aus den Fehlern gelernt, für die Zukunft bessere Umstände geschaffen. Und im Stillen glaubte Klaas fest daran, dass ein Leben ohne Risiken kein Leben war, das Menschen (und insbesondere Joko und ihn) dauerhaft glücklich machen würde. Weil es immer Veränderung, Werden und damit verbundenes Risiko implizierte.

„Joko ging es die letzten Tage ziemlich dreckig,“ erklärte Lara erschöpft. Strich sich die Strähnen hinters Ohr. Klaas sah die dunklen Ringe unter ihren Augen. „Er hat kaum geschlafen und wenn hatte er ziemliche Alpträume. Am Mittwoch ist er auf der Couch weggedöst... Ich dachte erst, er kommt ein bisschen zur Ruhe. Aber mit einem Mal hat er so heftig angefangen zu zittern und im Schlaf geschrien... ich hab bestimmt fünf Minuten gebraucht, bis er wieder vollkommen wach und klar war.“ Klaas sah, wie sie sich beherrschen musste. „Maya hat richtig Angst bekommen,“ fuhr sie schließlich leise fort. „Sie wollte gar nicht einschlafen an dem Abend... Joko hat ihr erklärt, dass er einfach ein bisschen krank ist... aber ich glaube, selbst sie hat ihm das nicht geglaubt.“

Klaas sah schuldbewusst auf das Bett, in dem Joko reglos lag. Wo der Herzschlag auf dem Display und das gleichmäßig Heben und Senken seiner Brust nur blasse Indikatoren des Lebens und der Persönlichkeit waren, die sich eigentlich dahinter verbarg. In ihm keimte plötzliche Übelkeit und er stand auf, trat rasch ans Fenster und ließ den Blick über den kleinen Park neben dem Krankenhaus schweifen. Atmete tief durch, konzentrierte sich. „Ich fahre gleich weiter in die Firma,“ sagte er. Folgte dabei den kleinen, menschlichen Figuren auf den Wegen, die zwischen den Bäumen verschwanden. „Okay,“ antwortete Lara. „Ich melde mich, wenn es etwas Neues gibt. Und meine Nummer hast du ja...“ Klaas verstand den Hinweis und nickte.


+|+|+|+|+


Als er im Büro ankam, warteten Thomas Schmitt und Jakob bereits auf ihn. Thomas knibbelte unablässig an seiner Unterlippe herum, zupfte abwesend an Fetzten der von der Kälte aufgeplatzten Haut. Sie alle sahen nach wenig und schlechtem Schlaf aus, stellte Klaas fest, als er sich zu den beiden vor den großen Monitor setzte. „Und?“ murmelte Thomas nur, sah nervös zu Klaas. Der schüttelte den Kopf. „Unverändert. Joko wacht nicht auf und sie wissen nicht, warum. Lara meldet sich, wenn es was Neues gibt.“ Schmitt seufzte, fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht und verblieb in der Haltung. „Scheiße...“ nuschelte er. Klaas starrte ins Leere.
„Seid ihr euch sicher, dass ihr euch das angucken wollt?“ fragte Jakob unsicher mit Blick auf den Video-Ordner, der geöffnet auf dem Bildschirm angezeigt wurde. Thomas hob den Kopf und Klaas löste sich, nickte, „doch, klar. Ich will wissen, was da passiert ist.“
„Okay... soll ich dann?“
Auch Thomas gab nach einem kurzen Haareraufen seine Zustimmung und Jakob startete den ersten Clip.

