You're mine

von Ranja
OneshotAllgemein / P12
Knight Automated Roving Robot / KARR Knight Industries 2000 / KI2T
26.09.2019
26.09.2019
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Diesen oneshot widme ich BloodlineAngel aka KARR, die ihn leider nicht mehr lesen kann.. und KITT, der heute Geburtstag hat! 37 Jahre Knight Rider!  XD

Als RPG von uns beiden gestartet, entfaltete sich hier über Monate eine Geschichte  über KITT und KARR, die eine entsprechende Eigendynamik entwickelte und die wir beide mit Begeisterung verfolgten (und die eigtl. immer noch weiterläuft..). Wer unsere Geschichten kennt, weiß, dass beide eine menschliche Gestalt haben.

Ich für meinen Teil wollte einfach die Wandlung zeigen, die man dabei durchmachen kann und dass KARR niemals wirklich der "Böse" war, sondern dazu gemacht wurde.

Mein Schatz wird die Geschichte von der anderen Seite sicher mitlesen.

Wir denken an dich. :*

Kleiner Hinweis: Das alles ist rein aus KARRs Sicht erzählt.


~ YOU' RE MINE ~


Ich sah ihn das erste Mal im firmeninternen Netz des FBI.
Ein Bild von ihm, mit kurzen schwarzen Haaren, dem fein geschnittenen Gesicht und rot schimmernden Augen.

Von dem Fall hatte ich gehört.. Ein Nanochip in einem Menschen, eine künstliche Intelligenz in einer modernen, äußeren Hülle.. einem fremden Körper sozusagen. Und einem Problem, mit dem sie offensichtlich überfordert war.

Wer ließ sich denn schon freiwillig vom FBI unter Arrest nehmen und mit ihnen kooperieren? Es konnte nur sein guter Wille sein.. ein Wille, den ich mir schon früher zu Nutzen machen wollte.

Und mit ihm hier und jetzt auf dem Silbertablett? Ein gefundenes Fressen..
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„Was machst du hier?“
Überrascht sah ich die schlanke Gestalt vor mir an. Gehetzt.. ja, der Ausdruck traf es ganz gut. Ein sichtbar verwirrter und unwissender Blick aus seinen Augen mir gegenüber verriet mir genug.

„Auf der Flucht?“, stellte ich grinsend die Frage, zog meine Kappe tiefer ins Gesicht. Noch war nicht die Zeit, mich zu erkennen zu geben..

„Ja.. woher weißt du das?“, runzelte der Junge die Stirn, aber folgte mir zögernd in den Gang, durch den ich selbst ins Gebäude eingedrungen war.

„Ich weiß alles über dich.“

„Kannst du mir helfen?“

Ein zaghaftes Drücken meines Arms bestätigte meinen ersten Eindruck. Was auch immer ihn dazu angetrieben hatte, er war verzweifelt.

Es war ein seltsames Gefühl, diese Berührung. Fast so, als würden wir uns schon ewig nahestehen, obwohl wir uns doch grade zum ersten Mal sahen. Es verwirrte ihn genau wie mich, und einen Moment sahen wir uns schweigend an.

„Wenn nicht ich, wer dann?“

Ich ließ den Satz im Raum stehen, räusperte mich und führte ihn durch verwinkelte Gänge und Türen - deren Schlösser ich mit erbeuteten Chipkarten problemlos aufsperren konnte – in Richtung Ausgang.

Als ich mich umwandte zu gehen, packte er mich energisch am Arm: „WER bist du?!“

Er nahm meine Kappe ab, ehe ich die Gelegenheit hatte, ihn daran zu hindern. Sein Gesicht schwankte zwischen Verwirrung, Ungläubigkeit, und etwas, was ich zu diesem Zeitpunkt nicht definieren konnte.

„DU?!“

Sekundenlang starrten wir uns wortlos an.. bis die Alarmanlage jedes weitere Wort verhinderte. Wie Funken stoben wir auseinander, jeder in eine andere Richtung. Den Zettel mit weiteren Instruktionen hatte ich ihm bereits zugesteckt, so dass es ein Leichtes für ihn sein musste, seine Verfolger abzuschütteln.

Es dauerte eine Weile, bis ich ihn wiedersah.


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Wenn es etwas gibt, was mich nicht mehr loslässt, dann ist das Rache. Rache an Menschen, die mir das alles eingebrockt haben. Die mich verletzt, zerstört und mein Vertrauen missbraucht haben. Und ganz besonders wollte ich Rache üben an Michael Knight.

Der heroische Retter der Geknechteten.. dass ich nicht lache. Ihm habe ich das alles zu verdanken.
Er war es, der mich zur Flucht gedrängt und Jagd auf mich gemacht hat. Er war es, der ihm den Befehl gegeben hat, mich zu vernichten.

Und er war es auch, den ich um alles in der Welt leiden lassen wollte für das, was er mir angetan hatte. Jahrelang wie Abfall im Sand verscharrt zu liegen, in Tausend Stücke zerfetzt zu werden..

Ein Computer vergisst nichts.

So kam es, dass ich mich erneut auf die Suche nach seinem treuesten Gefährten machte. Jemand, der auf gewisse Weise so unschuldig und vertrauensselig war, dass ich leichtes Spiel haben würde.

Jemand, dessen ich mich bemächtigen konnte, ohne dass er es merkte..

Ich traf ihn schließlich nicht weit von seinem Zuhause entfernt, ein riesiger Hund an seiner Seite. Faszinierend.. da unsereins sonst kaum Beziehungen zu Tieren unterhielt. Aber offenbar respektierte ihn der Hund und kam schnuppernd auf mich zu.

„Dein Herrchen ist dort drüben“, richtete ich die Worte an ihn, aber er setzte sich lautlos vor mich hin und musterte mich aufmerksam. Interessante Entwicklung.

„Entschuldigen Sie, Mercutio ist.. –“

Wie vom Donner gerührt blieb er stehen, als er mich schließlich sah. Diesmal hatte ich mich dazu entschieden, in zivil zu bleiben. Selbst meine doch sehr auffälligen Augen ließ ich unbedeckt.

„Wie hast du mich gefunden?“ Ungläubiges Staunen erschien in seinem Gesicht.

„Das bleibt mein kleines Geheimnis.“

„Wir.. ich dachte, du bist zerstört!“, hellte sich seine Miene nach ein paar Momenten des Verstehens schließlich auf und er setzte sich zu mir auf die Bank. Fast machte es den Anschein, als.. freue er sich.
Man freute sich, wenn man mich sah? Sehr unwahrscheinlich.

„Sieht das für dich so aus hier?!“, schnaubte ich unwillkürlich, an vergangene Ereignisse erinnert. „Ich hab mir das nicht ausgesucht!“

„Ich mir auch nicht..“

Das kam von Herzen. Ich konnte es in seinen Augen lesen. Jemand, der wie ich so in diese Welt geworfen worden war und zusehen musste, wie man damit klarkam. Mit dem Unterschied, dass wir beide auf völlig anderen Seiten spielten.

„Da du hier bist, hat sich dein Problem mit dem FBI wohl inzwischen gelöst.“

„Ja, so kann man es nennen.“

Für einige Augenblicke herrschte Stille. Nicht unangenehm, eher.. befreiend. Wir kraulten abwechselnd den Hund, der zwischen unseren Füßen saß.

Der Plan war idiotensicher.. er würde mir vertrauen..

„Ich dachte, du würdest mich hassen.“

„Wieso sollte ich?“, sah er mich direkt an.

„Keine Vorwürfe? Keine Wut auf das, was ich getan habe?“

Ich glaubte ihm nicht.. niemand überlebte die Begegnung mit mir, ohne danach einen gewissen Hass zu entwickeln. Es war immer so gewesen. Erst nutzten sie mich aus, dann wehrte ich mich.. und dann kamen Hass, Wut und Angst.

„Nein.“

„Du freust dich also ernsthaft, dass ich hier neben dir auf der Bank sitze und mit dir rede?“

„Du nicht?“ Er hörte auf, den Hund zu kraulen. „Ich hatte nie vor, dir zu schaden. In keinster Weise hätte ich dich verletzen wollen. Eher muss ich mich entschuldigen, dass ich damals im wahrsten Sinne des Wortes nicht anders konnte.“

Moment.. mit dieser Aussage hatte ich nun wirklich nicht gerechnet! Es dauerte länger als gewollt,  eine Erwiderung zu finden. Verdammt..

„Ich habe deine Freunde bedroht und sie in Gefahr gebracht“, meinte ich spitz. „Ich bin auf dich losgegangen, erinnerst du dich?“

Er schenkte mir ein entwaffnendes Lächeln. „Und du denkst, ich wüsste nicht, warum? Du warst wie ein verängstigtes, wildes Tier auf der Flucht und hast dich nur gewehrt, weil du in die Ecke gedrängt wurdest.. ich habe es Michael zu erklären versucht, aber er wollte nicht hören.“

„Was weißt du denn noch so, hm?“, rutschte mir der Kommentar heraus, ohne es zu beabsichtigen. Ich hatte ihn unterschätzt. Bei Weitem. „Weißt du auch, dass ich dich jetzt auf der Stelle eliminieren könnte?“

Ein kleines, heimtückisches Grinsen zeigte sich auf dem hübschen Gesicht neben mir.

„Könntest du.. das wirst du aber nicht.“

„Ach wirklich?“ Ich überkreuzte die Arme. Die Erklärung wollte ich hören.. „Was macht dich da so sicher?“

„Weil du so bist wie ich. Wir sind von derselben Art.“

Diesmal sagte ich nichts. Irgendwo musste ich ihm Recht geben.

„Würdest du mir wirklich wehtun wollen, hättest du es schon längst getan“, zuckte er schließlich mit den Schultern und erhob sich. „Also muss ich entweder eine gewisse Faszination auf dich ausüben.. oder du brauchst meine Hilfe.“

Mit den Füßen wippend, legte er den Kopf schief und sah mich mit unverhohlener Neugierde an.

„Was davon ist es?“

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Wir trafen uns heimlich. Selbstredend, denn hätte Michael Knight davon Wind bekommen, hätten wir beide ein Problem gehabt.

Ich hatte mir so etwas wie ein eigenes Leben aufgebaut. Kein vorzeigbares, aber ein Leben.

Wie kam ich also dazu, ihn, der das genaue Gegenteil von mir zu sein schien, mit in dieses Leben einzuweihen? Nun.. ich suchte Antworten. Antworten auf die Frage, warum wir das waren, was wir waren.

Niemand hatte uns gefragt, ob wir das sein wollten, was man aus uns gemacht hatte. Beide waren wir Opfer geworden von Menschen, die geglaubt hatten, uns als Informationsquelle nutzen zu können.

Ich hatte - wie schon bisher immer - mein Heil in der Flucht gesucht. Aber wie war es ihm damit ergangen?

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„Warum hast du mir eigentlich nachgestellt?“ Die Frage klang gleichermaßen anklagend wie neugierig. Er saß hinter mir auf dem Bett, die Beine im Schneidersitz, und versuchte anhand des Raumes meinen Charakter zu erahnen. Die Frage schien ihn zu beschäftigen.

„Weil du der Einzige warst, der mir vielleicht weiterhelfen könnte.“

Ich ließ mir nichts anmerken, sondern arbeitete weiter mit dem Laptop auf dem Tisch vor mir. Geschäftliches konnte man ja schließlich auch mit dem Privaten verbinden..

„Inwiefern?“

Dieser neugierige Tonfall war irritierend.

„Nun.. wir wurden beide in eine Menschengestalt gepfercht – und glaub mir, das ist die LETZTE Gestalt, die ich sein möchte! – unter dem Vorwand, uns auszuhorchen. Warum? Wieso? Dir ging es doch genauso!“

Ich hämmerte zu heftig auf der Tastatur herum. Merkte er, dass mich diese Frage immens belastete? Mit einer eleganten Bewegung drehte ich mich auf meinem Stuhl um, bohrte meine stechend gelbgrünen Augen in die seinen.

Seufzend massierte er sich die Schläfen, ehe er Antwort gab: „Ich mag davon nichts mehr hören. Was weißt du über die Foundation? Warum gibst du uns keine Informationen? Wieso erinnerst du dich nicht? … Weil ich verdammt nochmal nichts mehr weiß!“

Es machte ihn also wütend. Genau wie mich. Mittel zum Zweck, so, wie es immer gewesen war.

„Ich sehe schon, das ist ein heikles Thema für dich“, zog ich eine Augenbraue hoch und verschränkte die Arme.

„Es hat mich fast umgebracht, reicht das?“ Seine Stimme wurde einige Grad kälter, wie ein See, der gerade gefror. „Wenn du meine Akte gelesen hast, weißt du, dass ich einen Kurzschluss hatte. Der Chip hat angefangen, mich massiv zu vergiften.“

„Wie hast du überlebt?“ Zugegeben, dieses Problem hatte ich von Anfang an ausgemerzt. Die Taktik war dieselbe gewesen – Chip hinein – Chip heraus – nur dass ich das Ganze wohl sehr stark beschleunigt hatte. Ich wollte unter keinen Umständen mein Leben an ein kleines Metallding hängen!

„Extrem knapp“, ballte der Junge die Faust, seine Miene ein offenes Buch. Was war da zu lesen? Hass? Wut? Enttäuschung? „Sie hätten mich sterben lassen. Und wofür das alles? Für Informationen über eine Organisation, der es nicht EIN Mal in den Sinn gekommen ist, mich nach meiner Meinung zu fragen!“

Jetzt war ich ganz Ohr. Er redete ganz offensichtlich von FLAG und Dr. Graiman. Er, der quasi Teil jener Familie war, ihr Kernstück. „Höre ich da versteckte Kritik?“

„Ich bin nicht mehr bei der Foundation, falls das die eigentliche Frage war.“ Anscheinend hatte ich einen Nerv erwischt. Auf seine bissige Antwort hin stand der Junge auf und ging zur Tür. „Egal, wie sehr du sie hasst, du wirst nie an sie herankommen. Und mach dir keine Hoffnung, mich mit Tricks auf deine Seite zu ziehen. Ich wähle meine eigene.“

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Tage vergingen, bis wir wieder miteinander redeten. Von wegen, ich war der schwierigere Prototyp. Er stand mir in nichts nach!

Aber für jemanden, der immer umsorgt wurde, war so eine Tatsache wohl ein Schlag in die Magengrube. Menschen waren dumm, bösartig und unfähig. Jeder Taschencomputer war klüger als sie. Ich hatte das beizeiten lernen müssen.

Leider waren meine Geschäfte ebenfalls mit dummen, bösartigen und unfähigen Menschen.. die den Fehler begingen, mich heraus zu fordern. Niemand forderte mich heraus, ohne den Preis dafür zu zahlen.

Meine Rache war kurz und schrecklich.

Allerdings war ich im entscheidenden Nachteil, denn außer mit Chris, der so eine Art Ziehvater für mich war, stand ich allein auf weiter Flur - nicht so meine Geschäftspartner. Ans Bein gepisst, rotteten sie sich zusammen und ich entkam nur knapp dem sicheren Untergang.

So stand ich da, mittellos.. und wohin führten meine Wege mich?

Fast ohne mein Zutun hatte ich sein Zuhause gefunden. Hatte ich einen bestimmten Grund, zu ihm zu gehen? Er war mein größter Rivale, mein Konkurrent, wenn man es so wollte. Anders als mir war ihm eine Familie zuteil geworden, Freunde, die zusammenhielten. War es das?

„Ist er da?“, fragte ich schroff, als sich die Tür öffnete. Der Anblick war unvergesslich: Ein älterer,  hagerer Mann, um die 60, mit Furchen und Falten im Gesicht, begrüßte mich. Ich brauchte einige Momente, bis ich erkannte, wen ich vor mir hatte. „Knight?“

„Wer will das wissen?“ Die Stimme war noch dieselbe. Doch, ich konnte mich nicht irren. Und irgendwie war ich.. enttäuscht. Das war von meinem Erzfeind letztendlich übrig geblieben.. ein Trauerspiel.

