Wiegenlied für einen Todgeweihten

OneshotDrama, Schmerz/Trost / P12
Mama Isabella Ray
19.09.2019
19.09.2019
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1903
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Hallo allerseits!

Ich wollte bereits seit längerem einen kleinen Oneshot zu The Promised Neverland schreiben, und hier ist er nun endlich! Der Charakter Leslie hat es mir wirklich angetan, trotz dass er nur einen recht kurzen Auftritt im Manga und Anime genießen durfte. Daher stammte auch die Idee, diese Geschichte zu schreiben, wenngleich sie ebenfalls nicht besonders lang geraten ist.
Wer bislang nur die erste Staffel des Anime gesehen hat, dürfte ein wenig gespoilert werden, von daher rate ich zur Vorsicht ^^
Allen anderen wünsche ich viel Spaß mit diesem Oneshot, lasst doch einen Kommentar da, wenn sie euch gefallen hat (oder auch nicht ^^) und habt noch viel Spaß beim Weiterlesen!



~~~ ~~~ ~~~



Zitternd legte sich ihre Hand auf die Stelle, die soeben vom Schmerz durchzuckt worden war. Sie zählte die Sekunden, bis es abermals geschah, immer und immer wieder in kürzeren Abständen. Mit vor Angst und Wut zusammengebissenen Zähnen blickte Isabella auf ihre langen, weißen Hände, die stetig über ihren Bauch strichen. Noch nicht, flehte sie in Gedanken, noch ist nicht die richtige Zeit.

Doch ihre Gebete blieben unerhört. Seit ungezählten Stunden lehnte Isabella sich an die Wand ihres kleinen, zellenartigen Zimmers, eine Decke über ihre Schultern gehangen, denn sie fror. Fror, wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Selbst als sie die Mauer ihres begrenzten Zuhauses erklommen hatte, im tiefsten Winter, und der eisige Wind Schneeflocken in ihr Gesicht wirbelte, hatte sie nicht so gefroren.
Nicht einmal, als er…

Eine erneute Schmerzenswelle holte Isabella zurück in die Gegenwart. Langsam atmete sie ein und aus, schloss die Augen. Der Schmerz würde nicht ewig andauern, er würde vergehen, irgendwann. Sie musste nur warten. So lange würde sie stumm bleiben, ihr Schicksal ertragen und hoffen, dass es sie nicht allzu bald einholen würde.

Viel Zeit würde Isabella jedoch nicht mehr bleiben. Sie hatte von vornherein nie welche gehabt. Geboren worden war sie, um zu sterben, jünger als sie nun war. Mittlerweile hatte sie ihren Tod um sieben Jahre überlebt, entgegen aller Umstände. Isabella hatte sie alle überlebt. Das Ultimatum, das ihr in die Haut geritzt worden war bei ihrer Geburt. Ihre Brüder und Schwestern, die mit ihr im Grace Field House eine glückliche, unbeschwerte Kindheit erlebt hatten.

Leslie…

Der Gedanke an Leslie, die Pein über seinen Verlust schmerzte schlimmer, als es ihr Körper je vermocht hätte. Genau wie sie war er zur Welt gebracht und aufgezogen worden, nur damit sie ihn töten konnten… ihn… essen

Mama und die Großmutter und die Dämonen… sie hatten den Kindern, sie hatten Leslie ein Leben geschenkt, nur um es allzu bald wieder auszulöschen. Ihm eine Existenz vorgegaukelt, die nichts weiter war als eine grausame, abscheuliche Lüge. Eine Tat, an Unmenschlichkeit nicht mehr zu überbieten.

Und nun saß Isabella hier, um ihrem Kind das Gleiche anzutun.

Welche Wahl wäre ihr ansonsten geblieben? Mama hätte sie ebenso verraten und ermorden lassen, wenn sie nicht diesem Pfad gefolgt wäre. Als Kind sterben oder erwachsen werden, um ihre Kinder sterben zu lassen.

Isabella hatte nicht gezögert, diese Entscheidung zu treffen. Alles, was sie wollte, war leben. Egal wie, egal wie lange. Nur leben. Länger als die, die ihr all dieses Leid angetan hatten, länger, als es ihr bei ihrer Geburt vorbestimmt gewesen war.
