Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

My Dumb Bodyguard

von Lizerah
GeschichteRomance, Schmerz/Trost / P18 Slash
Gavin Reed RK900
20.09.2019
07.09.2020
38
116.395
20
Alle Kapitel
103 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
03.11.2019 2.282
 
Damals, als man ihn kurz nach seiner Erschaffung bei Cyberlife das erste Mal in Betrieb genommen und den ersten Sicherheitschecks unterzogen hatte, hatte er nie damit gerechnet, zukünftig an der Seite dieses Jungen zu stehen. Man hatte ihm gesagt, dass es seine Aufgabe sein würde, jemand Wichtigen und Großen zu beschützen und ihn dabei notfalls mit seiner eigenen Existenz zu verteidigen. Ehrlich gesagt, hatte Nines dabei eher mit jemandem wie dem Vater des Jungen und nicht mit seinem ziemlich verzogenen Sohn gerechnet.
Er war speziell dazu entwickelt worden, seinen Besitzer bei Bedarf auf offizielle Anlässe begleiten zu können. Man hatte ihn dafür unter anderem die entsprechende Fähigkeit verliehen, sich in diesem formellen Umfeld zu integrieren, doch man hatte ihm kein Modul programmiert, welches ihm die Fähigkeit verlieh, den Babysitter eines verwöhnten Bengels zu spielen.
Doch so wenig die aktuelle Situation seiner Vorstellung entsprach, würde er sich wohl oder übel daran gewöhnen müssen. In seiner Position war es ihm schließlich nicht erlaubt, die Wahl zu haben. Schließlich war er nicht mehr als eine Maschine. Eine Maschine, die einer bestimmten Aufgabe diente, die sie ohne Wenn und Aber zu erfüllen hatte.
Aller Enttäuschung zum Trotz, schien der Junge wenigstens alles andere als langweilig zu sein und es konnte keine allzu schwierige Aufgabe sein, diesen jungen Mann im Zaum zu halten und von allzu großen Schwierigkeiten fernzuhalten.
Wenn Nines in diesem Moment bereits gewusst hätte, wie falsch er mit dieser Annahme lag, wäre sicher einiges ganz anders verlaufen ...

Der Android schenkte dem jungen Mann einen musternden Blick von der Seite, während sie zusammen das Hauptgebäude verließen und mit langsamen Schritten den Garten des Anwesens betraten. Ein wirklich beeindruckendes Gelände, welches einem erfolgreichen Unternehmer, wie es der Vater des Jungen war, wirklich angemessen war. Sein Sohn dagegen hatte sich bisher nur wenig begeistert gezeigt und den Androiden nur auf halbherzige Weise durch das Anwesen geführt. Den Recherchen zufolge, die Nines in der ihm zur Verfügung stehenden Datenbank getätigt hatte, schienen der Unternehmer und sein Sohn nicht wirklich viel gemeinsam zu haben. Zumindest was den einen Sohn betraf. Offenbar besaß Gavin noch einen älteren Bruder, der eher der Vorstellung eines Unternehmersohns zu entsprechen schien, sich aber offenbar wegen eines Studiums momentan nicht hier aufhielt.
Gavin selbst wirkte dagegen nicht wie der Spross eines erfolgreichen Unternehmers. Sein Benehmen war rüpelhaft und seines Alters nicht wirklich angemessen. Er schien seinen Eltern nur wenig Respekt entgegenzubringen, wie Nines es anhand der Gespräche, die er zwischen Gavin und seiner Mutter während der Fahrt beobachten konnte, mitbekommen hatte.
Allgemein schien Gavin in Sachen Auftreten, Intelligenz und in seinem Temperament nicht recht in diese Familie zu passen.
Selbst der Name, den er ihm gegeben hatte - Nines - war nur eine simple Ableitung seiner Modellnummer. Wie primitiv.
Aber was hatte er auch schon von einem Jungen wie Gavin erwartet? Jemand, der sich wegen eines Mädchens krankenhausreif prügeln ließ und offenbar nichts anderes zu tun hatte, als den ganzen Tag lang seine Unzulänglichkeiten mittels eines großen Mundwerks und seines rüpelhaften Benehmens zu verbergen, hatte sicher nicht mehr als das zu bieten.
„Hey, Gavin!“, hörten sie auf einmal eine männliche Stimme durch den Garten rufen.
