Wiedersehen

GeschichteSchmerz/Trost / P16
25.09.2019
25.09.2019
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Liebe war dämlich. Absolut dämlich. Sie nervte total, war nichts weiter als ein Katz- und Maus-Spiel, ein ständiges Schwanken zwischen den zwei Extremen Hoch und Tief. Sie konnte einen wahnsinnig machen, einem den Schlaf, sowie teilweise auch den Verstand rauben und mit einer unnachgiebigen Penetranz malträtieren.
Vor allen Dingen aber war sie unberechenbar. Sie ließ sich weder planen, noch voraussehen, geschweige denn, in irgendeiner Art und Weise kontrollieren. Sie machte immer das, was sie wollte, ganz gleich, ob ihren Opfern das nun in den Kram passte oder nicht.
Und wenn ich mir in einer Sache absolut sicher war, dann, dass ich definitiv genug von ihr hatte. Ein für alle Mal. Ich wollte diese vermaledeite Biest aus meinem Leben streichen und niemals wieder auch nur das Geringste mit ihr zu tun haben. Denn sie war eine Hexe. Eine skrupellose, teuflische Hexe.
Zu dieser weisen Erkenntnis bewogen hatten mich nicht nur meine bisherigen Erfahrungen, sondern vor allem auch die Tatsache, dass Pech in der Liebe wohl zu mir gehörte wie der Mond an den nachtschwarzen Himmel.
Und wenn ich mal einen Moment lang zurückblickte und Bilanz zog, wurde mir nur ein weiteres Mal umso klarer, dass Liebe vor allen Dingen eines war: Ein Spiel mit falschen Karten und unfairen Mitteln, das definitiv nichts für Anfänger war.
Doch wenn man es ganz genau nahm, dann war ich im Grunde haargenau das: Ein Anfänger. Ein Neuling. Unerfahren in solchen Sachen. Zumindest weitestgehend unerfahren.
Um ehrlich zu sein, hatte es bisher erst eine Frau in meinem Leben gegeben, für die ich etwas empfunden hatte – und mit der ich auch die ein oder andere Annäherung gehabt hatte. Zu mehr jedoch als ein paar Küssen, ein klein wenig Körperkontakt und dem Austausch kleinerer Zärtlichkeiten war es bisher jedoch noch nie gekommen, geschweige denn, hatte es je für eine dauerhafte und feste Bindung gereicht.
Die meisten potenziellen Kontakte, die ich knüpfte, spielten sich meist auf rein oberflächlicher Ebene ab und liefen auch schnell in sehr eindeutige Richtungen, durch welche die wahre Absicht meiner Flirtpartnerinnen rasch ersichtlich wurde und mir vermittelte, worum es dabei eigentlich ging. Irgendwie schienen derlei Gespräche immer auf das Eine abzuzielen und machten meinem eigentlichen Interesse daran, den jeweiligen Menschen dahinter näher kennenzulernen, einen Strich durch die Rechnung.
So komisch das vielleicht klang, aber es schreckte mich ganz einfach ab, wenn eine Frau zu früh auf dieses Thema kam oder mir Signale schickte, für die zu solch einem Zeitpunkt noch kein Raum war. Ich war ganz einfach ein Mensch, der Zeit brauchte, um sich auf jemanden einlassen zu können, der nicht mit einer x-beliebigen Fremden in die Kiste hüpfte, nur weil er mal eben Lust darauf hatte.
Ich war niemand, der sich für einen Rausch hergab oder nach ein bisschen Spaß ohne Verpflichtungen suchte. Ich brauchte Tiefe. Nähe. Und vor allen Dingen viel Vertrauen, um mich wirklich vollständig auf jemanden einlassen zu können.
Nur hatte das bisher noch nie auf Gegenseitigkeit beruht, geschweige denn, hatte überhaupt das entsprechende Interesse dazu bestanden. Und wenn ich ehrlich war, dann hatte ich auch niemals damit gerechnet, dass es je einer Frau gelingen würde, mir tatsächlich den Kopf zu verdrehen und mich ihr mit nur einem Blick vollständig erlegen zu machen.
Zumindest bis zu dem Tag, an dem ich ihr begegnet war. Der Tag, an dem sie zufällig in meiner Praxis vorbeikommen war – und mir nicht nur mit ihrem Lächeln, sondern mit ihrer ganzen Art vollkommen den Kopf verdreht hatte.