Ungläubig beobachtete Klaas, wie das, was er sich anhand der Schilderungen von Thomas Martiens und Jakob schon ausgemalt hatte, nun vor seinen Augen als tatsächliche Videoaufzeichnung ablief. Sah das Team am Mittag noch im Hotel herumblödeln, sah Aufnahmen von ihrer langen Anreise durch den Urwald. Sah einen Joko, der vielleicht ein wenig ermattet vom Flug und der Hitze, aber ansonsten gelöst und lebhaft wie immer wirkte. Er sah die einfachen Hütten des Stamms, die schlanken, zum Teil muskulösen Männer, von deren bronzefarbener Haut sich die buntgeschmückte Kleidung leuchtend abhob.
     Es war dieser Eindruck von Ferne, von fremden Kulturen, anderen Sitten und Ländern, die doch alle denselben kleinen, blauen Planeten bewohnten, der Klaas bei den Duell-Reisen immer wieder ein erhabenes Gefühl gab. Ebenso fiel ihm wieder einmal auf, wie viel er sich im Kopf schon anhand der Schilderungen von Jakob und Thomas vorgestellt hatte, und wie die Realität doch teilweise stark von den Bildern in seinem Innern abwich. Von der Feststellung, wie viel mehr Ordnung es in dem einfachen Dorf gab, bis hin zu den Stoffen der Kleider, die aus dicker Wolle gewebt und mit engen, oft symmetrischen Mustern lang über die Körper der Frauen und Männer flossen. Auch die Abwesenheit von manch primitivem Accessoire, das Klaas‘ Unterbewusstsein ergänzt hatte – was ihm in derartigen Augenblicken auch seine eigenen Vorurteile aufzeigte.

Videoclip für Clip flackerte vor ihnen auf dem Monitor vorbei, und wenngleich Jakob eine Vorauswahl getroffen hatte - weil sie insgesamt natürlich viel mehr Material besaßen, als sie jemals senden würden - bekam Klaas einen guten Eindruck davon, wie der Tag in Bolivien für das Team abgelaufen war. Über den Dächern des Regenwaldes brach die Dämmerung herein, wovon Flo ein paar wirklich schöne Impressionen gelungen waren; und allmählich zog die Truppe zu dem Zeremonienplatz und zu Jokos Aufgabe weiter: sich auf eine traditionelle Seelenreise zu begeben. „Lass,“ sagte Klaas zu Jakob, als der den Teil überspringen wollte, in dem Joko den Brief vorlas. Jakob sah ihn unsicher an, sprang aber nicht weiter im Video vor. „...damit du das Chaos in deinem Kopf mal aus der Außenperspektive betrachten darfst, Joko, und dir vielleicht selber wieder näher kommst. Seelenreisen sollen nämlich bei der Selbstfindung helfen und zur Bodenständigkeit beitragen. Und das kann dir abgehobenem Helikopter-King ja nicht schaden, oder? In diesem Sinne: gut trip, Dein Klaas. – Ja... das sieht dem ollen Miesepeter Heufer-Umlauf wieder ähnlich,“ beschwerte sich der Joko im Video schief grinsend. Klaas spürte eine plötzliche Schwere in seinem Brustkorb wachsen.

Er sah auch Gonzalo, ihren bolivianischen Kontaktmann, wie der mit den Schamanen sprach. Gonzalo war ein untersetzter junger Mann Anfang dreißig, der seine wachsenden Geheimratsecken unter einer abgewetzten Käppi verbarg, die er sich in den Aufnahmen wiederholt zurecht rückte. Gemeinsam mit Jakob hatte Klaas in brüchigem Englisch mit ihm geskypt. „Habt ihr Gonzalo eigentlich nochmal erreicht?“ wollte er wissen, als Jakob sich bereit machte, das nächste Video aufzurufen. Der schüttelte nur den Kopf. „Ist wie vom Erdboden verschluckt,“ seufzte er. Hielt kurz inne. „Ab hier wird’s jetzt echt happig...“ warnte er Thomas und Klaas, bevor er auf den Button für die Wiedergabe drückte.

Er sollte Recht behalten. Klaas sah, wie sie Joko das Zeug zu trinken gaben, eine Ayahuasca ähnliche Brühe, worauf ein kurzes Abwarten folgte – und wie Joko dann nervös und schon ein wenig wacklig auf den Beinen auf die Bahre in der Mitte des Platzes verfrachtet wurde. Sah die Schamanen mit den Fackeln einen Kreis bilden und die Schatten der Flammen über die Decke des hölzernen Pavillons rauschen. Die Gesänge des Kreises und des Schamanen in der Mitte begannen unterschwellig, fast wie ein Flüstern der Umgebung, ein wellenartiges Singen der Bäume, das allmählich an Kraft gewann und immer weiter anschwoll, bis es bedrohlich an einen rauschenden Sturm erinnerte.

