Curious Life

von Murica
GeschichteDrama, Familie / P16
OC (Own Character) Sophie Koch Sören Petersen
15.09.2019
31.05.2020
37
80.129
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15.09.2019 2.341
 
Lärm erfüllte die Aula. Schüler drängelten sich an uns vorbei, lachten, tratschten.
„Lucy, lass uns hier in der Mitte sitzen“, sagte April zu mir und ging bereits voraus, ohne auf eine Antwort meinerseits zu warten. Ich folgte ihr, ließ meinen Blick durch den Raum schweifen. Immer mehr Schüler aus meinem Jahrgang drängten sich hinein, bekannte Gesichter, fremde Gesichter. Sie alle lächelten, scherzten, lachten. Alle freuten sie sich, dass endlich Freitag war und ein langes Wochenende bevorstand.
Ich ließ mich neben April auf einen Stuhl sinken. „Was denkst du soll diese Infoveranstaltung? Was wollen die uns erzählen?“
Sie zuckte mit den Schultern und zog ihre Brotdose aus ihrem Schulranzen. „Was weiß ich. Aber es wird sicher nichts Wichtiges sein. Wahrscheinlich sowas wie ‚Es war ein spannendes Halbjahr, die Zeugnisse sind alle schlecht ausgefallen, macht es besser nächstes Halbjahr‘.“
Sie imitierte die Stimme unserer Direktorin und ich musste lachen.
„Was auch immer gesagt wird, ich werde schön mein Frühstück beenden und dann vielleicht etwas schlafen. Dann nur noch eine Stunde und wir können endlich nach Hause.“ Sie biss genüsslich in ihr Sandwich.
Ich nickte. Doch im Gegensatz zu Aprils Freude wurde mir schlecht. Eine Stunde hatten wir noch. Eine Stunde, in der wir unsere Zeugnisse bekommen würden. Eine Stunde, die ich noch bangen musste. Dabei wusste ich meine Noten fast alle. Vielleicht war genau das Problem. Eben diese Noten noch schwarz auf weiß zu sehen, ließ meinen Appetit verschwinden.
Eine Gruppe von Mädchen drängelte sich an uns vorbei. Sie waren nicht in unserem Jahrgang. Wer wurde also alles zu dieser Veranstaltung eingeladen? Die ganze Schule war es nicht.
Ich richtete den Blick nach vorne. Die Bühne ragte groß vor uns auf, strahlend rote Vorhänge an den Seiten, ein Podium hell erleuchtet. Jedes Mal, wenn ich die Bühne sah, hatte ich das Gefühl in Staunen erstarren zu müssen. Ich bewunderte die Leute, die es schafften, die Stufen hinaufzusteigen und vor einer Masse an Leuten zu reden. Wenn ich mir nur vorstellte, eine Rede halten zu müssen, begann ich zu zittern.
Ich entdeckte unsere Direktorin. Sie wirkte jedes Mal so gelassen, so souverän, wenn sie zu uns sprach. Ich fragte mich, ob sie je nervös wurde. Ob sie je Angst hatte, sich vor allen zu blamieren und zum Gespött der Öffentlichkeit werden zu können. Wenn ja, ließ sie es sich nicht anmerken. Noch lachte sie und plauderte fröhlich mit einigen Erwachsenen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte.
Vielleicht war das der Zweck dieser Veranstaltung? Vielleicht sollten uns neue Lehrkräfte vorgestellt werden? Wobei es öfter Änderungen im Kollegium gab und die wurden nie öffentlich erwähnt. Wieso also jetzt?
Ich schob den Gedanken beiseite und richtete meinen Blick erneut auf das Podium. Wie es sich wohl anfühlen musste, im Rampenlicht zu stehen? Ich konnte es mir nicht vorstellen. Wenn ich nur daran dachte, kribbelte mein Bauch vor Nervosität. April liebte das Rampenlicht. Sie war dafür geboren, auf einer Bühne zu stehen, auch wenn sie es nicht tat.
Ich hatte mich oft gewundert, wieso sie sich davor sträubte, sie hatte es eindeutig in sich. Doch so oft ich auch versucht hatte, sie dazu zu bewegen, so oft wurde ich abgewiesen.
Das Klingeln unterbrach meine Gedanken. Unsere Rektorin sah kurz auf die Uhr, dann betrat sie die Bühne.
„Na, dann bringen wir das ganze Mal hinter uns“, flüsterte April mir zu. „Ich kann es gar nicht erwarten, endlich nach Hause zu kommen.“
Ich nickte nur und richtete meine Aufmerksamkeit nach vorne.
