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Der Schwarze Stern

von Amnael
GeschichteDrama, Fantasy / P16
Hexenkönig von Angmar OC (Own Character)
13.09.2019
29.12.2019
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13.09.2019 3.273
 
Fast fünf Stunden später, es war bereits später Nachmittag, waren sie immer noch unterwegs. Sie waren nun nicht weit von dem Dorf entfernt, in welchem sich Hwaldar aufhalten sollte. Am Horizont im Westen erkannte Meriliel der Festungen von Arthedain. Es war eine von drei Festungen, die von König Argeleb von Arthedain mit Erlaubnis ihres Vaters gebaut worden waren. Während ihr Vater darin eine Vertiefung des Bündnisses sah, hasste Meriliel diese Festungen. Denn während König Aldor darin eine Stabilisierung des eigenen Herrschaftsgebietes sah, empfand Meriliel die Festungen als Bedrohung der Unabhängigkeit Rhudaurs. Somit war es auch eine Bedrohung ihrer Stellung als zukünftige Königin.
Einige Minuten später hatten sie das Dorf fast erreicht, doch dann geschah es; mehrere Pfeile schossen in ihre Richtung, zum Glück trafen sie nur vier ihrer fünfzig Männer, da sie weit genug gestreut waren.
„Weiter! Stürmt weiter! Vernichtet sie!“, schrie Meriliel und zog ihr Schwert aus der Scheide. Im Chor stießen sie einen lauten Schrei aus, während weitere Pfeile auf sie niederprasselten. Weitere drei Männer fielen von ihren Pferden, doch dann endlich erreichten sie das Dorf. Es waren etwa dreißig Aufständische, soweit Meriliel überblicken konnte, mehr nicht. Noch auf dem Pferd schlug sie einem den Kopf ab, doch dann sah sie ihn. Er überragte in seiner Größe sowohl ihre Männer, wie auch die Aufständischen, hatte blutrote, lange Haare und ein langer Bart. Dass war Hwaldar. Er schwang seine Kriegsaxt und schlug gleich zwei ihrer Männer von ihren Pferden. Meriliel stieg von Streiter herab und stürmte auf den Mann zu, während um sie herum immer noch gekämpft wurde. Das war er, Hwaldar der Brigant. Hwaldar sah sie und grinste breit. Auch er rannte nun auf sie zu, sie trafen sich in der Mitte des Dorfplatzes. Er machte den ersten Schlag mit seiner Axt, Meriliel wich aus und trat nach Hwaldar. Dieser packte Meriliel jedoch am Fuß und warf sie um. Anschließend führte er mit einem lauten Schrei einen Hieb gegen Meriliel, sie jedoch wich erneut aus und trat Hwaldar am Knie, weshalb dieser einknickte, sich jedoch wieder fing und wieder aufstand. Meriliel und Hwaldar kämpften noch weiter, bis schließlich Hwaldar von Meriliels Männern umzingelt war. Sie legte ihm ihr Schwert an die Kehle und grinste. Er ließ seine Axt fallen, doch schien er nicht wütend zu sein. Vielmehr lächelte er sie an.
„Fesseln.“, sagte sie und ließ von ihm ab. Eine Minute später lag Hwaldar gefesselt am Boden. Die Fesseln waren an seinem Rücken angebracht und umfassten die Hände und Füsse, so dass er beide am Rücken halten musste, was durchaus schmerzhaft war.
„Aufstellen!“, befahl Meriliel. Die Männer stellten sich sogleich in zwei Reihen vor Meriliel auf. Sie blickte sie an. Von ursprünglich fünfzig, waren nur noch dreiunddreißig Männer übriggeblieben, davon waren acht verwundet.
„Männer, macht euch wieder kampfbereit! Versorgt die Verwundeten und füttert die Pferde. Danach will ich, dass ihr die Leichen zusammenscharrt und verbrennt!“
„Jawohl!“, riefen die Männer im Chor und machten sich sogleich auf den Weg. Meriliel jedoch ging zum einzigen überlebenden. Hwaldar hatte sich auf eine Seite gedreht, so dass er ihr in die Augen schauen konnte.