Klaas verstand, wovor Jakob sie gewarnt hatte, als Joko plötzlich unkontrolliert zu zittern begann, rief, zuckte, sich wehrte, als der Zeremonienleiter ihm feste eine Hand auf den Brustkorb presste und bald die andere auf die Stirn. Joko riss die braunen Augen weit auf, Stirn, Hände und Hals glänzend vor Schweiß, als er ungerichtet um sich ruderte, halbherzig nach den fremden Armen packte und doch keinen richtigen Halt fand. Mit einem Mal zog sich Klaas‘ Herz schmerzhaft zusammen und pochte heftig, als er begriff, was Joko rief. Neben wirren Worten und hilflosen Lauten, waren da auch Namen. Weil er Hilfe brauchte und nach ihnen rief. Nach Jakob, nach Thomas. Und nach ihm. Klaas.

Mit vor Blut rauschenden Ohren starrte Klaas weiter auf den Bildschirm. Er hörte die zunehmende Auseinandersetzung zwischen Flo und Frank, die sich nicht länger zurücknehmen konnten; sah Thomas und Jakob einschreiten, den Rest des Teams; den Streit, Gegenwehr, Gonzalo und die Schamanen, wabernde, ominöse Gesänge und Gezeter im Hintergrund; verwackelte Bilder, Geschrei, Flos wütende Rufe, dass es reichte; der die Kamera ablegte und auf einen der Kerle im Kreis losging, als der sich ihm in den Weg stellte. Wie er zusammen mit Jakob und Thomas endlich eingriff. Er gab in all dem Chaos keine klaren Aufnahmen davon, wie sie Joko ins Auto schleppten. Jano und Laura verfrachteten in Eile das zum Teil noch aufzeichnende Equipment in den Wagen, hastige, verschwommene Bilder, zu wenig Licht und fehlender Fokus.

Der letzte Clip dauerte keine Minute. Frank hatte ihn mit dem Handy im Auto aufgenommen. Zittrige Bilder, während der Wagen über unebene Wege durch die Dunkelheit stob. Klaas kniff die Augen zusammen, erkannte Thomas Martiens auf der hintersten Rückbank des Siebensitzers, wie er dem fiebernden und halluzinierenden Joko ein feuchtes Tuch auf die Stirn drückte. Das kaltweiße Licht der Smartphone Lampe, das sich in den Scheiben spiegelte. „Alter, mach die Kamera aus!“ fluchte Thomas, bemüht, den sich windenden und zitternden Joko und dessen Kopf auf seinem Schoß ruhig zu halten. Er hörte Franks ängstliche, undeutliche Antwort, „dachte nur, falls wir das ‘nem Arzt oder so zeigen müssen...“ Jakobs Stimme, die schwach von off-camera dazwischen klang, „echt, mach nur kurz...“

Dann war die Aufnahme zu Ende, aber in Klaas‘ Kopf lief die schreckliche Vorstellung weiter. Düstere Bilder, wie Gonzalo noch mit den Schamanen gestritten hatte, wie sie vielleicht mit ihm weitergemacht hätten. Wie das Team ängstlich und angespannt in völliger Dunkelheit durch den nächtlichen Dschungel bis nach Santa Cruz zurück gefahren war, mit Joko in seinem elenden Zustand auf der Rückbank. Klaas spürte seinen heftigen Herzschlag und hatte klebrige, schweißnasse Hände, wie sonst nur Joko. Joko, der bei allem, was auch nur halbwegs spannend war, nicht still sitzen konnte. Der sich schon zu MTV Home-Zeiten auf dem Sofa hin und her geworfen und mit den Beinen gestrampelt hatte, wenn ihm etwas zu aufregend oder peinlich war. Der stets nach Klaas griff, sofern der in Reichweite war – und sich auch heute noch Mal um Mal einen Rüffel für die verdammten Glitschgriffel von ihm einfing.

