Ein neuer Stern

KurzgeschichteSchmerz/Trost / P12 Slash
Boris Saalfeld Romy Ehrlinger Tobias Ehrlinger / Saalfeld
19.09.2019
19.09.2019
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Nacht. Überall um mich herum war es Nacht. Eine Nacht, wie ich sie schon oft erlebt hatte, hier draußen, auf dem kleinen Balkon unserer Wohnung, von welcher aus man einen fantastischen Blick auf den Hafen hatte, der um diese Zeit so hell beleuchtet war wie ein Rummelplatz.
Es schillerte und glänzte überall, zerbrach die Dunkelheit mit Licht, während ich gedankenverloren in den Himmel hinaufstarrte, der mit tausenden und abertausenden von Sternen ausgekleidet war.
Und dennoch war es Nacht. Tiefschwarze Nacht. Über mir. Unter mir. Um mich herum. Und in mir. Vor allem in mir. Dort drin, ganz tief in den verborgensten Winkeln meines Bewusstseins herrschte auch Dunkelheit. Pechschwarze Dunkelheit. Nur mit dem Unterschied, dass diese sich durch kein Licht erhellen ließ. Da gab es keine Sterne, die die Finsternis vertrieben. Keine Straßenlaternen oder andere Schimmer, die das Schwarz durchbrachen und einen kleinen Strahl in die Undurchsichtigkeit warfen.
Diese Nacht, die in mir war, ließ sich nicht mit der hier draußen vergleichen. Sie war nicht vergänglich, würde nicht irgendwann der Dämmerung eines neuen Morgens weichen. Nein, diese Nacht war ewig. Ewig und unüberwindbar wie die Unendlichkeit. Sie war mächtig und kalt wie Eis, verschlang jeden noch so kleinen Funken auf der Stelle in sich wie ein schwarzes Loch.
Und der einzige Schimmer, der sie jemals zerbrochen hatte, der je stark genug gewesen war, sie zu durchdringen, hatte seinen Glanz für alle Zeiten verloren. Er wärmte mich nicht mehr, erhellte mich nicht mehr, sondern überließ mich erbarmungslos der Dunkelheit und lieferte mich dem Schmerz aus, der unaufhaltsam in mir bohrte und mich von innen her zerfraß, der mir nicht eine ruhige Minute gönnte, sondern geschickt meine Schwächen ausnutzte, um mich auf quälend langsame Art und Weise kaputtzumachen. Beinahe so wie ein Nervengift, das sich schleichend über den ganzen Körper verteilte und jede einzelne Zelle davon mit Seelenruhe vernichtete – genüsslich und unaufhaltsam.
Genauso fühlte ich mich, seit der Lichtstrahl in mir seinen Schein verloren und die Augen für alle Zeiten geschlossen hatte. Hilflos, ängstlich und verloren wie ein Kind, das sich im Wald verirrt hatte und den Ausweg nicht mehr fand.
Und einsam. Schrecklich einsam. Es war fast so, als sei ich innerlich tot, als wäre ein Teil von mir mit ihr gestorben, als ihr Herz zu schlagen aufgehört hatte. Ihr großes, reines und unschuldiges Herz, das immer so viel Wärme, so viel Lebensfreude und Energie versprüht hatte.
Und plötzlich stand es einfach still. Ohne Vorwarnung. Ohne Ankündigung. Einfach so mitten aus dem Nichts. Plötzlich atmete sie nicht mehr und ihr Blick wurde starr und leer, ließ jeden noch so hellen Schimmer für alle Zeiten verblassen.
Und dabei hatte sie mir kurze Zeit zuvor noch versprochen gehabt, uns hier in Hamburg besuchen zu kommen. Sie hatte versprochen, dass sie herkommen und sich gemeinsam mit uns die Lichter im Hafen ansehen würde. Hatte mich angelächelt und sich gemeinsam mit mir vorgestellt, wie das wohl sein würde. Und sich noch im Scherz darüber beschwert, dass ihr von Fischbrötchen am Morgen bestimmt speiübel werden würde.
Ihre Augen hatten so gestrahlt dabei. Sie hatten dieses einzigartige, magische Leuchten gehabt, das ich seit jeher so an ihr bewundert hatte.
