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Silent Voice

von penitence
KurzgeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
23.09.2019
23.09.2019
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Wenn du und Roman Godfrey eines gemeinsam hattet, dann, dass ihr rein gar nichts gemeinsam hattet.
Ihr lebtet in verschiedenen Welten, auch wenn ihr auf die gleiche Schule gingt.
In eine reiche Familie hinein geboren, kannte Roman die Sorgen, die gewöhnliche Leute hatten nicht. Er wusste nicht wie es war, wenn man sich jede neue Anschaffung vom Mund absparen musste. Er wusste nicht, wie es sich anfühlte, wenn man sich nicht jeden Wunsch einfach so erfüllen konnte.
Roman Godfrey war es gewohnt, dass er seinen Willen bekam.
Dass die Dinge so liefen wie er wollte.
Ebenso wie du daran gewohnt warst, dass man dich wie Luft behandelte.
Das störte dich nicht sonderlich.
Es machte dir nichts aus, dass man dich ignorierte.
Ehrlich gesagt, war es dir so sogar am liebsten.
So konntest du ungestört dein ruhiges Leben leben.

Zumindest war es so von dir geplant gewesen, aber das Leben schien wiederum einen etwas anderen Plan für dich zu haben.
Du konntest nicht genau sagen wie es geschehen war, wie genau es dazu gekommen war, dass du Romans Interesse geweckt hattest.
Aber du konntest dich noch genau an den Tag erinnern, an dem er zum ersten Mal mit dir gesprochen hatte.
Du konntest dich noch genau an das Dröhnen in deinen Ohren erinnern, als er dich angeschrien hatte, weil du sein heiß geliebtes Auto demoliert hattest – vielmehr war Roman Schuld an der ganzen Misere gewesen, aber davon hatte er natürlich nichts hören wollen.
Dein Fahrrad hatte seinen Lack zerkratzt und sein Fahrlicht zerstört, also hattest du auch für den Schaden gerade zu stehen. Auch wenn es ein leichtes für ihn gewesen wäre, es selbst du tun und dein kaputtes Fahrrad gleich mit zu bezahlen.
Stumm hattest du ihn angeblinzelt.
Warst zusammengezuckt, als er dir, für deinen Geschmack, viel zu nah gekommen war und dich gefragt hatte, ob du nichts zu deiner Verteidigung zu sagen hättest.
Du hattest vieles zu sagen gehabt.
Du hattest vieles sagen wollen, aber nur weil du es wolltest, bedeutete das nicht, dass du es auch konntest.
,,Was’’, hatte er aufgelacht, ,,bist du stumm, oder was?’’
Sein Lächeln war einer noch amüsierteren Miene gewichen, als du selbst danach stumm geblieben warst und er festgestellt hatte: ,,Ach du scheiße, du bist es wirklich.’’ Darauf war dir nichts eingefallen. Du hattest nur da gestanden und zu Boden gestarrt. ,,Tja ziemlich scheiße für dich, aber den Mist bezahlst du trotzdem.‘‘
Daraufhin hattest du deinen Notizblock, mit dem du dich in so manchen Situationen verständigtest, aus deinem Rucksack gekramt und darauf nieder geschrieben, dass du nicht das nötige Geld für eine solche Reparatur besaßest. Außerdem warst du der Meinung gewesen, dass er immerhin eine Mitschuld an dem Unfall trug.
,,Und das ist jetzt mein Problem?’’, hatte er, nachdem er deine Antwort zur Kenntnis genommen hatte, laut überlegt. ,,Oh, nein, warte, dass ist gar nicht mein beschissenes Problem.’’
Dann hatte er dir gesagt, dass er dich am nächsten Tag nach der Schule in der Nähe des Sportgeländes erwarten würde und nun standest du hier, die Ersparnisse, die du entbehren konntest in einem Umschlag in deinem Rucksack liegend und wartetest darauf, dass Roman auftauchen würde.
Du wolltest keinen Ärger.
Es war sowieso schon schwierig genug für dich gewesen in Hemlock Grove Fuß zu fassen, als du vor über einem Jahr in die Kleinstadt gezogen warst, da wolltest du dich nicht mit dem Sohn der reichsten Frau der Stadt anlegen.
Du wusstest welchen Einfluss die Familie Godfrey hatte — wohl jeder einzelne Bewohner in Hemlock Grove wusste das.
Und da warst du dir ziemlich sicher, dass es nicht von Vorteil wäre, den Zorn auch nur eines einzigen Familienmitglieds auf dich zu ziehen.

Geschlagene drei Stunden hattest auf Roman gewartet, bis du irgendwann zu der Erkenntnis gekommen warst, dass er dich entweder vergessen hatte oder er vielleicht doch eingesehen hatte, dass seine Forderung jeglicher Grundlage entbehrte, und du dich schließlich dazu entschlossen hattest endlich nach Hause zu gehen.
Ohne dein Fahrrad benötigtest du nochmal eine gute Stunde bis du zu Hause ankommen würdest und du hattest noch einige Dinge zu erledigen; du würdest also, das wusstest du jetzt schon, mal wieder ziemlich spät ins Bett kommen.
Du liefst zurück zum Schuldgebäude, bogtest gerade um die Ecke, als du Romans weinrotes Auto auf dem Parkplatz stehen sahst.
Es war bereits repariert worden, das konntest du auf die Entfernung hin sehen, und just in diesem Moment stieg eine blonde Schönheit aus dem Wagen, die du als eines der Cheerleaderinnen eurer Schule erkanntest.
Dafür hatte er dich so lange warten lassen?
Es machte dich richtig wütend, zu wissen, dass er dich wortwörtlich hatte im Regen stehen lassen, um sich lieber mit einer seiner Bekanntschaften zu vergnügen — aber was konnte man auch schon von jemandem wie Roman erwarten?
Von alledem ließest du jedoch nichts hindurch sickern, als du, nachdem er dich zu sich gewunken hatte, äußerst widerwillig zu ihm hinüber trabtest.
Die Wolken hatten sich verzogen, aber die Kälte lag noch immer in der Luft und saugte sich an deinen klammen Füßen fest.
,,Hast du das Geld dabei?’’, fragte er dich und entzündete eine Zigarette.
Du nicktest und holtest den Umschlag hervor, dessen schmalen Inhalt er sogleich in Augenschein nahm. ,,Sag mal, willst du mich verarschen?’’, fragte er dich als nächstes, zwei Hundert-Dollar-Noten in der Hand haltend. ,,Ich hoffe für dich, dass das nur ein schlechter Witz ist.’’
Du zucktest hilflos mit den Schultern.
Mehr hattest du nicht, und mehr konntest du ihm auch nicht geben.
,,Nicht zu fassen’’, schüttelte Roman missbilligend mit dem Kopf, aber er steckte den Umschlag dennoch ein und setzte sich wieder in seinen Wagen, bevor er dir sagte, dass du das gleiche tun solltest.
Mit offen stehendem Mund starrtest du ihn mit großen Augen an.
Du hattest keine Zeit für solche Spielereien.
Konnte er dir nicht einfach sagen, wie viel Geld er noch von dir wollte oder ob die Summe vorerst genügen würde?
Du klopftest gegen die Scheibe, um Romans Aufmerksamkeit zu erhaschen und gabst ihm, mit Hand und Fuß zu verstehen, dass du für sowas jetzt keine Zeit hättest.
Roman ließ das Fenster hinunter.
Er starrte dich an, wiederholte sich und irgendetwas in seinem Blick, hielt dich davon ab, ihm ein weiteres Mal zu widersprechen.
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