Alexandra Weidenhardt. Die wahrscheinlich beeindruckendste und bildschönste Frau, die ich jemals in meinem ganzen Leben gesehen hatte. Bereits in dem Augenblick, als sie mit ihrem Dalmatiner in mein Behandlungszimmer gekommen war, hatte es mich beinahe umgehauen – und ich war fast nicht in der Lage dazu gewesen, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren.
Diese Frau war der Wahnsinn. Ungelogen der Wahnsinn. Und wenn ich direkt eine Sache gewusst hatte, dann, dass ich sie um jeden Preis wiedersehen musste. Ich musste sie näher kennenlernen, mehr über sie in Erfahrung bringen – weil irgendetwas an ihr mich ganz einfach anzog.
Daher war es sicher nur wenig verwunderlich, dass ich vor Freude einen Luftsprung gemacht hatte, als wir uns wenige Zeit später tatsächlich verabredet hatten. Nachdem ich im Internet gesucht und rein zufällig über die Nummer ihres Übersetzungsbüros gestolpert war, hatte ich ihr auf die Mailbox gesprochen und ihr gesagt, dass ich sie gerne wiedersehen wollte, wenn sie Lust dazu hatte.
Eine naive und wahrscheinlich auch höchst freche Aktion, schon klar – aber ich konnte nichts dafür. Ich MUSSTE diese Frau wiedersehen, unbedingt. Und deshalb ließ ich auch nichts unversucht, ganz gleich, ob ich mich damit vor ihr zum Deppen machen würde oder nicht.
Doch zu meiner Überraschung war sie über meinen Anruf überhaupt nicht verärgert gewesen, als sie mich ein paar Tage später zurückgerufen hatte, sondern hatte ganz aufgeschlossen reagiert – und sich letztendlich tatsächlich zu einem Treffen mit mir erweichen lassen.
Dass dieses jedoch vollkommen anders verlaufen würde als erwartet, damit hatte ich natürlich nicht gerechnet. Aber ganz ehrlich: Damit hätte wahrscheinlich NIEMAND gerechnet. Oder wer plante schon ein, dass er gerade dabei war, eine Transfrau zu daten?
Denn genau das war Alex. Eine Frau mit trans Vergangenheit, mit einer bewegenden und schwierigen Lebensgeschichte, wie sie mir auf dem Nachhauseweg schließlich eröffnet hatte. Und ehrlich: Im ersten Augenblick hatte diese Nachricht mich getroffen wie ein Blitz aus heiterem Himmel.
Ich hatte überhaupt nicht gewusst, was ich sagen, geschweige denn, wie ich mich nach dieser Bekanntgabe verhalten sollte. Ich war sprachlos. Und hatte auch lange gebraucht, um diese Tatsache wirklich vollständig zu verarbeiten.
Aber um hier keinen falschen Eindruck zu vermitteln: Ich war nicht geschockt gewesen. Oder gar angewidert oder so. Nein, das war nicht einen Moment lang der Fall gewesen. Ich war einfach nur überrascht, weil dieses Thema zugegeben vollkommenes Neuland für mich war. Nie zuvor hatte ich mit einer trans Person zu tun gehabt, zumindest nicht bewusst – und deshalb hatte ich auch keine Ahnung gehabt, wie ich mich verhalten oder was ich machen sollte.
Bis Alexandra schließlich begonnen hatte, mir ihre Geschichte zu erzählen, die Hintergründe zu erklären und mir ihr tiefstes Inneres anzuvertrauen. Und auch wenn man es möglicherweise nicht erwartete, war ich nicht ausgeflippt oder hatte die Flucht ergriffen, sondern ihr stattdessen einfach zugehört.
Und ohne damit zu übertreiben, hatte es mich unfassbar berührt. Ihre ganze Geschichte, ihr Weg, ihr Leben – das alles ging mir irgendwie sehr nahe und ließ mich einmal mehr die Feststellung machen, was für ein außergewöhnlicher und besonderer Mensch sie doch war.