„Guten Morgen ihr alle!“, begrüßte unsere Rektorin uns in ihrem üblichen fröhlichen und beschwingten Tonfall. „Ich bin sicher, ihr könnt es alle kaum erwarten, endlich eure Zeugnisse zu bekommen und dann ins Wochenende zu verschwinden, aber vorher habe ich noch ein paar Neuigkeiten für das kommende Halbjahr anzukündigen.“ Sie machte eine Pause und ließ ihren Blick durch die Menge schweifen.
„Erstmal möchte ich fragen, ist der zehnte Jahrgang da?“ Einige Schüler hoben ihre Hände.
„Sehr gut. Wo ist der elfte Jahrgang?“ Diesmal waren es April und ich, die unsere Hände mit der Masse erhoben.
„Super. Ist zwölf auch da?“ Wieder erhoben einige ihre Hände.
„Sehr schön! Ihr fragt euch sicher, was ich am Tag der Zeugnisse gleich drei Jahrgängen auf einmal zu erzählen habe! Nun, ich will gar nicht lange um den heißen Brei herumreden und die Frage beantworten. Nämlich ist es so, dass das Kollegium und ich beschlossen haben, nächstes Halbjahr ein Projekt auszuprobieren, das genau eure Jahrgänge betrifft.“
Sie pausierte wieder und April warf mir einen verwirrten Blick zu. „Was soll das denn? Wollen die uns neben Klausuren und Hausaufgaben noch mehr aufbrummen?“
Statt zu antworten zuckte ich nur mit den Schultern, meine Aufmerksamkeit weiterhin auf unserer Rektorin.
„Entgegen der konventionellen Meinung, dass eine künstlerische und ästhetische Bildung überflüssig ist, möchte ich ein Projekt vorstellen, das sich genau darum drehen wird. Wir, das sind eure Lehrer und ich, haben dreiundfünfzig Schülerinnen und Schüler ausgewählt, die in diesem Projekt teilnehmen werden und unsere Schule am Ende des Jahres in einer großen Vorstellung repräsentieren werden.
Ich bitte euch, unsere Wahl zu respektieren, da jeder Schüler aus einem ganz bestimmten Grund ausgewählt wurde. Zweck dabei ist es, Gelder für die Schule zu sammeln, die euch später allen zugutekommen werden.
Alle ausgewählten Schüler werden statt den Fächern Kunst, Musik oder DSp – je nachdem welches Wahlfach der jeweilige Schüler hat -, und statt Philosophie oder Religion – wie gesagt, abhängig davon, welches Fach ihr habt - an dem Projekt teilnehmen. Wie das genau geregelt wird, wird den Betroffenen später noch genauer erklärt. Ob ihr außerhalb der normalen Schulzeiten noch Treffen habt, hängt von euren Projektleitern ab.
Genau, zu unseren Projektleitern. Ich bitte unsere Gäste einmal zu mir auf die Bühne.“
Wir klatschten, während die sechs Erwachsenen die Bühne betraten, die ich vorhin schon gesehen hatte.
„Irgendetwas ist doch faul an der Sache“, raunte April mir zu.
Ich hörte auf zu klatschen. „Was meinst du? Klingt doch entspannt, statt am Unterricht an diesem Projekt teilzunehmen.“
Sie nickte. „Genau das ist es ja. Als könnten wir so einfach ‚wichtigen‘ Unterricht verpassen. Da steckt doch noch mehr dahinter.“
April hatte recht. Kreativität stand nicht im Fokus unseres Bildungssystems, sie wurde eher mit Ablehnung betrachtet. Schließlich waren ästhetische Dinge in den Augen derer, die bestimmen konnten, nur Hobbys und nichts, womit man Geld machen konnte. Aber vielleicht wollte unsere Rektorin wirklich etwas ändern. Dann hatte sie hoffentlich die Schüler ausgewählt, die in diesen Bereichen auch etwas erreichen wollten.
Ich wusste, dass ich damit schon als mögliche Kandidatin versagt hatte. Mir fiel nichts Ästhetisches ein, in dem ich gut war. Kunst war noch nie meine Stärke gewesen. April dagegen war fantastisch im Zeichnen. Vielleicht wurde sie ja ausgewählt.
Unsere Rektorin ergriff wieder das Wort. „Das Projekt ist in drei Gruppen aufgeteilt und jedes Projekt wird von zweien unserer Gäste geleitet. Unser erstes Projekt dreht sich ganz um Kunst. Alles was mit Handwerk, Malen und Zeichnen zu tun hat, fällt in diese Spalte. Die Leiter für dieses Projekt sind Gina Sander und Dirk Wolf.“
Die genannten Personen traten vor. Wir klatschten.
