7 Minuten im Himmel - Eine Ewigkeit in der Hölle

GeschichteThriller, Angst / P18
Bane Batman / Bruce Wayne James "Jim" Gordon Joker Scarecrow / Dr. Jonathan Crane
22.09.2019
23.05.2020
18
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23.05.2020 2.173
 
Etwas zischt an Harleens Schläfe vorbei und trifft scheinbar Celine, denn stöhnt diese schmerzhaft auf.
»NEIN!« Harleen reißt sich los, sieht zu Celine, die rückwärts zu Boden geht und starrt dann zu Deadshot. »Du ... du hast ... du hast sie ...«
Deadshot lässt die Waffe sinken, den Blick auf das stöhnende Mädchen gerichtet, in dessen Richtung er nickt. Irritiert folgt Harleen seinem Blick und stellt fest, dass sie kein bisschen Blut erkennt, obwohl der Boden darin bereits getränkt sein müsste.
Celine knurrt, hebt den Kopf, bricht aber sogleich wieder zusammen. Ihre Hand tastet ihren Kopf entlang, hinunter zu ihrem Hals, die Schulter hinab. Schließlich umfasst sie die Pfeilspitze, die aus ihrem Arm ragt und zieht diese hinaus. Fasziniert besieht sie diese eingehend, ehe ihre Augen in den Hinterkopf rollen und sie bewusstlos zusammenbricht.
Harleen verharrt. Ihr Kopf schwenkt von einer auf die andere Seite. Zwar sieht sie Celine, aber kann sie sich nicht erklären, was mit dieser geschehen ist.
»Betäubungspfeile«, erklärt Deadshot nüchtern und packt sie an den Schultern. Harleen wäre vor Schreck fast rückwärts herumgekippt, kann sich aber noch zusammenreißen.
»Woher wusstest du, dass ...«
»Nenn es Intuition. Die Kleine sieht mir bereits aus wie ein Troublemaker. Du hast keine große Erfahrung mit Geiseln, daher dachte ich mir schon, dass etwas schiefgehen wird.«
Harleen entweicht ein leiser Aufschrei, als sie vom Boden gehoben und von Deadshot in Richtung des leeren Plastikstuhls getragen wird, der diesen wieder aufstellt und Harleen darauf absetzt wie eine Dekorationspuppe.
»Beug dich nach vorne«, meint er knapp und nimmt aus seiner hinteren Hosentasche ein Klappmesser, dessen Klinge aufschnappt. Kaum, dass die Fesseln durchschnitten sind, reibt sich Harleen ihre geschundenen Handgelenke.
»Hat sie dir irgendwas getan?«
Harleen schüttelt den Kopf, während sie in Celines Richtung sieht. »Sie ist aber okay, oder?«
»Ist nur ein leichtes Betäubungsmittel, das eigentlich für Kleintiere eingesetzt wird. Sie hält ihr Stündchen Schlaf und wir können sie währenddessen fixieren.«
»Sie hat mich gefragt, ob sie auf die Toilette dürfte. Da konnte ich schlecht Nein sagen.«
»Ah, der alte Trick.« Deadshot nickt wissend und streift sich die Maske vom Kopf. Harleen tut es ihm gleich und spürt sogleich die kühle Luft, die ihre erhitzten Wangen streift. »Du hättest auf mich warten sollen.«
»Tut mir leid.« Mehr weiß sie nicht zu sagen. Gleichzeitig sieht sie zu ihm herüber. »Und Danke für deine Hilfe. Ohne dich hätte sie mich ...«
»Und Joker hätte mich einen Kopf kürzer gemacht, wenn dir etwas zugestoßen wäre, also belassen wir es einfach dabei, dass wir alle aus Eigennutz gehandelt haben.«
Gemächlichen Schrittes geht er zu Celine. Er besieht sie sich eine Weile, ehe er sie vom Boden hievt und über die Schulter wirft.
»Was machen wir jetzt mit ihr?«
Deadshot scheint bereits eine Idee zu haben. Er deutet auf seine Matratze. »Wir legen das Dornröschen eine Weile schlafen, nur diesmal wird sie nicht wieder befreit. Das hat sie sich verspielt.«
»Sie hatte einfach nur Angst«, versucht Harleen die Situation zu erklären, aber stoßt sie bei Deadshot auf taube Ohren.