„Hwaldar, Ihr habt uns einige Schwierigkeiten bereitet.“, sagte sie in der Sprache der Hügelmenschen. Erst jetzt konnte sie sich den Briganten genauer anschauen. Hwaldar hatte auf den ersten Blick einen düsteren Gesichtsausdruck, doch auf den zweiten Blick strahlte er auch eine gewisse Wärme und Erhabenheit aus. Seine Augen waren schwarz und wurden umrandet von den roten Haaren, die etwa so lang waren, wie ihre eigenen. Sein Bart war ebenfalls lang, wirkte aber sehr gepflegt. Meriliels Männer hatten Hwaldar durchsucht und dabei seine langen Pelzgewänder abgenommen. So sah sie auch seinen sehr kräftigen Oberkörper, der mit den Mustern bemalt war, mit den sich die Krieger der Hügelmenschen seit jeher schmückten, bevor sie in eine Schlacht zogen. Meriliel schätzte Hwaldar auf vielleicht fünfzig Jahre ein, doch war es nicht leicht einzuschätzen, weil sein Bart und seine Haare teile des Gesichts verbargen. Er grinste sie an, doch lag in dem Grinsen keine Arroganz oder Eitelkeit.
„Prinzessin Meriliel. Die einzige Dúnedain, die meinen Respekt verdient.“
„Spart Euch den Respekt. Ihr wisst, dass Ihr bald sterben werdet. Und Eure kleine Rebellion wird mit Euch sterben.“
Hwaldar lachte aber nur.
„Meine Rebellion? Es ist die Rebellion meines Volkes. Wenn Ihr mich tötet, tötet ihr bloß einen von uns. Aber wenn mich jemand tötet, dann hoffentlich Ihr.“
„Was meint Ihr?“
„Ihr sprecht unsere Sprache. Und Ihr tötet keinen von uns, weil er einer von uns ist. Sondern weil er Euer Gegner ist. Dafür seid Ihr in den Dörfern und auch bei uns wohlbekannt. Meriliel, Ihr wart unsere Gegnerin, aber nie unsere Feindin.“
„Wieso lehnt Ihr Euch dann auf?“
„Wir lehnen uns gegen die Herrschaft Eures Vaters auf. Er verkauft unser Land an die Menschen aus dem Westen, wir hingegen werden aus unseren Häusern vertrieben und aus unserer Heimat verdrängt. Dann müsst Ihr nicht auch noch fragen, wieso wir uns auflehnen.“, antwortete Hwaldar mürrisch. Meriliel schaute ihn ernst an. Sie ging in die Knie um ihm in die Augen schauen zu können. Für einen Augenblick hatte sie Verständnis für Hwaldar und seine Leute. Denn die Vorwürfe stimmten. Durch die Ansiedlung von Familien aus Arthedain werden die Hügelmenschen mehr und mehr aus den fruchtbaren Ebenen des Landes verdrängt und in die kargen Gebiete des Ostens getrieben.
„Würdet Ihr morgen den Thron besteigen, wäre mein Volk gerne bereit Euch eine Chance zu geben, aber die Herrschaft Eures Vaters ist unerträglich für uns, darum kämpfen wir.“
„Und was also erwartet Ihr von mir Hwaldar? Dass ich meinen Vater stürze?“, fragte Meriliel mit einer scharfen Stimme. Hwaldar lachte auf.
„Macht was Ihr wollt Prinzessin. Bedenkt nur, dass Rhudaur mehr und mehr von Arthedain eingenommen wird. Ob es in ein paar Jahren noch eine Krone geben wird, die Ihr auf Eurem Haupt tragen könnt? Seid ehrlich zu Euch. Ihr wisst, dass Euer Vater Euer Erbe an Arthedain verscherbelt. Ihr werdet niemals Königin dieses Landes werden.“
Meriliel blickte sich um. In der Mitte des Platzes stand ein Käfig, welcher normalerweise für die Tiere gedacht war, damit sie während der Nacht nicht gefressen werden konnten und davonlaufen.
„Ihr drei, herkommen!“, rief Meriliel drei Soldaten zu. Sofort rannten diese zu ihr und standen aufrecht in einer Reihe.