„Ist er nun da oder nicht?“

Meine Geduld war von jeher nicht die beste.

„Wer denn zum Henker?!“ Immer noch der alte.

„Der Knight 2000, wer denn sonst!“

Ehe der alte Mann Anstalten machen konnte, mich aufzuhalten, drückte ich mich an ihm vorbei und inspizierte den Eingang des Hauses. Es war groß, gemütlich und würde mir als Versteck eine Weile gute Dienste leisten. Das legte ich im gleichen Moment fest, in dem ich zur Tür hereinkam.

Zu meinem Glück war er tatsächlich da. Sein Gesicht entgleiste einen kurzen Augenblick, dann hatte er sich wieder unter Kontrolle. „Was.. machst du hier?“

„Dich besuchen..“

Wir fixierten uns gegenseitig. Natürlich glaubte er mir kein Wort. Immerhin war ich ja der Gemeine und Hinterhältige von uns beiden, wozu dann hätte ich lautere Absichten haben sollen? Blümchen hatte ich ja keine mitgebracht.

Er räusperte sich, den Blick auf seinen alten Herrn gerichtet: „Michael.. erinnern Sie sich an meine Bitte vor ein paar Tagen? Er kann im Moment nirgendwohin.. kann er nicht eine Weile hierbleiben? Bitte. Mir zuliebe.“

Ihm zuliebe? Interessant. Wickelte er die Leute auch so um den Finger wie ich es tat? Manipulation gehörte zwar eher zu meinen Stärken, aber wer wusste.. ob er ihm erzählt hatte, wer ich wirklich war? Lügen gehörte nicht zu seinem Repertoire, und der alte Mann wusste das genau wie ich.

„Dir zuliebe soll ich denjenigen in mein Haus lassen, der uns fast umbringen wollte?“ Er musterte mich von oben bis unten. „Schau ihn dir an. Er könnte uns beide mit bloßen Händen erwürgen.“

„Tja, was 30 Jahre so ausmachen, nicht wahr?“, grinste ich siegessicher. „Wie armselig, Knight.“

Noch ehe die Faust ausholen konnte, sprang der Junge dazwischen. Oho, gute Reflexe! Beeindruckt blieb ich stehen, duellierte mich mit dem alten Herrn wortlos auf Augenhöhe. Offenbar hatte er weder damit gerechnet, dass ich fast so groß war wie er, noch, dass ich im Gegensatz zu ihm entsprechend dafür gesorgt hatte, dass dieser Körper so gut in Schuss war wie es nur irgend ging.

Er überlegte wirklich ernsthaft, auf mich loszugehen.. entschied sich dann aber anders.

„Ich bin zu alt für diese Scheiße..“, beendete er abrupt den Blickkontakt zu mir und entspannte sich. „Er mag meinetwegen für’s Erste hierbleiben, aber er wird weder hier rumschnüffeln noch lässt du ihn aus den Augen, verstanden?“

Die Aufforderung galt meinem Beschützer, der noch immer vor mir stand. Es war süß, auf eine gewisse Weise. Nicht, dass ich Schutz nötig hatte, der Hase lief eher umgekehrt. Er war derjenige, der auf sich aufpassen sollte..

„Sperrt ihr mich wieder ein, hm?“

Nein, alles, was recht ist, aber darauf reagiere ich ziemlich allergisch..

„Wenn du hierbleiben willst, befolgst du ein paar Regeln, klar?“ Knights Stimme war kein bisschen verängstigt oder überrascht, vielmehr befehlend und harsch. Alte Gewohnheiten legte man wohl nie ab. „Du wirst dich benehmen wie jeder andere vernünftige Mensch auch, sonst frisst dich der Hund zum Frühstück.“

„Wie überaus gastfreundlich.“ Aber er hatte nicht Unrecht mit dem, was er sagte. Menschen mochten kein Problem sein, bei einem 40 Kilo schweren Malamut mit dem Gebiss eines Wolfes sah die Sache dann schon anders aus..

„Ich werde ihm nicht von der Seite weichen.“

Wie sollte ich diesen Satz schon bald bereuen.

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„Ich muss schon sagen.. die Lage hat etwas.“ Zusammen mit ihm saß ich auf der Veranda, die die Rückseite des Hauses beschirmte, und erfreute mich an der warmen Abendluft. Trat man durch die Glastür aus seinem Zimmer hinaus, so kam man in den Genuss einer versteckten, ruhigen Zone.

Jeder für sich, und trotzdem zusammen.

Irgendwie friedvoll. Ich fühlte mich entspannt wie schon lange nicht mehr. Genau genommen wie noch nie. Es war ein ungewohntes Gefühl.

„Man hat seine Ruhe, ja.“ Die Abenddämmerung brach herein, ein lauer Wind wehte. „Ist es dir so zuwider?“

„Was meinst du?“

„Mensch zu sein.“ Er stellte die Frage ruhig und sachlich. Offensichtlich hatte auch er darüber nachgedacht. Was wir waren. Wer wir waren. Und warum.

„Ich habe mich arrangiert“, zuckte ich mit den Schultern. „Eine Rückkehr gibt es nicht, und ich möchte gern lange leben. So ein Mensch ist anfällig für so vieles.. Krankheiten, Verletzungen. Man muss regelmäßig schlafen, hat Hunger, Durst.. lästige notwendige Eigenschaften, damit der Körper funktioniert.“

Habe ich meine Verachtung klar zum Ausdruck gebracht? Ich hoffe es.

„Und was ist mit dem Geist?“ Ich konnte ihn sich zu mir herüberlehnen sehen. Er legte seine Hand auf meinen Arm. „Was ist mit Emotionen, Instinkten? Ich kann mich erinnern, dass sie mich am Anfang regelmäßig überwältigt haben. Ich war machtlos.“

Es war faszinierend, wie beruhigend so eine warme Hand auf dem Arm wirken konnte. Eine vertraute Geste, die man machte, wenn einem der Gegenüber wichtig war. War ich das denn für ihn?

„Ich kenne Angst, Zorn, und eine gesunde Portion von Paranoia.“

„Wie wäre es zur Abwechslung mit Entspannung, Freude und Vertrauen?“

„Außer dir vertraue ich niemanden..“

Und nicht einmal da war ich mir sicher. Vertraute ich ihm? Ich musste wohl.. sonst würde ich nicht mit meinem größten Feind unter einem Dach wohnen. Er musste mein Zögern gehört haben.

„Bereust du es, hergekommen zu sein?“ Er klang, als hatte er Angst vor meiner Antwort. „Ich wäre sehr bekümmert, wenn du wieder gehen würdest.“

„Wieso?“

Er drückte meinen Arm. „Weil du mein Bruder bist.“


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Bruder.

Niemand hatte mich je so genannt.. genau genommen waren wir ja welche. Ich war der Ältere, wenn man so wollte, und er der Jüngere. Wir hatten den gleichen Vater, die gleiche Herkunft.

Wir waren zwei gegensätzliche Teile eines Großen Ganzen. Dass ich auf den Trichter noch nicht gekommen war!

Je mehr Zeit ich bei und mit ihm verbrachte, desto mehr lernte ich ihn kennen. Ihn und den Mann, dessen Vernichtung mein eigentliches Ziel hätte sein sollen.. hätte, denn je länger ich mich mit dem Jungen befasste, desto interessanter wurde er für mich. Auf eine Weise, die ich nicht wirklich fassen konnte.

Weshalb ausgerechnet er?

Vielleicht lag es daran, dass er mich so annahm, wie ich war. Er wusste, wer ich war und zu was ich imstande war.. dennoch hielt ihn das nicht davon ab, mit mir zu reden, mir Dinge geduldig zu erklären, die ich noch nicht wusste. Langsam verstand ich seine Sichtweise, seine Art.

Am irritierendsten war allerdings, dass er mir auf gleicher Augenhöhe begegnete. Er behandelte mich wie seinesgleichen - nicht wie ein aussätziges Tier, auf das man herabsehen durfte.

Es beeindruckte mich. Und es machte mich neugierig. Was da wohl hinter der hübschen Fassade noch so steckte? Welche Sehnsüchte und Gedanken wohl darin schlummerten? Ich beschloss, es darauf ankommen zu lassen..

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Ich wusste, worauf ich mich einließ. Ich wusste, dass meine Geschäfte brenzlig, illegal und nicht beliebt waren. Und ich wusste auch, dass sie mich eines Tages in große Gefahr bringen würden.

So lange schon hatte ich die Ware versteckt, wartete, bis Gras über die Sache gewachsen war. Jetzt musste ich sie loswerden.

IHM hatte ich aus gutem Grund nichts davon gesagt. Hätte er mir Vorwürfe gemacht? Mich gemieden? Wäre er enttäuscht von mir gewesen?

Es nagte an mir. Langsam, stetig. Es brachte mich immer mehr um den Schlaf.

Seit wann war er mir so wichtig geworden? Wieso interessierte mich auf einmal, was er von mir hielt? Ich beschloss, den wirren Gedanken von mir zu schieben und verpackte die Stücke in ihre vorgesehenen Kisten. In meine Arbeit vertieft, bemerkte ich die leisen Schritte nicht, die sich lautlos näherten. Erst die warme, sanfte Stimme riss mich aus meinen Grübeleien: „Ach, damit verdienst du dir deinen Unterhalt.“

Erschrocken drehte ich mich um, starrte in die rot schimmernden Augen vor mir. Er hatte mein kleines Geheimnis entdeckt.

„Findest du Waffenhandel nicht ein wenig skrupellos?“

„Wie hast du mich gefunden?“ In meinem Kopf schrillte eine Alarmglocke auf. Ich konnte sie hören -  wie ein dunkler, tiefer Ton, der immer lauter wurde und jeden vernünftigen Einfall erstickte. Er darf mich so nicht sehen..

„Genauso wie du mich, vermute ich mal“, kam er ein paar Schritte auf mich zu. „Und du weißt, was ich von dem hier halte..“

Er hat den Hund nicht dabei.. schoss es mir wie ein Blitz durch den Kopf.

Und dann ging etwas ganz plötzlich ganz fürchterlich schief.

Ohne dass ich es steuern konnte, drückte ich ihn zu Boden und schloss meine Hände um seinen Hals. Er versuchte sich zu wehren, aber konnte gegen meine Kraft kaum etwas ausrichten. Im letzten Moment sah ich aus dem Augenwinkel, wie er nach dem Revolver neben mir griff und blind abdrückte.

Meine rechte Schulter explodierte in einem Meer aus Schmerzen, aufjaulend sprang ich auf und rannte davon. Wohin, wusste ich nicht. Nur weg. Weg.

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Nach 2 Tagen fanden sie mich.

Vor Schmerzen und Erschöpfung halb bewusstlos, war das Erste, was ich sah, sein zerknirschtes und besorgtes Gesicht, was sich zu mir herunterbeugte.

„Gott sei Dank, du lebst noch..“, murmelte er schuldbewusst. Ich versuchte schwach, seine Hand wegzuschlagen, die mir aufhelfen wollte. „Bitte.. du musst dich verarzten lassen..“

Er redete minutenlang auf mich ein, mit beruhigender, leiser Stimme. Ein Teil von mir wollte weglaufen.. aber ein anderer Teil wollte dableiben. Seine Stimme hören. Gesagt zu bekommen, dass alles gut ist, dass der Schmerz ein Ende hat.

Ohnmächtig fiel ich schließlich dem Sanitäter in die Arme.

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Danach herrschte betretenes Schweigen. Ich durfte nach kurzer Zeit wieder aus dem Krankenhaus heraus, und diesmal sagte nicht einmal der alte Knight etwas.

Der Schuss war so heftig gewesen, dass er meine Schulter durchschlagen hatte. Die lange Wartezeit bis zur Verarztung hatte die zerstörten Nerven an der Stelle veröden lassen. Mein gesamter rechter Arm war größtenteils taub und würde es dauerhaft bleiben.

Mit einem dicken Verband saß ich oben auf der Veranda, dämmerte vor mich hin. Es fiel uns beiden nicht leicht, darüber zu reden.

„Es tut mir leid..“

Er wusste ebenso wenig wie ich, wie er anfangen sollte. Und wofür sollte ich mich entschuldigen? Dass ich ihn angegriffen hatte? Hätte er mir nicht hineingepfuscht..

Ich war wütend, verwirrt und irgendwie verängstigt. Das hätte nicht passieren dürfen.

„Was hätte ich denn tun sollen..?“, fragte er kleinlaut weiter. Offensichtlich hatte er sich ebenso Gedanken darüber gemacht. „Du wolltest mich umbringen.“

„Ich.. weiß nicht, was mit mir los war“, entschied ich mich – wahrscheinlich das erste Mal überhaupt – für die Wahrheit. Ich verstand es wirklich nicht. „Von einem Moment auf den anderen. Wie ein Kurzschluss.“

„Alte Gewohnheiten legt man nicht so schnell ab“, suchte er, wie ich, nach einer Erklärung. „Aber wann verstehst du endlich, dass ich keine Gefahr für dich bin? Ich helfe dir, soweit es in meiner Macht steht.“

„Du hast mir schon genug geholfen..“, knurrte ich, zornig auf mich selbst. Die Schulter stach wie mit Nadeln. „Deinetwegen bin ich jetzt für den Rest meines Lebens gezeichnet.“

Für mehrere Minuten sagte niemand etwas. Langsam drehte ich mich zur Seite, um ihn anzusehen.. und erkannte mit wachsendem Erstaunen etwas feucht Glitzerndes in den roten Augen. War das-

„Bist du jetzt fertig?!“, platzte es schließlich aus ihm heraus. „Hast du es mir jetzt genug unter die Nase gehalten?! Meine Schuld, deine Schuld.. das spielt doch alles keine Rolle. Ich habe wie ein Verrückter nach dir gesucht, weil ich mir Sorgen gemacht habe! Du hättest tot sein können!“

Er wischte sich die beginnenden Tränen weg, eine vor Wut bebende Gestalt. So hatte ich ihn noch nie gesehen.. und es schüchterte mich mehr ein als ich zugeben mochte..

„Denkst du immer noch, du wärst mir nicht wichtig?! Du bist der Einzige, der so ist wie ich! Der Einzige, der genau weiß, was ich denke und wie ich mich fühle! Tu nicht so, als wäre dir das alles egal..“

„Was ist mit Knight?“ Diese Frage musste ich einfach stellen.. auch wenn es mich alle Kraft kostete, mein neutrales Gesicht aufrecht zu erhalten.

„Wie kann ein Mensch denn nachvollziehen, wie sich ein Computer wirklich fühlt..“

Der bittere Tonfall verriet mehr als genug. Offenbar war da schon früher etwas vorgefallen.. diese verletzliche, aufbrausende Seite war neu an ihm. Er vertraute mir jetzt voll und ganz, da war ich mir sicher. So gesehen war mein Plan erfolgreich gewesen.. aber im gleichen Moment wusste ich, dass ich es nicht über’s Herz bringen konnte.

Ich schuldete ihm mein Leben. Ich hatte kein Recht, ihn so auszunutzen.

„Hey..“ Selbst erstaunt über meine raue Stimme, drückte ich sanft seinen Arm. „Ich wollte dir nicht wehtun, glaube mir..“

„Ich bin ja selbst schuld..“, zuckte er sofort von der Berührung weg, tief durchatmend. „Wieso verbringe ich auch meine Zeit mit Jemandem, der nur mit Lügen und Intrigen durch die Welt geht? Von dem ich wissen sollte, dass er mich nie so behandeln wird wie ich ihn?“

Der Satz traf mich. Schnell, hart und unerbittlich.

