Das Kind, allein, das Winterkind

von Arzani92
OneshotMystery, Schmerz/Trost / P16
Marco der Phoenix
25.09.2019
25.09.2019
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Hier kommt mein Wichtelgeschenk für nasturka zu meinem Wichtelprojekt "Die vier Jahreszeiten. Sie wollte eine Winterinsel im Winter ... und eine Insel auf der die Bewohner nicht ganz koscher sind. So richtig ist mir das nicht gelungen und um ehrlich zu sein, weiß ich selbst noch nicht so richtig, was ich hier eigentlich geschrieben hab. Irgendwann hat sich die Geschichte verselbstständigt. Wie so oft bei mir...

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"Der Sommer kommt und küßt das Kind; der Winter kommt und tötet es."


Das Wasser um ihn herum glitzerte in der untergehenden Sonne in einem rötlichen Glanz. Wie tausende Rubine funkelte ihn das Meer an, als wolle es einen Teppich vor ihm ausbreiten, auf dem er entlangschreiten konnte. Die Welt war wunderschön. Die Wolken standen im Kontrast zu dem glitzernden Wasser, sahen aus wie gemalt. Als hätte ein Künstler seinen Pinsel geschwungen und ihn über eine Leinwand gleiten lassen. Sanft, so sanft. Wie tausend pinke Federn, die die Wolken bildeten. Wir rosarote Flügel in der Luft. Die Welt war wunderschön, doch Marco hatte keinen Blick dafür übrig. Nicht heute, nicht morgen. Vielleicht nie wieder. Stattdessen tropften stetige Tränen von seinem Kinn.

Sie hatten es nicht geschafft Blackbeard aufzuhalten. Hatten ihn nicht besiegt, obwohl sie so erbittert gekämpft hatten. Keiner ihrer Angriffe hatte den Verräter aufhalten können. Gegen die kombinierte Kraft aus der Finsternis- und der Donnerfrucht hatten sie nichts entgegenzusetzen. Unmöglich. Aussichtslos. Erniedrigend.

Die Whitebeard-Piraten gab es nicht mehr. Sie waren ausgelöscht, gestorben mit ihrem Kapitän, in dem Kampf der Großen, dort am Marineford. Wie hatte Marco sich auch einbilden können in die Fußstapfen ihres Pops zu treten? In den Tod hatte er sie geführt. Zu viele waren gestorben. Erneut.

Schon lange hatte er sich nicht mehr so hilflos gefühlt. Sie hatten ihm trotzdem noch folgen wollen. Eine Verantwortung, von der Marco wusste, dass er sie nicht tragen konnte. Also hatte er die verbliebenen Whitebeard-Piraten aufgelöst, hatte ihnen befohlen zu gehen. Weil er als Kapitän ein Versager war. Weil er immer nur die rechte Hand hatte sein wollen, nie der, der andere führte. Dafür war er nicht gemacht, wie man schmerzlich gesehen hatte.

Die Welt war wunderschön, doch Marco hätte einen grauen Himmel und die stürmende See bevorzugt. Sicherlich hätte sie ihn mitgerissen, in ihre Tiefen hinab, bis hinunter zu Davy Jones’s Locker, der Grandline ewiges Bett. Die Tränen tropften immer noch unaufhörlich von seinem Kinn, fielen auf die schmutzigen Planken des kleinen Fischerbootes, mit dem er ziellos und rastlos durch die Grandline segelte. Sein Herz schrie, es blutete und alles in ihm wollte nach Hause. Wollte in die starken Arme seines Vaters geschlossen werden, wollte das Lachen seiner Brüder und Schwestern hören. Alles in ihm wollte die Zeit zurückdrehen. Doch die Uhr tickte und tickte in immer die gleiche Richtung. Der Fluss der Zeit ließ sich nicht aufhalten. Hatte sich noch nie aufhalten lassen. Ein ewig fließendes Band.

Wo sollte er hin? Es gab kein Zuhause mehr für ihn. Die Moby Dick war gesunken, sein Kapitän und seine besten Freunde gestorben. Als Waise aufgewachsen waren die Whitebeard-Piraten schon immer die einzige Familie gewesen, die er jemals gehabt hatte. Er wollte nach Hause. Aber dieses Zuhause gab es nicht mehr.

Seine Augen wanderten zu dem Logport an seinem Handgelenk. Die See war nicht stürmisch, ertrinken würde er heute nicht und sein Überlebenswille war zu stark, um alles aufzugeben. Sich selbst aufzugeben. Davor hatte er noch eine Aufgabe zu erledigen, auch wenn er nicht so genau wusste, wie diese aussah. Mit einem Seufzen ließ er seine Augen zum Horizont schweifen und erkannte die Umrisse einer Insel. Ein eisiger Hauch strich über seine nackten Arme und er fröstelte. Er musste anlegen. Seine Vorräte gingen langsam zur Neige.

***


Je näher er der Insel gekommen war, um so kälter war es geworden, bis sogar vereinzelte Eisschollen an seinen Rumpf stießen. Da hatte er schon so viele Meilen auf der Grandline zurückgelegt und doch waren da Inseln, die Marco noch nie gesehen hatte. Diese war eine davon. Aus den Tiefen seines Seesacks hatte er einen Pulli hervorgekramt und doch war ihm kalt. Leider wärmte sein blaues Feuer ihn nicht. Nicht so wie Ace sein Feuer gewärmt hatte, so dass er sogar im tiefsten Schnee oberkörperfrei herumgelaufen war. Der Gedanke an seinen verlorenen Bruder, an einen seiner besten Freunde, schmerzte. Es schmerzte so sehr, dass Marco die Erinnerung an das verschmitzte Grinsen krampfhaft verdrängte. Er hatte schon genug geweint, hatte genug Tränen vergossen für ein ganzes Leben. Er musste den Dorfbewohnern nicht zeigen wie weit er gesunken war.

Der Schnee knirschte unter seinen Füßen, als er durch das Dorf schritt. Die Straßen waren notdürftig geräumt. Es schneite sanfte Flocken und der frisch gefallene Schnee verdeckte seine Fußstapfen. Die Schneeflocken verwischten die Spuren, die er hinterließ, als wäre er nie hier gewesen. Als wäre er jetzt schon ein Geist.

Suchend blickte er sich um, doch nur wenig Lichter brannten und noch weniger Menschen traf er. Er wusste, es war spät. Die Sonne war untergegangen und der Himmel war bedeckt mit grauen Wolken, durch die der Mond immer mal wieder hindurch blitzte. Wenn er jemanden traf, dann waren die Menschen in dicke Mäntel gehüllt, und sie schauten ihn misstrauisch an, huschten an ihm vorbei, bevor er fragen konnte wo hier die nächste Taverne war. Er fühlte sich wie ein Eindringling, dabei war das hier eine Hafenstadt der Grandline. Kalt und verschneit, und doch: sollten die Menschen hier Seefahrer nicht gewohnt sein?

Es war eisig, er frierte und immer mehr fand sich Marco damit ab, dass er heute wohl auf seinem Boot schlafen musste. Dabei würde ihm ein richtiges Bett gut tun. Seine Arme um sich selbst geschlungen drehte er sich um, um zurück zum Hafen zu laufen, an dem er angelegt hatte. Nach einer Weile - er war fast schon wieder am Wasser angekommen - hörte er eine Tür ins Schloss fallen. Das Geräusch klang laut in der Stille. Der Schnee schien alles zu verschlucken. Doch jetzt sah er in einer Seitengasse hell erleuchtete Fenster. Über der dazugehörigen Tür hing ein hölzernes Schild, das sachte im Wind schwang.

“Zum silbernen Wolf” stand da in schwarzer Farbe geschrieben. Ein seltsamer Name für ein Gasthaus, oder eine Taverne oder was auch immer das für ein Geschäft war, das er da entdeckt hatte. So sicher war sich Marco nicht, aber es war ihm auch egal. Solange er eine warme Mahlzeit in den Bauch bekam und am besten noch ein Zimmer mieten konnte, war ihm alles Recht. Er wollte sich nicht zu viel erhoffen von diesem trostlosen Fleckchen Erde, aber ein Versuch war es wert. Aus der Kälte rauskommen musste er allemal.