„Zu Befehl.“
„Nehmt die wilde Bestie und werft sie in den Käfig.“, sagte Meriliel und zeigte auf Hwaldar. Er reagierte kaum, als er das hörte. Die drei Soldaten packten ihn nur und warfen ihn in den hölzernen Käfig. Doch Hwaldar regte sich immer noch kaum. Immer noch schaute er Meriliel grinsend an und sagte:
„Denkt daran, bald gibt es kein Königreich Rhudaur.“

Einige Minuten später war das Schlachtfeld gesäubert. Das Dorf war völlig entleert, weder Rebellen, noch die Zivilisten hatten überlebt. Die Leichen wurden alle auf einen Haufen geworfen und brannten nun lichterloh, während um sie herum es allmählich dunkel wurde. Daher hatte Meriliel entschieden, Hwaldar erst am nächsten Morgen nach Cameth Brin zu bringen. So hatte sie die Soldaten in drei Schichten eingeteilt, die jeweils die Nacht überwachen sollten. Meriliel gehörte erst zur letzten Schicht, so dass sie ebenfalls schlafen gegangen war. Doch sie schlief unruhig, Alpträume überkamen sie. Sie sah ihre Hauptstadt, Cameth Brin. Die Menschen waren an Ketten gefesselt, versklavt und abgeführt. Orks, Hügelmenschen, aber auch Angehörige der Schwarzen Númenórer, die im Norden ihr Unwesen trieben, plünderten die Häuser, versklavten und töteten die Bewohner. In diesem Moment wachte sie schweißgebadet auf.
„Herrin, ist alles in Ordnung?“, fragte einer der Wachen und kam zu ihr.
„Ja, ich habe nur geträumt.“, antwortete Meriliel verstört. Sie stand auf und atmete die kühle Nachtluft ein. Erst jetzt merkte sie, dass es ungewöhnlich kalt war, aber dennoch schwitzte sie.
„War es die ganze Nacht so kalt?“, fragte sie den Soldaten, der neben ihr stand.
„Nein Herrin. Die Kälte baute sich nach und nach auf.“
Meriliel bekam ein ungutes Gefühl, sie wusste nicht ob es wegen des Traums war, oder wegen der Kälte. Aber sie ahnte etwas.
„Wo sind die anderen aus deiner Schicht?“, fragte Meriliel und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Wir haben uns aufgeteilt. Ich bin hier am Lager, zwei sind jeweils im Norden, Osten, Süden und Westen und drei erkunden immer die Umgebung.“, erklärte der Mann verunsichert. Meriliel schaute sich um, doch noch sah sie nichts, schließlich war es stockfinster.
„Suche sie bitte und schick sie hierher. Du gehst nach Norden, ich suche sie im Süden.“, sagte Meriliel. Aus dem Gepäck ihrer Einheit nahm sie zwei Fackeln hervor und zündete eine davon am Lagerfeuer den Soldaten an. Damit ausgerüstet lief der Mann los und ging in Richtung Norden. Meriliel legte wieder ihre Rüstung an. Sie beeilte sich, weil sie Gefahr witterte. Voll ausgerüstet zündete sie die zweite Fackel und lief los in Richtung Süden. Die Hütten des Dorfes wirkten in der Nacht seltsam verzerrt und der Wald, der sich weiter hinter dem Dorf erstreckte unheimlich. Meriliel suchte die Gegend ab, doch von den Soldaten, die sich hier aufhalten sollten, war nichts zu sehen. Doch dann sah sie Licht. Eine Fackel am hintersten Haus. Meriliel lief dorthin und tatsächlich saß ein Soldat da und blickte in Richtung des Waldes.
„Soldat, erstattet Meldung.“, befahl Meriliel. Doch der Mann rührte sich nicht. Dann sah sie es und sie bekam fast einen Schock. Sechs Pfeile steckten im Leib des Mannes, er war tot.
„Angriff!“, schrie Meriliel, genau in diesem Moment verfehlte ein Pfeil, aus Richtung des Waldes ihren Rumpf nur um einen Meter. Sie rannte zurück und schrie ein weiteres Mal:
„Angriff! Wir werden angegriffen!“
Sofort standen ihre Soldaten auf und machten sich bereit, doch genau in diesem Moment hörte Meriliel Geräusche aus dem Wald. Meriliel drehte sich um und da sah sie es; aus dem Wald stürmte eine große Menge an Kavallerie in ihre Richtung. Während sie die Tiere anfangs noch für kleine Ponys hielt, merkte sie erst jetzt, dass es Wölfe waren und zwar mindestens einhundert Stück. Meriliel dachte schnell nach, während die Soldaten, die inzwischen aufgestanden waren und mit ihr die Szenerie anschauten, Panik bekamen. Dann kam Meriliel etwas in den Sinn.
