Herzflimmern

GeschichteAllgemein / P18 Slash
Boris Saalfeld OC (Own Character) Tobias Ehrlinger / Saalfeld Xenia Saalfeld
14.09.2019
03.10.2019
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Dr. Tobias Ehrlinger öffnete das Fenster seines Dienstzimmers und atmete tief die frische Abendluft ein. Puh, was für ein Tag. Der hatte ihn heute beinahe an seine Grenzen gebracht. Eine komplizierte Knieoperation und drei Hüft-OPs, bei der die eine sein ganzes Können als Chirurg gefordert hatte. Und dann noch der ganze Papierkram hinterher. 'Jetzt nur noch nach Hause und einen entspannten Abend auf der Couch' dachte er.
Plötzlich hörte er von unten aus dem Hof des Klinikgeländes eine sonore Männerstimme und lautes Gelächter. Als er sich etwas vorbeugte, sah er einen Arzt, um den sich ein paar junge Schwesternschülerinnen geschart hatten. Der Mann musste gerade etwas Lustiges erzählt haben, denn die Schülerinnen kicherten und lachten laut auf. 'Na klar,' dachte Tobias, 'wieder dieser Dr. Saalfeld. Der macht mit seinen Sprüchen die ganzen Mädchen verrückt. Ich verstehe nicht, wie die auf solch einen Filou hereinfallen können. Dabei ist er ein so exzellenter Chirurg und auf seinem Gebiet der plastischen Chirurgie eine wahre Koryphäe. Aber sein Frauenverschleiß ist doch wirklich schon enorm.'
Als er wenig später auf den Flur trat, kam ihm Dr Saalfeld entgegen. „Hallo Herr Kollege Ehrlinger, na Feierabend? Ich habe leider heute Nachtdienst, hoffentlich wird es nicht so hektisch.“
„Na, das wuppen Sie schon mit Ihrer unnachahmlich lockeren Art, Herr Dr. Saalfeld,“ sagte Tobias etwas ironischer als er eigentlich wollte. „Oha, höre ich da einen versteckten Vorwurf heraus, Herr Ehrlinger?“ Boris Saalfeld sah ihn an und zeigt sein bezauberndstes Zahnpastalächeln. 'Wow,' dachte Tobias, 'wenn der so lächelt, kann ich die Schwestern schon verstehen, dass sie reihenweise dahinschmelzen.' „In keinster Weise, Herr Kollege,“ sagte er schnell, bevor ihm noch irgendein unbedachtes Wort herausrutschte, „dann wünsche ich Ihnen einen angenehmen Nachtdienst.“

*********
Als sie am nächsten Morgen bei der Dienstbesprechung saßen, bemerkte Tobias, dass Dr. Saalfeld ganz kleine müde Augen hatte. Na, da war der Nachtdienst wohl doch anstrengender als gedacht.
Professor Meininger wandte sich an Boris. „Doktor Saalfeld, wir haben da einige Anfragen wegen Schönheits OP`s bekommen. Einige Damen aus der besseren Gesellschaft unserer Stadt wären gerne bereit, sich von Ihnen behandeln zu lassen. Das wäre sehr lukrativ für unser Haus, was halten Sie davon?“
Dr. Saalfelds Gesicht bekam einen verschlossenen Ausdruck. „Mein lieber Professor Meininger, ich habe gar keine Lust, alten Frauen die Tränensäcke wegzuschnippeln, oder das Gesicht zu straffen. Ich habe mich darauf spezialisiert, Menschen zu helfen, die durch einen Unfall oder sonstwie entstellt wurden oder von Geburt an eine Behinderung haben. Die brauchen meine Hilfe, nicht diese alten Schachteln. Und wenn es noch so lukrativ für unser Haus ist, mit mir brauchen Sie in dieser Hinsicht nicht zu rechnen.“
Tobias staunte nicht schlecht über die Haltung von Dr. Saalfeld. So kannte er ihn ja gar nicht, das waren ja ganz neue Seiten an seinem Kollegen. Und er kam nicht umhin, ihn zu bewundern. Vielleicht war er doch nicht ein solcher Filou, wie er immer angenommen hatte.
Als sie nach der Dienstbesprechung zurück auf ihre Stationen gingen, fasste Tobias Boris leicht am Arm. „Alle Achtung, Herr Kollege. Ich finde Ihre Haltung bewundernswert. So hätte ich Sie ehrlich gesagt, nicht eingeschätzt. Chapeau.“
„Tja, Kollege Ehrlinger, in mir haben sich schon so manche Menschen getäuscht. Man soll halt nicht immer nur auf die äußere Fassade schauen. Aber wenn Sie mal etwas Näheres über diesen Dr. Saalfeld wissen wollen, können wir uns gerne mal bei einem Kaffee oder einem Bierchen zusammensetzen und etwas plaudern.“
„Okay, da nehme ich Sie direkt beim Wort, wie wäre es heute Abend in der kleinen Kneipe gegenüber. Sagen wir um 19 Uhr?“
„Gut, abgemacht, ich freue mich.“ Boris Saalfeld lächelte Tobias noch einmal freundlich an und ging dann zu seiner Station.

