AW Poetry Slam 1: Dienstag

KurzgeschichteHumor / P12
15.09.2019
15.09.2019
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Dienstag

Heute ist Dienstag, der Tag nach Montag. Das reimt sich nicht mal richtig bzw. erscheint es selten kunstvoll und eher eintönig. Es handelt sich schließlich um einen identischen Reim. Ich sage das auch nur, weil ich dann weiß, welcher Tag heute ist, und um es hervorzuheben, weil es ja POETRY Slam heißt.

Dienstag also. Dienstags geht es mir meistens gut. Weil am Montag alle ihre schlechte Laune rauslassen, und damit die anderen Menschen auch etwas davon haben, lasse ich meine dafür am Dienstag raus. Hach, was bin ich doch für ein großzügiger und gutmütiger Mensch. Das macht mich wirklich glücklich.

Früh liege ich dann erst mal im Bett, bis jemand reinkommt und sagt:
„Los jetzt, aufstehen.“
„Nein.“, denke ich mir, sage „Ja.“ und drehe mich wieder um. RUMS! Die Tür geht wieder zu.
10 Minuten später: „Du liegst ja immer noch im Bett!“
„Gut kombiniert, Sherlock.“, denke ich mir, sage „Ja.“ und drehe mich wieder um. RUMS! Die Tür geht wieder zu.
10 Minuten später: „Wenn du jetzt nicht aufstehst, schmeiße ich dich aus dem
Bett!“
„Ja, bitte!“, denke ich mir, sage „Nein.“ und drehe mich wieder um. RUMS! Die Tür geht wieder zu.
Da kommt mir eine Frage in den Sinn. Vielleicht die Frage, die man dem Supercomputer aus „Per Anhalter durch die Galaxis“ wirklich hätte
stellen sollen, anstatt, ich zitiere: „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ zu fragen. „42“ erscheint mir da noch eine milde Antwort zu sein. Schließlich hätte es auch heißen können: „Wennst noch a mal so dumm froagst, dann griegst a Schnelln, dass di naus haut ins All bis nach Hintertuxingen oder Dubrovnik oder Rotterdam oder Island oder Wien oder Düsseldorf.“
Wien? Okay. Rotterdam? Nicht Amsterdam, aber okay. Düsseldorf? Oh Gott!
An dieser Stelle möchte ich gerne einen allseits beliebten Satz einer guten Freundin anmerken, ursprünglich parodiert von den „Schmannewitzer Heidelerchen“, den man zu jederzeit an jedem Ort zu jedem in jeder Situation sagen kann: „Wärst du Dussel doch im Dorf geblieben.“

Aber wieder zurück zu der Frage. Mein ganzes Denken und all meine Sinne, mein volles Dasein und jedwedes emotionales Handeln fokussieren sich auf eine letzte Frage, nachdem die Tür 10 Minuten später erneut aufgerissen wird:
„Was mag wohl die Tür denken?“ Denkt sie überhaupt? Sind Dinge befähigt zu denken oder ist das Denken die Eigenschaft, welche uns Menschen von eben jenen Sachen unterscheidet? Sollten wir nicht alle mehr denken? Uns in unsere Mitmenschen hineindenken? Empathie anstatt Hass und Gewalt leben? usw. usw.

Ob mich das erheitert ... ja. Bringt es mich eher aus dem Bett ... nein. Aufstehen am
Morgen, kann ich nicht. Unproduktive Gedankengänge am Morgen, kann ich. 1 zu 0 für mich, würde ich sagen.

Danach der alltägliche, noch ganz verträumte Gang zur Küche. Kühlschranktür auf. Starren. Tür wieder zu. Kurzes Rückspulen im Gehirn. Ach ja, der Kaffee.
Also Tür wieder auf. Einmal Latte Cappuccino von Gut&Günstig, 250 ml, 17% feinster Espresso mit viel frischer Milch.
17% feinste Scheiße mit viel fetter Milch? Genau mein Ding!