„Die Häuser sind aus Holz, zündet sie an. Die Häuser anzünden!“, schrie Meriliel und begann als erste mit den Fackeln das Stroh und Holz der Häuser anzuzünden, um damit die Wölfe fernzuhalten. Doch sie kamen schnell näher.
„Schwerter ziehen!!“, schrie Meriliel und griff als erste die herannahenden Rudel an. Erst jetzt erkannte sie, dass es Orks waren, die auf den Tieren ritten. Lediglich ein paar Pferde waren darunter, diese wurden jedoch von den Schwarzen Númenórern geführt worden, die die Orks offenbar anfeuerten. Gemeinsam mit ihren Männern griff Meriliel die Rudel an. Sie waren leicht zu besiegen, doch es war ihre Zahl, die zum Problem wurde. Und dann erkannte Meriliel, dass dies erst der Anfang war. Eine ganze Armee stürmte aus dem Wald, Trolle, Menschen aber auch Orks.
„Rückzug! Zieht euch zurück! Rückzug!“, rief Meriliel kurzerhand. Gegen eine Armee konnten sie und ihre Männer nichts ausrichten. Sie rannte zu ihrem Pferd, Streiter keilte aus, wie alle anderen Pferde. Doch als es Meriliel erkannte, beruhigte es sich wieder. Meriliel hatte den Überblick längst verloren, um sie herum waren Menschen, Wölfe, Orks und inzwischen auch Trolle. Ein riesiges Durcheinander war entstanden. Sie ritt in Richtung Westen, während um sie herum erste Pfeile einschlugen. Einige Männer folgten ihr, doch Meriliel beachtete sie nicht, denn sie wollte gar nicht zurückschauen. Erst etwa eine halbe Stunde später, wagte sie es über ihre Schulter zu blicken.
„Männer, halt!“, schrie sie und hielt an. Doch dann sah sie es. Sie war die einzige Überlebende, keiner ihrer Männer war da. Geschockt ließ sie sich auf dem Rücken des Pferdes sinken und blickte in Richtung Osten. Das Dorf war nur noch als kleines Feuer am Horizont zu sehen. Es brannte lichterloh und man hörte die Schreie bis hierher. Meriliel merkte erst jetzt, dass ihr Tränen die Wangen herab kullerten. Doch sie riss sich zusammen. Sie blickte sich um und sah, dass sie nur noch wenige Meilen zur Festung von Arthedain hatte, die hier in der Nähe lag. Sie sah bereits ganz leicht die Fackeln.
„Streiter, los. Renn, nur noch ein Stück.“, sagte sie ihrem Pferd flehend ins Ohr und lenkte es in Richtung der Festung. Eine weitere halbe Stunde später kam sie an.
„Das Tor aufmachen! Macht das Tor auf!“, rief eine Stimme von den Mauern der Festung. Noch nie hatte sich Meriliel so sehr gefreut wie jetzt, eine Festung Arthedains zu sehen. Als die Tore sich öffneten, ritt Meriliel völlig erschöpft hinein. Soldaten rannten zu ihr halfen ihr vom Pferd zu steigen.
„Herrin? Seid Ihr in Ordnung?“, fragte ein Mann, der offenbar der wachhabende Offizier war.
„Meine Männer… Angriff…“, brachte Meriliel völlig erschöpft heraus, daraufhin brach sie zusammen und alles wurde schwarz.

Meriliel wachte auf. Panik überkam sie, sie richtete sich auf und schaute sich um. Sie lag in einem Bett, gekleidet in ein Nachthemd.
