Auf Den Flügeln Der Nacht

von Stormlamp
OneshotFamilie, Schmerz/Trost / P12
Christoph Saalfeld Eva Saalfeld
18.09.2019
18.09.2019
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Diesen Oneshot hat Jeniz sich von mir gewünscht. Da sie mir die Wahl gelassen hat zwischen einer ergänzenden Szene für den Karpaten-Teil oder eine alternative Rettung, habe ich mich für Ersteres entschieden. Eigentlich sollte der Text ein wenig länger werden, aber dieser Schluss schien mir zu natürlich, um noch eine weitere Szene zu erzwingen.
Liebe Jeniz, ich hoffe, Dir gefällt die Geschichte!

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Irgendetwas rumpelt, und bevor sie überhaupt begriffen hat, was sie gerade geweckt hat, sitzt Eva aufrecht im Bett. Mit laut klopfendem Herzen starrt sie in die Dunkelheit und muss als allererstes feststellen, dass sie gar nicht zu Hause in ihrem Bett liegt — ihr derzeitiger Schlafplatz ist eine schäbige alte Matratze in einer Hütte irgendwo in den Karpaten. Sie zwingt sich zu entspannen und sinkt auf die Matratze zurück.
Noch einmal rumpelt es. Unwillkürlich richtet sich ihr Blick in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen ist. Jetzt, da sich ihre Augen an den schwachen Schein des Feuers gewöhnt haben, kann sie sehen, dass einige alte Holzbretter aus dem Regal gerutscht und auf den Boden gefallen sind. Das ist alles? Dann kann sie ja beruhigt weiterschlafen.
Christoph liegt nicht neben ihr. Warum fällt ihr das erst jetzt auf? Sie berührt seine Seite der Matratze, aber die Stelle, an der er zuvor gelegen hat, ist kalt - er muss schon seit einer Weile weg sein. Noch einmal sieht sie sich in der Hütte um, aber sie hat ihn nicht übersehen. Er ist wirklich nicht hier.
„Christoph?“
Keine Antwort.
Erst einmal wartet sie ab; vielleicht kommt er ja gleich wieder. Beinahe wie aus Gewohnheit kriecht sie tiefer unter ihre Decke, da sie erwartet, gleich vor Kälte zu zittern, aber im Moment ist ihr angenehm warm. Das wäre der perfekte Augenblick um noch ein wenig zu schlafen, immerhin ist es mitten in der Nacht, aber solange sie nicht weiß, wohin Christoph gegangen ist und ob es ihm gut geht, ist an Schlaf nicht zu denken.
Irgendwann hält sie es nicht mehr aus. Mühsam hievt sie sich auf die Beine und bleibt erst einmal stehen, bis das Pochen in ihrer Hüfte ein wenig nachgelassen hat. Dann hebt sie die Decken auf und legt sich beide um die Schultern. Die meiste Zeit friert sie ja in der Hütte am Feuer schon, da will sie lieber gerüstet sein, wenn sie nachts nach draußen geht.
Die Tür knarzt leise, als Eva sie öffnet. Sie schließt sie hinter sich, um die Kälte nicht hereinzulassen und schaut sich in der näheren Umgebung der Hütte um.
Es ist heller als sie erwartet hat. Überall, auf dem Boden, auf den Büschen und auf den Bäumen, liegt Schnee in einer dicken Schicht, die ein wenig wie Zucker aussieht. Diese Schicht scheint alle Geräusche zu verschlucken, denn hier draußen herrscht eine beinahe unheimliche Stille. Noch nicht einmal ein leichter Wind weht, aber trotzdem riecht die Luft frisch und nach noch viel mehr Schnee. Keine einzige Wolke verdeckt den Himmel, und so kann der Schnee das Licht der Sterne und des halben Mondes ungehindert reflektieren. Sie kann alles sehen — sie bräuchte keine Taschenlampe, selbst wenn sie eine hätte. Trotzdem braucht sie einen Moment, um Christoph zu entdecken, denn er steht im Schatten eines Baums. Was tut er da?