Ein Schwall Wärme schlug ihm entgegen, als er die dunkle Holztür öffnete. Sofort entspannte er sich ein wenig und gab seine gekrümmte Haltung auf. Es tat gut dem dunklen, kalten Abend zu entfliehen. Kurz schaute sich Marco im Schankraum um. In einer Ecke prasselte ein Feuer im Kamin, überall standen Tische aus dunklem, urigem Holz, umgeben von Holzbänken, die mit Kissen ausgestattet waren. Am anderen Ende des Raums war eine Theke. Auf einem der Barhocker saß ein kleines Mädchen, vielleicht fünf und ihre Mutter half ihr aus ihrer Jacke. Beide hatten braune Locken, sowie einen hellen Teint. Ihre Kleidung sah abgetragen, aber gut gepflegt aus. Wolle. Fell. Kleidung, die warm hielt.

Bevor zu viel Wärme entweichen konnte, ließ Marco die Tür hinter sich wieder zufallen und schritt zu den Beiden. Sie waren die einzigen Menschen sichtbar, jedoch verriet Marcos Haki ihm, dass noch eine dritte Person anwesend war. Bevor ihn die Frau mit ihrer Tochter bemerken konnte, wurde eine Tür aufgemacht und ein etwas älterer Mann schritt aus dieser. Sie war in einer Ecke versteckt, hinter der Theke und Marco vermutete, dass sie zur Küche führte. In einer Hand hielt der Mann ein Tablett, in der anderen einen Krug. Auf seinem Gesicht war ein leichtes Lächeln, das jedoch verschwand als sein Blick auf Marcos Gestalt fiel. Kurz schien es entsetzt, dann kalt.

Mit grimmiger Miene stellte der Mann das Tablette vor der Frau und ihrer Tochter ab. Eine Hand verschwand unter der Theke und ohne das er es sah, wusste Marco, dass der Mann nach einer Waffe, vermutlich einem Messer, gegriffen hatte.

“Wer sind sie und was wollen sie hier?” wurde Marco gefragt, und die Kälte in der Stimme ließ ihn schaudern. Als wäre es nicht eindeutig genug, dass er hier nicht willkommen war. Als würde das ganze Dorf ihn nicht eh schon mit seiner bloßen Präsenz abweisen wollen.

Er hob die Hände und ließ seinen Blick über den Mann - vermutlich Ende vierzig, Anfang fünfzig, schüttes, schon ergrauendes Haar, kantige Gesichtszüge und raue Hände - und die Frau, die sich inzwischen umgedreht hatte, gleiten. Ihre braunen Locken umspielten ein freundliches, herzförmiges Gesicht. Doch ihre Augen wurden groß als sie ihn ebenfalls anschaute. Als würde sie ihn erkennen. Was wohl nicht so abwegig war. Spätestens seit dem Krieg am Marineford war sein Gesicht kein Geheimnis mehr. Er schluckte die Erinnerung und den damit einhergehenden Schmerz herunter. Er wollte doch bloß eine Nacht bleiben und am nächsten Tag seine Vorräte auffrischen.

“Beruhige dich, Tito,” murmelte die Frau beschwichtigend und drehte sich zu dem Mann, den sie Tito genannt hatte, um. “Sei lieber froh, dass du einen Gast hast.”

Ein lautes Schnauben verriet Marco, dass der Mann noch immer Misstrauen hegte, doch er ließ was immer er unter der Theke umklammert hatte los. Stattdessen griff er nach dem Tablett und stellte die gefüllten Teller vor der Frau und dem Mädchen ab. Dieses ließ einen kleinen freudigen Schrei los und fischte mit den Fingern nach etwas, das Marco nicht genau erkennen konnte. Es sah rund aus. Essbar. Eine Art Bällchen.

“Langsam, Schatz,” murmelte die Frau, ging sicher, dass ihre Tochter nicht zu hastig aß und drehte sich dann erneut zu Marco um. Ein verschmitztes Lächeln lag auf ihren Lippen, das die Stimmung sofort aufhellte. “Sie wollen da doch nicht ewig stehen bleiben, oder?”

Mit einem leichten Kopfschütteln und sowas wie einem Schmunzeln auf dem Gesicht schritt Marco zur Theke und ließ sich auf den Barhocker neben der Frau fallen. Sie war ihm sympathisch. Aber sie war auch der erste freundliche Mensch, dem er hier begegnete, somit war das kein schweres Unterfangen. Er musterte sie, und nahm dann die Hand, die sie ihm hinhielt.

“Nehmen sie es Tito nicht übel. Es verirren sich nicht so oft Fremde in dieses Dorf. Zumindest nicht zu so später Stunde.” Marco zog eine Augenbraue in die Höhe, sagte aber nichts zu dieser fadenscheinigen Erklärung. Ein Hafendorf auf der Grandline, das nichts mit Seefahrern anfangen konnte, schien ihm absurd. Auch wenn es eine abweisende Winterinsel im tiefsten Winter war. Seeleute strandeten unweigerlich irgendwann wieder an einem Hafen.

“Ich nehme es ihm nicht übel, wenn ich auch so einen Teller bekomme,” erwiderte Marco also nur. Seine neue Bekanntschaft hatte einen Teller mit Braten, Kartoffeln und Gemüse vor sich, der wirklich appetitlich aussah. Das kleine Mädchen aß, was Marco jetzt deutlich erkennen konnte, frittierte Kartoffelbällchen und war ganz mit sich selbst und ihrer Mahlzeit beschäftigt. Das angerichtete Essen erinnerte ihn daran, dass er Hunger hatte.

“Können Sie denn zahlen?” fragte der Mann - Tito - grummelnd und das Seufzen der Frau drang an sein Ohr. Doch bevor sie etwas sagen konnte zog Marco ein paar Berry-Scheine aus seiner Hosentasche und legte sie auf die Tresen. Es waren rund 5.000 Berry. Genug für ein Abendessen. Vermutlich auch für ein Zimmer für eine Nacht. Nicht das Marco knausrig war, aber ihm war vor einer Weile aufgegangen, dass er wohl seit neustem auf seine Finanzen achten musste. Allerdings war ihm heute der Preis egal, solange er nicht mehr raus in diese kalte Nacht musste.

“Reicht das?” fragte Marco provokant und kurz war es still. Dann schnaubte der Mann und sein Gesicht wurde freundlicher. Er griff nach dem Geld, steckte es ein und lehnte sich mit dem Ellenbogen auf die Theke.

“Scheinst ja doch keinen Ärger machen zu wollen. Bier?”

“Was Heißes wäre mir lieber.” Zwar war es warm in dem kleinen Schankraum, doch Marcos Finger fühlten sich immer noch klamm an. Der Kommentar ging ihm noch kurz durch den Kopf, dann schob er ihn, wie so vieles, einfach weg. Half ja nichts. Erneut drehte er sich zur Frau, die ihn immer noch interessiert musterte. Sie hatte ihren Teller noch nicht angerührt.

“Was verschlägt den berühmten Phönix der Whitebeard-Piraten in diese Ecke der Grandline?” fragte sie keck und Marco schnaubte. Schien, dass er sich nicht vorstellen musste.

“Es ist zumindest nicht die überschäumende Gastfreundschaft,” antwortete Marco schroff. Seine Stimme klang abweisender als er es gewollt hatte und er merkte, wie seine neue Begleitung neben ihm etwas zusammen schrumpfte. Sofort tat es ihm Leid. Immerhin war sie die erste freundliche Seele auf dieser Insel.

“Wie unhöflich von mir. Tut mir Leid, ich wollte nicht…,” murmelte sie, doch Marco winkte ab und unterbrach das Gestotter.

“Vergessen Sie es. Heute ist einfach nur nicht mein Tag.”

Ihre Miene hellte sich wieder etwas auf und sie schmunzelte sogar. “Das kann ich Ihnen nicht verübeln. Ich heiße übrigens Katharina, das ist meine Tochter Marie” Die Kleine schaute kurz auf, als sie ihren Namen hörte, blickte zu Marco und drehte sich dann schüchtern wieder weg. “Und dieser grummlige Herr dahinten ist Tito. Das Dorf ist nicht immer so. Es ist nur -” Sie verstummte, schien als würde sie nach den richtigen Worten suchen und als sie endete klang es hohl. “die Jahreszeit.”

