Der eine zählt des anderen Tassen

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18
27.09.2019
12.11.2019
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Gottfried Curio
in aufrichtiger Anteilnahme
gewidmet


Das erste Mal sah sie ihn in einem Konzert, das sie in der kleinen Kirche der Hallig besuchte. Ein wenig ausspannen und genießen, das hatte sie wollen. Deswegen war sie hierher auf dieses Eiland gekommen, extra am Ende der Saison, um zu vermeiden, dass allzu viele Gäste ihren Weg kreuzten. Aber da hatte man ihr gleich gesagt, dass diese Angst unbegründet sei. Wer hierherkäme, wolle die Ruhe genießen, wolle allein sein. Abschalten, herunterfahren. Die Natur erleben. Und da man auf der Hallig im Grunde nicht mehr tun konnte, als mit nackten Füßen durch das weiche Wollgras auf dem Sommerdeich zu laufen und dabei die Augen zu schließen und sich der noch immer wärmenden Sonne, dem leichten Wind und dem Möwengekreisch hinzugeben, war es klar, dass nicht viele hierherfanden. Jedenfalls nicht jene, die einen Abenteuer-Urlaub bevorzugten. Denn, wie hatte es ein Besucher im Gästebuch der Hallig so treffend formuliert? Am Morgen stünde nur eine Entscheidung an, nämlich die, wohin man sich wende – ob nach links oder nach rechts – um die Hallig zu ergründen. Ja, genau das wollte sie für ganze drei Wochen tun – mit sich allein sein und wann immer sie Lust hatte, einfach stehenbleiben, tief Luft holen, die Augen schließen, lächeln. Ach, wie gut das tat! Und wenn sie auf einem ihrer Spaziergänge einem Strandkorb begegnete, ließ sie sich in ihm nieder, nahm ihr Buch hervor und las eben … Sie hatte sich extra einen dicken Schmöker mitgenommen – auch das eine bewusste Entscheidung, weil sie sich hier die Zeit nehmen wollte, endlich einmal wieder in einer Geschichte zu versinken, ohne, dass sie groß nachdenken musste. Sie hatte sich für einen Sommerroman entschieden, der im Südwesten der USA spielte. Sie hatte ihn schon seit langem lesen wollen – doch die Zeit, die liebe Zeit … Aber wenn sie da so im Strandkorb saß, geschützt vor dem bisweilen aufkommenden Wind, dann meinte sie – ungeachtet der Tatsache, dass sie sich an der Nordsee befand – die Hitze des im Buch beschriebenen Sommers zu spüren und so ging sie mit der Heldin die lange, von Maisfeldern gesäumte Straße entlang, atmete den Staub ein, ja, spürte ihn förmlich auf ihrer Haut kleben und war zugleich froh, hier an der Nordsee zu sitzen und zu wissen, dass sie um 15 Uhr, wenn die Flut heran war, ins Wasser würde gehen können, um sich abzukühlen. Und wieder lächelte sie, legte das Buch kurz beiseite und sah hinaus aufs Wattenmeer, bemerkte Vögel weit draußen, die sich in Scharen zusammenfanden, wusste auch um die Priele, die sich bei Flut als erstes wieder mit Wasser füllten und als äußerst gefährlich galten.

Am Abend dann lockte das Kulturprogramm – einmal das Bernsteinschleifen im Wattenmeerhaus, einmal ein Lichtbildervortrag über den Klimawandel, zu dem sie sich viele Notizen machte. Und dann eben auch das Barockkonzert, zu dem doch so einige gekommen waren. Vor allem Touristen, Gesichter, die sie auf ihren Rundgängen oder bei der Erkundung der hiesigen Flora und Fauna bereits gesehen hatte. Und wenn man sich traf, grüßte man mit einem knappen Moin, was ihr auch sehr gefiel. Bloß kein Wort zu viel, denn in ihrem Job musste sie immer sprechen.

Nun aber hockte sie in einer der Bänke der kleinen Halligkirche, lauschte der Orgelmusik, die ihr in die Ohren träufelte, lehnte sich dazu ans harte Holz, schloss die Augen, versuchte sich die einzelnen Töne vorzustellen, bis sie plötzlich, herausgerissen aus ihrem Dämmer, die Augen wieder öffnete. Ein Ruck war durch sie gegangen, ein einziger, kleiner, und sie sah sich erstaunten Gesichtern gegenüber, die, so erfasste sie es sogleich, nicht sie fixierten, sondern die Orgel in ihrem Rücken. Ihre Musik hatte zarten, hohen Klängen Platz gemacht, und so wandte auch sie den Kopf und erkannte einen Geiger, den sie, wohl angezogen von seiner Kunst, einige Momente beobachtete. Da er jedoch recht steif hinter seinem Notenständer stand und auf sie eher den Eindruck machte, als wolle er seine Geige zersägen statt sie zu streicheln, wandte sie sich wieder um, schloss erneut die Augen und ließ die Musik, die er dem Instrument dennoch zu entlocken fähig war, auf sich wirken. Ihn, den leicht ungelenk Wirkenden, hatte sie alsbald wieder vergessen, denn sein Bild störte die Harmonie der Töne. Sie war zum Entspannen gekommen, und nicht, um sich diesen Genuss durch irgendetwas zerstören zu lassen.

Also legte sie den linken Arm auf die Lehne, streckte die Beine aus und versuchte sich wieder daran, die einzelnen Töne beim Werden und Schweben zu beobachten. Das machte sie gern – auch daheim, wenn sie sich am Sonntagmorgen Konzerte anhörte. Doch hier war es etwas Anderes – herausgerissen aus ihrem alltäglichen Trott, konnte sie sich der Musik in dieser kleinen Halligkirche viel mehr öffnen als daheim im Sessel oder auch in der Philharmonie oder im Konzerthaus, wohin sie ab und an entweder allein oder mit Freundinnen und Kolleginnen ging. Sie lächelte wieder. Das Geigenspiel war gar zu schön. Diese kleinen, zarten Töne umschmeichelten ihr Ohr, ließen sie tief Luft holen. Wie gut das tat …

Insgesamt war es ein schöner Abend gewesen. Und als sie sich auf den Heimweg begab, sie in die untergehende Sonne sah, meinte sie sich selbst ganz leis sagen hören, dass sie es keinen Moment bereute, hierher, auf die Hallig gekommen zu sein. Entgegen ihrer eigenen Befürchtungen und denen ihrer Freundinnen und Kolleginnen. So frei und friedlich wie sie sich fühlte. Es war ein Geschenk, das sie bereit war, anzunehmen.
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