Heldensage

von renawitch
GeschichteDrama, Tragödie / P16
Glorfindel
22.09.2019
22.09.2019
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Sommer 3019 D.Z. in Minas Tirith

Eine wundervolle, herrliche Nacht lag vor ihnen.
Silberne Sterne bedeckten einen dunkelblauen, wolkenlosen Himmel und ein blasser, voller Mond warf sanftes Licht auf Minas Tirith.
Die Nacht verdrängte die Hitze des Sommertages nur zögerlich aus der Weißen Stadt, doch das tat den fröhlichen Hochzeitsfeierlichkeiten im Inneren der Festhalle keinen Abbruch.
Aus dem Merethrond drang ausgelassene Musik und angeregtes Stimmengewirr hinaus auf das Plateau der Zitadelle.

Glorfindel blickte nachdenklich auf sein volles Weinglas und nahm es mit hinaus auf den Hof des Springbrunnens. Kaum zu glauben, dass sich trotz aller Widrigkeiten das Blatt letztlich dennoch zum Guten gewendet hatte.
Still und verlassen lag die ausladende Plattform vor ihm. Hier und da loderten lichtgebende Feuer und die Luft war erfüllt vom Plätschern der Wasser des Brunnens. Kaum jemand hielt sich zu dieser Stunde hier draußen auf, da nahezu ein jeder mit Aragorn und Arwen auf deren Wohl und Glück anstieß.
Wenige Schritte führten den Elda in die Mitte des Platzes, wo er einen wehmütigen Blick auf den kleinen Schössling des Weißen Baumes warf, welchen Aragorn erst vor wenigen Wochen mit eigenen Händen hier eingepflanzt hatte.
Das Bäumchen maß noch nicht ganz drei Fuß und stand, obwohl es erst vor kurzem hierher verbracht wurde, bereits in voller Blüte. Weiße Dolden strahlten in der dunklen Nacht, verströmten einen leichten, heiteren Duft und bedeckten es über und über. Es waren so viele, dass sich nur vereinzelt lange, zweifarbige Blätter zwischen den Blüten ausmachen ließen.
Glorfindel trat einen weiteren Schritt darauf zu und nickte anerkennend, als seine Hand sich auf eines der Blätter legte und er im Schein des leuchtenden Feuers zuerst die dunkle Oberseite, dann die silberne Unterseite begutachtete.