»Was ich auch verstehe, aber ist das kein Grund, so eine Scheiße abzuziehen. Hat sie allen Ernstes geglaubt, so entkommen zu können? Jeder andere hätte sie aus Frust gleich erschossen.«
Vorsichtig lässt er sie auf die Matratze fallen und wischt ihr dabei einige Strähnen aus dem Gesicht. Auch wenn er den bösen Mann mimen will, erkennt Harleen deutlich die Momente, in denen er die unsichtbare Maske fallen lässt und sein wahres Ich offenbart. Erneut kommt ihr der Verdacht von vorhin hoch. Dass er vielleicht selbst Kinder hat. Eventuell sogar eine Tochter in Celines Alter.
»Bringst du mir das Klebeband?«
Irritiert schüttelt Harleen den Kopf, bis sie merkt, dass sie diejenige ist, die angesprochen ist. Eilig bringt sie ihm das Gewünschte und bedenkt Celine mit sorgenvollem Blick.
»Tu ihr nicht weh.«
Deadshot blickt über seine Schulter. »Eigenartig«, meint er und ein Lächeln umspielt seine Lippen. »Jeder andere hätte das von mir verlangt, nachdem, was sie dir angetan hat.«
»Sie ist nicht weiter als ein Opfer, das sich in einer ausweglosen Lage gesehen hat.« Harleens Augen formen sich zu Schlitze, aber versucht sie sich ihre aufkeimende Wut zumindest nicht verbal anmerken zu lassen. »Ich verstehe, warum sie es getan hat.«
»Ich verstehe es auch«, entgegnet Deadshot. »Ich verstehe auch, warum du getan hast, was du getan hast, aber das trägt jetzt nichts zur Sache bei. Du musst deine Gefühle raushalten. Sie haben hier nichts zu suchen.«
Dabei ist er derjenige, der durchscheinen lässt, dass er Mitleid mit ihr hat.
»Was ... machst du jetzt?«
»Ich sehe zu, dass ich sie wohlig einpacke. Nicht, dass sie sich noch erkältet.«
Sein darauffolgendes Lachen weiß Harleen nicht zu deuten. Stattdessen beobachtet sie ihn, wie er Celine in eine Steppdecke wickelt. Darum wickelt er schließlich das Klebeband um verschiedene Stellen ihres Körpers. Als er fertig ist, wischt er sich den Schweiß von der Stirn.
»Fertig. Zeit, was zu essen.«
Harleen nickt benommen und schenkt der schlafenden und eingepackten Celine einen letzten Blick, ehe sie sich von ihr abwenden. Sie gehen zu einem runden Bistrotisch, an dem zwei Plastikklappstühle stehen, auf denen sich Harleen niederlässt, während Deadshot noch das Essen holen geht. Eine prall gefüllte Einkaufstüte landet auf dem Tisch. Demnach hat er nicht nur für sie drei etwas geholt, sondern für die ganze Truppe.
»Die werden hungrig sein, wenn sie zurückkommen.«
Seufzend lässt er sich nieder und greift zu der Tüte, während Harleen gedankenverloren in die Gegend starrt. Die Situation ist so unglaublich paradox, dass sie lächeln muss.
»Was ist so komisch?«, fragt ihr Nebenmann, aber schüttelt sie nur den Kopf.
»Nichts.«
Deadshot wirft ihr ein in Frischhaltefolie eingewickeltes Sandwich zu.
»Danke.« Beinahe traurig besieht sie sich das helle Brot. Sie war nie eine überragende Köchin gewesen, aber vermisst sie ihre Küche, ihr Essen, ihr altes Leben.
Vorsichtig zieht sie die Folie ab, als ob sie Angst hat, etwas zu zerstören. Derweil beobachtet sie Deadshot genau.
»Warum wolltest du nochmal bei uns mitmachen?«
Sie hält mitten in der Bewegung inne. Ihr Herz schlägt mit der Intensität eines Presslufthammers. »Was?«
»Der Grund, warum du hier bist.« Er beißt ein Stück seines eigenen Sandwichs ab und kaut. »Irgendwie will ich nicht so recht glauben, dass du freiwillig hier bist.«
Ihre Hände krampfen sich um das Stück Brot, das sich unter dem Druck verformt. »Ich weiß nicht, was du meinst.« Schnell zieht sie die Folie ab und beißt in das Sandwich, um einen Grund zu haben, ihm nicht antworten zu müssen.
