Verloren, nicht verlassen

GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P12
Albus Dumbledore Dudley Dursley Gilderoy Lockhart Harry Potter Severus Snape Vernon & Petunia Dursley
14.09.2019
12.11.2019
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13. Kapitel: Zweifel von allen Seiten


Die Tür fiel hinter Mr. Snape ins Schloss und Harry entwich ein ungewollter Seufzer. Er hatte keine Ahnung, was er falsch gemacht hatte. Snape hatte ihn doch mehr oder weniger freiwillig mitgenommen, aber jetzt verhielt er sich so kühl und abweisend. Dabei hatte er Harry heute mehrfach gerettet und getröstet – und jetzt ging er zum Schulleiter und versuchte bestimmt, so schnell wie möglich eine andere Bleibe für Harry zu arrangieren. Dabei war er noch bei der Ankunft auf den Schlossgründen so freundlich gewesen, er hatte sogar für Harry mit dem Zauberstab geleuchtet, obwohl er selbst den Weg sicher auch im Dunkeln gefunden hätte. Danach musste Harry irgendetwas getan haben, was Snapes Meinung geändert hatte.

Vielleicht war ihm einfach klar geworden, wie viel Arbeit Harry machte, dass er Nahrung und ein Bett und Platz brauchte.

Harry seufzte tief und kuschelte sich tiefer unter die Decken. Vielleicht konnte er Snape erklären, dass er kein eigenes Zimmer oder viel Platz brauchte. Bei den Dursleys hatte er schließlich auch in einem Schrank gewohnt. Aber das alles würde nichts ändern und nur aufdringlich wirken, wenn Snape wirklich einfach nur seine Ruhe wollte. Er war Lehrer und den ganzen Tag von Kindern umgeben. Sicher wollte er da in seiner Freizeit nicht noch eines um sich haben. Wenn Mrs. Parker zu Hause war, wollte sie sicher auch nur noch ihre Ruhe.

Andererseits war Snape viel netter als Mrs. Parker. Wenn er gesehen hätte, wie Harry aufs Schuldach geflogen wäre, wäre er vielleicht sogar ein bisschen stolz gewesen. Obwohl er nach Harrys Gespräch mit der Schlange heute auch eher verblüfft als begeistert gewirkt hatte.

Das Kaminfeuer warf lange, flackernde Schatten auf die Wände und es war gespenstig still in Snapes Wohnung. Vorsichtshalber zog Harry sich die Decke bis unter die Nasenspitze und versuchte, nicht darüber nachzudenken, ob die sonderbaren Kugeln in einem der Einmachgläser auf Mr. Snapes Kaminsims vielleicht Augen waren.

Wenn Snape ihn wahrscheinlich sowieso wieder loswerden wollte, sollte Harry die Zeit lieber nutzen und ihm so viele Fragen stellen wie nur möglich. Er musste unbedingt wissen, warum ihn so viele Zauberer auf Anhieb erkannten. Und, wenn er den Mut dazu aufbrächte, auch, was Harry falsch gemacht hatte, damit er es in seinem nächsten Zuhause besser machen könnte.

Und obwohl Harry sich geschworen hatte, heute nicht noch einmal zu weinen, spürte er schon wieder einen verräterischen Kloß im Hals. Er wünschte, Mr. Snape wäre da und würde ihn trösten – aber er hatte Harry befohlen zu schlafen. Ergeben schloss Harry die Augen. Wenn er nicht von allein einschlafen konnte, wäre es zumindest dankbar, so zu tun als ob, damit auch Snape endlich ins Bett gehen konnte, wenn er von dem Gespräch zurückkam.



„Druhbels bester Blasenkaugummi“, knurrte Snape, auch wenn sein Gesicht dabei eher aussah, als hätte er Zahnschmerzen, und nicht so, als würde er den Namen einer der beliebtesten magischen Süßigkeiten Großbritanniens aussprechen. Der Wasserspeier vor Dumbledores Büro gab den Weg frei und widerstrebend bestieg Severus die Wendeltreppe, die sofort begann, sich in die Höhe zu schrauben. Mit jeder Windung verstärkte sich Severus‘ Abneigung gegen dieses Gespräch. Egal wie es verlief, es würde hochgradig unangenehm werden. Als er die Tür erreicht hatte und schon mit dem Gedanken spielte, einfach wieder umzukehren, hörte er von drinnen schon die joviale Stimme des Schulleiters. „Immer hereinspaziert!“

Severus gestattete sich einen letzten Seufzer und öffnete dann langsam die Tür. Er hatte erwartet, Dumbledore gemütlich bei einer Tasse Tee und einer Schachtel Zitronenbonbons hinter seinem Schreibtisch vorzufinden, aber stattdessen stand der Schulleiter mitten im Raum, seinen pfauengroßen Phönix aus dem Arm, und strahlte Severus entgegen. Sein senfgelber Umhang war, genau wie der Rest des Büros, über und über mit roten Federn bestreut. Severus verzog unglücklich das Gesicht. Warum hatte er nicht daran gedacht, einen Kopfschmerztrank zu nehmen, bevor er zu Dumbledore gegangen war? An einem solchen Tag hätte er so etwas doch erwarten müssen.

