Ich will dich nicht verlieren!

GeschichteRomanze, Tragödie / P16
OC (Own Character)
21.09.2019
22.01.2020
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Ein dickes fettes "Hi" an alle meine treuen Leserinnen und Leser da draußen. :D
Ja, es ist in der Tat wieder vollbracht. Ein neues Kapitel ist erschienen. *Freu*
Es ist zwar schon nach 23:00 Uhr und eigentlich müsste ich morgen früh aufstehen, but who cares! Ich hatte heute irgendwie richtig Bock gehabt dieses Kapitel zu schreiben und hier ist es nun.
Jedenfalls wünsche ich euch allen, wie immer, viel Spaß beim lesen und hoffe, dass es euch gefällt.

Gruß SunshineOak. :)




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Prustend und mit möglichst gleichmäßigen Bewegungen, kämpfte Oliver sich durch das eisige Wasser des Nordatlantiks.
Dabei achtete er darauf, dass er einen großen Bogen um die Ertrinkenden machte. Diese versuchten nach allen möglichen Gegenständen zu greifen, um nicht unter Wasser gezogen zu werden.
"Helft uns!"
"Kommt zurück, rettet uns!"
Die Verzweiflung in den Schreien war deutlich zu hören.
Einige von ihnen fingen im eisigen Wasser sogar an, zu Gott zu beten. Und am liebsten hätte Oliver sich ihnen angeschlossen. Doch tief in seinem Herzen wusste er, dass ihnen niemand helfen würde. Zumindest nicht jetzt.
Er versuchte die Kälte, welche sich wie tausende von Messerstichen anfühlte zu ignorieren. Er musste James finden.
Während er sich weiter unaufhaltsam durch das Meer an Trümmer und ertrinkender kämpfte, landeten immer mehr Menschen laut platschend im Wasser. Obwohl die meisten von ihnen kurz nach dem Aufschlag wieder auftauchten, kehrten manche nie wieder an die Oberfläche zurück. Oliver hoffte, dass diese armen Seelen einen schnellen und vorallem schmerzfreien Tod hatten.
Sein Blick wanderte nach oben. Er konnte es einfach nicht glauben. Das Schiff, welches ihn und George in die neue Welt bringen und somit eine sichere Zukunft garantieren sollte, ragte jetzt, umgeben von Menschen, Deckstühlen und anderen Gegenständen, im neunzig Grad Winkel aus dem Wasser.
Das Eisen aus dem die Titanic gefertigt war, machte dabei Geräusche, die eine unheimliche Ähnlichkeit mit Schreien hatten.
Das Schiff versuchte wirklich mit aller Macht, gegen sein unvermeidliches Ende zu kämpfen.
Ein schrilles Pfeifen erregte plötzlich Olivers Aufmerksamkeit. Ein kleiner Hoffnungsschimmer breitete sich in ihm aus. Er hatte dieses Geräusch schon öfters an Bord der Titanic gehört. Nämlich immer dann, wenn ein Offizier seine Runde gedreht und ein Fehlverhalten bemerkt hatte. Und auch während der Evakuierung hatte er die schrillen Klänge von Trillerpfeifen wahrgenommen.
Es konnte sich hierbei also nur um einen Offizier handeln. Und vielleicht war es ja sogar James.
Oliver lauschte. Als er hörte, aus welcher Richtung in etwa das Pfeifen kam, schwamm er direkt darauf zu.
Er hoffte inständig, dass es sich dabei um den sechsten Offizier handelte.
Da er sich nicht sicher war, ob er nun in die richtige Richtung schwamm oder nicht, hielt er kurz inne und horchte angestrengt.
Als er den schrillen Ton jedoch für eine ganze Weile nicht mehr hörte, konnte er spüren, wie sich ein ungutes Gefühl in seiner Magengegend ausbreitete.
James war doch nicht etwa von einem panischen Passagier unter Wasser gedrückt worden, oder?
"Ihr müsst schwimmen!" ertönte neben ihm dann urplötzlich der scharfe Befehl einer jungen und sehr erschöpft klingenden Männerstimme.
Sofort erkannte Oliver, um wen es sich dabei handelte.
"James!" rief er voller Erleichterung.
"Oliver?"
