Lucians Schnellhefter (Verwaltungsfehler auf höherer Ebene)

von kijkou
KurzgeschichteDrama, Fantasy / P16
27.09.2019
09.11.2019
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Am ersten Juli 2014, genau eine Woche nach dem Attentat, holte mich mein Vater vom Krankenhaus ab. Nicht nur einmal hatte ich den Wunsch geäußert, gleich nach Hause zu fahren, aber er bestand darauf, mir umgehend jemanden vorzustellen. Ich erinnerte mich dunkel daran, was Tante Patty erzählt hatte - von wegen Vater hätte einen Bodyguard gesucht - aber wollte nicht glauben, dass er mir das tatsächlich antun würde.
"Ist dir das so wichtig, Vater? Ich meine, kann das nicht warten? Ich bin müde und die Medikamente machen mich nicht gerade zu einem angenehmen Gesprächspartner - also wenn du mir jemanden vorstellen möchtest, ist das kein idealer Zeitpunkt, um einen guten Eindruck zu machen."
"Nein, das kann nicht warten, Lucian. Es geht um deine Sicherheit", meinte er, aber dass er einen Bodyguard engagiert hatte, davon verriet er mir noch nichts.
Wir fuhren also zum Penthouse am Columbus Circle, was sich im Übrigen im selben Gebäude wie die Firma befindet. Als mich Vater bat, aus dem Wagen zu steigen, zögerte ich. Ich weiß noch, dass ich auf den Bürgersteig starrte und Johnson in Gedanken vor mir sah, wie er die Waffe auf mich richtete.
"Lucian!", riss mich der Alte aus meinen Gedanken. "Du willst doch schnell nach Hause, oder nicht?"
"Ja, ich ..." Mir wurde richtig übel und ich hoffte, die Panikattacke, die mich zu überrollen drohte, vor ihm verstecken zu können, also stieg ich aus. Ich hielt den Atem an, bis ich das Gebäude betreten hatte.
Vor dem Aufzug reichte mir Vater sein Stofftaschentuch. "Grundgütiger, wisch dir den Schweiß ab", forderte er mich auf und stieg ein.
Ich hatte eigentlich gehofft, Mutter noch im Penthouse anzutreffen, doch sie war bereits wieder nach London abgereist. Dass sie so schnell wie möglich von diesem Mann weg wollte, kann ich ja verstehen, aber sich nicht einmal von mir zu verabschieden ... Egal, ich hab mich damit abgefunden.
Vater bat mich, im Wohnzimmer Platz zu nehmen und ließ schließlich meinen neuen Leibwächter rufen.

Als der stämmige Mann den Raum betrat und sich unsere Blicke trafen, kam er sofort auf mich zu. "Mister Lucian Pierce! Freut mich sehr, Sie kennen zu lernen! Mein Name ist McBrady und ich gebe Ihnen mein Wort, alles in meiner Macht stehende zu unternehmen, um Ihre Sicherheit zu gewährleisten, Sir", stellte sich der Gute vor und streckte mir seine Hand entgegen.
"Was soll das?!", wandte ich mich daraufhin an meinen Vater, ohne McBrady auch nur einer Antwort zu würdigen.
"Nach dem, was passiert ist, halte ich es für sinnvoll, wenn du nicht mehr ohne Sicherheitspersonal außer Haus gehst", entgegnete der selbstgerechte Mann. "McBrady ist einer der besten Bodyguards in den Staaten, Lucian. Er wird rund um die Uhr für deine Sicherheit garantieren."
Ich war furchtbar in Rage und habe Vater angebrüllt, dass ich das nicht wollte und er sich nicht ständig in mein Leben einmischen sollte. Die Situation muss McBrady ziemlich unangenehm gewesen sein. Es tut mir bis heute leid, dass ich ihn damals wie Luft behandelt hatte, während ich damit beschäftigt war, Vater zusammenzustauchen.