Ich liebte sie, ja, liebte sie – von ganzem Herzen und aufrichtig. Und die Tatsache, dass sie trans war, änderte an meinen Gefühlen gleich null komma gar nichts. Es spielte keine Rolle für mich. Sie war trotzdem noch der gleiche Mensch, noch immer die Frau, die mich so fasziniert hatte wie noch keine andere in meinem Leben.
Und ob nun trans oder nicht – es war vollkommen bedeutungslos für mich. Das hatte ich nicht nur nach unserem offenen Gespräch gespürt, sondern auch noch lange Zeit danach, in der ich versucht hatte, mich über das Thema zu informieren und möglichst viel darüber in Erfahrung zu bringen.
Ich wollte Alex zeigen, dass es mir ernst war, dass sie mir unendlich viel bedeutete – obwohl sie mir an jenem Abend eine Abfuhr erteilt und mir erklärt hatte, dass es für uns beide keine Zukunft gab. Das konnte und wollte ich nicht einfach hinnehmen. Ich wollte ihr beweisen, dass ich anders war, dass ich es ernst meinte und meine Gefühle für sie wirklich aufrichtig und echt waren.
Und ich hatte wirklich lange gehofft, dass mir das gelingen würde, dass ich es schaffen würde, sie zu überzeugen, dass nicht alle Menschen wie ich schlecht waren oder nur mit ihr spielen wollten. Ich hatte gehofft, ihr beweisen zu können, dass sie mir wichtig war, dass ich alles tun wollte, damit sie uns beiden wenigstens den Hauch einer Chance gab und mich ihr das geben ließ, was sie ohne den geringsten Zweifel verdiente: Meine aufrichtige Liebe, meine Zuneigung und mein Vertrauen.
Aber diese Hoffnung hatte sich jäh zerschlagen, als sie einige Zeit später, an einem lauen Abend in meine Praxis gekommen war. Um sich zu verabschieden. Weil sie zurück nach Tölz fahren wollte. Um dort ihr Glück zu finden.
Und wenn ich eine Sache unumstritten behaupten konnte, dann, dass dieser Abschied mir das Herz zerrissen hatte. Es hatte wehgetan, unfassbar wehgetan, sie gehen zu lassen, ohne zu wissen, wann oder wo ich sie wiedersehen würde – geschweige denn, ob überhaupt.
Sie hatte es mir zwar versprochen – und mich zum Abschied sogar in die Arme genommen, trotz ihrer offen bekannten Ablehnung gegenüber Menschen wie mir, die sie mir mehr als deutlich an jenem Abend gezeigt hatte.
Für sie waren Leute wie ich abnormal, was sowohl mit ihren Erfahrungen, als auch mit ihrem Umfeld zu tun hatte, das ausschließlich aus trans Menschen bestand, wie sie mir erklärt hatte. Deshalb war es auch verständlich, dass sie völlig andere Vorstellungen von Normalität hatte als ich.
Cissexuelle. Das war die Fachbezeichnung für Personen wie mich. Die Leute, die in der Gesellschaft als die Norm galten, als etwas, das man nicht gesondert benennen oder erklären musste. Männer mit einem Penis und Frauen mit einer Vagina. Also genau das, was ich bis zu meiner Begegnung mit Alex als das Übliche angesehen hatte. Und bei dem ich naiverweise davon ausgegangen war, dass es sich eben um die Normalität handelte.
Aber das war ganz einfach nicht so. Mein Treffen mit Alex, sowie auch die Internetrecherche zum Thema, die ich betrieben hatte, hatten mir die Augen geöffnet und mich zu der Erkenntnis gebracht, dass diese Denkweise eben nicht normal war. Und dass man nicht wie automatisch davon ausgehen durfte, dass eine Frau über eine Vagina verfügte – oder ein Mann über einen Penis.
Das waren nur Klischees, oberflächliche Idealvorstellungen, die mit der Realität jedoch nichts zu tun hatten. Eine Frau war nicht weniger eine Frau, nur weil sie zwischen ihren Beinen anders ausgestattet war. Und ein Mann ebenso wenig.
Genau diese Erkenntnis hatte ich am Ende meiner Recherchearbeiten gewonnen, welche mich das bisher eigentlich unumstößliche Bild von Geschlechtlichkeit hatte in Frage stellen lassen. Die Erkenntnis, dass Genitalien nur Genitalien waren, Körperteile, die jedoch weder über einen Menschen, noch über seine Persönlichkeit oder Identität auch nur das Geringste aussagten.
