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Face to Face

GeschichteFantasy, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
Barret Wallace Cid Highwind Cloud Strife Shelke Rui Tifa Lockhart Vincent Valentine
21.09.2019
11.06.2021
6
9.926
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Dieses Kapitel
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19.02.2020 1.595
 
3. Überfahrt




Die Sonne war bereits seit einigen Stunden aufgegangen, als er Junon tatsächlich noch im Zeitplan erreichte. Er hatte sogar etwas Zeit übrig und war, nachdem er Fenrir bereits auf der Fähre hatte verstauen lassen, von den Docks unterwegs in Richtung Stadt.
Die Satteltaschen über der Schulter quetschte er sich mit einer großen Traube Menschen durch die Schleusen und steuerte eilig den Aufzug an, der ihn zu einer der weniger Touristen überlaufenen Etagen bringen würde.
Zum Glück hatte er nach dem letzten Auftrag die Taschen noch nicht wieder vom Motorrad genommen. Er würde sie gut brauchen können.

Mit ein paar Arbeitern, die vermutlich ebenfalls von der Fähre oder von einem der beiden vor Hafen liegenden Tanker stammten, betrat er den Aufzug, der sie nach unten brachte.
Die Fahrt war nur kurz, obwohl sie zwei Etagen tiefer befördert wurden.
Unten angekommen verließen sie den Aufzug und schienen denselben Weg einzuschlagen. Mit etwas Abstand folgte Cloud den Männern.

Sein Ziel war ein kleiner Shop, der viel von den Seeleuten und ShinRas Marinesoldaten frequentiert wurde.
Eilig durchschritt er die schmalen Gänge und deckte sich ausreichend mit Wasserflaschen, Energieriegeln und Snacks ein, die ihn über die kommenden Tage bringen sollten.
An der Kasse verstaute er alles in den Satteltaschen, schulterte sie wieder und machte sich auf den Rückweg.
Hätte er nur den Rucksack dabei gehabt, wäre es ziemlich knapp geworden. Immerhin war das Areal rund um Nibelheim eine inoffizielle Sperrzone geworden, dementsprechend war auch einige Kilometer rund um die Stadt nichts mehr zu finden.
Natürlich hätte er auch in Costa del Sol einkaufen können, doch die Küstenstadt lebte vom Tourismus und dementsprechend waren die Preise mindestens doppelt so hoch, wie hier in Junon, das nach wie vor hauptsächlich auf den Fracht- und Militärverkehr ausgelegt war.

Mit ein paar anderen Nachzüglern betrat er die Fähre kurz bevor sie den Hafen verließ.
Die Gänge waren schmal und mit den vollgepackten Satteltaschen auf der Schulter zwängte er sich an den anderen Fahrgästen vorbei auf dem Weg zu seiner Kabine. Die Fähren, die täglich zwischen Junon und Costa del Sol verkehrten, waren keine Luxuskreuzer. Sie erfüllten ihren Zweck und beförderten möglichst viele Menschen über das Wasser, während sie einen erträglichen Aufenthalt für die mehrere Stunden dauernde Fahrt bot.
Es war absolut auszuhalten, wenn man keine allzu hohen Ansprüche hatte.
Cloud kramte den Schlüssel zu seiner Kabinentür aus der Hosentasche, schloss auf und betrat das kleine Zimmer.
Es war wirklich nicht groß, aber es reichte für ein schmales Bett, einen kleinen Tisch, der sich bei Bedarf an die Wand klappen ließ, einen Stuhl, eine Kommode, die zugleich als Nachtschrank diente und eine Garderobe.
Außerdem gab es noch eine Tür, die in ein winziges Bad führte.
Wie gesagt, es war alles nötige vorhanden und wurde den Bedürfnissen ausreichend gerecht, vor allem, wenn man in der Nachtfähre unterwegs war.