Wieder ein Kommentar, mit dem Marco nicht viel anfangen konnte. Dieses Mal rettete ihn Tito, der ihm eine Tasse vor die Nase stellte. Dampf stieg aus ihr auf. Irritiert schaute Marco die Flüssigkeit an, die rot glänzte und schnupperte am Inhalt. Es roch würzig und als er probierte, stellte er fest, dass es eine Art gewürzter roter Wein war, den er hier vorgesetzt bekommen hatte. Es schmeckte interessant, und nach einem weiteren Schluck spürte er schon, wie es ihn von Innen wärmte. Ein Getränk, das zu der Insel passte.

“Danke,” murmelte Marco. Tito nickte nur und verschwand dann erneut in der Küche.

Für eine Moment war es still, nur das Feuer knisterte im Kamin. Doch Marco merkte, wie seine Sitznachbarin unruhig auf ihrem Stuhl hin- und herrutschte. Obwohl sie angefangen hatte zu essen, schielte sie immer wieder zu Marco rüber, bis dieser es nicht mehr aushielt. Er war zwar ein Kommandant eines Yonkos … gewesen, aber selten hatte das so großes Interesse in Menschen geweckt. Vielleicht hatte er es aber auch nie bemerkt, weil immer seine Brüder und Schwestern bei ihm gewesen waren.

“Nun spucks schon aus,” meinte er und musste fast lachen, als Katharina rot wurde.

“Ich, also.” Sie stockte, holte tief Luft und der rote Schimmer verschwand. “Ich frage mich einfach immer noch was Sie” Marco schaute sie herausfordernd aus den Augenwinkeln an und sie verbesserte sich. Es klang gleich viel angenehmer in seinen Ohren. “du hier machst?”

“Weil ich ich bin oder weil hier sonst kein einziger Seefahrer zu sein scheint?” konnte sich Marco nicht verkneifen zu fragen. Alles an diesem Ort schien ihm merkwürdig und doch konnte es ihn auch nicht weniger interessieren. Es irritierte ihn fast, wie stumpf er gegenüber solchen Dingen geworden war. Katharina biss sich auf ihre Unterlippe.

“Beides,” murmelte sie, schaute weg und dann wieder in sein Gesicht. Erneut beschlich Marco das Gefühl, dass etwas an dieser Aussage nicht passte, aber er wischte es weg. Konnte nicht anders. Was kümmerte es ihn schon?

“Es war die nächste Insel und meine Vorräte gehen zur Neige. Im besten Fall frische ich diese morgen auf und sitze vor dem Mittag wieder in meinem Boot.” Sein Blick fiel auf den Logport an seinem Handgelenk. “Vorausgesetzt, der hier spielt mit.”

Katharinas Blick folgte seinem. Als sie den Logport erkannte, runzelte sie die Stirn, als könne sie Marcos Worten nicht folgen. Dann entwich ihr ein leises “Oh”. Fahrig strich sie sich eine Locke hinter ihr Ohr.

“Morgen ist Markt,” murmelte sie, doch schien in Gedanken woanders. Etwas veränderte sich in ihrem Blick und es schauderte Marco, als sie noch hinzufügte. “Es dauert zwei Tage bis sich die Nadeln hier umstellen und die Tage sind kurz. Du solltest nicht zu lange schlafen.”

“Ich nehme es zur Kenntnis.” Doch so richtig wusste Marco nicht, was das für ihn hieß.

***


“Nimm es mit.” Die Stimme klang leise, wie als würde der Wind sie an seine Ohren tragen. “Pass auf das Winterkind auf.”

Suchend drehte sich Marco im Kreis, versuchte etwas zu erkennen, doch alles um ihn herum war weiß. Der Mond reflektierte den Schnee, der diese Welt auszumachen schien. Er glitzerte fade in dem schwachen Schein, erleuchtete die Nacht auf eine unnatürliche Weise. Alles war schwarz und weiß, eine Welt, die nur aus Kontrasten bestand. Es war mitten in der Nacht und doch schien ihm, als wäre es hellichter Tag.

“Nimm es mit. Nimm mein Winterkind mit. Lass es hier nicht sterben.”

Erneut veranlasste ihn die Stimme sich umzudrehen. Seine Augen huschten über die fernen Bäume, deren Äste sich unter der Last des Schnees bogen. Schneeflocken tanzten vor seinem Gesicht und erschwerten ihm, irgendetwas auszumachen. Hinter ihm waren Häuser, vor ihm etwas, dass ein Weg sein könnte, an einem Feld. Doch alles war so von Schnee bedeckt, dass es schwierig war, zu sagen, aus was diese Welt wirklich bestand. Vielleicht war alles was er sah auch einfach nur gefrorenes Eis.

“Nimm es, Marco. Nimm es mit, bevor es taut. Pass auf mein Winterkind auf.”

Sein Gesicht zuckte nach rechts, als die Stimme ihn erneut anflehte. Dort in der Ferne war ein Wald zu erkennen und auf einmal sah er sie. Eine Gestalt, wie ein mystisches Wesen, erschien zwischen den Bäumen. Sie bewegte sich auf ihn zu. Ganz in weiß war sie gehüllt, verschwamm fast mit den Schneeflocken. Das Gesicht konnte er nicht erkennen, nur Haare, die mit Weiß bedeckt waren. Schnee verfing sich in braunen Locken. Dann kam ein Windstoß auf, eine Böhe wirbelte um die Gestalt herum. Marco blinzelte sich den Schnee aus den Augen, doch als er wieder klar sehen konnte, war die Frau weg und alles war wieder nur weiß.


***


Ein Geräusch schreckte ihn aus dem Schlaf und müde rieb er sich die Augen. Es wunderte ihn, wie tief er geschlafen hatte. Als Pirat hatte er gelernt immer einen Sinn in der Wirklichkeit zu haben, damit er nicht von einem Angriff überrascht werden konnte. Zwar hatte das im Laufe seiner Laufbahn als Kommandant unter Whitebeard abgenommen, doch vor allem in letzter Zeit war diese Fähigkeit wieder zu ihm zurückgekehrt. Als Pirat schlief man nicht tief, als Pirat passte man auf.

Heute jedoch hatte ihn der Schlaf tief in seine Abgründe gezogen und durch die Fenster fiel helles Licht. Der Schnee reflektierte die Sonne und ließ den Tag grell wirken. Irritiert rieb sich Marco die Augen und versuchte sich an den Traum zu erinnern. Doch alles was ihm noch vor Augen stand war eine Schneelandschaft. Das und eine Stimme, die ihn bat jemanden mitzunehmen.

Umso mehr Marco versuchte den Traum festzuhalten, umso mehr entwich er ihm. Es dauerte einen Moment, dann schüttelte er den Kopf und schwang sich aus dem Bett. Er hatte noch eine Weile in “Zum silbernen Wolf” verbracht, sich mit Katharina und Tito unterhalten, gegessen und dann von dem Gastwirt ein Zimmer vermietet bekommen. Lange hatte er es jedoch nicht ausgehalten, vor allem weil Katharinas Tochter irgendwann ins Bett musste und ohne die Frau war die Stimmung kalt. Als hätte sie alle Freundlichkeit mitgenommen. Tito alleine war nicht der beste Gesprächspartner.

Bis er angezogen war, dauerte es nicht lange. Da er im Schankraum niemanden finden konnte, verzichtete Marco auf ein Frühstück und nahm sich vor, diesen Markt zu finden, von dem Katharina gesprochen hatte. Er hoffte darauf morgen in aller Frühe abreisen zu können. Auch wenn er nicht wusste, wohin.

Im hellen Tageslicht sah das Dorf viel freundlicher aus, auch wenn die Sonne im reflektierendem Schnee in den Augen schmerzte. Von seiner Intuition geleitet, ging Marco einfach drauf los. Er würde den Menschen folgen, die es hoffentlich doch irgendwo hier gab. Die rauchende Schornsteine zeugten auf jeden Fall davon.

