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Zeiten der Veränderung

von Cuis
GeschichteFamilie, Freundschaft / P18
Alex Standall Bryce Walker Clay Jensen Jessica Davis Justin Foley Zach Dempsey
15.09.2019
10.11.2019
3
10.260
4
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
15.09.2019 4.267
 
SPOILERWARNUNG FÜR STAFFEL 3!

Liebe Fans von 13 Reasons Why,

dies ist eine Fanfiction, die das Ende der 3. Staffel der Serie Tote Mädchen lügen nicht etwas anders beschreibt. Nachdem mich diese Staffel sehr überrascht hat, weil sie völlig anders verlief, als ich erwartet habe, ließ sie mich auch etwas unzufrieden zurück. Bryce war für mich schon immer ein sehr interessanter, weil ambivalenter Charakter, und es hat mich sehr gefreut, dass er nun noch näher beleuchtet wurde. Umso tragischer finde ich es, dass er nie die Chance bekommen hat, noch weiter ausgebaut zu werden, und nun ebenso wenig gezeigt werden wird, wie er sich ändert und mit seinem Leben klarkommt, seine Taten weiter verarbeitet. Beim Schauen kam mir die eine oder andere Idee, was er noch hätte erleben und wie es mit ihm hätte weitergehen können. Daher habe ich beschlossen, etwas zu schreiben, wo er zwar zusammengeschlagen wurde, aber nicht gestorben ist, sondern alle weiterhin mit ihm zu leben haben.
Ich weiß, dass Bryce ein problematischer Charakter ist. Und obwohl ich ihm nicht negativ gegenüberstehe, werde ich ihn hier nicht glorifizieren. Aber er wird auch nicht als der ultimativ Böse dargestellt werden. Wer ein Problem damit hat, sollte diese Geschichte nicht lesen.
Es werden, wie in der Serie, explizite Szenen und auch Gewalt vorkommen (wenn auch nicht im ersten Kapitel). Auch hier sensible Personen sollten diese Geschichte daher nicht lesen.
Ich werde diese Geschichte in unregelmäßigen Abständen fortführen.

Okay, und nun hoffe ich, dass ihr ebenso wie ich Freude daran habt, diesen schwierigen Charakter weiter auszuleuchten, und freue mich natürlich über Rezensionen.

Viel Spaß beim Lesen!

Disclaimer: Keiner der porträtierten oder genannten Personen gehört mir, Ausnahmen werden genannt.


„Was willst du denn hier?“ Bryce sah Alex an und seine Augen verengten sich ein Stück.

Alex zuckte die Schultern. „Was hast du gesagt – über die Nacht beim Homecoming?“

„Nichts, Mann. Ich kann mich an nichts erinnern.“ Er zog sich die Armschlinge über die Jacke und warf einen ungehaltenen Blick auf den bereitstehenden Rollstuhl.

Alex zog die Augenbrauen hoch und steckte demonstrativ seine Hände in die Hosentaschen. „Ach ja?“ Er beobachtete, wie Bryce unsicher versuchte, aufzustehen und sich auf den Gips zu stellen. „Warum?“

Bryce zog die Augenbrauen zusammen. „Was meinst du?“ Er ließ sich wieder aufs Bett fallen.

„Stell dich nicht dumm, Mann.“

Bryce verdrehte die Augen. „Hör mal, meine Mum kommt gleich wieder, wenn du mir nicht helfen willst, verschwinde einfach, okay?“

„Na schön, wie du willst.“ Alex wandte sich ab, als sich die Tür öffnete. „Hallo, Mrs. Walker“, sagte er höflich und verschwand.

Bryce blickte ihm grimmig hinterher, während seine Mutter zu ihm kam und ihm half, in den Rollstuhl zu kommen. „Kommt der mit nach Hause?“, fragte er übellaunig und schlug auf die Armlehne des Stuhls. Er hasste es, so hilflos zu sein. Und er wollte Ani so nicht gegenübertreten. Schlimm genug, dass sein Gesicht grün und blau war und sein Arm und Bein in Gips lagen. Naja, vielleicht würde ihm das ja Mitleidspunkte einbringen. Er lächelte selbstironisch. Welches Mädchen würde sich denn nicht darum schlagen, ihn gesund zu pflegen?!