Der Angesprochene schaute in die Richtung, aus der die Antwort kam. Doch da die Person vor ihm keine Mütze trug und obendrein auch noch eine übel aussehende Wunde hatte, aus der unaufhörlich Blut sickerte und eine dunkle Spur im Gesicht hinterließ, glaubte er sogar für einen ganz kurzen Moment, sich getäuscht zu haben. Doch als Oliver einen einzigen goldenen Ring am Ärmel der Uniform erkannte, wusste er, dass er sich nicht geirrt hatte und die Person vor ihm tatsächlich James war.
Dieser hielt sich mit beiden Händen an einem Stück Holz fest. Die Erschöpfung und der Schmerz standen ihm ins Gesicht geschrieben.
"Junge junge, du sahst auch mal besser aus." sagte Oliver und beäugt sein Gegenüber kritisch.
"Dem k-kann ich...nicht wi-widersprechen." brachte der junge Offizier mit zittriger Stimme mühsam hervor.
Olivers Körper begann nach einer Weile ebenfalls heftig zu zittern. Auch er bekam nun die Konsequenzen, die sein Aufenthalt in diesem verdammt kalten Wasser hatte, zu spüren.
Die Schmerzen, die er bisher irgendwie ausblenden konnte, kehrten jetzt mit noch größerer Intensität zurück und brachten ihn damit beinahe um den Verstand.
Sein Herz raste wie verrückt in seinem Brustkorb. Und auch seine Atmung war deutlich schneller als normal.
Doch trotz allem, hatte Oliver nicht vergessen, weshalb er eigentlich nach dem Offizier gesucht hatte. Doch noch bevor er etwas sagen konnte, hatte James bereits die Stimme erhoben.
"Oliver, hast du...hast du Jasmine vielleicht irgendwo gesehen?"
Der hoffnungsvolle und beinahe schon flehende Klang sorgten dafür, dass sich Olivers Herz vor Mitleid zusammen zog.
Das und der angsterfüllte Ausdruck in James' Augen zeigten, wie sehr er um das Leben seiner Verlobten fürchtete.
Ein winzig kleines Lächeln schaffte es, sich zumindest kurzzeitig auf Olivers Lippen zu legen.
"Ja, ha-habe ich." sagte er dann.
Bei diesen Worten schlug James' Herz sofort schneller.
"Wo ist sie?" fragte er und ließ seinen Blick suchend umherschweifen.
"Ich habe sie da hinten auf einige Deckstühle gelegt." sagte er und zeigte hinter sich. Sein Blick wurde jedoch schlagartig ernst, als er sich ihren schwächlichen Anblick wieder vor Augen führte.
"Allerdings ist sie in einem sehr schlechten Zustand."
James wurde augenblicklich hellhörig.
"Was genau meinst du damit?" fragte er besorgt nach.
Oliver sah dem Offizier fest in die Augen.
"Ich habe sie gerade noch rechtzeitig vor dem Ertrinken retten können, James! Als ich sie zurückgelassen habe um dich zu suchen, war sie kaum noch bei Bewusstsein. Ich musste sie sogar den ganzen Weg, den ich bis zu den Deckstühlen geschwommen bin, auf meinem Rücken tragen und aufpassen, dass sie nicht abrutscht."
Jetzt wurde seine Stimme plötzlich leiser.
"Wenn sie nicht bald Hilfe bekommt, dann fürchte ich wird sie..."
Obwohl James nur den ersten Satz hörte, wusste er bereits, was Oliver ihm damit sagen wollte.
"Bring mich bitte sofort zu ihr!" drängte er den jungen Mann vor sich. Dieser nickte nur stumm und bedeutete dem Offizier, dass er ihm folgen sollte.
Beide Männer schafften es, ihre Kraftreserven ein weiteres Mal zu mobilisieren und schwammen nun so schnell sie nur konnten, zu dem provisorischen Floß auf dem Jasmine lag.
James betete nicht nur zu Gott. Er flehte ihn sogar regelrecht an, dass er doch bitte Erbarmen zeigen und ihm nicht auch noch Jasmine wegnehmen sollte.
Wenn er unbedingt jemanden zu sich holen wollte, dann ihn. Immerhin war er es auch, der heute Nacht sterben sollte und nicht sie.
"Wie weit...müssen wir noch?" fragte James prustend.
Oliver warf ihm einen Blick über die Schulter zu.