„Bewundernswert, nicht wahr?“, brummte eine vertraute Stimme aus Richtung einer der Steinbänke in der Nähe.
Ein freudiges Lächeln breitete sich auf Glorfindels Zügen aus, als er einen alten Freund erkannte. Viel zu lange hatte er Olórin nicht mehr sprechen können und selbst die zwei kurzen Monate des letzten Jahres, in welchen der Zauberer in Imladris verweilte, schienen endlose Zeitspannen zurückzuliegen. Der Elda trat mit grüßend geneigtem Kopf auf ihn zu, bevor er antwortete: „Olórin, mein Freund. Du kannst nicht erahnen, wie sehr ich mich freue, dass Flammen und Schatten dich letztlich doch nicht lange aufhalten konnten.“ Gandalf schenkte ihm ein freundliches Lachen und nickte zustimmend. „Ebenso wenig, wie sie Dich aufhielten, könnte man meinen.“
Das Lächeln auf Glorfindels Lippen erstarb, bevor er ernsthaft nickte und erneut auf den Weißen Baum zu sprechen kam. „Ich brachte vor langer Zeit einige goldene Blumen aus Aman mit nach Endor und vermochte es auch, sie dazu zu bringen, einige Jahrhunderte zu überdauern. Dass ich jedoch nach mehr als drei Sonnenzeitaltern noch einmal ein Abbild Telperions sehen würde, ist mir bis heute nicht in den Sinn gekommen.“
Der Zauberer nickte wissend und zog nachdenklich an seiner Pfeife. Letztlich blickte er den Elda erneut an und klopfte mit den Fingerspitzen auf die Sitzfläche der Bank. „Dieser Baum wird wachsen, weiterhin Blüten tragen und Sämlinge bilden. Solange es Könige in Minas Tirith gibt, werden der Weiße Baum und seine Erben leben. So war es seit jeher und so wird es auch sein, lange nachdem wir Mittelerde verlassen haben.“ Eine kurze Stille breitete sich aus, bis Gandalf sich wieder rührte und erneut das Wort an Glorfindel richtete: „Setz dich zu mir, Laurefindil, wir hatten lange keine Gelegenheit zum Reden. Es ist viel geschehen, seit die Gemeinschaft von Bruchtal aus aufbrach und uns wird wohl vorerst auch nicht viel gemeinsame Zeit bleiben, denn meine Aufgabe hier ist erfüllt und es gibt in Mittelerde keine wirkliche Verwendung mehr für mich.“
Der Krieger legte lächelnd den Kopf schief und kam Gandalfs Aufforderung nach. Er nahm Platz und schwenkte nachdenklich den kräftigen Rotwein in seinem Glas, bevor er einen Schluck davon nahm.
Der Zauberer hatte Recht. Zwischen dem Aufbruch der Gemeinschaft von Imladris und dem heutigen Tag hatte er Olórin nicht mehr zu Gesicht bekommen, sondern nur durch vereinzelte Botschaften von dessen weiteren Wegen erfahren. Nachrichten über den Verbleib der Gefährten waren im letzten Jahr nur spärlich nach Bruchtal gelangt. Als der Bote aus Lothlórien eintraf, welcher von Gandalfs Kampf mit dem Balrog und beider Fall in die Tiefe berichtete, spürte Glorfindel, wie ein kurzer, heißer Schmerz in seiner Brust aufflammte und er fühlte sich selbst unvermittelt in eine sehr viel ältere Zeit Mittelerdes versetzt.
Wenn er an diesen Tag zurückdachte, glaubte er fast, die unglaubliche Hitze seines alten Feindes erneut brennend und schmerzend auf der Haut spüren zu können. Es wirkte so real, dass er angespannt mit den Fingern seiner Linken über seinen rechten Handrücken fuhr. Unwirsch vertrieb er diese böse Erinnerung mit einem Schaudern aus seinen Gedanken und wandte sich erneut Gandalf zu, der nun einen weiteren tiefen Zug aus seiner Pfeife nahm. „Du wirst also zurück in den Westen gehen?“ fragte Glorfindel ohne Umschweife.
Gandalf lachte heiter auf und als er den Krieger ansah, bemerkte dieser das schalkhafte Funkeln seiner Augen, während der Zauberer spöttisch fragte: „Du etwa nicht? Es wird Zeit für uns, denkst Du nicht auch? Wir sind zusammen nach Mittelerde gekommen, wenn wir es auch gemeinsam wieder verlassen würden, wäre das wohl ein passender Abschied, meine ich, “
Der Elda blickte nachdenklich in die Flammen des lodernden Feuers zu seiner Rechten und spürte dessen Wärme auf seinem Gesicht. Er nickte langsam zustimmend und nahm einen weiteren Schluck aus dem Weinglas.
„Es ist ein merkwürdiges Schicksal, dass uns beiden die Valar zu gleichen Teilen zugedacht haben, Olórin. Ich frage mich oft, warum sie Dir Gleiches aufbürdeten wie mir.“
In die ratlose Stille, die sich nach Glorfindels Worten einstellte, mischte sich lediglich die leise Musik der Feierlichkeiten und es dauerte eine Weile, bis der Zauberer das Wort ergriff, „Ähnliches, so scheint mir, mein Freund, nicht Gleiches. Ich habe mich zumindest nicht freiwillig mit dem flammenden Untier in die Tiefe geworfen. Der Rest der Geschichte ist, zugegeben, ganz offensichtlich von Deiner ursprünglichen Fassung abgekupfert, wenn auch meine Rückkehr weitaus zügiger vonstattenging, als die Deine.“

