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Face to Face

GeschichteFantasy, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
Barret Wallace Cid Highwind Cloud Strife Shelke Rui Tifa Lockhart Vincent Valentine
21.09.2019
11.06.2021
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9.926
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13.04.2020 1.568
 
5. Begegnung




Er hatte bereits die erste halbe Windung der Treppe hinter sich gelassen, als er stehen blieb und einen erneuten Blick hinab warf. Es war stockfinster. Auch wenn er durch das Mako, das noch immer durch seinen Körper strömte, im Dunkeln etwas besser sehen konnte als normale Menschen, so bildete das pechschwarze Nichts unter seinen Füßen keine Ausnahme für ihn. Es wäre besser, er würde eine Lampe mitnehmen. Irgendwo in den Satteltaschen war sicherlich noch eine kleine Stablampe, die er nutzte, wenn er auf Lieferfahrten Notfallreparaturen an Fenrir vornehmen musste.
Vorsichtig presste er die Hände gegen die kalte Wand, um sich umdrehen zu können.

"Suchst du etwas?"

Erschrocken krallten sich seine Fingerspitzen in die Fugen der Wand, als sein Herz einen Moment aussetzte und er drohte, das Gleichgewicht auf den schmalen Stufen zu verlieren.
Er brauchte einen Moment um sich wieder zu fangen, ehe er es wagte den Kopf zu drehen und hinauf zu schauen.
Im hellen Durchgang lehnte eine schlanke, schwarze Gestalt.
Die Frage hätte eher "jemanden" lauten müssen, doch das tat in diesem Moment nichts weiter zur Sache.

"Vincent?"

Langsam wandte er sich wieder um und fixierte die Silhouette. Tatsächlich. Er war es.
Kaum dass die Erkenntnis in seinem Kopf Form annahm, begann er die Stufen wieder zu erklimmen.

"Was willst du hier?"

Die Worte wurden fast von der Bewegung verschluckt, als die Gestalt aus dem Durchgang verschwand, ehe Cloud eben diesen erreichen konnte.
Eilig nahm er die Stufen und kehrte zurück in das kleine Zimmer.
Es war leer.

"Ich…"

Leise Schritte aus dem Nebenzimmer wiesen ihm den Weg und er folgte ihnen hastig.
Vincents Worte hingen wie ein feiner Nebelschleier in der Luft.

"Gibt es Probleme?"

"Was? Nein. Es-"

Ohne einen einzigen Blick über die Schulter oder einen kurzen Moment des Wartens ging er den Weg zurück zur Eingangshalle.
Cloud folgte ihm.

"Ist etwas mit Shelke?"

"Nein, es geht ihr gut. Ich-"

"Was tust du dann hier?"

Vincent blieb endlich stehen, ließ eine Hand auf das Geländer der Galerie sinken und drehte sich halb zu ihm um.
Seine Frage klang monoton, farblos, fast etwas bitter und auch er selbst wirkte irgendwie verloren, als er so reglos dastand, blass und schmal vor den großen, angelaufenen Fenstern, durch die das Zwielicht des nahenden Abends fiel.

"Ich-"

Cloud schluckte trocken etwas Staub herab.

"Ich wollte nach dir sehen."

"Hm."

Vincent drehte sich wieder um, ließ die Hand ein Stück über das Geländer gleiten und schritt weiter über die Galerie.

"Das hast du nun. Geh jetzt."

"Das werde ich nicht."

"Dann mach was du willst."

Ohne ein weiteres Wort betrat er den Westflügel der Villa.

Cloud seufzte leise und strich sich leicht gereizt durch’s Haar. Er war nicht den weiten Weg hierher gekommen, nur um wieder fortgeschickt zu werden. Nicht schon wieder. Nicht jetzt und auch nicht später.
Seine Finger berührten den kalten, glatten Holzlauf der Treppe wo eben noch die Hand des anderen geruht hatte und er folgte ihm auf die andere Seite.
Als sein Blick auf die dunklen Holzdielen fiel, bemerkte er neben den frischen Spuren auch ältere, die den Staub aufgewirbelt und wieder hatten sinken lassen. War er vorhin so blind gewesen, dass er sie tatsächlich nicht bemerkt hatte? Oder hatte das schwummrige Licht ihm einen Streich gespielt?

Auf der Westseite angekommen betrat Vincent das Zimmer, an dem Cloud kurz zuvor sein Glück versucht hatte. Die Tür glitte ohne weitere Probleme auf.
Cloud stockte einen Moment, als ihn die Erkenntnis traf. Sie hatte also gar nicht geklemmt, sondern war abgeschlossen gewesen.
Er kam sich ein bisschen dumm vor etwas so offensichtliches nicht erkannt zu haben, doch jetzt spielte es keine Rolle mehr.
Seine Taschen am Ende der Galerie missachtend folgte er ihm bis zur Tür und schob sie seinerseits ohne weitere Probleme auf. Sie scharrte nicht einmal über den Boden.
Als sie wieder in’s Schloss fiel und er die Klinke aus den Fingern ließ, sah er auf.
Es war der Salon.
Breite Spuren in der dicken Staubschicht auf dem Boden verrieten, dass hier vor einer Weile die Möbel verrückt worden sein mussten. Der breite Tisch stand weiter am Fenster und war überladen mit allerlei Papieren und vergilbten Aktenordnern. Der zugehörige Stuhl stand direkt neben den großen, angelaufenen Scheiben. Er war fast frei von Staub, augenscheinlich saß Vincent öfter dort.
Doch jetzt saß er, halb zurückgelehnt, auf dem dunklen Chaise Longue, ein abgewetztes Schriftstück in den Händen.
Cloud trat an den Tisch heran und warf einen Blick aus dem Fenster. Das Zimmer war auf der Rückseite der Villa und gab den Blick auf den vollkommen verwilderten Garten frei. Hier und da ließ sich noch erahnen, dass einmal ein Gärtner viel Zeit und Mühe investiert und das Grün ansprechend hergerichtet hatte. Zerstörte oder völlig zugewachsene Statuen ließen sich an der ein oder anderen Stelle ausmachen. Es war lange her, dass der Garten berührt worden war.
Cloud wandte sich wieder um.