Und nun... saßen sie vor dem Bildschirm, der nur den schwarzen Videoplayer anzeigte, und schwiegen. „Fuck...“ murmelte Thomas schließlich.
„Weißt du jetzt, was ich meinte?“ fragte Jakob leise, „ich finde es echt nicht klar, ob wir das verwenden können...“ Schmitt schüttelte in ungläubiger Zustimmung den Kopf.
„Wann habt ihr das letzte Mal versucht, Gonzalo zu erreichen?“ fand Klaas seine Stimme wieder.
„Gestern,“ sagte Jakob knapp, „ich versuch‘ es auch weiter... ich glaub nur, dass es nicht das beste Zeichen ist, dass der sich nicht meldet.“
Thomas sah ihn entsetzt an, „meinst du, die haben den–...?“
„Keine Ahnung...“

Klaas ballte die Fäuste, bemüht konzentriert... beherrscht, die verstörenden Bilder für den Moment zurück zu drängen. „Versuch es weiter,“ wies er Jakob an. Der kräftige junge Mann warf ihm ein trauriges Lächeln zu, „Klaas... ich tu‘ mein Möglichstes.“
„Im Zweifelsfall finde wen anders, der was drüber weiß, was die Typen mit Joko gemacht haben.“ Unwirsch fuhr er sich übers Gesicht, „kann ja nicht sein, dass der Typ der einzige ist, der Ahnung von dem Zeug hat. Wir versuchen, Gonzalo aufzutreiben... und im Zweifelsfall wen anders, der sich mit diesen scheiß Ritualen auskennt.“

Klaas stand auf, wandte sich mit grimmigem Blick zum Gehen. Jakob und Thomas hockten niedergeschlagen auf ihren Stühlen. Er wusste über die unbehagliche Stille hinweg, dass es an ihnen allen zehrte. Die Sorgen, die Vorwürfe. Erschöpft zupfte Jakob die Ärmel des Hemdes zurecht, das unter seinem Pullover hervorlugte. „Also gut...“ seufzte er, „für Joko.“ Thomas nickte.

Für Klaas war es der eine Tropfen; er schnaubte und hastete los in sein Büro. Hasste den Klang und die Wortwahl... als wäre es bloße Vergeltung. In Hindsight.

Als wäre Joko bereits gestorben.


+|+|+|+|+


Sein eigenes, erschrockenes Keuchen riss Klaas aus den Untiefen eines bizarren Traums. Auf verwilderten Krankenhausfluren war er durch kaltes Zwielicht getaumelt, hatte die festen Schritte der Verfolger hinter sich gehört, an dem panischen Kribbeln in seinem Rücken gespürt, wie der Fremde ihm näher gekommen war. Desorientiert wischte Klaas sich über das Gesicht. Er sah auf, als kurz die Lichter in Jokos Zimmer flackerten. Zog sein Handy aus der Hosentasche und ließ das Display aufleuchten. Kurz nach 21 Uhr... er seufzte.

Es war Dienstagabend. Lara war heute zurück nach München gefahren – und Jokos Zustand immer noch unverändert. Seit Freitag. Klaas warf einen Blick auf seinen besten Freund, der bewusstlos und in trügerischer Friedlichkeit in dem Klinikbett lag. Eine kalte Enge setzte sich in seiner Brust fest... Ausläufer der Schwere, die mit jedem verstrichenen Tag an Gewicht gewonnen hatte. Die Platzwunde verheilte, die Prellungen klangen ab, die Blutergüsse verfärbten sich. Joko musste nicht beatmet werden. Aber er wachte nicht auf. Und die Ärzte waren ratlos, warum.

Klaas hatte gesehen, wie die zunehmende Sorge auch Lara belastete, wenngleich sie bemüht gewesen war, es sich nicht anmerken zu lassen. Zumindest nicht in seiner Gegenwart. Erschöpft hatte sie beschlossen, am Freitag mit Maya wiederzukommen, wenn es bis dahin nichts Neues gab. Und Dr. Paßens und sein Team vermochten zum jetzigen Zeitpunkt beim besten Willen nicht zu sagen, ob und wann mit einer Besserung von Jokos komatösem Zustand oder sogar seinem Aufwachen zu rechnen war. Er reagierte beizeiten schwach und ungerichtet auf starke Schmerzreize, doch Pupillenreaktionen gab es aber keine.

Bei seinem gestrigen Treffen mit Mark hatte Klaas es sich nicht verbeißen können, diesem immer wieder medizinische Fragen zu stellen. Natürlich hatte sein Freund ihm helfen wollen – ihm aber auch keine falschen Hoffnungen gemacht, weil er nur auf Basis von Klaas‘ Erzählungen nicht viel mehr als Spekulationen anstellen konnte. Und als dessen Fragen und Theorien nicht abrissen, hatte Mark den unkoordinierten Grübeleien schließlich ein Ende gesetzt.
     Klaas hatte daraufhin nachgegeben; wusste, dass Mark Recht hatte. Dass seine laienhaften und halbinformierten Spekulationen nichts brachten. Trotzdem war es ihm so schwergefallen, es bleiben zu lassen... weil es ihm die eigene Hilflosigkeit umso deutlicher ins Gesicht rieb.

