Miphas Gebet

OneshotDrama, Schmerz/Trost / P16
Link Mipha Sidon
21.09.2019
21.09.2019
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Sidons Herz schlug schneller, als seine Beine je zu rennen vermocht hätten. Der Weg aus der Zorastadt hinauf zum Wipfel des Donnerhorns war ihm noch nie so lang erschienen, wie er nun durch die angrenzenden Bergwälder hetzte, blitzschnell die Wasserfälle des Gebriges erklomm und nun bergauf rannte.
Auf seinen Rücken hatte der junge Prinz ein Zora-Großschwert geschnallt, an seiner Hüfte baumelte eine lederne Tasche. Heilkräuter und Tränke hatte er in höchster Eile aus der Medizinkammer des Palastes in die Tasche geschoben, in der Hoffnung, sie gar nicht erst zu benötigen. Doch jedes bisschen Zuversicht sank, je weiter Sidon den Gipfel erklomm.

Sorgen machte er sich keine um sein eigenes Wohlergehen, obgleich jeder Grund dazu bestanden hätte. Alle Zoras, von der kleinsten Kaulquappe bis hin zum ältesten Greis, wussten um die Gefahr, die auf dem Plateau des Donnerhorns auf sie lauerte, absolut grausam und tödlich. Niemand, der sich bislang auf diesen Pfad, den Sidon nun beschritt, begeben hatte, war je lebendig zurückgekehrt, geschweige denn im Vollbesitz sämtlicher Gliedmaßen. Ein Leune, wie sie es nannten, hatte den höchsten Punkt des Zorareiches besetzt und verteidigte ihn mit roher, blutrünstiger Gewalt, wie es diesen abscheulichen Kreaturen nun einmal in ihrer Natur lag.

Kein Zora hatte bislang etwas gegen den Leunen ausrichten können. Die Bestie war nicht allein für seine alles überragende Stärke bekannt, sondern auch für seine ausgeprägte Intelligenz. Gelernt hatte er, Waffen zu benutzen, mit der Macht der Blitze versehende Pfeile auf seine arglosen Opfer zu schießen – ein sicheres Todesurteil für die Zoras, Kinder des Meeres und der Flüsse.
So hatte König Dorephan akzeptieren müssen, mit dem Leunen auf dem Donnerhorn zu leben, ein Nichtangriffspakt zweier erbitterter Feinde. Sidon fletschte schon die Zähne beim alleinigen Gedanken daran. Er hasste den Leunen mit jeder Faser seines Leibes, denn die Bestie hatte bereits zu vielen Unschuldigen das Leben geraubt, Leid gesät in ein Volk, das bereits zu viel in seinem Herzen trug.
Dennoch, auch er als Kronprinz und zukünftiger Herrscher vermochte nichts gegen die Bedrohung zu unternehmen. Er war schneller, stärker, entschlossener als all seine Untertanen, aber trotz allem war er nur ein Zora.

Sie alle hatten keine andere Wahl, als das Donnerhorn zu meiden, zu lernen, ihr Schicksal anzunehmen und auf den Beistand der Göttinnen zu vertrauen, dass jene das Volk der Zoras erretten und befreien mögen von dieser unsäglichen Kreatur.

Dann war der Hylianer gekommen.

Sidon war ihm an der Grenze seines Reiches begegnet; im strömenden Regen und gehüllt in einfache Reisekleidung hatte er nicht anders gewirkt als die restlichen Vertreter seiner Gattung. Doch den Zoraprinzen hatte das nicht gekümmert. Hylianer, gleich welchen Alters und Erfahrenheit, mochten es wohl eher mit dem Leunen aufnehmen als er selbst. Gebeten hatte er diesen jungen Mann, der sich Link nannte, ihnen zu helfen, den Leunen vom Donnerhorn zu vertreiben, des ewigen Respektes und Vertrauens der Zoras sicher.

Er hatte Link in seinen Palast gelotst, denn nicht nur der Leune stellte eine Gefahr für das Volk des Wassers dar. Seit unzähligen Tagen schon verbargen tiefgraue Wolken den Himmel, unendliche Regenströme rannen auf die Zoras nieder. Es schien, als wolle eine höhere, gleichsam bösere Macht sie fortschwemmen, ertränken im nie endenden Regen.