Und auf einmal waren sie leer. Eiskalt und verlassen, als hätte es diese Magie niemals gegeben. Das konnte doch nicht sein. Es konnte einfach nicht sein. Sie konnte nicht einfach so gehen und nie mehr zurückkommen.
Ich hatte mich doch nicht einmal von ihr verabschieden können. Ich hatte ihr nicht mehr sagen können, wie viel sie mir bedeutete, wie sehr ich sie immer bewundert hatte. Wie dankbar ich ihr für alles war, was wir gemeinsam erlebt hatte. Und vor allem wie unendlich ich sie liebte. Weitaus mehr noch als einfach nur eine Cousine.
Sie war mehr für mich gewesen. Viel, viel mehr. Und es gab so viel, so unglaublich viel, was ich ihr noch hatte sagen wollen. So viel, was ich für sie und mit ihr noch hatte tun und erleben wollen. Und all das war jetzt einfach weg? SIE war einfach weg? Das konnte nicht sein. Das durfte nicht sein. Sie musste wiederkommen. Sie MUSSTE ganz einfach!
Ich ließ sie nicht einfach so abhauen. Sie konnte nicht verschwinden und nie wieder zurückkehren. Nicht so. Und schon gar nicht jetzt. Nicht, nachdem sie einen Tag zuvor noch so überglücklich gewesen war. Das ging nicht. Das ging einfach nicht, verdammt!
Ich liebte sie doch so sehr. Sie war einer der ganz wenigen Menschen in meinem Leben, die mich wirklich verstanden. Zu ihr hatte ich immer kommen können, sie war immer da gewesen, hatte immer ein offenes Ohr für mich gehabt. Wir hatten so viel erlebt, so viel zusammen durchgemacht, waren so eng miteinander verbunden gewesen wie Geschwister.
Und auf einmal war ihr Platz einfach leer. Auf einmal war da niemand mehr, der nachts um halb elf anrief und fragte, wie es mir ging. Auf einmal kam kein liebevoll geschriebener, handschriftlicher Brief mehr von ihr an. Sie war einfach weg. An einem Ort, an dem ich sie nicht mehr erreichen konnte. Das war unfair. Das war einfach nur unfair.
Sie war so jung gewesen. So jung und glücklich. Und wie sehr sie sich gefreut hatte, als Boris und ich zu ihrer Hochzeit gekommen waren. Sie hatte gestrahlt, als wir spontan vor ihrer Tür aufgetaucht waren und sie überrascht hatten. War mir um den Hals gefallen und hatte mir ohne Punkt und Komma von der anstehenden Hochzeit erzählt – und vor allem, wie sehr sie sich auf diesen Tag freute.
Und dann brach sie einfach so zusammen. Verlor mitten unterm Hochzeitstanz das Bewusstsein und blieb regungslos liegen. Das war so ein Schock gewesen. So ein verdammt tiefer Schock. Ausgerechnet am glücklichsten Tag ihres Lebens musste so etwas passieren.
Und dann erst die Diagnose: Herzprobleme. In ihrem jungen Alter. Das konnte doch einfach nicht wahr sein.
Sie war doch kerngesund. Nie zuvor hatte sie irgendwelche Beschwerden oder gar ernsthafte Erkrankungen gehabt. Und wie aus dem Nichts machte ihr Herz plötzlich schlapp. Weil der Muskel stark angegriffen war und sich langsam auflöste. Ohne erkennbaren Grund. Ohne irgendwelche Anzeichen oder Ursachen. Einfach so.
Das war einfach nicht real. Sie durfte nicht sterben. Sie KONNTE gar nicht sterben. Nicht in ihrem jungen Alter. Und schon gar nicht an so einer verdammten Erkrankung. Sie musste wieder gesund werden. Sie WÜRDE wieder gesund werden. Würde ein neues Herz bekommen und zurück ins Leben finden. Wir alle würden sie dabei unterstützen. Und dann würden wir alles nachholen. Das hatte ich ihr bei meinem letzten Besuch fest versprochen.
Ich hatte geglaubt, es würde wieder gut werden. Hatte fest damit gerechnet, dass sie bald wieder auf den Beinen war. Dass sie uns ganz sicher in Hamburg besuchen kommen und ich ihr die vielen Sehenswürdigkeiten zeigen würde.
