Ich will dich nicht verlieren!

GeschichteRomanze, Tragödie / P16
OC (Own Character)
21.09.2019
28.09.2020
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16.09.2020 3.378
 
Hallöchen ihr lieben, ich hoffe ihr alle hattet ein schönes Wochenende und eine bisher angenehme Woche. :)
Meins war so an sich ganz gut. Arbeiten, meinen Eltern im Garten helfen, endlich das neue Gehege für meine Meerschweinchen aufstellen und zwischendurch auch noch wählen gehen. Nicht unbedingt das entspannendste, aber auch nicht das schlimmste Wochenende was ich hatte haha.
Okay, genug von mir.
Ich möchte mich an dieser Stelle herzlichst für die neuen Favo-Einträge, die lieben Reviews und natürlich auch für die zwei neuen Empfehlungen bedanken. Ihr seid echt die allerbesten Leser, die man sich nur wünschen kann! <3
Ich hatte wirklich schon befürchtet, dass ihr mir wegen der langen Pause böse wärt. *schnief*
Zum Dank lasse ich allerhand von Kleinigkeiten vom Himmel regnen. Egal was es ist, es gehört euch!


Gruß SunshineOak. :)


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Eilige Schritte, gefolgt von aufgeregten Stimmen, fanden ihren Weg in Lukas' Unterbewusstsein.
Normalerweise hatte der Schwarzhaarige einen recht tiefen Schlaf, und bekam normalerweise auch ziemlich wenig bis gar nichts von seiner Umgebung mit.
Und dennoch saß er nur beim Klang des sich drehenden Türknaufes, kerzengerade im Bett.
Irritiert schaute er zur Tür. Dort stand jemand.
Lukas blinzelte einige Male, da er vom Licht, welches vom Korridor in den Raum schien, geblendet wurde.
Er meinte aber die Gestalt von Kate erkennen zu können.
,,Kate? Was ist los?", murmelte er noch etwas verschlafen und rieb sich die Augen.
,,Kate? Wer ist das? Etwa Ihre Freundin?"
Erschrocken zuckte Lukas zusammen. Die Person vor ihm war nicht Kate.
Erst langsam dämmerte ihm wo er sich befand und bei wem es sich bei der Person handelte.
,,Ist er schon wach, Maria?", fragte eine zweite Stimme, die eindeutig zu einem Mann gehörte, neugierig.
,,Ja, er muss eben aufgewacht sein, Edgar", sagte Maria und schaltete das Deckenlicht in der Kabine ein.
Da Lukas' Augen sich bereits ein wenig ans Licht gewöhnt hatten, wurde er nicht allzu stark geblendet.
,,Wie geht es dir, Lukas?", wollte die junge, blondhaarige Frau wissen.
Einen Moment schwieg der Schwarzhaarige.
Wie sollte es ihm schon gehen? Nach all dem, was er und die anderen durchmachen mussten.
,,Gut", murmelte er und vermied es, seinem Gegenüber in die Augen zu sehen.
Maria schien zu verstehen und hakte nicht weiter nach.
Der junge Mann, der auf den Namen Edgar hörte, trat nebens Bett.
,,Ich hoffe doch, Sie konnten sich wenigstens ein bisschen ausruhen?"
Als Lukas aufschaute und in den weichen Gesichtszügen des Mannes Besorgnis erkannte, hatte er plötzlich das Gefühl, dass er genau die selben Gesichtszüge schonmal irgendwo gesehen hatte.
,,J-ja", stammelte er unsicher und musterte das Gesicht seines Gegenübers eingehend.
Edgar bemerkte dies, weshalb er auch den Kopf etwas schräg legte.
,,Stimmt etwas nicht?"
Ertappt schaute Lukas weg.
,,Nein, alles gut."
Edgar und Maria sahen sich ein wenig irritiert an, sagten aber nichts. Sie vermuteten, dass Lukas einfach noch nicht vollständig ausgeruht war, und immernoch an die Ereignissen der vergangenen Nacht denken musste.
,,Möchtest du etwas essen? Ich kann einen Stewart bitten, dir eine Kleinigkeit zu bringen."
