Knallhart in Gareth

GeschichteKrimi, Fantasy / P16
19.09.2019
19.09.2019
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Die Taverne „An der fetten Sichel“ im Südquartiers Gareths war optimistisch beschrieben eine günstige Trinkhalle. Wenn man sie dagegen realistisch betrachtete, war es nur eine miese Kaschemme, wo das Bier gepanscht und der Dielenboden klebrig waren.
An diesem frühen Abend im Hesindemond war recht wenig los. Es schneite zwar draußen, aber es war noch zu warm, dass der Schnee liegen geblieben wäre. Als Ergebnis bestanden die meisten Straßen im Südqartier aus Matsch.  
Arn, der Wirt der Sichel, unterhielt sich mit Emmeran, einem seiner Stammkunden, über das letzte Immanspiel. Dabei ignorierte er bewusst die fleckigen Humpen auf dem Tresen. An einem Tisch spielten drei verlebt aussehenden Frauen Boltan. Ihre Männer waren wohl zuhause und hüteten die zahlreichen Kinder. Ein großer massiv aussehender Thorwaler saß an der Theke und trank methodisch einen Schnaps nach dem anderen. Offenbar hatte er vor, sich wirkungsvoll um den Verstand zu trinken. In einer Ecke saß ein geckenhaft aber billig gekleideter Almadaner bei einem Glas Wein und übte gelangweilt Kartentricks.
Die Stimmung war gelangweilt und deprimierend. Aber das war in den Wintermonaten immer so.
Es war kalt und nass draußen. Daher gab es wenig Arbeit im Viertel und noch weniger zu essen daheim.
Hier in der Sichel war es durch das Kaminfeuer warm und gemeinsam war das Elend doch nicht ganz so niederdrückend.
Der Thorwaler trank sein Schnapsglas in einem Zug aus, seufzte aus seiner breiten Brust und ließ den Kopf hängen. Er klopfte mit dem Schnapsglas auf den Tresen. Arn unterbrach kurz sein Gespräch und ging zu dem Thorwaler rüber. Er schenkte ihm aus einer schlichten Tonflasche ohne jede Beschriftung nach. Danach verkorkte er die Flasche wieder und ging wieder zu Emmeran rüber, um sein Gespräch weiter zu führen.
Der Abend hätte ruhig und besinnlich verlaufen können. Aber scheinbar hatte jemand in Alveran andere Pläne.
Knarrend öffnete sich die Tür. Einen Moment stand eine breit gebaute Gestalt in der Tür. Arn schaute zur Tür. „Was nun? Komm rein oder bleib draußen. Aber mach die scheiß Tür zu.“ schnauzte er.
Die Gestalt verharrte noch einen Augenblick und trat dann ein. Der Fremde trug einen geölten Lederumhang, der nass vom Schneeregen war. Unter dem Umhang konnte man eine dunkle Tunika erkennen. Der Mann trug außerdem massiv aussehende genagelte Stiefel. Anstatt eines Wanderstabes oder Gehstock trug der Mann einen massiven fünf Stein schweren Hammer mit langen Stiel in der rechten Hand. So ein Hammer wurde normalerweise in einer Grobschmiede oder im Steinbruch verwendet. Alle Augen richteten sich auf den Neuankömmling.
Der Fremde ging ein paar Schritte in den Gastraum hinein und sah sich aufmerksam um. Dann schob er sich mit der rechten Hand die Kapuze in den Nacken. Zum Vorschein kam das Gesicht eines älteren Mannes um die fünfzig Jahre. Alte Pockennarben und Falten ließen sein Gesicht wie eine verwitterte Felsklippe wirken. Er hatte lockige braune Haare mit den ersten grauen Strähnen. Ein buschiger Schnurrbart lief über beide Mundwinkel bis zum Kinn. Harte graublaue Augen musterten unter buschigen Augenbrauen die anwesenden Tavernengäste. Theatralisch ließ der Mann den Hammerstil durch die behandschuhte Hand laufen, bis der Hammerkopf mit einem dumpfen Pocken auf dem Dielen aufschlug. Mit einem dramatischen Heben der Arme schlug der Fremde seinen Umhang zurück über die Schultern. Ein kollektives Luftholen der anwesenden Gäste war die Reaktion darauf. Unter dem Umhang trug der Mann die weiße Robe mit roten Überwurf eines Praiosgeweihten. Aber im Gegensatz zur bodenlangen Robe des normalen Geweihten, ging die Robe des Fremden nur bis zu den Knien. Darunter trug er eine schlichte Lederhose und ein schlichtes Kettenhemd. Am Gürtel hingen die zwei goldenen Shärenkugeln. An der linken Seite hing in einer Gürtelschlaufe das Sonnenzepter, das bei dem Mann aber eher einem goldenen Morgenstern ähnelte. Niemand in der Sichel wagte zu atmen oder auch nur einen Finger zu rühren.