Und dann war sie einfach eingeschlafen. Sie hatte die Augen zugemacht und war in einen tiefen Schlummer gefallen, aus dem sie niemals wieder erwachen würde. Es war so unecht. So verdammt unecht. Und gemein. Gemein und ungerecht.
Ich hatte es ihr VERSPROCHEN, verdammt noch einmal! Ich hatte ihr versprochen, dass ich ihr Hamburg zeigen würde. Dass ich sie herumführen und wir gemeinsam grillen würde. Hier draußen auf unserem Balkon. Ich hatte versprochen, dass sie wieder gesund werden würde. Und ich alles dafür tat, damit sie sich so schnell wie möglich wieder erholte.
Aber ich hatte mich nicht daran gehalten. Ich hatte sie einfach gehen lassen und mich nicht einmal verabschiedet. Ihr nicht mehr gesagt, wie sehr ich sie liebte. Noch nicht einmal an ihrem Grab hatte ich einen Ton herausgebracht oder mich wenigstens für unsere wunderschöne Zeit bedankt.
Ich hatte es einfach nicht gekonnt. Mir hatte die Kraft gefehlt, ihr irgendetwas zu sagen. Die letzte Möglichkeit, mich ihr zu öffnen und ihr mein Herz auszuschütten, hatte ich nicht genutzt. Und ich bereute es. Jeden einzelnen Moment lang bereute ich es. Ich bereute all das, was ich versäumt hatte. Die nicht erfüllten Versprechen. Die ungesagten Worte. Und das Gefühl, ihr viel zu selten und zu wenig gezeigt zu haben, wie sehr ich sie liebte.
Und jetzt war sie weg. Für immer. Sie war in eine Welt gegangen, in der ich sie nicht mehr erreichen konnte. In die ich ihr nicht folgen konnte, um sie wenigstens noch ein einziges Mal in den Arm zu nehmen. Oder ihr zu sagen, dass sie alles für mich war. Alles – und noch viel, viel mehr.
Heiß kullerten mir die Tränen über das Gesicht, während all diese Gedanken mich überfluteten und ich mich so schuldig fühlte wie noch nie zuvor in meinem Leben. Da waren so viele, verpasste Chancen. So viele Dinge, die ich sagen und tun wollte, so viele Versprechen, die ich ihr unheimlich gerne noch erfüllt hätte. So viel Liebe und Dankbarkeit für all das, was wir gemeinsam erlebt hatten.
Und ich konnte sie ihr nicht mehr zeigen. Das war so ein schreckliches Gefühl. Und es fraß mich auf. Jeden einzelnen Augenblick noch ein Stück mehr.
Komm zurück, Romy, flehte ich innerlich und sank kraftlos in mir zusammen, während die Nacht um mich sich in ein tiefes Schweigen hüllte. Bitte komm einfach nur zurück. Ich brauche dich doch. Ich liebe dich.

Wie lange ich so dasaß oder wie spät es überhaupt war, wusste ich nicht. Es konnten Minuten gewesen sein – oder vielleicht sogar Stunden. Ich hatte keine Ahnung. Ich spürte nur, dass es langsam kälter um mich wurde, auch wenn wir hier in Hamburg nachts eigentlich immer laue Temperaturen hatten.
Aber wahrscheinlich lag es gar nicht an meiner Umgebung. Es war meine innere Kälte, die ich da gerade spürte und die mir mehrfach ein Zittern über den Körper jagte. Vielleicht, so überlegte ich einen kurzen Augenblick lang, würde sie mich ja endlich einmal erlösen und das Herz in mir, das wie wild pochte, endlich zum Stillstand bringen. Vielleicht würde mein Inneres ja endlich den Geist aufgeben und mich befreien. Vielleicht fand ich dann einen Weg, der mich zu Romy brachte. Vielleicht wartete sie ja bereits auf mich – irgendwo dort oben, zwischen den Sternen.