Ein heiseres Seufzen entfuhr dem Krieger und ungehalten hob er eine Augenbraue.
Wie oft würde er diese unselige Version seines Kampfes noch hören müssen? So vieles aus den ältesten Tagen entsprach eher schillernden Legenden denn bitteren Wahrheiten. Ebenso, wie er es hasste, bei diversen Feierlichkeiten vom Fall Gondolins zu hören, konnte und wollte er keinen Liedern und Geschichten über Ecthelion, Tuor, Fingon oder gar sich selbst beiwohnen. Zu viel von dem, was Sänger und Dichter vortrugen, entsprach nicht dem, dessen er selbst sich erinnerte.
„Ach bitte, nicht schon wieder diese Version des tapferen Balrogtöters von Gondolin, der sich selbst opfert, um die letzten Überlebenden zu retten.“
„Du wirst zugeben müssen“, entgegnete der Zauberer, „dass ohne Dich und den Kampf mit dem Untier wohl weder Herr Elrond noch seine Söhne, Frau Arwen, und auch Aragorn nicht hier wären.“
„Zweifelsohne“, entgegnete Glorfindel gereizt, „wären, nach allem, was mir zugetragen wurde, Aragorn, Legolas, Gimli und die Halblinge ohne Dein Zutun in Casarrondo ebenfalls nicht hier. Zumindest glaube ich, dass es so wäre.“
Wieder lachte Gandalf heiter auf und wog zweifelnd den Kopf: „Das ist eine andere Geschichte, fürchte ich. Mein Sturz in die Tiefen von Moria hatte andere Gründe als der Deine in den Echoriath, doch wenn Du mit der Darstellung Deiner Heldentaten nicht glücklich bist, dann erkläre doch den Dichtern und Sängern, wie Du selbst diese Sternstunde der Geschichtsschreibung siehst.“
Glorfindel schüttelte verbissen den Kopf: „Es ist ja nicht so, als hätte ich es nicht schon mehrfach versucht. Es ist aussichtslos. Sie wollen es einfach nicht hören und noch viel weniger sind sie gewillt, die schöne, strahlende Legende zu schmälern, die sie über Jahrhunderte aufgebaut haben.“
„Hm“, erwiderte der Zauberer ratlos, „wenn dem so ist, dann gräme Dich nicht zu sehr. Bald schon wirst Du ihre Geschichten nicht mehr hören müssen, denke ich. Zumindest nicht allzu oft. In Aman gibt es noch sehr viel mehr zu besingen, als den feurigen Fall zweier alter Männer in endlos tiefe Felsspalten. Zu welchem Zweck sie auch immer starben.“ Nach einem weiteren Zug aus der Pfeife fügte er hinzu: „Trotzdem würde ich gerne wissen, wie du deinen Balrog wirklich geschlagen hast, wenn es nicht so war, wie die Überlieferungen es aufzeigen.“

Warum eigentlich nicht, fragte Glorfindel sich, ein weiteres Mal erläutern, wie sich tatsächlich alles zugetragen hatte. Immerhin wollte Olórin die Wahrheit hören und nicht die heroischen Geschichten über Selbstaufgabe und Opferbereitschaft, die allerorts kursierten. Was also, machte ihn nun zögern?
Kurz glitten seine Gedanken zurück zu der tiefen Felsspalte in den Echoriath. Die Kälte des Passes grub sich zurück in seine Erinnerungen. Ihm war, als könne er den zerrenden Wind und die umher wirbelnden Schneeflocken erneut auf seiner Haut spüren.

Ein Schauder überlief ihn und er nahm einen tiefen Atemzug, bevor er Gandalf endlich antwortete:
„Dafür“, entgegnete Glorfindel, erhob sich und tat einige Schritte in Richtung Festhalle, „brauche ich mehr Wein. Sehr viel mehr Wein.“
Gandalf nickte zustimmend. Es dauerte nur eine kurze Weile, bis der Elda mit zwei neuen Gläsern und einer vollen Karaffe zu der Bank auf dem Plateau zurückkehrte.
Still nahm er darauf Platz, füllte die Gläser und bot Olórin eines davon an, Der Zauberer nickte dankend, nahm den Rotwein und schwieg, um der folgenden Erzählung Raum zu geben.
Als Glorfindel erneut in die Flammen des Feuerkorbes starrte, trat die Erinnerung in ihm an die Oberfläche und er fühlte sich an den Ort in den Echoriath zurückversetzt, während er erläuterte, was in dieser Nacht geschehen war.
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