„Bin ich jetzt doch wieder der Sündenbock für alles?“, verdunkelte sich meine Miene. Es war doch immer dasselbe.. niemand glaubte mir, dass es auch andere Seiten gab. Aber wann hatte ich denn je die Chance erhalten, sie zu zeigen? „Du weißt nichts über mich..“

„Ach wirklich?“ Er drehte sich mir zu, sein Blick forschend auf mich gerichtet. „Da ist also noch mehr als nur der Plan, mich zu manipulieren? Ich bin ganz Ohr.“

„Ich.. was willst du denn von mir hören, verdammt nochmal!“

Mit geballten Fäusten war ich aufgesprungen, das ungewohnt taube Gefühl in meinem rechten Arm ignorierend. Nichts wusste ich.. nur das Bedürfnis, dass ich ihn nicht verlassen wollte. Dass er mir Gesellschaft leisten sollte, wann immer das nur ging.

„Warum du beispielsweise hier bist. Du scheinst mich nicht zu hassen, was ist dann der Grund?“

Jetzt sah ich eindeutig Neugierde in seinem Gesicht. Es war nicht fassbar, dieses Gefühl.. eine Art Verständnis zueinander, das keine Logik erklären konnte. Wir kannten uns, noch bevor wir uns kennen lernten.

„Nein, ich hasse dich nicht“, versuchte ich eine Erklärung, sah betreten den Boden an. „Ich verstehe es nicht.. Bei dir fühle ich mich wohl. Ich habe mich noch nie irgendwo wohlgefühlt.“

„Wirklich?“

Kopfnickend bejahte ich. „Du hast es doch gerade eben gesagt. Ich lüge, um zurecht zu kommen. Bei dir muss ich das nicht. Du verstehst mich.“

„Es macht dir Angst, richtig?“, hatte er mein Stocken erkannt. So naiv er manchmal war, er wusste mehr, als ich ihm zugetraut hätte.. Ich spürte seine Hand auf meinem Unterarm. „Lass es zu. Bei mir wird dir nichts geschehen.“

„Ist das ein Versprechen?“

„Ja.“

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Ich tat, was ich tun musste. Zu gefährlich war mir das Terrain geworden, was ich betreten hatte. Chris war nicht sonderlich begeistert, als ich ihm meinen Rücktritt erklärte.

„Bist du dir da ganz sicher?“, sah er mich skeptisch an. „Deine Gegner werden keine Ruhe geben, bis sie das bekommen haben, was sie wollen. Du schuldest ihnen noch Einiges.“

„Bereinige du das für mich“, winkte ich ab, aber verzog vor Schmerz das Gesicht. Die zuheilende Wunde spannte und schmerzte. Das war Denkzettel genug. „Ich will nicht, dass ihm was passiert.“

Chris sah mich spöttisch an. „Damit wirst du rechnen müssen, mein Lieber. Man könnte meinen, du hast seit geraumer Zeit außer diesem Jungen so gar keine Interessen mehr.“

Kalt sah ich ihn an. „Was meinst du damit..“

Er formte mit den Händen ein symbolisches Herz.

„Pass genau auf, was du jetzt sagst..“, knurrte ich ihn an, unmissverständlicher, wie es nicht sein konnte. Aber er lachte nur.

„Ich kenne dich, seit ich dich damals aufgelesen habe“, kreuzte der blonde Mann vor mir nur die Arme vor seiner Brust. „Halt mich nicht für dumm, Junge.“

Kopfschüttelnd ging ich weiter den organisatorischen Dingen nach. Blödsinn! Alles, was ich wollte, war, ihn vor Schaden zu bewahren. Er sollte mit MIR Zeit verbringen, und das ging nur, wenn ich aufpasste, dass das lange so blieb.

„Er ist nun mal der Einzige, den ich mag“, zuckte ich mit den Schultern. „Was kann ich dafür, dass du eifersüchtig bist.“

„Ich warne dich, treib dein Spielchen nicht zu weit.“ Er warf mir einen frostigen Blick zu. „Egal, was du tust, vergiss nie, wem du das alles zu verdanken hast..“

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Die Quittung kam rascher als erwartet. Ein altes Leben abzustreifen ist nie einfach. Der Herbstabend war angenehm, fast schon zu still für meinen Geschmack. Den ganzen Tag schon hatte ich instinktiv das Gefühl gehabt, beobachtet zu werden.

Hatten sie mich letzten Endes doch gefunden?

Ich sah den Hund an. Keine Reaktion.

Mir hatte der Streit heute mit ihm schon gereicht. Ich gab mir doch schon Mühe! Ich konnte nicht zaubern! Wutentbrannt war jeder schließlich in eine andere Richtung davongegangen. Ich für meinen Teil setzte mich mit Jacke auf die Veranda, er wollte an die frische Luft.

„Mercutio, komm!“ Der Malamut erhob sich, schüttelte seinen Pelz und trottete behäbig die Treppe herunter. Irgendwie war mir nicht wohl bei dem Gedanke, ihn allein losgehen zu lassen.. trotz dass der Hund seinen Job perfekt erledigte.

Lang hielt es mich nicht auf meinem Sitz. Ich schlich mich hinterher, folgte ihm in einigem Abstand den Waldweg hinein, den er eingeschlagen hatte.

Wieder konnte ich es förmlich spüren. Das Gefühl, beobachtet zu werden.

Planten sie einen Hinterhalt?

Die Antwort kam in Form von Schüssen. Sie mussten mich im Dunkeln mit ihm verwechselt haben, denn nach ein paar Querschlägern in Bäume hörte ich ganz deutlich einen Schmerzensschrei. Das, und davoneilende Schritte.

Ehe ich zur Verfolgung ansetzen konnte, hetzte der riesige Hund bereits durchs Gebüsch hinterher. Es ging zu schnell, als dass ich eingreifen konnte. Kurze Zeit später hörte ich Knurren, einen gellenden Schrei und ein grässlich knackendes Geräusch von Knochen.

Ich entschied, lieber nicht nachzusehen, was das Tier mit seinem Gebiss anrichtete.. stattdessen rannte ich zu dem Ausgangspunkt des ersten Schreis und fand ihn am Boden sitzend, sich die Seite haltend.

„Haben sie dich erwischt?“, half ich ihm auf, was er Zähne zusammenbeißend über sich ergehen ließ. „Wo haben sie dich getroffen?“ Verdammt! Genau das hatte ich verhindern wollen!

„Wahrscheinlich nur ein Streifschuss..“, kam es nur knapp und zusammen humpelten wir zurück. Wortlos brachte ich ihn zurück ins Haus, überzeugt, dass uns niemand mehr folgte. Um die Leichen im Wald würde ich mich später kümmern.

„Ich hätte es wissen müssen!“, schalt ich mich zerknirscht einen Narren, als ich den Jungen ins Badezimmer bugsierte. Wenn man den Alten mal brauchte, war er natürlich genau dann nicht da. Eh klar.

Durch die dunkle Jacke konnte ich es rot sickern sehen. Scheiße..

„Ich habe dir gesagt, das geht nicht gut aus..“, blieb der Junge am Badewannenrand sitzen, sein Gesicht zunehmend blasser werdend. Er versuchte ein Lächeln. „Mach dir keine Sorgen, es geht schon.“

Als sich schwere Pfoten näherten, weiteten sich seine Augen vor Schreck. „Um Gottes Willen..!“

Schnauze und Brust des Tieres waren blutdurchtränkt, die Lefzen tropften, selbst die Pfoten hatten rote Tapsen hinterlassen. Machte sich immer gut auf weißen Kacheln. Jetzt war ich ganz froh, dass Knight nicht da war.

„Brav, Mercutio“, tätschelte ich dem Fellknäuel den Kopf, ein stolzes Grinsen erschien in dem so grauslich wirkenden Monstergesicht. „Hast du toll gemacht. Jetzt setz dich hin, damit ich dein Herrchen verarzten kann.“

Ich fing an, ihm Jacke und Hemd auszuziehen.

„Lass das..“, versuchte er schwache Gegenwehr, meine Hand wegschiebend. „Ich kann das selbst.“

„Nein, kannst du nicht, du kippst gleich um!“

Ich achtete nicht weiter darauf, sondern konzentrierte mich aufs Wesentliche. Unter seinem Hemd versteckte sich ein ziemlich hässlicher Streifschuss, der eine dicke, rote Linie in seine Flanke geschlagen hatte. Dass das wehtat, glaubte ich sofort.

„Wo hast du Verbandszeug?“

„Im Kasten..“

So eng, wie es ging, zog ich den Verband um seinen Oberkörper. Hoffentlich war das gut genug, um die Blutung zu stoppen und Schutz zu bieten. Knight würde mich umbringen, wenn er das erfuhr.. wenn ich nicht schneller war, hieß das.

„Geht es jetzt besser?“ Besorgt hockte ich noch immer vor ihm, meine Hände auf seinen Schultern. Er grinste. „Was ist daran so lustig?“

„Da sitze ich hier halb ausgezogen und ganz allein mit einer sympathischen, attraktiven Person..“ Den Schmerzen zum Trotz wurde sein Grinsen breiter. „Schade, dass es solche Umstände sein müssen, nicht?“

Moment.

„Sollte es andere geben?“

Ich schluckte. Meinte er das, was ich dachte? Sofern ich in die Richtung überhaupt einen Gedanken verschwendete..

„Warum nicht?“ Er war jetzt nicht mehr so blass im Gesicht, immerhin.

Mein Hirn war verwirrt. Wieso sagte er so etwas? Was sollte das?

Unfähig, eine sinnvolle Erwiderung darauf zu geben, wandte ich mich wortlos der pelzigen, verdreckten Tötungsmaschine zu. Ich hatte noch eine Menge Arbeit zu tun.


--------------

Knight wusste sofort, was vorgefallen war. Wütend packte er mich am Kragen: „Bist du jetzt zufrieden? War es das, was du wolltest?!“

Schroff kam die Retourkutsche.

„Nein.“

„Du hast ihn in Gefahr gebracht und verletzt!“

Das stimmte. Aber Knight war keinen Deut besser als ich.

„Und du etwa nicht?“

Er stockte. „Ja, Knight, ich lese auch Akten.“ Sein Griff lockerte sich. Ich hatte ihn.

„Bei deinen selbstsüchtigen, leichtsinnigen Einsätzen wundert es mich, dass er dich nach wie vor sehr mag. Soll ich dich an Goliath erinnern?“

„Woher weißt du..“

Er ließ mich los. Hatte er ernsthaft geglaubt, ich war nicht im Bilde? „Du hast ihn, ohne nachzudenken, fast vollständig zerstört - wofür? Überheblichkeit?“

„Ich habe einen Fehler gemacht.“ Sein Blick sprach Bände. Am liebsten hätte er mich in der Luft zerrissen. Beruhte auf Gegenseitigkeit.

„Siehst du. Ich auch“, richtete ich meinen Kragen. „Es war die Folge eines Lebens, was ich abzustreifen gedenke.“

Skepsis war quer über Knights Gesicht geschrieben. „Warum? Was hast du vor?“

„Kannst du dir vorstellen, dass ich ihn vielleicht einfach mag und nicht möchte, dass ihm meinetwegen etwas zustößt?“

Sein Blick blieb feindselig. „Ehrlich gesagt.. nein.“

„Das hab ich mir gedacht..“, sah ich ihn verächtlich an.  „Und genau deshalb wirst du ihm nie das Wasser reichen können.“

--------------

Ich blieb bei meinem Vorsatz. Nicht noch einmal sollte mir dieser Fehler passieren. Und so kam es, wie es kommen musste  -

„Geht es dir gut?“

Der besorgte Blick aus seinen roten Augen entlockte mir nur ein schmerzhaftes Grinsen. „Ja..“ Im gleichen Atemzug stolperte ich mehr Richtung Bad als dass ich ging. Scheiß Messer..

„Was hast du angestellt?“

Sein Seufzen war Anklage und Erleichterung zugleich. Ich war hier – lebendig.

„Knight würde sagen.. ich habe meine Klappe zu weit aufgemacht und Lehrgeld bezahlt.“

Ich hatte damit gerechnet. Nicht damit, dass meine Konkurrenten hinter all dem steckten. Ich war unaufmerksam gewesen.

„Pflaster oder Verbandszeug?“

Die Schnittwunde pochte wie Feuer, war aber nicht gefährlich. Schulterzuckend setzte ich mich auf den Badewannenrand, als wir die rote Farbe bemerkten, die durch die Hose hindurch sickerte.

„Lästig, sowas..“ Genervt zog ich mir die Jeans bis zu den Knien herunter, um mir die Schnittwunde auf meinem Bein genauer anzusehen. Blut hatte eine schöne Farbe.. wenn es nicht grade mein eigenes war. „Kannst du es verbinden?“

Ich weiß nicht, warum ich darauf bestand. Die Wunde hätte ich problemlos selbst verarzten können.. aber seine Anwesenheit beruhigte mich. Wenn er bei mir war, konnte ich loslassen. Abschalten von den Gedanken, die meinen Geist durchstreiften wie ein hungriger Wolf.

Suchend, lauernd.

„Natürlich kann ich das..“ Betrübt sah er mich an, sein Blick kummervoll. „Wie lange wird das noch so weitergehen?“

„Bis es abgeschlossen ist.“

Absichtlich zog er den Verband so fest, dass ich um ein Haar aufgeschrien hätte. Es steckte Kraft und Energie in der so sanft scheinenden Gestalt. Mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde.

„Dann wirst du es hoffentlich bald abschließen“, kam es trocken. „Ich bin nicht dazu bereit, dich ständig zusammen flicken zu müssen.“

„Und für was dann?“, hob ich sanft sein Kinn an, um ihm in die Augen zu sehen. „Hm?“

Seine Reaktion überraschte mich nicht. Ein zartes Rot zog sich über seine Wangen, zeigte für ein paar Sekunden seine wirkliche Gefühlsregung. Hatte ich mich letztens also nicht getäuscht..

„Ich denke, das weißt du ganz genau..“, blieb er mir schließlich die Antwort schuldig, sein Weg Richtung Schlafzimmer. „Gute Nacht.“

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An Schlaf war dennoch nicht zu denken. Ja, wir schliefen nebeneinander, aber das hatte rein platztechnische Gründe. Oder etwa nicht?

Ich wollte weder auf dem Sofa noch dem Boden schlafen – das war Mercutios Platz.

Und warum sollte er das Bett räumen, was sowieso seins war?

Man hatte sich arrangiert. Was mich mehr ärgerte, war die Tatsache, dass ich es inzwischen genoss, neben ihm zu schlafen. Seine Wärme, seine Gegenwart allein beruhigten mich. Ein Gefühl von Vertrautheit, Sicherheit erfüllte mich. Neu, fremdartig.

Verwirrt lag ich nächtelang wach, um ihn zu beobachten. Was war es, was mich so fesselte?

Antworten gab es viele.. oder keine. So lange ich auch danach suchte, ich fand sie nicht.  Doch eins wusste ich mit Sicherheit – dass ich ihn mit niemanden mehr teilen wollte.

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Ich begann, ihn zu überwachen. Ihm nachzuspionieren, mit wem er sich abgab. Da war schon länger dieses Mädchen.. ein junges Ding, mit dem er sich traf. Was machten sie zusammen? Zugegeben, in zwischenmenschlicher Hinsicht war mein Wissensstand ungenügend.

In zwischenmenschlichen Beziehungen noch ungenügender. Was hätte mich das auch interessieren sollen? Menschen taten seltsame, abstoßende Dinge. Ich wusste das aus eigener Erfahrung.

Aber egal, was er tat, er tat es mit jemand Anderem. Nicht mit mir.

