A Place for  a Girl

GeschichteAllgemein / P12
17.09.2019
17.09.2019
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A Place for a Girl


Ketterdams Straßen sind kein Ort für ein Mädchen. Das hatte Talenas Mutter, selbst ein Mädchen geboren und aufgewachsen auf den Straßen Ketterdams, immer gesagt. Wahrscheinlich hatte sie damit Recht und doch gab es für Talena keinen anderen Ort, an dem sie sich vorstellen konnte zu leben. Sie wusste, dass ihre Familie von den Wandernden Inseln kam. Noch immer hatte sie das rote Haar ihrer Vorfahren, das sich gegen das schwarze ihres Vaters durchgesetzt hatte und sie an jedem Tag an ihre Wurzeln erinnerte. In den Augen ihrer Mutter war ein Mädchen immer etwas zerbrechliches gewesen, weil sie selber zerbrochen war. Nur ihr Vater hatte sie zusammen gehalten, doch nachdem dieser vor vier Jahren von ihnen gegangen und seine Asche vom Schnitterkahn aufgestiegen war, hatte es nicht lange gedauert bis ihre Mutter in sich zusammen gefallen war. Sie war noch am Leben gewesen, doch hatte sie nicht mehr gelebt. Hatte es nicht geschafft die Traurigkeit aus ihren Augen zu verbannen oder ihre Stimme zu mehr als einem Flüstern zu erheben.  Ein Jahr nachdem ihr Vater gestorben war, hatte ihre Mutter sie zur Vollwaisen gemacht und sie auf den Straßen, die doch kein Ort für ein Mädchen waren, zurückgelassen.
Zu dieser Zeit, als sie nicht gewusst hatte wohin mit sich und als die Trauer um ihre Eltern sich so schmerzlich tief in ihre Seele gebohrt hatte, war sie zu den Dregs gekommen, weil Per Haskell ihrem Vater etwas schuldig geblieben war und er so hoffte seine Schulden begleichen zu können. Doch Schulden gegenüber eines Toten konnten nicht beglichen werden und wieder einmal war ihr klar geworden, dass man im Barrel kaum eine wirkliche Wahl hatte, was aus einem wurde. Vor allem als Frau, schloss man sich besser einer Bande an, bevor man noch an eine jemanden wie Tante Heleen geriet. Talena kannte die gierigen Blicke, die die Männer auf ihren Körper warfen. Alles was sie sahen, war rotes Haar und bleiche Haut. Der exotische Anblick einer Kaelisch mit den dunklen Augen der Frauen Ketterdams.
Es gab keinen Ort an Ketterdam, an dem man sich sicher fühlen konnte und obwohl die auf dem Kelch thronende Krähe auf ihrem Arm prangte fühlte sie sich, wann immer sie durch den Ost-Stave lief, verwundbar. Sie wusste um die Monster, die in den Schatten lauerten, ihre Zähne bleckten und die Nase in den Wind reckten, um ihr nächstes Opfer aufzuspüren. Sie war unter diesen Monstern aufgewachsen, hatte deren Brutalität gesehen seit sie ein kleines Kind gewesen war, obwohl ihr Vater, der keineswegs ein guter Mann gewesen war, versucht hatte sie vor dem Grauen zu schützen. Sie hatte Leichen gesehen, in einem Alter, in dem andere Kinder nicht an den Tod dachten. Sie wusste was sich in dunklen Gassen und hinter verschlossenen Türen abspielte. Und sie kannte den Glanz in den dunklen Augen von Kaz Brekker, wann immer er wieder einen neuen grausamen Plan spann. Sie kannte den Glanz und fühlte sich etwas sicherer, da sie wusste, dass sie ihm nützlich war und seine Grausamkeit nicht gegen sie gerichtet war.
Talena kannte die Geschichten über den Jungen, der eines Tages im Barrel aufgetaucht war und seither hinter den Kulissen das Wirken der Dregs bestimmte. Sie hatte seinen Aufstieg hautnah miterlebt und sie hatte sich vorgenommen an seiner Seite zu sein, wenn er an der Spitze angekommen war. Doch dazu musste sie an jedem Tag ihren Wert beweisen. Sie musste sich ihr Recht zu Leben erkämpfen. In diesen Zeiten noch mehr als sonst.

Für viele war sie seit ihrer Ankunft im Verhau, der damals noch ein kaltes und feuchtes Loch gewesen war, nur Per Haskells Mündel gewesen. Niemand, der über eine Daseinsberechtigung verfügt hatte. Doch Kaz Brekker hatte etwas in ihr gesehen, von dem sie bis heute nicht genau wusste, was es gewesen war. Eines Tages jedoch  hatte er sie aufgesucht, als sie wieder einmal alleine in einer Ecke des Raumes gesessen hatte und hatte ihr einen Job angeboten, um sich zu beweisen. Sie war keine Spinne so wie Inej. Sie konnte keine Schlösser knacken, sie konnte keine geheimen Informationen aus seinem Safe holen, oder andere Dinge für Brekker stehlen. Doch sie war hübsch, das fand jeder. Sie war hübsch und konnte sich den Situationen und Menschen anpassen. Sie war Schauspielerin, so wie ihre Mutter es gewesen war. Als Kind hatte sie die Rolle des Kobolds gelernt, hätte sie in der Theatergruppe ihrer Mutter eines Tages übernehmen sollen, doch diese Zukunft war ihr verschlossen. Nun spionierte sie für Kaz, hielt die Augen und Ohren offen, bewegte sich durch die Welten, die in Ketterdam existierten. Die Menschen im Barrel sprachen mit ihr, wenn sie ihnen Wein, Bier und Met ausschenkte, die Menschen in den Reichenvierteln sprachen mit ihr, wenn sie ruhig auf einer Parkbank saß oder unschuldig lächelte.