Ich liebte das Leben. Das tat ich wirklich. Es gab so viele schöne Dinge auf der Welt, so vieles zu entdecken, so viel, wofür es sich lohnte, weiterzumachen und nicht aufzugeben. Allen voran zum Beispiel mein Mann, mit dem ich so glücklich war wie noch niemals irgendwann zuvor. Liebe auf den ersten Blick nannte man das wohl, was damals zwischen uns beiden passiert war. Und ich erinnerte mich gut daran, wie lange ich mit mir gehadert hatte, wie lange wir beide letztendlich gebraucht hatten, um endlich zusammenzufinden. Und auch in dieser Zeit war Romy mein größter Halt und meine sicherste Stütze gewesen.
Ich erinnerte mich noch gut an den Tag, als ich mich vor ihr geoutet und ihr offengelegt hatte, dass ich mein Herz ausgerechnet an den Geschäftsführer des „Fürstenhofes“ verloren hatte. Und auch daran, wie offen sie gewesen war, wie sehr sie sich für mich gefreut hatte, ganz besonders, als er und ich endlich zusammengekommen waren.
Ohne sie, so überlegte ich, wäre das vermutlich überhaupt nicht passiert. Ohne sie hätte ich die große Liebe wahrscheinlich nie erlebt und viel zu früh die Flinte ins Korn geworfen. Immerhin war sie es gewesen, die mich immer wieder ermutigt hatte, die mir Kraft gegeben und mir geraten hatte, mich einfach zu meinen Gefühlen zu bekennen. Und nur einzig und allein dank ihr hatte ich das letztendlich auch geschafft.
Sie hatte sich so für uns beide gefreut. Und uns sogar bei der Organisation unserer Hochzeit tatkräftig unterstützt. Und jetzt... da war sie einfach weg. Fortgegangen, ohne ein einziges Wort einfach aus meinem Leben verschwunden.
Das ertrug ich nicht mehr. Ich ertrug dieses ganze Leben einfach nicht mehr. All die Dinge, an denen ich Freude gehabt hatte, all die Menschen, die mir wichtig waren – und selbst meine Liebe zu meinem Mann Boris. All das hatte durch Romys Tod seinen Sinn und seine Bedeutung verloren.
Es zählte nichts mehr, war nichts mehr wert, sondern nur noch ein Bruchstück im Scherbenhaufen meines Lebens. Sie war diejenige gewesen, die mir immer Kraft gegeben hatte. Und seit diesem Tag, seit sie mich verlassen hatte, uns alle verlassen hatte – war alles nur noch schwarz, kalt und leer. Ich war in ein Fass ohne Boden gestürzt. Und ich fiel. Jeden Tag und immer weiter. Tiefer und tiefer. Aber ich kam niemals unten an. Weil mein größter Halt, meine sicherste Stütze weggebrochen war. Unwiederbringlich.
Wollte ich wirklich noch so weitermachen? Wollte ich wirklich für den Rest meines Lebens ins endlose Nichts fallen? Wollte ich wirklich immer weiter von dieser undurchdringlichen Schwärze aufgefressen werden?
Nein, entschied ich rasch für mich. Nein, das wollte ich nicht. Ich wollte einfach nur meine Ruhe haben. Wollte zu Romy. Sie in den Arm nehmen. Nie mehr loslassen. Ich wollte bei ihr sein. Jetzt auf der Stelle.
Ohne es selbst richtig wahrzunehmen, rappelte ich mich schließlich vom Boden auf und schlurfte mit schweren Schritten nach vorne ans Balkongeländer, bevor ich meinen Blick zuerst über die schlafende Stadtkulisse, sowie im Anschluss daran nach unten schweifen ließ.
Es war nicht tief, nur ein paar Meter, die es nach unten ging – aber vielleicht würde es ausreichen. Vielleicht würde ich dann endlich meine Ruhe haben und kam zu Romy. Vielleicht würden dann auch endlich diese Schuldgefühle aufhören.
Ich musste es einfach nur tun. Mich hochhieven, über das Geländer klettern – und dann loslassen. Fliegen. In die Freiheit. In die Unendlichkeit. Genau wie auch Romy in die Unendlichkeit geflogen war.
Sofern ich überhaupt noch so etwas wie einen Rest an Verstand hatte, war dieser gerade dabei, sich endgültig zu verabschieden, während ich noch einmal nach unten starrte und mir dabei überlegte, wie es sich wohl anfühlen würde. Würde das wirklich mein Flug in die Freiheit sein? Würde er mich zu Romy bringen?
