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Vivacissimo

von sin-fonie
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
12.09.2019
14.11.2019
11
22.503
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15.10.2019 1.746
 
Kurz vor halb sieben erkannte Alfred sich in seinem eigenen Garderobenspiegel kaum selbst wieder. Er sah gut aus.
Da konnte selbst der etwas zu enge Anzug und die noch immer so tiefen Furchen in seinem Gesicht nichts dran ändern. Kleider machten wohl doch Leute und in dem nobel geschnittenen, schwarzen Jackett wirkten seine Schultern breiter, sein Bauch weniger füllig und er selbst in seiner Gesamtheit um einiges adretter.
Sogar die sonst so wilden Locken hatten sich nach einiger Mühe ausnahmsweise seinem Willen gebeugt und zu einer ordentlichen Frisur bändigen lassen, frisch rasiert gefiel er sich schon immer ganz gut und nicht einmal die Erkenntnis, dass sein früher fast schwarzes Haar durch immer mehr graue Strähnen mittlerweile schon in der Gesamtheit um einiges heller wirkte, konnte Alfred das frisch gewonnene Selbstvertrauen in sein Erscheinungsbild nehmen.

Aufmunternd lächelte er dem kritischen Mann im Spiegel zu und der lächelte mit dem unverkennbaren Charme eines Gentleman der alten Schule zurück.
Er konnte wohl mit Fug und Recht behaupten, dass er in der letzten Stunde wahrlich das Beste aus seinem Äußeren gemacht hatte, was da noch herauszuholen gewesen war. Eitelkeit war zwar nie ein Laster Alfreds gewesen, doch in diesem Moment tat es einfach gut zu wissen, dass ein bisschen Arbeit an Haltung und Einstellung sich doch noch lohnte.

„Mais bonsoir, cher Monsieur! C’est la première fois que vous venez ici?“, begrüßte ihn sogar sein Vater überrascht mit heruntergelassener Fensterscheibe und einem gut gelaunten Augenzwinkern.
Alfred musste herzhaft lachen und konnte das Grinsen erst wieder aus seinem Gesicht zwingen, als er bereits auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte.
Es schien eine komplette Ewigkeit her zu sein, dass sein Vater das letzte Mal mit ihm Französisch gesprochen hatte. Aus irgendeinem Scherz entstanden, war es eine Weile lang eine gemeinsame Sache gewesen, die so manch anderem Menschen ein ungläubiges Staunen oder zumindest ein verwirrtes Stirnrunzeln entlockt hatte.
Vielleicht weil Kurts Französisch genauso wie sein Englisch zumindest in der Alltagskonversation deutliche Defizite in der Aussprache aufwies, vielleicht auch einfach weil sie stets nur belanglose Floskeln ausgetauscht hatten, anstatt sich ernsthaft zu unterhalten.

Der Straßenverkehr war wie immer eine Sache für sich, aber mit der Aussicht auf die seltene Gelegenheit, in der netten Gesellschaft seines Sohnes ein Konzert zu besuchen, schien selbst Kurt Wunderlich ein bisschen entspannter beim Autofahren zu sein.
Sobald er den Motor gestartet hatte, war Alfred schnell klar geworden, wo er seine Französisch-Laune wiederentdeckt hatte – vermutlich im Handschuhfach, in dem seit sicherlich zehn Jahren die CD von Trenet lag, die Alfred ihm einmal aus einem Frankreichurlaub mitgebracht hatte.

„Was würde wohl dein Brahms von dir denken, wenn er wüsste, dass du dir im Auto kurz vor dem Deutschen Requiem noch Chansons zu Gemüte führst?“, scherzte Alfred.
„Ach geh“, Kurt lachte.
„Was meinst, am Ende würds dem auch noch gefallen! Von ein wenig Abwechslung ist noch niemand umgekommen.“
Alfred hob eine Augenbraue, sagte aber nichts weiter dazu, sondern lauschte den beschwingten Klängen der Musik.

Es schien eine Ewigkeit her zu sein, dass er sich selbst mit Charles Trenet auseinandergesetzt hatte und erinnerte ihn an eine bessere Zeit. Eine Zeit, in dem die Diagnose Krebs noch kein Thema gewesen war, sein frühzeitiger Tod noch kein Damoklesschwert über seinem Kopf dargestellt hatte und er das Gefühl gehabt hatte, noch ewig eine wundervolle Zeit im Licht der Scheinwerfer leben zu können.
Wie oft hatte er mit dem Vater gemeinsam gesungen. Wie sehr hatte es ihn beflügelt, wie gut ihre beiden Stimmen miteinander harmoniert hatten.
Nun presste Alfred die Lippen verkrampft aufeinander, als Kurt sich dazu berufen fühlte, Trenet mit wahrem Enthusiasmus stimmlich zu unterstützen anstatt die rücksichtslosen Autofahrer zu kommentieren.
Und er hatte ja eigentlich gedacht, dass alles besser wäre, als den Vater so aufgebracht fluchen zu hören; in diesem Moment aber hatte Alfred das Gefühl, als erwarte er ein improvisiertes Duett und da musste er ihn wohl wieder maßlos enttäuschen.