Klaas stand auf, ließ die schmerzenden Gliedmaßen knacksen. Vor dem Fenster war es lange dunkel geworden. Eine neue Kältewelle hatte Berlin erwischt und es schüttelte ihn bei dem Gedanken, das warme Zimmer verlassen und durch die klirrende Nacht zu seinem Auto laufen zu müssen, obwohl es nicht weit vom Krankenhaus entfernt stand.

Sein Handy vibrierte. Eine neue Nachricht von Mark. Ob er noch im Krankenhaus sei. Klaas tippte ein kurzes Ja und trat an Jokos Bett. Griff vorsichtig nach dessen Hand. Wieder gab sich sein Smartphone zu bemerken. Mark, der ihn ermahnte, dass er auch mal nach Hause müsse. Der nachsetzte:

Soll ich dich abholen? Fahre gleich heim. Du kannst auch noch bei uns vorbeikommen.

Klaas lächelte müde. Wusste, dass Mark es wirklich gut meinte – und keine zehn Minuten von hier entfernt wohnte. Dennoch lehnte er höflich ab.

Danke dir, aber heute eher nicht, glaube ich. Und ich bin auch mit dem Auto da. Wir sehen uns spätestens am Donnerstag?

Mark tippte, und kurz darauf erhielt er seine Antwort.

Okay. Sag Bescheid, falls du es dir anders überlegst. Und pass auf dich auf, Klaas.

Klaas steckte das Handy zurück in die Hosentasche. Er sah Jokos Brille auf dem kleinen Plastiktischchen neben dessen Bett liegen. So verdammt alltäglich... als wäre er nur kurz schlafen gegangen. Gerade schnürte es ihm einfach nur die Kehle zu.
     Wieder flackerten die Lichter. Klaas runzelte die Stirn, lauschte dem Summen und Piepsen der Maschinen. Bis auf diese konstanten Hintergrundgeräusche war es ruhig im Zimmer und inzwischen auch auf der ganzen Station. Klaas zögerte kurz, dann drückte er noch einmal Jokos Hand. „Bis morgen, Winti,“ murmelte er, trat vom Bett zurück, griff nach seiner Jacke und verließ das Zimmer.

Auf dem menschenleeren Gang sah Klaas einmal um sich, bevor er nach rechts in Richtung des Treppenhauses ging. Er unterdrückte ein Gähnen und schob die Hände in die Jackentaschen. Als er jedoch den kleinen Aufenthaltsbereich erreichte, an dem der Flur kurz vor dem Treppenabgang in die Breite ging, stockte er. Eine alte Dame stand in gebückter Haltung am Fenster, sah wohl über die nächtliche Stadt. Sie trug die Krankenhauskleidung, in der man viele Patienten hier sah und stand zwischen den Tischen und Stühlen, mit dem Rücken zu Klaas. Klaas zögerte, blieb dann ganz stehen. „Entschuldigung?“ fragte er vorsichtig, erstaunt, wie laut seine Stimme in der Stille der Station klang. Langsam drehte sich die Dame zu ihm. Ihr Gesicht war eingefallen und auf ihrer faltigen Haut wuchsen große Altersflecken. Ihre Augen waren trüb - glasiges Blau, das eher ins Grau verwaschen war - und fokussierten ihn nicht richtig... für einen Moment war Klaas sich nicht sicher, ob sie ihn überhaupt sah, oder ob sie nicht vielmehr durch ihn hindurch sah. „Ich warte auf meinen Sohn,“ erklärte sie mit schmaler, seltsam blecherner Stimme. „Daniel wollte mich abholen, wissen Sie. Es ist sehr wichtig, wegen des Ateliers meines Mannes. Ich muss unbedingt nach Hause.“ Klaas ging langsam einen Schritt auf sie zu, bemüht, ein gutmütiges Lächeln aufzusetzen. „Na, aber doch wahrscheinlich eher morgen? Heute ist es doch schon ganz schön spät,“ sagte er warm. Er drehte sich, warf einen kurzen Blick den Flur hinab, ob irgendwo eine Schwester oder Pfleger zu sehen war.