*******
Als Tobias am Abend in die Kneipe kam, saß Boris schon an einem kleinen Tisch in der Ecke und schäkerte gerade mit der Bedienung.
„Guten Abend, Herr Kollege,“ sagte Tobias und gab Dr. Saalfeld die Hand. „Hallo Herr Ehrlinger, freut mich, dass Sie gekommen sind. Nehmen Sie doch Platz.“
Tobias bestellte bei der netten Bedienung ein Bier, lehnte sich dann zurück und musterte Boris neugierig. „So, jetzt bin ich mal gespannt, was Sie mir über den Kollegen Saalfeld zu berichten haben.“
„Sie verlieren auch keine Zeit, nicht wahr?“ Boris musste lachen, „aber so kenne ich Sie ja. Immer direkt ohne Umwege aufs Ziel los.“ Er trank einen Schluck aus seinem Bierglas. „Herr Ehrlinger, ich würde sagen, dass wir uns am besten mit den Vornamen ansprechen, dann plaudert es sich doch viel leichter, oder was meinen Sie?“
„Ja, das finde ich ganz vernünftig, das ist dann nicht so steif. Außerdem sind wir beide fast im gleichen Alter. Also ich bin der Tobias.“ „Boris.“ Sie prosteten sich zu.
„Also Tobias, Sie wollten doch was Näheres über Dr. Saalfeld wissen. Am besten fange ich in meiner Kindheit an. Ich war gerade sechs Jahre alt, da hat uns meine Mutter über Nacht einfach verlassen. Ich habe bis heute nichts mehr von ihr gehört. Sie glauben gar nicht wie schlimm es für ein kleines Kind ist, wenn plötzlich die wichtigste Bezugsperson nicht mehr da ist. Damals ist eine ganze Welt für mich zusammengebrochen. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich tagelang geheult habe.“
„Und Ihr Vater, konnte der Ihnen nicht helfen?“ fragte Tobias mitleidig. „Mein Vater, der hatte nur seine Geschäfte im Kopf und er hat mich sehr streng erzogen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass er mich einmal in den Arm genommen hätte. Und wenn ich aus Angst oder Verzweiflung einmal geheult habe, hieß es nur: 'Ein Mann weint nicht.' Und so habe ich gelernt, meine Gefühle keinem anderen mehr zu zeigen, es geht niemanden etwas an, wie es in meinem Inneren aussieht.“
„Aber,“ warf Tobias ein, „wie kommt es dann, dass Sie an unserer Klinik einen Ruf als Playboy haben, der alles an Frauen mitnimmt, was nicht bei drei auf den Bäumen ist?“
Boris lachte leise, es war ein bitteres Lachen, das Tobias irgendwie ans Herz ging. „Würden Sie mir glauben, Tobias, wenn ich Ihnen sage, dass ich mit keiner dieser vielen Frauen geschlafen habe? Ich habe ein Schutzschild um mich herum aufgebaut und das ganze Geflirte dient nur dazu, dass niemand in mein Inneres schauen kann. Ich weiß nicht, warum ich Ihnen das alles jetzt erzähle, aber ich habe bei Ihnen das Gefühl, dass Sie mich verstehen. Und ich weiß auch, dass Sie alles, was ich Ihnen jetzt von mir berichtet habe, nicht weitergeben.“
„Da können Sie ganz beruhigt sein. Von mir erfährt keine Menschenseele etwas. Aber Boris, sind Sie mir bitte nicht böse, ich habe irgendwie das Gefühl, als ob da noch etwas ist, das Sie belastet. Ich verstehe, wenn Sie jetzt nicht darüber sprechen wollen, aber wenn es soweit ist, bin ich für Sie da. Sie können jederzeit zu mir kommen.“
„Ja, da könnten Sie recht haben Tobias, es gibt wirklich noch etwas, über das ich bisher mit noch keinem anderen Menschen geredet habe. Aber für heute wollen wir es bei dieser Beichte belassen. Mir hat es sehr gut getan, mir einmal alles von der Seele zu reden, na ja, fast alles. Und vielleicht bin ich irgendwann einmal dazu bereit, Ihnen auch mein letztes großes Geheimnis zu erzählen.“
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