Mit meinem aufgezwungenen neuen Angestellten verließ ich schnaubend das Penthouse. Ich hatte mir vorgenommen, dass ich den Mann bestmöglich ignorieren würde, was ich aber nicht lange durchhielt. McBradys Worte im Aufzug brachten mich dazu, dem Ganzen eine Chance zu geben.
"Hören Sie, Mister Pierce ... Ich kann völlig verstehen, dass Sie aufgebracht sind. Das muss sehr frustrierend für Sie sein. An Ihrer Stelle wäre ich auch angepisst, aber Ihr Vater wirkt auf mich nicht gerade wie ein Mann, mit dem man leicht Kompromisse eingehen könnte. Versuchen wir das Beste daraus zu machen. Ich werde mich bemühen, Ihnen so wenig wie möglich in die Quere zu kommen, Sir."
"Sie ziehen bei mir ein! Wie bitteschön wollen Sie mir da nicht in die Quere kommen?!" Ja, darauf hatte mein Vater bestanden. Er war zwar um meine Sicherheit besorgt, wollte aber einen wildfremden Mann bei mir einquartieren!
"Tut mir leid, Sir. Ich ziehe es ebenfalls vor, geregelte Arbeitszeiten zu haben und in einem Hotel zu wohnen. Der Vertrag, den Ihr Vater aufsetzen hat lassen, ist sehr speziell. Ich werde ihn noch einige Male lesen müssen."
"Das glaube ich Ihnen sogar ..."
"Solange Sie sich nicht in Gefahr befinden, Sir, werden Sie mich gar nicht bemerkten. Ich habe nicht vor, Ihnen zur Last zu fallen." Zuversichtlich rückte sich der Mann seinen Schlips zurecht.
Unten in der Lobby angekommen ließ ich McBrady den Vortritt. Der Anschlag ist jetzt schon fünf Jahre her und dennoch hatte ich bis zu meinem Tod vor einer Woche jedes Mal ein mulmiges Gefühl, das Gebäude zu verlassen. Ich frage mich, ob das jetzt anders wäre, da ich mich nun im Körper dieses Junge befinde, aber das ist jetzt nicht wichtig.
Der Bodyguard wusste genau Bescheid, was den Ort des Geschehens angeht. Ich gab ihm die Autoschlüssel und er ließ meinen Wagen holen. Wie versteinert stand ich vor den Toren, die nach draußen führten. Dass McBrady zurückgekommen war, um mich zu holen, bemerkte ich erst, als er meinen Arm berührte.
"Sir, Ihr Wagen ist da."
Ich atmete tief durch. "Könnten Sie vielleicht fahren?", fragte ich ihn verunsichert. Ich fühlte mich wirklich nicht gut.
"Ja, natürlich, Sir." Er geleitete mich zum Beifahrersitz und hielt mir die Tür auf.
Ich stieg ein, nannte ihm die Adresse und wir fuhren los. Sowie wir den Columbus Circle verlassen hatten, war mir wohler. Ich konnte es immer noch nicht fassen, dass mir mein alter Herr diesen Mann aufgedrängt hatte. "Ich halte das alles für übertrieben. Wieso denkt mein Vater, ich bräuchte einen Bodyguard? Ja, ich wurde fast erschossen, aber wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich so etwas wiederholt? Ich meine, selbst in New York City ist das nicht alltäglich ..."
"Warten Sie - Sie wissen aber schon, wer auf Sie geschossen hat, nicht wahr?!" Erwartungsvoll sah mich McBrady an. "Ihr Vater hat Ihnen nichts erzählt", stellte er dann kurz darauf fest, als ich ihm nicht antwortete. Dann erzählte er mir, was mein alter Herr mir bisweilen verschwiegen hatte - die ganze Geschichte.
Nach Johnsons Verhör kam heraus, dass sich dessen Sohn das Leben genommen hatte. Der angebliche Grund dafür - Vater war dabei, eine Firma, die dieser leitete, komplett umzustrukturieren und auf den Kopf zu stellen. Der Sohn hatte sein ganzes Herzblut in dieses Unternehmen gesteckt. Die genauen Hintergründe kenne ich nicht, aber Johnson hatte Vater die Schuld für den Tod seines Sohns gegeben. Die ganze Situation war zuvor schon eskaliert, als Vater Firmenanteile beim Pokern gewonnen und Johnson eine Revanche verwährt hatte. Ja, mein alter Herr war von Anfang an darauf aus, seinen Rivalen vorzuführen - Geld spielte dabei keine Rolle. Ich frage mich nur, warum Johnson überhaupt die Firma seines Sohns eingesetzt hatte. Ich kann mir nur vorstellen, dass ihn Vater irgendwie austrickste und es so aussehen ließ, als ob es nur ein vorübergehender Einsatz wäre, zumal auch Johnson stinkreich ist und Vater die Anteile wieder hätte abkaufen können. Johnsons Attacke auf mich war also ein purer Racheakt.

Zu Hause angekommen führte ich McBrady in das Gästezimmer, das er jedoch ablehnte. Er würde mein Arbeitszimmer bevorzugen, da dieses näher am Wohnungseingang läge und er so besser für meine Sicherheit sorgen könne. Wir verbrachten also die nächsten Stunden damit, meine Möbel umzustellen und sein Zimmer einzurichten. Dass er dort kein Badezimmer hatte, störte den Mann nicht. Er bot an, die Duschen der öffentlichen Fitnessanlagen im Haus zu benutzen, was ich aber als lächerlich empfand.
Dass ich jetzt ein Fenster an meinem Arbeitsplatz hatte, war sogar ganz angenehm und der neue Mitbewohner war wirklich sehr bemüht, mir nicht zur Last zu fallen - im Gegenteil. Er brachte sich gut ein, half im Haushalt und bereitete auch Mahlzeiten zu, die alles andere als übel schmeckten. Ich meine, hast du seinen French Toast probiert? Der Mann hat eine Gabe, die einfachsten Gerichte unglaublich schmecken zu lassen!
Wenn ich Besuch erwartete, öffnete er die Tür und zog sich dann still in sein Zimmer zurück. Mit der Zeit wurde es zwischen uns lockerer und Freunde und Bekannte lernten ihn langsam etwas kennen.
Eines Tages fand ich McBrady im Wohnzimmer vor und bemerkte, dass er weinte. Es war der Todestag seines Sohns, der vor zwei Jahren sein Leben gelassen hatte. Der junge Mann ertrank noch vor seinem einundzwanzigsten Geburtstag. Wir unterhielten uns lange - darüber und über so einiges mehr. Seitdem sah ich ihn nicht mehr nur als Bodyguard - nein, er war ... er ist viel mehr als das.
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