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Face to Face

GeschichteFantasy, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
Barret Wallace Cid Highwind Cloud Strife Shelke Rui Tifa Lockhart Vincent Valentine
21.09.2019
11.06.2021
6
9.926
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22.03.2020 1.353
 
4. Schatten der Erinnerung



[Anm. d. Autors: ich halte mich nur so halb an die tatsächliche Raumaufteilung der Shinra-Villa, daher bitte nicht über mehr/andere/neue Räume wundern. Thx.]



Es ging schon auf den frühen Nachmittag zu, als Nibelheim in Sichtweite kam. Er hatte in der Nacht eine kleine Pause eingelegt und war langsamer gefahren, als es auf dem Weg zur Fähre nötig gewesen war. Jetzt hatte er keinen Zeitplan der ihn voran trieb und wenn er ehrlich zu sich war, hatte er auch etwas gezögert Nibelheim tatsächlich wieder zu betreten. Man konnte sich nie sicher sein was einen dort erwartete, welche Schatten der Vergangenheit einen einholen würden.
Am Eingang zur kleinen Stadt angekommen, stellte er den Motor ab und stieg von der Maschine.
Es war alles ruhig, nur vereinzelt zwischerten ein paar Vögel in üppigen Baumkronen, durch die der frische Wind aus dem Bergkamm rauschte. Der Zaun, der die ersten Häuser umsäumte, war mittlerweile stark verwittert, der Lack fast vollständig abgeblättert und das Gras wucherte in dichten Büscheln durch die schmalen Ritzen der Holzlatten. Die Häuser hingegen sahen noch nicht so verwahrlost aus. Auch wenn sich seit den letzten Ereignissen niemand mehr um die Kopie seiner ehemaligen Heimatstadt gekümmert hatte, trotzten die Häuser den starken Witterungsbedingungen, denen sie hier am Fuß des Nibelgebirges ausgesetzt waren.
Langsam schob Cloud Fenrir in die Stadt hinein.
Blinde Fenster sahen ihm stumm entgegen, als er sich Stück für Stück dem Platz im Zentrum näherte.
Auf dem Wasserturm hatten sich junge Bäume in den Holzritzen eingenistet und stellten ihr frisches Grün zur Schau. Er blieb einen Moment stehen, als der schmale Kiesweg der zu seinem früheren Heim führte, in sein Blickfeld geriet. Es war viel Zeit vergangen, seit er sein richtiges Zuhause verlassen hatte, um es bei ShinRa zu was zu bringen. Niemand hätte ahnen können, was danach alles passierte. Für einen Moment glaubte er den Brandgeruch des Feuers, das Sephiroth damals gelegt und damit Nibelheims eigentliches Ende besiegelt hatte, wahrzunehmen. Mit einem tiefen Seufzen schob er die dunklen Erinnerungen beiseite und folgte dem Weg weiter zu seinem eigentlichen Ziel.

Die Shinra-Villa erhob sich dunkel gegen den trüben Himmel. Im Vorgarten wucherten Gras und Unkraut und gingen Cloud fast bis zur Hüfte. Langsam schob er Fenrir bis zum Eingang und stellte es schließlich sorgsam dicht neben der Wand ab.
Er musste sich keine Gedanken machen die Maschine so einfach stehen zu lassen. Nibelheim war von allen Karten und aus allen Aufzeichnungen gestrichen worden, als hätte es nie existiert und großzügig aufgestellte Warnschilder, dass es sich um gefährliches, gesperrtes Gebiet handelte, hielt zumeist auch neugierige Wanderer und Abenteurer ab. Davon ab lag Nibelheim so weit weg von allen anderen Städten, dass es eher unwahrscheinlich war, dass sich zufällig jemand hierher verirrte.
Er löste die Satteltaschen und schlug sie sich über die Schulter. Was auch immer er hier finden oder nicht finden würde, er würde auf jeden Fall eine Nacht hierbleiben um sich anständig auszuruhen, bevor er zurückfahren würde.
Das schwere, dunkle Holz der Tür knarrte verhalten, als er seine Hände gegen sie legte und behutsam aufschob. Sie war nicht im Schloss eingerastete, gab aber etwas Widerstand, bevor sie sich fügte und den Weg ins Innere der Villa frei gab.
Die große Eingangshalle lag vollkommen still und auch das Zwitschern der Vögel wurde gedämpft, als er die Tür wieder hinter sich schloss. Durch das geborstene Fenster im Dach und die großen, verstaubten Scheiben der Galerie drang das graue Licht des Nachmittaghimmels und tauchte die Halle in trostlose Stimmung. Behutsam ließ er die Satteltaschen und de Rucksack von seiner Schulter rutschen und stellte sie neben der Tür ab, ehe er sich langsam daran machte, die Halle zu durchqueren und nach und nach die Räume des Erdgeschosses abzuklappern.