Er ließ die Satteltaschen und den Rucksack neben das Bett sinken, schlüpfte aus den Stiefeln und setzte sich auf die Bettkante, bevor er zum ersten Mal seit er aufgebrochen war, das PHS aus der Tasche holte und es aufklappte. Auf dem Bildschirm ploppten mehrere verpasste Anrufe und ungelesene Nachrichten auf. Sie waren von Tifa. Natürlich waren sie das.
Er wusste, dass er ihr hätte Bescheid sagen sollen, warten sollen, bis es morgens gewesen wäre und sie alle wach waren.
Doch das hatte er nicht und so sah er sich der stummen Anklage von 27 verpassten Anrufen entgegen.
Mit einem tiefen Seufzen wählte er ihre Nummer.
Es klingelte. Zwei Mal, drei Mal.

[“Cloud?”]

Die Pause, die sie ließ, war keinesfalls dafür vorgesehen, dass er ihr antwortete. Sie gab ihm Zeit, um sich schuldig zu fühlen.

[“Wo zur Hölle steckst du? Warum gehst du nicht an dein Telefon?”]

Sie klang wütend, aber zu mindestens gleichen Teilen besorgt.

“Tifa, es tut mir leid. Ich bin nochmal losgefahren, um-”

[“Hast du einen Auftrag bekommen? Mitten in der Nacht?”]

“Nein, ich bin auf dem Weg nach Nibelheim.”

Am anderen Ende wurde es für eine kurze Weile still und er zupfte unruhig an der Bettdecke herum.
Sie waren kein Paar und im Prinzip war er ihr in keinster Weise Rechenschaft schuldig, doch sie war eine mehr als gute Freundin, sie hatten viel zusammen durchgemacht und er hatte nichts besseres zu tun, als einem dumpfen Gefühl folgend zu verschwinden, wenn sie ihn eigentlich am meisten gebraucht hätte.

[“-und wie hast du dir das mit den Vorbereitungen für die Festtage vorgestellt? Die Bar ist offen, die Kinder sind da und-”]

“Es tut mir wirklich leid. Es war so spon-”

[“Wenn du keine Lust hast mir zu helfen, kannst du das auch einfach sagen!”]

“Tifa, das ist es nicht, ich-”

Ihr schweres, langgezogenes Seufzen ließ sein schlechtes Gewissen weiter wachsen. Sie war unglaublich gut darin.

[“Naja, jetzt bist du ja schon weg. Was soll’s. Komm heile wieder und bring ihn mit, wenn du ihn findest.”]

Sie beendete das Gespräch und ließ ihn mit dem gleichmäßigen Tuten des aufgelegten Anrufs am Ohr zurück.
Sie würde sicher auch so zurecht kommen, trotzdem nagte der Vorwurf sie mit allem allein gelassen zu haben an ihm. Doch wie sie schon sagte, jetzt war er bereits unterwegs. Knapp die Hälfte des Weges lag bald hinter ihm zurück und der Abstecher nach Nibelheim war jetzt quasi kaum noch ein Mehraufwand.
Er klappte das PHS zusammen, ließ es auf das Bett fallen und tat es ihm gleich.
Die Matratze war dünn, aber angenehm weich und die Laken rochen dezent nach Waschmittel und Stärke.

Er sollte Vincent mitbringen, wenn er ihn fand. Wenn er ihn überhaupt fand. Vielleicht war das ganze Unterfangen wieder nichts weiter als reine Zeitverschwendung. So wie die ganzen letzten Male. Nichts hatte er gefunden. Nicht einen einzigen Hinweis, wo er hätte sein können.
Andererseits… was wäre, wenn er ihn dieses Mal tatsächlich finden würde? Was sollte er sagen? Und wer weiß schon, in welchem Zustand er ihn finden würde.
Soweit er weiß und so wie Shelke es ihnen erklärt hatte, war nach dem Kampf gegen Omega Chaos aus Vincents Körper verschwunden. Was wäre, wenn Vincent jetzt ganz anders wäre?
Langsam schloss er die Augen und verscheuchte die Gedanken aus seinem Kopf.
Es brachte nichts, sich über das Unbekannte den Kopf zu zerbrechen. Er würde Zeit dazu haben, wenn es so weit sein sollte.
Er zog das PHS an sich und stellte sich einen Alarm, um spätestens kurz vor dem Anlegen der Fähre wieder aufzuwachen, sofern er fest einschlief. Schließlich war er die ganze Nacht lang ohne Pause gefahren und bemerkte jetzt, wo er zu einer Pause gezwungen war, dass die Müdigkeit nach ihm griff.
Die Hand unter das Kissen geschoben, drehte er sich auf die Seite und brauchte nicht lange, bis er einschlief.