Tatsächlich dauerte es gar nicht so lang, bis Marco die ersten Marktstände ausmachen konnte. Es waren nicht viele Menschen zugegen, aber genug, dass ihm immer stärker auffiel wie er aus den Augenwinkeln gemustert wurde. Denn umso näher er dem Markt kam, umso mehr Leute begegneten ihm. Er konnte förmlich spüren, wie Blicke an ihm klebten. Satzfetzen drangen an sein Ohr, doch wann immer er in Hörweite kam, verstummten die Gespräche. Trotz allem fiel das Wort “Fremder” und “Winter” viel zu oft. Es erinnerte ihn an etwas, aber er kam nicht darauf, an was. Kurz fragte sich Marco, ob es ihm etwas ausmachen sollte. Ob er dem Getuschel und den Blicken auf den Grund gehen sollte. Früher hatte sowas nach Abenteuer gerochen und Ace und Thatch hätten ihn sicher dazu gedrängt, dem Ganzen nachzugehen. Aber allein der Gedanke daran ließ sein Herz bluten. So schob er es einfach von sich. Morgen würden sich die Nadeln seines Logports umstellen und er konnte weiterfahren. Irgendwohin. Nirgendwohin.

Ausdruckslos ließ er seinen Blick über die Ware gleiten, die hier feilgeboten wurde. Ernüchternd stellte Marco fest, dass die Auswahl sehr gering war. Kartoffeln gab es, Kohl. Ein paar wenige Karotten, zudem andere Rüben die er nicht kannte. Es war deutlich, wie der Winter die Ernte zu beeinflussen schien. Da der Markt nicht groß war, entschied Marco sich dazu erstmal eine Runde zu drehen, damit er sich alles anschauen konnte.

Er war fast über den gesamten Marktplatz geschlendert, als ihm am äußersten Rand ein Stand mit einem bekannten Gesicht auffiel. Erstaunt machte sich Marco auf dem Weg zu Katharina, die sich mit einer alten Dame unterhielt. Umso näher er kam, umso mehr realisierte er, dass die beiden sich nicht unterhielten, sondern leise stritten.

“Du solltest sie uns geben,” meinte die alte Dame eindringlich. Katharinas Gesichtsausdruck wurde dunkel.

“Nein! Sie ist meine Tochter. Sie soll erstmal etwas vom Leben haben,” war die gezischte Antwort.

“Sie ist das Winterkind. Dafür wurde sie geboren. Der Sommer ist mit ihm hierhergekommen. Du wirst -,” erwiderte die Dame. Doch dann entdeckte Katharina ihn und unterbrach den Redefluss mit einer gezielten Handbewegung. Allerdings hatte Marco genug gehört um zu wissen, dass diese Insel nicht normal war. Auch wenn er sich insgeheim fragte, welche Insel auf der Grandline schon als normal betitelt werden konnte. Doch dieses Mal schien er mit der Grund zu sein. Man konnte förmlich spüren, wie er gemieden wurde. Wie seine Anwesenheit hier etwas ausgelöst hatte. Aber wieder schob er es weg. Wie alles was ihn hätte berühren sollen, sein Herz aber nicht mehr ertrug. Seit dem Krieg, seit dem Tod seines Vaters, schob er einfach alles weg. Bis es ihn einholte, oder er auch sterben würde. Er hoffte auf letzteres.

Mit lässigem Laufschritt schloss Marco auch noch die letzte Distanz zu dem Marktstand. Katharina hatte ihn gesehen, ihre Unterhaltung abgebrochen und Marco würde jetzt nicht wieder gehen. Er hatte alles verloren, aber das hieß nicht, dass er nicht noch Stolz besaß. Seine Augen wanderten über die Auslage. Katharina verkaufte Fleisch, teils noch blutig glänzend, teils getrocknet, eingekocht, geräuchert oder gepökelt.

“Guten Morgen,” grüßte er und stellte sich neben die alte Dame. Diese schielte zu ihm herüber, blickte erneut zu Katharina und schüttelte dann den Kopf.

“Guten Morgen, Marco.” Katharina nickte ihm zu, griff dann nach einer Salami und packte sie in ein Papier. Als sie diese der alten Dame reichte, ergänzte sie noch, “Das macht 700 Berry.”

Schweigend griff die Frau nach der Wurst, packte sie in eine Tasche und reichte dann das Geld über die Auslage. Ihre Augen funkelten als sie noch leise sagte, “Überleg es dir, Kind!” Dann drehte sie sich um und ging.

Kurz überlegte Marco, ob er Katharina darauf ansprechen sollte, was das eben hier war. Doch er verwarf den Gedanken wieder. Selbst wenn er es wüsste, was sollte er daran ändern? Dieses Dorf schien eingefahrene Muster zu haben und morgen war er schon nicht mehr hier. Es ging ihn schlicht und ergreifend nichts an. Also tat er das, wofür er hergekommen war. Er kaufte ein.

“Was ist das für Fleisch?” fragte er und besah sich vor allem die Würste und getrockneten Waren an. Diese würden auf See lange halten, genau was er brauchte.

Kurz schaute Katharina ihn irritiert an, dann lächelte sie, als wäre sie dankbar für seinen Themenwechsel. “Vor allem Wild. Hirsch, Wildschwein,” dabei zeigte sie auf die benannten Sorten. “Das da ist Hase,” meinte sie und tippte eine Salami an, die an einem Balken des Standes baumelte. “Oh und das da hinten ist Wolfsfleisch.”

“Wolf? Wie kommt eine junge Dame dazu Wolfsfleisch zu verkaufen?” Da war sie doch, die Neugier, von der Marco schon dachte, er hätte sie verloren. Aber Katharina konnte nicht älter als dreißig sein und von der Statur schien sie nicht die größte Kämpferin. Sicherlich war es nicht sie, die all diese Tiere erlegt hatte. Doch ihr freches Lachen bewies ihm das Gegenteil. Mit funkelnden Augen schlug sie eine der dicken Stoffwände des Stands zurück, die Kälte und Schnee abhielten. Zum Vorschein kam ein kleines Gewehr.

“Ich hab lange genug die Grandline befahren, um zu wissen, wie man auf wilde Tiere schießt,” schmunzelte sie. Ihre Antwort erstaunte Marco. Sie war also eine Seefahrerin? Zumindest eine ehemalige. Mit einer kleinen Tochter fuhr man sicherlich nicht mehr regelmäßig zur See. Wo war die Kleine eigentlich?

Wie aufs Stichwort ertönte ein gellender Schrei, der über den Marktplatz hallte. Ohne darüber nachzudenken rannte Marco in die Richtung, von der das Geräusch kam. Sein Haki verriet ihm, dass Katharina ihm mit etwas Abstand folgte. Die wenigen Menschen, die ebenfalls auf dem Markt waren stoben auseinander, so dass er ohne Probleme durchkam. Dann sah er sie, in einer kleinen Gasse. Nein, es war keine Gasse, es war nur eine Art Hof, denn Häuser versperrten ihr den Weg. Was für ein schreckliches Bild.

Vor sich konnte Marco drei Wölfe erkennen, die knurrten und denen Schaum aus dem Maul lief. An eine Wand drückte sich Marie, der Tränen über die Wangen liefen, während sie stock und steif da stand. Dann ging alles ganz schnell. Die Wölfe preschten vor, Marco verwandelte sich ohne darüber nachzudenken in seine Phönixgestalt und stürzte sich auf die Tiere. Neben ihm fiel ein Schuss und während er seine Krallen in das erste Tier schlug und es an die gegenüberliegende Hauswand schleuderte, fiel das Tier neben ihm tot um. Sofort drehte er sich zu dem verbleibenden Wolf, doch dieser hatte Marie schon angesprungen, die sich zwar weg drehte, jedoch nicht schnell genug war. Zähne schlugen sich in ihren Arm, bevor Marco das Tier am Maul packte, dieses aufzerrte und Marie sich befreien konnte. Er spürte wie sich die Reißzähne des Wolfes in seine Hand bohrten doch seine Teufelskraft setzte sofort ein. Blaue Flammen loderten auf und schlossen die Wunden. Ein erneuter Schuss fiel und das Tier, mit dem er eben noch gekämpft hatte, erschlaffte. Keuchend ließ Marco los und wand sich an Marie, die sich wimmernd den Arm hiel. Tränen kullerten ihr über die Wangen, sie schluchzte und bevor Marco reagieren konnte war da auch schon Katharina, die ihre Tochter an sich zog.