„Ich bin Geron von Gareth!“ sagte der Mann mit voll tönender Stimme, die ganz hervorragend auf einen Kasernenhof gepasst hätte. „Ich bin auf der Suche nach Glenna Bogner.“
Er machte eine dramatische Pause und sah sich wieder um. Einen langen Moment verharrte sein Blick auf dem Almadaner.
„Glenna Bogner ist etwa sechzehn Götterläufe alt, mittelgroß, schlank und hat braune glatte Haare.“ Wieder eine Pause.
„Sie wurde vor zwei Tagen auf dem Weg nach Hause entführt. Hat jemand von euch sie seit dem gesehen?“
Der Thorwaler an der Theke bewegte sich als erstes wieder. Um der Wahrheit genüge zu tun, hatte er immer noch den Kopf gesenkt und sich nicht einmal zu dem Geweihten umgedreht. Nun klopfte er wieder mit seinem leeren Glas auf die Theke.
Der Geweihte musterte den Thorwaler aufmerksam und ging gemessenen Schrittes zur Theke, bis er  neben dem Thorwaler stand.
Abermals klopfte der Thorwaler mit seinem leeren Glas auf die Theke.
Arn wagte sich zu bewegen und griff nach der Schnapsflasche. Vorsichtig ging er hinter der Theke zu dem Thorwaler und entkorkte dabei die Flasche. Dabei schaut er immer wieder zu dem Geweihten.
Wieder klopfte der Thorwaler mit seinem leeren Glas auf die Theke. Diesmal klang es eindringlicher.
Der Wirt bewegte langsam die offene Flasche auf das Schnapsglas zu und sah dabei wieder zu dem Geweihten.
Der Geweihte sah seinerseits zu dem Thorwaler.
Noch nie in der Geschichte Aventuriens wurde das Eingießen eines Kornschnapses mit so viel Aufmerksamkeit verfolgt.
Der Geweihte bewegte seinen Arm und hielt eine Hand über das Glas des Thorwalers.
Der Arm des Wirtes verharrte. Ein leichtes Zittern war an der Öffnung der Flasche zu sehen.
„Glenna Bogner?“ begann der Praoisgeweihte mit ruhiger fester Stimme. „Etwa sechzehn Götterläufe alt, mittelgroß, schlank, braune glatte Haare. Habt ihr sie gesehen?.“
Der Thorwaler dreht den Kopf in Richtung des Geweihten.
„Giv mig noget at drikke.” knurrte er leise. ”Or du mødes med dine forfædre.”
Der Geweihte sah dem Thorwaler in die Augen.
”Glenna Bogner.” sagte er langsam und deutlich. ”Ein junges Mädchen.”
Wieder knurrte der Thorwaler. Diesmal bedrohlicher.
Arn wich zum Flaschenregal zurück und beschützte die Schnapsflasche in seinen Armen wie ein Säugling.
Dann ging alles sehr schnell.
Der Thorwaler fuhr auf. Seine rechte Faust sauste auf den Geweihten zu. Der wiederrum hieb dem Thorwaler seinen rechten Ellenbogen gegen den Hals und trat außerdem gleichzeitig seitlich gegen den Hocker des Mannes. In folge dessen verlor der Thorwaler das Gleichgewicht und landete unsanft auf dem Boden.
Der Geweihte ging zwei Schritte zurück, behielt aber den wütenden Thorwaler im Auge.
”Glenna Bogner?” fragte er diesmal lauter in den Schankraum. ”Wo ist sie? Wer hat sie gesehen?”
”Nu er du ved at dø.” grollte der Thorwaler gedämpft und versucht sich zu erheben.
”Bleib unten, Hjaldinger.” knurrte der Geweihte zurück.
Der Thorwaler versuchte auf die Beine zu kommen. Dabei stützte er sich auf dem umgefallenen Hocker. Der aber rollte weg und der Thorwaler stürze abermals zu Boden.
Auf einmal fuhr ein kalter Wind durch die Schankstube. Alle Gäste sahen zur Tür.
Die Tür war sperrangelweit auf und bewegte sich sachte im Zugwind.
Der Praiosgeweihte sah sich schnell im Raum um.
Der Almadaner war verschwunden.
”Oh, Kacke.” fluchte Geron schicksalsergebend.
Dann machte er sich an die Verfolgung des Almadaners durch die kalte Nacht.