Er ballte seine linke Hand zur Faust, bis er die Fingernägel schmerzhaft in seiner Handfläche spürte. Er wusste, er hatte verdient, was Zach ihm angetan hatte. Aber gleichzeitig konnte er seine Wut darüber nicht loslassen. Zach war ein verdammter Bastard. Er hatte ihm seine Zukunft, sein Leben zerstört! Was sollte er nun werden? Irgendein Investmentbanker oder Manager, Broker oder vielleicht Immobilienspekulant? Alles, was mit Sport zu tun hatte, konnte er jedenfalls vergessen. Würde er so überhaupt einen Collegeplatz bekommen – am Ende gar auf ein staatliches College gehen müssen, weil für ein anderes seine Noten nicht ausreichten?!

„Schatz, hörst du mir überhaupt zu?“ Seine Mutter hatte den Rollstuhl in Bewegung versetzt. Nicht mal den konnte er richtig selbst fahren, der Gips an seinem rechten Arm blockierte ihn beim Schieben der Räder ebenso wie der Verband seines angeknacksten linken Schlüsselbeins.

„Nein, Mum, entschuldige, was?“ Langsam öffnete er seine Faust. Seine Finger schmerzten und in seine Haut waren tiefe Halbmonde eingegraben.

„Ich sagte, dass zu Hause ein Kuchen auf dich wartet. Dein Grandpa wartet auf dich und wir haben dich vermisst.“ Sie benahm sich, als sei er fünf.

Er schnaubte ironisch, versuchte jedoch, sich seine Verachtung nicht allzu deutlich anmerken zu lassen. „Hat … hat Ani nach mir gefragt?“, sagte er nun leise.

Seine Mutter zögerte einen winzigen Moment. „Aber klar, alle haben sich nach dir erkundigt!“

„Aha.“ Also nicht. War sie ihm noch böse, obwohl er versucht hatte, sich zu entschuldigen? Obwohl sie sich vorm Homecoming-Spiel von ihm hatte küssen lassen? Sie war ihn nicht besuchen gekommen. Genauso wenig wie irgendein anderer seiner Freunde. Wobei, was hieß ‚Freunde‘? Wen hatte er denn noch? Monty. Ani. Wenn sie seine Freundin war. Justin vielleicht? Er presste die Zähne aufeinander, während seine Mutter ihn den Krankenhausgang entlangschob und so betreten schwieg, dass sie ihm mehr verriet, als wenn sie geredet hätte.



„Und?!“ Jessica kam auf ihn zu, als er die Tür zum Monet’s öffnete. Justin, Clay, Zach und Ani blieben am Tisch sitzen.

„Er sagt, er weiß nicht, was passiert ist.“ Alex steuerte auf die Bar zu.

„Also hat er nichts zu irgendwem gesagt??“

„Offenbar nicht, nein. – Ein Mokka mit Sahne und Kakao bitte.“

„Und wie können wir uns sicher sein, dass er nicht später irgendwas sagt?“ Sie waren am Tisch angekommen, Alex mit seinem Kaffee. Clay starrte ihn an und erwartete offenbar eine Antwort auf seine Frage.

„Was weiß ich?!“ Alex zuckte die Schultern. Er war genervt.

„Naja, er hat Zach genauso verletzt, oder? Er hat keinen Grund, ihn anzuschwärzen, denn dann geht es ihm genauso an den Kragen“, sagte Ani.

„Aber er hat weniger zu verlieren, oder?“, erwiderte Clay. „Ich mein, er ist doch schon … also ich meine, er ist schon verurteilt und vorbestraft und so.“

„… und jetzt auch noch um seine Zukunft gebracht“, fügte Zach leise hinzu. „Vorher war er nur der Vergewaltiger. Jetzt ist er der Vergewaltiger, der seine Karriere verloren hat, bevor er sie beginnen konnte, weil ich ihn zusammengeschlagen habe.“

„Geschieht ihm nur recht“, warf Clay düster ein.

„Ja, aber er ist auch der Vergewaltiger, der dich um deine Karriere gebracht hat, Zach! Er hat dich ebenso verletzt!“, sagte Jessica eindringlich und fixierte Zach.