Dann die erste Morgenziese. Einmal ziehen (zssss), ausatmen wie Darth Vader (chrrrr) und einen Schluck Café hinterher (schhhh).
Erst mal lauschen, was die liebsten Mitmenschen so von sich geben:
„ ... Du arbeitest also, um Geld zu verdienen. Das finde ich ziemlich kapitalistisch. Ich dachte, du kommst aus der DDR?“
„Nein, ich arbeite einfach, weil ich Spaß dran hab und so.“
„Spaß? An der Arbeit? Ganz schön hedonistisch. Also, ist jetzt nur meine Meinung.“
„Na, Arbeit gibt dir ja auch eine gewisse Freiheit.“
„Arbeit macht frei?! Was bist du denn für ein Neonazi! Also echt jetzt. Und so was nennt sich Mitbewohner!“

Ich stehe da und glotze, mache zsss, chrrr und schhhh, während Mitbewohner 1 wütend abzieht. Mitbewohner 2 glotzt mich verständnislos an. Ich glotze verständnislos zurück. Schweigsamkeit trifft auf intellektuelles Feingefühl. Darauf fällt mir nichts ein. Also mache ich etwas für Körper, Geist und Seele: zsss, chrrr, schhhh.

Nach einigen Minuten zündet Mitbewohner 2 dann doch: „Heute ist Montag, oder? Würde seine schlechte Laune erklären.“
„Hmpf.“, mache ich, „Nee, heute ist Dienstag, das erklärt‘s aber auch.“
„Check ich nicht.“, sagt Mitbewohner 2, drückt seine Zigarette aus und geht.
„So schauste auch aus.“, denke ich mir und freue mich über die schlechte Laune der Leute. Das macht mich echt glücklich.

Noch ein letztes Mal zsss, chrrr, schhhh. Danach ist erstmal Ruhe, bis der Magen zum Grummeln anfängt. Schnell zurück in die Küche. An den Herd? Pfui! Ist verpönt! Mitbewohner 1 hält sonst einen Vortrag über die Emanzipation der Frau. Also Kühlschranktür wieder auf. Starren. Tür wieder zu. Kurzes Rückspulen im Gehirn. Ach ja, die Milch.
Also Tür wieder auf. Einmal fettarme H-Milch von Gut&Günstig,  1 Liter, ultrahocherhitzt, homogenisiert, vollmundiger Geschmack, 1,5% Fett.
Ultraunvegan, homophob, trotzdem vollgeiles ejakulatähnliches Gebräu mit 1,5 Prozent Triacylglycerinen? Genau mein Ding!

Dann das Müsli. Nein, kein Seitenbacher, sondern das Gute von Nestlé. „NESTLÉ CINI MINIS sind Cerealien mit Zimtgeschmack, den man sehen kann! Sie enthalten 32% Vollkorn und viel Knusperspaß.“, steht auf der Verpackung.
Ich schaue und schaue. Und schaue... Gehe ins Zimmer, setze meine Brille auf. Schaue immer noch. Setze sie wieder ab.
„Ne, seh ich jetzt nichts von.“, kommt mir furztrocken über die Lippen.
Dann der erste Löffel ins eh schon volle Mundwerk. Ich kaue und kaue. Und kaue... Probiere einmal pur ohne Milch.
„Ne, merk ich jetzt nichts von.“ Von wegen Knusper. Eingeweichte Pappepampe trifft es eher. Soviel zum Frühstück.
Gelangweilt starre ich in den Strudel aus Molkereiprodukt, Saumehl und Hitler-Zucker und beginne zu sinnieren, weil es nichts inspirierenderes am Morgen gibt als
schmutzige Nestlé-Produkte voll mit Kinderarbeit, Plastikmüll und Milchpulverskandalen.

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut, und Gottes Geist schwebte über dem Wasser.  
Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. Gott sah, daß das Licht gut war. Gott schied das Licht von der Finsternis, und Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternis nannte er Nacht. Es wurde Abend, und es wurde Morgen: erster Tag.  
Dann sprach Gott: Ein Gewölbe entstehe mitten im Wasser und scheide Wasser von Wasser. Gott machte also das Gewölbe und schied das Wasser unterhalb des Gewölbes vom Wasser oberhalb des Gewölbes. So geschah es, und Gott nannte das Gewölbe Himmel. Es wurde Abend, und es wurde Morgen: zweiter Tag.

Ich konkludiere: Dienstag ist demnach der Tag, an dem Gott den Himmel machte. Dafür teilte er das Wasser, aus dem die Erde war. Dadurch gab es einen großen Bogen. Er nannte den Bogen „Himmel“.

