Feenblut

GeschichteMystery, Fantasy / P16
12.09.2019
21.09.2019
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Irland, 1013 n. Chr.

Aidan legte Morrigan ins weiche Gras, gab ihr einen letzten Kuss, hauchte ihr dabei seinen Atem ein und stand auf. Noch immer liefen ihm kristallene Tränen aus den Augen und fielen auf ihren leblosen Körper, zerbarsten und wurden zu schimmerndem Staub, der in der Sonne glitzerte und funkelte. Er hatte sie getötet um sie zu retten, doch die Schuld und die Trauer, die er darüber empfand, zerissen ihm das Herz. Aidan sah wie gebannt auf Morrigan, die so friedlich da lag, als ob sie nur in tiefem Schlaf versunken war.
Da erblickte er die Kette mit dem Anhänger, den er ihr zum Geburtstag geschenkt hatte. Die silberne Triskele glänzte im Sonnenlicht und lag auf Morrigans blutverschmierter Brust. Aidan beugte sich noch einmal hinab, zog die Kette vorsichtig über ihren Kopf und legte sie sich selbst an. Er nahm den Anhänger in die Hand und küsste ihn, niemals würde er ihn ablegen. Dann drehte er sich um und ging.
Als er durch sein Heimatdorf lief und sah, was Aileána angerichtet hatte, durchfuhr ihn der Schmerz wie ein stechendes, flammendes Schwert – Aileána war zu einem bösartigen, blutrünstigen Dämon geworden. Seine liebenswerte und fröhliche Zwillingsschwester, die er liebte, und die ihm so vertraut war, wie sein eigenes Ich, existierte nicht mehr. Sie hatte ihn ebenfalls zu solch einer Existenz verdammt.
Verzweifelt und voller Trauer rannte er los. Schneller, immer schneller, bis er eins wurde mit dem Wind.

Morrigan MacKenna lag leblos in der Sonne. Eine leichte Brise wehte, und der schimmernde Kristallstaub von Aidans Tränen tanzte darin, legte sich über ihren ganzen Körper und blieb an ihrem Blut haften. Wie durch Zauberhand lief es auf ihrer Brust zusammen und bildete ein Muster. Eine Triskele formte sich daraus, drang in ihre Haut ein und wurde zu einem roten Mal – direkt über ihrem Herzen.
Der glitzernde Staub durchdrang ihre Poren und fing an, in einem warmen Licht zu leuchten. Die Wärme kroch durch ihre Glieder, ihre Wunden schlossen sich, ihr Herz fing wieder an zu schlagen und ihre Lunge nahm ihre Tätigkeit wieder auf.
Morrigan holte tief Luft, keuchte und hustete, als sie mit wackligen Beinen aufstand. Gehetzt blickte sie umher und sah überall den Tod. Zum Schreien fehlte ihr die Kraft. Sie fuhr mit den Händen über ihren Körper, als konnte sie nicht glauben, dass sie noch lebte und unversehrt war, und überall glitzerte und funkelte dieser seltsame Staub an ihr.
Dann kamen die Erinnerungen. Aidan, der sie packte und wie ein wildes Tier über sie hergefallen war. Morrigan wiegte ihren Kopf in den Händen und ihr Mund verzog sich zu einem stummen Schrei. Diese Erinnerung war zu schrecklich und sie versuchte sie zu verdrängen. Sie wollte sich nur noch an den Aidan erinnern, der er einmal gewesen war. Ein Mann, der sie über alles liebte.
Doch als sie dann langsam durch das Dorf schritt, fiel ihr dies immer schwerer. Es glich einem Schlachtfeld, nur dass keine Armee die Menschen hier getötet hatte, sondern er.
Lautlos weinend lief sie aus dem Dorf hinaus, über Wiesen und Hügel, bis sie zum Nachbardorf kam. Dort fand sie helfende Hände, die sich um sie kümmerten.
Sie wollte und konnte nicht die Wahrheit sagen, deshalb erzählte sie, das eine Horde Wikinger ihr Dorf überfallen hatte und sie die einzige Überlebende war. Nach ein paar Wochen stellte sie fest, dass sie ein Kind erwartete.

Acht Monate später gebar sie ein gesundes Mädchen, das Aidan wie aus dem Gesicht geschnitten war. Sie nannte es Erin und es trug das rote Schutzzeichen auf ihrer Brust – ebenso ihre Kinder und Kindeskinder, bis zum heutigen Tag.