Neugierig sah Nines in die Richtung, aus der er das Rufen vernommen hatte. Aus dem Augenwinkel sah er, wie sich der Blick des Jungen aufhellte, als sie einen älteren Mann erblickten, der neben einem der Pavillons stand und ihnen aufgeregt zuwinkte.
Gavin schien den Androiden schlagartig vergessen zu haben, denn er wandte sich ohne ein weiteres Wort ab und lief zu dem älteren Mann hinüber.
Nines entschied sich dazu, ihm mit einigen Metern Abstand zu folgen, denn schließlich war es seine Aufgabe, den Jungen im Blick zu behalten. Er stufte den Mann aufgrund Gavins Reaktion nicht unbedingt als eine Bedrohung ein, jedoch wusste er nicht, wer er war. So sah er aus sicherer Entfernung dabei zu, wie der alte Mann den Arm um Gavins Schulter legte und dabei freundlich lächelte.
Eine kurze Analyse seiner Kleidung ließ Nines bereits schlussfolgern, dass es sich bei diesem Mann um eine Art Gärtner handeln musste. Auch ohne besondere Fähigkeiten konnte man an den Händen des Mannes erkennen, dass er diese Arbeiten schon seit Jahren zu tätigen schien. Die Art, wie er Gavin begrüßte und wie dieser auf ihn zugegangen war, ließ zudem schlussfolgern, dass es sich bei ihm nicht um einen Fremden und nicht im geringsten um eine Bedrohung handelte. Nines entschied sich daher dazu, weiterhin stillschweigend zu beobachten.
„Hey, Gavin, schön dich gesund und munter wieder zu sehen. Man man man, nachdem ich gehört habe, was passiert ist, dachte ich schon, ich bekomme dich länger nicht zu Gesicht“, hörte er, wie der ältere Mann den jungen Herrn begrüßte.
„Hab mich wohl mit dem Falschen angelegt und etwas mehr eingesteckt, als es mir lieb wäre“, erwiderte Gavin und rieb sich automatisch über das Pflaster auf seiner Nase.
„Du hast mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt. Mach doch nicht so einen Scheiß, Junge. Wie geht’s dir? Alles noch dran?“, trat der ältere Mann wiederholt an Gavin heran und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.
„Hab ne kleine Gehirnerschütterung abbekommen“, erwiderte Gavin.
„Und was ist das da?“, fragte der Mann und deutete dabei auf Gavins Nase.
„Nur ein Kratzer“, wich dieser der Frage aus.
„Na, das sieht mir aber nach mehr aus“, gab der Mann sich mit der Erklärung nicht zufrieden.
„Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht so recht. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was genau geschehen ist“, lenkte Gavin schließlich ein.
„Du musst echt besser auf dich aufpassen, Junge. Ich weiß, in deinem Alter stellt man echt eine Menge dummer Sachen an, ich war da nicht anders, aber pass dabei auf, dass du dich nicht verletzt oder in gefährliche Sachen hineingezogen wirst.“
„Ich werde es versuchen“, antwortete der junge Herr erstaunlich friedfertig.
„Nicht nur versuchen, sondern machen. Wenn deine Eltern die nächsten Wochen im Ausland sind, musst du auf dich selbst aufpassen können.“
„Ihr seid doch alle hier“, warf Gavin ein.
„Nunja, nicht ganz. Ich muss mich um den Garten und die Reparaturen kümmern und Margaret wird in der Küche und im Haus alle Hände voll zu tun haben. Wir werden nicht ständig an deiner Seite sein können. Astrid und James werden deine Eltern begleiten.“
„Astrid und James fahren mit nach Europa?“, fragte Gavin überrascht, worauf der Mann nickte.
„Dann weiß ich ja nun den Grund, warum Mum mir dieses Ding gekauft hat“, sagte Gavin und sah mit nachdenklicher Miene zu Nines hinüber. Dieser trat einige Schritte vor, als er merkte, dass sich die Aufmerksamkeit nun auf ihn richtete.
„Na huch, wo kommt der denn auf einmal her?“, reagierte der ältere Herr überrascht und schenkte Nines einen neugierigen Blick.
„Das ist … ähm ... Nines … ein Android. Mum hat ihn mir vorhin auf dem Weg vom Krankenhaus hierher gekauft“, stellte Gavin seinen neuen Begleiter vor.
„Ich dachte, deine Eltern wollen keine Androiden im Haus haben“, sagte der Mann, während er den Androiden erstaunt musterte.