„Ich glaube nicht, dass er was sagt“, wandte Justin nun ein. „Ich will ihn nicht verteidigen, aber Bryce ist loyal. Er reitet niemanden rein. Er hat mir … er verrät einen nicht.“

Jess wandte ihm den Kopf zu. „Du hast ihn nicht gehört, als Alex ihm helfen wollte!“, zischte sie. „Wenn er gekonnt hätte, hätte er Zach zu Brei geschlagen!“

„Konnte er aber nicht, oder?“, sagte Ani mit vernunftheischendem Tonfall. „Er hatte sicher Schmerzen und hat deshalb geflucht. Man sucht doch immer einen Schuldigen, wenn es einem schlecht geht, oder?“ Sie sah in die Runde.

„Er klang aber verdammt ernst!“, beharrte Jess. „Deshalb haben wir ihn ja auch da gelassen!“

„Wir haben ihn da gelassen, weil ich ihn nicht zum Auto gekriegt habe“, warf Alex ein.

„Ich hätte dir ja auch helfen können!“, erwiderte Jessica scharf. „Aber ich wollte nicht! So wie er geredet hat …!“

„Ich traue ihm alles zu …“, murmelte Clay.

Justin verdrehte die Augen, schwieg aber.

„Nein, ich glaube, Ani hat recht. Bryce sagt nichts, weil er sich selbst schützen möchte, aber auch, weil … nunja, ich glaube nicht, dass er mir ernsthaft Schlechtes wünscht. Wir waren halt wütend und –“ Zach brach ab.

„Wieso ist er eigentlich auf dich losgegangen beim Homecoming?“

Zach zuckte die Schultern. „Einfach so, sind wir doch alle aufeinander …“

„Aber so gezielt …!“ Clay fixierte Zach, der seinem Blick kurz trotzig erwiderte und dann wegsah.

„Hört mal, Leute, ich muss jetzt heim. Bryce kommt heute nach Hause. Vielleicht kann ich ja etwas … vielleicht reden wir und ich kann mehr herausfinden. Bryce vertraut mir, möglicherweise sagt er etwas.“ Ani stand auf und nahm ihre Jacke in die Hand, wich aber Clays bohrendem Blick aus.

Auch Zach folgte ihrer Bewegung. Ihm war sichtlich unwohl zumute. „Hör mal, wenn Bryce … ich meine …“ Er atmete tief ein und fluchte leise.

Ani sah ihn an. „Soll ich ihm was sagen? Willst du mit ihm reden oder so?“

Zach stieß hörbar die Luft aus und schüttelte den Kopf. „Nein … nein, schon gut.“

„Also dann bis morgen“, sagte Ani und warf Clay einen scharfen Blick zu. „Holst du mich ab?“ Sie klang sanft, doch Clay nickt bloß schulterzuckend, ohne sie anzusehen.



„Fuck! Verdammte Scheiße!“ Bryce stützte sich am Treppengeländer ab und knickte mit dem gesunden Bein ein, während Amara und seine Mutter versuchten, ihm die Treppe hinauf zu helfen. „Das wird nichts, Mum!“, stieß er wütend und schmerzerfüllt aus. Er drückte Amaras Arm fort und ließ sich auf die Stufen fallen.

Seine Mutter blickte mit aufeinandergepressten Lippen auf ihn nieder. „Wir machen dir ein Bett hier unten, dann kommst du auch mal raus und musst nicht die ganze Zeit in deinem Zimmer –“

„Ich will nicht hier unten bleiben!“, fauchte Bryce. Das fehlte ihm noch, dass er nicht die Tür zumachen konnte, dass er hier ständig wie auf dem Präsentierteller rumhängen musste und nicht alleine wegkonnte. Wenn er wenigstens Krücken hätte benutzen können!

„Dann rufe ich Emilio, er soll dir helfen“, sagte seine Mutter fest und schickte Amara dankend fort.

Oh, soll mich der Gärtner jetzt etwa die Treppe rauftragen? „Wunderbar“, murmelte Bryce, „entwürdigender geht es ja kaum noch.“ Er schlug mit der Faust gegen die Streben des Geländers, als seine Mutter sich entfernte. „Haben die mir wenigstens Oxy mitgegeben?!“, rief er ihr hinterher.