Ein weiteres Mal flackerten die Lichter, deutlicher diesmal, sodass die Leuchtstoffröhren an der Decke knacksten. Er zuckte kurz, als ihm ein Schauer über den Rücken lief, riss sich schließlich am Riemen. Er besann sich auf seine Zivi-Zeit, setzte ein Lächeln auf. „Ich bin jedenfalls Kla–“ wollte er sich vorstellen und fuhr zusammen, als er sich umdrehte.

Die alte Dame war verschwunden.

Irritiert und hektisch sah Klaas sich um. „Hallo?“ fragte er in die Stille der nächtlichen Station. Dann nochmal, lauter. Aber nichts. Weder im kleinen, eigentlich übersichtlichen Aufenthaltsbereich, noch im Flur. Klaas trat ein paar Schritte an die gefensterte Doppeltür, die zum Treppenhaus führte und öffnete sie. Stille. Mal abgesehen davon, dass er wohl ein Geräusch gehört hätte, wenn die Tür zugefallen wäre...

Das Schwesternzimmer lag am anderen Ende des langen Ganges, erinnerte er sich. Klaas ließ seinen Blick noch einmal durch den Aufenthaltsbereich schweifen, als das Licht erneut flackerte, schneller diesmal. Er presste die Lippen aufeinander, sah sich um. Und erschrak, als er auf dem Korridor einen Mann in eines der Zimmer gehen sah. Nur für einen kurzen Augenblick sah er ihn ob der nächtlichen Beleuchtung; groß, dunkle Haare, Hemd und Jeans. Wohl wie er bloß ein Angehöriger. „Fuck...“ murmelte er zu sich selbst, versuchte sich wieder zu fangen. Atmete ein paar Mal tief durch. Dann ging er langsam den Korridor hinab, zwei, drei Schritte, verfolgt von einer unterschwelligen Seltsamkeit. Drei, vier Schritte.

Er blieb wie angewurzelt stehen, als er ihm klar wurde, was ihm seltsam vorkam. Panik kroch in ihm hoch, mit plötzlich verdoppeltem Herzschlag näherte er sich dem Zimmer, in dem eben der hagere Mann verschwunden war.

Jokos Zimmer.

Klaas zog langsam die Tür auf. „Hallo?“ rief er. Stille. Vorsichtig trat er ein, ließ die Tür hinter sich offen. Der gleiche Teil der Beleuchtung wie zuvor war eingeschaltet und als er um die Ecke ins Zimmer lugte, stand da einzig das Bett, in dem Joko lag. Sonst war niemand zu sehen. Verwundert löste Klaas seine verkrampften Finger, von denen er nicht einmal gemerkt hatte, dass sie zu Fäusten geballt waren. Dann fiel sein Blick auf die geschlossene Tür zu dem kleinen Bad, über das das Zimmer verfügte.

Klaas‘ Herzschlag beschleunigte sich, als er sich räusperte. „Hallo?“ fragte ein weiteres Mal. Starrte auf die Tür. Keine Antwort. Er spürte, wie seine Handflächen feucht wurden, als er näher ging, sich zusammen riss und zwei, drei Mal kräftig gegen die glatte Oberfläche klopfte. „Entschuldigung?“ sagte er laut. Nichts.

Er kam sich plötzlich beobachtet vor, warf hektische Blicke um sich, und sah doch keine Veränderung. Dann betrachtete er den Lichtschalter neben dem Bad. Es war einer dieser Schalter mit einer kleinen Lampe darin, die dann leuchtete, wenn der Schalter aktiv war. Und in diesem Fall war die Lampe aus. Was hieß, dass es im Badezimmer dunkel war.
Klaas wurde plötzlich flau, er hörte seinen Puls in seinen Ohre rauschen, als er mit unsteten Fingerspitzen das Plastik berührte und den Schalter drückte.

Es klickte leise. Die Lampe auf dem Schalter leuchtete.

Mit heftig schlagendem Herzen legte er die rechte Hand um die Klinge, ballte die linke zur Faust, atmete tief ein – und riss in einem die Tür zu dem kleinen Badezimmer auf.