Die schwirrenden Gedanken in mir zogen mich mehr und mehr mit sich fort, ließen mich in eine Trance fallen, in der nur noch der alles überdeckende, sehnliche Wunsch nach Ruhe existierte.
Aus diesem Grund bemerkte ich auch gar nicht, dass sich hinter mir langsam die Balkontür aufschob und mein Mann Boris zu mir nach draußen trat, der wohl inzwischen aufgewacht sein musste.
Nachdem ich nicht hatte einschlafen können, war ich ganz leise davongeschlichen und hatte mich nach hier draußen geflüchtet, um Ruhe zu haben und zu versuchen, irgendwie einen klaren Kopf zu bekommen. Das hatte ich inzwischen schon mehrmals gemacht und war meist bis in die Morgenstunden hier sitzengeblieben, nur um mich dann ganz leise wieder zurückzuschleichen und so zu tun, als sei alles in Ordnung.
Jedoch war dies das erste Mal, dass er es bemerkt hatte und mir folgte, wovon ich jedoch, immer noch in Gedanken versunken, rein gar nichts mitbekam. Erst seine Stimme, die ganz leise und noch ein wenig verschlafen zu mir herüberdrang, riss mich schließlich aus meiner Trance und ließ mein Bewusstsein für ein paar Augenblicke zurückkehren.
„Tobi?“, hörte ich ihn leise sagen, sowie auch seine dezenten Schritte, mit denen er behutsam zu mir herüberkam. „Hey Schatz“. Ich konnte nicht wirklich auf ihn reagieren, war gefangen in einer Mischung aus Trauer, Wut, Schmerz und Sehnsucht, die sich noch immer unablässig durch salzige Tränen Ausdruck verlieh.
Noch nicht einmal, als seine Hand zärtlich meine Schulter berührte, sah ich mich um, sondern starrte stattdessen wieder hinauf in den Nachthimmel und überlegte, ob sie wohl jetzt irgendwo dort war und mich beobachtete.
Ein Schluchzen verließ meinen Mund und erregte augenblicklich Boris' Besorgnis, rüttelte ihn vollständig aus seiner Schläfrigkeit wach. „Tobi...“, wiederholte er leise und trat dann neben mich, wodurch meine Trauer wieder die Oberhand gewann und mich mein Vorhaben vergessen ließ.
Ich weinte laut und stützte mich auf dem Geländer ab, ergriffen von einer Mischung aus Erinnerungen und Bildern, die wie ein Film an meinem inneren Auge vorbeirauschten. Und da war es wieder. Ihr Lächeln. Ihr herzliches, unverkennbares Lächeln. Das schönste, das es auf dieser Welt jemals gegeben hatte.
„Sie...“, murmelte ich aufgewühlt und biss die Zähne zusammen. „Sie ist weg. Sie ist einfach weg, Boris. Warum kommt sie nicht zurück? Warum?!“. Wieder weinte ich, woraufhin er noch näher an mich rückte und mich dann fest in die Arme schloss.
Ich wehrte mich nicht dagegen, hatte auch gar nicht die Kraft dazu, sondern klammerte mich stattdessen eng an ihm fest und ließ dem Wirrwarr in mir ein weiteres Mal freien Lauf.
„Sie fehlt mir so“, murmelte ich aufgelöst und vergrub den Kopf in seiner Schulter, spürte, wie er mir sanft auf den Rücken klopfte. „Ich weiß“, entgegnete er dann ganz leise und behutsam. „Ich weiß, Tobi. Ist schon gut. Du musst nichts sagen“.
Er hatte wohl auch mit seinen Gefühlen zu kämpfen – jedenfalls ließ sich das am Klang seiner Stimme wahrnehmen. Doch trotzdem gab er sich ganz stark und hielt mich einfach fest, versuchte, mir irgendwie seine Nähe zu geben, auch wenn er selbst sehr mitgenommen war.
„Ich... ich konnte mich nicht verabschieden“, murmelte ich leise, als ich mich wieder von ihm löste und ihn tränenblind anschaute. „Ich wollte ihr doch Hamburg zeigen. Das hab ich ihr versprochen. Ich hab's ihr versprochen, Boris!“.