Er war froh, dass er es in sein Zimmer geschafft hatte, bevor Ani auftauchte. Er saß in seinem Rollstuhl am Fenster und starrte grimmig hinaus. Er verfluchte dieses verdammte Homecoming-Spiel.

„Hi.“

Er wandte sofort den Kopf, als er ihre Stimme hörte, und lächelte. „Ani.“

Sie drückte sich an der offenen Tür herum, bevor sie sich entschloss, zu ihm zu kommen. „Tut mir leid, dass ich dich nicht im Krankenhaus besuchen gekommen bin –“ Sie warf einen Blick zum Flur. „Ich konnte nicht weg, meine Mum …“ Sie brach ab und versuchte, entschuldigend zu lächeln.

Er zog eine Schulter hoch und setzte eine gelassene Miene auf. „Schon okay.“ Er hob den Arm, um ihr die Hand entgegenzustrecken, entschied sich aber auf halbem Weg dagegen. „Ist zwischen uns … alles okay?“

Sie zuckte eine Achsel. „Ja, klar“, antwortete sie etwas zu schnell.

Er zog die Augenbrauen zusammen. „Komm schon, Ani. Ich hab mich doch entschuldigt … Ich wollte dir keine Angst machen. Ich war nur –“ Er grinste etwas selbstironisch. „Ich meine, jetzt wirst du doch sicher keine Angst vor mir haben, oder?!“ Er deutete auf seine Gipse und den Rollstuhl.

Sie grinste kurz. „Ich habe keine Angst vor dir.“ Sie legte ihre Hand an seine Wange. „Du siehst übel aus. Du hast ganz schön eingesteckt, oder?“

Er lächelte einseitig. Tatsächlich hatte er sich kaum gegen Zach gewehrt. Ihn bloß gebeten aufzuhören. Er wusste selbst nicht genau, warum. Aus Heldenmut? Oder Buße? Es versetzte ihm einen Stich, wenn er daran dachte, dass Chloe sich an Zach gewandt hatte, statt an ihn. Aber gleichzeitig konnte er sie verstehen. Wer wollte schon mit einem Monster wie ihm zum Arzt gehen und zugeben, von ihm schwanger zu sein? Er presste die Zähne aufeinander.

„Tut es sehr weh?“, fragte Ani, die seine Miene bemerkt hatte.

Bryce verzog den Mund. „Geht schon wieder.“ Zumindest körperlich.

Sie lächelte ihn an, blickte erneut hastig zur Tür, dann trat sie direkt vor ihn und blickte ihn von oben herab herausfordernd an. „Wie krank bist du denn?“

Seine Augen weiteten sich ein Stück, er biss sich auf die Unterlippe und grinste. „Eigentlich nicht besonders …“ Er streckte seine linke Hand nach ihr aus. Sie ergriff sie und schob sich an ihn. Ihre andere Hand legte sie in seinen Nacken, dann beugte sie sich zu ihm hinab und küsste ihn. Er spürte sofort, wie ihn ein heißer Schauder durchfuhr, zusammen mit Erleichterung.

„Ani …“, flüsterte er und intensivierte den Kuss. Seine Hand wanderte zu ihrer Hüfte und zog sie näher an sich. „Ich habe dich vermisst, Ani.“

„Hast du das?“, fragte sie in neckendem Tonfall und fuhr ihm durch die Haare.

Er zuckte zusammen und sie riss ihre Hand zurück.

„Oh, entschuldige!“

Er versuchte, den schmerzerfüllten Ausdruck aus seiner Miene zu verbannen, doch sein Kopf dröhnte und die Blutergüsse unter seinen Haaren pochten. Sie beugte sich vorsichtig über ihn und pustete ihm auf die Kopfhaut.

„Ist es jetzt besser?“ Sie grinste leise und steckte ihn damit an.