Sie besaß Kleider, zu schön, um einem Mädchen aus dem Barrel zu gehören und doch gehörten sie ihr. Sie besaß Schmuck, zu teuer, um wirklich der ihre zu sein und doch schmückte er sie.
Sie besaß Haarklammern, zu fragil, als dass sie sie jemals tragen würde und doch hielten sie ihr Haar in jenem Moment fest in einem Knoten.
Dieses Mädchen, das sich gerade durch die Straßen des Universitätsbezirks bewegte, das ein schillernd grünes Kleid trug, dessen Ausschnitt und Länge Enthaltsamkeit vorspielten, das eine Perlenkette und ein dazu passendes Armband und eine Haarklammer, das ihren Dutt schmückte trug, das war sie. Und gleichzeitig war sie es nicht. Es war eine ihrer Rollen, die zwar ihren Namen trug, deren Leben aber ein ganz anderes war. Diese Talena schien mit ihrem Leben zufrieden. Diese Talena lebte den Traum eines jeden Mädchens aus dem Barrel. Und diese Talena wollte nichts lieber, als in ihren geliebten Verhau zurückkehren, wo die Krähen auf ihrem Fensterbrett auf ihr Futter warteten und der Geruch verschütteten Whiskeys noch immer in den Laken ihres Bettes hing. Diese Talena wollte die Maske des Reichtums ablegen, damit sie den letzten Rest ihrer Selbstachtung auch am nächsten Morgen noch hatte.
Auf der anderen Straßenseite sah sie Rotty, der sie frech angrinste und sich köstlich über ihr Leid zu amüsieren schien, als sie sich auf dem Rand des Brunnen der Gelehrten nieder ließ und auf den Eingang des Lesesaals blickte. In den letzten Monaten  hatte sie sich einem Studenten angenähert. Er war der Sohn eines schwer reichen Krämers, der aus ihr unerfindlichen Gründen, interessant für Kaz zu sein schien. Sie musste seine Pläne nicht verstehen, musste sie nur ausführen können, und doch wünschte sie an manchen Tagen sie würde verstehen, was genau er wieder einmal plante.
Schon eine ganze Weile ließ sie sich von dem jungen Mann umgarnen, ließ sich Poesie vorlesen und teure Geschenke bringen, damit er ihre Gunst gewinnen konnte. Doch Talena brauchte und wollte keine teuren Geschenkte. Was sie wollte war immaterieller Natur. Was sie wollte, war das ehrliche Lächeln, das Kaz Brekker dann und wann für sie übrig hatte, wenn sie ihm die Informationen beschafft hatte, die er wollte. Was sie wollten war die Berührung seiner behandschuhten Finger, die über ihre Hand strichen, wenn sie ihm erneut von den Dingen erzählte, die dieser Junge ihr gesagt hatte. Von den Dingen, die er mit ihr tun wollte, wenn sie erste einmal seine Frau war. Und auch wenn sie es nicht zugeben wollte, sie wollte den Schutz, den er ihr seither gewährte, indem er ihr einen anderen der Dregs auf die Versen schickte, damit man sie beschützte. Denn nicht nur in den Straßen des Barrels hausten die Monster, sie lebten auch in den teuren Häusern der Stadt.
Wenn sie eines Tages die Frau eines Monsters werden sollte, dann wusste sie, welches Monster es sein sollte. Sie wusste, dass auch Inej Interesse an ihm hatte, seit Kaz sie aus der Menagerie befreit hatte und so rechnete sie sich kaum Chancen aus, denn gegen Inej würde sie verlieren.