Deadshot stützt das Gesicht in seine Hand. Sein Blick wandert über Harleens Gestalt. »Du wirkst nicht wie die typische Gangsterbraut, und glaub mir, davon kenne ich einige.«
Sie kaut eifrig weiter, den Blick zu Boden gerichtet. Wo ist Bruce? Warum hat er sie allein gelassen? Es hieß, dass er sie nie alleine lassen würde und jetzt das.
»Wurdest du von jemandem geschickt?«
Die Frage kommt so plötzlich, dass Harleen das Schlucken vergisst und hustend den Brocken aus ihrem Hals würgt. Sie klopft sich auf den Brustkorb und wischt die Tränen hinfort.
»Kein Grund zur Aufregung«, meint Deadshot und ein Lächeln umspielt seine Lippen, das tatsächlich freundlich wirkt. »Was auch immer dein Geheimnis sein mag, bei mir ist es sicher.«
Sie sieht ihn direkt an, sieht in seine Augen. Kann sie ihm trauen? Kann sie ihm erzählen, wer sie wirklich ist? Wer Bruce in Wahrheit ist? Er scheint nicht wie die anderen zu sein, nicht im Entferntesten. Aber kann sie ihm wirklich und von ganzem Herzen vertrauen?
»Ich habe keine Geheimnisse«, stellt Harleen mit kühler Stimme klar und beißt erneut in ihr Sandwich. Diesmal kaut sie anständig und schluckt den Bissen hinunter.
»Hey!« Deadshot hebt beide Arme, als ob er sich ergeben wolle. »Ich mache nur Konversation.«
Nein, macht er definitiv nicht. Eventuell hat sich Harleen geirrt. Eventuell ist er genau wie all die anderen.
Sie isst ihr Sandwich zu Ende, ohne sich etwas anmerken zu lassen, doch spätestens wenn Bruce wieder da ist, wird sie sich mit ihm kurzschließen müssen. Sie kann das alles nicht alleine stemmen. Sie braucht seine Hilfe.
»Hast du Kinder?«
Sie dreht den Spieß einfach um. Wenn er sie ausfragen kann, dann kann sie das auch, so unangenehm die Fragen auch sein mögen. Dass ihm diese besonders unangenehm ist, zeigt sich deutlich an seinem Gesichtsausdruck. Er schluckt auffallend laut.
»Warum fragst du?«
»Hey!«, meint sie und imitiert dabei seine Bewegung von eben. »Ich mache nur Konversation.«
Dass ihm weder die Imitation noch die Frage passt, zeigt sich deutlich an seiner düsteren Mimik. Er wischt sich mit dem Unterarm über den Mund und entledigt sich dabei Krümel, die bis eben in seinem Bart gehangen haben.
»Schon verstanden. Ich lasse dich in Ruhe und dafür lässt du mich in Ruhe.«
Er hat Kinder. Zumindest würde das erklären, warum er plötzlich so reserviert wirkt. Harleen reicht dies als Antwort aus. Sie wendet sich ab und nimmt vom Boden eine Flasche Mineralwasser. Ihr Blick haftet auf dem geöffneten Flaschenhals.
»Wir sollten nach Celine sehen. Vielleicht ist sie schon aufgewacht und will was trinken.«
»Gib ihr noch einige Minuten. Wir rennen nicht los, wenn die Prinzessin erwacht ist. Das macht einen schlechten Eindruck. Sie soll ruhig wissen, dass wir die Oberhand haben und dass wir es sind, die sie am Leben lassen.«
Das klingt hart und so gar nicht nach dem Familienmenschen, den sie bisher vor Augen hatte. Nickend setzt sie sich wieder und trinkt aus der Flasche, während ihre Gedanken wieder abschweifen.
Es dauert keine zehn Minuten, als zunächst benommenes Stöhnen ertönt, gefolgt von keuchendem Atem und Schreien. Erst laute, unverständliche Töne, dann artikulierte Worte.
»Ihr Arschlöcher!« Es klingt, als ob sie sich zu befreien versucht. »Was habt ihr gemacht? Ihr könnt mich nicht so einfach hier liegen lassen.«
Deadshot schenkt Celine keinerlei Beachtung, sondern wirft ein paar Dartpfeile, während sich Harleen angestrengt die Hände auf die Ohren presst, um dem Geschrei zu entgehen. Sie würde auf Deadshot hören und nicht nach Celine sehen. Zunächst muss sich diese erst ein wenig beruhigen.