„Viel besser.“ Er blickte zur Tür. „Wie wär’s, wenn du die Tür schließt und –“

„Mein Mum ist da, und deine Mum ist da. Und ich glaube alle Angestellten, die dein Großvater noch hat, sind ebenfalls da. Ich werde jetzt bestimmt nicht die Tür zumachen und uns erwischen lassen!“ Sie strahlte ihn an. „Aber ich werde dir ein Stück Kuchen raufbringen!“ Damit verschwand sie aus seinem Zimmer, jedoch nicht, ohne ihm noch ein Zwinkern zuzuwerfen.

Wenige Augenblicke später kam seine Mutter herein, sie blickte mit kritischer Miene den Flur hinunter, als sie im Türrahmen erschien. Dann wandte sie den Kopf und sah ihn an. „Geht es dir gut?“, fragte sie und schien es wirklich wissen zu wollen.

Bryce zuckte eine Achsel und bereute es sofort. Er verzog das Gesicht. „Ja, geht schon.“ Sie kam zu ihm hinüber und legte ihm die Hand auf die Schultern. Durch den Verband um seinen Oberkörper spürte er sie kaum. Sie begann, sanft seinen Nacken zu massieren.

„Du bist verspannt“, stellte sie fest.

Bryce prustete kurz. „Natürlich.“

„Hast du Schmerzen?“

Er war versucht, wieder die Achseln zu zucken, besann sich aber rechtzeitig anders. „Ein wenig.“ Diese verdammten niedrigdosierten Schmerzmittel wirkten nicht richtig. Er brauchte etwas Stärkeres. „Ah, Mum, lass das!“ Er versuchte, ihr auszuweichen. Sie hatte auf seinen wunden Nackenmuskeln herumgedrückt. „Haben die mir irgendwas mitgegeben?“, fragte er in absichtlich wehleidigem Tonfall. „Oxycodon?“ Er versuchte, nicht allzu hoffnungsvoll zu klingen.

„Ja, aber du hattest heute Morgen schon was“, erwiderte seine Mutter. „Du darfst erst heute Abend wieder was nehmen.“

„Fuck“, fluchte er leise. Morgens waren es bestimmt nur die mit Kurzzeitwirkung gewesen. Zumindest waren sie jetzt nicht mehr wirksam!

„Vielleicht solltest du dich etwas hinlegen und ausruhen“, schlug seine Mutter vor. „Soll ich dir ins Bett helfen?“

„Nein“, murmelte er leicht genervt. „Ich möchte noch hier sitzen bleiben.“ Er fühlte sich wie ein Invalider, wie sein Großvater, hilflos und völlig auf die Hilfe der anderen angewiesen. Nicht mal allein zur Toilette konnte er! Verfluchter Zach!

„Na gut. Wenn du etwas brauchst, sag Bescheid, okay?“ Sie wandte sich zum Gehen. „Möchtest du jetzt vielleicht etwas Kuchen?“ Er hatte ihn nach seiner Ankunft übellaunig abgelehnt.

„Nein, danke, Mum. Ich rufe dich schon, wenn ich etwas brauche.“ Er versuchte ein versöhnliches Lächeln.

Sie lächelte zurück und verließ sein Zimmer.



„Puh, fast hätte mich deine Mum gesehen!“, flüsterte Ani wenige Minuten später, als sie mit Kuchen und Kaffee aus einem Tablett zu ihm ins Zimmer huschte und die Tür anlehnte. Sie grinste, wirkte aber dennoch besorgt.

„Ach, sie hat dich doch schon längst gesehen“, antwortete Bryce gelangweilt.

Was?!“ Ani starrte ihn alarmiert an. „Wann? Eben? Hat sie was gesagt?“

„Vor ein paar Wochen“, sagte er nur und beugte sich über das Tablett.

Damals waren sie allein gewesen, hatten sich zu einem ihrer heimlichen Stelldicheins getroffen, hatten noch eine Weile zusammen auf seinem Bett gelegen und sich unterhalten, gelacht. Dann war Ani gegangen.

Bryce presste die Nase in das Kissen, auf dem vor wenigen Augenblicken noch ihr Kopf gelegen hatte. Dann setzte er sich auf und griff nach seinem Poloshirt. Er hörte nicht, wie seine Mum sich gegen den Türrahmen lehnte und die offene Tür ein Stück weiter aufstieß. Erst, als er aufstand und sich umdrehte, um sich die Unterhose anzuziehen, erblickte er sie und schrak zusammen.