“Alles wird gut, Süße. Hab keine Angst. Ich bin da. Noch bin ich da. Alles wird gut,” murmelte sie in die Locken ihrer Tochter. Im Licht konnte Marco in ihren Augenwinkeln ebenfalls Tränen erkennen. Der Schock saß noch in seinen Knochen, doch als er den blutigen Arm des kleinen Mädchens erkannte, schob er diesen weg. Er war Arzt und es lag in seiner Natur zu helfen und zu heilen.

Mit zwei großen Schritten war er bei dem Mutter-Tochter-Gespann und zerrte leicht an Katharinas Schulter. “Ich bin Arzt, ich kann ihr helfen,” sagte er leise, aber bestimmt. “Lass sie bitte kurz los.” Doch die Frau hörte nicht auf ihn, was er ihr nicht verübeln konnte. Inzwischen waren auch die Menschen vom Markt da, bildeten eine Traube um sie. Sein Blick flackerte hoch, er drehte sich halb um und sprach in einem Ton, den er schon lange nicht mehr angewendet hatte. “Ich brauche Bandagen, heißes Wasser und Desinfektionsmittel, wenn es hier welches gibt.” Keiner rührte sich. Marcos Stimme war schneidend. “Los!”

Erst dann setzten sich ein paar Menschen in Bewegung, liefen erst und rannten dann, als sie realisierten, dass hier keine Zeit verloren gehen durfte. Erneut widmete sich Marco Katharina und Marie, packte die Frau an der Schulter und murmelte, “Lass sie los, Katharina. Ich kann ihr helfen.”

Irritierte, tränenverhangene Augen schauten ihn an, Maries Schluchzer schüttelten das Mädchen immer noch. Doch endlich ließ die Frau ihre Tochter los und ohne groß darüber nachzudenken handelte Marco. Er hatte schon so viele Verletzungen behandelt, hatte nach Kämpfen auf den Planken der Moby Dick erste Hilfe geleistet, seinen Brüdern und Schwestern das Leben gerettet, dass das hier in Automatismen ablief. Mit einem Ruck riss er den zerfetzten Ärmel der Jacke ab, ignorierte den Schrei der Kleinen und schob ihn dann vorsichtig vom Arm. Hautfetzen hingen um die Wunden, denn Zähne hinterließen keinen glatten Schnitt wie ein Messer oder ein Schwert. Doch Marie hatte Glück gehabt. Marco war schnell genug bei ihr gewesen, dass die Wunden nicht zu tief waren. Mit all dem Blut sah es schlimmer aus, als es war. Er griff nach dem Ärmel, den er eben abgenommen hatte, hüllte ihn in Schnee und presste ihn auf die schlimmste Stelle. Dabei loderten seine Flammen um das Stück Stoff, ohne es zu verbrennen. Aus dem Augenwinkel sah er, wie ihn Katharina mit großen Augen musterte, doch sie sagte nichts. Nur nebensächlich nahm er war, wie sie ihn einfach machen ließ. Der Hauptteil seiner Konzentration lag darauf, mit seinen Phönixkräften die Wunde soweit zu schließen, dass sie nicht mehr zu stark blutete. Es dauerte, da er nur die eigenen Heilkräfte Maries verstärkte und die eines Kindes nicht so weit ausgebaut waren wie bei einem erwachsenen Menschen. Dann jedoch schien es zu wirken und er traute sich, die Kleine aufzuheben.

“Wir sollten irgendwo hinein gehen, damit ich sie besser verarzten kann,” sagte Marco. Erstaunlicherweise war es die alte Dame von vorhin, die aus der Menge hervor trat.

“Meine Wohnung ist gleich hier um die Ecke.”

Aus den Augenwinkeln schaute Marco zu Katharina. Diese nickte nur und ohne mehr Worte zu verlieren, folgten sie der Frau zu ihrem Haus.

***


Marco hatte Katharina und die alte Dame - Ophelia, wie er inzwischen wusste. Sie war eine der Dorfältesten - aus dem Zimmer geschickt, damit er Marie richtig verarzten konnte. Es hatte eine Weile gedauert, weil er ohne seine gewohnten Utensilien arbeiten musste und nur spärlich Medikamente und Bandagen erhalten hatte. Aber inzwischen waren die Wunden genäht und verbunden. Irgendwann war die Kleine eingeschlafen, was Marco guthieß.Sie musste sich ausruhen, damit sie heilen konnte und heilen würde sie. Dafür hatte Marco gesorgt.

Für eine Weile hatte Marco die Kleine einfach nur angeschaut. Ihre braunen Locken fielen sanft in Wellen um ihr Gesicht, dass nun, im Schlaf, ganz ruhig aussah. Es tat ihm Leid, dass so ein junges Mädchen schon so viel Schmerz ausgesetzt worden war. Zwar war er vieles gewöhnt, aber er hatte meist erwachsene Menschen verarztet und keine vierjährigen Mädchen. Woher diese Wölfe gekommen waren ging ihm immer noch nicht auf. Sie hatten sich durch das gesamte Dorf zum Marktplatz schleichen müssen. Auch wenn es wilde Tiere waren, hatten sie meist doch Angst vor den Menschen und trauten sich selten aus dem Wald. Zumindest normalerweise. Aber das hier war die Grandline. Das durfte man nie vergessen.

Mit einem Seufzen erhob sich Marco von seinem Stuhl und machte sich auf, die aufgeregte Mutter über den Zustand ihrer Tochter zu informieren. Als er jedoch die Türe öffnete, drangen Stimmen zu ihm. Erneut schienen Katharina und Ophelia zu streiten. Dieses Mal nahm Marco vor, sich nicht erwischen zu lassen.

Leise schlich er sich den Flur entlang und lehnte sich an die Wand, als er endlich mehr ausmachen konnte als nur Wortfetzen. Ihm war gar nicht bewusst, dass seine Neugier gerade über seine Trauer siegte.

“... deine Schuld.” Das war Ophelia. Sie klang erbost. Doch Katharinas Antwort übertrumpfte sie in ihrem Zorn.

“Meine Schuld? Du glaubst wirklich, ich würde meine eigene Tochter umbringen, nur um euch zu bestrafen. Bist du wahnsinnig?”

“Du glaubst nicht an deine -,” fing Ophelia an, doch Katharina unterbrach sie barsch.

“Doch! Sonst wäre ich nicht hier. Ich hab unendlich viele Inseln gesehen und habe da draußen immer noch Freunde. Ich hätte überall hingehen können, stattdessen bin ich hierher gekommen, um meine Heimatinsel vom ewigen Winter zu befreien. Aber das ist meine Entscheidung und nicht die meines Kindes. Deswegen werde ich sie nicht hier erfrieren lassen. Winterkind hin oder her. Ich hätte bloß gedacht ich habe etwas mehr Zeit…”

Ihre Stimme war immer schwächer geworden, umso weiter sie redete und am Ende verstummte sie gänzlich. Die Traurigkeit war nicht zu überhören. Es schauerte Marco bei den Worten, auch wenn er nicht genau wusste, was sie bedeuteten. Aber es konnte nichts Gutes sein, so wie das klang. War Katharina krank?

“Du dummes Ding. Du wirst die ganze Insel in den Ruin treiben!”

Die Boshaftigkeit erschrak Marco noch mehr als Katharinas Traurigkeit und es waren diese giftigen Worte, die ihn sich von der Wand wegdrücken ließen. Er lief extra laut und sofort als die Frauen ihn bemerkten verstummten sie. Erneut. Doch bevor die Stimmung angespannt werden konnte, trat Katharina auf ihn zu. Sie musste nicht fragen, ihr Blick verriet alles.

“Ihr geht es soweit gut. Sie schläft. Ich konnte die Wunden weit genug schließen, dass sie nicht an zu starkem Blutverlust leiden muss. Sie sollte trotzdem viel Eisen zu sich nehmen und ausreichend trinken,” erklärte Marco. Dann fiel sein Blick auf die verbitterte Miene Ophelias und er fügte hinzu, “Ich würde zudem vorschlagen, dass ihr nach Hause geht. Eine vertraute Umgebung kann nicht schaden.”