Länger als Leslie…

Abermals krallten sich ihre Hände in den Stoff ihres Kleides. Sie würde leben. Sie würde eine Mama werden, Kinder heranziehen, die so wohlschmeckend wären, dass kein Dämon ihnen widerstehen würde können. Sie würde werden, was sie im tiefsten Winkel ihres Herzens verachtete.

Dazu hatte Isabella viel lernen, viel ertragen und noch weit mehr aufgeben müssen. Doch das größte Opfer war noch zu erbringen.

Isabella würde ihr eigenes Kind zum Tode verurteilen.

Vor neun Monaten hatten die Dämonen es ihr in den Leib gepflanzt, als ultimativen Beweis ihrer Treue. Gäbe sie es ohne Klage auf, wäre sie eine geeignete Kandidatin der Mama. Andernfalls…

Isabella war fest entschlossen, keine Schwäche zu zeigen. Während all der vielen Wochen, in denen das Kind in ihr herangewachsen war, in denen es ihr gezeigt hatte, dass es ebenso leben wollte wie seine Mutter, hatte sie versucht, keine Gefühle aufkommen zu lassen. Sie hatte ihren Bauch gestreichelt, lautlose Worte verloren. Mehr nicht. An das Kind als solches hatte sie nie viel gedacht, aus reinem Selbstschutz, denn es würde sowieso nie ihr gehören.

An Leslie hatte sie gedacht. An Leslie, sein schüchternes Lachen, seine Finger, wie sie der Mandoline die schönsten Töne entlocken konnten, seine Stimme, wenn er für sie sang, an alles, was er einst gewesen war…

Und an ihren Schmerz, als sie begriffen hatte, dass er tot war.

Was Leslie dazu sagen würde, wenn er erführe, was Isabella hier tat? Ob er sie hassen würde? Sie verachten? Oder ob er nur einen Funken Verständnis für sie würde aufbringen können? Ihr vergeben?

Nichts davon würde er tun. Leslie war tot und sie würde leben. Es war das Einzige, was sie nun noch tun konnte. Ihr Tod hätte nichts geändert, sie zu keinem besseren Menschen gemacht. Isabella wäre nur gestorben. Und Leslie ein zweites Mal mit ihr.

Weil der Schmerz sie abermals zu überwältigen begann, öffnete Isabella den Mund, doch kein Ton entrang ihm. Dann, erst leise, zitternd, erhob sich ihre Stimme zu einer Melodie, fern und traurig. Leslies Lied. Immer hatte sie es gesummt, wenn sie an den Einzigen gedacht hatte, den sie jemals wirklich liebte. Es war sein Lied, das er nur ihr allein offenbart hatte, und so lebte er in Isabella weiter, für immer.

So, wie es ihr Kind bis jetzt getan hatte.

Selbst wenn Isabella kein Gefühl für ein Wesen hatte entwickeln wollen, das nur von ihrem Leben zehrte, um schlussendlich doch zu sterben, so hatte sie trotzdem für es gesungen. Leslies Lied, die Melodie seines Todes. Für ihr Kind, das ebenso wie er sterben würde. Mehr konnte sie nicht mehr für es tun.

Isabella verstummte, als ein dämonischer Wächter Stunden später nach ihr sah, sie in ein Krankenzimmer bringen ließ; sie schwieg noch immer, als sie das Kind zur Welt brachte, umringt von Leuten, die es am Leben erhalten würden, damit es sterben konnte.

Im Gegensatz zu Isabella schrie das Kind, laut und durchdringend, der Schrei eines Neugeborenen. Sie wollte es nicht ansehen, barg das Gesicht in ihren Händen, bis es endlich fort war. Lass es gehen, befahl sie ihrem Herzen, das sich entgegen aller Vernunft an ihr Kind klammern wollte, lass es gehen, wie du Leslie gehen ließt.

Lass es sterben.

Die Dämonen brachten das Kind fort, ohne dass seine Mutter es einmal angeblickt hatte.

Isabella hatte getan, was sie hatte tun müssen; ihre Loyalität war auf eine Probe gestellt worden, die sie mit Bravour bestand. Zur Belohnung wurde sie eine Mama, die jüngste in der Geschichte des Versprechens. In dem gleichen Haus, in dem sie aufgewachsen war würde sie ihren Schützlingen ein Zuhause schenken, eine glückliche Kindheit voller Lachen und Freude.