Mum!“ Seine Hände schossen reflexhaft vor seine Blöße und er sah sich nach seiner Boxershorts um. Er war mehr überrascht als schockiert. Auch darüber, dass sie völlig ohne Unwohlsein dastand und ihn schweigend betrachtete.

Er hatte seine Unterwäsche entdeckt und griff danach. Als er sie anzog, war jegliche Scham verschwunden. Fast provokant blieb er zu ihr gedreht und stieg in die Boxershorts.

„Möchtest du etwas, Mum?“, fragte er verbindlich und übertrieben höflich. Er sah sie direkt an und sie senkte kurz die Lider, stieß sich vom Türrahmen ab und kam einen Schritt ins Zimmer, ihr Blick glitt über das zerwühlte Bett, seiner folgte ihr. Es war offensichtlich, was sie dachte.

„Hast du sie vorher gefragt?!“ Ihr Tonfall war scharf und machte nur allzu deutlich, was sie von ihm hielt.

Bryce seufzte und verdrehte die Augen. „Nein, ich habe sie mit Alkohol hierhergelockt, sie mit Drogen gefügig gemacht und bin dann über sie hergefallen.“ Er sprach gelangweilt, um den Unterton seiner Enttäuschung zu überdecken. Sie würde immer das Monster in ihm sehen. Alle würden das.

Ihr Blick hob sich und fixierte ihn. „Du wirst dich von ihr fernhalten. Hast du verstanden?!“

„Nein, das werde ich nicht.“ Er antwortete ganz ruhig.

„Du lässt Ani in Frieden, Bryce!“

„Nein, Mum.“

Sie kam auf ihn zu. „Ich habe dir gesagt, dass du hier verschwinden kannst, wenn du sie anrührst – wenn du sie ansiehst und mit ihr sprichst!“ Ihre Augen bohrten sich in seine. „Du kannst also deine Sachen packen …!“

Er ließ seinen Kopf in den Nacken fallen und sah zur Decke. „Mum, ich bitte dich.“ Er streckte ihr die Handfläche entgegen. „Ich habe ihr nichts getan! Sie ist zu mir gekommen – sie …“ Er brach ab, unsicher, ob er weitersprechen sollte.

„So wie Hannah?!“, fragte sie, eindeutig aufgewühlt. „So, wie Hannah auch heiß‘ auf dich war?“ Sie sprach voller Verachtung.

Er biss sich auf die Unterlippe. Ihr Misstrauen schmerzte ihn. „Wir … ich habe sie gefragt. Sie …“ Er stockte kurz. „… sie hat angefangen“, schloss er leise.

Seine Mutter musterte ihn konzentriert. Eine ganze Weile sagte sie nichts, hielt ihn bloß mit ihrem Blick regungslos auf der Stelle. Das hatte sie schon immer gekonnt. Bryce fühlte sich wieder, als sei er sieben und hätte wütend das Wohnzimmer verwüstet, nur, um die Aufmerksamkeit seiner Eltern zu erlangen. Er hatte sie meistens erhalten. Und immer hatte sie ihn so angesehen, enttäuscht und mit einem stummen Vorwurf, der ihm sagte, dass sie wusste, dass er es besser konnte. Und jedes Mal wieder hatte sie ihren Glauben in ihn missbraucht, um ihn zu bändigen. Weil er sie nicht enttäuschen wollte – und es dann doch immer wieder tat. Bis es ihm egal geworden war – dachte er. So hatte sie ihn auch angesehen, als Chloe ihn der Vergewaltigung bezichtigt hatte. Und dann Jessica. Und Hannah … Und es hatte ihn wieder geschmerzt, diesen Ausdruck auf ihrem Gesicht zu sehen.

Er stieß die Luft aus und seine Anspannung von sich, als sie weiterhin nichts sagte. „Amara-Josefine darf nichts davon erfahren.“ Er blickte seiner Mutter flehend ins Gesicht. „Ani kommt freiwillig zu mir. Wir sind Freunde.“ Sie hob ganz leicht die Augenbrauen, als er das sagte. „Ja, Mum, sie ist ein Mädchen und tatsächlich mit mir befreundet!“, sagte er mit Nachdruck.