Der Schulleiter schien jedoch unberührt von dem Chaos in seinem Büro. „Ah, Severus. Ich habe mit Ihnen gerechnet, seit ich die Schlagzeilen im Abendpropheten gesehen habe. Sie kommen allerdings später, als ich erwartet habe.“ Dumbledore schien vergnügt. „Setzen Sie sich doch.“ Mit einem lässigen Schnippen entfernte er die Federn auf dem Besuchersessel und strich seinem Phönix zärtlich über den Kopf. „Entschuldigen Sie die Unordnung, Fawkes ist in der Mauser.“

Befangen ließ Severus sich auf dem Sessel nieder, während Dumbledore den Vogel summend zu seiner Sitzstange trug. Snape war noch nicht ganz sicher, wie er seinem Vorgesetzen erklären sollte, dass er einfach so ein Kind von seinen Verwandten weg und nach Hogwarts gebracht hatte – und dass dieses Kind auch noch Harry Potter war.

Lächelnd ließ sich Dumbledore ihm gegenüber nieder. „Sie halten sich gut“, sagte er und zwinkerte, „Ich muss gestehen, ich hatte erwartet, dass Sie außer sich sind.“

Severus verzog das Gesicht. Über die restlichen Ereignisse hatte er das Glück gehabt, diesen miserablen Zeitungsartikel zeitweilig vergessen zu haben. Damit war es nun natürlich vorbei. Kurz gestattete er sich, an Lockhart in seiner Meerschweinchenform zu denken, dann rief er sich zur Raison.

„Das ist nicht der Grund, warum ich zu Ihnen gekommen bin“, sagte er und musste sich erst einmal räuspern.

Die blauen Augen fixierten ihn erstaunt über den Rand der halbmondförmigen Brille hinweg. „Nun, Severus, worum geht es dann?“

Snape wich dem Blick seines Vorgesetzten aus und biss die Zähne zusammen. Er sah es kommen, dass er Dumbledore die ganze, fürchterlich rührselige Geschichte auftischen musste. „Harry Potter“, brachte er schließlich heraus und starrte konzentriert auf eine rötliche Flaumfeder, die vor ihm auf der Tischplatte lag.

Ein kleines Lächeln erschien auf dem Gesicht des Schulleiters. „Ich dachte mir schon, dass etwas mehr dahintersteckt, wenn man dem Artikel Glauben schenken darf.“

Severus‘ Kopf ruckte nach oben, vorwurfsvoll starrte er Dumbledore an, der ihn mit einer Handbewegung beschwichtigte. „Man gewann doch den Eindruck, dass Sie beide miteinander zumindest bekannt sein müssen.“ Er griff in eine Schachtel neben sich und schob sich eine Praline in den Mund, dann hielt er auch Severus das Kästchen hin, der mit einem raschen Kopfschütteln ablehnte.

„In der Tat, das sind wir“, gestand er leise.  „Auch wenn natürlich der Rest des Artikel ausgemachter Unfug war. Ich habe Mr. Potter im Winter aus dem Fluss gefischt, weil diese unverantwortlichen Muggel es anscheinend nicht für nötig hielten, ein zehnjähriges Kind angemessen zu beaufsichtigen… Womit ich zu meinem Anliegen komme: Ich habe keinen anderen Ausweg gefunden, als Mr. Potter aus dieser Familie zu… entfernen. Die Umstände bei diesen Muggeln sind untragbar.“ Dumbledore sah erstaunt aus, aber Severus ließ ihn nicht zu Wort kommen. Hitziger als beabsichtigt fuhr er fort: „Ich kenne Petunia seit meiner Kindheit und sie ist so magiefeindlich wie nur irgendwer. Ihr beschränkter Mann ist keinen Deut besser. Sie verderben Potter, er ist völlig verunsichert und das will etwas heißen, wenn man bedenkt, wer sein Vater war. Darüber hinaus hat Mr. Potter Talente, die in die richtige Bahn geleitet werden müssen. Er braucht eine starke Hand, die ihn auf den richtigen Weg bringt – und damit meine ich nicht diesen verweichlichten Möchtegern-Auror Lockhart. Wie ich heute eindrucksvoll feststellen durfte, ist Mr. Potter ein Parselmund, und wenn irgendein Idiot das der Presse steckt, hat Mr. Potter bald ein paar größere Probleme als unangenehme Verwandte. Ganz abgesehen davon, dass ich Ihnen wohl kaum zu erklären brauche, dass das an sich beunruhigend genug ist und Mr. Potters seelische und geistige Entwicklung nicht unter der ‚Aufsicht‘ dieser achtlosen Muggel stattfinden sollte!“