„Um den Aufwand so gering wie möglich zu halten, war ihnen das wohl plötzlich egal. Hauptsache ihr verzogener Sohn stellt nichts an, solange er sich allein hier aufhält“, äußerte sich Gavin mit einem Grad an Selbstreflexion, der Nines ehrlich überraschte.
„Nun sieh das doch mal nicht so negativ. Deine Mum hat sich nach dem letzten Vorfall sicher nur Sorgen gemacht und so kurzfristig ließ sich keine andere Lösung finden. Sie will dich sicher nicht kontrollieren, sondern nur in Sicherheit wissen. Ursprünglich war es nicht geplant, dass Astrid und James mitfahren.“
„Verdammt, selbst wenn es so geplant gewesen wäre, ich bin keine zwölf mehr“, unterbrach ihn Gavin wütend.
„Nun, das nicht, doch du musst zugeben, dass du es deinen Eltern nicht gerade einfach machst. Dein Vater muss wegen seiner Firma stark auf sein Image achten und deine Mum macht sich nur Sorgen um dich“, versuchte der Mann, ihn zu beschwichtigen.
Gavin schwieg und sah mit einem zornigen Blick zu Boden.
„Trotz allem habe ich auch eine gute Nachricht für dich“, begann der Mann erneut zu sprechen und legte Gavin eine Hand auf die Schulter, um seine Aufmerksamkeit zurück zu gewinnen.
„Ich habe deinen Roller reparieren können“, verkündete er feierlich.
„Das hättest du nicht tun brauchen. Bald werde ich mir ein Motorrad kaufen“, zeigte sich Gavin nicht wirklich erfreut darüber.
„Bis es soweit ist, wirst du ihn aber sicher noch brauchen, besonders in den nächsten Wochen. Ich glaube nicht, dass dir deine Mum kurz vor ihrer Abreise ausgerechnet ein Motorrad kaufen wird. Das ist in ihren Augen zu gefährlich."
„Ich werde es mir selbst kaufen“, meinte Gavin trocken.
Der Mann blinzelte überrascht.
„Wie?“
„Ein kleiner Nebenjob.“
„Wo?“
Gavin antwortete ihm nicht.
„Gavin?“
„In der Werkstatt eines Kumpels. Eigentlich wollte ich dort richtig anfangen, aber für Vater sind diese Arbeiten zu … nieder …  nichts für ungut“, äußerte sich Gavin peinlich berührt.
„Wissen deine Eltern davon?“, ignorierte der Mann den Einwurf gekonnt.
„Nein. Erzähl ihnen auch bitte nichts davon. Es sind bisher nur kleine Sachen. Lager in Ordnung halten und so“, gab Gavin zu.
„Und du wirst ihnen auch nichts sagen, sonst verarbeite ich dich zu Schrott, Blecheimer“, wandte er sich abrupt mit einer drohenden Geste an Nines.
„Von dem Geld, welches meine Mum für dich ausgegeben hat, hätte ich mir gleich drei Kawasaki kaufen können“, ergänzte er missmutig, worauf Nines unwillkürlich seine Lippen verzog.
Als ob das jetzt noch einen Unterschied machen würde. Es war sowieso nicht sein Geld. Als ob sich der Junge irgendetwas von dem, was er momentan besaß, überhaupt selbst erarbeitet hatte.
„Solange du dabei keinen Mist anstellst, bin ich, ehrlich gesagt, sogar beeindruckt“, zog der Mann Gavins Aufmerksamkeit wieder auf sich, bevor Nines der Verlockung nachgeben konnte, seinen Gedanken offen auszusprechen.
„Aber bis dahin wird dir der Roller sicher gute Dienste leisten. Lass mich ihn dir nachher wenigstens zeigen, okay?“, bat der ältere Mann den jungen Herrn um Vernunft, worauf dieser nickte.
„Es freut mich wirklich, dich so munter wieder zu sehen, doch ich muss wieder an die Arbeit. Bis dein Vater auftaucht, muss ich das Chaos hier beseitigt haben und du musst deinem neuen Freund sicher noch etwas eingewöhnen, oder?“, sprach der Mann weiter und sah erst zu Nines und dann zu Gavin.
Nines begegnete dem Mann mit einem skeptischen Blick. Ob dieser Hausmeister wirklich so freundlich war oder nur so tat, weil er den Sohn seines Arbeitgebers vor sich hatte? Nines wusste es nicht, doch es war ihm schlichtweg egal, solange er keine Bedrohung darstellte.