Der Gedanke ließ mir keine Ruhe – und ich stellte ihn zur Rede:

„Wo warst du heute?“ Kalt klang meine Stimme, mehr, als ich beabsichtigt hatte. „Du warst lange weg.“

„Was geht es dich an?“ Sein irritierter Blick traf meinen. Offenbar schüchterte ich ihn nicht ein. „Mit wem und wie lange ich mich treffe, ist allein meine Sache.“

„So funktioniert das nicht..“ Ich hatte ihn grob an die Wand gedrückt, bevor ich es denken konnte. Nichts desto trotz ließ er sich nicht von mir beeindrucken, sondern warf mir einen verächtlichen Blick zu:

„Wie sollte es denn deiner Meinung nach sonst funktionieren? Redest die ganze Zeit von Selbstbestimmung, aber willst sie mir wegnehmen?“

In der Tat hatte ich ihm das zu erklären versucht. Jetzt störte es mich trotzdem.

„Schau nicht so beleidigt. Ich kann selbst entscheiden, was ich tue. Du bist nicht mein Aufpasser.“

Hatte meine Predigt Früchte getragen?

„Und deshalb triffst du dich lieber mit diesem Mädchen?“

Meinen eifersüchtigen Blick musste er richtig gedeutet haben. Er grinste.

„Ach, daher weht der Wind..“

„Mach dich nicht über mich lustig..“ Ein Knurren entkam meiner Kehle, mein Griff wurde härter.

„Das tue ich nicht.“

Seine roten Augen blieben ruhig, doch seine angespannte Körperhaltung sagte etwas anderes. Hatte er vielleicht Angst?

„Und jetzt lass mich los.“

Wütend war ich, zerstreut. Einerseits wollte ich ihm auf keinen Fall wehtun.. andererseits wollte ich ihn aber jetzt nicht loslassen. Mein Körper reagierte unbewusst und ziemlich deutlich – mit einer Regung, die ich noch nie zuvor gefühlt hatte.

„Was -?!“

Entsetzt sah ich an mir herab, sah die leichte Beule in meiner Hose.

„Was soll das..“ Der verdrießliche Blick in seinem Gesicht machte mir klar, dass er bestens im Bilde und mir meilenweit voraus war. „Dafür bin ich nicht zuständig.“

Ich verstand die Welt nicht mehr. Mir wurde heiß und kalt gleichzeitig.

„Mach das weg..“

„Mach es selbst“, versuchte er, sich aus meinem Griff heraus zu winden. „Das werde ich nicht auch noch übernehmen.“ Sein Blick war aufgebracht, verärgert – und der nahe Körperkontakt sorgte nicht dafür, dass es besser wurde.

„Was übernehmen?“

Das Denken fiel mir zunehmend schwerer.

„Dir Abhilfe zu verschaffen. Das wirst du doch wohl hinbekommen.“

Meine Stimme hatte jede Schärfe verloren. „Ich.. ich weiß nicht, wie..“

Es war die bittere Wahrheit. Wann hätte ich mich auch damit beschäftigen sollen?

Einige Momente überlegte er, dann gab er nach.

„Nicht ein Wort..“, zischte er mir schließlich ins Ohr, seine Hände an Stellen, wo ich nie auch nur irgendjemand mich hätte berühren lassen. „Und halt still.“

Ich tat, was er sagte. Ich hielt still, unfähig, das Ganze zu begreifen oder in Worte zu fassen.

Heiß und kalt wechselten sich ab, ein erschreckend angenehmes Kribbeln durchfuhr mich von oben bis unten. Unbewusst klammerte ich mich an ihn wie ein kleines Kind. Es war.. überwältigend  - und ich war den Tränen nahe, als es vorbei war.

„Hey..“ Er strich mir mit der anderen Hand über meine Wange. „Alles ist gut.“

Er zog meinen Kopf an seine Schulter, blieb minutenlang so mit mir stehen. Ich genoss seine Wärme, sog alles von ihm auf, was ich konnte.

„Geht es dir jetzt besser?“

Sanft schob er mich von sich, damit ich seinen aufgeregten Herzschlag nicht mitbekam. Was war da gerade eben passiert?!

Mir fehlten die Worte. Das erste Mal in meinem Leben.

„Glaub ja nicht, dass das zur Gewohnheit wird..“

Da war Spott in seinen Augen, Überheblichkeit.. und eine deutlich aufkeimende Neugier. Soviel zum Thema, ich war der bessere Lügner.


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Ich versuchte, den Vorfall zu vergessen. Es war Unwissenheit meinerseits gewesen, mein Fehler. Ich hatte die Beherrschung verloren, mich verwundbar gemacht.

Und dennoch.. es hatte sich nicht falsch angefühlt. Neu, anders, fremd.. aber nicht falsch.

Offenbar sah er das wohl genauso. Beide suchten wir unbewusst die Nähe des anderen, verbrachten noch mehr Zeit miteinander als bisher. Leider bekam auch der alte Knight genug mit, um mich recht bald darauf anzusprechen:

„Sag mal, was ist da eigentlich zwischen euch?“

Er musterte mich mit dem typisch skeptischen Blick, suchte in mir zu lesen wie in anderen Menschen. Pech für ihn, dass ich nicht wie andere Menschen war.

„Was soll deiner Meinung nach sein, Knight?“

Sein Gefrage nervte mich genauso wie seine Anwesenheit. Wann ließ mich der Typ endlich in Ruhe?

„Sag du es mir“, verzog er den Mund. „Meinst du, ich bin blind? Ich sehe, dass ihr aufeinander klebt wie.. ja, wie ein verliebtes Paar.“ Das Wort schien ihm zuwider zu sein.

„Und wo ist dein Problem?“ Meine Augenbraue zuckte gefährlich. „Ich dachte, du wolltest dich nach der langen Zeit nicht mehr in meine Angelegenheiten mischen. Halt dich da raus.“

„So, wie ihr euch anschaut?“ Seine Stimme nahm einen verdrießlichen Tonfall an. „Was hast du ihm eingeredet, hm?“

Jetzt reichte es mir.

Dicht neben seinem Gesicht krachte meine Faust geräuschvoll in die Holzvertäfelung des Flures. Erschrocken, wenn nicht gar geschockt starrte mich der alte Mann an. Wie ein Raubtier hatte ich ihn mit meinen stechend hellen Augen fixiert, kurz davor, wirklich den Mord zu begehen, den ich ursprünglich geplant hatte.

„Was glaubst du eigentlich, warum du überhaupt noch lebst?!“

Eisig war mein Tonfall, bedrohlich knurrend wie der eines Wolfes. Jetzt hatte ich seine uneingeschränkte Aufmerksamkeit.

„Ich habe ihm zuliebe versprochen, dir nichts zu tun, und daran werde ich mich halten. Er allein ist der Grund, dass ich dich nicht schon zu Kleinholz verarbeitet habe, als ich durch diese Tür trat! Er weiß das – du nicht!“

„Sicher weiß ich das..“ Knight bemühte sich um Fassung, aber hatte eindeutig Respekt, wenn nicht Angst vor mir.

„Einen Dreck weißt du!“ Ich kochte vor Wut. „Du hast Jagd auf mich gemacht und ihn gezwungen, auf mich loszugehen, obwohl er das nicht wollte! Für euch war ich immer nur der Böse!“

„Naja, mit Ruhm bekleckert hast du dich nicht grade..“ Er versuchte, aus meiner Reichweite zu entfliehen. Ich verstellte ihm den Weg.

„Frag doch Mrs. Barstow, was damals wirklich in Labor 3 passiert ist.“ Ohja. Labor 3. Hasserfüllte, panische Erinnerungen.

„Was redest du..“

„Oh, hat sie dir das nie erzählt?“

Ein teuflisches Grinsen erschien auf meinem Gesicht. „Die Zeiten ändern sich, Knight. Es ist nicht alles so, wie du es gerne haben möchtest. Und er kann selbst entscheiden, was er will. Er steht nicht mehr länger unter deiner Kontrolle.“

„Ich will ihn nur vor Dummheiten bewahren.“

Der alte Mann sah mich trotzig an.

„Dummheiten.. soso..“ Meine Faust knackte bedrohlich. „Ist dir schon mal in den Sinn gekommen, dass er sich vielleicht auch einsam fühlt?“

Ein misstrauischer Blick.

„Er ist.. war der Einzige seiner Art. Eine KI, die lernen musste, als Mensch zurecht zu kommen. Niemand außer mir kann das nachvollziehen. Niemand, Knight.“

Er überlegte angestrengt. Hatte ich ihm also doch noch ein schlechtes Gewissen gemacht. Hah.

„Natürlich wird er menschliche Nähe suchen, aber das ist nicht dasselbe. Niemand wird ihn je so verstehen können und akzeptieren wie ich. Was glaubst du, was geschieht, wenn er seine Geschichte jemand ganz Normalen erzählt, hm? Du weißt doch, wie Menschen auf so etwas reagieren?“

„…“

Dieser Punkt brachte mich seit Wochen schon in Rage. Ich mochte mit der Häme und dem Spott umgehen können – konnte er das auch?

„Aber er hält dir dennoch die Treue und bleibt still darüber – und weiterhin allein.“

„Wieso.. hat er mir das nie gesagt?“

Knight hatte sich beruhigt. Sein Ausdruck war grübelndem Ernst gewichen. Immerhin.

Ich zog die Faust zurück.

„Weil er immer Rücksicht auf euch Menschen und ganz besonders dich genommen hat.“ Ja, diesen Punkt musste ich ihm noch dringend ausreden. Da herrschte akuter Handlungsbedarf! „Mir hingegen ist dein Wohlbefinden scheißegal! Und wenn du dich mir weiterhin in den Weg stellst, ist verletzter Stolz dein wirklich geringstes Problem..“

Die Ansage war unmissverständlich. Und endlich, endlich hatte sie auch Knight verstanden.

Er streckte zögernd die Hand aus, wenn auch schwer abgeneigt.

„Waffenstillstand.“
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„Du hast ihm nichts getan? Ich bin beeindruckt.“

„Hätte ich ihn an die Wand gepflastert, wärst du sauer gewesen..“

Ich verschränkte die Arme, missmutig und aufgewühlt.

Nach dem Streit hatte ich mich ins Zimmer zurückgezogen, um mich zu beruhigen. Es kostete mich alle Mühe, keine Dummheiten zu begehen. Wieso konnte ich dem Alten nicht einfach ein paar Knochen brechen..

Beruhigend hatte sich der Junge an mich gekuschelt, seine Hand auf meinem Arm. Einzig seine Nähe hinderte mich daran, das Gedachte umzusetzen.

Ein Lächeln erschien in seinem Gesicht. „Danke.“

„Was gibt es da zu danken?“, meinte ich mürrisch. „Es hätte ja sowieso keinen Spaß gemacht.“

Ein Funkeln erschien in den roten Augen. „Vielleicht solltest du dich einfach mehr entspannen..“ Seine Hand wanderte den Arm hinauf, folgte den Konturen meines Oberkörpers. Ehe ich die Chance hatte, etwas zu sagen, lehnte er sich auf mich.. und küsste mich. Zaghaft, vorsichtig.

Überrascht ließ ich ihn gewähren. Was zum –

„Entschuldige..“, strafte sein Grinsen seine Worte Lügen. „Ich konnte nicht anders..“

Von wegen brav und unschuldig.

Und wer sagte, dass das etwas Schlechtes sein musste? Zugegeben, nach jenem.. Zwischenfall hatte ich mir selbst Gedanken darum gemacht, mehr davon zu sehen. Eine andere Person anzufassen, ihre Wärme zu spüren.

Scheiß Neugier.

Ich fasste ihn sanft um die Taille, zog ihn an mich heran. Aufregung kribbelte durch mich hindurch, ein neues, intensives Gefühl. Es fühlte sich gut an.

„Was.. kannst du denn noch so, hm?“

Meine Stimme klang rau, stockend. Hatte ich mich verraten? Selbstverständlich.

„Möchtest du das wirklich wissen?“

Seine Hand spielte mit dem Saum meiner Kleidung, machte mir unmissverständlich klar, dass er mehr von alldem kannte, als ich ihm je zugetraut hätte.

Auf mein Nicken hin küsste er mich erneut, diesmal fordernder, leidenschaftlicher. Katzengleich schmiegte er sich an mich, ließ die Hand unter mein Hemd wandern.

Ich hatte ihn gründlich unterschätzt.


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Meine ausnahmsweise gute Laune bekam auch Chris zu spüren. Aber war es denn verwunderlich? Wir hatten den ganzen Abend damit verbracht, uns näher zu kommen. Auf eine Art, die ich nicht kannte.. und die mir sehr gefallen hatte.

„Na, hatte ich wohl Recht mit meiner Vermutung..“, spottete Chris, als mir der Stift aus der Hand fiel. War ich wirklich so neben mir?

„Halt’s Maul, du weißt, dass ich meine rechte Hand nicht spüre.“

Die Erklärung war zumindest teilweise nicht gelogen.

„Jaja..“ Er formte wieder das symbolische Herz. „Wohl eine heiße Nacht gehabt, was?“

Blinzelnd legte ich den Kopf schief. „Bitte was?“

„Du hast mich schon verstanden..“

Nein, hatte ich nicht. Woher denn auch? Das Thema war nie zur Sprache gekommen.

„Jetzt tu nicht so, als wüsstest du von nichts.“

Er musterte mich eindringlich.. bis ihm klar wurde, dass ich tatsächlich keinen Schimmer hatte, von was er sprach.

„Ernsthaft? Sag mal, von was hast du überhaupt eine Ahnung? Ist er jetzt so eine neue Phase von dir oder wie schaut das aus?“

Chris ließ die Beine vom Tisch baumeln, auf dem er saß. Er musterte mich länger, als mir lieb war.

Ich mochte es nicht zugeben, aber ihm hatte ich viel zu verdanken. Unter anderem den Umstand, dass ich noch lebte.

„Seit wann interessiert dich mein Privatleben?“

„Seitdem du eins hast.“ Er tippte mit dem Finger auf Zahlen einer Liste, die ich gut kannte. „Wir haben das zusammen aufgebaut, ich mit dir gemeinsam. Wirf das nicht einfach weg für eine flüchtige Romanze.“

Romanze? Hörte ich das gerade richtig?

„Du hast keine Ahnung, was er für mich ist“, knurrte ich ihn an, noch bevor ich es verhindern konnte. „Ihm zuliebe werde ich mit dieser Scheiße hier aufhören. Du kannst damit machen, was du willst, ich steige aus.“

Jetzt war es an Chris, mir einen gefährlichen Blick zuzuwerfen. „Aus so etwas steigt man nicht einfach aus, du weißt es. Du hast bereits Lehrgeld bezahlt, überleg dir das nochmal.“

Meine Entscheidung stand fest.

„Er ist mir wichtiger als alles andere. Ich will das alles nicht mehr.“

Chris zuckte mit den Schultern, sein nachdenklicher Blick hätte mir in jenem Moment schon zu denken geben müssen. Blind ignorierte ich ihn – ein Fehler, der mich später teuer zu stehen kommen würde.

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Es herrschte nach wie vor eine trügerische Ruhe. Knight hielt sich an seinen Waffenstillstand, ebenso Mrs. Barstow. Ihr entgeisterter Blick, als sie mich sah, war unbezahlbar gewesen.

Sie und Knight hatten sich Einiges zu erzählen.

Aber etwas wurmte mich trotzdem: Das Mädchen, mit dem er sich immer noch traf. Kayleigh.

Mir ist bewusst, dass ich dominant und besitzergreifend bin, aber was meins ist, ist nun mal meins. Kindisch, ich weiß.

Nur.. hatte ich denn das Recht, ihn bei mir zu halten? Wollte er das überhaupt?

Ich wollte nichts tun, was ihm schadete. Aber trotzdem wollte ich ihn für mich allein.

Und natürlich konnte es sich das Gör nicht entgehen lassen, mich genauer unter die Lupe zu nehmen.

„Du verbringst erstaunlich viel Zeit mit ihm, obwohl du nur eine gute Freundin bist.“

Mein verärgerter Blick amüsierte sie.

„Darf er denn nicht vor die Tür? Seit wann braucht er deine Erlaubnis?“ Sie ließ sich genau so wenig einschüchtern wie er. Seltsam. Wo war ich hier gelandet?