„Gewölbe“ klingt natürlich viel besser, aber erkläre einem Kind mal, was ein Himmelsgewölbe ist. Zumal dieser Begriff nicht einmal vielen Erwachsenen geläufig ist. Diejenigen unter Ihnen, welche täglich Kreuzworträtsel lösen, könnten dann eher auf Begriffe wie Feste, Sphäre oder Firmament kommen, je nach gesuchter Buchstabenanzahl natürlich. Diejenigen unter Ihnen, die keine Kreuzworträtsel lösen, haben leider Pech gehabt. Das sage ich nicht, um sie zu beleidigen, sondern weil es mir gute Laune bereitet. Dienstag und so, Sie erinnern sich.

Der Himmel also. Der ist schon ein eigenartiges Ding. Immerzu schwebt er über uns, nicht fassbar, trotzdem da - so wie der heilige Geist. Wobei der zum Beten auch in den Keller gehen kann. Das kann der Himmel nicht. 2:0 für mich, würde ich sagen.

Wir sind alle Kinder des Himmels. Die Fähigkeit unseres Geistes zur Selbstreflexion, zu Kunst und Kultur, zur Philosophie, zu den schönen, edlen Dingen dieser Welt ist uns eingegeben. Es steht ja nicht umsonst in der Bibel, dass der Mensch Gott ebenbildlich ist. Wobei, wenn ich morgens in den Spiegel schaue, bin ich mir da oft nicht sicher: Klebrige, verträumte und geschwollene Augen, Sabber am linken Mundwinkel, ein nervöses Zucken am Augenlid, verstrubbelte Haare, die in alle Richtungen abstehen. So hat sich Michelangelo die Erschaffung Adams bestimmt nicht vorgestellt. Und Gott schon gleich gar nicht: Der wollte sich wahrscheinlich seinen Adoniskörper vor die Augen halten, weil, Sie wissen es bestimmt schon, den Glasspiegel zum Anschauen gab es da ja noch nicht. 3:0 für mich, würde ich sagen.

Nachdem ich dann genug über die Religion philosophiert habe, ziehe ich mich an, mache artig mein Bett, in das ich mich am liebsten sofort wieder verkriechen würde und setze mich an meinen Schreibtisch, um na ja, zu schreiben. Heißt ja nicht umsonst SCHREIBtisch. Wobei man da noch so viele andere Dinge tun kann. Kleine Kinder wickeln zum Beispiel. Oder essen. Oder geiler Tisch-Sex. Oh, falsche Sparte! Oder diese neuzeitartige Beschäftigung, die die Brieftauben abgelöst hat: Hmm, Sie denken genau richtig. Ich spreche von WhatsApp. Kennen Sie das, wenn Sie jemanden eine Nachricht schicken und ganz gespannt auf die Häkchen schauen? Erscheint nur ein Haken, bricht gleich die große Panik aus. Was?! Die hat ihr Handy aus? Oh Gott, ist sie tot?
Bei zwei Haken kommt dann die Entrüstung auf. Was ist denn jetzt los? Die schaut doch sonst immer sofort aufs Handy! Ist sie sauer? Oder traurig? Oder abgelenkt? Mit was? Oder eher: mit wem? So etwas hätte ich der Anne-Marie aber nicht zugetraut, also wirklich.
10 Minuten später dann endlich das ersehnte „Kling!“. Blaue Haken glotzen mich an, sehr gut. Doch dann geht plötzlich alles ganz schnell. Fragen über Fragen, Beschuldigungen, Enttäuschungen. Auf einmal bleiben die Emojis aus. Oh Gott! Was jetzt? Und auch noch kurz angebunden! Oh je, die Anne-Marie hat meine Gedanken gelesen. Anders kann es nicht sein. Langsam distanziere ich mich von meinem mobilen Brieftaubenphone. Schlechte Laune zu verbreiten, macht am Dienstag anscheinend noch mehr Leuten Spaß. Ich mit meinem egozentrischen Weltbild dachte mal wieder, ich wäre die einzige, aber Irren ist ja bekanntlich menschlich. Denken sowieso oder meistens zumindest.
In diesem Sinne: Verbleibt nicht im Stillstand, ihr Menschen, geht und gebt euch den Schwingungen dieser Erde hin, denn Bewegung ist der Anfang zum Denken.

© 2019 Jana Berger
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