Die Toilette, eine enge Nasszelle mit Haltegriffen, ein Waschbecken mit Spiegelschränkchen. Das Bad war menschenleer. Klaas atmete zitternd aus, warf sicherheitshalber nochmal einen Blick ins Zimmer hinter sich, bevor er vorsichtig das Bad betrat. Er bemühte sich, konzentriert und ruhig durchzuatmen, während er ans Waschbecken trat und sich die verschwitzten Hände wusch. Das gleichmäßige Rauschen des Wassers hatte etwas Beruhigendes und er beugte sich vor, um sich ein paar Handvoll ins Gesicht zu werfen. Für einen Augenblick blieb er in der Position, beobachtete die Wassertropfen, die von seinen Wangen und seiner Nase in das weiße Becken tropften. Wieder stockte er. Mit ungeahnter Wucht traf ihn die Angst, sich aufzurichten. Er wusste nicht, woher der Gedanke kam... aber plötzlich war er sich sicher, dass, wenn er sich jetzt aufrichten und dabei in den Spiegel sehen würde, hinter ihm der fremde Mann stünde, der in Jokos Zimmer gegangen war. Es schnürte ihm die Kehle ab. Langsam drückte er das Kreuz durch und drehte sich in einem, sodass er einen Blick auf die Tür und hinter sich in das immer noch leere Bad werfen konnte. Mittlerweile war ihm wirklich schlecht. Als er einen Blick in den Spiegelschrank warf, starrte ihm nur sein eigenes, käsiges Gesicht entgegen, dem die tiefen Augenringe und der dichter werdende Bart grimmige und düstere Züge gaben.

Noch immer einen Schwall Adrenalin im Blut trocknete Klaas sich die Hände ab und verließ das Bad, schloss die Tür hinter sich und schaltete das Licht wieder aus. Die Tür zum Zimmer stand weiterhin offen. Auf dem Gang war es still. Leicht zitternd trat Klaas an Jokos Bett, streifte kurz über die Hand seines besten Freundes. „Scheiße, Joko, was war das...“ murmelte er. Wünschte sich so dringend eine Antwort. Und doch beruhigte ihn das Gefühl von Jokos Hand, von lebendiger Haut unter seiner eigenen ein wenig. Seufzend fuhr Klaas sich durch die Haare, als er mit einem Blick aufs Handy feststellte, dass es mittlerweile nach halb zehn war. Er sollte wirklich zusehen, dass er nach Hause kam.

Klaas trat noch einmal kurz ans Fenster, neben den Stuhl, in dem er vorhin sein unruhiges Nickerchen gehalten hatte. Mit spitzen Fingern vergrößerte er den Abstand zwischen zwei der Lamellen, um einen Blick auf das nächtliche Berlin zu erhaschen. Er sah durch sein eigenes, müdes Auge hindurch, das sich schemenhaft in der Scheibe spiegelte; sah die aufragenden Gebäude in der Ferne. Unter ihm lag ruhig und dunkel der Krankenhauspark. Klaas glaubte, die Kälte durch das Glas ziehen zu spüren und war wieder von dem Unwillen geschüttelt, in die zugige Nacht hinaus zu müssen.

Die Lichter flackerten. Lautlos – und doch ließ es Klaas zusammenzucken.

Und dann sah er ihn.

Es war der Moment, in dem er sich hatte umdrehen wollen, dieser kurze Augenblick, in dem man weg von der Fensterscheibe trat, in dem man den Blick neu fokussierte, sich löste von der fernen Stadtkulisse und hin zu den Objekten in der unmittelbaren Umgebung. Wenn man im spiegelnden Glas nicht mehr die fernen Häuser, sondern die eigene Silhouette sah. Und in seinem Fall eine zweite.

Im Zimmer hinter ihm stand der Mann.

Klaas riss die Finger von den Lamellen der Jalousie und wirbelte mit einem spitzen Schrei herum. Er starrte in ein leeres Krankenhauszimmer. „Was-?!“ fragte er zitternd und mit brüchig hoher Stimme in die Stille. Die Tür zum Badezimmer war geschlossen, die auf den Gang stand weiterhin offen. Aber da waren keine Schritte, keine Stimmen.

Nur das Summen und Piepsen der Maschinen, die vor sich hin arbeiteten und die gleichmäßig Jokos Herzschlag wiedergaben.
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