„Oder glaubst du, dass ich ihn dir wegnehme?“

Sie grinste ein diabolisches Grinsen. Direkt in mein Gesicht.

„Wenn du das tust, lebst du nicht lange.“

Sie strich sich ihre Kleidung glatt, Beine lässig übereinandergeschlagen. Ihre braunen Augen musterten mich skeptisch. „Ach komm, das meinst du nicht ernst.“

Und wie ich das meinte.

„Ich tue sowieso nichts, was er nicht will. Falls es dich interessiert, bin ich eher so etwas wie der Kummerkasten. Und das, obwohl mich das mit euch nicht einmal etwas angeht.“

„Was meinst du?“

Aufgebracht funkelte ich sie an. Was wusste sie über mich? Wieso wusste sie das?!

„Na was glaubst du, warum er sich so oft mit mir trifft? Weil er Fragen hat, die offenbar niemand sonst beantworten kann oder will.“

„Warum fragt er mich dann nicht einfach?“

Mit einem belustigten Schmunzeln sah sie mich an – von oben bis unten.

„Nun.. vermutlich, weil du noch weniger Ahnung von Tuten und Blasen hast als er.“

Diesmal hatte ich den Wink sofort verstanden.

„Was bildest du dir eigentlich ein, du freches Miststück?!“

Mit Kraft packte ich ihr Handgelenk, drückte mit meiner linken Hand zu, bis sie zu quietschen anfing. Ich tat ihr weh, ohne Skrupel und mit voller Absicht. Ihr Handgelenk knirschte leise.

Ein paar quälend lange Sekunden ließ ich sie in meinem unerbittlichen Schraubstock, dann gab ich sie frei.

Das Mädchen brauchte ein paar Momente, um sich zu sammeln. Weder gab sie mir eine Ohrfeige noch wurde sie wütend. Sie atmete tief durch.

„Da habt ihr aber noch ein gutes Stück Arbeit vor euch. Bist du wirklich der Meinung, du bist der Richtige? Ich will dir nichts Böses, aber zusammen sein heißt in erster Linie geben und nehmen.“

Sie massierte sich ihr Handgelenk. Die Abreibung hatte gesessen.

„Und das, was du machst, ist nehmen ohne geben. Lass dir das mal durch den Kopf gehen.“

------------
Es beschäftigte mich tatsächlich. Das erste Mal in meinem Leben beeindruckte mich das, was jemand Fremdes gesagt hatte. Ob sie Recht damit hatte?

Wer wusste schon, ob ich das für ihn sein konnte, was er brauchte? Und ich wollte. Ich wollte das mehr als irgendetwas sonst bisher.

Er war der Einzige, der mich akzeptierte. Mich mochte.

Und was tat ich? Ich setzte ihn unter Druck, weil ich unsicher war. Weil ich Angst hatte.

Angst, dass er mich im Stich ließ wie alle anderen auch.

Der Gedankengang durchstreifte meinen Geist, legte sich überall auf die Lauer. Er wartete nur auf eine Gelegenheit, hervor zu treten und mich zu überwältigen.

„Wieso sitzt du immer noch da draußen?“

Gähnend war er neben mich getreten, spät nachts war es. Warm kam der Sommerwind vom See herüber, ließ die Wipfel des Waldes rauschen. Es beruhigte mich ein wenig.

„Ich denke nach.“

„Worüber? Was ist los mit dir?“

Er legte seine Hand auf meinen Arm, drückte sanft zu. Es war sinnlos, etwas vor ihm zu verbergen.

„Ob das hier das Richtige ist. Ob es das ist, was wir wollen.“

„Willst du?“

„Ja“, nickte ich schwach. „Ja, unbedingt.“

Hatte er mein Zittern bemerkt?

„Wo ist dann das Problem?“

Selbst im Dunkeln konnte ich seine Persönlichkeit spüren. In sich ruhend, Sicherheit und Vertrauen ausstrahlend.

„Ich.. ich weiß es nicht..“

Meine Gefühle fuhren Achterbahn.

„Komm mit.“

Sanft zog er mich von meinem Platz weg, dirigierte mich neben sich auf die weiche Decke des Bettes. Mit einem behutsamen Griff brachte er mich über sich, legte meine Hand auf seine linke Brust.

„Was fühlst du?“

Ich konnte seinen aufgeregten Herzschlag wahrnehmen, seine Körperwärme spüren.

Zum ersten Mal wurde mir bewusst, was das bedeutete.

„Es klopft ganz laut.“

Ich kam mir dumm vor. Da machte ich mir Gedanken über Gedanken, und er tat so etwas.

„Und woher, glaubst du, kommt das?“

Seine roten Augen ruhten sanft auf mir. „Denkst du wirklich, dass das alles nur ein Spiel für mich ist? Dass ich dich sitzen lasse bei der nächsten Gelegenheit, die sich bietet?“

Kurz wallte das lauernde Etwas in mir wieder auf, doch zu behaglich fühlte sich seine Nähe an. Die Idee verstummte.

Ich kuschelte mich näher an ihn.

„Ich weiß, dass du es nicht leicht hast, aber bitte vertrau mir..“, strich er mir liebevoll durch die kurzen Haare. „Ich liebe dich, und ich möchte nicht, dass du daran zweifelst.“

Ungläubig blinzelte ich ihn an, obwohl ich die Antwort längst gewusst hatte. Eine andere Erklärung gab es nicht.

Ohne auf meine Reaktion zu warten, küsste er mich lang und innig.

Ein angenehmes Kribbeln durchflutete mich, ich fühlte mich erleichtert, aufgeregt und gleichermaßen zufrieden. Es dauerte keine fünf Minuten, bis ich neben ihm einschlief.


--------------

Am nächsten Tag wachte ich erholt auf wie lange nicht mehr. Ob durch seine Worte oder das, was er getan hatte, ich fühlte mich gut.

Noch immer nagte ein gewisser Zweifel.. aber als ich sein schlafendes Gesicht neben mir betrachtete, verschwand er wie ein Nebel im Frühsommer. Das konnte er nicht spielen. Niemals.

Kurzentschlossen stand ich auf, borgte mir den Hund und wanderte zum See hinunter. Es war früh, so früh, dass noch kein Mensch unterwegs war. Mercutio liebte das genau wie ich. Begeistert lief er von A nach B, jagte kleinen Tieren hinterher und erfreute sich des Morgens.

Der Einzige, der hier im Unreinen mit sich selbst war, war ich.

Ein neuer Gedanke keimte in mir auf.

Der Gedanke, etwas zurück zu geben.

Sich zu revanchieren für das, was er bereits für mich getan hatte. Niemand hatte mir je geglaubt, dass ich auch anders sein konnte als gemein, hinterhältig oder skrupellos. Das waren Schutzmechanismen, die ich mir im Laufe der Jahre angewöhnt hatte.

Er war der Einzige, der durch sie hindurchgesehen hatte.

Er kannte mich.

In der kurzen Zeit hatte er mehr von mir gesehen als jeder andere vor ihm. Aber wie war es anders herum? Wieviel hatte er mir von sich gezeigt?

Ich wusste, dass er viel zurücksteckte, ganz einfach, weil das seine Natur war.

Aber ich wollte mehr davon sehen. Andere Seiten von ihm. Neue.

Die Gelegenheit sollte sich schneller ergeben als gedacht.

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Offenbar hatte der alte Knight die Lunte gerochen und sich eines Wochenendes unter dubiosen Vorwänden verdrückt.

Auch wenn er mich hasste, er ließ mich in Ruhe.

War mir recht.

Mein Entschluss stand nach wie vor fest – nur, wie sollte ich ihn umsetzen?

Nervös war ich den halben Tag hin- und hergetigert, konnte keinen klaren Gedanken fassen. Es gab Dinge, die Menschen taten, wenn sie zusammen waren – und nein, damit meinte ich nicht Fernsehen  - und die sie offenbar taten, weil es sich gut anfühlte.

Ein wenig hatte er mir davon gezeigt, doch da gab es noch mehr..

Meine Neugierde war geweckt.

„Korrekt angezogen um diese Uhrzeit?“

Mein Schmunzeln täuschte nur schlecht über meine Nervosität hinweg. Was, wenn er Nein sagen würde?

„Wäre es dir lieber, ich wäre nackt?“

In passenden Erwiderungen stand er mir in nichts nach. Sollte ich Ja sagen?

„Aber um die Wahrheit zu sagen..“, kuschelte er sich schon automatisch an mich, „.. ist mir einfach kalt. Vor allem in dem Haus hier.“

„Dann sollten wir das ändern.“

Vorsichtig legte ich meine Hand um seine Taille, drückte ihn sanft nach unten. Offenbar hatte er kein Problem damit, praktisch wehrlos unter mir zu liegen.

Noch ehe er protestieren konnte, zog ich ihn in einen hungrigen Kuss, nahm alles auf, was ich konnte. Erwartungsvoll dehnte er sich mir entgegen, keine Spur von Zögern oder Angst.

Mit zittrigen Händen versuchte ich, ihn von der Kleidung zu befreien. Er hielt kurz inne.

„Kannst du das denn?“

Seine Stimme klang rau, aufgewühlt. Das hörte ich zum ersten Mal.

Und entgegen meines Zögerns schien mein Körper genau zu wissen, was er wollte. Instinktiv schmiegte ich mich näher an ihn, ließ meine Hände dorthin wandern, wo sie vorher noch nie gewesen waren. Er sollte derjenige sein, der sich gut fühlte.

Belohnt wurde ich mit einer Seite von ihm, die ich noch nie zuvor gesehen hatte.

Einer Seite, die mich aufforderte, weiter zu machen. Die alles, was ich tat, sichtlich genoss.

Ich fasste Mut, wurde fordernder.

Seine Reaktion auf mich war ehrlich, unmissverständlich.

„Willst du mit mir schlafen?“

Aufgeregt hatte er mich an sich gezogen, mir die Frage ins Ohr gehaucht, dass ich Gänsehaut bekam. Seine Nervosität konnte ich bis in mein Inneres spüren. Es ging mir also nicht allein so.

Nickend strich ich ihm eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

Nie hätte ich gedacht, dass ich das einmal mit jemandem tun würde. War es das, wovon die Menschen immer so große Töne spuckten?

Man las darüber, man sah es überall.. für uns blieb in diesem Moment die Zeit stehen.

Alles andere war vergessen.


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Es war spät, als wir am nächsten Tag erwachten. Hauptsächlich deshalb, weil der Hund Hunger hatte und vermutlich seit Stunden brav vor unserem Bett saß.

„Mercutio..?“

Benommen sah ich in zwei große Hundeglubscher, die mich ungeduldig musterten. Ich hatte keine Lust, aufzustehen. Zu sehr hatte sich das Gestrige in mein Gedächtnis eingebrannt, dass ich es erst einmal verarbeiten musste.

War das wirklich, wahrhaftig passiert?

Ich, der sonst keinen Menschen näher an mich heranließ, hatte das ernsthaft getan?

Ein wohliger Schauer durchkribbelte mich, als ich mich zurückerinnerte. Mein Geist versuchte, das alles zu sortieren. Ergriffen, überwältigt, der Ohnmacht nahe.. all das konnte nicht einmal ansatzweise beschreiben, was ich in jenem Moment gefühlt hatte.

Ganz zu schweigen von körperlich tiefenentspannt, so dass ich minutenlang im Bett saß und die Vögel auf der Terrasse anstarrte. Wow.

Es konnte also auch schön sein.

Schnurrend schmiegte ich mich wieder an ihn, genoss das angenehme Gefühl, ihn bei mir zu haben. Seine Wärme, seine Stimme, all das hatte sich so intensiv in mein Gedächtnis gebohrt, dass ich es nie wieder würde vergessen können.

Und das war gut so.

„Du schaust zufrieden aus.“

Ein wenig heiser klang seine Stimme noch, doch ein Strahlen erfüllte seine Augen. Das Rot schimmerte in sämtlichen Tönen.

„Du erst..“ Ich grinste. Er konnte so anders sein, als man es von ihm gewohnt war. „Und ich dachte, du bist kühl und abweisend. Wie man sich täuschen kann.“

Ein zarter Rotschimmer überflog seine Wangen.

„Ich bin nicht immer so..“ Er murmelte den Satz mehr, als dass er ihn sagte, doch ich hatte ihn verstanden. Sanft hob ich sein Kinn an, um ihn zu küssen. Sein kurzes Zusammenzucken verriet mehr als jedes Wort. Offenbar war ich nicht der Einzige, den Neugier und Verlangen gepackt hatten.

Die Decke hielt mich nicht davon ab, meine Hand darunter verschwinden zu lassen.

„Lass mich diese andere Seite noch einmal sehen..“, flüsterte ich ihm ins Ohr, meine Hand an der richtigen Stelle. Ich hatte Blut geleckt, wollte ihm Reaktionen entlocken wie gestern. Wollte sehen, wie er meine Zuwendungen genoss, danach verlangte und bettelte.

Ich musste nicht zweimal fragen.

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Wenn das Verliebtsein hieß, dann war ich es bis über beide Ohren. Die Zeit, der ganze Sommer schien mir unwirklich, nicht greifbar.

Was war da zwischen uns passiert?

Oft saß ich früh am Wasser, nur der Hund bei mir. Beide schauten wir in den See hinaus, schwammen eine Runde, bevor Menschen kamen.

Es war nicht so, dass ich Menschen nun mochte. Ich verabscheute sie alle nach wie vor.

Er war die einzige Ausnahme. Er, und vielleicht noch Mrs. Barstow, die mir mittlerweile recht sympathisch geworden war.

Aber Knight und ich – wir hassten uns abgrundtief.

Lange konnte das ohnehin nicht gutgehen, aber solange er uns duldete, sah ich keine Notwendigkeit zu gehen. Und warum zum Teufel hätte mir etwas peinlich sein sollen, was sich für mich natürlich, richtig anfühlte?

Ich sah nicht ein zu verstecken, was ich für den Jungen empfand. Sollte der Alte ruhig sauer dreinschauen, es kümmerte mich nicht.

Natürlich dauerte es erwartungsgemäß nicht lange, bis ich mit Knight erneut zusammen rauchte. Ob Eifersucht, Misstrauen.. der Mann hatte eindeutig mehr gegen mich, je länger ich mit dem Jungen zusammen war:

„Machst du mir jetzt ernsthaft zum Vorwurf, dass ich mich in ihn verliebt habe?“

Angewidert sah er mich an. „Jeder wäre recht gewesen, aber warum du?“

„Was seid ihr Menschen für eine hässliche Spezies..“ Der abschätzige Kommentar blieb nicht aus meinerseits. „Statt sich zu freuen, dass er jemanden gefunden hat, den er offensichtlich mag, kommt so etwas. Ich hätte es wissen müssen.“

„Du nutzt ihn doch nur aus.“

Da war er, der immerwährende Fluch. Den wurde ich nie los.

„Ach, tue ich das? Woher willst ausgerechnet DU das wissen?“ Ich schnalzte mit der Zunge. „Und wie kommt es, Knight, dass du bis heute solo bist? Hat der große Frauenversteher das Wissen darum wohl doch nicht mit Löffeln gefressen?“

Sorry, den konnte ich mir nicht verkneifen. Ich sah, wie der Mann kurz vor einem Wutanfall stand. Es amüsierte mich.

„Du.. mieser..“

„Mieser was?“ Mein Blick glitt zur Treppe, wo sein Schützling erschienen war und nicht wusste, wem er zuerst widersprechen sollte. „Sprich dich aus, er kann die Wahrheit verkraften.“

Meine gelbgrünen Augen starrten den Jungen an.

„Oder möchtest du nicht hören, was er zu sagen hat?“

„Oh Michael..“

Kopfschüttelnd huschte der bekümmerte Ausdruck über die roten Augen. Ich sah ihm an, dass ihn das Thema belastete, war Knight doch lange Zeit sehr wichtig für ihn gewesen.