Selbst wenn alles wie früher gewesen wäre, selbst wenn er nie etwas anderes in Erwägung gezogen hätte, wie hatte mal ein Kritiker nach einem gemeinsamen Weihnachtskonzert geschrieben – und Alfred war nachtragend genug, noch konkret den exakten Wortlaut dieser Sätze im Kopf zu haben:
„So sehr man das junge Nachwuchstalent auch feiern mag, dass er sich mit diesem ernüchternd wirkenden Duett lediglich verschwindend unbedeutsam in den Schatten des Vaters gestellt hat, hätte er sich selbst besser erspart. Kurt Wunderlich ist stimmlich noch immer eine derartige Gewalt, dass er seinen eigenen Sohn nach Strich und Faden gegen die Wand gesungen hat und dem Publikum die gesamte Zeit über abermals aufzeigte, wie eindeutig der wohl zu früh so hochgepriesene Junior beim versuchten Tritt in die Fußstapfen nur vergeblich nach weit entfernten Sternen greift.“

Irgendwie war ihm ja bewusst, dass er vor einigen Stunden Ottesen gegenüber den Einfluss der Musikjournalisten noch selbst bagatellisiert hatte und natürlich musste man die Sache auch immer in der richtigen Relation und im allgemeinen Zusammenhang sehen – trotzdem war über all die Zeit ein bitterer Nachgeschmack geblieben, den er nicht so einfach loswerden konnte.
Statt sich also auf diesen halbherzigen Versuch einzulassen, verbesserte Alfred an manchen Stellen nur äußerst kleinlich den korrekten Wortlaut des Textes, aber nicht einmal das konnte seinen gut gelaunten Vater aus der Ruhe bringen:

„Ach geh. Solang die internationale Damenwelt noch immer das Wort Rache nicht aussprechen kann, sing ich so schlimmes Französisch wie ich will!“
Den üblichen Stau in der Innenstadt hatte Kurt wohl in der Zeitplanung schon mit eingerechnet, denn er verlor kein einziges wütendes Wort darüber, dass sie teilweise mehr stehen mussten als dass sie fahren konnten.
Alfred hingegen hatte dadurch viel zu viel Zeit, zurück in seine trübsinnig zweifelnden Gedanken zu finden. Trotzdem war er seinem Vater dankbar, dass er ihn mehr oder weniger überredet hatte, mitzukommen.
Vielleicht tat ein bisschen Abwechslung doch ganz gut und vor allem hatte ihn dieses Konzert davor bewahrt, sich tatsächlich überlegen zu müssen, ob er es in Erwägung gezogen hätte, sich näher mit Ottesens kryptischer Andeutung in der Bahn zu beschäftigen.

Alfred hatte eigentlich beschlossen gehabt, diesen Vorfall komplett aus seinem Gedächtnis zu streichen, aber wenn er jetzt darüber nachgrübelte, konnte er sich nicht einmal genau zusammenreimen, was Ottesen überhaupt hatte sagen wollen.
Er hatte keinen einzigen vollständigen Satz diesbezüglich verlauten lassen, sodass es Alfred nun schleierhaft war, ob er ihn um irgendeinen Gefallen gebeten hätte oder ihn tatsächlich hatte privat treffen wollen.
Beides leuchtete Alfred nicht ein. Es gab nichts, was er hätte für Ottesen erledigen können – und noch weniger gab es einen Grund dafür, dass er irgendein Interesse daran haben könnte, gemeinsam einen Abend zu verbringen.

Sie kannten sich doch kaum und hatten auch nichts miteinander zu tun; bis eben darauf, dass sie sich auf der Arbeit begegneten und wohl oder übel musikalisch aufeinander angewiesen waren.
Noch dazu ging selbst unter etwaigen anderen Umständen mitnichten einfach mal so ohne weiteres ein Mann mit einem anderen Mann aus, wenn man nicht gerade als lediger und noch dazu einziger Sohn seinem verwitweten Vater einen Gefallen tat.
Nicht dass Alfred selbst über solche Begebenheiten urteilen würde – allerdings war er sich bewusst, dass andere genau dies taten. Und je länger er darüber nachdachte, waren es genau diese anderen, die Alfred davon abhielten, diese Möglichkeit in seinem Leben überhaupt irgendwann mal in Betracht gezogen zu haben.