Mit vorsichtigen Schritten hält Eva auf ihn zu und kann bald erkennen, dass er den Kopf in den Nacken gelegt hat und nach oben schaut. Das Knirschen ihrer Schritte im Schnee macht ihn auf sie aufmerksam. Er dreht seinen Kopf und Eva erwidert das Lächeln, das sich bei ihrem Anblick auf seinem Gesicht ausbreitet.
„Was machst du hier draußen?“, fragt sie, und ihre Stimme schneidet scharf durch die Stille, obwohl sie sehr leise gesprochen hat.
„Ich konnte nicht schlafen“, sagt er. „Da ich dich nicht wecken wollte, bin ich rausgegangen. Und irgendwie habe ich die Zeit vergessen.“
Er wendet seinen Blick ab und schaut wieder nach oben. Eva sieht ihn noch einen Moment länger an. Im sanften Sternenlicht wirkt sein Gesicht völlig entspannt, als wäre er aus freien Stücken auf einer Nachtwanderung durch eine schöne Landschaft. Ein schmales Lächeln ziert seine Lippen, und als Eva nun ihren Kopf dreht, um ebenfalls in den Himmel zu schauen, bemerkt sie, dass sie trotz der Umstände ebenfalls lächelt.
Eine ganze Weile stehen sie schweigend nebeneinander und schauen nach oben in den unendlichen Sternenhimmel. Hier gibt es kein anderes Licht, das das der Sterne abschwächen könnte, und Eva ist sich sicher, in ihrem ganzen Leben noch nie so viele Sterne auf einmal gesehen zu haben. Es ist wunderschön.
„Zu Hause sehen sie genau den gleichen Sternenhimmel“, sagt Christoph irgendwann. Seine Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern. „Es ist eine schöne Vorstellung, dass unsere Familie vielleicht auch gerade in die Sterne schaut und an uns denkt.“
Ein Schauer läuft Eva über den Rücken, obwohl sie im Moment gar nicht friert. Sie weiß gar nicht, was sie sagen soll, also streckt sie eine Hand aus, um sie auf Christophs Arm zu legen. Sein Lächeln wird ein wenig breiter, aber er sieht sie nicht an, als er seine darauf legt.
„Das ist ein schöner Gedanke“, bringt sie schließlich hervor.
Ohne ein weiteres Wort legt er seinen Arm um sie und zieht sie an sich, und gemeinsam stehen sie mitten in den Karpaten im dicken Schnee und schauen in die Sterne.
Eva schließt die Augen und legt ihren Kopf an seine Schulter. Wahrscheinlich sollte sie reingehen und noch ein wenig schlafen, aber der Moment ist gerade zu schön.
„Ich wünschte, wir könnten über diesen Sternenhimmel laufen wie über einen Teppich und ganz schnell nach Hause gehen“, murmelt sie und fragt sich kurz darauf, woher dieser Gedanke gekommen ist. Hoffentlich bekommt sie nicht wieder Fieber.
„Fliegen kommt ja wohl nicht mehr infrage“, erwidert Christoph. „Wobei — schnell nach Hause, auf den Flügeln der Nacht...“
Sie sehen sich an, und sie brauchen keine Worte, um sich darauf zu einigen, jetzt besser zu schweigen. Spät nachts werden Menschen sentimental, und manchmal ist es besser, wenn Gefühle geheim bleiben.


Irgendwann hat die Kälte doch die beiden Decken und Evas Jacke durchdrungen. Sie wäre noch viel länger dort stehen geblieben, in Christophs Armen, den Blick in den Himmel gerichtet, wenn er nicht bemerkt hätte, dass sie zittert. So nimmt er ihre Hand und zieht sie mit sich zurück in die Hütte.
„Frierst du sehr?“, fragt er, während er einige Holzscheite aufhebt, um das stetig kleiner werdende Feuer zu füttern.