"Nicht mehr weit, wir sind gleich–..." weiter kam der Mann mit den dunkelblonden Haaren allerdings nicht, da plötzlich ein  Knallen, ähnlich einem Peitschenhieb, ertönte. Kurz darauf folgte ein nur allzu bekanntes Krachen und Heulen.
Beide Männer sahen hoch. Entsetzt stellten sie fest, dass die Drahtseile des zweiten Schornsteins sich ebenfalls gelöst hatten und dieser sich nun langsam und Rauch spuckend in ihre Richtung neigte. Mit Entsetzen beobachtete James, wie das Ungetüm aus Eisen immer größer wurde. Er löste sich aus seiner Starre und schwamm so schnell wie nur möglich von dort weg.
Auch einige der anderen Passagiere, welche sich in seiner unmittelbaren Nähe aufhielten, hatten die Gefahr bemerkt. Voller Angst schrien sie auf und auch sie versuchten irgendwie zu entkommen.
James warf einen Blick über die Schulter. Geschockt musste er feststellen, dass Oliver ihm nicht, wie er fälschlicherweise angenommen hatte, gefolgt war. Stattdessen verharrte er an Ort und Stelle und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf das näher kommende Objekt.
Kurz bevor der Schornstein auf das Wasser traf, wurden die Schreie der Menschen darunter noch mal um ein vielfaches lauter.
"OLIVER!" schrie James noch, doch es war bereits viel zu spät.
Aus reinem Schutzreflex hoben Oliver und etliche weitere Passagiere die Hände, doch das Gewicht des tonnenschweren Schornsteins zerquetschte und tötete die Menschen die er unter sich begrub gnadenlos.
Der Aufprall erschuf eine weitere, riesige Welle.
Gerade noch rechtzeitig konnte James tief Luft holen, bevor ihn die Woge mit voller Wucht traf, unter Wasser drückte und dabei meterweit vom Schiff wegtrieb.
Es dauerte eine Weile, bis er die Orientierung wieder erlangt hatte.
Keuchend und nach Luft ringend, war er schließlich wieder an der Oberfläche.
Sein Blick glitt über das dunkle Meer, welches nur von den flackernden Lichtern der Titanic erhellt wurde.
Er hatte keine Ahnung, in welche Richtung er nun schwimmen musste.
Die Verzweiflung, die er krampfhaft versuchte zurückzuhalten, breitete sich erbarmungslos in seinem Herzen aus. Er war nun nicht mehr der professionelle, disziplinierte sechste Offizier des größten Schiffes der Welt. Er war jetzt nichts weiter als ein verängstigter junger Mann, der nichts weiter wollte, als seine Verlobte wieder zu finden und diese ganze Sache hier irgendwie zu überleben.
James spürte, wie die Last dieser ganzen Situation ihn regelrecht zu erdrücken drohte.
Er hatte erstens keine Ahnung, wo genau sich dieses verdammte Floß befand, Oliver konnte es ihm ja leider nicht mehr mitteilen. Und zweitens, und das war auch das allerschlimmste für ihn, wusste er gar nicht, ob es überhaupt noch existierte und ob Jasmine noch am leben war oder nicht. Denn wenn das Floß von der Welle möglicherweise zerstört worden war, dann war dies ohne Zweifel Jasmines sicheres Todesurteil.
'Wenn doch nur dieser verdammte Schornstein nicht gewesen wäre, dann wäre Oliver jetzt noch am leben und könnte mich zu Jasmine bringen!' dachte der sechste Offizier wütend.
Doch trotz seiner Wut und Verzweiflung, glaubte er dennoch an ein Wunder.
Gott konnte doch wirklich nicht so grausam sein und ihm alles wegnehmen, was ihm etwas bedeutete. Er weigerte sich strikt, diesen Gedanken weiter zu zulassen. Er wollte es einfach nicht glauben. Denn ein lächerlich kleiner Teil von ihm hatte immernoch die Hoffnung, dass Jasmine weitestgehend wohlauf war und alles wieder gut werden würde.
Dies lag erstens daran, dass James von Natur aus schon ein eher optimistischer Mensch war und zweitens hatte der Funker Bride ihm beim Versuch Floß B klar zu machen mitgeteilt, dass Hilfe bereits zu ihnen unterwegs war. Irgend so ein kleinerer Dampfer namens Carpathia.