„Herrin, Ihr seid schon aufgewacht?“
Meriliel drehte sich zu der Stimme um. Es war eine junge Frau, die gerade eine leichte Verbeugung machte. Sprachlos warf sich Meriliel in das Bett zurück, während die junge Frau aus dem Raum eilte. Während Meriliel alleine war, stand sie aus dem Bett auf und ging zu einem der Fenster. Draußen schaute sie auf eine Festung herab. Erst jetzt kamen ihr alle Erinnerungen wieder hoch. Die Schlacht, ihre Männer, die niedergemetzelt worden waren, die Festung der Arthedain. Sie tastete ihren Körper ab. Nirgendwo hatte sie eine Verletzung, nur die Narben, die seit ihrer Kindheit ihren Körper zierten. Sie seufzte erleichtert. Sie ging zurück zum Bett und setzte sich. Nun, einen Tag später kam ihr alles vor wie ein böser Traum. Aber es war Wirklichkeit. Was war das für eine Armee, die sie angegriffen hatte? Woher kam sie?
Noch während Meriliel darüber nachdachte, öffnete sich die Türe und ein Mann kam herein. Er hatte die Rüstung eines Hauptmannen Arthedains an, blonde Haare und einen kurzen Vollbart. Er kniete mit einem warmen Lächeln nieder vor Meriliel.
„Prinzessin Meriliel. Es ist mir eine Ehre Euch in unserer Festung zu begrüßen. Ich bin Hauptmann Baradan.“, sagte er und erhob sich dann wieder.
„Sehr erfreut Hauptmann.“, antwortete Meriliel mit ernster Miene und nickte zur Begrüßung mit dem Kopf. Der Hauptmann setzte sich auf einen Stuhl, der neben dem Fenster stand.
„Wie geht es Euch Prinzessin Meriliel?“
„Ich bin noch ein wenig geschockt, aber es geht wieder.“, antwortete Meriliel wahrheitsgemäß.
„Verzeiht, wenn ich gleich zur Sache komme, aber was ist passiert? Wieso wart ihr alleine da draußen?“, fragte der Hauptmann. Meriliel seufzte und blickte zu Boden. Sie musste nachdenken.
„Ich war mit einem Regiment von fünfzig Mann hier auf der Suche nach Hwaldar, dem Briganten. Wir haben ihn im Dorf westlich von hier gefunden und gefangengenommen. Es war bereits Abend, so beschloss ich dort zu übernachten und ihn am nächsten Morgen nach Cameth Brin zu bringen. Doch über Nacht wurden wir überfallen. Ich bin die einzige Überlebende.“, erklärte Meriliel.
„Hügelmenschen?“, fragte der Hauptmann verwundert. Meriliel schüttelte den Kopf.
„Ich weiß nicht wer oder was es war Hauptmann. Da waren Orks, die auf Wölfen geritten sind, Menschen, die sie geführt hatten, Trolle…“, Meriliel brach ab und verdeckte sich mit den Armen das Gesicht, weil ihr während der Erzählung wieder die Bilder dieser grässlichen Kreaturen hochkamen. Auch eine Träne kullerte ihr die Wange herunter.
Nach Meriliels Erklärung schwieg der Mann und schaute verunsichert zu Boden. Meriliel bemerkte dies aber. Da war mehr als Verunsicherung. Der Hauptmann dachte über die Sache nach und eine Spur von Schuld konnte sie in seinem Gesicht erkennen.
„Was wisst Ihr darüber?“, fragte Meriliel schließlich und blickte Hauptmann Baradan ernst an.
„Wir haben Gerüchte gehört, dass sich seit geraumer Zeit im Norden etwas zusammenbraut. Es heißt, jemand habe in hoch im Norden die alte Festung Carn Dûm besetzt, eine Armee aus Schwarzen Númenórern geformt, die Orks und Trolle unterjocht und begonnen eine Streitmacht auszuheben.“, erklärte der Hauptmann mit gerunzelter Stirn.
„Ihr habt es also gewusst?“, fragte Meriliel zornig.
„Nein Prinzessin Meriliel. Wir haben lediglich Gerüchte gehört. Unsere Späher sind bereits auf dem Weg nach Norden. Erst dann wissen wir genaueres über das, was dort geschieht. Aber mit einer Invasionsarmee konnten wir nicht rechnen. Aber keine Sorge, wir werden sie besiegen, wir schaffen das.“, sagte der Hauptmann und lächelte. Zorn überkam Meriliel. Blitzschnell packte sie den Mann am Hals und riss ihn mit einem Schwung herunter auf den Boden. Als er sich versuchte zu wehren, schlug sie ihm mit einer Faust ins Gesicht und setzte ihre Knie auf seine Arme.