Eva lässt die beiden Decken auf ihr Lager fallen und setzt sich auf einen der Klötze neben dem Ofen. „Es geht schon.“
Christoph nimmt ihr gegenüber Platz und reibt sich ebenfalls die Hände. „Wir sollten noch ein wenig schlafen, wenn wir uns ein bisschen aufgewärmt haben.“
Sie nickt langsam und gähnt, als hätte sie nur auf dieses Stichwort gewartet. „Keine schlechte Idee.“
Einen Moment bleiben sie noch sitzen, dann legt Christoph noch ein wenig Holz ins Feuer, bevor er Eva folgt, die schon auf ihrem Lager kniet. Sie schiebt die Decken zur Seite, rollt sich mit dem Rücken zur Wand in einer Ecke zusammen und deckt sich dann zu. Mit einem Lächeln schaut sie Christoph zu, wie er sich ebenfalls hinlegt. Im flackernden Leuchten der Flammen sehen sie sich schweigend an.
„Woran denkst du?“, fragt Eva irgendwann.
Zuerst antwortet er nicht, und sie glaubt schon, er würde seine Gedanken für sich behalten wollen. Doch dann sagt er: „Ich glaube, ich hätte mir zu Hause öfter die Zeit nehmen sollen, nachts in die Sterne zu schauen.“
„Ich glaube, zu Hause sieht man sie nicht so gut wie hier.“
Ein schiefes Lächeln huscht über sein Gesicht. „Das habe ich auch nicht gemeint.“
Sie weiß nicht, was genau es ist, das sie dazu bringt, aber sie streckt ihre Hand aus und ergreift seine. „Was sonst?“
Sein Daumen streicht an der Kante ihrer Hand entlang. „Ich meine, dass ich mir viel mehr Zeit für solche Dinge hätte nehmen sollen. Sterne anschauen, den Sonnenuntergang... Es gibt so viel Schönes im Leben, für das wir kaum einen Blick übrig haben. Und jetzt...“
Eva schließt ihre Augen und drückt seine Hand. „Jetzt ist es wahrscheinlich zu spät.“
Keiner der beiden sagt mehr etwas — zu schwer lastet die Wahrheit der ausgesprochenen Worte auf ihnen. Erst, als Christoph ihre Hand loslässt und vorsichtig durch ihr Haar streicht, öffnet sie ihre Augen wieder. Mühsam drängt sie die Tränen zurück, die darin schwimmen.
„Wir werden überleben“, sagt er so leise, dass sie es nicht gehört hätte, wenn sie sich nicht so nah wären. „Und dann werde ich in die Sterne schauen, so oft ich kann.“
„Ich auch“, erwidert Eva.
Christophs Finger wandern noch immer sanft durch ihr Haar, ohne in den unzähligen Knoten hängenzubleiben. Einige davon entwirrt er, aber die meisten sind zu hartnäckig.
„Wir sollten die Zeit nutzen, die uns noch bleibt“, sagt er und schaut im nächsten Moment so, als würde er seine Worte schon bereuen.
Sie nickt langsam. Was nützt es, die Augen vor der Wahrheit zu verschließen, wenn sie so offensichtlich ist?
„Schauen wir morgen Nacht wieder in die Sterne?“, fragt sie, während seine Finger von ihrem Haar ablassen und er seine Hand auf ihre legt.
„Natürlich“, flüstert er, bevor ihm die Augen zufallen.
Sie sieht ihn eine Weile an, betrachtet sein entspanntes Gesicht, aber ihr fällt es nicht so leicht, einfach einzuschlafen.
„Ich bin so froh, dass du hier bei mir bist“, sagt sie leise. „Ohne dich wäre ich sicher längst verhungert.“
Zu ihrer Überraschung schlägt er doch die Augen auf. Allein sein Blick reicht aus, um sie an das zu erinnern, was ihnen beiden seit vorgestern klar ist: Auch zusammen werden sie es nicht ewig aushalten können.
Er zieht ihre Hand zu sich, sodass sie seinen warmen Atem auf ihren Knöcheln spürt. „Ich werde dich niemals im Stich lassen. Solange ich lebe.“
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