Er nickte nur kurz und suchte meine Hand, bevor er mich schließlich noch einmal anschaute. „Sie...“, sagte er dann leise und schluckte seine Tränen hinunter. „Sie hätte sich bestimmt darüber gefreut. Und ich bin sicher, dass es ihr gefallen hätte“.
Aufgelöst nickte ich kurz und hielt mir dann die andere Hand vor den Mund, bevor ich Luft holte und ihm noch einmal einen Blick zuwarf. „Ich... ich wollte ihr noch so viel sagen“, erklärte ich ihm dann mit zitternder Stimme. „Ich wollte ihr sagen, wie unglaublich viel sie mir bedeutet. Und wie sehr ich sie liebe“.
„Das wusste sie“, antwortete Boris und bemühte sich, gefasst zu klingen. „Das wusste sie, Tobi. Sie hat gespürt, wie sehr du sie geliebt hast“. „Aber ich konnte es ihr nicht mehr sagen!“, rief ich unter Tränen aus. „Dabei war da noch so viel, was ich ihr sagen wollte. So viel, was wir noch vorhatten. Sie war so jung, Boris. Und so glücklich“.
„Ja“, stimmte er mir zu und holte tief Luft, während er mich noch einmal anschaute. „Ja, das war sie. Romy... Romy war ein ganz besonderer Mensch. Und das wird sie immer bleiben. Für alle Zeiten“.
Er schloss mich noch einmal fest in die Arme, hielt mich, gab mir Kraft und teilte so gut es ging meine Trauer. Und zum ersten Mal spürte ich dabei wieder einen kleinen Funken in mir aufglimmen, ein winziges Licht, das die Dunkelheit in meinem Inneren zerbrach.
War das vielleicht ein Zeichen? Hatte Romy auf diese Weise versucht, mir etwas mitzuteilen? Wollte sie mir damit etwas sagen?
Ich wusste es nicht. Aber zum ersten Mal seit diesem Tag fror ich nicht mehr. Zum ersten Mal war da wieder ein kleiner Schimmer, ein Halt, an den ich mich klammern konnte. Und so zerrissen ich auch war – er fühlte sich gut an. Er gab mir Kraft. Zumindest genug, um meine Gedanken von gerade eben zu vergessen und mich ganz auf Boris' Nähe einzulassen.
Danke, Romy, dachte ich schweigend für mich, in der festen Überzeugung, dass das ein Zeichen von ihr gewesen war. Ich liebe dich. Ich liebe dich über alles. Für immer.

Lange saßen Boris und ich noch gemeinsam draußen, erzählten uns Geschichten und hauchten auf diese Art und Weise der Erinnerung an Romy wieder ein bisschen Leben ein. Ich berichtete ihm von ein paar Erlebnissen aus unserer Kindheit, von gemeinsamen Streichen, Wettläufen und der Nacht, in der wir zelten gegangen waren. Und auf irgendeine seltsame Art und Weise verspürte ich dabei einen Hauch von Trost, weil mir bewusst wurde, dass diese Zeit und die Erinnerungen an sie mir niemand auf dieser Welt nehmen konnte. Sie würden immer da sein und mich begleiten, würden mich niemals vergessen lassen, was für ein einzigartiger und wundervoller Mensch meine Cousine gewesen war.
Und als schließlich die Trauer erneut hochkam, sprach Boris mir Mut zu, gab mir Zuversicht und bat mich dann darum, doch mal in den Nachthimmel hochzuschauen.
„Siehst du die Sterne?“, fragte er mich dann ganz leise und streichelte mich behutsam. „Viktor hat früher immer gesagt, dass wir Menschen eigentlich Sterne sind. Und jedes Mal, wenn jemand von dieser Welt gehen muss, wird er wieder zu einem und sein Licht leuchtet jede Nacht am Himmel auf. Es strahlt ganz hell für die, die zurückgeblieben sind und zeigt uns, dass niemand für immer geht. In den Sternen leben wir alle weiter. Weil sie unendlich sind“.