„War gerade fertig damit, ihm das Anwesen zu zeigen“, hörte er Gavins Antwort nur beiläufig.
„Dann nutze die restliche Zeit, um dich auf das Treffen mit deinem Vater vorzubereiten. Er wird mit euch allen zu Abend essen wollen. Und ich würde dir empfehlen, diesmal keine Turnschuhe und kurze Hosen zu tragen. Reize ihn kurz vor seiner Abreise nicht unnötig. Er wird sich hier nur kurz aufhalten“, ermahnte der Mann ihn.
„Ja, ja, hab schon verstanden“, murrte Gavin, während er an sich herabsah.
„Hey … du … Android … wie heißt du nochmal?“, richtete sich der Mann plötzlich direkt an Nines.
„Der junge Herr hat mir den Namen Nines gegeben“, antwortete er.
„Nines also … passt du bitte darauf auf, dass der Junge sich nachher angemessen kleidet?“
„Er ist doch nicht mein Kindermädchen“, unterbrach Gavin das Gespräch der beiden.
„Nein, aber er ist auch dazu da, dir das Leben einfacher zu machen und nicht, um nur dumm rumzustehen und abzuwarten, dass irgendetwas passiert“, widersprach der Mann.
Gavin verkniff sich sichtlich einen Kommentar, während er sich auf die Unterlippe biss.
„Wie dem auch sei. Sei einfach ein guter Junge, bald hast du sturmfreie Bude“, beendete der Mann das Gespräch und wandte sich dabei von ihnen ab.
Gavin schwieg und sah ihm noch einen Moment lang nachdenklich hinterher, bevor er Nines' Blick bemerkte.
„Was?“, zischte er.
„Wer war dieser Mann?“
„Bruce, er kümmert sich um unseren Garten und um die Reparaturen an und im Haus. So etwas wie ein Hausmeister. Margaret ist seine Frau. Sie ist so etwas wie die Hausdame hier. James und Astrid sind die Bediensteten meines Vaters und meiner Mutter.“
„Warum hast du niemanden, der sich um dich kümmert?“
„Mein Vater ist so gut wie nie da, also hat sich James um mich gekümmert“, erklärte Gavin.
„Doch wie du gerade mitbekommen hast, wird mein Dad ihn diesmal nach Europa mitnehmen“, ergänzte er etwas bedrückt.
„Und das tangiert dich?“, hakte Nines mehr aus Neugierde als aus Sorge nach.
„Was zur Hölle? Kannst du mal den Stock aus dem Arsch nehmen und normal mit mir reden?“, reagierte Gavin ziemlich allergisch auf Nines' Wortwahl.
„Seine Abwesenheit beunruhigt dich also?“, versuchte er sich daher etwas zugänglicher auszudrücken, während er innerlich mit den Augen rollte.
„Ich dachte wirklich, er bleibt diesmal auch hier“, murmelte Gavin leise vor sich hin, bevor er zu dem Androiden aufsah.
„Was interessiert das so einen Haufen Blech wie dich überhaupt?“, schien er, mehr sich selbst zu fragen.
„Um genau zu sein, bestehen wir nicht aus Blech“, widersprach Nines ihm und erntete darauf einen überraschten Blick.
„Wir bestehen aus einem synthetischen Stoff, der eher einem Kunststoff ähnelt“, sprach er einfach weiter.
„Ach, halt die Klappe“, unterbrach Gavin ihn.
„Wieso? Ich wollte das nur richtig stellen.“
„Deine Klugscheißerei kannst du stecken lassen“, erwiderte Gavin gereizt.
„Warum?“
„Es reicht, wenn mich meine Familie schon ständig belehren will, dann musst du damit nicht auch noch anfangen.“
„Ich wollte dich nicht belehren.“
„Lass mich einfach in Ruhe, okay?“, schien sich Gavins Laune immer weiter zu verschlechtern. Das war nicht das, was Nines mit seiner Aussage bezweckt hatte, doch egal, was er sagte, der Junge würde es wohl sowieso in den falschen Hals bekommen. Alles, was nicht seiner Vorstellung entsprach, schien er prinzipiell abzulehnen und Nines fragte sich bereits jetzt schon, was er getan hatte, um solch einen Besitzer zu verdienen.
---
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast