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Wilde Hühnerfedern und gefüllte Marmeladengläser

von SWDeni
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P12 Slash
Charlotte Slättberg /Sprotte Frieda Goldmann Melanie Klupsch Trudhild Bogolowski / Trude Wilma Irrling
12.09.2019
20.10.2020
21
69.384
1
Alle Kapitel
24 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
15.09.2020 5.638
 
Kurzbeschreibung: Die fünf Wilden Hühner denken über die Liebe nach. Und wie verschieden es jede von Ihnen empfindet.

Charaktere: Sprotte, Frieda, Wilma, Trude, Melanie

Pairing: Trude/ Steve, Wilma/Matilda, Melanie/OC, Sprotte/Frieda (es werden auch kurz all die gescheiterten Beziehungen angesprochen wie Melanie/Willi, Wilma/Leonie, Sprotte/Fred, Frieda/Torte usw)

Einordnung: spielt einige Monate nach "Question"

Word Count: 5421

A/N: Der Anfang dieses Kapitels (Trude und Melanies Teile) hängt schon ewig auf meinem Coputer herum, aber ich konnte es nie beenden. Und dann habe ich die beiden letzten Kapitel kurz hintereinander geschrieben und ich wusste endlich, was ich schreiben wollte. Besonders Wilma und Frieda waren schwer, da ihre Beziehungen entweder geheim oder Wochenendbeziehungen waren. Ich hab versucht für jedes Mädchen die Liebe zu beschrieben und wie unterschiedlich sie sich für alle anfühlt. Womöglich klingen aber auch alle Teile irgendwie ähnlich. Wer weiß?
Ganz großen Dank an "ze-german" für das letzte Review. Ich habe mich richtig darüber gefreut! Es ist doch irgendwie schön Feedback zu bekommen, wenn man eine lange Pause gemacht hat und es trotzdem noch leser gibt, die auf einen warten. Ich versuch dich nicht zu enttäuschen!
Ich wünsche allen noch einen schönen Abend und eine tolle Woche! Viel Spaß beim Lesen! <3


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Liebe war für Trude allumfassend und immerwährend.
Das für immer und ewig, um dann gemeinsam in den Sonnenuntergang zu reiten.
Voller Feuerwerke, rosa Wolken und kunterbunter Herzen.
Mit wild klopfendem Herzen, wunderschönen Tagträumen und der ganz großen Liebe, die niemals vergeht.
Sie glaubte ganz fest an die wahre Liebe und das es nichts Schöneres gab, als einen Jungen zu küssen und dessen Hand zu halten. Seine feste Freundin zu sein, sich lange Liebesbriefe zu schreiben und gemeinsam ins Kino zu gehen oder Eis zu essen. Von dem Jungen geliebt zu werden so wie man ist. Und das für immer.
Ihre erste Liebe Pablo gab ihr endlich das nötige Selbstvertrauen, um die schneidenden Worte ihres Vaters zu ignorieren und sich selber und ihren Körper zu akzeptieren. Ja, sich schon beinahe selber zu mögen so wie sie war.
Sie änderte ihre Frisur für ihn, ließ sich von ihm bereitwillig Ohrlöcher stechen und schwebte monatelang auf weichen rosa Wolken weit über allen anderen. Wo die Sonne immer für sie strahlte. Denn Pablo wollte sie. Nicht Melanie, nicht Frieda oder sonst irgendwen in ihrer Klassenstufe. Er mochte sie, er küsste sie und brachte sie zum Lachen. Er wollte Zeit mit ihr allein verbringen, ließ ihren Körper vor Aufregung kribbeln und für Trude gab es in dieser Zeit nichts Schöneres auf der Welt.
Und fürs Erste war es genug, um sie glücklich zu machen.
Sie vermisste ihn, schmerzlichst, als er sie verlassen musste und jeder seiner langen Briefe ließ sie aufs Neue aufblühen. Voller Sehnsucht wartete sie auf diese und wenn sie endlich einen neuen Brief bekam, dann las sie ihn immer und immer wieder durch. Bis sie jede Zeile auswendig konnte.
Aber irgendwann wurde es zum Alltag, das verheißungsvolle Kribbeln in ihrem Bauch beim Gedanken an ihn ließ nach, so wie auch ihre Erinnerung an ihn und verschwand schließlich vollständig. Pablo war ein Junge, der weit, weit weg von ihr wohnte und nihcts mit ihr gemeinsam hatte. Sie lebten in verschiedenen Welten und irgendwann konnte auch der Zauber der entfernten Liebe Trude nicht länger an ihn binden.
Es wurde Zeit für sie weiterzuziehen.
Ihr Interesse an den Jungen aus der Parallelklasse war kurz und wenig vielversprechend. Sie seufzte, wenn sie ihn sah und besuchte ihn gerne in ihren Tagträumen, wo sie glücklich zusammen waren. Wo er sie in seine Arme schloss und seine ewige Liebe gestand. Denn er hatte nur auf sie gewartet.
Aber für mehr als einen gleichgültigen Blick in ihre Richtung reichte es bei ihm nie. Er war ihr Schwarm für mehrere Monate, der sie kaum wahrnahm. Ein Traum, den sie sich sehnlichst wünschte, aber nicht bekommen würde. Und Trude sah dies schließlich auch ein und zog schließlich weiter .
Miguél, Steves spanischer Vetter, war ihre zweite große Liebe. Sie brannte flammend auf der Party auf und ließ sie mehrere Monate nicht mehr los. Sie verstand keines seiner geflüsterten Worte und bei ihm war es kaum besser. Aber wenn er sie an sich zog und küsste, dann war es wie zu fliegen. Sie war glücklich in seiner Nähe und dafür brauchte sie keine Worte. Und für den Moment brauchte Trude nichts mehr als dieses berauschende Gefühl geliebt zu werden.
Auch diese Liebe kühlte mit der Distanz zu Miguél ab und für einige Zeit war Trude damit glücklich.
Sie hatte ihre Freundinnen, den Wohnwagen, die Hühner, den Theaterkurs und ziemlich gute Noten in der Schule. Ihr Vater zwang sie nciht mehr zu endlosen Besuchen bei ihm und ihre Mutter fand endlich auch wieder einen Freund, der sie glücklich machte. Trude war zufrieden.
Steve war anders als all ihre Freunde zuvor. Er war immer eine Konstante in ihrem Leben gewesen. Immer irgendwie da, im Hintergrund, während andere Jungen ihre Aufmerksamkeit innehatten und ihr Herz stahlen. Er war nicht ihr Schwarm gewesen für Monate, hatte nie wirklich in ihrem Blickfeld gestanden, wenn sie an ihre große Liebe und ihr zukünftiges Leben gedacht hatte. Er versetzte sie nicht in Schwärmereien oder ließ ihr Herz unkontrolliert Purzelbäume schlagen. Er war ein Freund, manchmal Feind, ihr Probenpartner und Kartenleger für eine glanzvolle Zukunft. Nicht mehr.
Bis er es schließlich doch war.
Plötzlich spürte sie Schmetterlinge in ihrem Bauch flattern, wenn er sie anlächelte. Wurde rot, wenn er sie mit bewundernden Augen anblickte. Spürte ein Kribbeln auf der Haut, wenn sie zusammen waren und das freudige Strahlen wollte ihr Gesicht einfach nicht mehr verlassen.
Sie wollte seine Hand halten, wollte sich fest an seine Seite pressen und seine Wärme spüren. Sie wollte ihn küssen und die Welt für immer vergessen.
Es war so neu und unerwartet, dass sie es selbst kaum glauben wollte. Bis Steve sie an sich zog und einfach so auf den Mund küsste.
Und plötzlich waren da Feuerwerke, klopfende Herzen und rosa Wolken. Es war einfach alles perfekt und niemand war überraschter darüber als Trude selbst.
Sie war glücklich und auch wenn ihre Freundinnen sie manchmal mit ihren kitschigen Fantasien und Wünschen aufzogen, so wusste sie doch, dass Steve das alles für sie sein würde. Und mehr.
Er würde ihr den Wunsch nach einer großen Hochzeit, einem riesigen Haus und vielen Kindern ohne Zögern erfüllen. Sie musste ihn nur darum bitten.
Liebe war für Trude beständig, leuchtend wie ein Feuerwerk und voller gekritzelter Herzchen in ihren Heften, die alle Steves Namen trugen. Und sie wollte es auch gar nicht anders.


Liebe war für Melanie brennend und heiß.
Beißendes Feuer, das sie vollständig verzehrte und nichts mehr von ihr übrig ließ. Sie brauchte nur eine kleine Flamme zu spüren, die plötzlich zu einem alles verschlingenden Feuer wurde, als hätte jemand Öl hineingegossen. Und ihre gesamte Welt stand damit in Brand. Und sie selbst mitten drin.
Sie war schon früh bei den Jungs beliebt gewesen. Und das nicht nur in ihrer eigenen Klasse. Man sah ihr nach, schrieb ihr schmalzige Liebesbriefe oder lud sie zum Eisessen oder Kino ein. Sie genoss die Aufmerksamkeit der Jungen und wie sie unter den anderen Mädchen hervorstach. Sie musste nur die Augen niederschlagen, ihr Haar zurückwerfen und schon waren ihr die Jungen verfallen.  Niemand konnte ihr widerstehen.
Es war so einfach. Zu einfach.
Das erste Mal richtiges Herzklopfen bekam sie erst, als Willi sie wortkarg zum Eis essen einlud. Als sie aus der Schule zu ihrem Fahrrad ging und er plötzlich neben ihr auftauchte. Sie kurz ansah, dann wegblickte und verlegen mit dem Schuh über den Boden rieb, während er sie fragte. Und sie den ganzen Nachmittag nicht mehr aufhören konnte zu lächeln.
Heimlich gingen sie danach ins Kino und als er in der Dunkelheit ihre Hand ergriff, hätte sie nicht glücklicher sein können. Er küsste sie und ihr Körper schien in Flammen zu stehen. Es war berauschend und beängstigend zugleich. Und sie wollte mehr. Wollte, dass es niemals aufhörte. Und sie gab sich ihm vollständig hin. Ihr Herz gehörte ihm allein. Vollkommen und für immer.
Monatelang versteckten sie sich, trafen sich heimlich und logen ihre Freunde an, damit sie nicht entdeckt wurden. Es war wie Romeo und Julia für Melanie, die sich dabei nichts Aufregenderes oder Romantischeres vorstellen konnte, als ihre heimlichen Treffen. Ihre versteckten Küsse und abgedeckten Knutschflecke.
Und sie wusste, dass sie Willi vertrauen konnte. Sie liebte ihn. Er war ihr »Für immer und ewig«. Da gab es für sie niemals einen Zweifel.
Es gab nur Willi für sie. Zwei endlose Jahre lang. Ihr Herz gehörte ihm und sie machte bereits heimlich Pläne für ein gemeinsames Leben nach der Schule mit ihm. Mit einer Wohnung, einem Job und einer Hochzeit.
Nur sie beide zusammen. Für immer.
Doch dann änderte sich alles für sie. Und ihre Traumwelt zerfiel zu Asche und Staub.
Willi betrog sie. Er betrog sie über mehrere Wochen lang ohne schlechtes Gewissen, log ihr direkt ins Gesicht, wenn er sie küsste und seine Liebe beteuerte. Und er verließ sie schließlich für das ältere Mädchen, mit dem er sich getroffen hatte. Als hätte sie ihm nie etwas bedeutet.
Ihr Herz zerbrach in tausend kleine Stücke und nichts schien mehr Sinn für sie zu ergeben.
Sie liebte Willi doch so sehr. Warum hatte er sie also betrogen? Lag es etwas an ihr? War sie nicht mehr gut genug für ihn? Nicht hübsch genug? Er hatte gesagt, dass er sie für immer lieben würde, aber war das nur eine Lüge gewesen? War alles nur ein Spiel für ihn gewesen?
Es konnte einfach noch nicht vorbei sein zwischen ihnen beiden! Sie waren doch perfekt füreinander! Wie konnte Willi das bloß nicht mehr sehen? Wie konnte sie ihn nur wieder zurückbekommen aus den Klauen der Schlampe, die ihn festhielt? Von ihr fernhielt? Ihn ihr weggenommen hatte?
Sie flirtete schamlos mit jeden Jungen, der ihr über den Weg lief. Sie warf sich ihnen um den Hals, küsste sie, während ihre Augen immer nach Willi Ausschau hielten.
Sah er sie? Wirkte er eifersüchtig? Wollte er sie zurück? Würde er sie gleich in seine Arme schließen und nie wieder loslassen?
Aber ihr Plan ging nicht auf. Nichts passierte.
Willi ignorierte sie oder warf ihr mitleidige Blicke zu. Das war das Schlimmste. Er bedauerte sie für ihre offensichtliche Verzweiflung und sie begann sich selber zu hassen.
Sie flirtete weiter. Immer mehr, immer verzweifelter und immer Auffälliger. Schminkte sich, als wollte sie ihr Gesicht für immer dahinter verstecken. Um sich nie wieder selber in die Augen sehen zu müssen und was aus ihr geworden ist.
Und immer wenn sie Willi sah, wie er sie ignorierte, spürte sie wie die Scherben ihres Herzens in ihrer Brust pulsierten, um sie noch weiter aufzuschneiden. Wie lange konnte ein Herz wohl bluten, ehe es zu Schlagen aufhörte?
Es war schrecklich, wie verzweifelt sie wurde. Wie sehr sie sich nach Willi und ihrer gemeinsamen Zukunft zurücksehnte.
Es war doch alles immer so sicher für sie beide gewesen. Warum hatte Willi das nur kaputtgemacht? Warum hatte er ihr das angetan? Warum hatte er sie verlassen?
Sie wollte ihn doch immer noch so sehr. Sie liebte ihn doch immer noch. Warum konnte er sie so einfach vergessen? Und warum fiel es ihr selber so schwer loszulassen?
Doch dann kamen sie sich endlich wieder näher. Nach der furchtbaren Party und der Schlägerei beim Baumhaus des Pygmäen. Nachdem er ihr nachgelaufen war. Nachdem er seine Freundin einfach für sie zurückließ. So wie er es auch bei ihr getan hatte.
Er wollte sie wieder zurück. Und fürs Erste schien es zu reichen.
Sie waren nicht offiziell zusammen. Nur Freunde.
Freunde, die sich ab und zu küssten und heimlich trafen.
Es war beinahe wie früher, ihre geheimen Treffen und kleinen Liebesbriefe in der Schule. Die diskreten Blicke und brennenden Küsse im Schatten. Es war nicht perfekt, aber ihr Herz war auch kein Scherbenhaufen mehr. Es fühlte sich fast an wie zuvor und Melanie wollte daran glauben.
Wollte an Willis Gefühle für sie und ihre unendliche Liebe glauben.
Denn plötzlich war ihre gemeinsame Zukunft wieder in greifbarer Nähe für sie.
Und sie wollte mehr. Sie wollte seine Liebe für sich allein, wie auch ihre Liebe nur ihm allein gehörte. Sie wollte sich nicht länger verstecken, nicht länger lügen. Aus diesen Träumen war sie längst rausgewachsen.
Aber sie musste schließlich erneut rausfinden, dass Willi  sein Herz ihr nicht geben konnte. Oder wollte. Er konnte sie nicht so lieben, wie sie es tat und das würde sich auch niemals ändern.
Und wieder zerbrach ihr Herz in scharfkantige Scherben, die sie bluten ließen. Die sie weinend zusammenbrechen ließen. Die ihr die Luft zum Atmen nahm.
Aber irgendwie war es auch anders als zuvor.
Sie wünschte ihn sich nicht mehr zurück. Der Traum von einer gemeinsamen Zukunft, vom perfekten Glück in greifbarer Nähe, war für sie eine bloße schmerzhafte Erinnerung geworden. Und Willi war nichts weiter als Luft für sie .
Sie verbrannte ihre gemeinsamen Fotos, ihre Pläne und suchte in den Armen ihrer Freundinnen Trost.
Denn sie konnte nicht ewig auf ihn warten.
Und als sie sich erneut verliebte, war es kein Feuer mehr, das sie vollständig verzehrte und alles um sie herum auslöschte. Es war warm und einladend. Und als es vorbei war, konnte sie immer noch atmen. Sie konnte lachen und glücklich sein. Sie konnte den Jungen ansprechen und spürte dabei ihr Herz kräftig und gesund in ihrer Brust schlagen.
Es war befreiend, wie schön die Welt plötzlich wieder wirkte.
Sie konnte Willi wieder sehen, ohne in Tränen auszubrechen oder seiner neuen Freundin die Augen auskratzen zu wollen. Sie war endlich über ihn hinweg gekommen und konnte wieder anfangen zu leben.
Liebe war für Melanie immer ein alles verschlingendes Feuer gewesen. Das sie vollständig verzehrte und zerstörte. Und nichts mehr von ihr zurück ließ. Danach konnte es keinen neuen Anfang mehr für sie geben. Sie hatte nur eine Chance.
Aber als sie sich erneut verliebte, als Nick sie an sich zog und küsste, da war es wie ein Feuer unter ihrer Haut. Warm und prickelnd. Es verschlang sie nicht, es stärkte sie.
Und auch wenn ihr Herz über die Jahre einige Risse davon trug, so konnte sie es doch immer noch weiter verschenken. Schließlich konnten Marzipanherzen nicht brechen.
Und vielleicht würde man diesmal damit vorsichtiger umgehen.


Liebe war für Wilma verwirrend und zunächst nicht vorhanden.
Sie verstand die anderen Mädchen nicht, die Jungen nachstarrten, seufzten und sabberten. Die über verträumte Augen, perfekte Haare und gut gebaute Körper redeten.
Sie sah nichts als Jungen in ihnen. Und nichts an ihnen war auch nur aufs Mindeste für sie anziehend.
Für lange Zeit war das okay für sie gewesen. Sie kannte ja nichts anderes.
Sie brauchte keine Beziehung, um sich ihr Herz brechen zu lassen. Sie wollte keine blöden Liebesbriefe schreiben oder erhalten und auf irgendwelchen Wolken schweben und blöd in der Gegend rumglotzen. Und ihre Mutter war Stress genug in ihrem Leben, vielen Dank.
Aber dann flatterten ganz unerwartet die Schmetterlinge in ihrem Bauch, ihre Knie wurden zittrig und ihr Herz schwirrte leicht in ihrer Brust wie auf winzigen Flügeln. Plötzlich konnte sie sich nicht mehr konzentrieren, malte Herzchen in ihre Hefte und lächelte ins Nichts hinein.
So wie es Trude schon tausendmal beschrieben hatte. Verliebt zu sein.
Es war so anders und erschreckend. Und schöner als alles je zuvor.
Denn sie dachte nicht an einen Jungen, der ihre Hand hielt. Der sie küsste und mit ihr ausging.
Sondern an Leonie, ein Mädchen aus der Parallelklasse.
Sie war wunderschön, sie war perfekt. Und sie war kein Junge.
Wilma versuchte verzweifelt ihre Gefühle zu unterdrücken, sie zu verstecken und tief zu vergraben. Aber es füllte ihren ganzen Körper aus, ließ sie nachts nicht mehr schlafen und machte sie sehr gereizt und aufbrausend.
Warum durfte jeder verliebt sein? Warum durfte jeder einen Freund haben, durfte mit verschiedenen Jungen, einer nach dem anderen, ausgehen? Warum war es für alle so einfach und für sie so schwierig?
Verzweifelt küsste sie einen Jungen nach dem anderen. Suchte nach den rosa Wolken, dem Feuerwerk, den tanzenden Schmetterlingen. Aber nichts geschah.
Und sie konnte Leonie einfach nicht aus ihren wirren Gedanken vertreiben.
Jede Berührung war wie Strom, der durch ihren Körper jagte. Und Wilma wollte mehr davon.
Es war wie ein Virus und Wilma hätte nicht glücklicher und nicht verzweifelter darüber sein können.
Sie wollte keine Nähe zu den Jungen in ihrer Klasse, sondern zu einem Mädchen. Es fühlte sich genauso an, wie Trude es immer träumerisch erzählt hatte. Und Wilma war bereit alles dafür zu riskieren.
Und so ging sie auf Leonie zu, freundete sich mit ihr an und flirtete, so gut sie es eben konnte. Und Leonie küsste sie heimlich hinter dem Kino.
Ihre Lippen schmeckten nach Cola und Popcorn und für Wilma hätte es nicht schöner sein können.
Sie war verliebt bis über beide Ohren und auch wenn sie und Leonie sich heimlich trafen und versteckten, hätte es für sie nicht toller sein können. Sie hatte eine feste Freundin und plötzlich ergab alles für sie einen Sinn. Verliebt konnte sie nur in andere Mädchen sein. So einfach war das.
Jetzt musste sie es nur noch ihren Freundinnen beichten.
Aber ihr Geheimnis kam ohne ihre Zustimmung ans Licht und zerstörte beinahe alles, was sie sich über die Jahre aufgebaut hatte. Sie wollte ihre Freundinnen nicht wegen ihrer andersartigen Gefühlen verlieren, aber sie wollte und konnte diese nicht mehr verstecken.
Durfte sie denn nicht glücklich sein? Durfte sie sich etwa nicht verlieben, selbst wenn es in ein anderes Mädchen ist? Konnte sie bei ihren Freundinnen nicht sie selbst sein?
Für einen ewigen Moment war sie alleine, ohne Bande oder Freundinnen. Sie saß in ihrem Zimmer und weinte Tränen, die ihr das Herz brachen. Sie wollte Leonie, aber konnte sie dafür ihre Freundinnen aufgeben? Wer war ihr wichtiger? Musste sie wirklich zwischen beiden wählen? Was sollte sie nur tun?
Aber ihre Freundinnen ließen sie nicht im Stich. Sie kamen zu ihr und bestärkten sie. Denn es war absolut nichts verkehrt mit ihr. Sie war so normal wie alle anderen auch. Und Liebe war es schließlich egal, ob es um ein Junge oder ein Mädchen oder zwei Mädchen oder zwei Jungen ging.
Trotzdem war es schwer, als es in der Schule schließlich bekannt wurde und jeder sie und Leonie anstarrte. Sie darauf ansprach und mit dem Finger auf sie zeigte. Als wären sie anormal und gehörten nicht mehr zu ihnen.
Ihre kurze Beziehung zerbrach letztlich daran, aber nicht ihre Freundschaft zu den anderen Mädchen. Denn sie waren Wilde Hühner und Wilma gehörte fest in ihre Reihen. Selbst Melanie musste das irgendwann einsehen.
Und als sich Wilma das nächste Mal verliebte, war es anders.
Sie kannte ihre Gefühle und schrak nicht erneut vor ihnen zurück. Sie musste sich nicht mehr verstecken.
Sie sah Matilda an und war bereit den Sprung ins Ungewisse zu wagen. Und sie hatte es danach nie bereut.
Die Beziehung zu Matilda war anders als zu Leonie, weil sie sich nicht mehr verstecken mussten. Sie lachten zusammen, gingen auf Dates und hielten Händchen auf dem Pausenhof, wo es jeder sehen konnte. Wilma nahm sie mit zum Wohnwagen und zu den Treffen der Wilden Hühner und so wurde Matilda zu einem inoffiziellen Mitglied bei ihnen. Sie passte perfekt in ihre Mitte und an Wilmas Seite.
Liebe war für Wilma immer verwirrend und ungewiss gewesen. Sie kannte sich nicht damit aus und wollte dieses Gefühl am liebsten niemals selber erfahren. Es konnte einfach nicht Gutes bedeuten.
Aber mit Matilda an ihrer Seite konnte ihrem Herzen nichts passieren. Ohne zu zögern hat sie es ihr geschenkt und war glücklich damit.
Denn Liebe fühlte sich immer irgendwie gleich an. Egal zwischen wem es am Ende passiert.
Und weder Wilma noch Matilda hätten glücklicher miteinander sein können.


Liebe war für Frieda beständig und herausfordernd.
Sie verschenkte ihr Herz nicht leichtfertig, aber wenn sie es doch tat, dann kämpfet sie verbissen um ihr Glück. Denn jede Träne, jedes Lachen, jede Berührung und jeder Kuss machen es am Ende unersetzlich. Sie gibt immer alles und verlangt dasselbe auch von ihren Partnern.
Als sie ihr Herz an Torte verlor, war es ein ständiges Werben und Bedrängen seiner Seite, dass sie aufhorchen ließ. Sie fand ihn witzig, nett und charmant. Er brachte sie zum Lachen, auch wenn er es bei anderen nicht schaffte. Er schrieb ihr lange Liebesbriefe voll schöner Worte, noch schöner beschriebener Bilder und Schmeicheleien.
Er war unendlich in sie verliebt und Frieda mochte den Gedanken daran.
Er dachte nur an sie, hatte seinen Blick nur auf sie gerichtet, als wäre sie der Mittelpunkt seiner Erde. Sie war alles für ihn und sie wollte auch dasselbe für ihn empfinden. So tief und erbarmungslos fallen, wie er es selbst getan hatte.
Und es lief perfekt für die ersten paar Wochen. Sie waren verliebt und Frieda konnte in der Zeit nicht aufhören zu Strahlen, ja zu glühen.
Aber dann kamen die Streitereien, die brennende Eifersucht von Torte, der in jeden und allem einen Verehrer für seine Frieda sah. Und die glücklichen Momente wurden immer weniger, immer seltener zwischen ihnen und Frieda begann ihn zu hassen. Und dafür verabscheute sie sich noch mehr. Denn er hörte nie auf sie zu lieben.
Sie war so sehr in Torte verliebt gewesen, sie wollte es nicht einfach so enden lassen. Und so kämpfte sie um jeden weiteren Tag, um jeden gewonnen Streit, der zu einem Frieden führte und wurde immer unglücklicher  dabei.
Sie war unglücklich, aber sie wollte nicht aufgeben. Irgendwann musste es doch besser laufen. Vielleicht war es nur ein kleiner Berg in ihrer soliden Beziehung. Und wenn sie ihn bewältigt hatten, würde alles so viel einfacher und schöner werden. Aber der Berg, die Kluft zwischen ihnen, wuchs immer weiter und war einfach nicht zu überwinden. Auf jeden Frieden folgte ein Streit. Noch größer als der zuvor und irgendwann konnten sie nicht mal mehr miteinander sprechen, ohne sich anzuschreien.
Und schließlich musste Frieda aufgeben. Der Kampf war verloren und auch wenn Torte selber es nicht sehen wollte, so waren ihre Augen geöffnet. Und sie mochte nicht, was sie damit sah.
Das Ende kam schnell und gnadenlos und Frieda konnte sich schnell damit abfinden. Die damalige Liebe war vergangen und sie musste weitermachen. Ihr Herz beinahe unberührt von den Tränen ihres Ex-Freundes. Während sie Trost in den Armen ihrer besten Freundin suchte.
Die Beschimpfungen durch Torte und plötzlich wiederauftretenden Liebeserklärungen waren zwar nervig, aber auszuhalten. Er würde, wie sie selber auch, darüber hinwegkommen. Irgendwann. Und dann konnte sie wieder Freunde sein. Irgendwann. Vielleicht.
Und während Frieda wartete, dass Tortes Herz wieder heilte, verlor sie ihr eigenes an jemand anderen.
Zwischen Pferden, Heu und Romeo und Julia verliebte sich Frieda haltlos in Maik. Der mit ihr Ausritt, mit ihr probte und lachte. Der ihr das Haar aus der Stirn strich und sie im gelben Licht einer Lampe zum ersten Mal küsste. Der ihr tausend Dinge versprach, die er niemals halten konnte. Und Frieda glaubte ihm jedes Wort.
Sie wollte eine Beziehung mit Maik, sie war unwiderruflich in ihn verliebt und jeder wusste es. Und Maik wollte sie auch.
Und trotz den offensichtlichen Gefühlen von Sprotte für Maik und der Freundin, die er vor ihr gehabt hatte, wollte Frieda kämpfen. Für sie beide.
Wieder versprach er ihr die Welt, den Himmel und die Erde zu ihren Füßen und sein Herz in ihren Händen. Für immer und ewig. Und Frieda verspricht zu warten. Solange es dauert.
Der Kuss in der schwarzen Nacht unter tausenden von Sternen wird dabei immer ihr Geheimnis bleiben.
Trotz Entfernung blieb Frieda bei Maik, schreibt und telefoniert mit ihm so oft sie konnte. Aus jedem Wochenende wurde ein Besuch pro Monat für ein paar wenige Tage. Mit Tagen voller Sehnsucht und Plänen dazwischen, die nie Wirklichkeit wurden.
Es fühlte sich wie ein Traum an, der ihr die Tage versüßte und die Zeit schmerzlich in die Länge zog.
Aber irgendwann holte selbst Frieda die Wirklichkeit wieder ein.
Als die Briefe kürzer und seltener wurden. Als die Telefonate eintöniger und schweigsamer wurden. Als ihr Herz keine Sprünge mehr machte, wenn er sie küsste. Als seine Abwesenheit beruhigender war, wie seine Nähe zu ihr. Als sie ihr Herz an jemand anderes verlor.
Und sie Maik verlassen musste.
Eine Trennung voller Ruhe und Verständnis, die sie noch nie zuvor bei jemand anderen gesehen hatte. Kein Streit, keine Beschimpfungen, nur die Einsicht über eine Liebe, die nicht mehr zwischen ihnen bestand. Es war so anders und doch schmerzlicher als bei Torte. Denn sie hatte wirklich an ein Happy End für sie beide geglaubt. Bis zum Schluss. Bis zum letzten Moment.
Und dann hatte sich plötzlich alles geändert.
Frieda hatte sich ganz unbemerkt, beinahe schleichend neu verliebt, während sie sehnsüchtig auf Maik gewartet hat. Tag um Tag ein bisschen mehr bis es nicht mehr zu ignorieren war. Bis sie es nicht mehr abstreiten konnte.
Einfach so verlor sie ihr Herz an ihre beste Freundin. Und es hatte sich noch nie zuvor so leicht angefühlt.
Es war nie eine Option gewesen. Bis es eine war. Sie hatte nie daran gedacht. Bis sie es ständig tat. Sie hatte nie an ihren Gefühlen gezweifelt. Bis sie es doch tat. Und sich dann entschieden hatte.
Sie küsste Sprotte im wechselnden Licht von tausenden von Feuerwerken. Hielt ihre Hand unterm Tisch im Wohnwagen, während sie mit ihren Freundinnen lachten. Tanzte mit ihr im Schein einer Kerze im Wohnzimmer ihrer Eltern. Spürte ihre Arme um ihren Körper und die Wärme von ihr, wenn sie gemeinsam einschliefen. Und hatte sich noch nie lebendiger oder glücklicher gefühlt.
Es war wie fliegen, wie fallen und Frieda wollte niemals damit aufhören.
Denn sie musste nicht kämpfen, musste nicht um jeden schönen Augenblick ringen, um endlich glücklich zu sein.
Sie war es einfach. Mit Sprottes Hand fest in ihrer eigenen verschränkt.


Liebe war für Sprotte überraschend und fortwährend.
Sie steckte voller Abenteuer, Versprechen und nagender Zweifel.
Denn Liebe war für Sprotte immer mit Einsamkeit verbunden gewesen. Wie ihre Mutter abends alleine vor dem Fernseher saß und weinte. Wie unglücklich sie oftmals war und wie sehr sie sich bemüht hatte fröhlich zu wirken, wenn Sprotte an ihrer Seite war. Egal wie sehr ihr Herz geschmerzt hatte.
Ihre Mutter hatte geliebt und wurde dafür verlassen. Wurde allein mit einem Kind zurückgelassen und durfte die Scherben ihres Herzen über die Jahre flicken, ehe sie es erneut versuchen konnte. Immer mit Vorsicht, immer mit einem Notfallplan in der Hinterhand. Niemals wieder vergab sie ihr Herz so vollkommen wie beim ersten Mal. Bis sie es wieder beim selben Mann tat.
Sprottes Mutter hatte ihre Lektion gelernt. So dachte ihre Tochter jedenfalls.
Und Sprotte wollte auf keinen Fall, dass ihr dasselbe passierte.
Warum sollte sie sich auch verlieben, nur um sich dann ihr Herz brechen zu lassen?
Sie wollte und brauchte diese Trauer nicht. Wollte keine Tränen, keine Schokolade oder zerbrochenes Geschirr.
Und sie brauchte auch nicht die kitschigen Liebesbriefe, heimliche Treffen und Küsse, die einen scheinbar den normalen Verstand zu rauben schienen.
Spotte dachte, sie wäre immun.
Aber das war sie nicht.
Und so brach ihre erste Liebe ihr auch gleich das Herz, indem er sich in ihre beste Freundin verliebte. Ohne sie jemals eines Blickes zu würdigen. Indem er sie küsste, ihr Versprechen gab, ihr Herz brach und wieder zusammenflickte und Sprotte hilflos dabei zusehen musste. Während ihr eigenes Herz in Scherben zu ihren Füßen lag.
Als Sprotte ihre beste Freundin hasste und beneidete und sich wünschte, dass ihr Herz aufhören würde zu schmerzen bei ihrem Anblick. Sie wollte sich freuen, aber sie konnte es nicht. Sie war verliebt und es fühlte sich scheußlich an.
Bis Fred kam. Mit seinem strahlenden Lachen, großspurigen Art, seinem Übermut und überraschenden Küssen. Mit seinen lausigen Liebesbriefen, seinen genialen Plänen und verständnisvollen Verhalten.
Plötzlich schien die Sonne heller, war die Luft klarer und die Blumen schöner. Plötzlich konnte Sprotte auf Wolken gehen und nicht aufhören zu lächeln.
Das Lächeln verließ ihr Gesicht nicht mehr und ihr erster Liebesbrief verließ ihre zittrigen Finger nicht mehr.
Bis sie Fred endlich wieder sah. Bis er sie in seine Arme zog und küsste. Während ihr Herz aufgeregt in ihrer Brust flatterte und ihr Körper wie elektrisch aufgeladen war.
Und Sprotte hätte nicht glücklicher sein können. Denn Fred würde sie nicht verlassen wie ihr Vater. Ihre Liebe konnte nicht vergehen oder zerbrechen wie die ihrer Freundinnen um sie herum. Sie war anders. Denn Sprotte und Fred waren anders.
Aber Sprotte konnte auch nicht vergessen, dass es andere Mädchen um sie herum gab. Mädchen, die hübscher, lustiger oder gewitzter waren als sie selber.
Warum sollte Fred nicht, wie schon Maik vor ihm, eine andere wählen? Wie es Willi bei Melanie getan hat? Und wie Fred es selber mit seinen vorherigen Freundinnen getan hat? Drei Mädchen, mit denen er gleichzeitig ausgegangen ist. Und keine wusste von der anderen.
Machte er auch dasselbe mit Sprotte?
Und Sprotte wollte diese kleine, unsichere Stimme in ihrem Kopf ignorieren. Wollte sie ausblenden und vergessen. Denn Fred liebte sie, sagte es ihr immer wieder und hatte ihr sogar einen Ring zum Beweis geschenkt.
Aber Sprottes Zweifel blieben, fraßen sich in ihren Kopf hinein und verzerrten jeden ruhigen Moment ohne Fred zu einer nicht enden wollenden Quälerei von Selbstzweifeln und Eifersucht.
Sie vertraute Fred, aber sie vertraute nicht sich selbst. Traute nicht ihren Gedanken, die ihr von Betrug erzählten. Von anderen Mädchen, die so viel besser für Fred waren als Sprotte selber. Von Schritten, die Sprotte noch nicht bereit war zu gehen. Aber was, wenn Fred jemand anderen dafür suchte? Sie ersetzte? Was dann? Wollte sie ihn verlieren? Sollte sie sich für ihn ändern? Sollte sie so bleiben? Was war das Richtige?
Es ließ ihr keine Ruhe und selbst die Zeit alleine mit Fred wurde zu einer endlosen Quälerei voller Zweifel und dem Versuch diese vor ihm zu verstecken.
Sprotte liebte Fred, er war ihre erste richtige Liebe und das machte ihr Angst.
Würde es jetzt immer so sein? Diese Zweifel und Bedenken, die sie nicht schlafen ließen? Die jeden Moment mit Fred vergifteten und sie langsam auseinandertrieben.
Hatten Wilma und Matilda dieselben Gedanken, wenn sie zusammen sind? Fragten sie sich auch, wie ihre gemeinsame Zukunft aussehen würde und ob ihre Liebe bestehen konnte? Hatte Melanie Zweifel an Nick, wenn er nicht bei ihr war oder mit anderen Mädchen sprach? Wurde Trude von Selbstzweifeln geplagt, die sie nachts nicht schlafen ließen und einen Keil zwischen ihr und Steve trieb?
War Sprotte noch glücklich?
Und während ihre Mutter erneut ihr Herz an denselben Mann verlor, wurde Sprottes eigenes von einen Tag auf den anderen gebrochen.
Fred redete mit ihr, nahm sie in den Arm und küsste sie auf die Stirn. Er sprach von einer Zukunft zusammen, wenn sich Sprotte nur endlich ihm öffnen würde. Er wartete jetzt schon Ewigkeiten auf sie und er konnte es nicht länger. Er wollte alles von ihr. Er wollte ihr Vertrauen und ihre Liebe.
Und Sprotte konnte es ihm nicht geben. Sie konnte es einfach nicht.
Sie wollte ihre Zweifel an ihrer Beziehung, an Fred selber, hinter sich lassen, aber sie konnte es einfach nicht. Und so verließ Fred sie und ließ Sprotte mit einem klaffenden schwarzen Loch in ihrer Brust zurück.
Die Welt stand still, als sich die Wohnwagentür hinter ihm schloss und begann erst wieder sich zu drehen, als sich die schützenden Arme von Frieda um sie legten. Erst da kamen die brennenden Tränen und die heftigen Schluchzer, die sie schüttelten und zu zerbrechen drohten. Ihre Welt fiel in sich zusammen und nur mit Mühe konnte sie sich an ihrer besten Freundin festklammern, um nicht ebenfalls in tausend Teile zu zerspringen.
Sie wollte sterben. Wollte schlafen, ohne jemals wieder zu erwachen. Sie wollte Fred zurück.
Und zum ersten Mal verstand sie Melanie besser. Verstand ihre Verzweiflung und ihre überstürzten Aktionen, um Willi zurückzugewinnen. Denn Sprotte wollte dasselbe machen.
Sie wollte sich für ihn ändern, sich anders anziehen, sich schminken und anders benehmen, wenn er sie nur wieder zurücknahm. Wenn er nur das klaffende Loch in ihrer Brust wieder vervollständigte, was ihr die Luft zum Atmen nahm. Sie würde alles dafür tun, wenn nur diese Schmerzen endlich verschwinden würden.
Aber während sie all das in Friedas Armen schluchzte und beteuerte, streichelte diese ihr sanft über das Haar. Sie flüsterte ihr beruhigend ins Ohr und versprach, dass es besser werden würde.
Nicht heute, nicht morgen. Aber irgendwann würde sie wieder Atmen können. Würde ihr Herz wieder kräftig in ihrer Brust schlagen. Würde sie Fred ansehen können, ohne das ihr Herz von Neuem zersprang.
Irgendwann. Aber noch nicht heute.
Und so begann Sprotte ihr Herz wieder zusammenzusetzen. Stück für Stück. Jeden Tag ein bisschen mehr, während sie versuchte wieder zu Atem zu kommen.
Sie schmiedete Pläne, um Fred zurückzugewinnen, und verwarf diese genau so schnell auch wieder. Sie begann erneut zu leben mit Frieda und ihren Freundinnen an ihrer Seite. Mit ihrer neuen Familie, neuen Wohnung und altem Wohnwagen.
Bis die ständige Sehnsucht nach Fred endlich nachließ. Und durch etwas Neues ersetzt wurde.
Bis Sprotte erneut ihr Herz verlor. Wieder völlig überraschend und ohne ihre Zustimmung.
Obwohl Frieda es schon immer irgendwie besessen hatte.
War Freundschaft denn wirklich so viel anders als Liebe?
Sprotte bezweifelte es, denn auch Fred war ihr Freund gewesen, bevor er sie geküsst hatte. Vielleicht verlor Sprotte ihr Herz in der Freundschaft und bemerkte es erst danach? Oder vielleicht gab es niemals jemand Besseren für sie als Fred und Frieda. Einer immer ein Freund, während sie in den anderen verliebt war.
Denn auch wenn es mit Frieda anders ist, ist es doch irgendwie so wie bei Fred zuvor.
Genauso beängstigend und atemberaubend zur gleichen Zeit.
Und auch wenn sie Zweifel quälten, weiß sie das Frieda an ihrer Seite bleibt und sie gemeinsam wachsen können. Denn wenn Sprotte ihr Herz verschenkt, dann ist es vollständig und für weniger als ein für immer wird es niemals sein.
Sie hatte schließlich von der Besten gelernt.
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