Sobald der Applaus vorbei war, traten sie wieder zurück und unsere Rektorin fuhr fort: „Das nächste Projekt ist der Bereich Theater. Also, über das Halbjahr hinweg werdet ihr ein Stück erarbeiten und vorstellen. Die Details erfahrt ihr dann in dem Projekt. Die Leiter hierfür sind Sophie Koch und Sören Petersen.“
Die nächsten zwei traten vor. Wer waren diese Leute eigentlich?
„Das letzte Projekt behandelt den Bereich Musik.“ Meine Gedanken schweiften ab, als auch das Projekt vorgestellt wurde.
„Hast du je von diesen Leuten gehört?“, fragte April.
Ich schüttelte den Kopf. „Vielleicht sind die ja in den jeweiligen Bereichen tätig.“
April lachte auf. „Du glaubst doch wohl selbst nicht, dass die Schule genug Geld finden würde, für sowas Profis zu engagieren. Das werden irgendwelche Möchtegernpädagogen sein, die sich einbilden, Ahnung zu haben.“
Ich zuckte mit den Schultern. Man sollte schließlich nicht urteilen, bevor man die Wahrheit kannte. Ich versuchte mich wieder darauf zu konzentrieren, was unsere Rektorin sagte, doch ich konnte nicht aufhören, die Projektleiter zu mustern.
Ob ich doch eine Chance hatte teilzunehmen? Ich wusste nicht, ob ich das wollte oder nicht. Es klang eigentlich doch ganz lustig.
April verschränkte die Arme. „So ein Unsinn. Dieses Projekt ist doch die größte Scheiße. Und dafür sollen wir Unterricht verpassen, ja? Was, wenn ich Abi in einem der Fächer machen will, die ich dafür abgeben muss?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Du hast recht. Voll dämlich.“
Wahrscheinlich würde ich eh nicht in eins der Projekte kommen. Künstlerisch war ich unbegabt. Ich musste mir also keine Sorgen machen.
April seufzte. „Ich hoffe, unsere lieben Lehrer sind nicht auf die Idee gekommen, mich in eins dieser Projekte zu stecken. Da hab ich echt keinen Bock drauf.“
Ich nickte. „Wobei du gut in die Theatergruppe passen würdest. Oder in die Kunstgruppe.“
Sie verzog das Gesicht. „Danke, ich verzichte.“
„Gut, gibt es jetzt noch Fragen?“
Mein Blick schweifte durch die Menge. April meldete sich. Ein Mikrofon wurde ihr zugereicht. „Was ist, wenn wir ausgewählt wurden und keine Lust darauf haben?“
Einige Schüler lachten.
„Wir hoffen selbstverständlich, dass das nicht passieren wird“, antwortete unsere Rektorin. „Wenn doch, wendet sich die betroffene Person bitte an seine oder ihre Klassenlehrerin und dann wird die Angelegenheit geklärt.“
„Und was ist, wenn wir in einem der Fächer unser Abi schreiben wollen, die dann wegfallen würden?“, fragte sie hinterher und reichte dann das Mikro wieder zurück.
„Dann wendet ihr euch bitte auch an euren Klassenlehrer und wir werden das regeln.“
Ihre Stimme hatte einen strengen Unterton, der diesbezüglich keinen Widerspruch mehr zuließ.
April schüttelte ablehnend den Kopf. „So eine Scheiße. Und dafür geht meine Zeit drauf.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust.
Ich versuchte, sie zu beschwichtigen. „Warte doch erstmal ab, ob du überhaupt ausgewählt wirst.“
Sie seufzte. „Du hast recht. Steht unser Mädelsabend eigentlich noch?“
Ich zögerte kurz, dann nickte ich jedoch. „Sofern bei Maryann nichts dazwischenkommt. Sie passt dann auf die Zwillinge auf.“
April runzelte die Stirn. „Sind deine Eltern denn nicht da?“
Ich wich ihrem Blick aus. „Doch, Papa schon, aber der arbeitet. Mama ist nur am Vormittag da, dann muss sie weg.“
„Dann hoffe ich mal, dass bei Maryann nichts dazwischen kommt.“
Ich wollte noch etwas sagen, als die Fragerunde beendet wurde und die ersten Namen für das erste Projekt vorgelesen wurden. Die genannten Schüler standen auf und gingen auf die Bühne, wo sie von ihren Projektleitern begrüßt wurden und einen Brief bekamen. Vermutlich standen da noch Einzelheiten über die Projekte drin.