Sogar Dumbledore hatte diese kleine Ansprache das Lächeln aus dem Gesicht gewischt. „Das ist in der Tat beunruhigend.  Haben Sie sonst eine gewisse… unheilvolle Neigung bei Mr. Potter entdecken können?“

„Ach was“, murmelte Snape und verzog das Gesicht, „er ist wie alle Kinder. Genauso… naiv, unvorsichtig und dreist.“ Er schnitt eine Grimasse und gab dann zu: „Aber kein bisschen bösartig, im Gegenteil, er ist sogar ausgesprochen… anhänglich.“ Severus hasste es, das zuzugeben.

„Das ist natürlich beruhigend zu hören“, sagte Dumbledore leise. „Aber ihnen ist klar, dass ich mich bei den Dursleys vergewissern muss, dass alles seine Richtigkeit hat. Sie können nicht einfach so ein Kind mitnehmen, Severus.“ Dumbledores Stimme war ruhig, aber streng.

„Seien Sie versichert, dass die Dursley froh sind, Harry loszusein!“ Severus registrierte seinen Fehler in dem Moment, als er Potters Vornamen aussprach. Dumbledores Augen verloren ihre Härte und ein vergnügtes Funkeln nahm deren Platz ein. „Nun, das hätte ich tatsächlich nicht erwartet“, sagte er vergnügt. „Ich bin stolz auf Sie, Severus.“

„Ach, sparen Sie sich das“, knurrte Severus verstimmt und schnippte nun endlich die Feder vor sich vom Schreibtisch. „Was ich getan habe, war das einzig Vernünftige. Es hätte schon vor Ewigkeiten jemand nach dem Rechten sehen sollen. Aber anscheinend ist die magische Gesellschaft, was Mr. Potter angeht, erschreckend unbesorgt. Und das bei all Ihren Vorahnungen.“ Anklagend musterte er den Schulleiter. „Den Stein der Weisen wollen Sie nach Hogwarts verlegen, aber nach Mr. Potter zu sehen, auf die Idee kommt keiner.“

„Da haben Sie wohl recht“, antwortete Dumbledore ruhig, aber in seinen Augen stand noch immer dieses Blitzen, das Severus ganz kribbelig machte. Es sagte ihm, dass Dumbledore all die richtigen Schlüsse zog und es fuchste ihn sehr, so durchschaubar zu sein. Das durfte niemand erfahren. „Umso besser, dass jetzt jemand nach ihm sieht.“

Severus knurrte ungehalten, wagte es aber nicht, dem Schulleiter in die Augen zu sehen aus Angst vor dem gerührten Leuchten. Merlin, was für eine Übertreibung.

„Ist es wegen Lily?“

Dumbledores Stimme war sanft, trotzdem zuckte Severus zusammen. Er öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Er wusste nicht, was er antworten sollte und welche Antwort schlimmer wäre. Die Tatsache, dass es noch immer, nach all der Zeit, für Lily war – oder dass es vielleicht auch, natürlich nur ein winziges Bisschen, für Harry war.

„Das tut nichts zu Sache“, sagte er stattdessen verärgert. „Es muss in jedermanns Interesse sein, dass Potter vernünftig aufwächst, nicht in einem Wandschrank, nicht bei Leuten, die ihn belügen und benachteiligen und sich nicht einmal die Mühe machen, nach ihm zu suchen, wenn er stundenlang verschwunden ist…“ Seine Stimme verlor sich und er senkte verärgert über sich selbst den Kopf. Er gab gerade schon wieder viel zu viel von sich selbst preis.

Dumbledores Strahlen bestätigte diese Vermutung. „Nun, Severus, mein Junge“, sagte er mit einem jovialen Lächeln, „dann kehren Sie jetzt getrost zurück zu Ihrem Schützling. Um alles andere kümmern wir uns morgen. Ihr Besuch hat mich ausgesprochen gefreut und Ihr Verhalten erstrecht. Grüßen Sie Mr. Potter von mir und wünschen Sie ihm eine gute Nacht.“

Severus erhob sich so schnell es ging und wischte verärgert eine Feder von seinem Umhang. „Gute Nacht“, knurrte er und eilte aus dem Raum. Erst auf der Wendeltreppe gestattete er sich ein lautes Seufzen. Was hatte er sich da nur eingebrockt.
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