Eine höhere Macht, ja. Viel treffender hätte Sidon den Titanen Vah Ruta, Artefakt einer längst untergegangenen Zivilisation, kaum bezeichnen können. Und ebenjener Koloss, der sich einem Mahnmal gleich aus dem Stausee erhob und Regen heraufbeschwor, war besessen, korrumpiert von der wohl heimtückischsten Bedrohung, der Hyrule je ins Auge hatte blicken müssen…

Vor zehntausend Jahren hatte die Völker Hyrules schon einmal gegen dieses pure Böse, gegen die Verheerung Ganon, kämpfen müssen. Generation nach Generation hatte sich ihr stellen, sie bekämpfen müssen, um ihrer Freiheit und ihres Lebens willens.
Doch dann, vor einhundert Jahren, als die Verheerung erneut erwacht war, als die Prinzessin mit der Gabe der Göttin und der Held mit dem Schwert, das das Böse bannt, hätten kämpfen, hätten siegen müssen… versagten sie.
Der Held, er war verschwunden, gestorben, wie viele glaubten. Er hatte Hyrule im Stich gelassen. Die Prinzessin hingegen, sie hatte die Verheerung Ganon mitsamt sich selbst im Schloss Hyrule versiegelt; focht einen Kampf aus, der schon längst verloren war.

So zumindest erzählten es diejenigen, die vor einhundert Jahren mitansehen mussten, wie alle Hoffnung zugrunde ging. Die Zoras, sie beklagten nicht die von der Göttin im Stich gelassenen Tochter Hyrules oder gar den Träger des Bannschwertes. Sie beweinten nur Mipha, die schöne, kluge, tapfere Prinzessin der Zoras, die an der Seite des Helden Ganon hätte vernichten sollen.
Stattdessen war ihr junges Leben ausgelöscht worden, ihre Gebeine in Vah Ruta gefangen und ihre Seele bis heute ungerächt, denn noch immer herrschte die Verheerung über sie alle.

Sidon war damals, vor einhundert Jahren, dabei gewesen, hatte gehofft und gebangt und gewartet, dass seine ältere Schwester aus Vah Ruta zurückkehren möge. Er wartete bis heute. Einhundert Jahre, und Mipha war noch immer in diesem Koloss aus Stein und Hass eingeschlossen. Und er war hier, im Zorareich, am Leben.

Wenn es doch nur andersherum gewesen wäre…

Mipha an seiner Stelle hätte den Leunen längst vertrieben. Sie war nicht nur eine auserwählte Reckin gewesen, sie konnte kämpfen, heilen, Hoffnung schenken. Nichts von alledem konnte Sidon. Er konnte nur zu Link rennen, betend, dass ihm gelungen war, woran er und sein Volk gescheitert waren.
Link indes hatte sich als derjenige herausgestellt, der einst das Bannschwert trug, der gegen Ganon eine Niederlage erlitten hatte und daraufhin in einen hundert Jahre andauernden Schlaf gefallen war.
Viele Zoras konnten sich an ihn erinnern, wenngleich der ehemalige Recke es selbst nicht tat. Im Gegensatz zu seinen Untertanen hegte Sidon keinen Groll gegenüber Link. Der Hylianer hatte getan, was er konnte, und war gescheitert. Nun war er zurückgekehrt, um zu vollenden, was ihm einst nicht gelungen war.
Woran es auch lag, konnte Sidon nicht sagen, aber Link war zu Vah Ruta gegangen, allein, und hatte den Titanen besänftigt. Die Dunkelheit, der immerwährende Regen, das bedrohliche Gebaren des Kolosses hatten ein Ende gefunden, dem Recken sei dank. Link hatte in den Augen der Zoras seine Schuld gesühnt, eine Schuld, die in Sidons Augen nie bestanden hatte.