„Drück mir die Daumen“, flüsterte April.
Ich nickte.

Und sie hatte Glück. Sie wurde nicht für das Kunstprojekt ausgewählt. Jedoch war auch keiner der Leute dabei, von denen ich erwartet hätte, dass sie vorgeschlagen worden wären. Alle Namen, die genannt wurden, kamen mir nicht bekannt vor.
„Wer sind diese Schüler? Sind die in anderen Jahrgängen?“, fragte ich.
April zuckte die Schultern, während wir für die erste Gruppe klatschten. „Ich glaube das schwarzhaarige Mädchen ist in unserem Jahrgang. Aber sie ist eher so eine Außenseiterin, soweit ich weiß.“
„Kann sie denn zeichnen?“, fragte ich.
April schmunzelte. „Du, ich weiß nicht einmal genau, ob sie in unserem Jahrgang ist. Woher soll ich da bitte wissen, ob sie zeichnen kann?“
Ich zuckte mit den Schultern und starrte wieder nach vorne. Die erste Gruppe war von der Bühne gegangen und mit ihren Projektleitern verschwunden. Unsere Rektorin begann, Namen für das Theaterprojekt aufzurufen.
„Hier musst du mir nochmal die Daumen drücken“, flüsterte April.
„Wenn die dich eben schon nicht wollten, dann bestimmt auch nicht für das Theaterprojekt. Die haben doch keinen von den Leuten genommen, die man erwartet.“ Zumindest soweit ich es wusste.
April nickte. „Hoffentlich. Ich hab da echt keinen Bock drauf. Das würde meinen Ruf zerstören.“
Ich durfte auf keinen Fall in eins der Projekte kommen. „Wenn es nichts mit der Schule zu tun hätte, fändest du es bestimmt cool.“
April kicherte. „Stimmt. Aber Schule bleibt halt Schule.“
„Lucy Schmidt.“
Ich erstarrte. Das war mein Name. Hitze schoss mir ins Gesicht. Köpfe drehten sich suchend um. Dabei wollte ich mich am liebsten kleiner machen. April rammte mir ihren Ellenbogen in die Seite.
„Lucy? Bist du hier irgendwo?“, fragte unsere Rektorin.
„Steh auf!“, raunte April mir zu. Ich erwachte aus meiner Starre, tat, was sie sagte. Alle Blicke richteten sich auf mich.
„Ah, da bist du ja.“
Meine Beine zitterten so sehr, ich hatte Angst, sie würden mich nicht tragen. Aber das taten sie. Wie ferngesteuert lief ich auf die Bühne zu, die mir plötzlich sehr bedrohlich vorkam. Die Rektorin rief weitere Namen auf und ich war froh, dass die Aufmerksamkeit nicht mehr nur auf mir lag. Zum Glück musste ich nicht reden.
Ich stieg die Stufen zur Bühne hinauf, schüttelte die Hände meiner Projektleiter, deren Namen ich schon wieder vergessen hatte und stellte mich in einer Reihe auf. Alles ging schneller als ich denken konnte. Mein Kopf war wie mit Watte ausgestopft, als könnte ich noch nicht verstehen, was soeben passiert war.
Mir wurde ein Brief in die Hand gedrückt. Das Scheinwerferlicht war so heiß, dass mir Schweiß über die Stirn lief. Ich wollte hier weg. Ich war nicht für eine Bühne geschaffen! Mein Herz raste, meine Augen brannten. Nein, hier würde ich auf keinen Fall anfangen zu heulen, das würde mich noch uncooler machen als ich eh schon war.
Ich hörte den Applaus, doch er schien mir sehr weit weg. Die ganze Situation kam mir so irreal vor, wie ein Traum. Ein schlechter Traum. Hatte ich die Bühne eben noch von der Ferne betrachtet, so stand ich nun darauf. Ich! Das war eine vollkommen verkehrte Welt. Ich gehörte hier nicht hin, das passte einfach nicht!
Wie sehr wünschte ich mir, April könnte jetzt neben mir stehen und mich vor allem beschützen, was kommen würde. Wie sehr wünschte ich, sie wäre an meiner Stelle ausgewählt worden. Doch so war es nicht. Ich stand hier. Und Ende des Jahres würde ich wirklich einmal im Rampenlicht stehen, wenn ich es nicht schaffte, aus dem Projekt rauszukommen.
Oh, ich musste es schaffen, aus dem Projekt rauszukommen. Der Applaus ebbte ab und ich folgte meiner Gruppe von der Bühne.
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