Rotty nickte ihr von der anderen Seite des Platzes aus zu, deutete auf die Türe des Lesesaals, die sich öffnete und einige Studenten in die Freiheit entließ, nachdem diese sich lange genug mit ihren Büchern beschäftigt hatten. Talenas Blick traf den ihres Umwerbers, der mit seinem blonden Haar und den hellen Augen viel zu sehr wie ein Märchenprinz aussah, um ihr tatsächlich gefallen zu können. Er ging geraden Schrittes auf sie zu und obwohl er sie wohl haben sollte, fehlte ihm die Eleganz, mit denen andere durchs Leben gingen. Sie reichte ihm ihre Hand, er küsste sie und ließ sich dann neben ihr nieder.
„Ich hoffe ich habe Euch nicht zu lange warten lassen“, sagte er und setzte sein liebreizenstes Lächeln auf.
„Aber nein“, antwortete Talena, „Das habt Ihr nicht.“ Sie wusste um seine Neigung zu spät zu kommen, die sie keinesfalls sympathisch fand und noch weniger verstehen konnte. Es war immerhin nicht besonders schwer zu einer verabredeten Uhrzeit die Bibliothek zu verlassen und den kurzen Weg über den Platz zurück zu legen.
„Ich muss mit Euch reden, meine Teuerste.“
„Bitte, ich glaube über das Thema, das Ihr ansprechen wollte, haben wir schon oft genug gesprochen. Und ich habe Euch schon oft genug gesagt, was ich davon halte.“ Rotty bewegte sich langsam auf sie zu, setzte sich mit einem Buch in der Hand ebenfalls auf den Brunnenrand, um sie unauffällig belauschen zu können.
„Ich weiß, Ihr findet es geht etwas zu schnell zwischen uns, und doch kann ich nicht anders, als mein Herz sprechen zu lassen, meine Liebste. Ich weiß um Euer Versprechen erst zum Ehegelübde einen Mann zu küssen, geschweige denn das Bett mit einem zu teilen. Daher muss ich Euch bitten, ich flehe sogar, willigt doch endlich ein meine Frau zu werden.“ Diese Unterhaltung führten sie bereits zum gefühlt einhundertsten Mal und Talena war froh, dass es das letzte Mal sein sollte, dass sie ihn abweisen musste. Unter all den Informationen, die sie ihm entlockt hatte, musste gewesen sein, was Kaz hatte hören wollen und so durfte sie diesem armen Jungen, der dem Wort einer Frau kein Gewicht beizumessen schien, endlich das Herz brechen.
„Und ich habe es Euch schon einmal gesagt, ich kann nicht Eure Frau werden.“ Sie wollte es nicht einmal. Sie wollte aus seinem Leben verschwinden und ihn nie wieder sehen. „Es tut mir leid.“ Sie stand auf, wollte sich entfernen, doch er hielt sie an ihrem Handgelenk fest. Unauffällig gab sie Rotty ein Zeichen vorerst auf jegliche Einmischung zu verzichten und blickte auf den Mann herab.
„Ich weiß wer Ihr seid, Talena. Ich weiß woher Ihr kommt und wohin Ihr nun zurückkehren werdet. Ich konnte einen Blick auf Euren Arm erhaschen.“
„Wenn Ihr es also wisst, wieso lasst Ihr mich nicht gehen.“
„Weil ich es nicht verstehen kann. Ich biete Euch feinste Kleider, die schönsten Perlen und ein Leben weit ab von diesen Kanalratten. Was also hat ein Ort wie der Barrel, was ich euch nicht bieten kann? Was hat ein Mann wie Kaz Brekker, für den Ihr, wie ich glaube, arbeitet, was ich nicht habe?“ Ihr gingen eintausend Antworten durch den Kopf, denn es gab eintausend Dinge, die Kaz Brekker hatte, die sie von diesem Mann niemals erwarten brauchte und doch gab es nur eine Antwort, die wirklich der Wahrheit entsprach.
„Es geht nicht darum, was Ihr habt oder was nicht. Es geht darum, was ich habe.“
„Und das wäre?“ Er glaubte, dass sie nichts besäße, dass es Materielles war, was im Leben einer Frau wirklich zählte. Und wäre sie nicht auf den Straßen der Stadt aufgewachsen, sondern in einem der schönen Häuser und hätte ihr Leben auf einem solch schönen Platz und nicht auf einer alten Bühne verbracht, vielleicht würde sie es dann auch glauben. Vielleicht wäre es ihr dann wichtiger eine gute Partie abzubekommen, als am Morgen noch in den Spiegel blicken zu können und mit erhobenem Haupt durch die Straßen zu gehen.
„Meine Selbstachtung.“ Damit entwand sie ihm ihren Arm, ging einige Schritte zurück, bevor sie Rotty zunickte und sich zum Gehen wand.
Ihre Mutter hatte Recht gehabt, die Straßen dieser Stadt waren kein Ort für ein Mädchen. Aber für ein Mädchen wie sie, waren die großen Plätze und die herrschaftlichen Häuser kein Ort. Der Ort an den sie gehörte, an dem sie sich wohl fühlte und an den sie nun zurückkehren wollte, lag in den dunklen Gassen es Barrels. Niemand musste es verstehen, am allerwenigsten ein blonder Krämersohn, der ihr nun hinterher sah und in spätestens zwei Wochen eine neue Flamme haben würde.
Als sie in den Verhau zurückkehrte, das Kleid ausgezogen und gegen Hemd und Hose ausgetauscht, die Perlen abgelegt und ihr Haar aus dem Dutt befreit  hatte, fütterte sie die Krähen, die auf ihrem Fensterbrett warteten, setzte sich auf das etwas zu harte Bett und lächelte, als Kaz Brekker sich in ihren Türrahmen lehnte.
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