Damit hatte der Hylianer mehr getan, als je von ihm verlangt worden war. Trotzdem hatte er darum gebeten, den Leunen nach Vah Ruta gleichsam ein für alle Male ein Ende zu setzen. Seitdem er aus dem Titanen zurückgekommen war, schien ihm etwas auf der Seele zu lasten, schwerer noch als das Vergessen seines vergangenen Lebens. Sidon konnte nicht genau fassen, aber etwas in Links Blick sprach von einer grundlegenden Veränderung. Stärker war dem Prinzen erschienen, entschlossener… wissender.

Was es schlussendlich auch war, das Link zu der Bestie geführt hatte, Sidon konnte einfach nicht anders, als sich Sorgen um ihn zu machen. Link war einst ein guter Freund Miphas gewesen, und mittlerweile empfand der Zoraprinz ebenso. Dieser Mensch, der Held, der versagte, wie sie ihn noch immer hinter seinem Rücken nannten, war im Grunde nicht mehr als ein freundlicher, hilfsbereiter, junger Mann, aufgewacht in einer Welt, die er vergessen hatte, beladen mit einer Schuld, die gar nicht mehr die seine war.

Sidon konnte nachvollziehen, wie sich das anfühlen musste.

Keuchend erreichte er den Berggipfel; während er sein Zora-Großschwert zog, schaute er sich eilig um, doch weder ein Leune, noch Link waren zu sehen. Vorsichtig betrat er das Plateau, jederzeit damit rechnend, einen knisternden Elektropfeil um die Schuppen geschossen zu bekommen.
Die Hochebene war mit zartem Gras bewachsen, hohe Kiefern säumten den Rand zur Schlucht und große Felsbrocken erschwerten die Sicht auf das Kampffeld. Sidon atmete tief ein und nahm all seinen Mut zusammen, bevor er seine Deckung verließ und hinter einem der Felsen hervorsprang.

Das Klirren seines Schwertes, als er es fallen ließ, wurde vom blutgetränkten Boden verschlungen.

Geschockt taumlte Sidon einen Schritt zurück, derweil seine Pupillen sich zu Schlitzen verengten und seine Zähne gegeneinander knirschten, als er das Blut roch. Blut, überall nur Blut, als wäre es geradewegs vom Himmel herabgeregnet. Und in der Lache, der mächtige Leib des Leunen, reglos, leblos. Leere, stumpfe Augen waren auf den Zora gerichtet, der Kopf unterhalb seiner zotteligen Mähne lag abgetrennt vor Sidons Flossen, schien ihn auch jetzt noch voller Hass zu taxieren.

Sidon wandte den Blick ab, eine Hand vor die Nase pressend trat er näher an der restlichen Körper des Leunen. Ein felliger, muskelbepackter Körper, Waffen, und…

Nein. Es durfte nicht sein. Sidon eilte zum Leichnam, versuchte den mächtigen Leib hinfortzustemmen, unter dem ein schmaler, menschlicher Arm hervorlugte. Der junge Prinz stemmte sich mit aller Kraft, die er aufzubringen vermochte, gegen den noch warmen Monsterkörper, hob ihn an, doch nur quälend langsam. Der Kampf konnte unmöglich länger als wenige Minuten zurückliegen, schoss es ihm durch den Kopf, während ein Schweißtropfen seine Stirnflosse entlang ran, noch bestand vielleicht Hoffnung.

Mit einem Ächzen rollte Sidon den Leunen herum und würdigte ihn dann keines Blickes mehr. Er sah nur noch Link. Sein Freund, der Held, der verlorene Recke, war nicht mehr als ein zusammengerolltes Häuflein Mensch, bis soeben begraben unter dem Leib der besiegten Bestie. Das Gesicht aschfahl, von Kratzern übersät. Die Tunika zerrissen und zerfetzt, blutbesudelt. Seine Hände, die seinen Leib umklammerten, als hielten sie fest, was nicht mehr zu retten war.

Sidon fiel neben Link auf die Knie. Das Grauen, das ihn erfasste, schnürte ihm die Kehle zu; bebend vor Angst vor dem, was einfach nicht seien durfte, streckte er die Hände nach dem Hylianer aus. Sanft zog er Link an sich, barg ihn in seinen Armen, während sein Blick verschleierte. Sidon roch sein Blut, süßer als das des Leunen, fühlte, wie die Wärme aus dem Körper wich, ohne dass einer der beiden sich zu rühren vermochte.