Lukas lehnte Marias Angebot dankend ab. Er hatte zwar seit dem Abend des Untergangs nichts mehr gegessen, weshalb sein Magen auch schon etwas schmerzte. Allerdings sorgte allein der Gedanke an Essen schon dafür, dass ein Brechreiz in ihm hochkam.
Er wusste, dass er im Moment einfach nichts runterbekommen würde. Er war einfach noch viel zu aufgewühlt und stand noch immer unter Schock.
,,Sind Sie sicher? Uns macht es wirklich nichts aus", beteuerte Edgar und blickte ihn dabei aus seinen blauen Augen freundlich an.
Wieder überkam ihn dieses eigenartige Gefühl, doch diesmal wusste er, an wen ihn dieser Blick erinnerte.
Doch konnte das überhaupt sein? Oder bildete er sich das womöglich doch nur ein?
Er schaute unauffällig zu Maria rüber, und stellte sie sich ein paar Jahre jünger und mit blauen Augen vor.
Dann sah er zu Edgar. Bei ihm stellte er sich ein weibliches Gesicht mit schulterlangen dunkelbraunen Haaren, und Marias dunkelgrünen Augen vor.
Entsetzt schnappte er nach Luft. Es passte alles. Die Nasen, die Form der Lippen und Augen. Und sogar die Größe der Stirn.
Lukas' Hals fühlte sich plötzlich staubtrocken an. Er konnte es nicht fassen. Vor ihm standen ohne Zweifel die Vorfahren von Kate und Viola.
,,Lukas? Fehlt Ihnen was? Sie sind ja so weiß wie die Wand!"
Der Angesprochene öffnete zwar den Mund, doch er brachte keinen Ton heraus.
Mit leicht geöffnetem Mund starrte er das Paar an, als handelte es sich dabei um zwei Außerirdische.
Wieso war ihm das nicht vorher aufgefallen? Himmel, der Nachname von diesem Edgar und Viola war ja sogar der selbe. Und dass ihm die Ähnlichkeit von Maria und Kate nicht vorher aufgefallen war, verstand er auch nicht.
,,Hat er einen Anfall?"
,,Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube der arme Junge durchlebt gerade die letzte Nacht", sagte Edgar ruhig.
Dieser wollte gerade noch etwas sagen, als Lukas plötzlich die Decke umschlug und mit einem Satz aus dem Bett war.
,,Was machen Sie?"
Lukas antwortete nicht sofort. Schnell schlüpfte er in seine Schuhe.
,,Ist irgendwas passiert?", fragte Maria besorgt.
Bei ihrer Stimme hielt der Schwarzhaarige kurz inne. Er drehte leicht den Kopf und schaute das Paar über die Schulter hinweg an.
,,Nein, mir ist nur gerade etwas sehr wichtiges eingefallen."
Natürlich war dies gelogen, und am liebsten hätte Lukas sich für diese dumme Ausrede selbst in den Hintern getreten. Doch auf die schnelle war ihm einfach nichts besseres eingefallen.
,,Verstehe. Nun, wir möchten Sie selbstverständlich nicht von Ihrem Vorhaben abhalten. Es war uns eine Freude, Ihnen zumindest ein wenig helfen zu können. Ich hoffe, Sie erholen sich bald vollständig von dieser Nacht. Und wenn es noch irgendwas gibt, was wir für Sie tun können, lassen Sie es uns wissen, Lukas."
Als der Angesprochene diese Worte hörte, packte ihn das schlechte Gewissen. Ihm war bewusst, dass sein überstürztes Verhalten einen merkwürdigen Eindruck machen musste.
Lukas nahm einen tiefen Atemzug. Obwohl seine Erkenntnis ihm regelrecht den Boden unter den Füßen weggerissen hatte, wusste er, dass er Maria und Edgar zumindest ein Dankeschön schuldig war.
Er drehte sich um und schaute die beiden an. Obwohl in seinem Inneren ein Sturm tobte, war seine Stimme ruhig und gefasst.
,,Ich bin Ihnen für die neuen Anziehsachen und Ihre Gastfreundschaft sehr dankbar. Ich würde ja wirklich gerne noch bleiben, allerdings muss ich wieder zu meinen Freunden. Die werden bestimmt schon krank vor Sorge sein. Und außerdem möchte ich Ihnen nicht weiter zur Last fallen. Das ist immerhin Ihre Kabine!"