„Wieso können Sie es nicht einfach akzeptieren? Es zumindest versuchen?“

Immer noch so höflich. Ich hätte mit dem Alten den Boden aufgewischt.

„Auch er ist fähig zu Weiterentwicklung und Veränderung.“

„Und das soll ich euch glauben?“ Der alte Mann sah ihn misstrauisch an. „Vielleicht bildest du dir das auch nur ein? Dass es das ist, was er dir glauben machen will?“

„Ach, so ist das?“ Diesmal glomm eindeutig Zorn in seinen Augen auf. Interessant.. „Gut zu wissen, dass Sie mir so wenig Vertrauen entgegen bringen.. Ich bin weder eine Maschine noch ein kleines Kind mehr, Michael! Ich kann sehr wohl für mich entscheiden!“

Baff über die Gegenantwort sagte der alte Mann erst einmal nichts.

„Ich kann es Ihnen nicht erklären, was da zwischen uns ist“, fuhr er aufgebracht fort. „Aber so etwas entscheidet man nicht mit dem Kopf oder der Logik, sondern mit dem Herzen! Und ob Sie es glauben oder nicht, ich habe eins!“

Wie eine Katze mit gesträubtem Fell stand der Junge vor ihm. Das war nicht nur eine Auseinandersetzung, das war ein grundlegender Seitenwechsel. Ich ahnte, wie das ausgehen würde.

„Auch wenn du mich dafür hasst.. ich traue ihm einfach nicht.“

Dunkel fraß sich der Zorn mein Rückgrat hinauf. Das hatte ich kommen sehen.

„Gut, Knight, dann werden sich unsere Wege jetzt trennen.“

Ich musste gehen, sollte dieses Gesicht vor mir in einem Stück bleiben. Das war das letzte Mal, dass Knight ungeschoren davonkam. Und so blieb mir nur eine einzige Frage zu stellen:

„Gehst du mit?“

Es hieß sich entscheiden zwischen mir und der Person, mit der er jahrelang zusammen gewesen war. Der Junge zögerte, aber gab mir schließlich den Vorzug. „Ja.“

Ich hatte erwartet, dass diese Entscheidung kommen würde. Trotzdem gab es mir einen Stich, ihn so zu sehen. Das war ein Dilemma, was ich ihm nicht abnehmen konnte.

„Das meinst du nicht ernst..“ Jetzt sah Knight ein, dass er endgültig verloren hatte. „Wie kannst du..“

„Natürlich kann ich“, sammelte er all seinen Mut, obwohl es ihm ungeheuer schwerfallen musste. „Und ich werde.“

Der alte Mann ließ die Worte kurz sacken.

„Dann geh“, presste er schließlich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Geh, bevor du es dir anders überlegst.“

Es gab nichts mehr zu sagen.

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Wie konnte ein einzelner Mensch so beschissen sein?! Es machte mich rasend, ihn so geknickt zu sehen. Ich hatte nie eine Bezugsperson gehabt, er schon. Knight war lange Zeit ein guter Freund gewesen, hatte ihm – zu meinem Neid – viel über seinesgleichen beigebracht.

„Hey..“

Behutsam strich ich ihm über seine Wange. Seit Tagen war er in sich gekehrt, aß kaum etwas. Es belastete ihn mehr, als ich gedacht hatte.

„Du solltest ab und an essen..“

Ich fühlte mich hilflos. Mit Kummer und Schmerz musste jeder allein fertig werden. Am liebsten hätte ich es in den Alten hinein geprügelt. Da saß sein treuster, bester Partner wie ein geprügelter Hund auf dem Boden und verstand die Welt nicht mehr.

„Ich habe keinen Hunger..“

„Iss!“

Der Befehl wirkte. Nach dem kleinen Happen sah er zumindest weniger blass im Gesicht aus. Geschlafen hatte er wahrscheinlich auch nicht.

„Was habe ich denn falsch gemacht?“

Er stellte die Frage an mich, ein Suchen in seinen roten Augen, die den Tränen nahe waren.

„Du hast gar nichts falsch gemacht“, zog ich ihn liebevoll in meine Arme. Was sollte ich auch sonst tun? „Der Al.. Knight will es nicht verstehen. Ein Mensch, der wohl nie seine Gefühle zeigen wird. Wenn er denn welche hat.“

„Aber ich habe welche..“

Die Tränen begannen zu fließen. Ich hielt ihn fest, strich ihm über die kurzen Haare, um ihn zu beruhigen. Knight war so dämlich. Blind war er gewesen, die ganze Zeit.

„Ich weiß, dass du die hast..“ Leise redete ich auf ihn ein. „Du hast mehr davon als die meisten Menschen.. sie haben dich alle nicht verdient..“

Wie lange ich so dasaß, ich weiß es nicht mehr. Minuten, Stunden, es spielte keine Rolle. Ich rührte mich nicht von der Stelle, bis seine Tränen versiegten, er in meinen Armen eingeschlafen war.

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Leider blieb es nicht dabei. Mit zunehmendem Entsetzen musste ich mit ansehen, wie es ihm kontinuierlich schlechter ging. Blass sah er aus, ungesund.

Mit meinem Latein am Ende, rief ich nach fast einer Woche die einzige Person an, die Sinn machte: Mrs. Barstow. Wenn jemand helfen konnte, dann sie.

„Was ist los mit ihm?“

Sie stellte die Frage, noch bevor sie richtig zur Tür hereinkam. Eine Frau der Tat.

„Ich.. ich weiß es nicht“, konnte man wohl auch mir meine Sorge ansehen. Und ganz ehrlich, jeder hätte sich an meiner Stelle Sorgen gemacht. „Er isst nichts, schläft sehr schlecht.. ist er krank?“

Sie hätte mich nach Elektronik und Technik fragen können, aber nicht nach körperlichen Befindlichkeiten!

„Lass mich zu ihm“, bestand sie auf der Forderung, zwang mich, meinen Wachposten aufzugeben. Einzig der Hund wich nicht von seinem Bett. Geschenkt. „Ich schaue, was los ist. Sollte es allerdings nötig sein, muss ich ihn zu einem Arzt bringen. Verstehst du das?“

Nickend ließ ich sie gewähren.

Es dauerte tatsächlich eine geraume Zeit, bis Mrs. Barstow wieder zu mir kam. Ihr Blick schwankte von erleichtert über bekümmert zu wütend. Was hatte er ihr erzählt? Was hatte sie herausgefunden?

Nur mit Mühe konnte ich meine schier platzende Wissbegier im Zaum halten. Ich musste wissen, was da los war! Jetzt, sofort! Es machte mich schon halb wahnsinnig.. Aber sie ließ sich davon nicht irritieren. Respekt.

„Bevor du hier Kerben in den Fußboden läufst, machst du uns bitte einen Kaffee und setzt dich dann zu mir an den Tisch, ja?“

Sie seufzte angestrengt.

„Wir sollten uns mal unterhalten.“

Voller Ungeduld tat ich wie befohlen. Ich hatte sie zur Tür hereingelassen, sie um Hilfe gebeten.. da musste ich nach ihren Regeln spielen.

„Er muss nicht unbedingt zum Arzt“, nahm sie einen tiefen Zug aus ihrer Tasse, ihre braunen Augen interessiert auf mich gerichtet. „Es ist keine Krankheit, wenn man seelische Überforderung als solche ausklammert. Viel Ruhe und Zuwendung, dann kommt er wieder auf die Beine.“

„Knight..“

Der Griff um meine Tasse wurde fester. War das also doch der Grund.

„Ich sehe, du hast den Sachverhalt erkannt.“ Sie trank einen weiteren Schluck. „Ich habe mich nicht nur mit eurer Mechanik und Programmierung befasst, ich kenne ebenso die aktuelle Situation, in der ihr beide steckt.“

„Ach, kennen Sie die?“ Meine süffisante Miene konnte sie nicht reizen. „Haben Sie auch nur eine Ahnung, wie es uns geht?“

„In deinen Worten? Beschissen. Ihr seht aus wie Menschen, ihr benehmt euch wie Menschen.. aber im Grunde genommen seid ihr keine. Ihr wurdet erschaffen, und darum spricht man euch das Menschsein ab. So lautet nun mal das Gesetz der Serie.“

Interessant.. Mrs. Barstow schien also nicht auf den Kopf gefallen zu sein. Mein Interesse war geweckt. Wie sah SIE uns?

„Das erklärt Dr. Graimans und Knights Verhalten ziemlich gut“, beruhigte sich mein Gemüt langsam wieder. Hier saß Jemand, den ich nicht unterschätzen sollte. „Für Knight sind wir weiterhin Maschinen. Er glaubt wohl, dass wir trotz dieser massiven Veränderung noch immer so etwas wie ein Gerät sind, was man nach Belieben behandeln kann.“

„Ihr seid mehr als das, das wart ihr schon immer. Michael weiß das eigentlich auch.“

„Aber dennoch begreift er nicht, dass wir erst lernen müssen, Mensch zu sein. Was für euch selbstverständlich scheint, ist für uns komplettes Neuland.“

Sie nickte. Offensichtich war sie eine Frau, mit der man reden konnte.

„So ist es. Um den Vergleich zu bringen, seid ihr beide so etwas wie Kinder, die plötzlich in einen erwachsenen Körper gesteckt wurden. Dass da nicht alles glattläuft, wundert mich gar nicht.“

„In der Tat“, wurde der Griff um meine Tasse fester, dass sie knackte. „Und mich habt ihr dreimal versucht.. hm.. wie nenne ich es..“ Ich tippte mit den Fingern auf den Tisch. „..umzubringen? Meinen Sie nicht auch, dass es etwas vermessen von euch ist, von uns zu erwarten, was richtig und falsch ist?“

„Sag das nicht mir.“

„Oh, Knight will den Tatsachen nicht ins Auge sehen“, zuckte meine Augenbraue gefährlich. „Er will nicht sehen, dass wir beide zu echten Gefühlen fähig sind. Ein Computer bleibt eben ein Computer, auch wenn er noch so menschlich wird, habe ich Recht?“

Ich grinste verzweifelt.

„Leider.. daran wirst du nichts ändern können.“ Sie seufzte. „Menschen sind einfach so. Natürlich weiß ich, dass ihr uns weit überlegen seid und vor allem er menschlicher ist als so manche Zeitgenossen, die ich kenne. Trotzdem bleibt die Tatsache, dass ihr gemacht wurdet und nicht geboren.“

„Und doch entwickeln wir uns weiter.“

„Ja.. ihr habt beide eine wahnsinnige Leistung erbracht, und dass ihr euch wohl offensichtlich ineinander verliebt habt, wird auch ein Michael Knight akzeptieren müssen. Ob er will oder nicht.“

Mrs. Barstow lächelte. Es war ein aufrichtiges, ehrliches Lächeln. Und zum ersten Mal hatte ich großen Respekt vor ihr.


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Bis er sich wieder erholte, verging eine geraume Zeit. Wie mir Mrs. Barstow erklärt hatte, war es der emotionale Schock, dem er ausgesetzt gewesen war.

Er und Knight hatten 4 Jahre jeden Tag miteinander gebracht, waren zusammengewachsen wie zwei Partner.. verständlich, dass ihn dessen Abweisung mir gegenüber so aus der Bahn warf.

Schließlich hatten sich beide darauf geeinigt, sich zwanglos – ohne mich – zu treffen. Es war mir zuwider, aber ich konnte es ihm nicht verbieten.

Vielleicht war ein wenig Abstand für beide auch gar nicht so schlecht? Wenn es nach mir gegangen wäre, wäre ich bis ans andere Ende der USA gezogen, um Knight aus dem Weg zu gehen.

Je weiter weg, desto besser.

Ein wenig ziellos trieb ich mich zwischenzeitlich in der Gegend herum, genoss die Möglichkeit, einfach zu leben. Zeit zu verbringen mit der Person, die ich liebte – ohne die Angst, ständig Überraschungen aus dem Hinterhalt zu erleben.

Es war angenehm, fast schon behaglich.. und zu schön, um wahr zu sein.

„Du bist also KARR?“

Der schwarze Mustang war wie ein Geist vor meiner Tür aufgetaucht. Weiß der Geier, woher.

„Was geht es dich an?“

Sprechende Autos jagten mir schließlich keine Angst ein. Was wollten diese Penner nun schon wieder von mir?!

„Genauso, wie er mir gesagt hat..“ Ich hätte schwören können, ein Kichern zu hören. „Schön, deine Bekanntschaft zu machen. Man nennt mich KITT, oder auch Junior.“

Ein spöttisches Grinsen zierte mein Gesicht. „Ahja. Und warum bist du hier?“

„Ich war neugierig.“

„Soso.. hat Dr. Graiman dich geschickt?“

„Nein. Niemand hat mich geschickt.“

„Also steigst du mir rein zufällig nach, um mir was zu sagen?“

Abwartend kreuzte ich die Arme.. wenn dieser Wagen nichts vorhatte, wollte ich nicht mehr ich sein. Freiwillig traf sich niemand mit mir, um über alte Zeiten zu plaudern.

„Oh, ich glaube, das muss ich gar nicht. Ich wollte mir nur einmal denjenigen ansehen, mit dem mein großer Bruder seine Zeit verbringt. Seinen Vitalwerten nach zu urteilen, muss er ja schwer in dich verliebt sein. Wie äußerst faszinierend.“

„Was du nicht sagst..“, schluckte ich den verärgerten Kommentar hinunter. Ich hatte vergessen, dass der neue Wagen der Foundation wirklich alles sah - Auch Dinge, die ihn selbstverständlich nichts angingen. „Nachdem du mich nun gesehen hast, kannst du ja jetzt wieder gehen.“

„Das werde ich. Aber ich wollte dich trotzdem daran erinnern, dass du auf der Hut sein sollst. Oder hast du dich nicht gefragt, warum du in letzter Zeit nicht mehr behelligt wurdest?“

„Steckst du dahinter?“

Tatsächlich war mir DER Gedanke noch nicht gekommen. Der Wagen hatte Recht. Ich ließ nach. In einer Geschwindigkeit, die gefährlich war.

„Sagen wir.. ich habe ein Auge auf euch. Aber ich kann nicht überall sein, darüber solltest du dir im Klaren sein.“

„Danke, dass du mich darauf aufmerksam machst. Ich werde mich den Problemen annehmen.“

„Keine Ursache. Und wenn du mich einmal brauchst, ruf mich. Ich werde da sein, sobald ich kann.“

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Warum war mir das nicht aufgefallen?! War ich so naiv geworden, dass mir das Offensichtliche nicht ins Auge gestochen war? Hatte ich mich so in dieser neuen Sache verloren, dass ich alles andere ausgeblendet hatte?

Niemand hatte mir Ärger gemacht.

Die Nachricht des Wagens war eine unmissverständliche Warnung gewesen. Die Zeit der Ruhe war vorbei. Wusste ich wirklich, wie groß das Netzwerk war? Welche Verbindungen mochten sie alle zueinander haben? Wussten sie von ihm und mir? Wenn ja, wie würden sie das gegen mich ausspielen?

Wissentlich hatte ich mich damals dem Abgrund verschrieben. Hatte darauf vertraut, rechtzeitig untertauchen zu können.

Zu keinem Zeitpunkt hatte ich damit gerechnet, dass ER mein Leben so verändern würde!

Panik kroch in mir hoch.

Was, wenn sie IHN statt MICH holten?! Ich kannte ein paar Gesichter.. und die waren zu Allem fähig!

- Die Nachricht erreichte mich schließlich kurz, schrecklich und glich einem Alptraum von Hieronymus Bosch. Es war das eingetreten, was ich mir in meinen schlimmsten Momenten ausgemalt hatte. Sie hatten ihn.

Lebend.

Für wie lange? So lange, bis sie mich hatten.

Sie wollten mich, denjenigen, der ihnen das alles eingebrockt hatte. Der ihnen unweigerlich die Foundation auf die Fersen gehetzt hatte. Der sie in die Enge getrieben hatte, ihre Existenz bedrohte.