Vor allem aber hatte ich die Feststellung gemacht, wie egal mir das alles war, dass mich gesellschaftliche Normvorstellungen und Ideale einen feuchten Kehricht interessierten und ich weder etwas auf die vorherrschenden Klischees, noch auf die Vorurteile gab, die gegenüber trans Menschen herrschten.
Es kümmerte mich nicht, was andere davon hielten, was sie redeten oder welche absurden Stereotype sie darüber hatten. Es kümmerte mich nicht, ob Alex als gestört betrachtet oder ihr das Recht abgesprochen wurde, eine Frau zu sein. Nein, vielmehr im Gegenteil: Diese gesellschaftliche Feindseligkeit ihr gegenüber, diese Uneinsichtigkeit und Sturheit machten mich wütend – und verletzten mich auch teilweise.
Ja, sie tat mir Leid. Und ich wünschte mir wirklich nichts sehnlicher als irgendetwas für sie tun zu können, ihr irgendwie zeigen zu können, dass nicht alle Cis-Menschen schlecht waren oder ihr feindselig gegenüberstanden. Ich wünschte mir, ihr beweisen zu können, dass ich sie ihretwegen liebte – und dass ihre Vergangenheit weder im positiven, noch im negativen Sinn irgendeine Rolle für mich spielte. Denn das tat sie nicht. In keiner Weise.
Alex war die tollste Frau, die ich je kennengelernt hatte. Und absolut nichts auf der Welt änderte das – weder die Gesellschaft, noch irgendwelche Vorurteile, Klischees oder sonstige Oberflächlichkeiten.
Ich liebte sie. Von ganzem Herzen liebte ich sie. Mehr als ich es mir jemals hätte vorstellen können. Und deshalb wollte ich auch alles versuchen, um ihr zu beweisen, wie ernst es mir war. Aber dazu hatte ich leider keine Gelegenheit bekommen.
Nach diesem Abend hatte zwischen uns ziemlich lange Funkstille geherrscht – bis sie eines Abends noch einmal in meine Praxis gekommen war, um sich zu verabschieden. Erst war sie noch zurückhaltend gewesen, hatte auch Angst gehabt, dass ich ihr etwas tun würde, jetzt, nachdem ich wusste, was Sache war.
Aber ich hatte ihr umgehend erklärt, dass das Quatsch war, dass ich mich über alles ausführlich informiert hatte und nicht plante, sie deswegen zu verurteilen. Im Gegenteil: Ich machte ihr sogar ungewollt eine zweite Liebeserklärung und beteuerte, dass sich an meinen Gefühlen nichts geändert hatte und ich immer noch dasselbe empfand wie an jenem Abend. Dass es für mich keinen Unterschied machte und sie mich als Mensch interessierte – und nicht aufgrund ihrer Vergangenheit, ihres Körpers oder ihrer Chromosomen.
Aber sie machte mir eindringlich klar, dass wir keine Zukunft hatten. Denn auch wenn ich sie akzeptierte und annahm, wie sie war – sie tat es nicht. Sie konnte es nicht. Weil ich für sie nicht normal war. In ihren Augen war ich ein Freak. Weil sie andere Normvorstellungen hatte. Deshalb konnte sie meine Gefühle nicht erwidern. Und sie wollte es auch nicht.
Stattdessen erklärte sie mir nur, dass ich ein netter Mensch war, dass sie sehr glücklich war, mich kennengelernt zu haben – und aus unserer Begegnung die Erkenntnis mitnahm, dass nicht alle Cissexuellen Vollidioten waren. Dann wünschte sie mir noch viel Glück in meinem Leben, nahm mich in die Arme – und verschwand im Anschluss daran aus meiner Praxis, um zurück nach Tölz zu fahren.
Auf meine Nachfrage, ob wir uns je wiedersehen würden, antwortete sie nur mit einem „Vielleicht irgendwann“ – und ließ mich danach allein zurück, mit einer tiefen Sehnsucht und bohrendem Liebeskummer in mir, die mich langsam aber sicher zerfraßen.
Ich hatte es doch gesagt: Liebe war dämlich. Verdammt dämlich sogar. Und in der Zeit danach, nach dieser letzten Begegnung mit ihr, hatte ich mich so hundsmiserabel gefühlt wie noch nie zuvor in meinem Leben.