Edgar nickte verständnisvoll.
,,Da ist was dran. Na dann, ich wünsche dir noch einen schönen Abend, Lukas. Wer weiß, vielleicht sieht man sich ja."
Der Schwarzhaarige biss sich auf die Innenseite seiner Wange.
,,Vielleicht", sagte er. Allerdings hoffte er insgeheim, dass dem nicht so sein würde. Es war nicht so, dass er etwas gegen das Paar hatte. Vielmehr lag es daran, dass er befürchtete, dass ein aufeinandertreffen der beiden mit Kate und Viola schlimme Folgen haben könnte. Zumal die Ähnlichkeit der vier, sobald man es wusste oder zumindest ahnte, nicht mehr zu übersehen war.
,,Pass auf deinem Weg bitte auf dich auf, ja? Es geht das Gerücht um, dass ein gewalttätiger junger Mann heute Vormittag einen Offizier zusammengeschlagen hat."
Als Lukas das hörte, gelang es ihm gerade noch so, ein bitteres Lachen zurück zu halten. Welch Ironie, dass es sich bei dem eben erwähnten gewalttätigen jungen Mann um den selben handelte, der jetzt gerade vor ihnen stand.
,,Klar, werd ich."
Maria schien etwas beruhigt.
,,In Ordnung. Wir wünschen dir noch einen schönen Abend", sagte Edgar.
Lukas hatte die Hand bereits nach dem Türknauf ausgestreckt, als er nochmals inne hielt.
,,Danke, den wünsche ich auch. Und nochmal vielen Dank. Für alles."
Mit diesen Worten drehte er das runde Objekt und verließ die Kabine.









Harry und James liefen schweigend durch die Korridore der Carpathia. Während der Blick des jüngeren auf den Boden gerichtet war, erwischte Harry sich immer wieder dabei, wie er seinem Kollegen aus dem Augenwinkel besorgte Blicke zuwarf.
Er spürte, wie sich sein Herz beim Anblick des anderen zusammenzog.
Es tat ihm richtig weh zu sehen, dass statt Lebensfreude, nun Trauer und Schmerz in James' Augen lagen.
Auch die Ausstrahlung des sonst so gut gelaunten jungen Mannes, hatte sich drastisch verändert. Harry war zwar kein Arzt, allerdings konnte er sehen, dass diese ganze Sache James viel mehr mitnahm, als ihn. Was jetzt nicht bedeuten sollte, dass er ein gefühlskalter Mensch war. Natürlich war auch er von diesem Ereignis gezeichnet. Und natürlich taten ihm all die Toten und Angehörigen leid. Allerdings hatte er, im Gegensatz zu James, niemanden verloren der ihm nahe stand.
Oder zumindest redete er sich das ein.
Es stimmte zwar, dass er Jasmine nicht einmal halb so gut kannte wie James, allerdings hatte er die Kleine durchaus ins Herz geschlossen. Sie war ein wahrer Sonnenschein gewesen. Das konnten auch seine anderen Kollegen bestätigen. Sogar Lightoller. Und das hieß schon was.
Harry zog die Augenbrauen zusammen.
Hätte er doch bloß nicht so lange mit dem Umkehren gewartet! Dann wäre Jasmine jetzt wahrscheinlich noch am leben!
Harry ballte seine Hände zu Fäusten zusammen.
,,Es ist nicht deine Schuld, Harry."
Der Waliser zuckte leicht zusammen und schaute James voller Zweifel an.
Dieser hatte den Blick jedoch nach vorne gerichtet.
Harry senkte den Blick.
,,Ich wünschte das selbe könnte ich auch behaupten. Aber machen wir uns nichts vor. Wenn ich nur ein paar Minuten früher zu euch gekommen wäre, dann wäre-"
James unterbrach ihn.
,,Es hätte nichts geändert!"
Überrascht vom harschen Tonfall des anderen, geriet Harry leicht ins stocken.
Mit etwas ruhigerer Stimme fuhr James fort.
,,Sie war schon halbtot, als ich sie gefunden habe. Von dem Moment an, als ich sie dort liegen sah wusste ich, dass es für sie keine Hoffnung mehr gab. Allerdings wollte ich es mir einfach nicht eingestehen. Ich wollte es nicht wahrhaben. Deshalb habe ich es bis zuletzt verdrängt und mir falsche Hoffnungen gemacht. Mir und auch ihr eingeredet, dass alles gut werden würde.