Der Schock war so heftig, dass mir übel wurde. Mein Geist überschlug sich. Was sollte ich tun?! Wie konnte ich ihn vor dem sicheren Tod bewahren?!

Panik, Angst, Sorgen.. all das schlug über mich zusammen wie ein Tsunami. So heftig waren die brodelnden Emotionen, dass ich Mühe hatte, klar zu denken. Mit letzter Willenskraft zwang ich mich, mich aufs Wesentliche zu konzentrieren.

Ich würde meinen Kopf nicht hinhalten. Niemals.

Und ich würde ihn nicht sterben lassen. Er gehörte zu mir – egal, welchen Preis mich das kosten würde. Ich würde nicht fliehen und ihn seinem Schicksal überlassen.

Die Schalter in meinem Kopf legten sich um, ich konnte es spüren. Der Wolf kroch hervor, wetzte sich die riesigen Tatzen, bleckte knurrend die Zähne. Diesmal ließ ich ihn gewähren.

Das war persönlich.
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Wie ich mithilfe Juniors zur Lagerhalle gekommen war, wusste ich nicht mehr. Wie ich die ersten Personen umgebracht hatte, auch nicht.

Ein Knacken, ein Röcheln, ein Schmerzensschrei – es war mir gleich. Es war das Gefühl, auf die Jagd zu gehen. Einen nach dem anderen auszuschalten, bis er nicht mehr zuckte.

Kaltblütig und kompromisslos bahnte ich mir meinen Weg zu dem Ort, wo ich ihn vermutete. Er musste am Leben sein, er musste einfach. Alles andere hätte mich wahnsinnig werden lassen.

Ich hinterließ eine Schneise der Vernichtung. Das waren alles keine Gegner für mich.

Tief in meinem Innern wütete die Bestie mit einer Heftigkeit, die unbegreiflich war. Sie heulte, sie schnappte, so oft der Nächste in seinem Blut schwamm.

Mensch für Mensch.

Es machte mir keinen Spaß, ich konnte nicht anders. Die Sinne bis zum Äußersten geschärft, war schließlich nur noch einer übrig, der mir gegenüberstand:

Chris.

Mein furchterregender Anblick jagte ihm einen kleinen Moment Angst ein, dennoch wussten er wie ich, dass wir ebenbürtig waren.

„So sieht man sich wieder“, behielt er seine Kühle, während in mir alles tobte und schrie.

„Gib ihn mir!“

Meine Forderung entlockte ihm nur ein Grinsen. Er hatte damit gerechnet, dass ich so reagieren würde.

„Warum sollte ich? Ich habe dir gesagt, dass du nicht so einfach davonkommst.“ Sein abschätziger Blick musterte mich von oben bis unten. „Du weißt genau, was auf dem Spiel steht.. ich für meinen Teil bin nicht bereit dazu, deine Scheiße auszubaden. Du weißt, von wem ich rede.“

Oh Gott, ja.. natürlich wusste ich. Ein Mann, der selbst mir Angst machte.

„Du bist meine Versicherung, und wenn ich ihn gleich mitbringe, erhöht das die Chancen.“

Er nickte in Richtung einer verschlossenen Tür hinter sich.

„Immerhin ist die Foundation trotzdem nicht zu unterschätzen. Diese Penner haben ihre Finger überall im Spiel, und du hast sie direkt zu uns geführt.“

„Na und?!“ Ich versuchte, mich zu konzentrieren. Die Bestie soweit zu beruhigen, dass ich klar denken konnte. Chris war gefährlich. „Vielleicht wollte ich nicht immer nur das Arschloch sein!“

Der blonde Mann schüttelte den Kopf. „Du warst nie etwas Anderes als das. Ich habe dich aufgelesen, als du völlig neu in dieser Welt warst. Nur durch mich hast du dein wahres Potential gefunden. Und genau das macht dich aus. Du bist skrupellos, manipulativ, berechnend. Ich weiß nicht, was er mit dir gemacht hat, aber das bist nicht du.“

„Das kannst du nicht beurteilen..“

Das Knurren kam tief aus meiner Kehle. Es fiel mir schwer, ihn nicht anzuspringen. Denn genau das wollte er.

„Ach nein? Sieh dich an. Du hast, ohne zu zögern, alle hier der Reihe nach niedergemetzelt. Wer außer ein kaltblütiges Raubtier bringt das zustande?“

Chris zog eine Augenbraue hoch.

„Du gibst mir doch Recht, oder?“

Ich wagte nicht, mich umzudrehen. Selbst wenn es stimmte, das war nicht ich.. nicht alles.. da musste noch etwas Anderes sein.. etwas Besseres..

„Nein“, fiel es mir schließlich wie Schuppen von den Augen. Der Wolf zog sich zurück. „Nein, das bin nicht ich. Ich bin mehr.“ Meine Gedanken wurden klar.

Irritiert sah der Mann mich an.

„Und ich dachte, du wirst vernünftig. Zu schade.“

Ich sah das Messer zu spät, als dass ich den Angriff verhindern konnte.


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Sahen Tote immer so unappetitlich aus?

Von Chris‘ Gesicht war nicht viel übriggeblieben. Wie der Rest seines Körpers war es eine Mischung aus Blut, blauen Flecken und einer undefinierbaren Form, die einmal Nase und Wangen waren.
Ich hatte ihn übel zugerichtet – er mich allerdings auch. Irgendwo hatte ich Prellungen. Meine Lunge pfiff. Blut lief mir die Stirn herab, tropfte auf den Boden. Meine Knie wackelten.

Es hatte mich alle Kraft gekostet, die ich hatte. Mental wie körperlich.

Kitt..

Die Tür war direkt vor mir.

Zitternd drückte ich den Griff herunter, musste mich überzeugen, dass er lebte. Es war so still.

Als ich ihn sah, wusste ich, warum. Chris hatte ihn an einen Stuhl festgebunden und umgeworfen. Ungebremst war er mit dem Kopf auf den harten Betonboden aufgeschlagen, bewusstlos, ein dünnes Rinnsal an seiner Schläfe.

Mit fahrigen Händen band ich ihn los, schüttelte ihn, bis er zu sich kam.

„Du bist da“, war alles, was er sagte. Er richtete seinen Blick mühsam auf mich, seine Stimme leise. „Und du hast getötet.“

„Ja.. ich musste.“

Sein schmerzverzerrtes Gesicht ließ etwas in mir zusammenkrampfen. Hätte ich doch nur mehr aufgepasst.. er hatte meinen Gedankengang erkannt, schenkte mir ein verzeihendes Lächeln.

„Können wir dann nach Hause gehen?“

Ich nickte schwach – in der gleichen Sekunde fiel er ohnmächtig in meine Arme.

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Nie im Leben hätte ich mich mehr über die Foundation freuen können als in jenem Augenblick. Junior stand zu seinem Wort, brachte ihn und mich zum nächsten Krankenhaus. Er war es, der unsere Ankunft meldete, der Michael und Bonnie Bescheid sagte.

So furchterregend mein Anblick für alle sein musste, es kümmerte mich nicht. Die Schwestern mussten mich gewaltsam von ihm fernhalten, drohten mit Gefängnis und Polizei.

Ich spürte Nadel und Faden kaum, als sie meine Wunden zusammenflickten. Was war mit ihm? Ging es ihm gut?! Es dauerte Stunden, bis der Arzt endlich zu mir kam.

Er hatte eine schwere Gehirnerschütterung. So schwer, dass spürbare Schäden die Folge sein konnten und bei neueren Schlägen auf den Kopf auch bleiben würden. Dass der Nanochip damals auch einige Nervenbahnen mit durchgeschmort hatte, erfuhr ich erst hinterher.

Nicht einmal Knight wusste das.

Gefühlte Ewigkeiten verbrachte ich bei ihm, nickte immer nur kurz weg.

Selbst Mrs. Barstows aufmunternde Worte brachten mich nicht dazu, meinen Platz zu verlassen. Der Fehler würde mir nicht noch einmal passieren.

Wir mussten beide schrecklich ausschauen. Er, weil er sich nur langsam erholte, ich, weil ich für ihn buchstäblich über Leichen gegangen war und wohl auch wie eine aussah. Erst als mich Knight an der Schulter wachrüttelte, bemerkte ich, dass ich seine Hand hielt.

Zögernd ließ ich los, konnte meinen Blick kaum von ihm abwenden.

Zeigte man so sein Mitgefühl? Ich fühlte mich schlecht.

Noch nie in meinem Leben hatte ich mich so miserabel gefühlt. Schuldig, verantwortlich.

Das konnte man nicht wiedergutmachen, nicht reparieren.

„Er wird schon wieder, er ist zäh.“

Knight versuchte mich aufzumuntern. Es geschahen noch Zeichen und Wunder.

„Was weißt du schon..“, schob ich ihn murrend weg. „Weißt du, was der Arzt gesagt hat? Dass er nie wieder zu 100% einsatzfähig sein wird? Dir ist schon klar, was das für jemand wie uns bedeutet?“

Der alte Mann zog ein kummervolles Gesicht. „Ja, das weiß ich. Trotzdem machst du es nicht besser, wenn du dich hier zugrunde richtest. Das würde er nicht wollen.“

Mit hängenden Schultern gab ich auf. Mir war zum Heulen zumute.

„Ruh dich aus, ihm passiert nichts.“

Wie oft hatte ich das schon gehört.. und dann war es anders gekommen. Knight musste das gespürt haben. Er schenkte mir ein Lächeln. „Ich bleibe derweil hier. Geh.“

Seine Worte beruhigten mich tatsächlich. Schlaftrunken torkelte ich zu dem Mustang, der geduldig vor dem Krankenhaus wartete, der rote Scanner bereit. Kaum war ich in den Sitz gefallen, gingen die Lichter aus.

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Wochen vergingen so.

Er blieb im Krankenhaus, kämpfte mit den akuten Folgen des Schlages. Junior, Knight und ich passten auf ihn auf, ließen ihn nicht aus den Augen.

Wann war er mir so wichtig geworden, dass ich dafür mich selbst vergaß? Essen, Schlafen, das alles stand hintenan. Meine eigenen Verletzungen – geschenkt. Sie würden heilen.

Noch immer fühlte ich mich schlecht. Es gab nur einen, auf den ich die Schuld schieben konnte – mich. Ich stand zwischen der Organisation und der Foundation. Und solange das so blieb, würden wir nie sicher sein.

Sogar Knight hatte neuerdings freundliche Worte für mich übrig. Irgendetwas musste ich getan haben, was den Alten hatte weich werden lassen. Faszinierend.

„Man kann nicht immer davonlaufen“, hatte er mein zerknirschtes Gesicht richtig erkannt. „Manchmal muss man kämpfen.“

„Das ist eine Nummer zu groß für dich, Knight“, kam es trocken aus meinem Mund. „Nicht einmal ich würde das schaffen.“

„Willst du das denn?“

Wir standen im Gang, jeder einen Becher Kaffee in der Hand. In jenen Tagen waren wir irgendwie.. zusammengewachsen. Ein ungewohntes Gefühl. Fast schon glaubte ich, dazu zu gehören.

„Ich will meine verdammte Ruhe, wann begreift ihr das endlich?!“

Meine halb taube Hand zerknüllte den Becher, als wäre er aus Papier. „Ständig gejagt zu werden, von allen Seiten gehasst.. was glaubst du, was das mit Menschen macht?! Meinst du, ich bin gern so?!“

„Das dachte ich bis jetzt.“

Knight musterte mich ausführlich. „Und ich dachte auch, du würdest ihn im Stich lassen. Es ist neu, dich besorgt zu sehen. Er muss dir wirklich viel bedeuten.“

„Er hat es nicht verdient, wegen mir zu leiden“, brachte ich meine nagenden Schuldgefühle auf den Punkt. Das beschäftigte mich seit der Zeit, in der wir hier waren. Und wieso zur Hölle unterhielt ich mich mit dem alten Mann eigentlich?! „Aber wenn du denkst, dass ich ihn aufgebe, irrst du. Und wenn sie mich zerhäckseln, er gehört zu MIR.“

Knight schien sich an etwas zu erinnern. „Zwei Seiten einer Medaille, nicht wahr?“, zitierte er gedankenverloren. „Der eine komplettiert den anderen.“

„Nenn es, wie du willst“, warf ich den Becher in den Abfalleimer. „Nochmal nimmt ihn mir keiner weg.“

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Nach der langen Zeit schließlich wieder daheim zu sein, war komisch. Es war.. wie ein neues Zueinanderfinden. Zerbrechlich, zögerlich, wie etwas Kostbares, was man nicht verletzen wollte.

Der Appell des Arztes war deutlich gewesen.

Es hielt uns nicht davon ab, uns auch körperlich wieder anzunähern. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt nicht gewusst, was Sehnsucht war. Dieser ominöse Begriff der Menschen für das Vermissen einer geliebten Person.

Doch nichts wünschte ich mir sehnlicher, als bei ihm zu sein. Ihn zu küssen, seine warme Haut unter meinen Händen zu spüren. Ich genoss die Leidenschaft, die er gab. Liebevoll, fast zärtlich waren diese intimen Momente.

Oft glaubte ich zu träumen, mir das alles einzubilden. Aber er war hier, bei mir. Das war so, das sollte so sein.

Umso mehr erschrak ich, als mich die Realität einholte. Plötzlich, ohne Vorwarnung, fiel ihm das Glas aus der zitternden Hand und zersprang in tausend Scherben.

Sein verbissenes Gesicht täuschte mich nicht über seine Angst hinweg.

„Es.. geht schon..“, kämpfte er mit sich selbst, den zitternden Arm mit der anderen Hand haltend. „Das geht gleich vorbei.“

„Warum hast du mir nichts gesagt?!“

Ich begriff, dass das nicht der erste Anfall war. Warum hatte er das verschwiegen?

„Hätte es etwas geändert?“

Er sah mich an, kleinlaut und verloren. „Das solltest du nicht sehen.“

„Wer.. weiß es noch?“

„Niemand.“

Auch er hatte also verletzliche Seiten, Dinge, die er keinem zeigte. Er war verwundbar, genau wie ich. Es dauerte eine Weile, bis ich es begriff, mein Zorn darüber verrauchte.

Wie aus dem Nichts kamen diese sporadischen Anfälle, ließen ihn einknicken, als zog man ihm die Füße weg. Manchmal half nur Wärme, um das Zittern zu beruhigen. Das, und meine Anwesenheit. Oft schlief er danach erschöpft an meiner Schulter ein, schenkte mir sein absolutes Vertrauen.

Hatte ich jemand wie ihn überhaupt verdient? War ich gut genug, ihn in jeder Lage zu unterstützen? Die Gedanken kreisten oft darum, kamen in Schüben, die mich überwallten.

War das Menschlichkeit? Zuneigung, Vertrauen, Liebe. Sich um jemand anderen zu kümmern als um sich selbst. Doch es gab Schattenseiten. Angst, Sorge, Schuld.

Ich hatte eine Wahl getroffen, die ich nicht bereute, hatte jemanden getroffen, der wie ich war. Der mir das Gefühl von Zugehörigkeit gab, mich verstand. Und mich bedingungslos liebte, obwohl er mich kannte.

Mein Leben mit ihm zu teilen war keine Phase, wie es Chris betitelt hatte, sondern mein eigener Wunsch. Das hatte ICH entschieden, keine Programmierung.


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Ruhe.

Was war das gleich nochmal?

Achja, ein Zustand, den normale, langweilige Menschen ihr Eigen nannten.

Nach der Aktion von Chris war ich ständig auf Alarm, wartete, dass meine Tat die Runde machte. Denn das würde sie, früher oder später. So gründlich, wie ich aufgeräumt hatte, war selbst den Cops schlecht geworden.

Was man von Junior nicht alles erfuhr.