“Was liest du da?”

Er nahm wahllos eines der Schriftstücke vom Tisch und überflog die oberste Zeile. Es dauerte einen kleinen Moment bis er registrierte was er da in Händen hielt, doch als es ihm dämmerte, kroch ihm ein unangenehmer Schauer den Rücken hinab. Das konnten doch nicht wirklich…

“Hojos Aufzeichnungen.”

Sie waren es wirklich.
Cloud schluckte. Wie konnte er das freiwillig lesen?
Eilig ließ er das Papier zurück auf den Tisch sinken und drehte sich zu Vincent um. Er hatte den Kopf an die Rücklehne gelegt, den Arm mit dem Schrieb auf die Seitenlehne gestützt. Es sah nicht sonderlich bequem aus, doch es schien ihn nicht zu stören.
Langsam kam Cloud etwas näher, musterte die schmale Gestalt des anderen ausgiebig.
Er trug schlichte Kleidung, die er vorher nie bei ihm gesehen hatte. Schwarze Hose, schwarzer, dünner Strickpullover. Keine Spur vom roten Umhang. Aber was hatte er auch erwartet? Vincent würde ihn nicht Tag ein Tag aus tragen, wenn er nicht von Nöten war. Schließlich trug auch er seine Kampfausrüstung schon seit einer Weile nicht mehr. Vermutlich waren es Überbleibsel von ShinRa, die die Wissenschaftler oder Soldaten hier zurückgelassen hatten.
Allmählich umrundete Cloud das Möbelstück, zog sich einen Stuhl heran, setzte sich verkehrt herum darauf und ließ die Arme auf die Rücklehne des Chaise sinken.
Seine Augen überflogen aus reinem Automatismus das Papier, welches der Mann vor ihm in den Fingern hielt und atmete innerlich erleichtert auf, als er sah, dass es scheinbar nur irgendwelche täglichen Randnotizen waren.
Er folgte der Hand hinab über den Arm, hoch zur Schulter, bis sein Blick auf dem schwarzen Schopf zum Liegen kam. Das lange Haar wirkte stumpf. Vielleicht sogar etwas ungepflegt. Es sah wirr aus, an manchen Stellen hatten sich die Strähnen bereits verknotet und es schien als läge, wie auf allem anderen hier auch, eine Schicht Staub auf ihnen.
Langsam legte er den Kopf auf den Armen ab und schloss für einen Moment die Augen. Er spürte wie die Erschöpfung allmählich nach ihm griff, doch sie wurde überlagert von der Erleichterung ihn endlich gefunden zu haben. Endlich.

Vincent sah auf, als die Atemzüge neben ihm nach und nach ruhiger wurden. Er war eingeschlafen.
Es war nicht das erste Mal, dass Cloud hier in Nibelheim aufgetaucht war, doch es war eine ganze Weile vergangen, seit dem letzten Mal. Wieso also kam er jetzt wieder hierher?
Er hatte darüber nachgedacht, ihn wie all die anderen Male wieder ziehen zu lassen, doch, dass er wirklich auf den Gedanken gekommen war, er wäre zurück in diesen furchtbaren, finsteren Sarg gekrochen, hatte ihn irgendwie missmutig gestimmt, aber zeigte ihm auch, wie viel ihm daran gelegen hatte, ihn zu finden.
Er ging noch ein paar weitere Papiere durch, ehe er sich umdrehte und Cloud mit einer zaghaften Berührung an der Schulter weckte.

“Leg dich hin.”

Cloud blinzelte müde und hob schwerfällig den Kopf. Das Licht im Zimmer war schwummerig und ein prüfender Blick auf die Fenster bestätigte ihm, dass es bereits dunkel geworden war.
Auch wenn er während der Überfahrt etwas geschlafen hatte, zerrte die Anstrengung der überstürzten Reise nun doch an ihm. Vielleicht war es tatsächlich besser, für den Moment etwas Ruhe zu suchen.
Langsam erhob er sich von dem Stuhl und schob ihn etwas beiseite.

“Den Gang runter.”

Die Antwort kam, bevor er fragen konnte und doch blickte Vincent nicht weiter von seiner scheußlichen Lektüre auf.
Ohne ein weiteres Wort überließ Cloud ihn seinen Papieren und verließ den Raum, sammelte seine Taschen ein, die noch immer geduldig am Ende der Galerie auf ihn gewartet hatten und folgte dem langen Gang hinab.
Er fand eine Tür die nur angelehnt war und schob sie vorsichtig auf. Dahinter befand sich ein geschmackvoll, wenn auch altbacken eingerichtetes Schlafzimmer. Die schweren, dunklen Holzmöbel schienen das wenige, schwache Licht, das der Mond durch die Wolkendecke schickte, gleichsam zu schlucken.
Behutsam ließ er seine Taschen neben einem Stuhl vor einer breiten Kommode fallen, die noch immer einige Pflegeutensilien beherbergte und begann schwerfällig aus seinen Kleidern zu steigen. Er hängte sie über die Stuhllehne, bevor er sich dem Bett zuwandte und etwas unbeholfen unter die weißen Laken kroch. Sie rochen nach Staub, wie fast alles hier, doch es war ihm egal. Er war zu müde, um jetzt noch Ansprüche zu erheben, ließ den Kopf tief in das große Daunenkissen sinken und schlief augenblicklich wieder ein.
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