Ich habe die ganze Zeit zu Gott gebetet und ihn regelrecht angefleht, sie zu verschonen und stattdessen lieber mich zu holen."
James' Miene verfinsterte sich.
,,Doch wie du siehst, hat es nichts gebracht! Er hat sie mir trotzdem genommen!"
Harry hatte keine Ahnung, was er sagen sollte. Das war das erste Mal, dass James so offen über diese Sache mit ihm sprach.
,,Ich hätte es verhindern können, wenn ich meine Arbeit richtig gemacht und sie in eines der Boote gesetzt hätte!"
Der Waliser schwieg immernoch.
,,Kannst du jetzt verstehen warum ich versucht habe, von diesem Schiff zu springen?", fragte James mit kaum hörbarer Stimme.
,,Ja und nein", antwortete der fünfte Offizier und blieb stehen.
,,Ja, weil diese Schuld, die du empfindest, unerträglich ist. Und nein, weil du Jasmine ein Versprechen gegeben hast und es mit dieser Aktion achtlos mit Füßen trittst!"
Den letzten Teil sagte er absichtlich mit einer gewissen Schärfe in der Stimme.
Auch James war jetzt stehen geblieben.
Genau das selbe hatte schon Lukas zu ihm gesagt.
,,Ich weiß, dass deine Schuldgefühle nicht von jetzt auf gleich weggehen werden. Und wahrscheinlich werden sie es auch nie ganz. Aber das ist niemals ein Grund, sich selbst das Leben zu nehmen. Jasmine mag zwar körperlich nicht mehr da sein, aber sie lebt in deinem Herzen und deiner Erinnerung weiter. Solange du sie in deinem Herzen hast, wird sie niemals ganz weg sein."
James spürte, wie Harrys Worte Tränen in ihm aufsteigen ließen.
,,Sie hat dir ihren letzten Willen anvertraut, und du hast ihr dein Wort darauf gegeben, ihn zu erfüllen."
Harry konnte ein ganz leises Schluchzen hören.
Ohne zu zögern, ging er auf James zu und klopfte ihm dann mitfühlend auf die Schulter.
,,Komm, der Schiffsarzt wird schon wissen, womit er dir helfen kann."
James protestierte nicht und folgte dem Waliser stumm.
Etwa eine halbe Stunde später, befand Harold sich in der Kabine, welche er sich mit dem des dritten Offizier der Carpathia teilte.
Obwohl er eigentlich vorgehabt hatte, schlafen zu gehen, fand er einfach keine Ruhe. Immer wieder lief er unruhig durch den Raum.
Was, wenn James sich doch dazu entschied, sich was anzutun? Er hatte dem Schiffsarzt zwar gesagt, was vorgefallen war und ihn auch darum gebeten, ein Auge auf James zu haben. Doch da er der einzige Arzt war, den das Schiff hatte, konnte er natürlich nicht rund um die Uhr auf den traumatisierten Offizier aufpassen.
Harold überlegte, Lightoller, Pitman und Boxhall um Hilfe zu bitten. Denn wer wusste schon, wie lange es dauerte, bis James wieder rückfällig wurde.
Himmel, er könnte ja sogar in diesem Moment wieder versuchen, sich etwas an zu tun.
,,So ein Quatsch! Der Arzt hat ihm eben erst ein Beruhigungsmittel gegeben. So schnell tut der Bursche nichts!", sagte er zu sich selbst und lief währenddessen unruhig auf und ab.
Ein Blick auf die Uhr verriet, dass es schon weit nach Mitternacht war.
Harry fuhr sich mit der Hand durch die kurzen, dunkelbraunen Haare.
Was tat er hier eigentlich? Normalerweise war er nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. Er hatte schon viele schlimme Dinge während seiner Zeit auf See erlebt. Aber nichts hatte ihn so sehr aus der Bahn geworfen, wie die Ereignisse der letzten Tage.
Er fühlte zwar, wie die Müdigkeit seinen Körper nach und nach in Besitz nahm, allerdings war es sein Geist, der nicht zur Ruhe kam.