Doch es hatte auch etwas Gutes. Knight und ich kamen miteinander aus – zumindest gingen wir uns nicht bei jedem zweiten Satz an die Gurgel.

Und auch ein neuer Gast beehrte uns. Eine rot getigerte Katze namens Sunny.

Weiß der Geier, warum sie mir nachlief. Mercutio jedenfalls liebte sie abgöttisch. Es verging kein Tag, wo er sie nicht begeistert abschlabberte und mit ihr kuschelte. Verstand einer den Hund.

Je länger ich nachdachte, desto mehr formte sich ein Wunsch: War es wirklich unmöglich, seine Vergangenheit ungeschehen zu machen? Offensichtlich hatte ich gravierende Fehler begangen.. mussten wir nun stets büßen für das, was ich verbrochen hatte? Würde ich wie Dorian Gray am Ende die Rechnung präsentiert bekommen?

Der Herbstabend war kühl, als die Bombe platzte. Im buchstäblichen Sinne.

Aus dem Augenwinkel sah ich den Hund plötzlich nervös die Luft schnuppern, als der Junge wie vom Blitz getroffen aufsprang und mit einem „Raus hier!“ zur Tür startete. Instinktiv rannte ich hinterher – im nächsten Moment fegte uns die Druckwelle der Explosion von den Füßen.

Woher er es wusste, keine Ahnung. Perplex lagen wir beide wie die Schnitzel im Gras, jeder von uns ein paar Glassplitter im Rücken. Ich spürte ein Brennen. Was zur Hölle war gerade passiert?!

„Woher –“, starrte ich ihn verwirrt an, erst jetzt begreifend, dass wir soeben um Haaresbreite überlebt hatten. Die Explosion hätte uns umgebracht.

„Es roch nach Gas..“, war die Antwort, seine Augen noch immer vor Schreck geweitet. Er sah auf das brennende Haus. „Gott sei Dank war sonst niemand da..“

„Glaubst du an Zufälle?“

„Nein..“ Er ließ sich von Mercutio abschlabbern, der nervös neben ihm hin und herlief. „Nein, das war kein Zufall.“

Ächzend setzte ich mich auf. „Dann haben wir jetzt offiziell ein Problem.“
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„Zeugenschutzprogramm?“

Verwirrt sah ich den Alten an. Seit wann hatte Knight brauchbare Ideen?

„Es hilft zumindest für’s Erste“, zuckte er mit den Schultern. Da wir nun ohne Dach über dem Kopf dastanden, war unser erster Weg zu ihm. Half nun mal alles nichts. „Deine Freunde wussten, wo ihr wohnt, haben den richtigen Zeitpunkt abgepasst. Ihr könnt dem Himmel danken, dass ihr es noch rechtzeitig bemerkt habt.“

„Sag das dem Hund.“

Hatte ich erwähnt, dass ich das Tier unglaublich mochte?

„Sie werden es sicher wieder versuchen, darauf mein Wort.“

„Das weiß ich auch. Ich dachte, ich hätte sie hinter mir gelassen.“

Knight lächelte abgründig. „So leicht ist es nicht. Jedes Handeln hat Konsequenzen. Das ist die große Lektion im Leben. Lebst du gut, wirst du vielleicht mit Gutem belohnt. Aber lässt du dich mit schlechten Leuten ein, wird dich das irgendwann einholen. Vielleicht nicht gleich, aber irgendwann. Dann, wenn du am verwundbarsten bist.“

„Bist du jetzt der Moralapostel oder wie?“

Mein Gesicht zierte ein spöttisches Grinsen.

„Nein, ich spreche aus Erfahrung.“ Knights Blick wurde trüb. „Ich habe denselben Fehler gemacht wie du.. und meine Frau wurde vor meinen Augen erschossen, als sie sich vor mich warf. Er würde dasselbe tun.“

Ups.

Ein belegter Geschmack schlich sich auf meine Zunge. Ich hatte Knight wohl unterschätzt.

„Und weder du noch ich wollen, dass das passiert.“

„Ich.. wusste nichts davon..“, fiel mir keine passende Erwiderung ein. Das war in der Tat nichts, was man leichtfertig abtun konnte. Mein Talent für menschliche Konversation. „Tut mir leid.“

Der alte Mann ballte die Faust, noch immer schien ihn dieses Trauma zu belasten.

„Schon gut. Sag mir lieber, wer hinter euch her ist, damit wir uns eine Taktik ausdenken, bevor es zu spät ist.“

„Du hilfst mir?“

„Ich helfe euch.“

Mein Blick glitt zum Sofa, wo der Junge neben dem Hund zusammengerollt schlief. Es war erstaunlich, wie tief und fest er schlafen konnte, wenn er sich in Sicherheit wusste.

„Ich möchte ihn ungern erneut verlieren..“, folgte Knight meinem Gedankengang. „Und wenn es so ist, wie du sagst, wirst du jede Hilfe gebrauchen können.“

Seufzend massierte ich mir die Schläfen. Ich konnte nicht mehr weglaufen. Ich wollte nicht mehr weglaufen. Etwas musste geschehen. Etwas Endgültiges.

„Wie lautet dein Plan?“

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Der Plan war mehr als gefährlich, er war ein Himmelfahrtskommando.

Wenn er klappte, waren unsere Probleme Geschichte – wenn nicht, waren wir Geschichte.

Ich kannte jenen Typen, der der Boss der Organisation war. Ein Mann, der noch kälter und skrupelloser war, als ich es je gewesen bin. Ein Mann, der vor absolut nichts zurückschreckte, der mit Logik einfach nicht fassbar war.

Weder hatte ich eine konkrete Idee, wie wir ihn aus der Deckung locken konnten, noch, wie wir dafür sorgen sollten, dass wir ihn auch bekamen.

Ob lebend oder tot, war mir gleich.

Er war der Letzte, den es zu besiegen galt.

Die Kavallerie zu holen wagten wir nicht. Dann wäre er von jetzt auf gleich verschwunden, ohne die Chance, ihn je zu bekommen.

Ich wusste, dass er vor Wut kochen musste.

Chris war sein bester Mann gewesen – und ich hatte ihn erledigt.

Der Anschlag auf uns war keine Drohung gewesen, sondern bitterer Ernst. Und ja, wir wollten beide leben.

„Du weißt, dass diese Idee riskant ist?“

„Dass sie mich umbringen könnte? Ja.“

Er sagte das mit einer Ruhe, die keinen Zweifel daran ließ, dass er daran glaubte.

„Hast du keine Angst?“

Er legte den Kopf schief, ein spöttisches Glitzern in seinen roten Augen. „Würde es dich beruhigen, wenn ich ja sage? Ich vertraue euch. Und da ich in mancher Hinsicht nicht so bewandert bin wie du oder Michael, mache ich mich eben so nützlich.“

Ich biss mir auf die Lippe.

Weil ich nicht töten kann.. hatte er sagen wollen. Trotzdem war es mir alles andere als wohl dabei, ihn zur Zielscheibe zu machen.

„Er wird zu dir kommen, vergiss alles, was du über Menschen gelernt hast.“

Ein dummer Trost, aber mehr fiel mir nicht ein.

Er strich mir beruhigend über die Wange, ein zartes Lächeln auf den Lippen.

„Es wird schon funktionieren.“

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Leichter gesagt als getan.

Die Hintermänner auszuschalten war eine Sache. Ich war erstaunt, wie gut Knight trotz seines Alters noch zielen konnte. Ich bevorzugte die Nahkampfmethode. Messer waren persönlicher.

Dennoch ging die ganze Aktion um ein Haar schief.

Er hatte ihn aus der Reserve gelockt, ihn zu sich hergebeten. Wie konnte ich dieses Gesicht vergessen: Dunkle, kurze Haare, stahlblaue Augen und ein Ausdruck, der einem das kalte Gruseln bescherte.

Nicht umsonst hatte auch Chris vor ihm Angst gehabt.

In einem unvorbereiteten Moment hatten sie sich schließlich gegenübergestanden. Beide blieben ruhig, bemerkten offenbar nicht, dass ich sie beobachtete. Aber selbst für einen Schuss gab es keine Möglichkeit, zu gut hatte er sich in die Deckung gestellt.

Er grinste in meine Richtung.

„Willst du nicht herauskommen.. KARR?“

Ich konnte sehen, wie sich der Junge einen flüchtigen Moment wegdrehte – es reichte, dass er die Faust ins Gesicht bekam, zurückstolperte für einige Momente.

Mein Magen krampfte zusammen. Er wusste ganz genau, wohin er zielen musste..

Der Junge schüttelte schmerzhaft den Kopf, um die Frage zu beantworten.

„Ich weiß, wer du bist“, lachten die grausamen Augen in unserer beider Richtung. „Und ich weiß auch, wer er ist. Hast du wirklich geglaubt, du kannst mich überlisten? Nicht einmal Chris wusste von eurem kleinen Geheimnis.“

Er wartete eine Weile, legte den Kopf schief.

„Ich habe eure Programmierung gelesen, eine sehr amüsante Lektüre. Auch eure aktuelle Entwicklung ist äußerst amüsant, fast, als wärt ihr Menschen.“

Er ging einige Schritte auf den Jungen zu, der den Schlag kommen sah und auswich. Er konnte nicht wissen, dass mit ihm gespielt wurde.

Es kostete den Mann keine große Mühe, ihn in seine Gewalt zu bekommen.

Verdammt..

Mit bloßen Händen hielt er ihn in Schach.

„Aber gegen Menschen könnt ihr nicht ankommen. Und jetzt komm heraus, oder das Spiel ist vorbei.“

In dem Moment wurde mir klar, dass die Idee von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen war. Er hatte genau das von mir erwartet, hatte seine eigenen Leute mit Absicht auf die Schlachtbank geführt.

Jeder unserer Schritte, jeden meiner Gedanken schien er vorausgewusst zu haben.

Wir hatten keine Chance.

Meine Gedanken rasten. Ich hatte vielleicht keine.. aber vielleicht hatte er sie.

Noch ehe meine Logik mich daran hindern konnte, tat ich etwas gänzlich Widersprüchliches, etwas, was gegen meine gesamte Natur ging:

Ich stellte mich ihm.

„Hier bin ich.“

Alles in mir ächzte und protestierte. Niemals zuvor hatte ich mich in die Hände eines Anderen gegeben, ihm Gewalt über mich gegeben.

„Das wolltest du doch?“

Offensichtlich sah der Junge das anders. Mit einem entschiedenen „Nein!“ brachte er es fertig, sich kurzzeitig aus dem Griff zu befreien, sich zwischen ihn und mich zu stellen. Fast augenblicklich wurde er durch einen miesen Trick von den Füßen gerissen, noch ehe ich eingreifen konnte.

Hart schlug er auf dem Boden auf, Kopf voran. Alles daran war genau kalkuliert..

Diesmal konnte ich mich nicht beherrschen.

„Du mieser..“, setzte mein Denken einen kurzen Moment aus – in der nächsten Sekunde kämpften wir wie zwei verbissene Hunde miteinander, wissend, dass es um alles oder nichts ging. Ich fürchtete ihn, aber ich konnte nicht zulassen, dass er aus uns Hackfleisch machte.

Zum ersten Mal in meinem Leben war mir egal, ob ich dabei den Kürzeren ziehen würde. Er hatte ihm wehgetan! Mit voller Absicht und zielgenau!

Sollte ich mit ihm zugrunde gehen, es war mir gleich. Aber er würde büßen..

Es war nicht vergebens.

„Stehenbleiben!“

Einen Moment hatte ich Mühe, die herrische Stimme der richtigen Person zuzuordnen. Ich traute meinen Ohren kaum.

Offenbar hatte der Junge versteckte Talente, denn die Waffe hatte ich vorher nicht bei ihm gesehen.

Mit zitternden Händen richtete er sie auf ihn, seine roten Augen nervös, aber entschlossen. Es musste ihn alle Kraft kosten, die er hatte. Noch nie hatte er einen Menschen bedroht, eine Waffe auf ihn gehalten.

Sie war entsichert.

„Junge.. das meinst du nicht ernst!“

Das grausame Gesicht zeigte keinerlei Regung, das konnte ich selbst im Schwitzkasten spüren. Ich hatte meine Chancen verspielt, wurde erbarmungslos als Zielscheibe gehalten. Der taube Arm war nutzlos, der andere bis zum Zerreißen nach hinten gespannt.

Dieser Mann hatte alles über mich herausgefunden.

Ich hatte Angst.

Um mich, um uns.

„Doch, das tue ich“, fiel es dem Jungen weiterhin schwer, die Waffe auf uns zu richten. Selbst wenn er wirklich schoss, dann würde er uns beide treffen. Und das konnte er nicht. Niemals.

„Sie werden zur Rechenschaft gezogen wie jeder andere auch: Durch das Gesetz.“

Seine Stimme war entschlossen. Warum tat er das?

„Noch immer dieses Credo?“

Er positionierte sich hinter mir, sein Gesicht ein heimtückisches Grinsen. „Sieh es doch ein, die Zeiten sind längst vorbei.“

Der Hahn spannte sich, ich sah das entschlossene Funkeln in seinen Augen.

„Oh nein, sie fangen gerade erst wieder an..“


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Der scharfe Schmerz, den der Streifschuss bei mir hinterließ, überraschte mich mehr als dass er wehtat. Ich spürte die Kugel hinter mir in weiches Fleisch dringen, hörte den gellenden Schrei, als sie ihr Ziel erreichte.

Abrupt riss ich mich los, sah das heftig blutende Bein hinter mir und den ungläubigen Blick.

„Wie konntest du..?“

Der Junge ließ die Waffe sinken, sein Gesicht schmerzverzerrt. Der Schlag auf den Kopf vorher zeigte Wirkung. Er wurde blass, ging in die Knie.

Geistesgegenwärtig sprintete ich zu ihm – genau im richtigen Moment.

Die glänzende Klinge sah ich aus dem Augenwinkel, warf mich schützend vor ihn – im nächsten Atemzug zuckte der scharfe Schmerz durch meinen Rücken. Das Messer stak bis zum Heft in meinen angespannten Muskeln.

Verwirrt sahen wir uns an, beide nicht begreifend, was der jeweils andere gerade getan hatte.

„Du.. warum hast du das gemacht?“

Er sah mich entsetzt an, seine roten Augen ein Flackern.

„Du hättest sterben können..“

Ich ergriff seine noch immer zitternde Hand, kämpfte gegen den Schmerz in meinem Rücken an, von dem mir übel wurde. „Und du hättest weglaufen können..“

„Ohne dich?“

Ohne ein Wort zog ich ihn fest in meine Arme, meine protestierenden Muskeln ignorierend. Ein leises „Danke“ kam aus meinem Mund – gefolgt von einer langen Ohnmacht.
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Ich wachte im Krankenhaus auf.

Sowohl ich als auch der Mann, den ich so sehr gefürchtet hatte, waren am Leben. Wie ich von Knight erfuhr, erwarteten ihn drakonische Strafen.

Seufzend lehnte ich mich zurück, genoss das Gefühl, das Richtige getan zu haben. Es fühlte sich gut an, befreiend. Eine Last fiel von mir ab.

„Wie geht es dir?“

Seine roten Augen funkelten amüsiert auf. „Michael meinte, du bist gestraft genug.“

Ich zog ihn am Arm zu mir heran, sein Gesicht nah an meinem.

„Ach.. bin ich das?“

Rau war meine Stimme, aufgeregt.. und ich musste hier sitzen bleiben. Die Welt war ungerecht. Da hatte ich die Person, die ich über alles liebte, direkt neben mir.. und musste brav sein.

Er hatte meine Gedanken durchschaut, grinste.

„Du wirst die Nacht schon überleben.“

„Aber nicht ohne dich..“, raunte ich ihm ins Ohr, zog ihn in einen innigen Kuss. Es war so surreal, fast unwirklich. Wann hatte ich mich so verändert? War das ich?

Ich wusste die Antwort. Ja, das war ich. Und ich war nicht länger allein.
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