Der große Saal erstreckte sich genauso unbelebt und still, wie der Eingang. Die Stühle standen willkürlich in der Gegend herum, auf Tisch und Kommoden ruhte eine dicke Schicht Staub und die massiven Vorhänge schluckten einen großen Teil des Lichts. Cloud durchschritt den Raum auf der Suche nach irgendwelchen  Auffälligkeiten, doch nichts hier schien kürzlich bewegt, genutzt oder auch nur angeschaut worden zu sein. Seine Stiefel hinterließen Abdrücke auf dem ehemals sorgsam polierten, jetzt staubig und matt gewordenen Holzboden.
Gemächlich schritt er voran, erkundete einen Raum nach dem nächsten, doch bis auf ein Paar kleine Pfotenabdrücke im Staub und durch ein kaputtes Fenster herein gewehte Blätter fand er nichts außergewöhnliches. Cloud kehrte zurück in die Eingangshalle, nahm Rucksack und Satteltaschen wieder auf und machte sich auf den Weg nach oben.
Er wusste noch, dass es oben mindestens ein Schlafzimmer gab. Er war darin aufgewacht, als… damals… Zack… Cloud schloss für einen Moment die Augen und schob die Erinnerungen mit einem Kopfschütteln beiseite. Nibelheim war die Wiege all der alten Wunden von früher. Es war, wie es war.
Langsam erklomm er die verwitterten Stufen der großen Treppe, die auf die Galerie und damit in den ersten Stock der Villa führte.

Die anderen Male, die er in Nibelheim gewesen war, hatte er vornehmlich in der Stadt Ausschau gehalten oder die Villa nur oberflächlich durchsucht, weil er sich sicher gewesen war, dass wenn es eine Spur von Vincent geben würde, er sie sicherlich hätte sehen müssen, doch gefunden hatte er nie etwas. Diesmal würde er jeden Winkel der Villa untersuchen. Jeden einzelnen.
Er ließ die Taschen am Anfang des Flures, der in die Westseite des Gebäudes führte, auf den Boden sinken und schritt zur ersten Tür. Sie war geschlossen und behutsam legte er eine Hand auf die kalte Metallklinke, um sich Zutritt zu verschaffen. Sie wollte nicht sofort nachgeben. Vielleicht klemmte sie einfach, ein bisschen verzogen über die Zeit. Doch plötzlich hielt er inne. Jeden einzelnen Winkel der Villa. Konnte es sein, dass… er hielt für einen Moment den Atem an, um den Gedanken, der sich in seinem Kopf formte, richtig fassen zu können. Konnte es sein, dass… konnte es wirklich sein?
Er ließ die Hand wieder sinken und wandte sich um, ließ den Blick in Richtung Ostflügel wandern. Tatsächlich hatte er nie wirklich daran gedacht, dass Vincent es in Betracht gezogen haben könnte, zurück in den… ein unangenehmer Schauer rann seinen Rücken hinab. Der Gedanke daran war irgendwie makaber, nach allem, was sie in den vergangenen Jahren durchgemacht und erlebt hatten, war es schwer vorstellbar für ihn, dass sich sein ehemaliger Kamerad zurück in sein eigenes Elend gestürzt hätte.

Langsam schritt er über das dunkle, im allmählich schwächer werdenden Licht des grauen Nachmittags matt schimmernde Holz der Galerie, um die Seite zu wechseln. Die Tür, die in den kleinen Salon führte, war nur leicht angelehnt und ließ sich ächzend, doch bereitwillig öffnen. Cloud konnte spüren, wie sein Puls in die Höhe schoss, als er sich durch den Salon bewegte, um schließlich die kleine Bibliothek zu betreten. Auf dem Boden lagen wahllos Bücher verstreut und er musste aufpassen nicht über sie zu fallen, als sich sein Blick an der dunklen Steinwand festklammerte.
Die Geheimtür zum Keller stand offen.
Aber wer weiß schon, ob sie seit ihrem Eindringen damals überhaupt jemals wieder geschlossen worden war.
Vorsichtig hob er die Hand und ließ die Fingerspitzen über den kalten Stein wandern, als könnte er ihm irgendetwas verraten. Hinter dieser Tür verbargen sich einige der dunkelsten Geheimnisse Shinras und wie er so daran dachte, war er fast etwas überrascht, dass all das hier noch stand. Er schluckte trocken, als er den Kopf durch den Eingang schob und hinab sah.
Die Wendeltreppe versank bereits nach einigen Stufen im völligen Dunkel. Feuchte, kalte Luft schlug ihm entgegen. War Vincent wirklich zurück in den…
Ein leises Rascheln huschte an seinen Füßen vorbei und eilte die brüchigen Steinstufen hinab. Erschrocken zuckte Cloud zusammen und spürte, wie sein Herz vor Aufregung bis an seinen Hals schlug, doch er war nicht hierher gekommen, um mit leeren Händen wieder zu gehen. Wenn Vincent wirklich da unten war… er würde ihn finden und zum zweiten Mal aus diesem verdammten Sarg zerren, wenn es nötig war.
Zögerlich setzte er einen Fuß auf den bröckeligen Absatz der Treppe, lotete die sicheren Stellen auf den Stufen aus und begann der Ratte hinab in die Schwärze zu folgen.
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