Ich weinte leise, als er das gesagt hatte, war tief berührt von diesen Worten, und sah dann ganz automatisch noch einmal zum Himmel, überlegte mir, welcher von den kleinen Leuchtfeuern dort oben wohl Romy war.
„Und die ganz besonderen Menschen...“, fügte Boris daraufhin flüsternd hinzu. „Die werden zu Sternschnuppen. Und manchmal, wenn alles ganz ruhig ist, ziehen sie oben am Himmel ihre Bahn und werden wieder sichtbar. Bis sie dann wieder an ihren Platz zurückkehren und weiterleuchten“.
„Glaubst...“, setzte ich an und schluckte kurz, bevor ich ihn schließlich mit Tränen im Gesicht ansah. „Glaubst du, dass Romy so ein besonderer Mensch ist? Glaubst du, sie ist jetzt eine Sternschnuppe?“.
„Ganz bestimmt“, flüsterte Boris mir leise zu und streichelte meine Hand. „Ganz bestimmt ist sie das, Tobi“. „Und...“, fügte ich daraufhin hinzu, schöpfte aus seinen Worten wieder neue Hoffnung. „Glaubst du, dass es ihr gut geht? Glaubst du, dass sie uns von ihrem Platz aus sehen kann?“.
„Bestimmt“, wiederholte Boris ganz leise und versuchte unter Tränen ein Lächeln. „Ich bin sicher, dass sie uns gerade von ihrem Stern aus zuschaut. Und dass sie sich anstrengt, damit er ganz besonders hell für uns leuchtet“.
Er nahm mich wieder in den Arm und drückte mich an sich, bevor wir gemeinsam noch einmal zum Himmel schauten und uns darauf konzentrierten. „Es geht ihr doch gut, oder?“, wollte ich dann wissen und versuchte, irgendwie etwas in dem endlosen Lichtermeer zu erkennen. „Glaubst du, es geht ihr gut, da wo sie ist?“.
„Ganz sicher“, erwiderte Boris zustimmend und rutschte so nah es ging mit mir zusammen. „Ganz sicher geht es ihr gut. Und bestimmt schaut sie uns gerade zu und ist glücklich“.
„Meinst du?“, wiederholte ich aufgelöst und unterdrückte ein Schluchzen. „Meinst du wirklich? Meinst du, dass sie jetzt Flügel hat?“.
„Vielleicht“, antwortete er mit leiser Stimme und wischte sich kurz ein paar Tränen aus den Augen. „Das weiß ich nicht. Aber eine Sache weiß ich ganz sicher“. „Ja?“, fragte ich zögernd nach und sah ihn an. „Welche denn?“.
„Dass sie der schönste und hellste Stern von allen ist“, sagte er leise und lächelte wieder unter Tränen. „Und wenn du das nächste Mal eine Sternschnuppe siehst, dann denk daran: Vielleicht ist es Romy, die dir einen Gruß schickt“.
Ich sagte nichts darauf, sondern kuschelte mich nur eng an ihn, während wir gemeinsam noch eine Weile in den Himmel schauten und ich mir das funkelnde Lichtermeer betrachtete.
Dabei war alles so ruhig, dass ich beinahe einschlummerte – jedoch erregte ganz plötzlich ein helles Glitzern meine Aufmerksamkeit und ließ mich augenblicklich wieder wach werden.
Eine Sternschnuppe! Ja, tatsächlich. Da war gerade wirklich eine Sternschnuppe vorbeigeflogen – just in diesem Moment.
Boris, der sie natürlich auch genau gesehen hatte, fing daraufhin an zu lächeln und wandte seinen Blick kurz zu mir herum. „Ich glaube...“, sagte er dann mit leiser, bedächtiger Stimme. „Romy hat dir gerade zugewunken“.
Ergriffen und berührt musste auch ich lächeln, während ich erneut in den Himmel schaute und fühlte, dass mein Herz dabei schneller schlug.
„Ich liebe dich auch, Cousinchen“, sagte ich dann und spürte, dass neue Hoffnung in mir aufkeimte und auch mein Lebensmut ganz langsam zurückkehrte. „Bitte pass gut auf dich auf. Irgendwann bin ich auch ein Stern. Genau wie du. Und dann leuchten wir zusammen. Ich versprech's dir“.
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