„Weiß sie … von Hannah und Jessica … und Chloe?“ Nun klang sie angespannt.

Er zog eine Schulter hoch und sah sich nach seiner Hose um. „Ich denke schon. Wir haben nicht näher darüber gesprochen.“ Er bückte sich, hob die Hose auf und stieg hinein.

„Sie sollte es wissen. Sie muss die Chance haben, selbst zu entscheiden, was sie tun möchte, nach dem, … was du getan hast.“

„Und was ist mit mir?!“, fuhr er auf. „Was ist mit meiner Chance?! Habe ich nicht auch mal eine verdient? Eine – eine Person, die mich nicht von vornherein verurteilt?!“ Er warf die Arme in die Luft und drehte sich herum. Am liebsten hätte er etwas an die Wand geworfen, fand aber nur das Kissen auf dem Boden und schleuderte es aufs Bett. „Sie lässt mich! Bei ihr kann ich jemand Neues, Besseres sein, habe die Chance, neu anzufangen, es wiedergutzumachen …“

„Wiedergutmachen“, spuckte sie leise, mehr zu sich selbst aus und wandte sich ab. Kurz vor der Tür drehte sie sich nochmal zu ihm um. „Wenn ich davon erfahre, dass du ihr auch nur ein Haar gekrümmt hast, dass sie sich in irgendeiner Form unwohl fühlt, weil du in ihrer Nähe bist –“

„Wie oft willst du mich eigentlich noch verstoßen, Mum?“ Er war laut geworden und sie zuckte unwillkürlich zusammen, doch sie ging nicht darauf ein.

Sie hob den Finger, ihr Blick brannte. „Ein Wort, Bryce. Nur ein Wort, ein Ton, ein Blick, und du bist raus. Hast du mich verstanden?!“

Er presste die Lippen aufeinander und verdrehte die Augen. „Ja, Mum.“

„Aber sie sagt deiner Mum nichts, ich hab ihr gesagt, dass sie nichts wissen darf“, sagte er zu Ani und hoffte, sie zu beruhigen. Sie wirkte etwas nervös. Er streckte seinen Arm aus und berührte sie an der Hand. „Hey. Du … du fühlst dich doch nicht unwohl mit mir, oder?“ Er sprach leise und wagte es nicht, ihr in die Augen zu sehen.

Ani kam ein Stück zu ihm. „Nein. Ich fühle mich wohl mit dir. Ich hab dich gern.“ Sie drückte seine Hand.

„Obwohl du … weißt …?“

„Bryce. Ich kenne dich nicht so. Ich habe gehört, was passiert ist, bevor ich herkam. Aber das ist Vergangenheit. Dies ist jetzt. Du hast … mir nichts getan.“ Sie zögerte. Er wusste, dass sie an die Szene am Pool dachte. Er hatte ihr dort Angst gemacht. Doch er hatte sich entschuldigt. Sie war nicht leicht zu schockieren, doch sie war auf der Hut, das spürte er.

„Ich brauche dich in meinem Leben, Ani.“

„Das hast du schon gesagt.“ Sie klang reserviert.

„Aber da war ich betrunken und … ich war eifersüchtig.“

„Auf Clay.“

Er senkte den Blick und verzog das Gesicht. „Ja. Aber was ich gesagt habe, stimmt. Ich brauche es, wie ich bin, wenn du bei mir bist.“

„Also bin ich nur ein Mittel zum Zweck für dich?“

„Nein.“ Er seufzte. „Du machst mich besser. Du … du veränderst mich. Ich kann das nicht ohne dich.“ Er hasste es, dass er flehend klang. „Bitte, Ani. Gib mich nicht auf.“

Sie presste die Lippen aufeinander und verzog die Mundwinkel zu einem resignierten Lächeln. Dann zuckte sie die Schultern. „Du solltest erstmal gesund werden. Lass uns Freunde sein, Bryce.“ Sie drückte leicht seine Hand, schaffte es aber nicht, sie loszulassen.

Freunde?“ Er spuckte das Wort aus, hätte es am liebsten auf dem Boden zertreten. Mit Clay konnte sie ja Freunde-Sein spielen, aber nicht mit ihm! Er blickte auf ihre Hand, ihre Finger streichelten über seine Haut. Ein wenig Hoffnung keimte in ihm auf. „Du kannst nicht von mir lassen“, sagte er nun mit einem leichten Lächeln im Mundwinkel.