Er sagte zwar auch, dass sie erst gegen vier Uhr hier eintreffen würden, aber das war immernoch besser als gar keine Rettung. Und wer weiß, vielleicht schafften sie es ja auch, früher einzutreffen.
Doch nichts desto trotz musste James alles daran setzen, endlich dieses verdammte Floß zu finden.
Er begutachtete seine jetzige Position. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er sich nur circa dreißig Meter weiter östlich von seiner ursprünglichen Position befand.
James versuchte sich daran zu erinnern, in welche Richtung Oliver gedeutet hatte, bevor sie losgeschwommen waren. Doch das war bei dieser Eiseskälte alles andere als leicht. Als kleine Orientierungshilfe nahm er sich die Titanic.
Selbstverständlich musste er auch berücksichtigen, dass das Floß aufgrund der entstandenen Welle garantiert weiter fortgetrieben worden war.
Als James schließlich glaubte, die ungefähre Position ausgemacht zu haben, schwamm er einfach drauf los.
Da sein Ergebnis allerdings nur auf sehr groben Schätzungen beruhte, blieb ihm nichts anderes übrig als zu hoffen, dass er Glück hatte und Jasmine sich tatsächlich in etwa dort aufhielt. Anderenfalls wäre alle Hoffnung auf Rettung verloren. Sowohl für sie, als auch für ihn.







Ein lautes, heulendes Krachen erregte Jasmines Aufmerksamkeit.
Beinahe sofort hob sie die vor Müdigkeit schweren Augenlider und suchte nach der Ursache des Geräusches.
Ihr Blick heftete sich auf die Titanic, deren Lichter immer mal wieder kurzzeitig erloschen, nur um kurz darauf wieder hell zu erstrahlen.
Es dauerte nicht lange, bis sie schließlich den Grund für das Krachen gefunden hatte. Der zweite Schornstein war aus seiner Vorrichtung herausgebrochen und stürzte nun nach unten. Und wie schon beim ersten, begrub auch dieser unzählige unschuldige Menschen unter sich.
Der Aufschlag brachte das Wasser in Bewegung. Innerhalb von Sekunden, hatte die entstandene Strömung sie und die Deckstühle erreicht. Doch dank des Abstandes, der zwischen ihr und der Titanic lag, wurde das notdürftig zusammengebastelte Floß nur leicht durchgeschüttelt. Was jedoch nicht bedeutete, dass Jasmine dadurch weniger Angst hatte. Immerhin waren die zusammengebundenen Deckstühle recht fragil und für sowas eigentlich nicht geeignet. Sie hatte keine Ahnung, in wie weit sie diesem plötzlichen Seegang standhalten würden. Doch zu ihrer Erleichterung tanzte das Floß nur sachte auf den Wellen. Dabei stieß es auch an einige Trümmerteile, welchen es jedoch nicht allzu große Beachtung zu schenken schien.
Jasmine schloss wieder die Augen. Aufgrund der Kälte, konnte sie bereits kaum noch ihre Beine spüren. Und das obwohl ihr ganzer Körper schon seit Ewigkeiten versuchte, sich durch das Zittern irgendwie warm zu halten.
Ihre Atmung war schnell und ging stoßweise. Und auch ihr Puls- und Herzschlag waren doppelt so schnell wie gewöhnlich.
Jasmine wusste, dass dies die ersten sicheren Anzeichen einer Unterkühlung waren.
Und obwohl sie Oliver anfangs noch dankbar für seine Hilfe gewesen war, so wünschte sie sich jetzt nichts mehr, als dass er sie einfach dort unten hätte sterben lassen. Denn jetzt stand ihr ein deutlich langsamerer Tod bevor.
Jeder Atemzug war zu viel und eine wahre Qual für sie. Die Kälte stach nicht nur auf ihrer Haut, sie stach auch in ihrer Nase und ihrer Luftröhre. Ihre Lunge brannte noch immer höllisch von dem Salzwasser und bei jedem ein- und ausatmen konnte sie es brodeln und pfeifen hören. Allgemein bekam sie deutlich schlechter Luft, als noch vor ihrem beinahe Ertrinken. Und von dem entsetzlichen Schmerz, der in ihrem Hinterkopf pochte, wollte sie gar nicht erst anfangen.