~*~



Tatsächlich war er eine ganze Weile vor dem Klingeln wieder aufgewacht, doch er hatte die Zeit genutzt in dem winzigen Bad kurz zu duschen und etwas vernünftiges im Bordrestaurant zu essen - das angebotene Buffet war überraschend gut gewesen - ehe er sich den Rest der Überfahrt damit vertrieb, die Gänge des Schiffs abzulaufen und sich etwas umzuschauen.

Jetzt stand er, wie viele andere Fahrgäste auch, an Deck und beobachtete an die Reling gelehnt, wie Costa del Sol immer näher kam. Es würde nicht mehr lange dauernd. Die angenehm warme Luft der Sonnenküste schlug ihm entgegen und versprach eine entspannte Fahrt für die erste Hälfte der verbliebenen Strecke. Je näher er Nibelheim kommen würde, desto schwerer würde es werden vorherzusagen, wie die Witterungsbedingungen sein würden. Die Region um seine alte Heimat war besonders im Sommer sehr wechselhaft, oft verregnet und neblig.
Er checkte ein letztes Mal sein PHS. Es war ruhig geblieben. Keine weiteren Anrufe. Nicht von Tifa und auch von keinem Kunden, dem er hätte absagen müssen. Wunderbar.
Behutsam verschwand das Gerät wieder in der Tasche, bevor er das Deck verließ, um seine Taschen zu holen und sich langsam auf den Weg in den Bauch des Schiffs zu machen, um bei Fenrir zu sein, sobald sie anlegten. Es konnte nicht mehr allzu lange dauern.

Cloud zurrte die Gurte der Satteltaschen fest und überprüfte sie sicherheitshalber ein zweites Mal, bevor er in seinen Rucksack schlüpfte und bemerkte, wie zwei Mitarbeiter den Frachtraum betraten, um die Abreise und das Abladen zu betreuen.
Es war relativ leer auf der Fähre, daher schob er die Maschine langsam in Richtung Ausgang und wartete, bis sich die Luke endlich öffnete.
Das Schiff wurde bereits langsamer.
Es vergingen noch einige Minuten in denen die zwei Arbeiter stumm und voller Neugierde Fenrir und dessen Fahrer beäugten. Wenigstens sprachen sie ihn nicht an und stellten irgendwelche dummen Fragen, sondern begnügten sich mit dem Anblick.
Cloud atmete erleichtert auf, als sie endlich ihrer Aufgabe nachgingen und die Luke öffneten, um die Rampe vom Hafen zu sichern und er Fenrir aus dem Frachtraum schieben konnte.
Eine Flut ankommender und abreisender Touristen umspülte ihn, als er versuchte sich einen Weg durch das Gedränge zu bahnen und endlich weg vom Hafen zu kommen.

Im Schritttempo fuhr er die Maschine durch die schmalen Straßen von Costa del Sol und genoss für den Moment die milde Luft, die warme Sonne, die ihm in’s Gesicht schien und die Leichtigkeit, mit der die Menschen in der Stadt unterwegs waren. Costa del Sol stand für Lebensfreude und ein unbeschwertes Lebensgefühl, daher war die Stadt auch so beliebt bei Touristen. Doch er verfolgte einen anderen Plan und brachte Fenrir wieder eilig auf Touren, als er die Stadtgrenze passiert hatte.
Die Sonne begleitete ihn auf halbem Wege, bis er allmählich die nibelheimer Gefilde erreichte und mit der Ablöse des Mondes, auch der kühle Wind aus den Bergen zu seinem Begleiter wurde.
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