Ein ersticktes Keuchen drang schließlich aus Sidons Hals, wie er es riskierte, Link anzusehen, langsam begreifend, dass sein Kampf vorbei war.
„Link, bitte...“, flehte er mit brechender Stimme, seine Stirn an die seines Freundes legend. „Nicht du auch noch… bleib bei mir…!“

Es war alles seine Schuld. Alles, alles seine Schuld. Wenn doch nur er selbst gegangen wäre! Wenn er an Links Seite geblieben wäre! Wenn doch nur…

Wenn doch nur Mipha noch bei ihm wäre.

Sidons Tränen benetzten Links regungsloses Gesicht, wuschen die Spuren aus Kampf und Tod hinfort. Der junge Prinz drückte ihn fest an sich, ein schmächtiger Körper in den Armen des großgewachsenen Zoras.

Link.

Sidon stutzte. Hatte er soeben seinen Namen gesagt? Nein, unmöglich. Er hatte geschluchzt und gewimmert und zu allen Göttinnen gebetet, aber…

Link.

Erneut diese Stimme, so sanft und voller Liebe. Verwundert blickte Sidon sich um und sah mit einem Mal, wie hell scheinende Lichtkugeln aus Links Körper drangen, nur um sich aufzulösen, sobald sie ihm entstiegen.
Atemlos wurde Sidon Zeuge, wie immer mehr Licht aus Link drang, ihn vollständig umhüllte und sich über sie beide auszubreiten, ja begann, eine Gestalt anzunehmen.
Ein kleiner, schmaler Körper, schöne Gesichtszüge, aus Licht geformt, vor der Brust gefaltete Hände, wie zum Gebet. Grün schimmernde Augen, angefüllt mit reiner Liebe, die nichts sahen als Link.

Und dann wieder diese Stimme.

„Ich beschütze dich.“

Ihre Stimme.

„Miphas Gebet ist bereit, wenn du es brauchst.“

Gleißendes Licht umhüllte Link vollständig, umspülte seine zahlreichen, tödlichen Wunden, wusch sie hinfort gleich einer Meereswelle den Sand. Der Recke schlug die Augen auf, hustete röchelnd und versuchte sich zu erheben, doch dies blieb ihm verwehrt. Noch immer in Sidons Umarmung gefangen gelang es ihm kaum, sich zu rühren, geschweige denn sich aufzurichten.
Und selbst wenn er es gekonnt hätte, Sidon hätte es nicht bemerkt. Denn so sehr er bis vor wenigen Sekunden an nichts als seinen hylianischen Freund hatte denken können, gab es für ihn nun nichts mehr als die Lichtgestalt, die über ihm schwebte. Mipha. Seine Schwester Mipha. Die vor einhundert Jahren der Verheerung Ganon zum Opfer gefallen, die gestorben war.

Sie hatte Link geheilt.

Sie hatte Link zurückgebracht.

Sie war immer noch da.

Sagen konnte er nichts, nur in ihrem Anblick ertrinken. Mipha sah genauso aus, wie sie ihren Bruder einst verlassen hatte, und doch… war sie nur noch ein Geist, bereits entschwindend, heller und ferner werdend.
Bereit, ihn wieder zu verlassen.

„Mipha...“

Sidons Stimme, rau und nicht mehr als ein Flüstern, schien den Bann zu brechen, der auf ihnen lag. Erstaunt blickte Mipha auf ihn herab, als erkenne sie ihn nicht, ihren einzigen, kleinen Bruder.

Dann lächelte Mipha.

„Pass auf ihn auf.“ Ihr Mund rührte sich nicht, aber ihre Stimme drang in Sidons Kopf ein, hallte dort nach, verließ ihn nie mehr.

„Pass auf ihn auf. Beschütze ihn an meiner statt. Sei für Link, was ich nicht hatte seien können.“

„Mipha…!“ Er konnte nicht anders, als seine Hand nach ihr auszustrecken, sie zu berühren, zu halten. Doch seine Schwester entschwand, ward Nichts, wie schon einmal, vor einhundert Jahren.

Und Sidon blieb allein zurück, mit Link in seinen Armen.
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