'Ich will sterben!' dachte sie und flehte stumm zu Gott, dass er sie doch endlich zu sich holen sollte. Sie wusste gar nicht, wie lange sie hier überhaupt schon lag. Jegliches Zeitgefühl hatte sie mittlerweile vollständig verloren.
Das einzige was sie noch wach hielt war ihr verzweifelter und vielleicht auch naiver Wunsch, dass Oliver jeden Augenblick mit James zurückkehren würde. Doch je mehr Zeit verstrich, desto kleiner wurde ihre Hoffnung, dass überhaupt irgendjemand zurückkehren würde.
Irgendwann hatte sie die Hoffnung schließlich vollständig aufgegeben und musste die schreckliche Wahrheit, das James und wahrscheinlich auch Oliver tot waren, schweren Herzens akzeptieren.
'Es tut mir so schrecklich leid, ich wollte das alles nicht. Ich...Ich hätte mir mehr Mühe geben sollen! Bitte...verzeiht mir.'
Diese reuevollen Worte wiederholte Jasmine immer und immer wieder stumm in ihrem Kopf. Es war ihr egal, wie oft man ihr gesagt hatte, dass diese Tragödie nicht ihre Schuld war. Es war ihr auch egal, dass nicht sie es gewesen war, die die Eiswarnung unterschlagen hatte, sondern Ismay. Und es interessierte sie auch nicht mehr länger, dass diese Katastrophe ein wichtiger Punkt in der Geschichte war und passieren musste. Sie fühlte sich trotzdem mitverantwortlich für das alles hier.
Aber wenigstens würde sie schon bald ihre gerechte Strafe dafür bekommen.
Sie hatte mit ihrer Verschwiegenheit so viele Menschen zum Tode verurteilt. Wie konnte sie es nur wagen, an ein glückliches Leben mit James an ihrer Seite zu denken, wenn so viele unschuldige Leben wegen ihr endeten?
Das wäre nicht gerecht und der selben Meinung schien auch die höhere Macht zu sein, die sie in diese Zeit geschickt und in diese ganze Sache verwickelt hatte. Den Grund für ihren Aufenthalt kannte sie zwar immernoch nicht, aber das war ihr mittlerweile genauso scheißegal. Sie hatte versagt. Die Titanic ging trotzdem unter, über tausendfünfhundert Menschenleben würden heute Nacht ausgelöscht werden, und James hatte sie auch nicht retten können. Sie hatte gar nichts geschafft! Außer, sich hoffnungslos in einen Toten zu verlieben und jetzt alleine mitten auf dem Nordatlantik zu sterben.
Sie hatte ja nicht einmal die Chance gehabt, sich von Lukas, Kate und Viola zu verabschieden.
Sie mochte sich gar nicht vorstellen, wie sie auf die Nachricht reagieren würden. Vorallem ihr Bruder.
'Armer Lukas.' dachte Jasmine und spürte, wie eine einzelne heiße Träne ihr blasses, eiskaltes Gesicht runter lief.
Sie hatte nicht nur James angelogen und enttäuscht, auch ihren Bruder und ihre zwei besten Freundinnen ließ sie nun im Stich.
Immer mehr Tränen rollten nun ihre Wangen hinunter.
Leise schluchzend lag sie da und ließ ihrer Trauer und ihrem Zorn auf sich und ihr Versagen freien Lauf.







James wusste nicht, wie lange er bereits in diesem gottberdammten Wasser herumschwamm. Himmel, er wusste ja noch nicht einmal, ob er sich der Stelle, an welcher das Floß in etwa sein sollte, nun näherte oder nicht.
Er entfernte sich zwar immer weiter von dem Schiff und den im Wasser herumirrenden Menschen, aber irgendwie hatte er das Gefühl, dass er trotzdem kaum vorwärts kam. Und das war es auch, was ihn einerseits so frustrierte und andererseits fast schon verzweifeln ließ.
Seine Kräfte schwanden unaufhörlich weiter und es fiel ihm mittlerweile auch ziemlich schwer, überhaupt noch über Wasser zu bleiben.