Vielleicht würde ein kleiner Spaziergang oben an Deck ihm helfen, seine Nerven etwas zu beruhigen.









Beim verlassen der Kabine achtete Viola sorgsam darauf, die Tür ganz leise zu schließen, um George, welcher endlich eingeschlafen war, nicht aufzuwecken.
Kurz hielt sie inne und lauschte. Als sie jedoch nichts auffälliges hören konnte, atmete sie einmal erleichtert aus und wandte sich dann ab.
Da sie sich den Weg, welchen sie mit Anna gegangen war gemerkt hatte, dauerte es nicht lange, bis sie wieder zurück im provisorischen Gemeinschaftraum für die dritte Klasse war.
Der Raum war gefüllt mit leisem Schnarchen und gelegentlichem Gemurmel. Vereinzelt konnte sie einige Gestalten erkennen, die dicht beieinander saßen und sich flüsternd miteinander unterhielten.
Diesem schenkte die Braunhaarige keine Beachtung. Es wurde Zeit, dass sie zu Kate und Lukas zurückkehrte. Vorsichtig und auf ganz leisen Sohlen, huschte sie auf den Ausgang zu.
Von da an brauchte Viola fast eine dreiviertel Stunde, bis sie endlich auf den oberen Decks angekommen war.
,,Warum müssen die aus diesen blöden Schiffen ganze Labyrinthe machen? Kein Wunder, dass so viele aus der dritten Klasse nicht überlebt haben!", murrte Viola genervt und wütend.
Sie war fast an ihrem Ziel angekommen, da kam ihr auch schon ein junger und etwas gestresst aussehender Stewart entgegen.
,,Oh, verzeihen Sie, Miss! Ich wollte Sie nicht erschrecken!"
Viola winkte ab.
,,Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein? Soll ich sie auf Ihre Kabine begleiten?"
Der junge Stewart musterte sie kurz, bevor ihn dann die Erkenntnis traf. Sofort senkte er beschämt den Kopf.
,,Tut mir leid, ich wusste nicht, dass Sie eine Überlebende sind!"
Viola unterdrückte den Drang mit den Augen zu rollen. Sie war zwar todmüde und noch immer genervt von ihrer halben Weltreise in den unteren Decks. Trotzdem zwang sie sich freundlich zu bleiben.
,,Macht nichts. Und ja, Sie können mir behilflich sein. Ich möchte gerne zu den anderen Passagieren der Titanic."
Viola merkte, wie ihr beim Aussprechen dieses Namens fast die Galle hochkam.
,,Selbstverständlich! Bitte folgen Sie mir."
Die Braunhaarige tat wie geheißen und folgte dem jungen Mann.
Schweigend führte er sie beide durch die verzweigten und endlos erscheinenden Gänge und Korridore.
Es war Viola ein Rätsel, wie Leute sich hier überhaupt zurechtfinden konnten.
Der Stewart warf ihr gelegentlich einen Blick zu. Er arbeitete zwar schon seit fast drei Jahren auf der Carpathia, aber noch nie war ihm eine so hübsche junge Frau über den Weg gelaufen.
Er öffnete den Mund, schloß diesen aber kurz darauf wieder. Er hatte keine Ahnung, wie er eine Konversation mit ihr starten sollte.
Er wollte keine allzu persönlichen Fragen stellen. Genauso wenig wollte er die Titanic erwähnen. Denn er wusste ja nicht, was die junge Frau alles mitgemacht hatte. Der junge Mann überlegte und entschied sich dann dazu, das erstbeste zu fragen, was ihm in den Kopf kam.
,,Sie sind aber noch ganz schön spät unterwegs. Haben Sie noch jemanden besucht?"
Obwohl Viola die Frage laut und deutlich gehört hatte, ignorierte sie diese. Sie wollte im Moment nicht reden. Und mit einem Fremden schon gar nicht.
Das schien auch der Stewart zu bemerken. Beschämt starrte er nach vorne.
,,Verzeihen Sie mir diese unangebrachte Frage. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten."
Für den Rest des Weges versuchte der Stewart so leise und unauffällig wie möglich zu sein.
Erst als sie beim Speisesaal, welcher als provisorische Unterkunft für die überlebenden Passagiere der ersten Klasse diente, angekommen waren sagte er wieder was.