Vieles hatte ich versucht, um darüber hinwegzukommen, um mich abzulenken und nicht mehr darüber nachzugrübeln – doch nichts davon wollte so richtig funktionieren. Mein Herz hing an ihr, immer noch so stark wie zu Anfang, und es gelang mir einfach nicht, sie endlich dort zu vertreiben oder herauszureißen. Sie saß darin fest.
Und ganz gleich, was ich machte oder wo ich war – immerzu wurde ich von den Gedanken an sie verfolgt, fragte mich, wo sie gerade war und was sie machte. Sowie natürlich auch, ob wir uns tatsächlich irgendwann noch einmal über den Weg laufen würden, irgendwo und irgendwann.
Ja, ich hatte sie wirklich sehr geliebt. Und vielleicht würde dieses Gefühl auch nie wieder aufhören. Vielleicht würde es mich immerzu verfolgen und an jedem einzelnen Tag begleiten. Und vielleicht würde die leise Hoffnung darauf, dass wir uns tatsächlich irgendwann wiedersahen, sich auch eines schönen Tages erfüllen.
Ich wusste es nicht. Aber ich wünschte es mir. Sogar mehr als alles andere.

Beinahe drei Monate waren mittlerweile vergangen, seit ich Alex zum letzten Mal gesehen hatte. Drei lange Monate, seit sie sich von mir verabschiedet hatte und aus Bichlheim verschwunden war. Drei Monate, in denen ich nun schon versuchte, zu vergessen und mich auf andere Dinge zu konzentrieren.
Und mittlerweile gelang mir das auch tatsächlich ganz gut. Ja, ich schaffte es wirklich, nicht mehr an sie oder über sie nachzudenken und mich wieder auf das Eigentliche, auf mein Leben, meinen Alltag und meinen Beruf zu konzentrieren.
Die Lücke, die ihr Abschied in mir hinterlassen hatte, war natürlich trotzdem immer noch da – und wahrscheinlich würde sie auch immer da sein, denn ich wusste, dass es keine andere Frau jemals schaffen würde, sie irgendwie wieder zu füllen.
Das, was ich für Alex empfunden hatte, das war wohl das, was man als die große Liebe bezeichnete. Und eine große Liebe vergaß man nicht, ganz gleich, wie viel Zeit auch immer vorüberging. Sie würde immer ein Teil meines Lebens bleiben, das wusste ich – und daran würde nichts auf dieser Welt etwas ändern.
Zwar ging ich inzwischen wieder regelmäßiger aus, verabredete mich beispielsweise des öfteren mit meinem besten Freund Joshua im „Bräustüberl“, verbrachte Zeit mit Bekannten und ließ mich ab und an sogar in dem ein oder anderen Lokal sehen, in dem ich ab und zu von ein paar netten Frauen angesprochen wurde, mit denen ich mich dann gut unterhielt.
Aber keine von ihnen war auch nur annähernd so wie Alex, geschweige denn, schaffte es irgendeine, mich so tief zu berühren wie sie es getan hatte. Wenn überhaupt, dann waren es nur ein paar kleine Flirts, auf die ich mich einließ – nicht mehr und nicht weniger. Und obwohl mir das Interesse mancher Damen zugegebenermaßen sehr schmeichelte, zog ich mich dennoch jedes Mal zurück, wenn sie mir näherkommen wollten oder mir signalisierten, dass sie mich attraktiv fanden und beabsichtigten, mich besser kennenzulernen.
Ich war noch nicht so weit, mich darauf einzulassen. Auch nicht nach inzwischen fast drei Monaten. Und wie lange es noch dauern würde, bis ich es vollständig überwunden hatte, geschweige denn, ob ich das überhaupt jemals schaffen würde, das wusste einzig und allein die Zeit.
Dabei war es nicht so, dass ich mich nicht nach Zuneigung und Nähe sehnte – nein, vielmehr ganz im Gegenteil. Ich hatte sogar ein sehr hohes Bedürfnis danach und wünschte mir nichts mehr, als einfach mit jemandem ein bisschen zärtlich zu sein. Ich wünschte mir, meine Unerfahrenheit zu beenden, diese sagenumwobene Intimität endlich einmal selbst zu erleben, um endlich mitreden zu können, um zu wissen, wovon Joshua sprach, wenn er mir von seinen Nächten mit Denise erzählte.