Nach den Beleidigungen folgen flehende Geräusche und schließlich weint sie. Etwas, das die Barriere von Harleens Gleichgültigkeit zerbricht. Sie schleicht auf Deadshot zu, der sie bemerkt, noch ehe sie bei ihm angekommen ist und ihr einen fragenden Blick zuwirft.
»Sollten wir nicht ...«, flüstert Harleen, doch schüttelt Deadshot den Kopf.
»Warte noch einen Moment. Womöglich weint sie gar nicht richtig und nur, um uns zu demonstrieren, wie schlecht es ihr doch geht.«
Harleen wünschte, dass sie die gleiche Härte wie Deadshot besitzt, aber rufen die weinenden Geräusche Mitleid in ihr hervor. Widerwillig nimmt sie wieder Platz und presst sich erneut die Hände auf die Ohren. Einige Momente später bemerkt sie Deadshot, wie er sich über den Tisch beugt und in der Tüte kramt. Inzwischen trägt er wieder seine Maske.
»Ich mache das schon. Du kannst sitzen bleiben.«
Seine ruhige Stimme wirkt auf sie in diesem Moment wie Balsam. Und nicht nur bei ihr. Kaum, dass er bei Celine angekommen ist, verstummt diese. Das Einzige, was Harleen vernimmt, sind die ruhigen Laute ihres Komplizen, wie er auf das verängstigte Mädchen einredet. Sie versteht nicht viel, bis gar nichts, aber weiß sie, dass er es gut mit ihr meint.
Also bleibt sie selbst sitzen, starrt weiter auf den Boden und wartet darauf, dass dieser bereits viel zu lang anhaltende Albtraum endlich weitergeht, um dann irgendwann zu enden.
Ein lautes Krachen reißt sie aus ihren Gedanken. Erschrocken fährt sie zusammen, als sie laute Schritte vernimmt. Sie hofft auf Bruce, doch taucht stattdessen jemand anderes in der Halle auf.
Es ist ausgerechnet Bane.
Auch wenn Harleen um jeden Preis wissen will, wo Bruce ist und wie es ihm geht, hält sie ihre Lippen geschlossen und sieht weiter demonstrativ zu Boden. Bane scheint dies nicht zu kümmern, denn nimmt er wortlos auf dem nun freien Stuhl von Deadshot Platz.
Aus dem Augenwinkel erkennt sie, wie geschafft er ist. Schweißperlen bedecken seinen kahlen Schädel und die Stirn, seine Augen wirken glasig und die Finger seiner Hand, die auf den Tisch gebettet sind, zittern leicht.
»Wo ist Deadshot?« Seine Stimme klingt heiser.
Harleen antwortet ihm, indem sie mit dem Kopf in die entsprechende Richtung nickt.
»Bei dem Mädchen?«
Sie nickt.
Bane macht es ihr nach und presst sich mit dem Rücken noch enger gegen die Lehne. »Den anderen geht es gut. Nicht, dass es dich interessieren würde.«
Bei der Nachricht, so harsch sie auch ausgesprochen wird, hüpft Harleens Herz. Innerlich atmet sie erleichtert durch, während sie mit dem Fingernagel eine tiefe Kerbe in den Tisch kratzt.
»Wir haben das Geld. Also können wir zum nächsten Schritt übergehen.«
Celine freilassen. Zum Glück. Wie schrecklich es ist, in der Gefangenschaft von fremden Männern zu sein, weiß Harleen nur zu gut, daher ...
Sie unterbricht ihre Gedanken, sieht stattdessen zu Banes Hand, die endlich zu zittern aufgehört hat.
Dafür hält sie jetzt etwas in der Hand.
Ihr Atem stockt. Ihre Augen schmälern sich. Ist das ...
Definitiv nicht die Betäubungspistole von Deadshot. Die hier sieht ... anders aus. Diese sieht aus wie eine richtige Pistole.
»Was ... hast du vor?«
»Was wohl?« Er besieht sie mit einem Blick, der sie wohl als Idiotin deklarieren soll. »Ich entsorge sie.«
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