,,Da wären wir. Ich möchte mich nochmals dafür entschuldigen, dass ich Ihnen solche Unannehmlichkeiten bereitet habe. Ich dachte, dass vielleicht eine kleine Unterhaltung Sie etwas auf andere Gedanken bringen würde."
Viola seufzte bei diesen Worten leise. Sie war zwar immernoch genervt, wusste aber, dass der junge Mann keineswegs böse Absichten gehabt hatte.
,,Ist schon okay. Es ist zwar nett gemeint gewesen, aber im Moment möchte ich einfach nur meine Ruhe."
Ein verständnisvolles Nicken kam von ihrem Gegenüber.
,,Das verstehe ich natürlich. Ich lasse Sie jetzt in Frieden. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht."
Viola wünschte ihm das selbe und betrat den Speisesaal. Sie war keine drei Meter gelaufen, als plötzlich ein bekanntes Gesicht wie aus dem nichts vor ihr auftauchte.
Erschrocken schnappte die Braunhaarige nach Luft, als sie in das erleichterte Gesicht ihrer besten Freundin Kate schaute.
,,Um Gottes Willen, Kate! Erschreck mich doch nicht so!", zischte Viola leise.
,,Ich soll dich nicht so erschrecken? Weißt du überhaupt was für Sorgen ich mir gemacht habe? Seit Ewigkeiten such ich schon nach dir und Lukas! Wo warst du überhaupt?"
Bei Kates vorwurfsvollem Blick, trat Viola unruhig von einem Fuß auf den anderen. Sie hatte nicht mehr daran gedacht, dass ihre Freundin ja überhaupt keine Ahnung hatte, wo sie überhaupt hingegangen war.
,,Ich war bei Anna", gestand sie kleinlaut.
,,Wieso denn?"
Viola rieb sich unbehaglich den Arm.
,,Weil..."
Kate konnte sehen, dass sich einzelne Tränen in den Augen ihrer besten Freundin bildeten.
,,Hey, was ist denn los?", fragte sie ängstlich und voller Sorge.
,,Es ist wegen Oliver", sagte Viola heiser.
Kates Augen weiteten sich vor Schreck.
,,Was ist denn mit ihm? Ist er verletzt? Sag schon!"
Viola schaute mit tränenerfüllten Augen zu Kate.
,,Er ist tot, Kate", flüsterte sie mit brüchiger Stimme.
Entsetzt schlug die Blondhaarige sich die Hand vor den Mund.
Fast eine Minute lang starrte sie die in Tränen aufgelöste junge Frau an. Unfähig, sich auch nur einen Millimeter zu rühren.
,,Nein...", murmelte sie ungläubig.
Viola schluchzte nur und wischte sich die Tränen weg.
,,Oh Gott, das...das tut mir so leid", stammelte Kate mitfühlend und legte ihre Arme um die Braunhaarige. Sie wusste zwar, dass diese Umarmung das Geschehene weder ungeschehen machen, noch den Schmerz nehmen konnte. Aber im Moment war es das einzige, was sie für Viola tun konnte.
,,Komm", sagte Kate mit sanfter Stimme und führte die Ältere zu ihren Schlafplätzen.
Dort angekommen, fiel Viola auf, dass jemand fehlte.
,,Wo ist Lukas?"
Kate zog etwas die Augenbrauen zusammen.
,,Ich weiß es nicht. Ich dachte er wäre bei dir."
Als sie das sagte, war die Sorge in ihrer Stimme nicht zu überhören.
,,Und ich dachte, er hätte sich wieder beruhigt und wäre bei dir", gestand Viola mit zitternder Stimme.
Kate saß da, als wäre sie vom Blitz getroffen worden.
,,Er wird doch nicht etwa nach James gesucht und ihm was angetan haben, oder?"
Kates Herz begann bei dieser Vorstellung heftig zu schlagen. Nach seinem vorherigen Ausraster, traute sie ihrem Freund alles zu. Zumal er James sogar angedroht hatte, ihn umzubringen.
Mit einem Satz war die Blondhaarige wieder auf den Beinen. Sie konnte nicht länger tatenlos hier rumsitzen. Sie musste sicherstellen, dass mit James alles in Ordnung war. Und sie musste Lukas finden.
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