Dankbar nickte Katharina und als sie an ihm vorbei huschte, um nach ihrer Tochter zu sehen, hiel Marco sie nicht auf. Stattdessen fiel sein Blick auf die alte Frau, die mit ihren weißen Haaren, dem schmalen Mund und den Falten auch eine nette Oma hätte sein können, es aber offensichtlich nicht war. Es war der stechende Blick mit dem sie ihn bedachte.

“Hätte nicht gedacht, dass der Sommer uns ausgerechnet einen lausigen Piraten ans Ufer schwemmt,” murrte sie leise, doch Marco verstand jedes Wort ausgezeichnet. Er knurrte.

“Seit froh um den lausigen Piraten, sonst wäre dieses Kind schon längst tot.”

Er hatte keine Lust mehr Menschen sterben zu sehen. Zu viele in seinem Umfeld waren in letzter Zeit gestorben. Doch diese alte Schachtel förderte definitiv seinen Mordinstinkt. Sie hatte Glück, dass er kein gewalttätiger Mensch war. Sie hatte außerdem Glück das Katharina grade in diesem Moment mit der schlafenden Marie zurück ins Wohnzimmer kam und ihn fragen ansah.

“Lass uns gehen,” murmelte sie, die Spannung sicher spürend. Zu gerne hielt Marco ihr die Türe auf. Er hoffte die Alte nie wieder zu sehen.

***


Sie liefen eine Weile schweigend durch den Schnee, der unter ihren Schnitten knirschte. Katharina hatte ihre Tochter in eine Wolldecke eingehüllt und drückte sie ununterbrochen an ihre Brust. Das die Kleine immer noch schlief war sicherlich der Verletzung und der darauffolgenden Erschöpfung geschuldet. Marco war sich sicher, dass Marie sonst in dieser Pose schon längst aufgewacht wäre. Zumindest er konnte sich nicht vorstellen so zu schlafen, aber es war Jahre her, dass er sich wie ein Kind gefühlt hatte, geschweige denn eins gewesen war.

Sie liefen und liefen, bis Katharina ohne Vorwarnung stehen blieb. Sie standen an einer Kreuzung und Marco wäre instinktiv weiter geradeaus gegangen, wäre seine Begleitung nicht stehen geblieben. Mit unergründlichen Augen schaute sie ihn an.

“Marco,” sagte sie dann leise. “Du bist Arzt und ein gefürchteter Pirat.”

Unwillkürlich lachte er bitter auf und wurde dafür irritiert gemustert. “Gefürchtet bin ich sicherlich nicht mehr.”

“Du bist die rechte Hand von Whitebeard,” erwiderte Katharina, die Marie auf ihrem Arm leicht lupfte um sie besser halten zu können. Mit bitteren Zügen um seinen Mund schaute er die Frau an. Seine Hände wanderten in seine Hosentaschen, damit sie nicht sah, wie er sie zu Fäusten ballte.

“Ich war die rechte Hand Whitebeards. Immerhin ist er tot.” Es auszusprechen schmerzte und auf einmal wollte er einfach nur weg von hier. Kurz hatte er es vergessen. Als er sich um Marie gekümmert hatte, war er nur Arzt gewesen. Aber jetzt kam die Trauer wieder und schlug mit voller Wucht auf ihn ein. So sehr, dass erst die zitternde Stimme ihn aus der Lethargie riss und er realisierte wie er angestarrt wurde.

“Das wusste ich nicht … wie kann das sein?” flüsterte Katharina und Marco wollte erst unwirsch werden, was sie sich eigentlich einbildete, bis er realisierte, dass sie es wirklich ernst meinte. Sie hatte es nicht gewusst. Er konnte den offenen Schock in ihrem Gesicht ablesen.

“Auf was für einer Insel bin ich gelandet?” murmelte er mehr zu sich selbst als zu der Frau, doch Katharina schaute nach unten. Als sie sprach, zog es Marco fast die Füße unter den Beinen weg.

“Du bist seit fünf Jahren der erste Seefahrer, der wieder hier geankert hat.”

Kurz verstummte Marco, dann lachte er trocken. Er lachte und lachte, weil er nicht wusste wie er sonst reagieren sollte. Auf einmal machte alles Sinn. Die Blicke der Dorfbewohner. Die Art wie Katharina ihn angeschaut hatte, als er nach dem Logport gefragt hatte. Das die Frau, obwohl sie einst zur See gefahren war, nichts von dem Krieg am Marineford wusste. Es gab wirklich Menschen auf dieser Welt, die nichts davon mitbekommen hatten. Die Erkenntnis sickerte langsam in Marcos Bewusstsein und mit dem Bewusstsein verstummte sein Lachen.

“Wie kann das sein?” fragte er und schaute sich die verschneiten Häuser, den funkelnden Schnee und die Frau vor sich an. Es könnte eine ganz normale Winterinsel sein, aber inzwischen war Marco sich bewusst, dass normal einfach kein Attribut für die Grandline war. Nicht für die Grandline und schon gar nicht für diese Insel.

Kurz zuckte Katharina zusammen, dann seufzte sie. Erneut lupfte sie Marie in ihren Armen, schien sie noch fester an sich zu drücken, bevor sie antwortete. “Es ist der Winter. Immer zu dieser Jahreszeit zeigt der Logport unsere Insel nicht mehr an. Keiner weiß wie lange das so geht, bis irgendwann jemand wieder am Hafen anlegt und den Sommer mit sich bringt. Dieses Mal bist du das gewesen.”

***


Er hatte sich noch versichert, dass Katharina und Marie gut nach Hause kamen und sie hatte ihm versprochen, etwas von ihren Waren für ihn zusammen zu stellen. Dann war er zurück zum Markt gelaufen, um den Rest seiner Einkäufe zu erledigen. Am Markt angekommen hatte er realisiert, dass irgendjemand Katharinas Stand aufgeräumt haben musste. Es schien trotz allem Solidarität zu herrschen auf der Insel, denn ihre Ware war sorgfältig verpackt.

Es hatte nicht lange gedauert, um Obst und Gemüse, Brot und ein paar andere Dinge die ihm ausgegangen waren, zu besorgen. Erneut fiel ihm auf, wie er gemustert wurde, doch die Stimmung schien verändert. Vielleicht konnte er es aber nun auch einfach verstehen.

Inzwischen lag er im Bett und starrte an die Decke. Das Gespräch mit Katharina ging ihm nicht aus dem Kopf. Ein Teil von ihm wollte wissen, wie es zu diesem Phänomen kam, dass zu einer bestimmten Jahreszeit der Logport eine Insel nicht fand. Ein anderer Teil scholt ihn, dass er sich überhaupt über sowas Gedanken machte. Es war nicht sein Problem. Er wusste noch nicht mal, ob es überhaupt ein Problem war, immerhin schienen die Bewohner hier ja ganz gut zurecht zu kommen. Der letzte Teil drehte sich um die Bitte, die Katharina noch an ihn gestellt hatte, kurz bevor sie in ihre Wohnung verschwunden war.

“Kannst du bitte nach Marie schauen? Ich hatte immer den Eindruck, dass die Whitebeard-Piraten Menschen sind, denen Familie wichtig ist. Marie ist meine Tochter, sie ist alles an Familie was ich habe, nachdem mein Mann gestorben ist. Bitte?”

Ihre Worte hatten schmerzvoll und traurig geklungen, gefüllt mit einem Gefühl, das Marco zu gut kannte. Er hatte nicht nein sagen können. Zudem er als Arzt immer nach seinen Patienten schaute. Also hatte er sich vorgenommen, morgen nochmal nach der Kleinen zu sehen, bevor er in See stach.

Auch wenn eine kleine Stimme ihm zuflüsterte, dass es das nicht war, was Katharina gemeint hatte. Aber er verdrängte sie und zwang sich in den Schlaf.

***


“Der Winter ist fast vorbei.” Die Stimme kam ihm bekannt vor und er drehte sich im Kreis. Überall lag Schnee, alles war weiß und doch schien es nicht so stark wie es sein sollte. Mit zusammengekniffenen Augen erkannte Marco unter der dicken Schneeschicht bunte Tupfer. Hier ein paar Tannenzweige, dort ein paar Grasbüschel. Die Welt schien um ihn herum aufzuwachen.