Und ihren Tod.

Es gab nichts, was Isabella dagegen tun konnte. Daher bereute sie es auch nicht, ihre Kinder fortzubringen, sie im letzten Augenblick, in dem ihr argloses Herz schlug, zu verlassen und sich denen zuzuwenden, die noch bei ihr waren. Neue Kinder warteten auf sie, ebenso wie die Dämonen.
Isabella war das Einzige, das blieb.

So zogen die Jahre ins Land und Isabella war glücklich. Wie konnte sie auch nicht? Sie lebte in dem Haus, das ihr vertraut war, hatte wunderbare Kinder kennenlernen dürfen, erfüllte ihre Rolle besser als jede andere. Und lebte. Länger als all ihre kleinen, süßen Waisenkinder.

Wie sie eines fernen Tages der Mauer zur Außenwelt entlang schlenderte, kontrollierte, ob die Umgrenzung auch wirklich sicher war und sich zugleich an ihren eigenen fruchtlosen Fluchtversuch erinnerte, vernahm sie etwas.

Leise, lieblich, unmöglich.

Isabelles Füße trugen sie sicher weiter, auch wenn ihr Herz ins Stolpern geraten war. Was war es nur…? Es konnte nicht…? Diese Töne, dieses Auf und Ab einer fernen Melodie…

Leslie…

Fast erwartete sie ihren geliebten Leslie im Schatten eines Baumes sitzen zu sehen, verträumt die Saiten seiner Mandoline zupfend. Aber Leslie war tot. Genau wie seine Melodie. Mit dem Moment, in dem Isabella in das Grace Field House zurückgekehrt war, hatte sie aufgehört, sein Lied zu singen.
Sie hatte es einfach nicht mehr gekonnt.

Und so sang es eines ihrer Kinder, das Lied, das es gar nicht kennen dürfte, das Lied, das allein Leslie und ihr gehörte.

Zuerst sah sie das Buch in seinem Schoss. Dann die weiße Kleidung, die zerstrubbelten, rabenschwarzen Haare, die ihm ins Gesicht fielen. Große, kluge Augen, die sich auf sie richteten.

„Ray?“

Das Lied verstummte.

„Woher kennst du diese Melodie?“

Isabella wusste nicht, woher ihre Stimme kam, weshalb sie überhaupt fragte. Sie wollte keine Antwort. Sie wollte nur fort. Doch ihr Körper verharrte, einzig ihre Hände rührten sich, umfassten ihren Leib.
Dort, wo sie einst ihr Kind getragen hatte.

„Mama“, flüsterte Ray, unendlich traurig, alles wissend.

„Warum hast du mich zur Welt gebracht?“

Eine Frage, und Isabella fühlte sich wie erlöst. Das Gewicht all der Schuld, die sie auf sich geladen hatte, verschwand von ihren Schultern, wie sie einen tiefen Atemzug nahm und lächelte.
Das Lächeln einer Mama, die ihr Kind würde sterben lassen.

„Damit ich leben konnte.“

Leben. Nichts als das hatte Isabella jemals gewollt. Und Ray? Er hatte es nicht gewollt. Er hatte sterben wollen, ehe die Dämonen ihn hatten zu sich holen können.
Doch er würde leben, länger als alle anderen.

Hoffentlich.

Wie Isabella im Gras lag, umringt von ihren jüngsten Kindern, und dabei zusah, wie das Grace Field House in Flammen aufging, sang sie. Leslies Lied, ein Wiegenlied für die Kleinen, sodass sie trotz der nächtlichen Tragödie würden schlafen können.
Auch für ihre anderen Kinder sang sie. Die, die gestorben waren, und für die, die leben würden. Emma, Gilda, Don, Anna, Lanni und Thoma…

Norman.

Für Ray. Ihr Kind, ihr Sohn, das Wesen, das die Dämonen ihr in den Leib gepflanzt hatten, das sie getragen und geschützt und geboren hatte…

Für diejenigen sang Isabella, die sie fast ebenso sehr geliebt hatte wie Leslie. Er war tot. Auch sie würde sterben. Und endlich bei ihm sein.

Aber ihre Kinder, sie würden leben.

Denn sie hatten Leslies Lied bei sich.
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