Er hatte sogar schon die Jacke seiner Uniform ausgezogen um etwas leichter zu sein. Doch wirklich besser geworden war es dadurch auch nicht. Und auch seine Kopfwunde machte ihm schwer zu schaffen. Immer wieder sickerte ihm Blut ins Auge. Und das Gefühl, als würde sein Kopf jeden Moment platzen, begleitete ihn ständig.
Und dennoch gab er die Hoffnung nicht auf. Denn solange auch nur der Hauch einer Chance bestand, dass Jasmine noch am leben war, würde er weitersuchen. Fakt war nämlich, sollte er heute Nacht wirklich sterben, so wollte er bei Jasmine sein. Er wollte ihr sagen, wie sehr er sie liebte. Sie küssen und ganz lange in seinen Armen halten. Er wollte ihre liebliche Stimme nochmal hören, ihren süßen Duft ein letztes mal einatmen und einfach nur ihre Nähe spüren.
Aber am allermeisten wollte er ihr in ihre wunderschönen Augen sehen, wenn er ihr versprach, dass er immer bei ihr sein und sie beschützen würde.
Und obwohl James ein gestandener junger Mann war, der das letzte mal als Kind bei der Beerdigung seiner Mutter geweint hatte, trieb ihm allein schon der Gedanke, Jasmine für immer Lebewohl sagen zu müssen, die Tränen in die Augen.
Schnell blinzelte der sechste Offizier diese weg und schwamm weiter.
Ein leises Geräusch ließ ihn dann aber urplötzlich innehalten.
James musste schon wirklich angestrengt hinhören, um dieses kaum vernehmbare Geräusch, welches von den Hilferufen der anderen sehr leicht übertönt wurde, zuordnen zu können.
Es war ein Schluchzen. Zwar war es sehr leise, aber es war da. James erkannte es sofort. Er hätte es sogar unter tausenden wiedererkannt.
Erleichterung machte sich in ihm breit. Sein Herz schlug ihm fast bis zum Hals. Sie war es. Sie lebte noch und sie war ganz nah.
James schwamm in die Richtung, aus welcher das Geräusch kam. Er folgte ihm regelrecht. Genau wie eine Motte, welche vom Licht angezogen wurde, wurde James vom Klang ihrer Stimme  angezogen.
"Jasmine!" rief er. Wobei sein Ruf eher einem etwas lauteren Flüstern glich.
Er versuchte es erneut. Diesmal war seine Stimme zwar schon deutlich lauter und auch kraftvoller, aber es reichte immernoch nicht aus, damit sie ihn hören konnte.
Schon bald kamen das Floß und Jasmine in Sicht. Trotz der Dunkelheit konnte James die liegende Gestalt seiner Liebsten ausmachen. Beflügelt von dem Verlangen, sie in endlich wieder in die Arme schließen und bei ihr sein zu können, schwamm er schneller.
Als er das Floß dann schlussendlich erreicht hatte, streckte er seine Hand nach ihr aus.
Jasmine zuckte daraufhin leicht zusammen.
Obwohl sie sich erschrocken hatte, öffnete sie ihre Augen nicht.
"Oliver?" flüsterte sie heiser.
"Nein, ich bin es." antwortete James flüsternd.
Jasmine schwieg für einen ganz kurzen Moment. Doch dann schossen die Lider ihrer Augen in die Höhe. Die Überraschung in ihrem Blick war dabei nicht zu übersehen.
"James? Bi-bist du's...wirklich?" fragte sie ungläubig.
Ein kleines Lächeln legte sich nun auf seine Lippen.
Mit seiner rechten Hand strich er ihr sanft eine Strähne hinters Ohr.
"Ja Liebste. Ich bin es wir-wirklich." flüsterte er liebevoll.
"Oh James! Es tut mir so leid, da-dass du meinetwegen sterben...m-musstest!" wimmerte die Braunhaarige schuldbewusst.
James verstand nicht was sie damit meinte. Er lebte doch noch.
"Jasmine" begann er, doch die Jüngere fiel ihm ins Wort.
"Ich wusste, dass ich bald sterben würde, a-aber ich nicht, wie l-lange es noch dauern würde. Du glaubst nicht...wi-wie froh ich bin, dass es jetzt endlich vorbei ist!"
Jetzt verstand James.
"Jasmine, h-hör mir bi-bitte zu, ja?"
Die Braunhaarige sah ihn an.
"Natürlich Liebster."