“Das Winterkind überlebt nicht im Sommer,” sprach die Stimme weiter. “Denn auf den Sommer folgt immer der Winter. Auf den Winter folgt immer der Sommer. Wenn der Sommer kommt, stirbt das Winterkind.”

Die Worte ließen Marco erschaudern. Sie gingen ihm durch Mark und Bein, obwohl es ihm nicht kalt vorkam. Nicht kälter als sonst. Nicht kälter als davor. Suchend blickte er sich um, doch er sah keine Person zu der Stimme. Es schien, als wäre sie um ihn herum, oder in ihm.

“Der Sommer kommt nur, wenn der Winter geht. Wenn das Kind geht. Nimm es mit. Lass es nicht alleine. Bitte, Marco. Beschütze es. Weil ich es nicht mehr kann.”

Immer schneller drehte er seinen Kopf von links nach rechts, suchte und suchte, bis er sie sah. Dort im entfernten Wald, zwischen den Bäumen. Ihre Locken glänzten im Licht, bronzefarben. Sie schien zu lächeln, als sie auf ihn zukam. Ihre Gestalt war in ein weißes Kleid gehüllt. Sie musste doch frieren, machte aber nicht den Anschein dazu.

“Du bist der Neuanfang. Der Phönix, der immer wieder aus der Asche aufsteigt. Denk an den Anfang und du findest das Ende. Denke an dein Ende und du findest den Anfang.”

Marco verstand keines der Worte. Er hörte sie, aber sie sagten ihm nichts. Verwirrt schaute er ihr einfach nur zu, wie sie die Hand ausstreckte, als wolle sie ihn berühren. Doch sie bekam ihn nicht zu fassen, war viel zu weit weg.

“Nimm mein Winterkind mit.”

Dann strich sie sich eine Locke aus dem Gesicht, schob die Träger ihres Kleides von den Schultern und bevor der Stoff den Boden berührt hatte, hatte sich die Gestalt, die Frau, in tausend Schneeflocken aufgelöst.


***


Sanft glitt er vom Schlaf in den wachen Zustand und der Traum schien ihm wie ein Nachhall seiner Selbst. Dieses Mal jedoch streckte Marco sofort seine Finger danach aus und ging alles im Kopf nochmal durch. Jedes Geräusch, jedes Bild, jedes Wort. Es schien ihm wichtig, auch wenn er sich schon jetzt nur Bruchstückhaft an alles erinnern konnte.

Seine Augen schweiften durch den Raum und instinktiv schaute er zum Logport, der auf dem kleinen Nachttisch lag. Mit einem zufriedenen Seufzen stellte er fest, dass sich die Nadeln umgestellt hatten. Er konnte weitersegeln. Wenn er auch nicht wusste wohin. Aber es würde sich schon eine Insel finden. Ein Weg. EIn Ziel. Bis es keines mehr gab, oder es ihn nicht mehr gab.

Langsam richtete er sich auf und legte sich automatisch den Logport um sein Handgelenk. Erst dann erhob er sich, um sich anzuziehen. Es gab nicht viele überlebenswichtige Dinge für einen Seefahrer, aber der Logport gehörte dazu. Der Logport, die Sterne und die Sonne und eine Uhr. Er war nie gut im Navigieren gewesen, aber er lernte mit jedem Tag dazu. Früher hatte er das nicht machen müssen. Früher hatten sie Navigatoren dafür gemacht. Marco hasste es sich daran zu erinnern. An eine frühere Zeit.

Die Gedanken verscheuchend ging er zur Tür. Als er sie aufmachte, um in das angrenzende Bad zu gehen, wäre er fast über einen Korb gestolpert. Irritiert beäugte er den Inhalt und lächelte dann, als er Katharinas Ware darin entdeckte. Salamis, Würste, Trockenfleisch. Damit würde er eine Weile auskommen. Er stellte ihn in sein Zimmer und nahm sich vor, erst mal nach Marie zu sehen, bevor er packen würde. Gegen Mittag war er sicher wieder auf See.

Der Schankraum war wie am Vortag leer. Marco dachte sich nichts weiter dabei, hüllte sich nur mehr in seine Jacke, bevor er ins Freie schritt. Doch es war keine eisige Kälte, die ihn erwartete, sondern eine angenehme Milde. Vermutlich lag es nur an der Sonne, die auf sein Gesicht schien, doch es half. Es roch nach Frühling, auch wenn überall noch massenweise Schnee lag. Er merkte gar nicht wie seine Miene entspannter wurde, als er sich zu Katharinas Haus aufmachte.

***


Er klopfte, doch keiner schien ihn zu hören. Kurz fragte sich Marco ob Katharina wohl außer Haus war, doch er konnte sich nicht vorstellen, dass sie ihre Tochter allein ließ. Zudem er ihr empfohlen hatte Marie zu schonen. Es wäre unverantwortlich und so schätzte er die Frau nicht ein.

Erneut ließ er seine Faust gegen die Holztüre knallen, als er eine leise Stimme vernahm. Sofort stoppte er, um sie besser verstehen zu können.

“Marco?” fragte sie und nun erkannte er auch, dass es Marie war, die sprach. Ihre Stimme klang nur dumpf durch die Tür, weswegen er sie erst nicht verstanden hatte. Sie hatte nie laut gesprochen. Das war wohl normal für eine Vierjährige.

“Ja, ich bins, wo ist deine Mutter?” fragte er und kurz passierte nichts, bevor sich die Tür öffnete. Ängstliche Augen lugten durch den Spalt hervor, dann jedoch wurde Marco Einlass gewährt. Als hätte sich Marie erst versichern wollen, dass es wirklich er war.

“Mama ist weg,” murmelte die Kleine und schaute ihn mit großen Kulleraugen an. Das Gesagte machte für Marco keinen Sinn, aber vermutlich hatte Katharina doch irgendeine Erledigung zu machen. Immerhin war sie alleinerziehend. Nicht, dass er sich vorstellen konnte, wie so eine Situation sein musste. Mit einem freundlichen Lächeln kniete sich Marco zu dem Mädchen runter, damit er nicht so über ihr thronte.

“Sie kommt bestimmt gleich wieder. Wie gehts dir? Tut dein Arm noch sehr weh?”

Zur Antwort schüttelte Marie den Kopf und ihre braunen Locken wippten um ihr Gesicht. “Tut nicht doll weh. Aber Mama kommt nicht wieder. Sie ist weg, hat sie gesagt. Sie meinte, du passt jetzt auf mich auf. Weil sie den Winter wegnehmen musste.”

Die Worte waren mit so einer kindlichen Stimme gesprochen, dass Marco erstmal kurz brauchte, um den Inhalt zu verstehen. Dann sickerte langsam aber sicher die Bedeutung zu ihm durch und sofort kam ihm der Traum in den Sinn. Aber das konnte nicht sein. Immerhin war es nur ein Traum gewesen, oder? Verwirrt entschied er, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren.

“Darf ich reinkommen?” fragte er und Marie nickte und ließ ihn durch. Die Wohnung war nicht groß und es dauerte keine zehn Minuten, bis Marco alles erfasst hatte. Es gab eine Küche, ein Schlafzimmer, das Bad und ein Kinderzimmer. Alles war aufgeräumt, als wäre nicht damit zu rechnen, dass hier noch jemand wohnte. Im Kinderzimmer fand er eine Tasche, fein säuberlich gepackt. Er brauchte nur einen Blick hinein zu werfen, um zu realisieren, dass das Maries Klamotten und persönliche Gegenstände waren. Es war alles fertig zum gehen.

Die Kleine war ihm gefolgt und als sie sah, dass Marco die Tasche entdeckt hatte, sprach sie erneut. Weil Marco sie nicht gesehen hatte, erschreckte ihn die Stimme, obwohl sie so leise war. Marie schien ihm wie ein Geist und sein Herz klopfte wild in seiner Brust.

“Die hat Mama gepackt. Gestern Abend, bevor sie gehen musste.”