„Ja, wir schaffen das. Ist das das einzige, was Ihr sagen könnt Hauptmann? Ich habe fünfzig Männer verloren. Für die Streitmacht Arthedains mag das nicht viel sein, doch bei uns hier in Rhudaur zählt jeder Mann und jede Frau. Und das einzige was Ihr sagen könnt ist wir schaffen das schon? Ja, ihr vielleicht, wir aber nicht.“, sagte sie. Eine Träne lief ihr über die Wange. In diesem Moment warf sie der Hauptmann mit einem Schwung auf den Boden und setzte sich stattdessen auf sie. Doch aus Respekt gegenüber ihr als Prinzessin stand er sogleich auf und entfernte sich von ihr einige Meter. Mit einer Mischung aus Erstaunen und Verachtung schaute er auf sie herab.
„Was spielt denn das für eine Rolle ob Ihr oder wir Herrin? Unsere Reiche werden sowieso irgendwann wieder vereint.“, sagte er keuchend.
„Wovon sprichst du?“, fragte Meriliel zornig, während sie sich wieder aufrichtete.
„Wie? Ihr wisst nichts davon? Euer Vater, König Aldor und unser König Argeleb haben eine Einigung getroffen. Arthedain wird zusammen mit Rhudaur in ein paar Tagen die Dörfer der Hügelmenschen erobern und dauerhaft besetzen. Sobald die Rebellen vernichtet sind, werdet Ihr und Prinz Arveleg in Amon Sul in Anwesenheit des Königs von Cardolan vermählt.“
In Meriliels Ohren hallte noch das Wort vermählt nach. Arveleg, der Prinz von Arthedain würde sie heiraten und nach dem alten Thronfolgegesetz von Arnor würde nach dem Tode ihres Vaters nicht sie, sondern Arveleg als sein Schwiegersohn die Krone erben. Sie wäre keine Königin sondern lediglich die Königsgemahlin. Die Krone, die sie so begehrt hatte, wäre auf immer verloren…
„Ich muss sofort nach Cameth Brin.“, sagte Meriliel entschlossen. Sie stand auf und schaute sich um. Auf einem Tisch war ihre Rüstung poliert und ausgebreitet.
„Aber Prinzessin…“
Hauptmann Baradan schaute völlig verdattert zu, wie Meriliel das Nachthemd vor seinen Augen auszog und sich somit entblößte. Doch Meriliel kümmerte dies nicht. Sie zog ihr Kettenhemd und die Kettenhose an und legte die einzelnen Rüstungsteile im Eiltempo an.
„Prinzessin Meriliel, was ist denn los?“, fragte der Hauptmann erstaunt und verunsichert.
„Hauptmann Baradan, Ihr und Euer König habt mich und König Aldor nicht in Kenntnis über die Vorgänge in Carn Dûm gesetzt. Sobald Eure Späher zurück sind und Ihr mehr darüber wisst, verlange ich, dass Ihr uns sofort über die Ergebnisse informiert. Die Armee die uns angegriffen hat, ist möglicherweise gefährlicher, als wir alle ahnen. Ich muss meinen Vater davon in Kenntnis setzen und ihn bitten Ihnen mehr Truppen zu schicken.“, antwortete Meriliel aufgeregt, während sie ihren Gurt um die Hüfte band.
„Aber Prinzessin, so wartet doch. Esst wenigstens etwas bevor Ihr Euch auf diese Reise begebt.“, sagte Baradan immer noch bestürzt.
„Hauptmann, Ihr sagtet König Argeleb würde gemeinsam mit uns die Hügelmenschen vernichten. Schickt er uns Truppen?“, fragte Meriliel aufgeregt.
„Mehr als das Herrin. In zwei Tagen wird er mit einer ganzen Streitmacht in Cameth Brin eintreffen.“, erklärte der Hauptmann. Erschrocken schaute Meriliel den Hauptmann an. Sie hätte es wissen müssen. Wie immer hat sie ihr Vater über nichts informiert, stattdessen wollte er sie kurz vor dem Eintreffen der Armee von Arthedain vor vollendete Tatsachen stellen. Kaum hatte sie ihre Rüstung angezogen, stürmte sie auch schon aus dem Krankenflügel und verließ nur Minuten später die Festung auf dem Rücken von Streiter.
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