"Du bist nicht tot! Genauso wenig wie ich!"
Jasmine starrte den Offizier völlig perplex an. Ihre Augen waren dabei vor Schreck geweitet.
Sie war nicht tot? Und James auch nicht?
Als sie ihm in die müden Augen schaute und die Ehrlichkeit in ihnen sah wusste sie, dass er nicht log. Und dennoch konnte sie es einfach nicht glauben. Es war ein wahres Wunder. Fast schon zu schön um wahr zu sein.
"Bin ich wirklich nicht tot?" hakte sie noch einmal nach.
James nickte.
"A-aber wie ist das möglich? Ich meine, wo...wo warst du? Ich habe nach dir gerufen, dich gesucht, a-aber du hast mir nicht geantwortet! Ich da-dachte...ich dachte ich hätte dich für immer verloren!"
Nach einer Pause fügte sie noch hinzu: "Wie hast du mich nur gefunden?"
Als James sah, dass sie endlich verstanden hatte, fuhr er ihr mit seiner Hand sachte über die blasse Wange.
Jasmine war eiskalt, aber das wunderte ihn ehrlich gesagt kein bisschen.
Seine Lippen, genau wie der Rest seines Körpers, zitterten.
"Da-das spielt doch jetzt keine Rolle m-mehr. Ich habe dich endlich wiedergefunden und du glaubst nicht, wie f-froh ich darüber bin."
Jasmine nahm seine Hand in ihre.
"Ich kann es mir vor-vorstellen."
Sanft berührte James mit seiner Stirn die von Jasmine.
Einen kurzen Moment verharrte das Paar so, doch dann fiel der Braunhaarigen seine Verletzung auf.
"Um G-Gottes Willen James, wa-was ist mit dir passiert? D-du blutest ja!"
Der Ältere winkte ab.
"Das sieht viel sch-schlimmer aus, als es ist."
Als er den sorgenvollen Ausdruck in ihrem Gesicht sah, fügte er noch hinzu: "Als diese Welle mich von Deck gespült hat, m-muss ich wohl gegen das B-Boot oder irgendwas anderes gestoßen sein."
Mitleidig betrachtete Jasmine ihn.
"Oh mein armer James. Du machst wirklich so viel mit."
Der junge Offizier schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln.
"Mach dir keine Sorgen, es geht mir gut."
Jasmine war zwar nicht ganz davon überzeugt, aber sie wusste, dass James das nur machte, um sie nicht unnötig zu beunruhigen.
Die Braunhaarige sah ihn noch einen Moment an, bis ihr dann plötzlich auffiel, dass James ganz alleine war und von Oliver jede Spur fehlte.
"Wo ist O-Oliver? Ha-hast du ihn gesehen? Er wollte nach d-dir suchen."
Die Freude und Erleichterung wichen schlagartig aus James' Augen. Stattdessen überschattete nun ein Schleier der Trauer und des Schmerzes seinen Blick.
"Oliver ist...er ist tot."
Kaum hatten diese Worte James' Mund verlassen, stiegen in Jasmine Trauer und Schuldgefühle auf. Und diesmal schien es sie fast zu zerreißen.
"Nein..." wisperte sie und sah James flehend an.
Dieser nickte jedoch nur schwach.
"Wie?" fragte Jasmine nur und bemühte sich nicht einmal darum, die Tränen zurückzuhalten.
"Er wurde von einem der Schornsteine erschlagen." flüsterte er kaum hörbar.
Jasmine glaubte, dass ihr Herz jeden Moment aufhören würde zu schlagen. Oliver, welcher in diesen paar Tagen nicht nur zu einem guten Freund geworden war, sondern bei dem es sich obendrein auch noch um die große Liebe ihrer Freundin Viola handelte, war tot?
Aber warum ausgerechnet er? Warum musste es Oliver sein? Warum nur?
Das war nicht fair! Es konnte unmöglich die Wahrheit sein, es war einfach viel zu grausam, um zu stimmen!
"Es tut mir so leid. Vorallem für Viola." sagte James voller Schmerz und Mitgefühl.
Jasmine starrte ins Leere. Sie wollte es einfach nicht wahrhaben. Oliver lebte nicht mehr. Die große Liebe ihrer besten Freundin war...tot. Einfach so.