Natürlich war ich neugierig darauf, wollte Erfahrungen sammeln und dieses Gefühl endlich einmal an mir selbst erleben – daran bestand überhaupt kein Zweifel. Und natürlich kam ich mir oft albern vor mit meiner Unerfahrenheit, die mich oftmals ziemlich stark beschäftigte und ich dann begann, viel darüber nachzudenken und mir zu überlegen, ob ich nicht doch einfach mal auf die Avancen irgendeiner Dame eingehen sollte.
Aber letztendlich konnte ich mich doch nie dazu überwinden und suchte die Flucht, wenn es sich in so eine Richtung zu entwickeln begann. Nicht etwa, weil ich Angst davor hatte – nein, daran lag es ganz und gar nicht. Aber ich wusste genau, dass ich es im Endeffekt bereuen würde, dass es nur bei einer Nacht bleiben und das, was ich wirklich suchte, nämlich eine tiefe, innige und vertrauensvolle Bindung sich nicht erfüllen würde.
Ich war einfach kein Typ für flüchtige One-Night-Stands. Das war ich noch niemals gewesen. Und deshalb zog ich auch jedes Mal aufs Neue wieder die Reißleine, wenn es ernster wurde, ganz besonders, weil die meisten meiner potenziellen Kontakte ohnehin relativ rasch zur Sache kamen.
Es war jedes Mal wieder dasselbe Spiel: Sie flirtete mich an, wir kamen ins Gespräch, ich gab ihr ein paar Drinks aus, machte Komplimente, suchte irgendwie nach einem Anfang, um ein vertrauensvolles Verhältnis aufbauen zu können – und wurde am Ende dann doch wieder vor den Kopf gestoßen, wenn ich ihre Absichten zurückwies und ihr stattdessen erklärte, dass ich sie gerne besser kennenlernen wollte.
Statt darauf einzugehen, verabschiedeten sich die entsprechenden Frauen dann meistens, teilten mir mit, dass sie nichts Festes suchten und lediglich ein bisschen Spaß haben wollten. Und es war jedes Mal aufs Neue wieder derselbe Knacks, wieder eine Enttäuschung mehr, die sich nahtlos in die Liste meiner bisherigen Fehlschläge einreihen konnte.
Und immer wieder kamen dabei Erinnerungen an Alex in mir hoch, bei der all das von Anfang an anders gewesen war. Zu ihr hatte ich dieses Vertrauen gehabt, dieses Gefühl der Verbundenheit und Nähe, so als würde ich sie schon mein ganzes Leben lang kennen.
Aber sie war weg. Sie war unerreichbar für mich, da ich zum einen noch nicht einmal wusste, wo sie jetzt überhaupt genau lebte – und zum anderen sehr gut in Erinnerung hatte, was sie mir damals bei unserem letzten Zusammentreffen gesagt hatte: Es gab keine Zukunft für uns. Niemals. Ich war kein Mann für sie. Und genau deshalb war sie auch gegangen, hatte mir klargemacht, dass ich nicht zu hoffen brauchte, mir keinerlei Illusionen machen sollte, weil da noch nicht einmal die geringste Chance dazu war, ihr Herz irgendwie für mich zu gewinnen.
Das hatte ich inzwischen auch akzeptiert. Ich hatte akzeptiert, dass ich für sie nicht in Frage kam, dass sie keinerlei Interesse an mir hatte und mich in ihrer Partnerwahl vollständig ausgrenzte. Aber es änderte dennoch nichts an der Tatsache, dass sie die umwerfendste Frau war, die ich je in meinem Leben getroffen hatte. Und ob es tatsächlich irgendwann noch einmal eine geben würde, die mich so berühren konnte wie sie, das stand in den Sternen. Ebenso wie auch die Frage, ob wir uns eines Tages noch einmal begegnen würden. Die Hoffnung darauf hatte ich zumindest noch immer nicht aufgegeben. Und vermutlich würde ich das auch niemals tun. Weil sie ganz einfach meine große Liebe gewesen war. Ganz gleich, ob sie das nun wollte oder nicht.
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