Ihre Augen verengten sich, doch ihre Lippen zuckten amüsiert. Sie zog die Hand zurück und verschränkte ihre Arme vor dem Körper. „Was?“

Er neigte den Kopf zur Seite. „Du bist gern mit mir zusammen, du willst es.“

„Okay … Und wie kommst du darauf, dass ich nicht ohne dich kann?“

„Ich spüre es, ich merke es. Wie du mich berührst und ansiehst …“

Nun grinste sie offen. „Soso, meinst du?“ Sie beugte sich über ihn und stemmte ihre Hände auf die Lehnen seines Rollstuhls. Ihr Gesicht war nur Zentimeter von seinem entfernt. „Wir werden ja sehen.“ Sie küsste ihn flüchtig auf die Lippen. „Aber erstmal solltest du dich wieder bewegen können. Ich will für nichts verantwortlich sein, das deinen Heilungsprozess stört.“ Sie richtete sich auf und er seufzte wieder. „Ich komm dich besuchen, du armer Kranker“, neckte sie ihn nun. „Und wenn dir jemand Hausaufgaben bringt, helfe ich dir dabei.“ Nun grinste sie mit liebevollem Spott.

Bryce‘ Miene verdüsterte sich. Niemand von seinen Schulkameraden auf der Hillcrest würde ihm Hausaufgaben oder sonst etwas bringen. Niemand würde sich nach ihm erkundigen. Er hatte ganz vergessen, seine Mutter zu fragen, was die Liberty zu seinen Ansinnen gesagt hatte, dass er wieder dorthin zurück wollte. Es würde verdammt scheiße werden, das war ihm klar. Aber man würde nicht wagen, dort mit ihm so umzuspringen, wie sie auf der Hillcrest taten.

„Ich muss jetzt meiner Mum helfen. Da sie ja dir jetzt auch hilft, habe ich ihr angeboten, mehr im Haushalt zu tun, bis die neue Haushälterin da ist.“

Bryce hob die Augenbrauen und war froh, dass er von seinen Gedanken abgelenkt wurde. „Hat mein Großvater schon wieder eine vertrieben?“

„Ich glaube, sie hatte keine Lust mehr, bei ihm im Zimmer sauber zu machen, nachdem er so viel vor sich hin flucht. Und als meine Mum anbot, das zu übernehmen, hat deine Mum sich mit ihrem Vater gestritten, woraufhin er die Haushälterin gefeuert hat.“ Ani verstummte, erschrocken, als hätte sie zu viel gesagt. „Aber … das habe ich nur so gehört. Ich weiß nicht, ob das stimmt.“

Bryce lachte. „Ooh, bestimmt! Mein Großvater nimmt kein Blatt vor den Mund und er terrorisiert seine Angestellten seit Jahren. Sie können froh sein, dass er nicht mehr in den Rest des Hauses kommt, um dort rumzustänkern!“

Ani lächelte. „Ich bin sicher, dass er früher umgänglicher war.“

„Nein, war er nicht. Er war schon immer ein Arschloch“, erwiderte Bryce und seine Stimme verlor sich. „Eine Familie von Arschlöchern …“ Er blickte zum Fenster hinüber.

Ani spürte offenbar, dass ihm ihre Anwesenheit unangenehm wurde. „Na gut, ich gehe dann mal.“

Er drehte sich wieder ihr zu. „Kommst du … kommst du später nochmal wieder?“, fragte er hoffnungsvoll.

„Jah“, sagte sie rasch und hob eine Schulter. „Wenn du möchtest.“

Er machte eine wegwerfende Handbewegung und unterdrückte einen Schmerzenslaut. „Ach, ist auch egal. Ich beschäftige mich schon irgendwie … Oh, weißt du, ob meine Mum mir ein neues Handy besorgt hat?“

„Ich frage sie.“ Ani ging zur Tür. „Bis später.“

„Ja“, murmelte er und starrte wieder aus dem Fenster, ohne etwas zu sehen. „Mal sehen …“
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