James bemerkte dies. Er streckte seine Hand etwas aus und brachte sie dazu, ihn anzusehen.
Als er die Schuld und die unendliche Traurigkeit in ihren Augen sah, zog sich ihm das Herz zusammen.
"Mach dir bi-bitte keine Vorwürfe. Es war ein Unfall, du kannst nichts dafür!"
Jasmine wollte ihm schon widersprechen, ihm sagen, dass er ganz genau wusste, dass es sehr wohl ihre Schuld war, aber ihr Hals schmerzte bereits vom vielen sprechen. Stattdessen ließ sie ihren Kopf einfach auf ihre Arme sinken und schluchzte.
"Warum er? James, warum musste es Oliver sein?" wimmerte sie kaum hörbar.
Der sechste Offizier zog sich ein noch ein kleines Stück weiter auf das provisorische Floß. Man konnte sehr gut sehen, wie viel Kraft ihn dies kostete.
"Ich vermute, da-dass seine Zeit zu gehen einfach schon ge-gekommen war." antwortete er.
Jasmine schaute ihn aus dem Augenwinkel an. Als sie sah, wie blass James war und wie stark er zitterte, setzte ihr Herz einen Schlag aus.
Sofort kam ihr das Bild von Jack in den Kopf.
"Du musst aus dem Wasser!" sagte sie heiser und starrte ihn eindringlich an.
James jedoch winkte ab.
"Nein, es geht schon. Mach dir um mich keine Sorgen."
Doch Jasmine ignorierte seinen Protest und rückte mühselig etwas zu Seite. Die Schmerzen in ihrer Lunge und ihrem Kopf versuchte sie weitestgehend zu ignorieren.
"K-komm rauf! Es ist ge-genug P-Platz für uns beide!"
Der sechste Offizier wollte abermals widersprechen, doch Jasmine schnitt ihm das Wort ab.
"Du erfrierst viel schneller, wenn du im Wasser bleibst! Komm endlich hier rauf!"
Schließlich musste James doch zugeben, dass die Aussicht, endlich aus dem Wasser raus zu kommen, mehr als nur verlockend war.
"Also gut." sagte er und stemmte beide Hände an den Rand des Floßes. Dieses senkte sich auf seiner Seite zwar etwas ab, doch das war aufgrund seines Körpergewichtes nichts ungewöhnliches. Keuchend und vor Anstrengung und Kälte zitternd, hatte er es schließlich geschafft, sich hoch zu ziehen.
Jasmine, welche es trotz großer Schmerzen irgendwie geschafft hatte, ihren Oberkörper in eine aufrechte Sitzposition zu bringen, schmiegte sich ganz vorsichtig an die Schulter ihres Liebsten an. Ihre pfeifende und brodelnde Atmung ging stoßweise.
Auch James hörte dies und musterte sie besorgt. Oliver hatte recht, ihr Zustand war wirklich alles andere als gut.
Er sah, dass sie unter großen Schmerzen litt. Ihre Augen strahlten nicht wie sonst, sondern waren ganz glasig.
Und er bemerkte auch, dass sie bei jeder Bewegung die sie tätigte, entweder zögerte oder zusammenzuckte.
Jasmine brauchte wirklich dringend eine ärztliche Behandlung.
Um sie ein wenig von den Schmerzen abzulenken, strich er ihr immer wieder liebevoll durch ihre Haare. Da sich in diesen auch mittlerweile Eiskristalle gebildet hatten, musste er ganz vorsichtig sein.
"James...ich habe Angst." sagte Jasmine plötzlich und umklammerte den Ärmel seines Hemdes.
Zuerst war er unsicher, was genau er jetzt darauf antworten sollte.
Als er ihr in die vor Angst und Schmerz erfüllten Augen sah, drohte das Mitleid ihn fast zu erdrücken.
Wortlos beugte er sich etwas runter und gab ihrer Stirn einen langen und hauchzarten Kuss.
"Ist schon in Ordnung. Hilfe ist bereits unterwegs. Du brauchst jetzt keine Angst mehr zu haben. Ich verspreche dir, wir beide schaffen das!"
Seine Worte machten Jasmine tatsächlich ein kleines bisschen Mut. Allerdings glaubte sie nicht, dass ihr Körper diesen ganzen Belastungen noch sehr lange standhalten konnte.
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