“Aber, wieso?” Nichts machte Sinn. Er hatte Katharina nicht als jemanden eingeschätzt, der einfach verschwand… und doch. Hatte sie ihn nicht gefragt, nach Marie zu schauen? Hatte sie ihn nicht im Traum gefragt? Es kam ihm immer realistischer vor, obwohl sein Verstand ihm verbot, das als Gegeben hinzunehmen. Als es an der Tür klopfte, zuckte er erneut zusammen. Dann jedoch verließ er sich auf sein Haki, dass ihm sagte, dass es Tito sein musste.

Mit festen Schritten ging Marco zum Eingang, entschlossen den Mann zur Rede zu stellen. Doch als er die Tür aufriss und die müden Augen und das von Sorge gezeichnete Gesicht sah, verflog der Vorsatz. Ohne etwas zu sagen trat er zur Seite und ließ Tito eintreten. Er wusste instinktiv, dass er Antworten bekommen würde. Er wusste auch, dass diese ihm nicht gefallen würden.

***


“Katharina war 14, als ihre Mutter verschwand. Ihr Vater hatte zwei Tage zuvor am Hafen angelegt, es war tiefster Winter. Er war immer die Liebe ihres Lebens gewesen, deswegen wussten alle, dass Katharinas Mutter nicht weggelaufen war. Es war, als hätte sie sich in Luft aufgelöst und ihren Mann und das Kind zurückgelassen.”

In Luft aufgelöst, oder zu Schneeflocken zerfallen?

Tito hatte ihm von der Legende des Winterkinds erzählt und Marco konnte nicht fassen, was er hörte. Die Blutlinie Katharinas und Maries ging zurück auf Frauen, die Anfang des Winters wie aus dem Nichts wieder auf der Insel auftauchten, meist schwanger oder mit einem Kind, und dann, ebenfalls wie aus dem Nichts, verschwanden, wenn der Frühling anbrach. Es gab keine Regelmäßigkeit in den Jahreszeiten hier, nur regelmäßige Vermisste.

“Natürlich hat Katharinas Vater sie mitgenommen. Kaum war sie von der Insel, brach der Frühling an und kurze Zeit später war es Sommer. Dieser hielt jetzt fast zehn Jahre, bevor auf einmal Katharina wieder hier anlegte. Hochschwanger, ihr Mann - ehemaliger Pirat - im Kampf getötet und sie voller Verzweiflung. Sie war sich sicher die Geburt nicht zu überleben, vielleicht hat sie es sogar gehofft. Doch sie lebte, Marie lebte und der Winter war wieder da. Bis jetzt. Bis du hier angelegt hast.” Tito seufzte, holte tief Luft und schaute in seine Teetasse, bevor er weitersprach. “Ich habe nie an die Legende geglaubt, doch so langsam kann ich sie nicht mehr leugnen. Der Winter nimmt und nimmt und ich habe keine Lust mehr darauf.”

Die Worte waren voller Bitterkeit und Marco konnte sie verstehen. Er wusste was es hieß immer mehr Freunde und Familie zu verlieren. Die Trauer, die einen einhüllte ging nie wieder verloren. Sein Verstand wollte all das als Farce abtun, aber sein Herz hatte schon längst begriffen wie viel Traurigkeit hier herrschte. Denn es blutete. Es blutete und blutete und Marco schien unfähig den Schmerz, den er so lange verdrängt hatte wegzuwischen. Nicht dieses Mal.

“Du solltest Marie mitnehmen und ihr einbläuen nie wieder zurück zu kommen. Was auch immer mit dieser Insel dann passiert, ist egal,” fügte Tito bitter seiner Erzählung hinzu. Zum ersten Mal fühlte sich Marco in der Pflicht zu antworten.

“Ich bin nicht dafür gemacht auf eine Vierjährige aufzupassen. Schon gar nicht auf der Grandline,” entgegnete er und schaute zu der Kleinen, die auf dem Boden saß und malte. Friedlich. Ganz mit sich selbst beschäftigt. Sie war ein kleiner Engel und viel zu jung für die raue See auf der Marco aufgewachsen war.

Tito schnaubte nur. “Dann bleibt sie hier und ist dem Tod geweiht. Katharina wollte, dass du sie mitnimmst.”

“Ich bin ein gesuchter Pirat, ohne Crew, der in einem Fischerboot herumreist. Sie ist vier. Sie braucht ein Zuhause, kein Leben auf See,” entgegnete Marco erbost. Was hatte er einem kleinen Kind schon zu bieten? Jetzt, nachdem er alles verloren hatte. Ohne Schiff, ohne Crew, war er ein niemand und leichtes Ziel für Angriffe. Er konnte mit dem Gedanken leben irgendwann zu sterben. Aber nicht, da ein kleines Mädchen mit reinzuziehen. Jedoch wurde er einfach nur angeschnauzt und die Kälte in Titos Stimme ließ ihn schaudern.

“Ein Leben auf See ist besser als ein Leben, das unweigerlich zum Tod führt. Bleibt sie hier wird sie dazu erzogen sich irgendwann zu opfern. Zu sterben, für andere. Nicht für sich. Das hat kein Kind verdient. Oder willst du, dass ihr das passiert?”

Ohne es zu wollen, flammte ein Gesicht vor Marcos innerem Auge auf und eine einzelne Träne rollte ihm über die Wange. Gerade jetzt musste er an Ace denken. An dessen Lebenswille, obwohl er immer geglaubt hatte es nicht wert zu sein, zu leben. Tito hatte Recht. Kein Kind sollte mit dem Gedanken aufwachsen, dass der Tod die bessere Alternative war. Aber er konnte auch kein Kind den Gefahren der Grandline aussetzen. Er, der ziellos und rastlos umher segelte, konnte diesen Lebensstil nicht weiterführen, wenn er ein vierjähriges Mädchen bei sich hatte. Aber wo sollte er hin? Was sollte er mit sich und Marie anfangen?

“Marco?”

Die Stimme riss ihn aus seinen Gedanken und er schaute zu Marie, die aufgehört hatte zu malen. Stattdessen schaute sie ihn an, den Stift immer noch in der Hand. Auf dem Blatt, das sie vor sich hatte, konnte Marco etliche Blumen sehen. Sie hatte tausende bunte Tupfer gemalt, die auf einer grünen Wiese leuchteten.

“Mama hat doch im Traum mit dir geredet? Sie meinte, ich soll dich daran erinnern.”

Erneut schaute er auf das Bild, dass Marie gemalt hatte. Blumen? Blumen, die es auf einer Winterinsel nicht gab. Blumen, die ein vierjähriges Mädchen, dass nur Schnee kannte, irgendwo mal gesehen haben musste, um sie zu malen. Aber wo? Wer hatte sie ihr gezeigt?

Und endlich ging Marco auf, dass es doch kein einfacher Traum gewesen war. Das Katharina anscheinend nicht nur mit ihm geredet hatte, sondern auch mit ihrer Tochter. Vielleicht schien Marie deswegen nicht so verängstigt, wie sie es eigentlich sein sollte.

“Denk an den Anfang und du findest das Ende. Denke an dein Ende und du findest den Anfang.” Das war es, was die Gestalt - was Katharina - zu ihm gesagt hatte. Wo hatte denn alles angefangen? Für ihn, aber auch für die Whitebeard Piraten? Und wo würde es zu Ende gehen? Auf einmal wusste Marco es und die Erkenntnis war schmerzlich. Sie riss sein Herz auf, dass blutete und krampfte. Doch es schlug und er realisierte, dass Schmerz besser war als eine ständige, dumpfe Neutralität.

Irgendwo zwischen hier und jetzt hatte er seine Aufgabe gefunden.

“Sag mal Marie, hast du Lust mit mir zur Insel zu reisen, auf der mein Käpt’n aufgewachsen ist? Dort gibt es auch ganz viele Blumen. Dann können wir sie zusammen malen.”

Als Antwort erhielt er bloß ein Nicken. Es machte ihm Angst. Er, Marco, ehemalige rechte Hand Whitebeards hatte Angst vor der Zukunft. Aber seit dem Tod seines Kapitäns, schien er zumindest zum ersten Mal wieder so etwas wie eine Zukunft zu haben. Allein das war besser als alles davor.

Wir sind alle Kinder der See.

Er schuldete es Katharina und Marie. Er schuldete es Thatch, Ace und Pops. Aber vor allem schuldete er es sich selbst.

“Lass uns gehen, Marie.”
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