Seit der Sache mit Renate war ihm keine weitere Frau jemals nahe gestanden, doch Alfred hatte nie das Gefühl gehabt, dass er eine Dame an seiner Seite vermisste.
Die wäre mittlerweile seinen Launen ja wohl auch nurmehr überdrüssig geworden. Ganz zu schweigen von der Krankheit damals, deren Leid selbst sein eigener Vater nur schwer hatte mit ihm tragen können – und die prinzipiell jederzeit zurückkommen konnte, auch wenn sie gerade offiziell als besiegt galt.
Irgendjemand hatte gesagt, nach fünf Jahren würde diese Wahrscheinlichkeit immer geringer werden, aber Alfred hatte nun wirklich keinerlei Lust, sich gedanklich nun wieder mit diesem leidigen Thema zu beschäftigen.

„Hast du schon ein Programmheft besorgt?“, fragte Alfred seinen Vater, um sich selbst ein bisschen abzulenken.
Kurt unterbrach sein Lied nur für die wenigen Sekunden, die er brauchte, um auf das Handschuhfach zu deuten und Alfred in Kenntnis zu setzen, „Liegt da drin bei den Eintrittskarten!“
Alfred traf fast der Schlag, als er den Umschlag öffnete und die bedruckten Papiere näher begutachtete. Kurz glaubte er daran, dass seine Wahrnehmung ihm in der vorherrschenden Verdrossenheit einen gehörigen Streich spielte, aber je länger er auf die Buchstaben starrte, desto deutlicher wurde die Gewissheit.

Wie konnten ein einzelner Name auf einem kleinen Stück Papier einen gesamten Abend zerstören?
Ein deutsches Requiem – Johannes Brahms;
das sagten ihm sowohl Eintrittskarten als auch Programmheft sehr einprägsam, aber als würde nun schon das Schicksal über Alfred spotten und die gesamte Welt hämisch über ihn lachen, stand ein paar Zeilen weiter unten geschrieben:
Leitung: D. Ottesen.

„Was denn?“, fragte sein Vater, als würde er Alfreds Gedanken erraten.
„Ach nichts!“, antwortete er gereizt, „Gar nichts!“
Er legte den Umschlag unsanft zurück ins Handschuhfach, schloss es geräuschvoll und sah stur aus dem Fenster.
Ein paar Minuten lang sagte keiner etwas.
Dann machte Kurt die Musik leiser und seine Stimme klang beinahe vorwurfsvoll:
„Jetzt hörst mal gut zu! Ich weiß ja nicht was dein Problem ist, Alfred. Aber ich hab diese Karten bereits vor zwei Wochen gekauft, da hast du dich noch am Telefon beschwert, dass der Helge in letzter Zeit immerzu meckert als wär ihm eine gigantische Riesenlaus über die Leber gelaufen!“

Alfred starrte missmutig aus dem Fenster und schwieg.
Selbst Trenet entschied sich dazu, lieber nichts mehr zu dieser Sache zu sagen, denn als die CD am nach dem letzten Lied verstummte und die beiden fast schon am Ziel angekommen waren, herrschte mit einem Mal eine fast schon niederschmetternde Stille im Auto.
„Sag amal, Alfred“, fing sein Vater wieder an und allein diese nur allzu oft gebrauchte Formulierung trat Alfred wieder komplett zurück in die Rolle des schmollenden Kindes, „Meinst nicht du übertreibst da ein bisschen in der Hinsicht?“

Alfred knirschte mit den Zähnen und fühlte sich selbst fast schon albern.
„Ich sagte ja bereits, dass ich keine Lust habe, Berentz‘ Gesicht auch noch in meiner spärlichen Freizeit zu ertragen – und dasselbe gilt für Ottesen!“
Natürlich war die Erklärung verhältnismäßig flach für dieses Chaos, das eigentlich dahintersteckte und Alfred so antworten ließ; aber selbst – oder besser gesagt: vor allem – sein Vater musste mitnichten alles wissen.
„Ach. Wo ist dann das Problem? Von seinem Gesicht wirst ja eh nicht viel sehen!“
Alfred seufzte schwer, aber einen Vorteil hatte die Sache tatsächlich:
Wenigstens wusste er jetzt, worauf Ottesen in der Bahn hinaus gewollt hatte.
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